Mittwoch, 16. April 2008

Beitrag zur Demographiedebatte

Kürzlich habe ich Post von einem Leser bekommen, die ich euch nicht vorenthalten will, beschäftigt sie sich doch von kompetentem Standpunkt aus mit den Spielchen um die Demographie:

Sehr geehrter Herr Sasse,
ich verfolge Ihren "Freidenker" seit längerem, oft mit Schmunzeln und meist
mit Zustimmung. Ihr Blog ist ein wichtiger Teil einer leider viel zu
schwachen Gegenöffentlichkeit zu all dem neoliberalen Unsinn, der uns Tag
für Tag serviert wird.

Als "kleiner" Städtestatistiker, der kurz vor der Rente steht und sich
kleine Reste kämpferischer Militanz erhalten hat, gilt mein Interesse
natürlich in erster Linie den Zahlen, die uns permanent von interessierter
Seite präsentiert werden. Sie werden sich nicht wundern: Sie sind meistens
falsch und lassen sich fast immer durch "amtliche" Zahlen widerlegen.
Insbesondere das Standardargument "aus demografischen gründen...." hat es
mir angetan. Neben einigen anderen Beiträgen, die meist in den
Nachdenkseiten zu lesen waren und beim Kittlaus (singledasein.de) (und
natürlich immer noch im Netz stehen) habe ich mich inzwischen - bisher
natürlich vollkommen vergeblich (wie könnte es auch anders sein)- auf die
Journalisten eingeschossen, die die neoliberalen Weisheiten wohl nur durch
"stille Post" vernommen haben und sie deshalb besonders primitiv und absurd
vertreten. Ein Beispiel in dieser Richtung habe ich beigefügt, es geht um
zwei Zeitungsartikel aus der Süddeutschen und der WAZ vom letzten
Wochenende. Vielleicht können Sie damit etwas anfangen.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen Voß
Hier nun der Brief:

Sehr geehrter Herr Guido Bohsem (Süddeutsche Zeitung),

Sehr geehrter Herr Andreas Abs (Westdeutsche Allgemeine)

Als ein von der nun seit über einem Jahrzehnt trommelnden neoliberalen Propagandamaschinerie schwer geschädigter Mann, habe ich mir inzwischen eine Elefantenhaut zugelegt, um alle Fragen nach Plausibilität und Logik, so wie ich sie einst in Schule und Studium zu stellen gelernt habe, mühsam aus meinem Gehirnkästchen zu entfernen, damit ich in stoischer Ruhe diesen Unsinn ertragen kann und sich meine Magengeschwüre in Grenzen halten..

Ich habe inzwischen kapiert, dass mehr eingekauft wird, wenn die Läden länger auf sind, dass man nur die Unternehmenssteuern senken muss, um die Wirtschaft wieder in Fahrt zu bringen, dass alle bisher öffentlichen Dienstleistungen privat besser, kostengünstiger und servicefreundlicher erbracht werden, dass ein Prozent weniger Lohnnebenkosten 100tsd. Arbeitsplätze bringt, 1,5 % also 150tsd. und 1,06 % 106tausend, dass also der Zug kommt, weil die Schranke runter ist und nicht die Schranke runter ist, weil der Zug kommt (an sich ein klassischer „post hoc propter hoc“ - Fehlschluß). Ich weiß inzwischen, dass trotz zweier Totaldesaster am Finanzmarkt (in nur 8 Jahren), trotz Göttinger Gruppe, trotz Telecomaktien eine private kapitalgedeckte Rente immer besser, sicherer und demografiefester ist als eine umlagefinanzierte, und ich habe auch verstanden, dass die deutsche Hartz IV-Gesetzgebung in allen 30 OECD Staaten schlagartig einen „Boom“ ausgelöst hat. Dass 3,4 Mio. Arbeitslose die kommende Vollbeschäftigung signalisieren und dass „Reformgesetze“ nicht mehr den Menschen etwas bringen sollen, sondern nur dann so genannt werden dürfen, wenn sie den Bürgern etwas nehmen, zum Beispiel die soziale Sicherheit. Dies alles muß einfach stimmen, wird es mir doch von morgens früh durch die Zeitung am Frühstückstisch bis abends spät durch Herrn Kleber und Herrn Sinn in der Spätausgabe der Tagesthemen in die Ohren geblasen.

Doch bei einem Punkt streike ich und mobilisiere meine letzten Widerstandskräfte, und dies ausgerechnet bei einem scheinbar ewig jungen Standardargument der neoliberalen Scholastik: „Heute ernähren drei Erwerbstätige einen Rentner, 2030 werden es nur noch zwei sein“ (Andreas Abs in der WAZ vom 12/13.4.08, S. 2 und „Versorgen heute 100 Erwerbstätige rund 32 Senioren, werden sie im Jahre 2050 für 62 aufkommen müssen“ (Guido Bohsem, Süddeutsche Zeitung 12/13. 4.08, S.2.).

20,4 Mio. Rentner werden also von (1:3) von 61,2 Mio. Erwerbstätigen „ernährt“ bzw. „versorgt“ (Schon die Wortwahl ist putzig!). Nicht nur, dass es bei so viel Erwerbstätigen zur Rush-hour ziemlich eng würde auf deutschen Straßen, es gäbe in ganzen Land auch nur noch 800.000 Kinder und Jugendliche. Denn bei 82,4 Mio. Einwohnern ließen die Erwerbstätigen und Rentner mit ihren 81,6 Mio. (20,4 + 61,2) den jüngeren gar keinen Platz mehr. Der „demographische Orkan“(Bohsem nach Kotlikoff (wer das auch immer sein mag)) wäre wirklich einer!

Abgesehen von dem sachlichen Unsinn, der hinter einer solchen Relation 3:1 (in Ägypten übrigens 14:1) steht: Wie viel Beiträge zahlen drei Ingenieure und wie viel drei Gleitzonenbeschäftigte, sind es simple, überall nachlesbare Zahlen, die auch den dümmsten SZ- und WAZ Redakteur doch beeindrucken müßten.

Laut neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit gibt es Deutschland etwas über 27 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, davon haben noch etwas über 22 Mio. Menschen einen Vollzeitarbeitsplatz. Selbst wenn man – was methodisch fragwürdig ist - die 4,8 Mio. Teilzeitarbeitsplätze in Vollzeitäquivalente umrechnet, hätten wir noch rund 24,5 Mio. Vollzeitarbeitsplätze. Von deren Beiträgen werden die 20,4 Mio. Rentner „ernährt“ bzw. „versorgt“, also in einem Verhältnis von 1,2:1. Hinzu kommt ein Bundeszuschuß für die Rentner der ehemaligen DDR, für Aussiedler und familienpolitische Leistungen der Rentenversicherung von etwa 80 Mrd. Euro.

Doch genug des Versuches gegen verbohrte Ideologen der neoliberalen Schule mit rationalen Argumenten anzugehen, denn nicht erst seit Goethe wissen wir: „Gegen Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens“. Für mich stellt sich nur die eine Frage: Wie erbärmlich muß der Argumentationsköcher der neoliberalen Front bestückt sein, wenn unbeeindruckt von allen amtlichen Zahlen, von allen logischen Überlegungen und von jeder Plausibilitätsprüfung nun schon seit vielen Jahren mit einer Relation gearbeitet wird, die jeder Drittklässler einer Grundschule widerlegen kann? Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Das ganze Demografieargument ist völliger Unsinn. Es kommt gar nicht auf die Relation „jung zu alt“ an, sondern auf das Verhältnis von „sozialversicherungspflichtig Beschäftigten“ zu „älteren Menschen mit Rentenanspruch“ (aufgrund vorhergehender sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung). Und dieses Verhältnis hat nichts mit Demografie sondern nur etwas mit dem Arbeitsmarkt zu tun.

Hätte z. B. Herr Metzger in seinem Leben fünf Jahre lang in einen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis gearbeitet, stünde ihm später eine (kleine) Rente zu. Nun ist er seit seinem Studienabbruch Berufspolitiker. Folglich bekommt er keine Rente, dafür aber Altersbezüge, die um ein Vielfaches höher liegen als eine Rente jemals sein könnte. Aber das ist ein anderes Thema.

Mit freundlichen Grüßen und nichts für Ungut!

Jürgen Voß



Kommentare:

  1. Die Lektüre einer ganz normalen Tageszeitung und insbesonder von BILD und SPIEGEL verlangt immer häufiger extremes Durchhaltevermögen, ja sogar eine geradezu übernatürliche psychische Stabilität. Wer sich nicht etwa schon nach zwei oder drei Artikeln verzweifelt an den Kopf fasst oder aus Resignation die Lektüre einstellt – was immerhin verständlich wäre und für eine normal ausgebildete Sensibilität spricht – dem wird eine Menge abverlangt.


    Dies ist für mich einer der besten Leserbriefe zu dem Sumpf Neoliberalismus mit fortschreitender Volksverdummung durch die Medien !!!!

    PFLICHTLEKTÜRE !!!!!!

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  2. Volle Zustimmung sowohl für Herrn Voß wie für Margareth. Respekt: Ich halte zwei/drei Artikel insbesondere von Bild überhaupt nicht aus. Meistens reichen mir schon die Überschriften.

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  3. Wie können Sie es nur wagen, solche Grundwahrheiten in Frage zu stellen. Hätten Sie die Volksschule Sauerland besucht, dann verstünden Sie auch den Zusammenhang! So aber bleibt Ihnen leider nur, wie auch mir, sich auf das Herzog´sche Recht auf Dummheit zu berufen.

    Im Ernst: Sie sprechen mir aus der Seele...

    Mit freundlichen Grüßen, KH

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  4. Hier muß Schäuble ran! So viel Wahrheit verträgt der deutsche Michel nämlich nicht. Mit "Sicherheit" nicht. Echt Spitze(l)!

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