Donnerstag, 26. Juni 2008

Zum Fußball-Patriotismus

Dieser Tage ist wieder großes Flaggenschwingen und "'schland"-Schreien angesagt, denn "wir" sind im Finale. "Wir", das ist mitnichten Deutschland, das ist die deutsche Nationalmannschaft. Nun wurde bereits im Vorfeld, Nachfeld und während der WM2006 viel über den "neuen Patriotismus" debattiert, wurde geargwöhnt, dass die Deutschen nach dem Fahnenschwingen noch schnell eine Bratwurst mit Sauerkraut essen, die Pickelhaube aufsetzen und Frankreich überfallen würden. Nichts davon ist eingetroffen, der "Patriotismus" verschwand mit einem Großteil der Fahnen trotz Kampagnen wie "Schwarz-Rot-Geil - wir machen weiter" der BILD wieder in den Kellern. Jetzt wird er zur EM wieder ausgepackt, um eine Wiederholung der Party von 2006 in kleinerem Maßstab darzustellen.
Soweit die Bestandsaufnahme. Ist das nun gut oder schlecht? Fußball hat keinerlei Tendenz zum Weltverbessern in sich, da mögen Anti-Rassismus-Erklärungen eines Ballack noch so schön wirken. Er ist ein Massensport, und ein kommerzialisierter noch dazu. Das muss nichts Schlechtes sein, nur sollte man sich nicht zuviel davon erhoffen, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Weder werden "wir" "uns" für einen neuen "Patriotismus" begeistern und wie der Klischee-Amerikaner jeden Morgen die geheiligte Fahne vors Reihenhaus hängen, noch werden "wir" plötzlich wegen ein paar Balltretern plötzlich das Verlangen bekommen, Nachbar Ali zusammenzuschlagen.
Die Menschen identifizieren sich bei WM und EM nicht mit den Nationalstaaten, in deren Namen die Mannschaften antreten. Sie identifizieren sich bestenfalls mit Kunstgebilden wie "Schland", die äußerst kurzlebig geschaffen wurden und eine Art Einheit darstellen, ein Topos, unter dem man sich vereinen kann. Immer wieder für Unwohlsein sorgt dieser "Patriotismus" nur, wenn er zu plötzlichen Aufwallungen von Rassismus führt. Manches davon mag echt sein, aber ich bin überzeugt, dass der Großteil der im Fußballrausch getätigten Aussagen negativer Natur über eine andere Mannschaft ("Scheiß-Türken", beispielsweise) gar nicht wirklich den Türken als solchen gelten, sondern eben der Mannschaft, die im Namen der türkischen Nation antritt - die man aber als Urlaubsziel sehr schätzt.
Deswegen sind auch Forderungen wie "eigentlich müssten die Türken in Deutschland für Deutschland sein" vollkommener Humbug. Die Türken in Deutschland können selbstverständlich für "die Türkei" sein, denn das ist bloß ein Ausdruck geteilter Identität. Das Unwohlsein und das Aufladen der Spiele mit allerlei ideologischem Tand (bis hin zu dem wirklich abschreckenden Schauspiel der auf der ViP-Tribüne jubelnden Kanzlerin) sind es, die sie von "normalen" Spielen abheben. Wenn der VfB gegen den FC Bayern spielt, würde niemand auf die Idee kommen, gegen "Bayern" pöbelnde VfB-Fans würden gleich mordbrennend in den Nachbarstaat einfallen. Warum das immer wieder zur erklärten Tatsache wird, wenn statt Vereinsfarben Nationalflaggen wehen, entzieht sich meiner Kenntnis.

Der Beitrag versteht sich auch als Erwiderung auf ad sinistrams "Fußball, Schach oder Halma? - Egal, Hauptsache national".

Kommentare:

  1. Internationaler Wettbewerb, sofern er das nationale Dasein in den Mittelpunkt erhebt, fördert den Nationalismus. Was in diesen Tagen so trivial daherkommt, ist ebenso Produkt eines Wettbewerbdenkens, wie die ökonomisch-imperialistische Komponente, die dem klassischen Nationalismus sein Gesicht verlieh und heute noch verleiht. Das Besserseinwollen wird zu einem Besserseinmüssen, zu einem schieren Zwang, den nationalen Vorzug zu seinem Recht zu verhelfen.

    Freilich: Der Fußballpatriotismus äußert sich in der Sparte des Fußballs, ergreift nicht jegliche Nische des Lebens. Oder doch? Und hier genau setzt meine Kritik ein: Der forcierte Nationalismus dieser Tage, der sich zwar vornehmlich beim Fußball äußert, der aber durch seine Machtergreifung in allen Sparten des alltäglichen Lebens Zulauf gewinnt, offenbart einen Totalitarismus, wie ihn nur der vulgärste Nationalismus vergangener Tage an die Oberfläche brachte. Nirgends ist man davor sicher, dem Deutschsein in Form von DFB-Nibelungentreue zu begegnen. Kaufaktionen, Angebote, Schnäppchen, Kindersendungen im TV, Verkaufsfernsehen, Arzt- und Kochsendungen, Regenbogenpresse, Tageszeitungen etc. kennen nur noch ein Ziel, ob bewußt oder unbewußt ist dabei einerlei: Die Zentralisierung des Fußballs - und das heißt: des trivialen Nationalismus - in der Gesellschaft. Wenn selbst Kochsendungen Rezepte präsentieren, die man in der Fußballzeit schnell, effizient, lecker und leicht zubereiten kann, damit - so heißt es oft in der saloppen Ankündigung - mehr Zeit zum Feiern und Anfeuern der deutschen Mannschaft bleibt, dann zeigt sich da ein totalitäres Nationalsein, wie man es hierzulande vorher so nicht kannte.

    All das klingt harmlos und wäre es auch, wenn gerade junge Menschen verstünden, dass diese gröhlend-saufende Stolzmachung der Deutschen eine kommerzialisierte Show ist, besser: sein könnte. Doch man darf davon ausgehen, dass sich Massen von Menschen, vielleicht auch gar nicht nur junge Menschen, konditionieren lassen, eine Vorprägung für höhere Ziele erhalten. Die Großmanns- und Weltgeltungssucht Deutschlands in der EU und in der Weltpolitik generell, weist eindeutig in diese Richtung. EU-Politik bedeutet für die Deutschen Regierungen, egal unter welcher Führung: Europäische Deutschlandpolitik. Mit allem drum und dran, auch mit der Ächtung von Volksentscheiden im europäischen Ausland oder der lautstarken Drohung mit Ausschluß etc.

    Wahr ist natürlich auch, dass das Verlesen von antirassistischen Vierzeilern, so wie es gestern Rüstu und Ballack taten, keinerlei politische Wirkung erzielen kann. Wie könnte es auch Wirkung haben, wenn ein Millionär, der sich sonst einen faden Dreck um politische Inhalte schert, weil er in Chelsea lieber Millionen und Titel sammelt, plötzlich zum Frömmler wird? Warum, so fragte ich mich in jenem Moment, steht da keiner dieser Spieler auf und sagt: "Es mag ja eine gute Sache sein, die ich da verlesen soll, aber Freunde: Ich bin Fußballer und lasse mich nicht zu politischen Botschaften hinreißen. Nicht für zweifelhafte Botschaften, aber in aller Konsequenz auch nicht für edlere Versionen davon." - Das wäre konsequent und viel glaubhafter als der Zirkus, den man gestern diesbezüglich veranstaltete. Doch dies nur am Rande. Wie gesagt: Der Fußball, das Involvieren von politischen Botschaften jeglicher Art, hat keinerlei Wirkung. Aber der Nationalismus dieser Tage, transportiert vom Fußball, wirkt nicht direkt ein, sondern forciert eine Tendenz. Man hört heute immer öfter und ich gebe gleich vorweg zu, dass dies natürlich eine subjektive Wahrnehmung meinerseits ist, dass man wieder stolz sein könne, Deutscher zu sein. Im Bayerischen Fernsehen meinte ein Psychologe, dass die WM 2006 den deutschen Makel der Historie beseitigt hätte, man sei wieder wer. Andere traten an mich heran und meinten, man sollte immer Flagge zeigen, nicht nur zur EM, denn man sollte nicht nur, man muß sogar stolz auf seine Nation sein. Der Fußball erleichtert den Einstieg in die Renationalisierung dieses Landes und - und dies ist die eigentliche Aussage, die ich immer wieder in meinen letzten Artikeln kundtun wollte - der Totalitarismus des Ereignisses, das Einbinden der EM in jegliche Lebenslage, so dass z.B. sogar Schichten in Betrieben früher beendet wurden, damit ja jeder Deutsche "seine" Mannschaft sehen kann, zeugt von einer widerwärtigen Art Mobilmachung, macht das standhafte, unkritische Deutschsein salonfähig.

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  2. Ich verstehe diese ständige Überbewertung von Fußball an sich und jetzt zur EM im Besonderen auch nicht. Werden auch Ängste vor Randalierern beschwört werden, wenn Russland unser Finalgegner sein sollte? Wenn wir jedoch gegen Spanien spielen, wird vermutlich keiner auf diese Idee kommen....schon komisch.

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  3. Eigentlich gar nicht komisch. Ein Finale zwischen Leverkusen und Hamburg in der Bundesliga dürfte hierzulande (Stuttgart) nur wenige kratzen, ein Finale zwischen Stuttgart und Bayern dagegen umso mehr. Das gleiche ist es mit den EM-Mannschaften: Spanier gibt es hier fast keine, und historisch-kulturellen Bezug auch nicht.

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  4. Ernst gemeinte Frage: Ist die "Wenn Deutschland Europameister wird, brennen bald auch wieder Asylantenheime"-Reaktion einiger nicht keinen Deut weniger paranoid als die "Bürgerkriegs"-Prognose die PI vor dem Spiel Deutschland-Türkei so offen schürte?

    (Voreingenommen da Fußballfan. Und zwar auch außerhalb der EM.)

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  5. Halte ich für Unsinn. Die meisten Leute sehen das Ganze doch eher als Party.

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  6. Tschland!

    Kinder, bewertet das alles doch bitte nicht über. Na klar - die Kommerzialisierung ist fürchterlich, aber wer - wie ich - z.B. das Fernsehen (außer bei Fußballübertragungen ;-)) boykottiert, kriegt davon fast gar nichts mit. Wer sich darüber echauffiert - Glotze aus, das ist eh besser.

    Auch widerspreche ich der These, das Fußball wenig bis nichts zur "Völkerverständigung" beitragen könnte. Ich habe mir das gestrige Spiel auf einer Public Viewing Veranstaltung angesehen, auf der rund 200 Deutsche und rund 400 Türken waren - ein nettes Erlebnis. Während die Deutschen sich (bis zum Schlusspfiff) angenehm zurückhielten, demonstrierten die Türken einen überbordenden"Fußballnationalismus". Das Schönste an der Sache war jedoch, dass abseits des Spiels Deutsche und Türken auf diese Art und Weise zueinander fanden - jeder war freundlich und verkündete, er würde "dem anderen" den Sieg zwar auch gönnen, aber letztendlich solle doch das "eigene" Team gewinnen. Von zig Türken hörte ich als Statement, sie können eh nur gewinnen - gewinne die Türkei, gewänne ihre alte Heimat, gewinne Deutschland, gewänne ihre neue Heimat. Ich bin der Meinung, der gestrige Fußballabend hat mehr für die deutsch-türkische Verständigung gebracht, als hunderte Maßnahmen von "Minderheitsbeauftragten" der Kommunen - und das ist doch mal ein positives Fazit ;-)

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  7. Ich tendiere auch eher zu deiner positiven Sicht der Dinge.

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  8. "Die meisten Leute sehen das Ganze doch eher als Party."

    Was die Angelegenheit leider auch nicht besser macht. Ich hoffte immer, dieser Paaahthiiiiie!!!-Wahn wuerde irgendwan ein Ende finden.

    ;-)

    Im uebrigen schaue ich mir die EM, soweit ich Zeit finde auch an - dabei ist mir egal, wer gerade spielt. Und es hat sich ja auch wieder mal gezeigt, dass die Qualitaet des Gebotenen eben nicht an bestimmten Mannschaften festgemacht werden kann.

    Allerdings ist dieser merkwuerdige Ehrgeiz ueberall und um jeden Preis Erster sein zu wollen, schon einigermassen bedenklich, insbesondere dort wo er jenseits der sportlichen Sphaere sich zeigt. Ich weiss nicht wie oft ich von Frau Merkel Saetze wie "Deutschland muss wieder einen Spitzenplatz einnehmen, Erster werden usw.usf schon gelesen habe. Ich weiss aber, dass es zumindest fuer meinen Geschmack viel zu oft war.

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