Samstag, 12. September 2009

Plastikphrase: Mittelstand

Eine Bemerkung vorweg: in dem folgenden Beitrag geht es weder um "die Mitte" noch gar um "die neue Mitte". Das Konzept von der Nicht-Existenz dieser ach so nachgefragten Wählergruppe sollte Lesern dieses Blogs ja durchaus vertraut sein.
Besonders im Wahlkampf dieser Tage hört man immer wieder, dass "der Mittelstand" gestärkt werden müsse. Guido Westerwelle wiederholt es wie ein Mantra, die SPD und die Grünen wollen ihn energiepolitisch stärken und einen runden Tisch schaffen, ein Ziel, das auch die Union vertritt, wo "Mittelstand" und Gewerkschaften, Industrie und Politik sitzen wollen. Selbst in den Steuerreformplänen der LINKEn findet sich die Stärkung des Mittelstands. Interessant ist nur, dass jeder darunter etwas anderes versteht und dass der Begriff Assoziationen weckt, die da eigentlich nicht hingehören.
Die meisten Menschen denken bei "Mittelstand" instinktiv an Mittelschicht. Dadurch fühlen sie sich angesprochen. Das ist logisch, denn zur Unterschicht rechnet sich niemand freiwillig und dass sie nicht zur Oberschicht gehören wissen die Leute auch, wie auch Guttenberg, der das auf seinen Wahlkampfveranstaltungen regelmäßig vergisst. Doch "Mittelstand" ist etwas völlig anderes, und wenn man sich genauer ansieht, was die Parteien da eigentlich stärken wollen, treffen wir auf eine zweite Assoziationskette: es geht um die kleinen, die "mittelständischen" Betriebe, die vor allem vom Teufelszeug eines Mindestlohns geschützt werden müssen (vor dem merkwürdigerweise immer die Vertreter der Großkonzerne deutlich mehr warnen als die des "Mittelstands") und denen man Steuerentlastungen geben muss. Die Assoziation ist ein Mini-Betrieb, ein Chef mit sagen wir fünf Angestellten. Das ist aber falsch. Gerade für die FDP gehört auch ein Unternehmen wie Schaeffler noch zum Mittelstand, der gefördert gehört. Das aber sind definitiv keine Mittelschichtverhältnisse mehr.

Kommentare:

  1. Ich denke auch, dass man den 'Mittelstand' bewusst so breit wie möglich fasst um natürlich viele Menschen anzusprechen. Dass davon natürlich nur wieder einige wenige profitieren, ist ebenso klar. Dieses Jahr haben wir ja ohnehin keine politischen Themen mehr, die uns angeboten werden. Es gibt nur noch Phrasen 'Yes, we can' heißt auf Deutsch 'Deutschland kann es besser', 'Deutschland kann mehr' oder 'Wir haben die Kraft'.

    Das Problem der Mittelschicht in Deutschland ist auch, dass sich außer der Linken keiner an die großen Vermögen rantraut. D.h. wenn die großen Vermögen weiter wachsen (und das tun sie unter gegenwärtigen Bedingungen unaufhörlich), muss das Geld ja irgendwoher kommen, die Unterschicht hat nichts mehr, da gibt es nichts zu holen, also ist die Mittelschicht dran.

    Man kann also sagen, die Mittelschicht von heute ist die Unterschicht von morgen oder aber auch die Unterschicht von heute ist die Mittelschicht von gestern.

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  2. Der Name Mittelstand ist vielleicht schon leicht verdächtig, denn er reicht nach Standesbewußtsein und Ständegesellschaft, vielleicht sogar Ständewahlrecht und anderen Eigenheiten früherer Jahrhunderte, die in einer Demokratie nichts zu suchen haben. Wenn dann so ein Begriff trotzdem populär ist und in der politischen Diskussion immer wieder auftaucht, kann man sich über Politiker wie Guttenberg eigentlich kaum mehr wundern. Haben wir vielleicht das 19.Jhd. doch noch nicht so weit überwubnden, wie es gerne im Geschichtsunterricht behauptet wird? Manchesterkapitalismus ist ja auch nicht totzukriegen.

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  3. Diese Mittelstands-Umwerbung vor Wahlen vernebelt in Deutschland nur, dass hier seit Jahrzehnten eigentlich genau das Gegenteil von Mittelstandsförderung geschieht.

    Das einzige Land in Europa, das seinen Mittelstand fördert, weil es ihn bewusst auch gut bezahlt, ist die Schweiz ...

    ... in der EU sind das hohle Phrasen der Gesslers mit ihrem hohlen Hut auf ganz hoher Stange ...

    ... Mehr leider nicht.

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  4. Der Mittelstand ist deshalb im politischen Fokus weil er rund 99,7 % aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen, in denen knapp
    65,9 % aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten angestellt sind,
    rund 38,3 % aller Umsätze erwirtschaftet werden sowie
    rund 83,0 % aller Auszubildenden ausgebildet werden.
    Die Logik die dahinter steht den Mittelstand zu stärken ist die sogenannte Angebotstheorie die auf den Annahme basiert dass Beschäftigung und Wachstum einer Volkswirtschaft in erster Linie von den Rahmenbedingungen der Angebotsseite abhängen.Unternehmen würden bei einer Verbesserung mehr investieren und folglich mehr Arbeitsplätze schaffen.

    Meiner Meinung nach hat sich diese Theorie bisher als Rohrkrepierer herausgestellt.Statt zu investieren wurden die Unternehmensgewinne zur Börse(Casino)getragen.Durch den einseitigen Fokus auf die Angebotspolitik wurde die Nachfrageseite vernachlässigt(Nachfrageschwäche),in der Folge orientierten sich die Unternehmen auf ausländische Absatzmärkte.Um im Ausland mehr absetzen zu können muss günstiger produziert werden was zusätzlichen Druck auf Löhne u. Gehälter mit sich bringt.
    Im Prinzip eine einzige Abwärtsspirale mit fatalen folgen für alle.

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  5. Mal ganz doof in die Runde gefragt: Wenn der sog. Mittelstand in Deutschland solch eine enorm wichtige Rolle spielt, warum muss man ihn dann 'besserstellen' bzw. entlasten?

    Und vor allem: Gegenüber wem? Den Kindern, (sozial) Schwachen und Krüppeln etwa? Wieso sind die linke Ideen "populistisch" oder "unfinanzierbar" und diese unlogischen Pläne werden beklatscht?

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