Sonntag, 7. August 2011

Weiterführende Schulen

Von Stefan Sasse

Es ist immer wieder schön, wenn eigene Vermutungen durch Studien belegt werden. Den Plan der grün-roten Baden-Württembergischen Regierung, die bisher verpflichtenden Grundschulempfehlungen von Lehrern unverbindlich zu machen und den Eltern freie Schulwahl zu geben halte ich für falsch, und eine in der FAZ besprochene Studie belegt mir das: freie Schulwahl verstärkt den durch Lehrerempfehlungen ohnehin gegebenen Effekt der sozialen Zementierung. Kinder von Hauptschülern landen wahrscheinlicher auf der Hauptschule, auch wenn sie eigentlich für das Gymnasium geeignet wären, und umgekehrt. Überraschend ist das eigentlich nicht: auf der einen Seite steht der Dünkel von höhergebildeten Eltern, für die ein Kind, das "nur" Hauptschule oder Realschule besucht undenkbar ist. Auf der anderen Seite stehen Eltern aus bildungsfernen Schichten, für die Gymnasium elitäres Kokolores ist und die es auch mit ihrem eigenen Selbstbewusstsein nicht vertragen können, dass ihre Kinder "besser" sind als sie. 

Ich kenne beide Fälle aus Bekanntschaft und Verwandtschaft. Die Studienergebnisse überraschen mich deswegen nicht. Es überrascht mich auch nicht, dass Grüne und SPD die unverbindliche Empfehlung durchziehen wollen; das gehört seit Adam und Eva zur bildungspolitischen Haltung dieser Parteien und ist fester Teil dessen, was man gerne als "Markenkern" der Parteien begreift, ebenso wie der Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems, der verbindlichen Empfehlung und der Kopfnoten sich in jedem CDU-Wahlprogramm finden werden. Bevor hier Missverständnisse aufkommen: ich gehe mit der CDU nur insofern d'accord, als dass ich die verbindliche Empfehlung beibehalten würde, vielleicht sogar ergänzt durch eine unabhängige Prüfungseinrichtung, die immer dann angerufen wird wenn Lehrerempfehlung und Elternwunsch voneinander abweichen. 

Die beste Möglichkeit, die bestehenden Ungleichgewichte besonders on der Sozialverteilung weiter abzubauen dürfte in zwei Schritten bestehen: einerseits muss das ständige Gerede von der "Bildungsrepublik Deutschland", dem höchsten Gut Bildung etc. pp. - also das beständige Wahlkampfgeschwafel - endlich einmal insofern Wirklichkeit werden, als dass die überwältigende Mehrheit in Bildung tatsächlich ein echtes Ziel und einen großen Mehrwert erkennt und dass nicht die Mittelmäßigkeit und das Proletentum in höchsten Tönen gelobt wird. Dazu gehört auch, dass es nicht immer Ausdruck von besonderer Volksnähe von Politikern ist, wenn sie nur möglichst prollig im Bierzelt sind und so tun als ob Mamas Eintops das höchste der kulinarischen Gefühle wäre. "Volksnähe" dadurch zu demonstrieren, dass man seine Bildung möglichst gut versteckt ist eigentlich eine Beleidigung eben dieses Volkes, aber es gehört zum politischen Standardritual seit es Wahlen gibt. 

Der zweite Schritt besteht in der Durchsetzung von Ganztagsschulen. Der Trend geht ohnehin bereits in diese Richtung, aber es ist notwendig das endlich auf breiter Front durchzusetzen. Je länger die Schüler Zeit miteinander in der Institution Schule verbringen, desto mehr werden soziale Unterschiede abgebaut - das haben diverse Studien belegt, und das ist auch das einzig positive, was sich an der Einführung des G8 finden lässt. Wenn schulische Erfolge ihre Basis weniger im Lernen zuhause finden, wo sie von den Fähigkeiten der Eltern und ihrem Geldbeutel und Offenheit bezüglich Nachhilfeunterrichts und entsprechender Freizeitbetätigungen sind (das berühmte Erlernen eines Instruments etwa), sondern stattdessen in die Schule verlagert werden, die selbst AGs zur Freizeitgestaltung und Kurse für Schüler anbietet, die Probleme mit dem regulären Curriculum haben, dann werden diese Unterschiede eingeebnet. Vollständig ignoriert werden sie natürlich nie, und die totale Gleichheit ist eine Illusion.

Es wäre allerdings wirklich an der Zeit, die tausendfach bemängelte soziale Selektion des deutschen Schulsystems endlich zu reduzieren und nicht nur ständig darüber zu reden. Dazu hilft es nicht, wenn gut gemeinte, aber nicht gut gemachte Reformen aus der ideologischen Mottenkiste durchgeführt werden, wie Grün-Rot das jetzt tut. Was es braucht sind tatsächlich umfassendere Betreuungsangebote auf allen Ebenen. Was das braucht ist Geld. Es ist notwendig, endlich tatsächlich ins Bildungssystem zu investieren, anstatt ständig nur kosmetische Operationen durchzuführen, die möglichst wenig Geld kosten.

Kommentare:

  1. Das kann man sicherlich von zwei Seiten sehen. Richtig ist, dass unser Bildungssystem eines kompletten Umbaus bedarf.
    Allerdings wird ja gerade das von den sogenannten Bildungseliten verhindert, die wollen nämlich nicht, dass der Nachwuchs des Pöbels mit ihrem Nachwuchs die Schulbank drückt.
    Das ist ziemlich zementiert hierzulande.
    Wäre die Lehrerempfehlung in Hessen verbindlich, hätte unsere jüngste Tochter nicht die Schule ihrer Wahl besuchen dürfen, man hielt sie für nicht gymnasialtauglich.
    Sie wurde von uns als Kann-Kind ein Jahr früher eingeschult, weil sie das so wollte, besucht jetzt nach den Sommerferien die 13. Klasse eines klassischen Gymnasiums und zählt zu den Jüngsten ihres Jahrgangs. Sie ist sozial außerordentlich kompetent, das deutete sich bereits in der Grundschule an, ist Mentorin für eine Unterstufenklasse, wirkt mit beim Jahrbuch-Team, ist Stufensprecherin und vollauf zufrieden mit und in ihrer Schule.

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  2. Deswegen sag ich ja esbäruchte eine Schlichtungsinstanz. Aber einen kompletten Umbau des Systems halte ich bei weitem nicht für notwendig.

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  3. Also, ich fände es für den Anfang schon gut, wenn man das Problem der sozialen Selektion etwas besser in den Griff bekommen würde.
    Es gibt hierzulande einige Reformschulen, deren Ergebnisse deutlich beweisen, dass es geht.
    Heißt für mich, es wird hier viel Potenzial verschenkt, bleibt liegen sozusagen.
    Und da wir nur unsere Kinder haben, ist das für mich irgendwie fatal.
    Zur Info, begleite drei Kinder auf ihrem schulischen Weg, und habe sozusagen alles durch, was man da so erleben kann.
    Unsere älteste Tochter wäre beinahe an diesem System gescheitert, zu wenig selbstbewusst, zu still, zu schüchtern, was auch immer, sie passte da schlicht nicht rein. Und unser Sohn, Legastheniker, keine anständige Förderung von Seiten der Schule, eher im Gegenteil, man machte ihm das Leben ordentlich schwer, und erst ein Schulwechsel brachte endlich Ruhe in das leidige Thema, wie auch bei unserer ältesten Tochter, die dadurch nebenbei noch eine Menge Zeit verlor.
    Diese ganze Problematik brachte mich dazu, mich intensiv mit unserem Schulsystem zu beschäftigen und eigentlich halte ich es für grottenschlecht. Es fördert nicht, es grenzt aus, leider.
    Nun gut, das hier ist sicher nicht der Platz, um das ausführlich zu diskutieren.
    Zumal der Artikel ja genau die Punkte aufgreift, die auch für mich die Fehler im System darstellen. Vor allen Dingen den letzten Absatz möchte ich da dick unterstreichen.
    Allerdings sind auch die Schulen selbst zum Teil sehr veränderungsresistent. Junge, engagierte Lehrer stoßen da schnell an ihre Grenzen, werden gemobbt, wenn sie etwas anders machen wollen.
    Wir sind zu sehr fixiert auf Be- und Verurteilung. Das bindet Ressourcen und bringt uns insgesamt nicht weiter.

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  4. Verbindliche Schulempfehlungen sind Müll.
    Ich selbst durfte 4 Jahre meines Lebens verschwenden, da ich eine Hauptschulempfehlung bekam. Ergebnis: Abgang nach der 8 Klasse ohne Abschluss, mühsames Hocharbeiten bis zum Abitur. Ging damals noch. Heute möchte ich sowas keinem Jugendlichen wünschen.

    Inzwischen studiere ich auf Lehramt, sehe die Problematik also auch von der anderen Seite.

    Ich würde mir nicht anmaßen wolen, auch nur einem "meiner" Schüler eine verbindliche Empfehlung zu geben. Bei Klassen mit 30 Kids kann ich das schlicht nicht leisten. Begabungen sind oft einfach zu individuel, die Entwicklungen, die ein Kind in der Pubertät macht, unabsehbar. Da fließen einfach so viele Faktoren ein, die ich als Lehrkörper unmmöglich durchkalkulieren kann.

    Deine Idee mit der Schlichterinstanz is ja nett aber praktisch sinnlos. Sin wir hier bei Stuttgart 21? ;-) Wie soll diese Instanz denn ein Kind einschätzen können, das ihr bis dahin völlig unbekannt ist? Noch mehr Instanzen, Verbindlichkeiten etc. sind völlig unangebracht. Individuelle Förderung, das ist es, an dem es mangelt. Um dies zu ermöglichen, müssten entsprechende Strukturen geschaffen werden. Dann können sich Lehrer + Eltern zusammensetzen und gemeinsam über das Wohl des Kindes entscheiden. Und dann sollte auch das Kind noch was sagen dürfen. Muss man ja auch mal sagen.
    Mehr Instanzen braucht es nun wirklich nicht.

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  5. Hallo,

    guter Artikel und ich stimme Dir fast überall zu.
    Einige Anmerkungen noch:
    Diese Vermittlung wenn Lehrerempfehlung und Elternwunsch voneinander abweichen gibt es ja schon längst. Es wird vermittelt und dann gibt es einen Test. Von meiner Frau weiß ich dass erfahrungsgemäß die meisten Eltern ihren Willen am Ende bekommen haben und somit in der Praxis diese Empfehlung längst leider nicht mehr bindend war. Dies war aber vielleicht an anderen Schulen anders, ist nur der Erfahrungswert von hier.

    Noch ein anderer Aspekt aus der Praxis der meine Sicht der Dinge doch geändert hat: Wenn die Eltern nun keine Angst mehr haben müssen dass ihre Kinder nicht aufs Gymnasium kommen hört vielleicht dieser unsägliche Leistungsdruck auf. Die Eltern machen ab dem Kindergarten so viel Druck und drangsalieren Kinder und Lehrer nur um den geforderten Notenschnitt am Ende der 4. Klasse zu erreichen. Es gibt Eltern die schon bei der Kooperation im Kindergarten nichts anderes im Kopf haben als die 4. Klasse und die Empfehlung. Kinder haben in der 2. oder 3. Klasse Schulangst und kriegen Heulkrämpfe wenn sie eine 2 haben. Ich hielt derartige Geschichten immer für Einzelfälle aber zumindest hier sind das wirklich viele Eltern die so ihre Kinder mehr oder weniger kaputt machen.

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