Mittwoch, 29. Oktober 2008

Schirrmachers 1929

In der FAZ hat Frank Schirrmacher, bekannter Scharfmacher der neoliberalen Rechten und sowohl Deregulierungs- als auch Irakkriegsbefürworter, Autor von der Methusalemkomplex und Lobbyist für die Versicherungswirtschaft, einen Artikel zu den Analogien von 1929 geschrieben. Bereits in den ersten Sätzen ziehen dunkle Wolken am Horizont auf:
Wird jetzt eine neue Regierung in Hessen, wird dann auch eine in Thüringen von der Linkspartei „geduldet“, so entsteht eine neue Situation. Aufgrund der Abstimmungsanomalie im Bundesrat, wo Enthaltungen als „Nein“ gewertet werden, kann die Linkspartei dann über von ihr erzwungene Enthaltungen als Mitspieler in vier Landtagen den Bund in erstaunlichem Umfang kontrollieren.
Das linke Schreckgespenst geistert durch die Republik! Hamstert Vorräte, der Untergang ist nah. Mit dem Rest seines Artikels hat diese Einleitung denn auch konsequenterweise nichts zu tun, aber ganz gut, dass wir einmal darüber gesprochen haben. Immerhin gelingt es Schirrmacher, irgendwo zwischendrin noch Lafontaine zu erwähnen und so dem unvorsichtigen Leser eine Assoziation mit 1933 zu ermöglichen, denn darauf läuft alles hinaus. 1929 führt zu 1933, 1933 zu 1942, 1942 zu 1945. Aber heute wissen wir, dass es 1929 gab. Und dass 2008 nicht 1929 ist. Und damit hat sich der Artikel auch inhaltlich schon.
Nicht dass Schirrmachers Beitrag zur Vermeidung einer Panik nicht prinzipiell richtig wäre, auch wenn es eine solche bislang nicht gibt (Gottseidank!). Viel mehr ist es zwar ganz nett, dass er artig Hans-Werner Sinns "Manager sind die Juden von heute"-Vergleich verurteilt, aber bei ihm ist Sinn so in Panik wegen der Krise, dass das schon fast wieder liebenswürdig herüberkommt. Und dass schon 1929 niemand die Finanzprodukte erklären konnte mag richtig sein, dass wir vergangene Krisen zwar analysieren aber künftige nicht vorhersagen können dagegen ist falsch. Laut Schirrmacher ist der IWF dazu nicht in der Lage, und wenn es der IWF nicht ist, dann ist es niemand. Aber das ist Quatsch. Attac, die LINKE und die NachDenkSeiten (nehmt sie als pars pro toto) warnen seit Jahren unermüdlich vor den Gefahren des Casino-Kapitalismus und der Krisengefahr der Finanzmärkte und haben auch die aktuelle Krise ziemlich genau vorhergesagt. Klar, das erwähnt ein Herr Schirrmacher natürlich nicht gerne, der vor wenigen Wochen noch der Meinung war, dass alles toll sei, wie es ist und nun plötzlich ebenfalls gelehrte Worte schwingt.
Aber so oder so ist auch die historische Analogie falsch. Die Finanzkrise von 1929 kam genausowenig aus dem Nichts wie die heutige. Was Frank Schirrmacher hier versucht, ist Geschichtsklitterung, um die eigenen Fehler zu vertuschen. Auch 1929 gab es Stimmen, die vorher warnten, und auch 1929 gab es Anzeichen, dass es nicht ewig so weitergehen konnte. Vor 1929 gab es ein 1928 und ein 1927, und vor 2008 gab es ein 2007 und ein 2006. In diesen Jahren vorher wurden die unsicheren Finanzpakete verkauft, bejubelt von der Presse und den Aktionären, den Politikern und den Wirtschaftlern, und wehe dem, der etwas dagegen sagte! Jetzt wollen sie plötzlich alle klüger sein und tun so, als ob die Krise mit einem Schlag dagewesen sei, unvorhersehbar und gewissermaßen ohne Grundlage. Aber die Grundlagen wurden gelegt, damals wie heute, von einem falsch verstandenen radikalen Wirtschaftsliberalismus, der alles Heil in den ungehindert waltenden Marktkräften sah. Damals wie heute wurde unangenehm gezeigt, dass dem nicht so ist. Die Analogie zu 1929 ist also nicht so weit hergeholt, wie Herr Schirrmacher das gerne hätte.

Kommentare:

  1. Vor Frank Schirrmacher ist sicherlich zu warnen. Vergeßt mir aber nicht Joachim Jahnkes Informationsportal!

    Jahnke weist in seinem Informationsportal nämlich schon seit längerem sachkundig und anschaulich auf den Finanzcrash hin. Er muß es als ehemaliger Banker in der Londoner City ja auch gut wissen.

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  2. Wenn man sich hingesetzt und ein wenig nachgedacht hatte musste jedem klar sein, dass es nur eine Frage der Zeit war bis so etwas platzt. Den Zeitpunkt kriegt man vielleicht nicht raus als Amateur. Aber verstehen muss man und das wird konsequent ausgeblendet, dass es sich um einen Kreislauf handelt. Nur nach der Einnahmenseite ist immer schluss bei unseren schlauen Eliten. Das Ausgaben, die Einnahmen anderer und letztlich auch eigene sind verstehen sie nicht. Wo sollte also das ganze Geld herkommen, wenn die Werte nicht geschaffen wurden. Aus dem blinden Glauben.

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  3. "Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce."
    - Karl Marx, "18. Brumaire des Louis Bonaparte" -

    Da kommt mir nur immer wieder Marx in den Sinn - die Farce ist unsere heutige Lebenslandschaft. Einst Tucholsky, heute dessen hundserbärmliche Karikatur Schirrmacher! Und wenn Geschichte offensichtlich als Reinwaschungsmechanismus benutzt wird, dann ist der verkitschte Witz der ganzen Sache nicht mehr weit.

    Ich möchte gar nicht wissen, wieviele Stimmen es 1929 gab, die an die Gründerkrise von 1873 erinnerten und meinten: Alles wurde ja wieder gut! Womöglich ist 1929 die Farce von 1873, damit 2008 die Farce von der Farce - oder die ewige Wiederkehr des Gleichen?

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  4. @ Roberto

    Bei dieser "ewigen Wiederkehr des Gleichen" (F.Nietzsche) kann es einem mulmig werden.


    @ chriwi

    Das "Spielgeld" der Börsen-Spekulanten kommt nicht zuletzt von der Bevölkerung, "herausgepreßt" durch die jahrelange Umverteilungspolitik.

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