Donnerstag, 29. September 2011

Vernetzung und Information heute

Von Stefan Sasse

In seiner aktuellen Kolumne im Spiegel stellt Sascha Lobo eine bemerkenswerte Behauptung auf: Facebook sei nur das Symptom eines um sich greifenden Trends, die Privatsphäre neu zu definieren und Informationen aller Art zu verknüpfen und öffentlich zu machen. Er postuliert eine Umkehrung bisheriger Paradigmen: nicht mehr alles, was nicht öffentlich ist sei privat, sondern alles was sei öffentlich, was nicht explizit als privat markiert wird. Das bedeutet, dass wenn man Facebook einfach aus der Welt entfernte (meinetwegen mit einem Schwung von Gandalfs Zauberstab), sich an der Entwicklung selbst nichts ändern würde. Ich stimme dieser Ansicht zu, aber von ihr ausgehend erscheint mir etwas völlig anderes bedeutsam: Menschen verknüpfen mehr und mehr Informationen zu ihrem eigenen, individuellen und sehr persönlichen Netz. Die Funktion ist gerade auch das tägliche Zurechtfinden im Internet. Beispiel gefällig? Man liest einige Blogs regelmäßig, darunter die NachDenkSeiten, und nutzt deren Hinweise des Tages als Hauptquelle der Orientierung im Nachrichtendschungel.

Dieses Verhalten lässt sich natürlich beliebig verkomplizieren. Auf Facebook teilt man mit gleichgesinnten Links zu Artikeln, man hat vielleicht bestimmte Twitter-Feeds mit entsprechenden Hinweisen abonniert und einen mehr oder minder gut ausgebauten Feedreader. Das Resultat aber bleibt sich gleich: eine vergleichsweise stark gefilterte Auswahl an Artikeln, die den Präferenzen des Lesers entspricht. Trotz oder gerade wegen des relativ großen Angebots an Meinungsseiten im Internet tritt so eine Fragmentierung ein. Der Anstoß hierfür kam, das soll nicht verhehlt werden, von den traditionellen Medien selbst: ihre vollkommen unkritische Jubelstimmung während der Agendazeit, in der eine stromlinienförmige Ausrichtung praktisch aller Redaktionen am neoliberalen Reformmainstream erfolgte, provozierte eine Gegenreaktion, die in den NachDenkSeiten ihren wohl bekanntesten Ausdruck fand. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass Albrecht Müller einer, wenn nicht der Gründervater der "Gegenöffentlichkeit" war. 

Inzwischen allerdings wird es mehr und mehr zum Problem. Die "Gegenöffentlichkeit" hat in weiten Teilen das Gebahren genau jener Mainstreammedien angenommen, die sie früher so scharf krisitierte. Zugelassen werden nur noch Meinungen, die mit der eigenen übereinstimmen. Alles andere wird aggressiv angegangen und bekämpft, von Beginn an lächerlich gemacht oder geradezu zerrissen. Das alles firmiert unter dem Label "kritisch", das sich diese "Gegenöffentlichkeit" inzwischen wie eine Monstranz vorangestellt hat und das jede Kritik im Keim erstickt. Wir sind die Guten, alle anderen die Bösen. Meinungspluralität oder Meinungsfreiheit findet auch hier, trotz aller rhetorischen Bekenntnisse, ebensowenig statt wie im Spiegel unter der Ägide Aust. Tatsächlich ist gerade der Spiegel inzwischen, besonders dank der Einführung seiner Kolumnisten, ein deutlich pluralistischeres Blatt als ehedem, und das Konzept etwa der Financial Times Deutschland, Pro und Contra Diskussionen durchzuführen und Vertreter aller Richtungen zu Wort kommen zu lassen verdiente eigentlich einen starken Ausbau. 

Leider jedoch scheint der Trend derzeit eher dahinzugehen, pointierte, auf eine bestimmte Richtung gebürstete Artikel zu belohnen. Man erkennt das unzweifelhaft an den "Like"-Funktionen, sei es der Facebook-Button oder Flattr. Je pointierter und "kritischer" (der Begriff wurde inzwischen fast genauso entwertet wie "Reform") ein Artikel ist, desto beliebter ist er. Findet der Leser alle seine eigenen Meinungen bestätigt, so ist er zufrieden. Mit Nachdenken und Reflektieren hat das leider nichts mehr zu tun. Stattdessen wird einfach nur eine "Gegenöffentlichkeit" geschaffen, die genauso verbohrt und aggressiv ist wie dies die neoliberale Reformöffentlichkeit früher war. 

Es ist deswegen notwendig, den Blick wieder mehr zu öffnen. Wir können es uns nicht leisten, einer Fragmentierung und Abschottung der "Gegenöffentlichkeit" weiter Vorschub zu leisten und unter dem Etikett "kritisch" einfach jedwede Kritik zu ersticken. Die Gegenöffentlichkeit wird gerade zu genau dem, was sie ausdauernd -  und richtigerweise - bekämpft hat. Und das ist ebenso beunruhigend wie gefährlich.

Kommentare:

  1. "...sondern alles was sei öffentlich, was nicht explizit als privat markiert wird."

    Wie kann man so einer seltsamen Aussage zustimmen?

    -Jeeves

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  2. für dich vllt, ich hab davon noch nichts mitbekommen. gut, dass du keine beispiele genannt hast :P

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  3. Hey Stefan, guter und interessanter Artikel. Ich habe mich für meine mündlichen Prüfungen Ende des Monats auch ein bisschen mit der zunehmenden politischen Polarisierung in der amerikanischen Bloggosphäre beschäftigt. Dort wird insbesondere das Konservative Movement mit dem Vorwurf der "Epistemic Closure" konfrontiert, also der Abschottung des eigenen Medienkonsums auf ideologisch passende Angebote und die Zurückweisung aller Mainstreammedien als liberal Propaganda.

    Dass so ein Verhalten bei uns zur Zeit auch im linken Spektrum zu sehen ist, ist für mich ein Anzeichen für ein ungesundes intellektuelles Klima, das sich oft in den Debatten beim Spiegelfechter und anderswo zeigt. Zu schnell werden andere Meinungen als bloße Propaganda abgetan oder deren Träger als irgendwie böswillig dargestellt, anstatt sich die Mühe zu machen, einfach mal die besseren inhatlichen Argumente zu finden und sich über die politischen Grenzen hinweg auseinanderzusetzen.

    Further reading:

    http://www.tnr.com/blog/jonathan-chait/the-great-epistemic-closure-debate

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  4. Stimme ich dir absolut zu, besonders die Kommentare auf dem SF sprechen eine sehr deutliche Sprache.

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  5. Stattdessen wird einfach nur eine "Gegenöffentlichkeit" geschaffen, die genauso verbohrt und aggressiv ist wie dies die neoliberale Reformöffentlichkeit früher war.

    Wieso früher? Ist die neoliberale "Gegenöffentlichkeit", also die Öffentlichkeit die hauptsächlich neoliberal geprägt ist, heute weniger verbohrt und aggressiv? Nur weil Frank Schirrmacher und co. ins Zweifeln kommen?

    Die neoliberale PR-Maschine mit der linken Gegenöffentlichkeit zu vergleichen ist für uns, vermeintlich linke Blogger, eine enorme Selbstbeweihräucherung, geht aber an der Realität krass vorbei. Allein die INSM erhält vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall jährlich 10 Millionen Euro für PR, Anzeigen und Öffentlichkeitsarbeit. Dagegen sind selbst die Nachdenkseiten ein laues Lüftchen. Hinzu kommen Springer, Bertelsmann, Arbeitgeberverbände, Wirtschaftsverbände und Institute, sämtliche bürgerliche Medien, Banken usw. - alle verbreiten neoliberale Märchen, Lügen und Propaganda. Wir paar linke Blogger sind ein Furz dagegen. Insofern ist der Vergleich mehr als unfair.

    Davon abgesehen gibt es ja auch noch andere, vermeintlich "liberalere Gegenöffentlichkeiten", wie z.B. Politically Incorrect (PI). Es gibt also mehr als nur „eine Gegenöffentlichkeit“.

    Richtig ist, dass jeder, der an eine Ideologie glaubt, diese auch verteidigen wird. Nur Fatalisten und Besitzstandswahrer sind an keiner Ideologie, außer an der Aufrechterhaltung des Status Quo interessiert. Und die, ist genau genommen, auch Ideologie, oder nicht? ;-)

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  6. Ja, da hat es ihm wohl die Sprache verschlagen. Selbstüberschätzung ist der beste Weg in die Bedeutungslosigkeit. Gegenöffentlichkeit? Schon bei meinen Arbeitskollegen geht es so: "Blogs? Keine Zeit. Kinder, Arbeit, Du weisst?"

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