Montag, 19. Januar 2009

Hessen, die Medien und der ganze Rest

Hessen hat gewählt. Zumindest die rund 60%, die überhaupt zu dieser Wahl mit der niedrigsten Wahlbeteiligung aller Zeiten gegangen sind. Man muss sich das mal vorstellen, da sind die Leute Anfang 2008 zur Wahl gegangen, haben etwas gewählt und dann hieß es "Tut uns Leid, das Modell ist nicht lieferbar". Einig waren sich alle darin, was sie nicht wollten, und das haben sie jetzt weiterhin: Koch.
Sonntag abend war dann auch die Stunde der leeren Symbolik: Ypsilanti trat von allen Ämtern zurück, Schäfer-Gümbel wurde als Underdog gefeiert, Koch gab sich staatsmännisch, wollte über "Inhalte" reden und "nahm an", dass sich mit der FDP die meisten Schnittmengen ergeben würden, jeder sprach von einem Erfolg für die jeweilige Partei und alle lächelten. Es spricht schon für die Landschaft des deutschen Journalismus, dass es EINEM Journalisten aufgefallen ist (Stephan Hebel von der FR) und der es auch beim Namen nennt, in einer Deutlichkeit, die alle Preise dieser Welt verdient.
Alle anderen üben sich im Wiederkäuen bekannter Phrasen. Ypsilanti war natürlich Schuld, mal nur einfach aus "Dummheit", dann wieder aus böser Absicht und "Machtstreben". Alle kommen dabei zum Schluss, dass sich Unehrlichkeit in der Politik nicht auszahlt und "die Menschen" das bei der Wahl bestrafen. Denen hat wohl auch einer ins Hirn geschissen! Roland Koch, einer der überlsten Lügner, der seit 2008 einen noch größeren Schlenker hingelegt hat als Ypsilanti? So ein Unfug! Selbst Heribert Prantl entblödet sich nicht, hier den ganzen Unsinn seiner Kollegen nachzubeten. Bei Anne Will reißt Jürgen Rüttgers vollkommen unangefochten das Heft des Handelns an sich und verbreitet hohle Phrasen über den Sozialismus und den Sieg des Kapitalismus (ihr wisst schon, der "linke" Rüttgers).
Franz Müntefering ist auch fleißig dabei, das Ergebnis schönzureden. Die Wählerwanderungen weg von der SPD (über 350.000, von denen immerhin 200.000 nicht wählen waren!) sieht er nur als "Denkzettel", aber nicht irgendwie als Signal, weil das ja nur wegen Ypsilanti war. Kein Problem, der SPD geht's gut.
Richtig albern aber wird es in den wenigen Momenten, in denen tatsächlich entfernt über so etwas wie Inhalte gesprochen wird. Ganz grandios beispielsweise die Aussage von FDP-Wannabe-Wirtschaftsminister Dieter Posch, er sei qualifiziert weil er das Amt bereits zuvor "erfolgreich" übernommen habe und, haltet euch fest, "die Wirtschaftspolitik zudem ein klassisches FDP-Feld sei". Ohja, das wahrlich. In Hessen erleben wir gerade zum ersten (und sicherlich nicht letzten) Mal 2009, wie diejenigen die uns die aktuelle Krise eingebrockt haben sich danach als Hort der Stabilität und als große Krisenlöser profilieren - vollkommen unwidersprochen. An dieser Stelle spielt besonders die Journaille wieder eine besonders schlechte Rolle, wie sich beispielweise in diesem Absatz zeigt:
Eindeutige Profiteure waren zwei Kleine: Den Grünen gelang es immerhin, sich aus der Umklammerung der SPD zu lösen. Zu Hilfe kam ihnen, dass der selbsternannte Solarexperte Hermann Scheer, der als SPD-Wirtschaftsminister die Energiewende einleiten wollte und 2008 unter den grünen Kernwählern wilderte, nun keine Rolle mehr spielte. (Quelle)
Selbsternannt! Es ist einfach unglaublich. Scheer hat den alternativen Nobelpreis auf diesem Feld bekommen! Dieser süffisante Einschub stammt von den gleichen Leuten, die ohne mit der Wimper zu zucken im selben Artikel schreiben, dass Koch ein guter Wirtschaftsminister wäre und beständig die Rede vom "Wirtschaftsexperten Koch" oder "Finanzexperten Merz" nachplappern. Der Mann hat Jura studiert und Zeit seines Lebens nichts anderes gemacht als zu lügen, zu betrügen und für die Mehrheit der Menschen nachteilige Politik zu machen. Einzig und allein das Ausschalten aller potenziellen Rivalen retteten seinen Sessel, an dem er wie Pattex klebte, was natürlich wieder nicht ihm, sondern Ypsilanti vorgeworfen wird und ihm zudem als Tugend ausgelegt wird.
Ich denke, ich höre jetzt besser auf. Vieles von dem, was wir gestern und heute gesehen haben und in den nächsten Tagen sehen werden wurde hier und bei den Kollegen schon öfter gesagt. Bleibt wachsam, Freunde, und lasst euch nicht mit diesem Mist füttern.

Links:
- SZ - "Macht Schluss mit dem Gequatsche!" - TV Kritik Anne Will
- SZ - Ruhe an der Linksfront
- NDS - Hessische Verhältnisse: Hessen wird in den nächsten fünf Jahren noch konservativer und wirtschaftsliberaler regiert als zuvor
- Fefe
- FR - Hebel hat die Wahl
- Feynsinn - Die nächste Kochshow in Hessen
- SZ - Probleme mit der Demut
- SZ - Quittung statt Leistung
- SZ - "Auch eine positive Botschaft für die SPD"
- ZG - "Das Wetter war schuld!"
- ad sinistram - Nasskaltes Wetter in Hessen
- Weißgarnix - Wir machen den Weg frei!

1 Kommentar:

  1. Politiker sind Experten in der Bekämpfung von Parteifreunden.

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