Montag, 29. März 2010

Buchbesprechung: Dieter Hildebrandt - Politikermärchen (Hörbuch)

Von Stefan Sasse

Dass man das, was Politiker sagen – besonders in Wahlkampfzeiten – nicht immer für bare Münze nehmen sollte, ist ein bekanntes Phänomen, auch wenn man sich nicht immer darauf verlassen kann. Die aktuelle Verwirrung über die Politik der FDP ist dafür ein gutes Beispiel, versucht sie doch tatsächlich umzusetzen, was sie im Wahlkampf versprochen hat und stößt damit zahllose Menschen vor den Kopf – wer konnte denn auch mit so was rechnen! Der Vorwurf der Lüge ist da immer schnell bei der Hand. Das Urgestein des deutschen Kabaretts, Dieter Hildebrandt, hat sich 10 große Politikerlügen aus 60 Jahren bundesrepublikanischer Geschichte genauer angeschaut und zu humorigen Kurzbeiträgen verarbeitet, die er in diesem kleinen Hörbuch vorstellt.

Die Bandbreite dieser „Politikermärchen“ erstreckt sich dabei von offenen Lügen gegenüber Parlament und Öffentlichkeit wie Adenauers Aussage, keine Wiederbewaffnung anzustreben oder Strauß‘ Behauptung, von der Durchsuchung der Spiegel-Verlagsräume nichts gewusst zu haben oder Uwe Barschels „Ehrenwort“, wider besseres Wissen hinüber zu Vertuschungen und hin zu merkwürdigen Versprechen. Zu den Vertuschungen gehört hier Filbingers Vergangenheit als Marinerichter und strammer Parteigänger der NSDAP, das Celler-Loch von 1978, die Flick-Affäre, während die Versprechen Kohls auf „Blühende Landschaften“, Blüms „sichere Renten“ und Roland Kochs „Brutalstmögliche Aufklärung“ sich mit Ypsilantis „Nie mit der LINKEn“ ein Stelldichein geben. Den Abschluss macht eine offizielle Elegie auf die BRD.

Ich muss zugeben, als ich das Inhaltsverzeichnis las, war ich vor allem wegen der Beiträge zu Blüm und Ypsilanti skeptisch. Aber Hildebrandt widersteht bei allen seinen „Politikermärchen“ der Versuchung, sich allzu billig einige Lacher und Beifall abzuholen. Stattdessen unterfüttert er sie mit Original-Tondokumenten aus der jeweiligen Epoche, gibt kluge Statements ab und weiß zwischen dem Grad der Unwahrheit durchaus zu differenzieren. So gibt er beispielsweise Blüm die Möglichkeit, sich zu rechtfertigen – der konnte schließlich 1988 auch noch nicht wissen, dass Kohl sich an den Rentenkassen vergreifen würde, um die Einheit zu finanzieren. Auch Ypsilantis Wahlversprechen relativiert er deutlich, lässt es als reine bösartige Lüge nicht gelten.

Scharfe Worte finden sich dagegen für die echten Lügen, von Barschels „Ehrenwort“, das alle Ehrenworte seither mit einem Geruch belegt hat, bis hin zu Adenauers offener Lüge vor dem Parlament, die BRD strebe keine Wiederbewaffnung an, als man bereits versuchte, über den Besitz von Atomwaffen zu verhandeln.

So ist das Hörbuch nicht nur wegen der angenehmen Erzählweise Hildebrandts ein echter Genuss, es zeigt auch Hintergründe von Skandalen auf, die heute schon fast in Vergessenheit geraten sind und vereint Humor mit echtem Anspruch. Zum bemängeln ist an diesem Hörbuch eigentlich nur, dass es viel zu kurz ist – kaum eine Stunde kommt hier zusammen, und die ist viel zu schnell vorbei.

Erstmals erschienen bei und erstellt im Auftrag des Roten Dorn

Kommentare:

  1. Hm, hm, hm... Das Ehrenwort von Barschel würde ich hier mal ausklammern. Mag sein, das Hildebrandt es wirklich nicht besser weiß. Oder will er es gar nicht besser wissen, weil es nicht in sein Weltbild passt?!
    Ich muss gestehen, dass ich Barschels Ehrenwort 1987 überzeugend und glaubwürdig fand (obgleich, wohlgemerkt, ich noch nie was für die CDU übrig hatte). Ich hatte keineswegs das Gefühl, belogen zu werden.
    Später, als ich das entsprechende Kapitel in den Erinnerungen des Ex-Mossad-Agenten Victor Ostrovsky las, fand ich meinen Verdacht bestätigt, dass da etwas ganz, ganz Merkwürdiges im Gange gewesen ist (und weder Pfeiffer noch Engholm die Unschuldslämmer sind, als die sie sich damals gerierten – inzwischen gehört es ja zum Allgemeinwissen, dass Engholm über die Pfeiffersche „Intrige“ lange vor dem entscheidenden Wahlsonntag bestens Bescheid wusste).
    Jetzt gibt es ein weiteres Buch zum Thema „Der Doppelmord an Uwe Barschel“ von Wolfram Baetsch, das die These vom Geheimdienst-Mord weiter ausführt, begründet, belegt und vertieft. Auch wenn Barschels Weste in diesem Buch für mein Empfinden allzu blütenweiß erstrahlt, meine ich doch, dass wir nicht alles, was uns die Mainstream-Medien, allen voran der Spiegel, in mundgerechten Häppchen servieren, kritiklos schlucken sollten.
    Dank diverser höchst aktiver Geheimdienste in Ost und West sind wohl so manche Dinge in Wirklichkeit ganz anders, als sie uns erscheinen (sollen). Entweder ist Hildebrandt naiver, als ich dachte. Oder, ganz im gegenteil, er weiß, dass es lebensgefährlich ist, seine Narrenfreiheit zu sehr zu strapazieren...

    Mit nachdenklichen Grüßen
    Saby

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  2. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht genau, was du mir sagen willst...

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  3. Ich will Dir sagen: Meiner Meinung nach hat Barschel sich nicht nach einem gelogenen Ehrenwort in der Badewanne des Beau Rivage Hotels selbst ersäuft, sondern er ist vermutlich vom israelischen Geheimdienst in seinem Hotelzimmer liquidiert worden.
    Insofern ist er, denke ich, eben auch kein Paradebeispiel für einen lügenden Politiker.
    Was ist daran so schwer zu verstehen???
    Saby

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  4. Hm, weiß nicht...ich halte mich in dem Fall lieber an die offizielle Version.

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  5. Der Vorwurf, die Bespitzelung angeordnet zu haben, trifft doch zu. Barschel sagte aber "dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe...haltlos sind". Also hat er gelogen und gehört in die Reihe der lügenden Politiker.
    Was ist d a r a n so schwer zu verstehen?

    Dass Engholm davon gewusst und auch gelogen hat, ist ein anderes trübes Kapitel.

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  6. "Der Vorwurf, die Bespitzelung angeordnet zu haben, trifft doch zu" - na klar, so isses doch! Wenn Pfeiffer das doch sagt. Stimmt ja, sorry, hatte ich jetzt gar nicht bedacht. "Denn Pfeiffer ist ein ehrenwerter Mann, und auch die andern alle, alle ehrenwert..."

    Saby

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