Samstag, 29. Mai 2010

Das Dilemma mit der Rente


Erst vor rund drei Jahren hat der Bundestag die schrittweise Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre beschlossen. Begründet wurde dies damit, daß  die Bundesbürger immer älter würden und die Renten andernfalls nicht mehr finanzierbar wären. Nun legt Brüssel, einem Bericht der FTD zufolge, nach und schlägt bis 2060 eine weitere Anhebung vor, die für Deutschland nach der jetzigen demographischen Entwicklung ein Renteneintrittsalter von knapp 70 Jahren bedeuten würde. Grundsätzlich stellt die wachsende Überalterung der Gesellschaft natürlich ein ernstes Problem für die Rentenversicherung dar, aber die vermeintlich naheliegendste Lösung – eben die Lebensarbeitszeit zu erhöhen – dürfte aus zwei Gründen zu kurz greifen.

Zunächst stellt die heutige Arbeitswelt umfangreiche Anforderungen an geistige Flexibilität und physische Mobilität – beides Fähigkeiten, die mit zunehmendem Lebensalter häufig eingeschränkt werden. Trotz der unbestreitbaren und wertvollen Erfahrungen, die viele ältere Arbeitnehmer mitbringen, entspricht es doch auch der Tatsache, daß sie oftmals aufgrund der möglichen Einschränkungen oder auch von Vorurteilen nicht mehr gerne beschäftigt werden. Auch ist der Krankenstand von Relevanz, da ein langes Arbeitsleben von Vielen bereits zwischen 50 und 60 Jahren seinen gesundheitlichen Tribut gefordert hat. Da wie ein Autor der Financial Times kurzerhand zu behaupten, es gäbe „noch Luft nach oben“, ist zu kurz gedacht und geht auf diese wie auch die nachfolgende Problematik nicht ein.

Neben dem Problem, „altengerechte“ Arbeitsplätze zu schaffen, existiert ja vor allem die chronische Massenarbeitslosigkeit, die es den Arbeitgebern leicht macht, lieber junge, gesunde Leute einzustellen. Bei einer tatsächlichen Zahl von über fünf Millionen Arbeitslosen (versteckte und „Maßnahmen“ mal eingerechnet), die seit Jahren nicht groß fluktuiert, ist es bei höchstens einer Million offener Stellen einfach, eine „elitäre“ Personalpolitik zu betreiben. Warum sollte ein Arbeitgeber also das Risiko eingehen und einen „alten Mann“ oder eine „alte Frau“ behalten oder gar einstellen? Um dies zu erreichen, müßten wohl staatlicherseits Anreize oder Quotierungen geschaffen werden und dennoch würde das Problem nur verlagert – in dem Maße, wie zunehmend ältere Arbeitnehmer beschäftigt werden, bleiben entsprechend mehr jüngere arbeitslos. Ein Nullsummenspiel, wenn man so will, denn die absolute Zahl der Arbeitsplätze nimmt ja dadurch nicht zu.

Dies ist ja – zusammen mit der demographischen Entwicklung – das Kernproblem: Durch das Voranschreiten der Automatisierung und entsprechende Produktivitätssteigerung gingen und gehen Arbeitsplätze in einem Ausmaß verloren, das nicht durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze in innovativen Branchen gänzlich aufgefangen werden kann. Hinzu kommt, daß der Trend zu Doppelverdienerhaushalten ungebrochen ist, zumal Familien immer öfter nicht mehr von nur einem Gehalt leben können – egal ob Mann oder Frau dieses verdient. Der einzige Weg aus dem Arbeitsplatz-, und damit auch aus dem Rentendilemma scheint, massive Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich (Kürzungen würden noch mehr Niedriglöhner hervorbringen, die dann wieder staatlich subventioniert werden müßten) anzustreben, wie schon seit einigen Jahren von verschiedenen Stimmen zu vernehmen ist. Hier ist wohl der Punkt, an dem ein breiter gesellschaftlicher Diskurs ansetzen müßte, wenn wir das Thema Rente seriös angehen wollen, statt nur simple Lösungen, die keine sind, zu propagieren.

[fb]

(Anm. d. Red.: Zur Rentenproblematik hat Arno Hirsch bereits vor Monaten ausführlich geschrieben.)

Kommentare:

  1. Naja, diese Renten- und Demographiediskussion finde ich immer ein bisschen seltsam, insbesondere wenn man dann 50 Jahre(über eine Generation) in die Zukunft geht. Natürlich lassen sich da Modelle erstellen und extrapolieren, viel Vertrauen habe ich solche Methoden allerdings nicht und bezweifle auch, dass die wirklich so zutreffen. Man weiß noch nicht welche Technologien bis dahin entwickelt wurden und wie sich die Gesellschaft verändert. Es sind in meinen Augen nur vage Theorien.

    Auch bin nicht davon überzeugt, dass der demographische Wandel, wenn er dieses Ausmaß bis 2060 annehmen sollte, wirklich so problematisch werden sollte. Wenn man die technologischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte anschaut sieht man ja, dass durch die zunehmende Automatisierung weniger Leute dazu benötigt werden um die Gesellschaft am laufen zu halten. Vor 50 oder gar 100 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass das heutige Verhältnis von Arbeitern zu Rentnern möglich wäre. Es wird in Deutschland halt nur noch ein Bruchteil der damals nötigen Arbeiter gebraucht um zum Beispiel alle Leute mit Nahrungsmitteln zu versorgen.
    In meinen Augen ist das Renten- und Demographieproblem eher ein Verteilungsproblem.

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  2. @ Glawen:

    Richtig, derlei Extrapolationen sind höchst bedenklich, denn sie können die unterschiedlichsten Entwicklungen nicht miteinberechnen. Was, wenn vorher der Welthandel zusammenbricht oder es Krieg gibt oder das Öl alle ist oder sich völlig neue technische Möglichkeiten ergeben? Was ist mit gesellschaftlichen und medizinischen Entwicklungen?
    Da können die Rechenmodelle der Gesellschaftswissenschaftler nur unzureichend Auskunft geben. Und auf dieser Basis sollen wir soweit in die Zukunft planen?

    Gäbe es mehr Verteilungsgerechtigkeit, sähe das Ganze imho eh unproblematischer aus.

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  3. Die Lösung des Problems scheitert - wie so immer - am makroökonomischen Verstand unser Politiker, an den unserer so genannten Wirtschaftsexperten ("Lobbyisten") und auch
    an dem der Arbeitnehmerschaft.

    Produktivitätssteigerungen, die nicht mit entsprechenden Lohnsteigerungen einhergehen, führen nun mal dazu, dass Arbeitslosigkeit entsteht.
    Allein dieser doch einfach zu verstehende Zusammenhang geht allerdings nicht in die Köpfe der Leute.
    Es ist eigentlich zum Verzweifeln.

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  4. Über demografischen Wandel brauchen wir überhaupt nicht diskutieren, da er an sich selbst überhaupt kein Problem darstellt. Der Gewinn durch Produktivitätsfortschritt ist immer deutlich größer gewesen als der 'Verlust' durch Überalterung. Vor 100 Jahren haben 16 Arbeiter einen Renter 'versorgt', heute sind es ca. 4 Arbeiter, die enen Rentner versorgen. Trotzdem haben sowohl Arbeiter als Renter einen deutlich höheren Lebensstandard als damals.

    Die öffentliche Diskussion um Demografie ist ein Manipulationsinstrument um die wahren Probleme zu verschleiern: Verteilung der erwirtschafteten Erträge. Man kann alle sozialen Fragen auf eine einfache Formel runterbrechen: wenn das reale (inflationsbereinigte) BIP immerzu steigt (zumindest im Mehrjahresschnitt), die Bevölkerung nicht wächst, sondern sogar schrumpft, wieso sollen dann bestimmte Bevölkerungsgruppen plötzlich Abstriche machen müssen?

    Oder noch anders formuliert: wenn der Kuchen immer größer wird, die Zahl der Kuchenesser schrumpft, wieso soll dann für manche das Stück immer kleiner werden müssen? Die Antwort ist wohl eher rethorisch: weil manche eben ein immer größeres Stück haben wollen.

    Oh Gott, jetzt klingeln schon wieder die Kommunistenjäger an meiner Tür....

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  5. Mein Hausarzt meine einmal die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern würde bei 70 Jahren liegen, d.h. die die sehr früh in Rente gehen - die selbsternannten "Eliten" - wollen dass der Rest der Bevölkerung eben arbeitet bis in den Tod. Rente? Das war gestern. Übrigens in Frankreich wurde ähnliches geplant, und aufgrund massiver Proteste der Bevölkerung - vorerst - abgeblasen....tja, Franzose müßte man sein....

    Gruß
    Bernie

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  6. Kann mir einer sagen warum nicht "alle" und ich meine auch ALLE Bürger von D in einen Rententopf , in einen Krankenversicherungstopf....einzahlen???Wir leben doch alle in einem Staat ..oder???
    Gleich werden wir niemals sein..aber es könnte gerechter sein in diesem System...ich wünsche mir nur das die meisten bis 70 arbeiten werden...ich will sehen wie die "Wirtschaft" das dann umsetzt!!!!

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  7. "Zunächst stellt die heutige Arbeitswelt umfangreiche Anforderungen an geistige Flexibilität..."

    Ach was. Tut die das. Da habe ich so meine leisen Zweifel.

    Obwohl: Wenn ich so nachdenke.
    Sicher, Dinge wie die Subprime-Kriese, Das Oelleck im Mexico-Golf oder die tolle Idee, mit Massakern an Zivilisten den Terrorismus zu unterbinden haette mein Opa mit seiner geistig inflexiblen, uebervorsichtigen Sparkassenmentalitaet sicher nicht zu Stande gebracht.

    Hat wohl doch etwas fuer sich, einfach mal die abgedroschenen Phrasen der INSM nachzubeten!

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  8. Auf den Seiten der Aktion Demokratische Gemeinschaft aus München werden Zahlen und Nachweise dargestellt, wie seit 1957 mit der gesetzlichen Rentenversicherung seitens der Politik umgegangen wird. Wie mit statistischen Zahlen aus Unrecht Recht gemacht wurde und die Beitragsgelder der GRV-Einzahler zur beliebigen Verfügungsmasse der Politik untergeordnet.
    www.adg-ev.de
    hier bei Duckhome ist eine Grafik zu sehen, in sehr vereinfachter Form, wie sich das mit dem sogenannten Bundeszuschuss verhält.
    Dann versteht man auch, warum um jeden Preis die demografische Entwicklung in den Vordergrund gestellt wird um von der Enteignung der Rente abzulenken.
    http://www.duckhome.de/tb/archives/8057-Die-Sparvorschlaege-des-BDI.-So-soll-sich-auch-weiter-an-den-Loehnen-der-abhaengig-Beschaeftigten-vergriffen-werden-.-.-..html

    oder hier zum Riesterrentenbetrug:
    http://www.duckhome.de/tb/archives/7918-DGB-unterstuetzt-Propaganda-fuer-den-Riesterrentenbetrug-und-hilft-mit-bei-der-Zerstoerung-des-einzig-sicheren-Rentensystems.html

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