Mittwoch, 23. Juni 2010

Ein neues Ruanda?


Die NachDenkSeiten veröffentlichten heute eine Mail aus Kirgistan, in der bereits am 15.6.2010 dringend darum gebeten wurde, die Welt auf die dortige Situation aufmerksam zu machen:
“Wir befinden uns inmitten eines Krieges (Kirgisien, Stadt Osh). Hier passiert gerade etwas Furchtbares, Unvorstellbares!!! Das Erschreckende ist, daß in den Massenmedien nicht einmal ein Zehntel dessen wiedergegeben wird, was hier vor sich geht. Eine “Ethnische Säuberung”, wenn man so will. Ganze Stadtteile mit von Usbeken bewohnten Häusern sind bis aufs Letzte abgebrannt, Menschen werden in ganzen Familien inklusive Frauen und Kinder niedergemetzelt. Draußen sind ganze Berge von Leichen und Verletzten, denen niemand Hilfe leistet. Ganze “Armeen” junger Menschen kirgisischer Herkunft wüten in aufgebrachtem und oft nicht nüchternem Zustand bewaffnet durch die Stadt; sie töten und verbrennen alles, was ihnen in den Weg kommt.
Das ganze wird von der Politik unterstützt. Der innenpolitische Konflikt ist lange gereift, sodaß jemand jetzt auf sehr listige Weise davon Gebrauch machen konnte. Es scheint, als ob gerade deswegen die Staatsoberhäupter stillsitzen und darüber schweigen, was hier passiert. Mein Eindruck ist, daß das Weggucken unserer Regierung irgendwie durchdacht, geplant ist.
 

Sergey (mein Schwiegervater) ging heute morgen auf hohes Risiko und zu unser aller Schrecken aus dem Haus, um Lebensmittel zu holen. Auf der Straße lag ein verletzter, sterbender alter Mann. Sergey wollte ihm helfen und drehte ihn auf den Rücken um. In dem Augenblick kam eine Gruppe von Jugendlichen angerannt und begann, den Alten mit Füßen zu treten. Einer von ihnen schrie: “Das ist doch ein Kirgise!”; ein anderer entgegnete: “Nein, er ist Usbeke! Komm, wir zünden ihn an!” Als Sergey in Hilflosigkeit wegging, lag der Alte bereits tot und in Flammen auf der Straße.
 

Von offizieller Seite her wurde gesagt, man solle alle Gewalttaten und Chaos verhindern, aber daran hält sich hier niemand. Das Zugucken geht weiter! Helikopter fliegen herum und Autos fahren mit Blaulicht durch die Gegend, aber das alles passiert nur zum Schein – es gibt keinerlei aktive Hilfe von Seiten der Polizei oder offizieller Organisationen.
 

Letzte Nacht hat eine Kämpfergruppierung ein Militärgelände, nicht weit von unserem Haus, eingenommen. Dort gibt es Waffen, Helikopter und vieles mehr. Sie haben schon davor eine riesige Menge an Waffen gehabt (wir fragen uns, woher die ganzen “einfachen Leute”, die gegeneinander kämpfen solche Schusswaffen bekommen konnten?), und jetzt werden es immer mehr, und dazu noch schweres Kriegsgerät.

Für uns hier bedeutet das Ganze, daß wir nicht mehr an Lebensmittel kommen, vielen droht schon jetzt reale Hungersnot, denn die Reserven gehen zuende. Es wird uns verkündet, daß es Hilfslieferungen gibt mit Essen, Wasser und Medikamenten, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Brot ist gerade geliefert worden, aber seltsamerweise bekommen die Russen davon nichts ab. Wir wollen kein Brot! Wir wollen Leben!!! Warum wird in den russischen Nachrichten gesagt, daß sich der Zustand hier stabilisiert hat, obwohl hier alles immer schlimmer wird? Es gibt nur eine Antwort – jemand möchte nicht, daß die Welt davon erfährt. Oder sie tun einfach nur so, als würden sie es nicht bemerken.
 

Mein Ziel ist es, diese Nachricht so weit wie möglich zu verbreiten – daß so viele wie möglich weltweit von der Situation hier erfahren. Wir fürchten, alleine gelassen zu werden mit unserem Leid!!! Die Tatsache, daß der kleine Anteil an hier lebenden Russen bisher verschont wurde, ist wohl nur eine Frage der Zeit. Die wütende Bevölkerung hat Blut gerochen, den Kampf angesagt und gesehen, daß sie ungestraft davon kommen würden. Wir haben hier Todesangst! Jeden Tag wissen wir nicht, ob wir ihn noch überleben werden. Bitte, gebt diese Nachricht an alle Möglichen Seiten weiter, stellt sie in die Nachrichten und Foren!!! Bitte lasst uns nicht alleine!!! Dies ist ein ernsthafter Hilfeschrei!!!”
(Von  Raushan Aitkozhaeva, via NachDenkSeiten)

Die Pogrome in der ehemaligen Sowjetrepublik haben bisher zwischen 2.000 bis 20.000 Todesopfer gefordert und es sollen bereits bis zu einer Million Menschen geflüchtet sein, wenn den Zahlen der WHO Glauben zu schenken ist. Von all dem nimmt die Weltöffentlichkeit bisher nicht viel wahr, zumal wenig darüber berichtet wird, und ein Massaker, wie 1994 das von den Hutu an den Tutsi verübte, darf sich auch nicht annähernd wiederholen. Dies aber darf dann auch keine Legitimation werden, kirgisische Städte  gegebenenfalls einfach zu bombardieren.

Aus Kirgistan berichtete bis vor kurzem noch Tolkun, ein Kollege, den Jens Berger vom Spiegelfechter mal treffen konnte - inzwischen aber scheint leider auch Tolkun verstummt und der Spiegelfechter einer der wenigen, die das Thema Kirgistan noch aufgreifen.

Wir bitten um Verbreitung dieses Hilferufs und/oder Thematisierung des Massenmordes in Kirgistan
Stefan Sasse, Markus Weber, Frank Benedikt

Addendum: Vielen Dank an Klaus Baum, der uns auf die Mail bei NDS hingewiesen hat.

Kommentare:

  1. Die BBC hat sich des Themas schon seit einigen Tagen angenommen. Die grottenschlechten deutschen Medien berichten lieber über Gauck. WEN JUCKT DIESER MANN??

    http://www.bbc.co.uk/programmes/p0080grr
    http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/south_asia/10336663.stm

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  2. Was ich dabei nicht verstehe, ist der fehlende Hintergrund bei der Berichterstattung. Wer kann Interesse an ethnischen Konflikten in dieser Region haben? Mir fallen da sofort die USA ein, die zumindest ein strategisches Interesse in dieser Region haben. Und das Anheizen ethnischer Konflikte ist nun mal ein bewährtes Mittel (nicht nur) der CIA.

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  3. Ist halt wichtiger, dass Özil ein Traumtor geschossen hat.

    Ob dieser Konflikt, Golf von Mexico, Iran-Aufmarsch, alles verblasst wegen dieser dusseligen WM oder eben der Wahl des Grüß-August.

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  4. Eine Email?

    Sehr zuverlässige informationsquelle. Iran und die Aufpeitschereien mit Hilfe von Twitter und Netzstrukturen durch eine Generation von Regimehassern, oft den Nachkommen der Schahflüchtlinge und nachweislich durch Propaganda insbesondere aus Israel haben doch wohl ganz klar gezeigt, das erstmal nichts glaubwürdig ist, was aus irgendeiner Zone in unsere Medien gelangt.

    Darüber scheint niemand sich sonderlich Sorgen zu machen.

    Ein Aufstand in einem anderen Land ist ein Aufstand in einem anderen Land. Der Grund dies in unsere Zone zu rücken, mag für die Bewohner dort ein Hilfeschrei sein, für die internationale Politik ist es möglicherweise ein Interventionsvorwand.

    Genau dieselben Märchen hat man im Joguslavien-Krieg benutzt. Genau dieseleben Märchen wollte man in Georgien starten, im Iran und überall sonst, wo es im Interesse des West-Imperialismus gewesen ist.

    Aber wenn derselbe westliche Imperialismus seit Jahrzehnten Süd- und Mittelamerika 7und Afrika an Entwicklung behindert und sogar hunderttausendfachen Mord in Afghanistan und Iran praktiziert, dann sind alle still, die sich vorher der großen Befreierfront angeschlossen hatten.

    Wenn nämlich die Kampfbomberstaffeln mit ihren Phosophorkampfstoffen, Bomberstaffeln mit ihren Splitterbomben und der URAN-Munition, nervöse Soldaten mit ihrem aggressiven rücksichtslosen Vorgehen in den sogenannten "befreiten" Ländern vorgehen, dann will sich niemand einer Schuld bewußt sein das hunderttausende Menschen sterben.

    BIran-Aufmarschzieht nicht leichtfertig Stellung, macht euch nicht mitschuldig.

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  5. siehe auch
    http://www.meinpolitikblog.de/2010/06/25/kirgisische-massaker-zeigen-typische-us-handschrift/

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