Montag, 3. Oktober 2011

Geld drucken ist nicht inflationär

... aber Geld ausgeben kann inflationär sein.

Ein Gastbeitrag von Nicolai Hähnle

Ich rede und schreibe oft über die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die eine monetär souveräne Regierung hat, um die Lebensqualität der Bürger zu verbessern. Die meisten Menschen, egal ob on- oder offline, glauben anfangs nicht so recht, was alles möglich wäre, wenn man nur das Geldsystem richtig verstehen und nutzen würde, auch wenn gar kein free lunch versprochen wird.

Der häufigste Einwand ist, dass es inflationär wäre, die von Modern Monetary Theory aufgezeigten Möglichkeiten zu nutzen. Und ja: Es ist wichtig, ernste Diskussionen darüber zu führen, wie viel Inflation für eine gut laufende Wirtschaft notwendig ist, und wodurch Inflation ausgelöst wird und wodurch nicht.

Dies ist mein heutiger Beitrag: Hört auf damit, von "Geld drucken" zu reden, das hat in den Diskussionen über Inflation nämlich nichts zu suchen.


Geld drucken ist Bargeldmanagement

Der Begriff "Geld drucken" hat eine ganz klare, wörtliche Bedeutung, nämlich die Produktion von Geldscheinen und, im etwas erweiterten Sinn, Münzen.

Geld muss immer mal wieder gedruckt werden, damit das Geldsystem reibungslos funktionieren kann. Erstens halten Geldscheine nicht ewig. Alte Scheine müssen irgendwann durch neue ersetzt werden. Zweitens führen auch sehr niedrige Inflationsraten dazu, dass die Menschen langfristig mehr Geld zur Verfügung haben. Einen Teil davon wollen sie im Geldbeutel mit sich führen, und daraus speist sich ein langfristig wachsender Bedarf an Bargeld. Irgendwann muss mehr Geld gedruckt werden, alleine damit die Menschen das Geld, das sie sowieso als Guthaben auf dem Konto haben, auch am Automaten abheben können.

Ja, die Kausalität läuft in der Praxis moderner Geldsysteme genau anders herum, als der Volksmund behauptet. Wegen Inflation muss als Konsequenz Geld gedruckt werden. Die Situation in Argentinien im Januar 2011 hat das sehr eindrucksvoll demonstriert.

Auch aus theoretischer Perspektive ist es unsinnig, von einer Kausalität von Geld drucken hin zu Inflation zu sprechen. Es hilft, sich zu vergegenwärtigen, welche Transaktionen mit dem Drucken von Geld verbunden sind.
  1. Eine Geschäftsbank fordert bei der Zentralbank Bargeld an. Die Zentralbank zieht den entsprechenden Betrag von den Reserven der Bank ab und schickt dann einen gepanzerten Wagen mit frisch gedruckten Geldscheinen los. Die beteiligten Bilanzen ändern sich wie folgt. Zunächst hat die Geschäftsbank Reserven bei der Zentralbank (nicht beteiligte Teile der Bilanzen sind grau dargestellt, und die Größen der Bilanzen sind natürlich nur qualitativ zu verstehen):



    Nach dem Tausch von Reserven gegen Bargeld sehen die Bilanzen so aus:



    Es hat sich also nur die Zusammensetzung des Geldvermögens verändert, die Menge an Geldvermögen und auch die Größe der Bilanzen bleiben gleich.
  2. Irgendwann kommt dann ein Kunde der Bank auf die Idee, Geld am Automaten abzuheben. Er tauscht also sein Guthaben bei der Bank gegen Bargeld, und die Bilanzen ändern sich entsprechend:



    Die Bilanz der Geschäftsbank schrumpft, weil ihre Rolle als Vermittler im Geldsystem reduziert wurde. Aber ansonsten ändert sich wieder nur die Zusammensetzung. Insbesondere ist der Kunde, der Geld abgehoben hat, genauso reich oder arm wie vorher.
Diese Illustration hat hoffentlich klar gezeigt, dass sich durch das Drucken von Geld keine Vermögen ändern. Es ändert sich nur die Form der Vermögen auf vernachlässigbare Weise. Somit kann es sich auch nicht auf die Inflation auswirken.


Aber "Geld drucken" ist eine Metapher!

Das ist die vermutlich beliebteste Ausrede, gegen die ich zwei Einwände vorbringen möchte.
  1. Metaphern sind gut, wenn sie einen Begriff aus einem anderen Themenbereich übertragen, um Sachverhalte anschaulich aufzuklären. Der Begriff "Geld drucken" hat aber bereits eine ganz klare wörtliche Bedeutung. Ihn zusätzlich mit einer anderen Bedeutung zu überladen schadet einer seriösen Diskussion nur.
  2. Wer Metaphern benutzt, der sollte genau erklären können, wofür sie stehen. Wenn aber "Geld drucken" in der wörtlichen Bedeutung nicht inflationär ist, was ist es dann, das als inflationär kritisiert wird?
Der geneigte Leser wird auf der Suche nach einer Antwort auf diese letzte Frage hoffentlich zu dem Schluss kommen, dass Geld ausgeben für die Diskussion sehr viel relevanter ist als Geld drucken.

Das wirft dann wieder neue Fragen auf. Unterscheiden sich private und staatliche Ausgaben im Hinblick auf Inflation? Und: es werden andauernd gigantische Mengen an Ausgaben getätigt, auch wenn die Inflationsrate niedrig ist. Es kann also nicht jede Ausgabe inflationär sein. Vielleicht nur, wenn insgesamt zu viel ausgegeben wird? Aber wie viel ist zu viel, und woran erkennt man das?


Bessere Qualität in (wirtschafts-)politischen Diskussionen

Es geht mir hier und jetzt nicht darum, diese Fragen zu beantworten, sondern ein klein wenig auf eine bessere Diskussionskultur zu pochen. Folgendes Muster beobachte ich immer wieder: Person A schlägt eine politische Maßnahme vor. Person B kritisiert den Vorschlag mit der Begründung, dass dann Geld gedruckt würde und die Maßnahme deshalb inflationär wäre.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder, Person B findet den Vorschlag eigentlich aus einem ganz anderen Grund schlecht, vielleicht weil er seinen persönlichen Moralvorstellung widerspricht. Das ist in Ordnung. Meinungsvielfalt ist gut, wenn auch manchmal etwas anstrengend. Aber in diesem Fall sollte Person B einfach offen und ehrlich zu dieser grundlegenden Meinungsverschiedenheit stehen. Der Versuch, sie mit Quatsch wie "Geld drucken" zu vertuschen, ist unanständig.

Die Alternative ist, dass Person B den Vorschlag prinzipiell gut findet, aber ganz ehrlich befürchtet, dass er zu zu hoher Inflation führen würde. Das muss man ernst nehmen. Aber die Tatsache, dass Person B von "Geld drucken" spricht, ist ein sehr starkes Indiz dafür, dass er das nicht richtig durchdacht hat. Dann sollten die Beteiligten innehalten und sich daran erinnern, dass Geld drucken nicht inflationär ist. Person B sollte versuchen, seine Kritik noch einmal zu durchdenken und anders zu formulieren. Welcher Aspekt der vorgeschlagenen Politik ist seiner Ansicht nach wirklich für die befürchtete Inflation verantwortlich, und über welche Mechanismen wird sie ausgelöst? Indem er sich diese Fragen stellt, kann Person B implizit selbst prüfen, ob er nicht womöglich einen Denkfehler begangen hat.

In jedem Fall gewinnt die Diskussion an Qualität, wenn auf den irreführenden Begriff "Geld drucken" verzichtet wird. Und jetzt gibt es wenigstens eine Seite, auf die ich (und vielleicht auch der geneigte Leser?) zukünftig linken kann, wenn wieder einmal jemand mit "Geld drucken" kommt.

Kommentare:

  1. Ehrlichgesagt bezweifle ich, dass irgendjemand bei "Geld drucken" im Kontext von Inflation obiges Beispiel im Sinn hat.

    Aber jemandem, der auch meint, es gebe keinen empirischen Beleg für die Quantitätstheorie, ist dies vielleicht nicht bewusst.

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  2. @Anonym: Das ist doch genau das Problem, auf das ich im zweiten Abschnitt eingehe. Die Leute reden von "Geld drucken", sagen aber nicht, was sie wirklich meinen. Wenn das andauernd passiert, legt es eben den Verdacht nahe, dass sie überhaupt nicht wissen, was sie wirklich meinen. Und ja, es würde mich freuen, wenn du in zukünftigen Diskussionen dazu beitragen würdest, diesen Verdacht zu widerlegen.

    Was die Quantitätstheorie angeht, also insbesondere die Aussage, dass es bzgl. der Gleichung MV = PQ eine Kausalität gibt, die bei einer Erhöhung von M zwangsläufig eine Erhöhung von P zur Folge hat: welcher empirische Beleg schwebt dir denn da vor?

    Sowohl die Kausalität als auch das "zwangsläufig" sind wichtig, weil ein Hauptargument von Seiten derer, die die Quantitätstheorie kritisieren ja gerade ist, dass die Realwirtschaft tendenziell zuerst mit einer Anpassung der Produktion (also Q) vor Anpassung der Preise (also P) reagiert, zumal wenn es eine große Nachfragelücke gibt. (Das andere Argument ist, dass M ein Nebenschauplatz ist, und eigentlich die Gesamtnachfrage die viel wichtigere Größe ist, aus verschiedenen Gründen.)

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  3. Ein ähnliches Mißverständnis gibt es doch auch beim Begriff "Geld verbrennen". Niemand verbrennt Geld und Geld verschwindet auch nicht einfach so. Es ist nur woanders.

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  4. Besonders schön wird es, wenn Quantitative Easing beschrieben wird: "Die Notenbanken fluten die Märkte mit Geld"
    Wenn sich diejenigen, die sowas schreiben, mit der Thematik ernsthaft auseinandersetzen würden, würden sie sowas nicht mehr schreiben können.

    Warum? Banken verleihen keine Reserven..
    http://www.winterspeak.com/2009/09/loans-create-deposits-how-banks.html

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