Montag, 15. September 2008

Was ist moralisch?

In der Süddeutschen Zeitung findet sich ein Artikel zum Thema Sexualität von Jugendlichen. Er nimmt Bezug auf ein Buch von Pastor Bernd Siggelkow und Autor Wolfgang Büscher, "Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist". Darin wird behauptet, dass die Kinder/Jugendlichen immer schnelleren und unkontrollierteren Zugang zu Pornographie hätten, was sie sozial verrohen ließe. Anstelle von zärtlicher Liebe gebe es "Brutalsex", statt Monogamie Gruppensex, und so weiter, und so fort, eben all die Dinge, die einem Konservativen den nackten Angstschweiß auf die Stirne treiben.
Dass die Autoren selbst einräumen, dass ihre Untersuchungen nur Einzelfälle beträfen und keineswegs repräsentativ seien (nur 10% der 14jährigen und 66% der 18jährigen geben an, ihr Erstes Mal schon hinter sich zu haben), schlug das Ganze in Bild und tz natürlich hohe Wellen. Ein Aufregerthema nach Geschmack des Boulevards, wo man hinter der Fassade der moralischen Entrüstung in Sexualphantasien schweben konnte, eine Methode, die schon seit jeher gut funktioniert - man denke nur an all die Darstellungen der verschiedensten fleischlichen Sünden aus beliebigen Religionen...
Aber das soll nur am Rande Thema sein. Mir stellt sich vielmehr die Frage: warum wird hier ein solcher Aufstand gemacht? Warum wird von "sozialer Verwahrlosung" geredet? Moral ist eine äußerst subjektive, beständigem Wandel unterworfene Kategorie, und es waren nur selten die Menschen über dreißig, die hier Dämme eingerissen haben, und solche sind es meist, die Artikel voll Entrüstung schreiben. Davon einmal abgesehen entrüsten sich die Erwachsenen überliefert schon seit Sokrates über die Sittenlosigkeit der Jugend, weswegen das ein alter Hut ist.
Heute aber sollten wir eigentlich weiter sein. In der Liebe und in der Sexualität sollte alles erlaubt sein, solange beide Seiten es freiwillig tun und ihren Spaß dabei haben. Was ist das viele Gerede von Liberalität wert, wenn es im sozialen Bereich (den ich für allemal wichtiger halte als den wirtschaftlichen) so daran hapert? Sexualität ist Privatsache, auch unter Kindern und Jugendlichen. Die Gefahren einer Teenagerschwangerschaft und von Sexualkrankheiten (die von Teenagern nicht richtig eingeschätzt werden können) machen es notwendig, Informations-Prävention zu betreiben und den Erziehungsberechtigten in solchen Fällen auch die entsprechende Sanktionsgewalt zuzusprechen.
Aber mit dem Untergang des Abendlandes hat es definitiv nichts zu tun. In meinen Augen ist unsere Gesellschaft ohnehin reichlich verklemmt im Umgang mit der Liebe und der Sexualität. Wir sollten uns unserer Körper wieder bewusster werden. Das muss nicht jeder wollen, und es gibt auch keinen Zwang dazu - auch das gehört zur Liberalität. Aber wem es gefällt, dem soll es belassen sein - auch und gerade wenn er noch jünger ist. Wolllüstige Skandalisierungen sind hier völlig fehl am Platze.

Weitere Quellen:
Sex im Plural

Kommentare:

  1. Nachdenkseiten-Leser:

    Tja, wir haben ja einen deutschen Papst, der neuerdings auf der Fundamentalismus-Welle reitet.

    Denke ich so falsch, wenn ich hier Zusammenhänge sehe?

    Man will wieder zurück in die gute alte Zeit vor 1968, und da ist den erzkatholischen Konservativen in unseren Mainstream-Medien und Parteien jedes Mittel recht - auch das Hineinregieren in die Betten unserer Jugendlichen/jungen Erwachsenen.

    Woher kenne ich als Agnostiker dies? Gab es das nicht schon einmal bei einem Papst, der natürlich selbst fleißig Kinder zeugte, aber den christlichen Ehepartnern den Sex verbot? War dies beim - mit Lehrverbot belegten - Theologen Horst Herrmann, oder beim deutschen Voltaire Karlheinz Deschner?

    Ich weiß es nicht mehr, aber ich halte die Tendenz uns Rückschritt als Fortschritt zu verkaufen, und Tatsachen zu verdrehen - aus religiöser Sicht - für ein hochgefährliches Potential. Siehe USA....und die islamistische Weltsicht....

    Mfg
    Nachdenkseiten-Leser

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  2. Es ist ohnehin interessant, dass die große Sittenstrenge und verklemmte Sexualmoral erst mit dem Sieg der bürgerlichen Revolution und dem Zeitalter der Rationalität eintrat.

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  3. @Oeffinger Freidenker - von Nachdenkseiten-Leser:

    Tja stimmt.

    Übrigens, ich verfolge das Geschehen was die Religions- und Kirchenkritik angeht über folgende Homepage: http://hpd.de.

    Dort erfährt man heute unter anderem etwas über die Umdeutung des Vernunftbegriffes durch BenediktXVI - wenn es nach diesem Geschichtsfälscher geht, dann hat die Kirche die Vernunft gepachtet, und nicht - wie es tatsächlich war - die großen Rationalisten um Voltaire z.B. die gegen die Kirchen und den damaligen Fundamentalismus gekämpft haben....

    Interessant ist auch, dass die Religiösen immer wieder Moral predigen während die selbst unmoralisch sind: "Wasserprediger und Weintrinker" eben - bis in höchste Kirchenkreise hinein.

    Gruß
    Nachdenkseiten-Leser

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  4. Naja du hast selbst gesagt, dass es hier um Kinder geht. Wenn Erwachsene Sex haben, oder von mir aus Jugendliche ab 16 Jahren, die schon eher einschätzen können was sie tun (ich behaupte nicht, dass sie das alle können...), dann kann ich da drüber stehen. Selbst wenn sie 14 sind finde ich das zwar noch zu früh, aber auch hier kann ich noch darüber hinwegsehen.
    Wenn jedoch achtjährige Kinder das erste Mal erleben oder andere Sex mit 12 schon viel zu spät finden, bin ich der Meinung, das etwas falsch läuft. Diese Jugendlichen sprechen nicht von Liebe oder von Sex aus Gefühlen, sondern einfach nur von der Befriedigung ihrer sexuellen Gelüste oder dem „es endlich getan zu haben, weil es cool ist“. Es ist traurig, dass Sex damit so offensichtlich degradiert wird.
    Es ist zudem ein auffälliges Phänomen, das ein überdurchschnittlicher Pornographiegenuss zu der Häufung sexueller Übergriffe führt. Nicht in jedem Fall, aber bei vielen sexuellen Straftätern wurde das eben festgestellt und vor allem bei denen der jüngeren Altersklasse.
    Interessant finde ich auch die Schicht, in der diese Ansichten von Sexualität vorkommen. Hauptsächlich in der Unterschicht, wo es die Eltern genauso gemacht haben und keine Aufklärung stattgefunden hat, außer durch die Bravo oder Pornos. Gerade in Pornos wird weder geküsst, noch Zärtlichkeiten ausgetauscht, sondern es geht einfach nur um Sex, ohne auf den Partner zu achten. Aus diesem Grund sieht man sich das an, woher sollen Kinder dann aber lernen, dass Sex ein Bestandteil einer erfüllten Beziehung sein kann, das man verhütet oder sich nicht damit rühmen muss, wie viele Frauen oder Männer man schon hatte?
    Ich erinnere mich an einen Urlaub mit Eltern einer Freundin. Die haben von Vö... und Pimp... gesprochen, während ihr siebenjähriger Sohn daneben saß. Ich habe mit meinen sechzehn Jahren heiße Ohren bekommen und es Geschlechtsverkehr genannt, weil es mir dem Kind gegenüber extrem unangenehm war. Wären wir unter uns gewesen, hätte ich weniger Hemmungen gehabt. Kinder sollten aber Kinder sein und sich nicht Gedanken darum machen, wie sie ihren Körper einsetzen können, um so etwas wie Liebe oder Zärtlichkeiten zu bekommen, die sie unter Umständen zuhause nicht erhalten. Ich finde das tragisch und aus diesem Grund auch problematisch.

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  5. Hmm,

    schon mal "Brave New World" gelesen? Manchmal erinnert mich unsere Gesellschaft an diese kranke Utopie.Sex ohne Liebe, Sex als Selbstzweck ohne Sinn und Verstand.Sex als oberflächlichliche Befriedigung. auch Erich Fromm "Die Kunst des Liebens" ist da sehr informativ, und kritisiert diese Sichtweise scharf. Natürlich stimme ich dir zu,dass wenn beide einverstanden ist, dass man damit keine Probleme haben sollte. Doch ist es nicht so einfach, es gibt auch unterschwelligen Druck unser "verkörperlichten Gesellschaft, doch möglichst viel Sex mitt möglichst vielen verschieden Partnern zu haben, s. Sex and the City, Desperate Housewives etc. wenn es in diese Richtung geht, finde ich es genauso schlimm wie die Zustände vor 1968.

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  6. Tut mir Leid, aber da kann ich nicht mit dir übereinstimmen. Ich habe Fromm auch gelesen, und Schöne Neue Welt ebenso. Allerdings stellt sich die Frage, warum es uns etwas angehen sollte, wenn irgendjemand Sex als reines Vergnügen, quasi der Liebe entkleidet, praktiziert. Das ist dann doch dessen und nicht mein Problem. Klar kann ich das bedauern, aber eigentlich rangiert so etwas auf dem gleichen Niveau wie die Wahl des Autoherstellers oder mein Lieblingsfußballclub. Ich kann es scheiße finden, dass derjenige ein Bayern München-Fan ist und für St. Pauli jubeln, aber das ist nichtsdestotrotz sein gutes Recht. An und für sich ist der sexuelle Bereich sogar deutlich intimer und sollte "die Gesellschaft" deswegen noch weniger angeben als die meist stolz nach außen getragene Anhängerschaft für irgendetwas anderes. Und wer hatte nicht schon einmal das Bedürfnis, Sex auch ohne Liebe einfach nur um des Sexes Willen zu praktizieren? Da ist doch nicht auch nur das Geringste dabei, und die meisten menschlichen Gesellschaften hatten damit auch kein Problem - eben abgesehen von der bürgerlichen, in welcher wir leben und die unsere Sexualmoral prägt.

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  7. Das Problem dabei ist und bleibt, dass Kinder so erzogen werden. Wenn Erwachsene das so handhaben, sollen sie das tun, solange sie nicht von einer Gesellschaft dazu "erzogen" werden, ist das ihre Sache. Aber eben nicht, wenn Kinder nichts anderes mehr lernen, weil die Eltern wegsehen und keine Aufklärung stattfindet.
    Mit zweölf Jahren fühlt man sich meistens unsterblich. Aids? Ja gibt es, aber sowas passiert mir nicht. Verhütung? Jaja, da kümmert sich bestimmt der andere darum und wenn dann ein Baby dabei herauskommt? Bekommen wir schon irgendwie hin, andere Teenagermütter schaffen das ja auch. Ausbildung? Nun, die bleibt auf der Strecke, aber die Arche wird schon helfen. Die Zukunft meiner Kinder? Klar sollen die das besser haben, aber zur Not, ich habs ja auch geschafft.

    Dieser sorglose Umgang mit sich, seinem Körper und zugegeben auch der Moral ist es, was erschreckt und so einfach nicht sein sollte.

    Davon mal ganz abgesehen, dass so ein kleiner Körper noch nicht dazu geschaffen ist Sex zu haben!Möglich ist der Verkehr vielleicht, aber gut bestimmt nicht. Nicht ohne Grund sind ursprünglich so viele junge Mädchen bei der Geburt gestorben oder haben sich beim Verkehr selbst innere Verletzungen zugezogen, bevor das heiratsfähige Alter nicht mehr so früh angesetzt wurde. Ein Kind ist ein Kind und kein Mann oder eine Frau.
    Und jedes Kind sollte die erste Liebe erfahren dürfen, mit schüchternem Händchenhalten und den verstohlenen ersten Küssen und nicht direkt den Druck versprüren nach dem ersten Date im Bett landen zu müssen.

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  8. Warum sollte das nicht sein? Wenn du den Druck erwähnst: bedenke bitte, dass meine Aussage stets nur für das gleichberechtigte Wollen beider Partner gilt. Der gefühlte Druck, es einfach tun zu müssen, weil "man halt muss", gehört da nicht mehr dazu. Hier ist es an den Eltern (vorrangig), Aufklärungsarbeit zu leisten, so dass sich die Kinder tatsächlich über die Bedeutung im Klaren sind und einigermaßen bewusst entscheiden können.
    Dass gerade in jungem Alter der von dir beschriebene Unsterblichkeistseffekt eine Rolle spielt, bezweifle ich gar nicht. Ich ziehe daraus nur den umgekehrten Schluss: man muss die Kinder und Jugendlichen an einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität heranführen. Dazu gehört sowohl "ja" zu sagen als auch "nein" zu sagen, ohne sich irgendwelchem Druck ausgesetzt fühlen zu müssen. Denn Druck ist jedes Mal vorhanden, einmal von der Gesellschaft in Form der bürgerlichen Sexualmoral, andererseits in der dagegen rebellierenden Jugend, in der angesagt ist, eben mit dieser Vorstellung zu brechen. Die in dem Artikel beschriebene Radikalität, dieses "wenn man mit 12 noch nicht hatte ist man scheiße", solche Radikalität kommt als Abwehrreaktion und Rebellion zustande, das war schon immer so. Sobald die Verhältnisse angeglichen werden, also eine Liberalisierung stattfindet, weichen auch die Extreme wieder, das hat man in der Geschichte immer wieder gesehen. Wie viele 68er blieben radikal? Fast keine, als der Grund für ihr Aufbegehren fiel. Genauso wäre es hier vermutlich auch. Würde der Umgang mit Sexualität unverkrampfter, würden auch die daraus resultierenden Exzesse wieder auf Einzelfallniveau zurückfallen. Skandalisierung und Sanktionen bewirken das Gegenteil.

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  9. Ich verstehe deinen Einwand bezüglich meines Brave New World Beitrags, aber ich glaube nicht dass du das Individium so leicht von der "Gesellschaft" trennen kannst. z.B wenn ich auf das Buch zurückkommen kann, wird die Hauptfigur gemobbt, weil er nicht jeder Woche mit einer anderen schläft.Genauso, die eine eher häusliche Frau aus "sex und the city" (habs nie gesehn, daher weiss ich nicht ob es genau stimmt), die auch eine Aussenseiterin in dieser Gruppe darstellt ,weil sie sexuell eher "konservativ" ist. Oder unsere sexuell aufgeladene Werbung (AXE,Autowerbung , usw usw) die suggeriert, dass die angepriesenen Produkte uns attraktiver für möglichst viele Frauen machen.Der Jugendkult,die Fleischbeschau bei "Germanys next Topmodel"usw. all das führt dazu, dass sich niemand diesem allgegenwärtigen Einfluss(nennen wir es mal "Sex-Druck":) ) völlig entziehen kann.Mein Problem ist eigentlich nur ,dass Sex, und damit meiner Meinung nach auch der Mensch, zu einem Konsumgut umfunktionalisiert wird. Etwas was man haben muss, um Teil einer trendigen, hippen Gruppe zu sein. Ich denke, daran kann man erkennen, dass mehr Sex nicht unbedingt eine freiere,individuellere Gesellschaft bedeutet, sondern dass die alten, prüden Werte,einfach durch neue "SEX DRUCK" Werte ersetzt wurden, die mit der Zeit genauso ausgrenzend werden wie die alten.

    PS: Ich bin sexuell nicht frustriert und Teil einer hippen,trendigen Gruppe

    PPs. Allein, dass ich mich genötigt sehe dieses "PS" zu schreiben, beweist meine These:)!!!!!!!(Mach nur spass, aber you get my point?)

    PPS: du hast nen Super-Blog!

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  10. Danke für dein Lob! Wie aus meinem obigen, wohl gleichzeitig mit deinem geschriebenen, Kommentar hevorgeht, ist für mich jede Form von Zwangsausübung daneben. Deswegen ist natürlich auch das andere Extrem zur verklemmten Sexualmoral, eben der Druck zur Polyamorie, nicht tragbar. Für was ich mich stark machen wollte ist, Sexualität und Liebe den Status der Privatheit zuzugestehen, den sie eigentlich verdient hat.

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  11. Mein Problem mit deiner Meinung ist, dass du diese Kinder als kleine Erwachsene betrachtest, aber das sind sie nicht. Sie sind Kinder, schieb das bitte nicht einfach so zur Seite. Du kannst und darfst sie nicht mit denselben Maßstäben messen!

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