Mittwoch, 31. März 2010

Buchbesprechung: Wolfgang und Elke Leonhard - Die linke Versuchung. Wohin steuert die SPD?

Von Stefan Sasse

Die alte Tante SPD, was macht sie nur? Wie ein leckgeschlagenes Schiff wird sie gerade von den Wellen des politischen Meeres hin und her geworfen, lässt sich den Umgang mit der LINKEn als alles entscheidendes Thema aufzwingen und eiert gänzlich unsouverän durch die Politik. Wolfgang und Elke Leonhard, beide profilierte Kenner des Themas, haben es auf sich genommen dieses Buch mit dem Untertitel „Wohin steuert die SPD?“ zu schreiben, eine Abhandlung über das Verhältnis von Sozialdemokraten und Kommunisten.


Genau da aber beginnen schon die Probleme. Über die Hälfte des Buches widmet sich der Geschichte des Neben-, Mit- und Gegeneinander von Sozialdemokraten und Kommunisten seit der Gründung des ADAV im 19. Jahrhundert. Dabei beschäftigen sich die Autoren mit den gemeinsamen Wurzeln beider Gruppen, Schnittstellen der Sozialdemokraten mit den Liberalen des 19. Jahrhunderts, der Spaltung der SPD über die Frage der Unterstützung des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg und die Gründung der KPD als Abspaltung von der USPD.

Weiter geht es mit der Wiedervereinigung von USPD und MSPD, der Ausrichtung der KPD nach Moskau, der erbitterten Gegnerschaft beider Gruppen, der Zusammenarbeit von KPD und NSDAP gegen die SPD und schließlich dem Untergrund im Zweiten Weltkrieg. Auch die Geschichte nach dem Krieg wird beleuchtet, das Parteiverbot der KPD in Westdeutschland und ihre Vereinigung mit der SPD zur SED im Osten.

Die Autoren untersuchen auch die mannigfaltigen kommunistischen Gruppen in Westdeutschland, die sich besonders nach 1968 herausbildeten, vom maoistischen KBW bis hin zu trotzkistischen Gruppen und der neugegründeten DKP. Auch auf die Reformprozesse innerhalb der kommunistischen Gruppen und später der SED und PDS gehen sie genauer ein, ehe die Betrachtung mit der Gründung der LINKEn endet.

Das alles ist sicher ganz nett geschrieben, wenn gleich ihre generell ablehnende Haltung stets deutlich durchschimmert. Nur, mit der SPD und der Richtung, die diese gerade sucht und nicht findet, hat das alles herzlich wenig zu tun. Auf den verbliebenen Seiten des Buches tun die Autoren nämlich nicht viel mehr, als den Seeheimern das Wort zu reden und beständig zu betonen, wie ungemein grandios Schröders Reformpolitik war, betonen beständig, dass dazu keine Alternativen bestanden und wie ungemein wichtig sie ist und entwerfen allerhand Verschwörungstheorien von einer Zusammenarbeit der SPD-Linken und der Gewerkschaften, die die Agenda 2010 kaputt gemacht hätte, weil sie durch ihren Widerstand nicht richtig  vermittelt worden wäre. Erst am Ende des Buchs finden sich einige dürre Zeilen zum Verhältnis der SPD zur LINKEn, in der die Autoren um die Beantwortung des Themas herumeiern, aber immerhin eine klare Aussage dahingehend treffen, dass der aktuelle Umgang dumm ist.

Die Probleme des Buchs sind zweierlei: da ist zum einen die fehlende argumentative Schärfe gegenüber der Schröder-SPD. Die Konstruktion eines nahtlosen Übergangs zwischen Schmidt und Schröder, die von einer Oppositionsperiode unter Hoheit der SPD-Linken, die nebenbei für das Ende von Schmidts Kanzlerschaft verantwortlich gemacht werden, unterbrochen gewesen sei, ist einfach nur albern. Auch sind die postulierten Sachzwänge (der Sozialstaat sei, „weiß ja jeder“, nicht mehr zu halten gewesen und Schröder habe das eben erkannt) ohne jede Grundlage und werden einfach nur auf der schlichten Grundlage verkauft, dass es reine Fakten seien. Begründet werden diese Postulate nicht.

Am Schlimmsten aber ist die völlige Konzeptlosigkeit des Bandes. Für eine Geschichte des deutschen Kommunismus ist das Buch viel zu kurz, zu oberflächlich, zu subjektiv. Für eine Analyse des Verhältnisses der SPD mit der LINKEn geht es aber zu sehr an völlig irrelevante Details.

Bevor die Autoren ein Buch schreiben, das die Frage stellt, wohin denn die SPD steuere, hätten sie sich mal lieber vorher zusammengesetzt und die Frage gestellt, wohin denn eigentlich ihr Buch steuern solle. So handelt es sich lediglich um ein konzeptionsloses Werbebroschürchen der Seeheimer, das auf argumentativ äußerst niedrigem Niveau daherkommt.

Erstmals erschienen bei und erstellt im Auftrag des Roten Dorn.  

Kommentare:

  1. @Stefan Sasse

    Da ich - als eifriger Nachdenkseitenleser - immer wieder mal die Idee hatte ein Buch über Willy Brandt (SPD) zu lesen habe ich es getan. Es ist, wenn ich deiner Buchbesprechung hier glauben darf, tausendmal besser als alle Machwerke von Wolfgang und Elke Leonhardt zusammen.

    Der Titel des Buches ist:

    "Willy Brandt - der andere Deutsche".

    Interessant fand ich daran z.B., dass der Begriff "demokratischer Sozialismus" keineswegs eine Erfindung der Linkspartei ist - schon der Nobelpreisträger, und Bundeskanzler, Willy Brandt prägte diesen Begriff für seine, damals noch wirklich für die Mittel- und Unterschichten gedachten, Reformen. Die Autorin Helga Grebing ist m.E. auch keine Schröderin, sondern eine begeisterte Anhängerin von Willy Brandt, was in ihrem Buch, dass keine Biografie sein will, so durchschimmert - Seite für Seite. Hier über die Autorin "[...] Helga Grebing, Jahrgang 1930, ist Historikerin und emeritierte Professorin mit den Schwerpunkten in der Sozialgeschichte und Geschichte der Arbeiterbewegung[...]" - aus der Inhaltsangabe zum Buch, dass ich gerne weiterempfehle. Nach Lektüre des Buches ist mir noch klarer geworden, wer die wahren Erben von Willy Brandt sind - Es ist nicht die Schröder-SPD, sondern die Lafontaine-Linke im Westen.

    Ich hab das Buch von Wolfgang und Elke Leonhard nicht gelesen - Gebe ich gerne zu. Grund? Das Abstimmungverhalten von Elke Leonhardt bei Hartz IV - im Internet noch nachzurecherchieren - Sie war Pro-Agenda2010. So eine Buchautorin unterstütze ich nicht, weder finanziell durch deren Buchkauf noch sonstwie ;-)

    Gruß
    Bernie

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  2. Ergänzung:

    Zu Biografien hat die Autorin Helga Grebing so ihre ganz eigene Meinung, die ich unterstütze - aus dem Vorwort zu ihrem Buch:

    "[...]Ein bekannter Brandt-Biograf begann sein Vorwort mit dem kühnen Satz: "Begegnet bin ich ihm nie, aber ich kenne ihn gut." Diesen Satz kann ich in seinen beiden Teilen für mich nicht bestätigen. Ich bin ihm begegnet, aber ich würde mir niemals anmaßen, ihn, wie auch immer begründet, gut zu kennen. Deshalb wird dieses Buch auch nur der Versuch sein können, ihn immer besser kennen zu lernen, sicher jedoch noch immer nicht gut genug[...]" - weiter meint die Biografien würden mehr über den Autor, als über die beschriebene Person (in diesem Fall Willy Brandt) aussagen. Macht mir die Frau irgendwie sympatisch.....

    ...so geht es im Buch, mit zahlreichen Brandzitaten, weiter.....

    Mein Fazit:

    Würde Willy Brandt (SPD) heute noch leben wäre er sicher in der SPD-Opposition oder in der Linkspartei.

    Gruß
    Bernie

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  3. "... So handelt es sich lediglich um ein konzeptionsloses Werbebroschürchen der Seeheimer, das auf argumentativ äußerst niedrigem Niveau daherkommt. "

    Das ist bei dem Aturoenduo ja auch nicht weiter überraschend

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  4. Ich kannte dir vorher nicht.
    Der Begriff "demokratischer Sozialismus" ist noch viel älter als Brandt. Er hat ihn aber seinerzeit unter anderem aufgrund Anratens seines Wahlkampfmanagers Albrecht Müller aggressiv genutzt.

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  5. @Stefan Sasse

    Danke für den Hinweis.

    Das Buch finde ich wirklich interessant, und empfehle es gerne an dich weiter ;-)

    Was Albrecht Müller angeht, da finde ich es seltsam, dass Helga Grebing kein Wort von dieser Person in ihrem Buch über Willy Brandt, dass mir stellenweise wie eine Ikonografie von Brandt vorkommt, erwähnt.

    Na ja, vielleicht kennt die Autorin auch Nachdenkseiten noch nicht? ;-)

    Gruß
    Bernie

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  6. meine alte frage kann man auch auf dieses buch beziehen: ist dummheit in der lage, sich klug zu erklären?

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  7. Wenn sich denn schon die Autoren so intensiv der Vergangenheit der SPD widmen, wäre es von deren Seite vielleicht auch einmal angebracht gewesen, die Ursachen der SPD-Gründung und damit die eigentlich unveräußerbaren Standpunkte herauszuarbeiten, um sie dann den gegenwärtigen (auch schon schröderianischen) Standpunkten und Verhaltensweisen gegenüberzustellen. Schon an dieser Stelle hätte ihnen auffallen müssen, wie weit sich die heutige SPD von ihren ursprünglichen Zielen und Aufgaben entfernt hat. Stattdessen wird immer wieder der TINA-Klamauk bemüht.

    Dieses ganze Geschwurbel, dass Politiker/Parteien ihre Politik/Handlungen nur zu schlecht verkauft hätten, ist der größte Unsinn, den sie den Menschen einreden möchten. Menschen, die tagtäglich am eigenen Leib die Folgen einer Politik erleben müssen, muss man nicht mit Marketingmaßnahmen weismachen, was sie zu empfinden haben! Sie spüren es.

    Mit solch einem Geschwafel geben sie doch offen zu, dass ihnen Propaganda über eine wahrhaftige Politik geht.

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  8. Moin!

    Ich habe Elke Leonhardt bei ihrer Buchvorstellung auf dem Blauen Sofa
    während der Buchmesse 2009 in Leipzig erlebt.Ihre eigenen Stellungnahmen zu ihrem Werk machten mir klar,dass dieses Büchlein keinesfalls lesenswert sein kann,sondern besser gleich im Altpapier landet.
    Insbesondere die Vehemenz ihrer Überzeugung,dass die böse Andrea Y.
    der SPD ja massiv geschadet habe,lässt keinen anderen Schluss zu.

    Grüße
    Hagnum

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  9. Als Ergänzung:

    Elke Leonhardt erklärte auf der Buchmesse Leipzig 09,sie wolle über den Wahlkreis zurück in den Bundestag.

    Mit Freude nahm ich nach der Wahl zur Kenntnis,
    dass sie mit diesem Vorhaben gescheitert ist,
    und nun nicht vom ewig geleimtem Wahlbürger auf die nächsten 4 Jahre alimentiert wird.

    Grüße
    Hagnum

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