Sonntag, 5. Oktober 2008

Leserbrief an die SZ

Ein treuer Leser hat einen Leserbrief an die SZ als Replik auf "Die Katharsis der Banken" von Martin Hesse darstellt. Freundlicherweise hat er ihn zur Veröffentlichung freigegeben, so dass wir auch daran teilhaben können:


Zu „Die Katharsis der Banken“ von Martin Hesse in SZ vom 2/3. Oktober 2008

Wer in diesen Tagen, wo der internationale Finanzkapitalismus sein Armageddon erlebt, in den Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung schaut, steht unter dem Druck, sich ständig die Augen reiben zu müssen. So unglaublich klingt das, was man da liest. Da fehlt neuerdings in keinem Kommentar die Forderung nach „Regulation und Intervention“ am besten durch den Staat, also der Ruf ausgerechnet nach der Instanz, die in den Augen der Martktradikalen dieser Redaktionssparte doch immer der Leibhaftige persönlich war.

So auch wieder bei Martin Hesse, für den es höchste Zeit wird, „dass zumindest Regierungen und Notenbanken in Amerika und Europa sich auf gemeinsamen Regeln und Mechanismen für die Bewältigung der Krise verständigen“. Die massive Hilfe mit Steuergeldern ist natürlich auch für ihn unumgänglich.

Hat die Wirtschaftsredaktion die vergangenen 10 bis 12 Jahre nicht ununterbrochen das hohe Lied des freien Finanzmarktes gesungen, zweifelhafte Akteure wie Hedgefonds und Equityfonds, die nicht nur in der deutschen Wirtschaft Dutzende von Betrieben eiskalt ruiniert und tausende von Arbeitsplätzen vernichtet haben, als „Retter in der Not“ in den Himmel gehoben? Mit wohlmeinenden Interviews im Johannes B. Kerner - Stil und seitenlangem wohlgefälligen Text?

Wurde nicht Ackermann als die Lichtgestalt des deutschern Finanzwesens mit seiner 25% Renditeforderung gefeiert, ausgerechnet der Ackermann, der jetzt sehnsüchtig nach den Geldern des Steuerzahlers ruft?

Beschwichtigte nicht Nikolaus Piper noch in 2005, dass beim durch Ackermann angedrohten Arbeitsplatzverlust der Deutschen Bank (mal eben so rund 7000 Arbeitsplätze), „vor allem Fachkräfte betroffen sind, die auf dem internationalen Markt sofort einen neuen Job finden“? Wer diesen Rat befolgt hat, steht jetzt in London mit dem Pappkarton vor dem Eingangsportal seiner Bank.

Wurde nicht die Öffnung des deutschen Finanzmarktes durch die die rotgrüne Regierung und der Ausverkauf der „Deutschland AG“ jubelnd begrüßt, ebenso wie die Zerstörung der paritätischen Finanzierung der solidarischen Sicherungssysteme, deren historische Obsoletheit täglich festzustellen, im Pflichtenheft eines jeden SZ- Wirtschaftsredakteurs stand? Wie sicher ist denn jetzt die private Rente auf diesem Kapitalmarkt, sicherlich garantiert „tot-sicher“!

Doch genug der Häme, mehr blamieren konnten sich die Herrschaften jedenfalls nicht. So lange aber beweisbar ist, das aus der stramm neoliberal ausgerichteten Wirtschaftsredaktion der SZ in den vergangen Jahren und erst recht in der letzen Zeit, als sich die Zeichen mehrten, dass der Zug mit rasender Geschwindigkeit auf den Abhang zufuhr, nicht ein einziger kritischer Ton zu den Exzessen des internationalen Finanzcasinos zu vernehmen war, hat die treue SZ-Leserschaft, die nun jahrelang durch diesen redaktionellen Unfug maltraitiert wurde, quasi einen Rechtsanspruch auf ein authentisches und ehrliches mea culpa, in dem nicht mehr und nicht weniger steht, als: „Tut uns leid, wir haben über ein Jahrzehnt nur dummes Zeug geschrieben und uns schrecklich geirrt!“


Kommentare:

  1. Wieso sollten die Mietmäuler, Presshuren und Laufburschen des BDI Selbstkritik üben? Sie wussten doch immer, was sie taten. Freiheit ist immer die Freiheit des Anzeigenkunden ...

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  2. Ich finde diesen Leserbrief sehr zutreffend. Man lese nur mal, mit welcher Bewunderung die SZ über den milliardenverdienenden Hedgefonds-Manager John Paulson geschrieben hat. Wie man solch einen Typen bewundern kann, ist mir schleierhaft.

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  3. Sorry, hier ist der Link zu den SZ-Artikeln, in denen John Paulson erwähnt wird. Nicht zu verwechseln mit Henry Paulson.

    http://www.sueddeutsche.de/thema/John_Paulson

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  4. Hervorragender Leserbrief. Die Süddeutsche ist leider nicht die einzige Redaktion, auf die das zutrifft. Da müssten sich jetzt im Grunde 99 Prozent der Zeitungen und Magazine an die eigene Nase fassen und sagen: mea culpa, wir haben uns geirrt. Aber - wie so oft im Leben - plötzlich will niemand jemals nach Deregulierung gerufen haben. Die Neoliberalen - ein Phantom, das es nie gab? Vermutlich.

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  5. Der "neoliberale Spuk" ist noch nicht überwunden, auch nicht in den Redaktionsstuben der großen und kleinen Zeitungen! Aber die gegenwärtige Bankenkrise bietet immerhin die Chance auf eine Kursänderung in Politik und Medien.

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  6. Die Politik 'garantiert' den "Sparerinnen und Sparern" die Einlagen.
    Sollte der Garantiefall eintreten, wird halt der Steuerzahler belastet, damit "Sparerinnen und Sparer" wieder zu ihrem Geld kommen.

    Die Bürgerinnen und Bürger garantieren sich also ihre Einlagen selbst.

    Köstlich! Oder perves?

    Nein, eben Politik - dummdreiste.

    Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen wird landauf, landab gefordert. Dazu bedarf es aber bei den Verantwortlichen des Handelns nach Treu und Glauben.

    Was wir dagegen tagtäglich erleben ist Lug und Trug.

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  7. @otti: kann man nur zustimmen.
    Vor allem weil alle Einlagen bis 20.000€ sowieso geschützt sind. D.h. sollte der Extremfall eintreten, springt der Steuerzahler also eher für Vermögende ein, als dass er den Kleinsparer stützt. Entbehrt nicht eine gewisse Ironie...


    Zum Gesamtkontext:
    Ich möchte mal ein paar Gedanken zur Deregulierung äußern.

    Jeder, der sich mit VWL bzw. BWL beschäftigt lernt bereits in frühen Semestern wann ein Markt funktioniert - und wann eben nicht.
    Stichwort: vollkommener (keine Präferenzen, Transparenz etc.) und unvollkommener Markt, die in der Preisbildung eine wichtige Rolle spielen.

    Jeder lernt, dass unvollkommene Märkte Begleiterscheinungen mit sich bringen, die einem freien Markt entgegen laufen (z.B. Möglichkeiten der Arbitrage oder auch Monopolstellungen).

    Vollkommene Märkte kommen in der Realität nicht vor, da alle Marktteilnehmer ihren Profit maximieren wollen und versuchen den Markt intransparent zu machen.
    Mag ein bisschen abstrakt sein, deshalb ein Beispiel:
    z.B. die Preisdifferenzierung der Tankstellenpreise: In manchen Regionen ist der Sprit ohne ersichtlichen Grund teurer, die Konsumenten können aber nur schlecht substituieren, indem sie woanders tanken.

    Finanzmärkte sind künstliche Märkte. Als solche sollten sie möglichst vollkommen sein, um eine ordentliche Preisbildung zu ermöglichen.

    Zusammenfassend:
    1.) Jeder Marktteilnehmer handelt eigennützig und versucht den Markt zu seinem Vorteil zu manipulieren
    2.) Unvollkommene Märkte behindern eine freie Preisbildung und somit eine wirklich freie Marktwirtschaft

    Mir ist bewusst, dass ich vielleicht hier ein paar Theorien übereinanderwerfe und die Begriffe unvollkommener/vollkommener Markt von dem Bereich der Preisbildung auf den Bereich der Funktionsweise eines Marktes übertrage- aber ich hoffe ich treffe den Kern.

    Was ich damit sagen wollte, ist:
    Jeder Volkswirt weiß was auf unvollkommenen Märkten passiert. Jedem muss klar sein, dass Finanzmärkte für die keine Regeln gelten, die zumindest wesentliche Aspekte zum Schutz aller Marktteilnehmer eindämmen (Stichwort: Transparenz) auf Dauer nicht "ordentlich" im Sinne einer freien Marktwirtschaft bzw. Wettbewerbes funktionieren.

    Und deshalb sind für mich jetzt Rufe nach Regulierung (des CDS) kein Bruch mit einer liberalen Ideologie, sondern schlichtweg Heuchelei. Weil, wie erwähnt, alle Marktteilnehmer eigennützig handeln und als Volkswirte sich den Konsequenzen eines solchen Marktes voll bewusst sein müssten - und entsprechend für die Konsequenzen geradestehen.

    Ich hoffe, ich konnte ein bisschen darlegen, warum imo die jetzigen Rufe nach Regulierung um freien Wettbewerb zu ermöglich und Rufe nach Deregulierung auf anderen Märkte, um freien Wettbewerb zu ermöglichen sich nicht zu wider laufen.

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  8. @ stuttgarter heuschrecke

    Also plädierst du für den Ordo-Liberalismus, für einen geordneten Wettbewerb auf freien Märkten. Davon wollten die fast allgegenwärtigen neoliberalen Reformer bis vor kurzem nicht allzu viel wissen, besonders auf den höchst unvollkommenen internationalen Finanzmärkten.

    Bleibt nur zu fragen, ob ein geordneter Wettbewerb auf freien Märkten auch Stabilität garantiert, oder ob staatliches Eingreifen auch dann noch benötigt wird. Die von dir implizite Harmoniethese der "unsichtbaren Hand" könnte ja falsch sein.

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  9. Wär n Versuch wert.
    Die aktuelle Finanzkrise hättet verhindert werden können, das Entstehen und Platzen von Blasen (wie z.B. 2001) wohl eher nicht. Die Frage dabei ist dann, in wie fern sich eine Volkswirtschaft die Selbstreinigung des Marktes leisten kann.

    Meine Hoffnung ist ja:
    Je weniger der Staat in die Wirtschaft eingreifen muss, desto mehr kann er sich darauf konzentrieren, was imo wirklich in die Hände des Staates gehört: Bildung, Infrastruktur (inklusive Bahn), Verteidigung, innere Sicherheit (Wobei sich da Schäuble wohl eher zu sehr drauf konzentriert).

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  10. @ stuttgarter heuschrecke

    Deinen Optimismus möchte man haben. Die "Selbstreinigungkräfte" des Marktes können furchtbar sein, wenn sie nicht in geordnete Bahnen gelenkt werden. Die Märkte sind von sich aus nicht stabil, was dann wohl eher "mehr Staat" bedeuten dürfte.

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