Montag, 27. November 2006

Unterschicht oder nicht Unterschicht, eigentlich keine Frage

Hans-Ulrich Wehler, den meisten Zeitgenossen sicherlich durch die von ihm formulierte These des "deutschen Sonderwegs" bekannt, hat in der Zeit einen Artikel verfasst, in dem er auf die Unterschichtenthematik und die aktuell daraus erwachsene Kritik eingeht. In diesem bringt er sein Unverständnis über die deutsche "Vogel-Strauß-Taktik" zum Ausdruck, die, im Gegensatz zu allen anderen Ländern, die Existenz von Klassen zu verschweigen sucht und stellt die rhetorische Frage nach ihrem Sinn. Außer den Abgeordneten der Linkspartei, die er aus irgendeinem Grund als Steinzeitmarxisten diffamiert, hat bisher niemand Kritik an den Zuständen angemeldet.
Dabei verweist Wehler natürlich darauf, dass die Klassenunterschiede nicht mehr so schmerzhaft zutage treten wie im 19. Jahrhundert - das tägliche Leben ist heute gottlob keine Frage mehr. Er verweist auch auf den Einkommensdrift hin zu den neuen oberen Bürgerklassen, bringt jedoch ein verblüffendes Faktum in die Diskussion ein:
"Die Verteilung des Geldvermögens ist in den ersten vier Jahrzehnten der Bundesrepublik auffallend stabil geblieben. Bereits in den sechziger Jahren hatte der Ökonom Wilhelm Krelle in einer sorgfältigen Analyse ermittelt, dass die winzige Minderheit von 1,7 Prozent aller Haushalte über 74 Prozent des Produktivvermögens und 35 Prozent des Gesamtvermögens verfügte. Dreißig Jahre später ergab seine Kontrolluntersuchung einen nahezu identischen Befund." Daraus resultiert, dass die Sozialpolitik keine Veränderungen bei der Einkommensverteilung in Hinblick auf eine Nivellierung der Unterschiede erreicht hat. Was Wehler dabei nicht beachtet ist aber, dass es auch keine Vergrößerung der Unterschiede gab - und das trotz Thatcher, Reagan und Schröder/Merkel. Und die Reichen werden immer Reicher, nur hat die Sozialpolitik dafür gesorgt, dass das Verhältnis gleichbleibt und auch die unteren Schichten profitieren. Genau dieses Konstrukt gerät nun jedoch ins Wanken.
Zurück zum Artikel. Wehler stellt weiterhin fest, dass die Bindungen zwischen Menschen weiterhin zu 60-80% innerhalb des eigenen Milieus geschlossen werden und damit eine starke Undurchlässigkeit des sozialen Systems geschaffen ist. Lösungsansätze oder weitergehende Folgerungen weiß er allerdings nicht zu bieten.
Er endet mit einem sehr realistischen wie ehrlichen Ausblick:
"Offene Diskussionen, auch über Reichtum, sind notwendig: Völlig verfehlt ist in diesem Zusammenhang der immer wieder auftauchende Vorwurf des Sozialneids, wenn nüchterne Daten zur sozialen Ungleichheit angeführt werden. Ebenso kurzatmig ist freilich die Anklage aus der SPD-Linken, dass die Wurzel allen Übels in Schröders Agenda 2010 liege: Die hat die »Unterschicht«, über die endlich gesprochen werden muss, nun wirklich nicht geschaffen. Besaß die Linke bisher eine honorige Tradition der Sozialkritik, ignoriert sie jetzt vollständig die historische Tiefendimension der Probleme, welche in der Sozialstruktur der Bundesrepublik gespeichert sind."
Man sollte dabei nicht übersehen, dass "die Linke" für Wehler dabei immer noch - zu Unrecht - die SPD ist, denn wie er zu Anfang des Artikels bemerkte, trifft seine Kritik für die Linkspartei nicht zu.

Kommentare:

  1. Könnest du dich an dein gewohntes Niveau (alternative Bildzeitung) halten, deine Texte werden mir deutlich zu lang. Es ist blöd wenn ich erst 2 Stunden später lachen kann ;-)

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  2. *g* ich habs gelesen

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