Mittwoch, 14. Januar 2009

Achtung Achtung, Gesinnungspolizei unterwegs

Audi macht derzeit Werbung u.a. mit dem Spruch "Wer hat als Zweiter den Mount Everest bezwungen? - Erster mit quattro." Jetzt ist das sehr verwerflich, denn bereits die Nazis haben die Worte "Wer", "hat" und "bezwingen" ständig eingesetzt. Das ist natürlich Quatsch und nur ein polemischer Einsteiger.
Tschibo und Esso haben mit dem Spruch "Jedem das Seine" für ihren Kaffee geworben. Überall im Land springt jetzt die Gesinnungspolizei auf. "Jedem das Seine", das hing doch schon über Buchenwald! Das Cato-Zitat von den zynischen Nazis missbraucht! Wie kann man damit Werbung machen?
Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, sagte der Zeitung, das Plakat sei entweder eine "nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit" oder ein Beispiel "totaler Geschichtsunkenntnis". Solange es noch einen einzigen Menschen gebe, der bei der Redewendung an Buchenwald denke, sei es unmöglich, sie zu verwenden. Dass es dennoch immer wieder geschehe, sei zu einem "erheblichen Anteil" im unzureichenden Geschichtsunterricht an Schulen zu suchen. Er begrüßte, dass die Plakate entfernt werden sollen. (Quelle)
Nicht zu überbieten, diese Geschmacklosigkeit! Wetten, dass? Wie üblich in solchen Fällen werden die Superlative ausgepackt, um sofort und bedingungslos loszudreschen, Kollateralschaden inbegriffen. "Totale Geschichtsunkenntnis", die dem Geschichtsunterricht anzulasten sei? Leute! Was soll man da denn lernen? Erinnere dich immer an den Spruch aus Buchenwald, damit du ihn nicht fehlverwendest? Ich gebe zu, dass der eine oder andere Holocaust-Überlebende sich beim Lesen des Spruchs etwas unwohl fühlen dürfte. Aber auf diese Art die Keule rauszupacken halte ich für übertrieben. Der Kontext ist schließlich ein völlig anderer, und wie soll man die Sprache je wieder normalisieren, wie soll je einmal kein Mensch an Buchenwald denken, wenn man beständig daran erinnert wird? Das ist doch eher widersprüchlich. Ich denke, es gibt deutlich wichtigere Dinge, die man über die Shoa lernen sollte - auch im Geschichtsunterricht - als die Inschriften über den KZs.


Kommentare:

  1. "Ich denke, es gibt deutlich wichtigere Dinge, die man über die Shoa lernen sollte - auch im Geschichtsunterricht - als die Inschriften über den KZs."
    Zum Beispiel, dass man nicht rassisch Verfolgte einsperren, aushungern und töten sollte.
    ... wie zur Zeit in Gaza

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  2. Entschuldige, wenn ich Dir widerspreche, aber mir ist diese Werbung auch sauer aufgestossen. Man müsste hier tiefer über das Phänomen Erinnerung nachdenken, darüber, wann und wo Gegenstände, Dinge, Gerüche, Worte bei uns Erinnerungen auslösen. Dabei gibt es die individuelle Erinnerung. Die Rathausuhr, unter der man vor 20 Jahren auf seine Freundin wartete, wird einem anderen nichts sagen, aber dafür gilt ihm anderes als Erinnerungsauslöser.
    Die Tchibo-Werbung berührt nun die Frage nach der Notwendigkeit eines kollektiven Gedächtnisses. Und in der Tat haben die Nazis Worte "verbrannt", die man unbekümmert nicht mehr benutzen kann, wenn man den historischen Bezug kennt.

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  3. Ich denke, es kommt überhaupt nicht auf die Worte an. Schließlich ist dieser Satz sehr viel älter als die Nazis. Wichtig sind die Taten, und da sind unsere Politiker sehr zynisch. Sie sagen zwar nicht "Jedem das seine!", aber sie handeln danach. Und zwar genau in dem gleichen Kontex wie die Nazis es getan haben.Und viele empören sich doch über Wahl irgendwelcher Worte oder Sätze doch nur, weil sie von ihren Taten ablenken wollen.

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  4. Bitte richtig zitieren: "Jedem den Seinen": Damit haben Tchibo und Esso für Kaffee geworben.
    Außerdem:Der Slogan spielt mit dem berühmten Spruch "Jedem das Seine" ("suum cuique") des römischen Philosophen Cato der Ältere.
    http://www.abendblatt.de/daten/2009/01/14/1009274.html

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  5. @klaus baum, erich:

    Ich geb euch beiden Recht, aber merke auch an, dass hier mit der Werbung eine totale Verharmlosung der zynischen Nazi-Sprüche betrieben wird "Jedem das Seine"; "Arbeit macht frei"; "arbeitsunwillige Arbeitslose".

    Wer weiß eigentlich schon, wenn er nicht LTI von Victor Klemperer gelesen hat, dass eine Entnazifizierung der dt. Sprache eigentlich längst überfällig ist - Ich war schon so weit, dass ich als Deutscher aufpaßte was ich sage, da die dt. Sprache wirklich derart von NS-Vokabular kontaminiert ist, dass man unbedacht Worte benutzt, die einstmals Adolf Hitler, Goebbels & Co. im Wortschatz hatten (z.B. Betreuung). Eine andere Qualität hat es aber, wie bereits oben erwähnt, dass man Sprüche der Nazis für Werbezwecke verwendet - die sind glasklar als NS-Sätze geoutet, und da ist der Protest schon gerechtfertigt.

    Mfg
    Junger

    PS: Dass man nicht falsch versteht, ich wäre auch für eine Entnazifierung der der kompletten dt. Sprache, aber dies wird kompliziert, da man oft nicht weiß woher der Begriff ursprünglich stammt bzw. wer diesen zur Ausgrenzung, Vernichtung und Ermordung von Menschen benutzt hat - nach über 60 Jahren wäre dies wohl fast unmöglich (siehe mein Beispiel mit "Betreuung")

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  6. Obwohl? Ich dachte gerade, lassen wir die nur machen, denn so wird auch dem Hinterletzten in Deutschland klar, dass Kapitalismus = Faschismus = Nationalsozialismus.

    Mfg
    Junger

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  7. Bei der Maom-Werbung hat sich damals auch keiner aufgeregt: "Wollt Ihr...?"

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  8. Tja, es hieß dort ja auch nicht "Wollt Ihr das totale Maoam". Oder?

    Mfg
    Junger

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  9. So eben eine harmlose Kochsendung gesehen, die Mitköchin im SWR meinte nur, ohne weiter darüber nachzudenken: "Nach uns die Sintflut".

    Dieser Spruch ist - dank dem Film "Der Untergang" aus des Führers A. H. Mund bekannt.

    Ich glaube kaum, dass die Moderatorin der Sendung "Kochen mit Klink" im SWR wußte woher der Spruch ursprünglich stammt.....

    Auch wieder so ein Fall, denn ich weiter oben beschrieben habe....

    Mfg
    Junger (Badenser)

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  10. Lieber Anonym,
    wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann soll nach Deinen Worten die deutsche Sprache ganz abgeschafft werden - zum Teil tut man das ja schon mit dem unverständlichen Denglisch. Das heißt für mich quasi, man solle das Deutsche und die Deutschen abschaffen, oder? Du vergißt aber dabei, dass die Welt vom Deutschen in allen Belangen schon seit Jahrhunderten so infiziert wurde, dass auch die den Deutschen feindlich Gegenüberstehenden bereits deutscher als deutsch geworden sind. Außerdem stellt sich mir die Frage: auf was geht man denn dann los, wen baut man dann zum Feindbild auf?
    Knappek

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  11. @Knappek

    Ich sag es ja, die dt. Sprache ist kontaminiert.

    Die dt. Sprache würde ich daher aber nicht abschaffen, d.h. eigentlich reicht eine einfache Aufklärungskampa über die Begriffe auch aus.

    Ich hab übrigens kein Feindbild gegenüber Deutschen, sondern will nur aufklären, dass die dt. Sprache eben - lt. LTI von Victor Klemperer -voller ehemaliger Nazi-Begriffe ist.

    Was jeder daraus macht, seine Sache ;-)

    Mfg
    Junger

    PS: Kann es sein, dass es auch irgend eine andere Sprache gibt, die mit Unwörtern der Menschenvernichtung so gespickt ist wie die dt. Sprache? Ich las mich gerne aufklären....

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  12. Also, bei klassischen Zitaten an die Shoa zu denken, dafür muss man wohl Betroffener sein. Und nicht jeder ist betroffener, der Geschichtsunterricht bringt uns ständig nahe, wie groß (in der Tat!) unsere historische Verantwortung und die Schuld unserer ahnen ist, insofern: Quatsch.

    "Jedem das Seine", oder auch "Jedem den Seinen" ist völlig unbelastet. "Alles für Deutschland", "Deutschland, Deutschland über alles", so was sind belastete Sprüche, obschon sie auch schon vor den Nazis üblich waren. Aber lateinische Zitate... pfft.

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  13. So lange sich niemand aufregt, daß Merkel sagen kann "Sozial ist, was Arbeit schafft" und die "Du bist Deutschland" Kampagne nicht gedisst wird, obwohl genau dieser Spruch von den Nazis mit Adolfs Konterfei gebracht wurde - solange rege ich mich über lateinische Zitate nicht auf. Damit tut man leider auch den Nazis immer wieder den gefallen, die Deutungshoheit über Worte zu behalten (oder Symbole, wie bei den Runen und Pagan-Elementen).

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  14. @Karsten

    "[...]Die Schuld unserer Ahnen[...]"

    Danke für die Aufklärung, allein dieser Satz von Ihnen zeigt mir wie Notwendig, nicht nur über Nazi-Vokabular, die neue Aufklärung ist....

    Die Shoa ist nicht allein die "Schuld unserer Ahnen" sondern auch unsere, wenn wir diesen fabrikmäßigen Massenmord - der einzigartig in seiner Grausamkeit ist - verharmlosen. Egal ob mit Worten, oder mit abdrängen in die angeblich rein geschichtliche Ecke.....

    Auf Ad Sinistram gab es zu dem Thema einen tollen Text zu lesen, denn ich Ihnen persönlich mal nahe legen will zu lesen:

    http://ad-sinistram.blogspot.com/2008/12/hitler-als-vorlufer.html

    In diesem Sinne.....

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  15. @Junger:

    "Die Shoa ist nicht allein die "Schuld unserer Ahnen" sondern auch unsere, wenn wir diesen fabrikmäßigen Massenmord - der einzigartig in seiner Grausamkeit ist - verharmlosen."

    Partizipation an der Schuld durch Verharmlosung? Darüber läßt sich trefflich streiten. Verharmlosung ist verabscheuungswürdig, aber lädt man dadurch Schuld an der Shoa per se auf sich?

    "Egal ob mit Worten, oder mit abdrängen in die angeblich rein geschichtliche Ecke....."

    Erstens geschieht wohl beides mit Worten, denn ein "Abdrängen in die rein geschichtliche Ecke" dürfte ohne Worte kaum auskommen.
    Zweitens, wer hat hier die Deutungshoheit? Ab wann "verharmlose" ich die Shoa mit Worten? Schon, wenn ich einfach den alten, lateinischen Spruch "Jedem das Seine" benutze?

    Was den Verweis auf Ad-Sinistram angeht, das Thema geht etwas weiter als die Frage, ob man Begriffe wie "Jedem das Seine" heute noch benutzen kann; und ich finde es gefährlich, das Thema darauf zu begrenzen. Es geht nicht um Begriffe aus der Nazizeit, die nunmehr "verbrannt" sind. Sondern darum, daß heute wieder langsam und durch die Hintertür Menschen "abgestempelt" und dadurch langsam, aber sicher zum Abschuß freigegeben werden. Siehe z.B. die ständige, widerliche Bildhetze gegen ALG II-Empfänger.

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  16. @Anonym:
    Blödsinn.

    @Flying Circus:
    Ja, es ist in der Tat wichtiger, sich mit aktuellen Problemen der Hetze, Ausgrenzung und Verfolgung zu beschäftigen als mit der Frage, welcher Nazi wann was auch schon mal gesagt hat.

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  17. @Flying Circus

    Mir ging es eigentlich mehr um das "Wehret den Anfängen", dass du weiter unten auch ansprichst, da ich auch zu den Ausgegrenzten, wenn auch noch nicht zu den ALGII-EmpfängerInnen gehöre.

    Was die Begriffe angeht, die erleben ja gerade - aus dem Sinnzusammenhang gerissen eine Wiedergeburt bei den vorurteilsbeladenen Haßparolen gegen Arbeitslose:

    http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/0344e19b930973001.php

    ....was die Sache m.E. noch verschlimmert viele Haßparolen stammen, wie z.B. der Begriff "arbeitsunwillig" - früher hieß es "arbeitsscheu" bzw. der Begriff "Parasit" aus der Vernichtungssprache der Nazis gegen jüdische Mitbürger.

    Es handelt sich eben um reinen Antisemitismus, der sich nun auch gegen Nichtjuden richtet, d.h. die Vorurteilssprache stammt aus der Shoa - der Frühzeit bis zur Vernichtung (was oft vergessen wird, die Shoa erlebte eine lange Vorphase der Ausgrenzung und Diffamierung von Juden, damit man mit der Vernichtung zur Tat schreiten konnte so z.B. nachzulesen bei Raul Hilberg "Die Vernichtung der europäischen Juden), und damals machten - nach der Aussage eines neueren Buches, eben viele mit, was nach 1945 natürlich weggelogen wurde - die Shoa erlebte keinerlei Widerstand durch die informierte dt. Bevölkerung....

    Die widerlichste Passage war ein antisemitischer Film mit dem Titel "Jud Süß", der jüdischen Mitbürger als "Parasiten am Volkskörper" darstellte - so im Geschichtsunterricht gelernt - noch in der Vorgeschichtsfälscherzeit durch Götz Aly & Konsorten....

    Mfg
    Junger

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  18. @Karsten

    ...auch Blödsinn ;-)

    Ich finde es schon wichtig darauf hinzuweisen, siehe meine Antwort an Flying Circus, dass die Vorurteile von den Nazis - alten wie neuen der NPD - stammen, die sich gegen ALGII-EmpfängerInnen, "ausländische" Mitbürger und jüdische Mitbürger richten - Falls Sie es immer noch für Blödsinn halten Buchtipp "Deutsche Zustände - Folge 6" Wilhelm Heitmeyer über "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" in Deutschland - oder alternativ spd-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, dass uns Deutschen folgendes mehrheitlich attestiert: "sozialdarwinistisch, rassistisch, fremden- und demokratiefeindlich, islamophob und ganz wichtig antisemitisch (=judenfeindlich).

    Das sollte doch zu denken geben? Oder?

    Mfg
    Junger

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  19. Hallo Anonym / Junger,
    was haben Ihre Ausführungen mit dem ursprünglichen Thema zu tun?

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