Mittwoch, 5. Mai 2010

Rette sich wer kann - Beise ist los!

Von Stefan Sasse

In seiner neuesten Ausgabe des Video-Blogs "Summa summarum" philosophiert Marc Beise im üblichen unterkomplexen und realitätsbezugsbefreiten Stil über das Sparpaket der Griechen, das er einfach verständlich auf eine Tafel skizziert. Löhne runter, Renten runter, Verbrauchssteuern und Einkommenssteuern hoch - man kann Beise seine Begeisterung richtig anmerken. Großartig, den Leuten geht es danach schlechter! Wie, was, das soll auch noch einen makroökonomischen Hintergrund haben? So richtig jenseits der reinen Lehre? Ach verdammt.

Doch verzaget nicht, der Beise hat auch hier eine Antwort. Denn "wenn die Griechen das schaffen" (bei ihm klingt das so, als ginge es um die Qualifizierung für die EM-Vorrunde), ja, wenn die Griechen das schaffen, dann ist das eine echte Leistung. Boah. Gigantisch. Ja, wenn die Griechen sparen, dann...ja was eigentlich? Bei Beises Wirtschaftsteilchefredakteursmädchenrechnung kommen da stattliche 30 Milliarden Einsparungen raus (was eigentlich Quatsch ist, weil ein Gutteil nicht gespart werden, sondern durch höhere Steuereinnahmen reinkommen soll). Das liest sich bei einem BIP von 324 Milliarden (2007) erst einmal beeindruckend. Aber Papier ist bekanntlich sehr, sehr geduldig.

Dass Sparen des Staates auf die angebotsorientierte Brachialkur, noch dazu in der Krise, mitnichten in Spareffekten münden muss, wissen wir spätestens seit den Sparorgien unseres höchsteigenen kleinen Hans Eichel, der auf diese Art und Weise Deutschland jahrelang in die Krise sparte. Renten- und Lohnkürzungen bedeuten, dass die Leute weniger zum Ausgeben haben, besonders in dem von Beise so bejubelten drastischen Umfang, wie Griechenland das plant. Das wiederum bedeutet, dass die Steuereinnahmen aus Einkommens- und Verbrauchssteuern (und das sind die einzigen, die erhöht werden sollen) drastisch zurückgehen, weswegen die Steigerung dieser Steuern mit Glück zu einer Aufkommensneutralität führt, vor der Blaupause unserer eigenen Erfahrungen aber wohl eher in weniger Geld im Kasten endet.

Aber mit so etwas braucht man einem Beise nicht kommen. Der bekommt einen intellektuellen Orgasmus, wann immer irgendwo Ausgaben beschnitten werden, weil sich das Angebot seine Nachfrage ja bekanntlich selbst schafft. Immerhin bleibt Beise nicht auf dem Niveau von Hans-Werner Sinn stehen und erkennt mittendrin seinen Irrtum, um am Ende ein völlig innere Kohärenz vermissen lassendes Werk abzuliefern, sondern denkt den dummen Gedanken konsequent zu Ende. In Beises Schlussfolgerung ist der griechische Sparplan ein Modell für Europa und besonders für Deutschland, denn, Zitat, "machen wir uns nichts vor,", solche Streichungen kommen auch auf uns zu. Warum fängt die SZ nicht schon mal an und spart sich das üppige Gehalt für einen solchen Dinosaurier in der Wirtschaftsredaktion? Eigentlich kann man nur schließen: ceterum censeo summa summarum delendam esse.

Bildquelle: http://www.bookreporter.de/bilder/autor/2008/1153-marc-beise.jpg

Kommentare:

  1. erschreckend. hat mich heute morgen fast mein frühstück rückwärts essen lassen. Ich habe dann schallend gelacht, bis mir klar wurde, dass das jetzt hunderte Menschen sehen und evtl. glauben...

    Da fragte ich mich dann, warum DER einen Job hat, jeder Wirtschaftsstudent im ersten Semester sollte ihm erklären können, warum derartiges SPAREN in einer Rezession enden und den griechischen Binnenmarkt killen wird...

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  2. Dieser Mann samt seinem unsäglichen, nunmehr nach New York ausgelagerten Ziehvater Nikolaus Piper und seinen von diesem inthronisierten 'Fachredaktions'-Kollegen hat seit nun sechs Jahren mein SZ-Abonnement hauptverantwortlich auf dem Gewissen; nach damals fast 40 Jahren Lektüre...

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  3. Ich dachte immer, die griechischen Löhne sollen sinken, damit deutsche Arbeitnehmer zu weiteren Lohnzugeständnissen erpresst werden können.

    Immer der Macht nach.

    Danke Frau Merkel, dass sie meinen Lohn senken.

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  4. ceter*um* cense*o* summa*m* summarum delendam esse

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  5. Danke für die Korrektur; wie konnte das passieren.

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  6. Und nicht vergessen: alle, ausnahmslos alle, die in Griechenland gegen die Sozialkürzungen protestieren, sind gewaltbereite Anarchisten!!! Und die schweigende Mehrheit findet die Maßnahmen auch gut. Es gibt ja schließlich auch keine Alternative!! Ok, ein paar vielleicht (aber von denen will die neoliberale Presse nichts wissen): http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2534/schock-strategie-fur-griechenland

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