Mittwoch, 14. Oktober 2009

Frauenpolitik im beginnenden 21. Jahrhundert

Ich will mich aus gegebenem Anlass einmal wieder mit der Frauenpolitik beschäftigen, die ich nicht mit einer der vielen Neusprech-Vokabeln wie Gender Mainstreaming, Gleichstellungs- oder Gleichberechtigungspolitik bezeichnen will, weil sie meines Erachtens mit allem davon wenig zu tun hat. Ich werde später noch dazu kommen, warum; den Einstieg soll ein Bonmot machen das erklärt, weswegen ich diesen Artikel überhaupt schreibe.

Heute saß ich, wie so häufig, unbezahlt bei meinem Arbeitgeber, bis ich anfangen „durfte“ zu arbeiten (einer der Gründe weswegen ich wohl nicht mehr lange dort arbeiten werde, aber dazu in einem eigenen Beitrag mehr wenn es soweit ist). Anderen ging es genauso, und mit einem Abiturienten und einer Philosophiestudentin entbrannte eine Diskussion über Gender Mainstreaming, Gleichberechtigungs- und Gleichstellungs-, kurz: Frauenpolitik. Wer dieses Blog schon länger liest weiß, welche Meinung ich dazu vertrete, und es sei dazu gesagt, dass sie eine konträre vertrat.

Nun helfen solche Diskussionen oft, bereits im Unterbewusstsein gewälzte Gedanken zu griffigen Phrasen zu bringen. Vor knapp einer Woche spukte mir bereits der Gedanke im Kopf herum, etwas zu Simone de Beauvoirs Ideen zu schreiben, die ich für die falsche Fragestellung halte (auch dazu später mehr), aber für einen Artikel schien mir das zu wenig. Heute aber konnte ich meine unterbewussten Ideen zu einem sinnigen Ganzen zusammenbauen, das ich mit euch teilen will.

Beginnen wir mit einer kurzen Bestandsaufnahme. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gesellschaft so patriarchalisch, wie sie es seit der Vor-Bismarck-Zeit nicht mehr gewesen war, obgleich diese „Ordnung“ bereits damals etwas Künstliches hatte. Frauen waren durch diverse Gesetze tatsächlich und, vor allem, durch die herrschenden Konventionen im täglichen Leben benachteiligt. Unter anderem war es ihnen nicht erlaubt, ohne Zustimmung des Mannes ein Konto zu führen. Dies alles änderte sich ab den 1960er Jahren, als selbst eine Adenauer-CDU sich nicht mehr mit allem Mief den sie an sich hatte gegen den Zeitgeist stellen konnte. Der Druck von FDP wie SPD (vor allem aber letzterer, die bereits im Reich die Idee der Gleichberechtigung der Frau vertreten hatte – von Männern, wohlgemerkt, was oft unterschlagen wird) tat sein Übriges, spätestens seit der sozialliberalen Koalition. Die gesetzlichen Schranken fielen, und das Gesellschaftsklima wurde in den frühen 1970er Jahren so offen wie seither nie wieder. In genau diese Zeit fällt das Wachsen der feministischen Bewegung die, wie immer mit einiger Verspätung, aus den USA importiert wurde. Hierzulande wurde sie unangefochten von Alice Schwarzer dominiert, die sich von ihren radikalen Vorbildern in den USA wie Valerie Solanas (Attentäterin Andy Warhols und Verfasserin des Traktrats „Zur Vernichtung der Männer“) inspirieren ließ und die feministischen Forderungen mit der Stern-Aktion „Wir haben abgetrieben“ in die Schlagzeilen brachte, die sich zwar im Nachhinein als gefälscht herausstellte, da viele der Frauen inklusive Schwarzers selbst gar nicht abgetrieben hatten, aber mit dem Abtreibungsparagraphen ein publikumswirksames Schlachtfeld schufen. Die CDU konnte am Ende noch durchsetzen, dass ein verpflichtendes Beratungsgespräch mit dem Versuch, die Frau von der Entscheidung abzubringen, vor eine Abtreibung gesetzt wurde, aber die Initiative blieb ein großer Erfolg der Frauenbewegung. Die letzten Schranken fielen unter ihren wuchtigen Schlägen und dem nur noch schwächlichen Widerstand der letzten Reaktionäre. Der Zeitgeist hatte gesiegt.

Nur ist der Zeitgeist ein windiges Ding, denn er weht schnell weiter. Die Feministinnen wurden bald von ihm selbst überholt. Ihre radikale Rhetorik, die in die 1970er Jahre gepasst hatte, in denen Mao, Marx und Che gelesen und diskutiert wurden, entfernte sich immer mehr von der Wirklichkeit, und die Kritik wurde immer ritueller. Schwarzer und die EMMA wurden Teil des Systems, das sie früher bekämpft hatten, was sich beispielsweise in der Verleihung des Bundestverdienstkreuzes 1997 und, noch viel frappanter, in der Teilnahme an einer BILD-Werbekampagne 2006 zeigt, für die Schwarzer aus den eigenen Reihen viel Kritik einstecken musste, die sie rüde wegbürstete. Auch die Erstürmung der EMMA-Zentrale in den 1990er Jahren durch Frauen (!) als Reaktion auf deren aggressive, männerfeindliche Berichterstattung zeigte, dass Schwarzers Bewegung ihren Zenit überschritten hatte. Versuche, die Lücke auszufüllen, gab es seither genug, doch waren diese nicht erfolgreich. Thea Dorn und andere, die einen „neuen Feminismus“ vertreten wollten, wirkten wie Neoliberale Epigonen und konnten nie Breitenwirkung erzielen, auch, weil sie die Schwarzer-Rezepte letztlich nur ein wenig an die neoliberale Ideologie anpassten.

Genau da aber liegt der Hase im Pfeffer, wie wir noch sehen werden. Bevor ich wirklich starten will, müssen wir noch einen kurzen Simone-de-Beauvoir-Crashkurs hinter uns bringen, denn sie ist die eigentliche Erfinderin des Gender Mainstreaming, das derzeit im akademischen Leben vor allem, aber auch im politischen Bereich großen Einfluss hat. Sehr stark heruntergebrochen hat Beauvoir die Idee, dass es zwei Geschlechter gibt. Ein biologisches (sex) und ein soziales (gender). Das erstere ist offensichtlich durch die Geburt festgelegt, das zweitere allerdings werde einzig durch die Erziehung implementiert. Es wäre also, so der Schluss, möglich, einen Jungen als Mädchen und ein Mädchen als Jungen aufzuziehen, vorausgesetzt natürlich, so etwas wie eine Jungen-Erziehung gebe es überhaupt. Das biologische Geschlecht habe demnach nichts mit dem Sozialen zu tun; ein Mann könne durchaus eine soziale Frau sein und umgekehrt.

Ich habe anfangs das Postulat aufgestellt, dass de Beauvoirs Ideen meiner Meinung nach die falsche Fragestellung enthalten. Um diese Theorie zu beweisen, wurden sehr krude und bisweilen grausame Versuche angestellt, von denen der der kanadischen Zwillinge nur der bekannteste ist. Dieser handelt davon, dass einem von zwei männlichen Zwillingen bei der Geburt der Penis so verletzt wurde, dass man ihn amputieren musste. Ein Pionier des Gender Mainstreaming überredete die der Idee aufgeschlossenen Eltern, den Jungen vollständig als Mädchen zu erziehen. Dieser Versuch scheiterte noch vor der Pubertät grotesk, als der Junge trotz aller Mädchenerziehung mit Pink und Tanzen aggressiv männliche Merkmale zu tragen und zur Schau zur stellen begann. Auch Wiederholungen des Versuchs endeten ähnlich und oftmals tragisch. Das allein widerlegt die These natürlich nicht, schließlich wächst das Kind ja in einer Umwelt auf, die nicht „gegendermainstreamt“ ist. Ich denke aber die Fragestellung, ob die Theorie richtig ist oder nicht – dass also das soziale Geschlecht nur konstruiert sei – führt letztlich nicht weiter. Viel wichtiger ist die Fragestellung: Wollen wir, dass das so ist? Und hier scheint die Antwort recht eindeutig nein zu sein. Trotz großer medialer Unterstützung und großzügiger Förderung (Professurstellen für Gender Mainstreaming und zahllose Frauenbeauftragte sprechen eine deutliche Sprache) hat sich die Idee bislang nicht durchgesetzt, wird als fremd und unnatürlich empfunden und ist eher rückläufig, als dass sie neue Anhänger gewinnen würde. Nur die Wenigsten scheinen überhaupt von Weiblichkeit oder Männlichkeit Abstand nehmen zu wollen. Wohlgemerkt: damit sind nicht Aufgabenverteilungen gemeint. Dem Gender Mainstreaming geht es nicht, wie früher der Emanzipationsbewegung, um die rechtliche Gleichstellung der Frau, sondern um die Aufhebung aller außer den biologischen Geschlechtsunterschieden. Ich gehe davon aus, dass dies den Wünschen einer deutlichen Bevölkerungsmehrheit (deutlich über 90%) diametral widerspricht.

Das ist auch den Apologeten des Gender Mainstreaming bewusst. Wie meine Gesprächspartnerin erklärten sie deshalb, ein „Umdenken“ müsse stattfinden und, vor allem, aktiv gefördert werden. Zu diesem Zweck sei es beispielsweise notwendig, durch eine gezielte Frauenförderungspolitik die Menschen daran zu gewöhnen, dass Frauen sich in Führungspositionen befinden. Meine Gesprächspartnerin sah eine Periode von von heute an gesehen deutlich über 40 Jahren exzessiver Frauenpolitik als notwendig an, um dieses Umdenken zu erreichen. Ich bin der Meinung, dass dies in höchstem Maße verwerflich ist. Und damit sind wir endgültig bei der Frauenpolitik.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass die rechtliche Gleichberechtigung längst erreicht ist. Dies wird auch von der Frauenbewegung nicht angezweifelt, nicht einmal von ideologischen verbohrten Altlasten wie Alice Schwarzer. Stattdessen erklärt die Frauenbewegung, dass die „faktische Gleichberechtigung“ nicht erreicht sei. Dazu gehört die Legende von einer gläsernen Decke, die es Frauen nicht erlaube, in Führungspositionen aufzusteigen, weil dort ja nur Männer sitzen, die unter sich bleiben wollen und Frauen deswegen nicht hochkommen lassen wollen. Im gleichen Zusammenhang steht die Behauptung, dass Frauen bei gleicher Tätigkeit um ein Drittel schlechter bezahlt werden.

Das letzte Argument ist besonders lächerlich. Wenn das tatsächlich so wäre würden doch in einer Marktwirtschaft unter starkem Konkurrenzdruck, wie wir sie haben, nur noch Frauen eingestellt, weil sie das Gleiche leisten und ein Drittel weniger kosten. Das passiert aber nicht, nicht einmal in Betrieben, die von Frauen geleitet werden, was auch das Gegenargument widerlegt, dass wieder eine böse weltweite Männerverschwörung am Werk ist. Tatsächlich haben Studien herausgefunden, dass Männer Frauen eher in Führungspositionen aufrücken lassen als Frauen Frauen. Das aber nur am Rande. Es ist tatsächlich so, dass sich ganz einfach weniger Frauen für Führungsaufgaben bewerben als Männer. Dies wird auch von der Frauenbewegung gesehen und mit dem Verweis auf die faktisch nicht erreichte Gleichberechtigung, gewissermaßen eine Denkblockade, die sich selbst als minderwertig und deswegen nicht geeignet ansieht. Frauen bewerben sich gewissermaßen aus einem inneren Minderwertigkeitskomplex nicht.

Auch diese Argumentation halte ich für nicht schlüssig. Ich bin bisher keiner Frau begegnet, die von sich sagt, dass sie als Frau sich nicht für geeignet hält und dabei den Eindruck erweckt hat, eigentlich einen solchen Job zu wollen. Hier stoßen wir auf das Kernproblem, das ich ausgemacht zu haben glaube. Die bisher aufgezeigte Argumentationslinie widerlegt sich teilweise selbst, das mag dem einen oder anderen Leser aufgefallen sein. Die jeweiligen Gegenargumente der Frauenbewegung ergeben kein schlüssiges Ganzes, sondern stehen miteinander im Widerspruch. Fakt aber ist, dass es deutlich weniger Frauen in Führungspositionen gibt, wirklich deutlich weniger. Eine auf 10 oder 20 ist keine Seltenheit. Nur, woran liegt das? Dass mich die Erklärungen der Frauenbewegung nicht überzeugen, die, nebenbei bemerkt, auch ein deutliches Interesse an der Durchsetzung ihrer Argumente trotz faktischer Unhaltbarkeit hat, weil damit diverse sehr gut dotierte, staatliche und damit sichere Stellen einhergehen, die ihre Wortführerinnen einnehmen können, sollte klar geworden sein. Doch was ist der Grund? In ihrem Buch „Das dämliche Geschlecht“ argumentiert Barbara Bierach, dass Frauen an ihrer Lage komplett selbst schuld wären. Nur 3,4% in Vorstandsetagen liegen ihrer Meinung nach daran, dass sich Frauen dumm verhalten und fauler sind als Männer. Sie nützten die Chancen nicht, die ihnen längst gegeben sind. Sie unterstützt außerdem ebenfalls die Behauptung, dass Frauen andere Frauen am Aufstieg hindern würden.

Doch auch diese „selbst schuld“-Argumentation ist nicht überzeugend. Ich halte das Problem für tiefer liegend. Um das zu erklären, möchte ich noch einmal kurz ausholen und einen Ausflug in die Geschichte unternehmen.

Oft hört man aus Kreisen der Frauenbewegung, dass die Männer über 2000 Jahre die Frauen unterdrückt hätten. Praktisch immer ist der Unterton dabei „und jetzt sind wir mal dran“. Dieser Unterton durchzieht die gesamte Frauenpolitik, was auch der Grund ist, warum ich es ablehne, die Begriffe Gleichstellung oder Gleichberechtigung zu benutzen, denn diese Politik zielt offenkundig auf eine Bevorteilung von Frauen, was sie – wie meine Gesprächspartnerin mit ihren mindestens 40 Jahren auch – offen zugibt. Das aber hat, selbst wenn die 2000 Jahre berechtigt wären, keine Legitimation. Man kann ein Unrecht nicht dadurch beseitigen, dass man Neues schafft. Das geht niemals und ist weder ethisch noch moralisch vertretbar. Dazu kommt, dass das Argument mit den 2000 Jahren nicht wahr ist.

An dieser Stelle wechsle ich meine Fächer, werde vom Politologen zum Historiker. Denn in dem überwältigenden Teil der Menschheitsgeschichte waren die Menschen einfach nur arm. Den mittelalterlichen Bauern, den Industriearbeiter des 19. Jahrhunderts interessiert die Frauenbewegung nicht. In einer so prekären Lage müssen alle zusammenarbeiten, nach ihren besten Kräften. Die schwächeren, von den zahlreichen Geburten noch zusätzlich geschwächten Frauen übernahmen dabei oftmals die Hausarbeit, der Mann die schwere Feldbarbeit. Entscheidungen fielen ihm ebenfalls zu, aber wer die Realität eines Haushalts kennt weiß, wie wenig weit her es mit solchen Entscheidungen oftmals ist. Obwohl Männer auch heute noch dank eines höheren Erwerbsanteils deutlich mehr verdienen als Frauen und oftmals Allein- oder Hauptverdiener sind, gibt es siebenmal (!) so viel Verkaufsfläche für Frauen wie für Männer, und geben Frauen auch mehr aus. Anzunehmen, dass dies früher anders war, wäre grenzenlos naiv. Keine Bevölkerungsgruppe lebt 2000 Jahre lang in unerträglicher Unterdrückung. Es ist schlicht die Überheblichkeit der ersten Frauenbewegung, die das für sich reklamierte.

Diese entstand im 19. Jahrhundert und war von Anfang an eine reine Oberschichtenveranstaltung. Die Frauen, die für das Recht stritten, Universitäten und höher Schulen besuchen oder Eintritt ins Schwimmbad zu erhalten waren alle gutsituiert und finanziell mehr oder minder unabhängig. Viele von ihnen hatten die damals üblichen Dienstmädchen in ihren Diensten, was niemand von ihnen als Problem auffasste – eben weil die Frauenbewegung eine reine Oberschichtenveranstaltung war. Es brauchte die Entstehung einer bürgerlichen Mittelschicht, um auf solche Ideen erst zu kommen, denn wer um sein Überleben kämpft, diskutiert darüber nicht. Man kann die Entstehung der Frauenbewegung also durchaus als Beleg großen gesellschaftlichen Fortschritts in jener Zeit sehen, wie auch die Entstehung der Feministenbewegung in Deutschland nicht zufällig in die 1970er Jahre fällt, als erstmals breite Bevölkerungsschichten am Wohlstand teilhatten. Eine Oberschichtenveranstaltung ist der Feminismus trotzdem immer gewesen – und auch geblieben.

Und genau das ist in meinen Augen der Grund für die Krise, in der die Bewegung derzeit steckt, der Grund für die „faktisch“ nicht erreichte Gleichberechtigung, die nach den Buchstaben des Gesetzes längst besteht und angesichts der gewaltigen Förderanstrengungen eigentlich längst erreicht sein müsste. Autorinnen wie Thea Dorn oder eben die zitierte Barbara Bierach propagieren ein Idealbild, das einer objektiven Idealität vollkommen entbehrt. Sie konzentrieren das ganze Lebensglück auf das Erreichen einer „Karriere“, ein Ziel, das dabei zum reinen Selbstzweck vorkommt. Ich erinnere mich noch an unsere Abi-Zeitung, als sich bei „Zukunftsplänen“ bei deutlich über der Hälfte der Frauen die Trias „Studieren, Karriere, Familie“ fand – ein Zeugnis des durchschlagenden Erfolgs der Frauenbewegung in dieser Bevölkerungsschicht, könnte man meinen. Und wie bereits anfangs festgestellt ist es der Erfolg, der den Blick für die Probleme versperrt.

Denn die Karriere ist zum einen für breite Bevölkerungsschichten überhaupt keine Perspektive. Kassierinnen bei Aldi, Bandarbeiter bei Opel, Reinigungskräfte bei Was-weiß-wem, Arbeitslose – für sie alle ist die Karriere, die die Frauenbewegung propagiert (ausnahmslos Akademikerinnen im Übrigen) überhaupt nichts, was mit ihrem Lebensbild in Einklang zu bringen wäre. Für die Männer übrigens auch nicht. Die Unterstellung, dass jeder nach einer Karriere in der freien Wirtschaft als alleiniges Rezept zum Glück streben und dieses auch erreichen könnte ist irrig und vergiftet die gesame Bewegung. Es ist das hässliche Kind der Beziehung, die die Frauenbewegung mit dem Neoliberalismus eingegangen ist und die in Barbara Bierach pars pro toto ihren Niederschlag findet. Viele Menschen – nicht nur Frauen, sondern auch Männer – trachten überhaupt nicht nach einer Karriere. Sie wollen andere Wege zum Glück gehen. Die Bemühungen der Frauenbewegung sind ihnen dabei fremd, entsprechen nicht ihrer Lebenswirklichkeit. Der Schleier über dieser Lebenslüge der Frauenbewegung wurde 2006 kurz weggerissen, als Eva Herman mit ihrem „Eva-Prinzip“ an die Öffentlichkeit ging. Bevor sie den Kardinalsfehler des Nazi-Vergleichs beging und damit vollständig aus der Debatte verdrängt wurde, erhielt sie gewaltige Zustimmung gerade von den Frauen und wurde von der Frauenbewegung in einer Aggressivität angegangen, die zuletzt Esther Vilar erfahren musste. Herman hatte einen wunden Punkt getroffen, indem sie sich gegen das Ziel einer Karriere aussprach. Die Aggressivität der Diskussion stand in keinem Verhältnis zu den Thesen, denn Herman erklärte ihre Variante nicht einmal für die alleinseligmachende, wie dies die Frauenbewegung tut, sondern forderte Wahlfreiheit – was die Frauenbewegung aber nicht zugestehen wollte.

Damit sind wir am Ende angelangt: Die Frauenbewegung, so der Schluss, vertritt eine Ideologie, die an der Lebensrealität der meisten Menschen vollkommen vorbeigeht. Ich widerspreche der Feststellung der Frauenbewegung, dass alte Klischees und Denkmuster noch nicht überwunden sind, überhaupt nicht. Die Frage ist aber, was man dagegen tun kann. Die Frau, die heute Abitur macht, studiert und danach in die Wirtschaft geht muss nicht mehr gefördert werden. Wenn sie nicht in der Lage ist, ihren Weg zum Glück zu finden, dann ist sie, wie von Barbara Bierach schon festgestellt, tatsächlich selbst schuld. Unterhalb dieser Schwelle, die ich als Oberschichtenveranstaltung bezeichnet habe, stellt sich diese Frage gar nicht. Weder Mann noch Frau brauchen hier eine spezielle Geschlechterförderung auf dem Weg an die Spitze. Hier ist die soziale Fragestellung eine völlig andere, da die materiellen Grundlagen überhaupt nicht gegeben sind. Diese müssen erst geschaffen werden; vorher wird hier kein von oben oktroyiertes Umdenken stattfinden. Alle Quotenregeln dieser Welt werden dabei nichts helfen, weder den Frauen noch den Schwarzen oder sonstwem. Quotenregeln widersprechen sich selbst. Allein ihre Existenz zeigt, dass die Gesellschaft offensichtlich eine andere ist. Wer meiner Argumentation so weit gefolgt ist weiß außerdem dass sie ebenfalls am Kern vorbeigeht. Diese Erkenntnis hat die Frauenbewegung jedoch nicht, dafür ist ihr Bündnis mit den neoliberalen Ideen zu eng, ist sie sich ihrer eigenen sozialen Zusammensetzung viel zu wenig bewusst. Stattdessen wiederholt sie sich in immer gleichen Phrasen und alteingesessenen, der Wirklichkeit entrückten Mustern. Die Ideologie der Frauenbewegung hat längst totalitäre Züge angenommen. Sie lässt keine Kritik mehr zu und ist blind für die Wirklichkeit, die von dem Bild abweicht, das sie selbst gezeichnet hat. Nur so ist Schwarzers beständige aggressive Rhetorik gegen Männer zu erklären, nur so Thea Dorns und Barbara Bierachs Karrierefixiertheit, nur so die heftigen Reaktionen auf Eva Hermans Versuch, das Meingungskartell der Frauenbewegung zu brechen. Sie befinden sich auf einem starren, fixen Pfad, den sie nicht mehr zu verlassen in der Lage sind. Dabei vertreten sie die Mehrheit der Frauen überhaupt nicht. Das haben sie noch nie, aber früher hatten sie eine gesellschaftsverändernde Idee, die wirkungsmächtig zum Durchbruch kam. Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist, sagt Hugo. Die Frauenbewegung ist der Beweis, dass nichts so tot und leer ist wie eine Idee, die von der Zeit überholt wurde. Sie reiht sich ein mit dem Patriarchat der Adenauer-Zeit und vereint sich so mit ihrem alten Erzfeind. Sobald eine neue Generation von Frauenrechtlerinnen neue Ziele formuliert und den Zeigeist damit trifft, wir die derzeitge Riege dorthin verschwinden, wo auch die Marx’schen Lesezirkel der 1970er und die Ideen Carl Schmitts gelandet sind: auf dem Müllhaufen der Geschichte.

Kommentare:

  1. Nur ganz kurz: Valerie Solanas hat Warhol nicht ermordet; Warhol überlebte das Attentat. Also "Mörderin" durch "Attentäterin" ersetzen, damit es passt.

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  2. Der Feminismus, das was daraus wurde, ist letztlich zum Dogma erstart. Alles, was auch nur so riecht wie Ketzerei, wie Rütteln am Dogma, wird sofort mundtot gekeift. Das ist keine Eigenart des Feminismus, letztlich erleben wir das ganz ähnlich in Fragen des Antisemitismus. Natürlich gibt es ihn, natürlich ist er eine Schweinerei, aber jeder Angriff auf israelische Politik beispielsweise, ist deswegen noch lange kein antisemitischer Auswurf. Es gibt eben Menschen, die den Antisemitismus wie ein Dogma hochhalten und bein kleinsten Scheinangriff sofort Schutzinstinkte entwickeln.

    Ich verweise in dieser Frage gerne an Jutta Ditfurth, weil sie einen Feminismus vertritt, der in nuce nicht radikal ist. Weder ist es ein Feminismus, der sich so versteht, Frau zum sozialen Mann zu machen, noch weigert er sich anzuerkennen, dass Mann und Frau natürlich unterschiedlich sind. Aussage Ditfurth aus dem Gedächtnis heraus: Jemanden nur zu wählen, weil er Eierstöcke hat, ist mir zu wenig. Damals mit Blick auf Merkel. Schwarzer hat das ganz gegenteilig aufgefaßt, für sie war in erster Instanz wichtig, dass Merkel, eine Frau also, Kanzlerin werden muß.

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  3. Es ist durchaus richtig, dass das, was sich bei der Frauenbewegung behauptet hat, eine Oberschichtsangelegenheit war. Das heisst aber nicht, dass sich Frauen in den Unterschichten keine Gedanen machten, keine Ambitionen in Richtung gehabt hätten. Siue hatten aber weniger Zeit dafür, damit hausieren zu gehen.
    Das mit der Armut stimmt auch - und wenn das Ganze heute beobachtet wird, ist festzustellen, dass sich die Armen heute zwar mehr wehren (Klagen an Sozialgerichten), aber im Grossen und Ganzen doch recht still bleiben. Anfeindungen, Ängste und alte Prägungen sorgen dafür, dass das so ist, genauso wie die gesellschaftliche Stimmung jeweils.
    Dass sich der Oberschichtenkram behauptet hat, ist tatsächlich der Grund für die Krise. Immer noch werden Männer als "Oberhäupter" und Familienvorstand gehandelt, wenn zum Beispiel Hartz IV ansteht. Geht die betroffene Frau nicht arbeiten, verschwindet sie fast völlig als eigenständige Person.
    Es ist der grundlegende Irrtum, dass Gleichwertigkeit umgangen werden könnte. So lange das so ist, wird es mit dem Feminismus nicht stimmen. Gleichwertigkeit würde auch Wahlfreiheit beinhalten, welcher Weg des persönlichen Lebens ausgesucht wird.
    Wer Gleichberechtigung - auch im Sinne von Gleichwertigkeit - nur an Karriere festmacht, hat das Ganze sowieso verfehlt. Alice Schwarzer war für mein Verständnis von Gleichberechtigung darum auch nicht massgebend. Ihre Ideen und die Rhetorik gingen mir zu sehr an den Lebenswirklichkeiten, und vor allem auch an gelebten Tatsachen vorbei.

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  4. Lieber Freidenker,

    ich stimme dir weitgehend zu, möchte dir aber zu einem Aspekt, sagen wir, ergänzende Informationen zukommen lassen. Im Freitag 10/2007 findet sich unter diesem Link http://www.freitag.de/politik/0710-kalter-krieg
    Helke Sanders Buchbesprechung von Robert G. Moellers "Geschützte Mütter - Frauen und Familien in der westdeutschen Nachkriegspolitik". Ein Absatz, den ich dort gelesen hatte, blieb mir im Gedächtnis haften und er fiel mir sofort wieder ein, als ich deinen Beitrag studierte. Hier die Textstelle:

    "Diese neue Sicht auf Familie knüpfte einerseits an Überlegungen aus der Vorkriegszeit an, andererseits versuchten einige Politikerinnen und Politiker aus der Tatsache, dass Väter tatsächlich Mangelware waren - weil tot oder in Gefangenschaft - alternative Vorstellungen vom Zusammenleben der Generationen zu entwickeln und politisch durchzusetzen. So sollten zum Beispiel die Mutter- oder gar die Mütterfamilie sowie neue Konstellationen, die sich in der Praxis bildeten, als gleichberechtigt anerkannt werden - und zwar als ständige Einrichtungen und nicht nur als vorübergehende und aus der Not geborene Ideen. Das ist hauptsächlich von den christlichen Parteien sowie den beiden Kirchen derartig heftig bekämpft worden, dass nicht einmal mehr eine kollektive Erinnerung an diese Kämpfe besteht.

    Wichtig für die Familienpolitik der Nachkriegszeit war auch ihre Verknüpfung mit dem Kalten Krieg. Das erklärt weitgehend, warum die Restaurierung eines Frauenbildes, das praktisch in der Wirklichkeit kaum mehr eine Entsprechung hatte, durch die oben genannten Institutionen für deren Identität so wichtig war: Es musste ein stabiles Bollwerk gegen den Osten, gegen den Kommunismus mit der Restaurierung der Kernfamilie gebildet werden. "Gleichberechtigung" und "Kindergarten für alle" - das waren Begriffe aus dem Osten. Sie waren praktisch gleichbedeutend mit Gleichschaltung, ausschweifender Sexualität, ehelicher Untreue der Frauen, erlaubter Scheidungen, Untergang des Abendlandes. Dieser Ideologie des Kalten Kriegs ist es wesentlich zu verdanken, warum die Bundesregierung nicht wie in Frankreich das öffentliche Schulwesen hat ausbauen lassen und Kindergärten und -krippen für alle zugänglich machte und Müttern außerhäusliche Arbeit erlaubte, sondern statt dessen Gastarbeiter in die BRD holte. Frauen sollten zu Hause bleiben und den Kollektivideen aus dem Osten ein anderes Bild entgegensetzen. Wie gesagt, an diese Kämpfe und Grundsätze, die zum harten Kern des politischen Christentums gehörten, erinnert man sich kaum mehr und will es wohl auch nicht."

    Ich glaub, ich kann das mal so stehen lassen. So recht du einerseits hast, so erklärt das andererseits noch nicht die unterschiedlichen Entwicklungen, die die allgemeine Frauenerwerbstätigkeit - und ihre Akzeptanz - in den verschiedenen westeuropäischen Gesellschaften genommen hat. Die Oberschicht, um in deiner Spreche zu bleiben, hat eben auch die Frauenerwerbstätigkeit in den niederen Schichten einzudämmen versucht, in der BRD stärker als anderswo. Der kulturelle Überbau für diese Politik ist dabei eine im Kern anti-emanzipative Ideologie, das muss man schon sehen. Wenn sich der Schwarzer-Feminismus heute überlebt hat, dann mag das auch daran liegen, dass ihm der Gegner endlich (und viel später als anderswo) abhanden gekommen ist.

    Schönen Gruß,
    Ralf

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  5. Gerade in der linken Szene ist Feminismus-Kritik immer ein heißes Pflaster und man muss mit viel Gegenwind und den üblichen Parolen rechnen. Ich kenne das nur zu gut. Mutig von Dir, dass Du diesen Beitrag trotzdem geschrieben hast :)

    Ich sehe den Feminismus ähnlich kritisch wie Du. Meine provokante These ist hierzu, dass das Patriarchat heute ein Mythos ist. Arne Hoffmanns Buch "Sind Frauen die besseren Menschen?" ist hierbei sehr aufschlussreich.

    Letztendlich hat der Feminismus die Geschlechter mehr entzweit, statt zu einem besseren Verständnis zu führen. Frauen-Hotels, Frauen-Reisen, Frauen-Saunas, Frauen-Schwimmen usw. usf. - separieren/teilen die Menschen statt sie zu vereinen. Und jede Ideologie, die dazu führt Menschen zu teilen, Hass und Abscheu zu schüren (in diesem Fall gegen die Männer) kann im Grunde nicht gut sein.

    Ich könnte hier noch anfügen, wo überall Männer benachteiligt werden in unserer Gesellschaft, aber lest dazu besser den oben angeführten Link. Allzu provokativ muss ich an dieser Stelle ja auch nicht sein ;)

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  6. @Calwer: Kann ich nur unterschreiben.
    @Ralf: Ich verstehe nicht genau, worauf du hinauswillst. Dass in der Adenauer-Ära ein Backlash stattgefunden hat ist klar und wurde von mir auch beschrieben. Was genau meinst du?
    @Epikur: Ich kenn Arne Hoffmann ^^ Ich stimme seinen Thesen und Analysen aus "Sind Frauen bessere Menschen?" zum Großteil überein.

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  7. yo, stimme dir auch weitestgehend zu..abgesehen davon, dass Frau nach wie vor weniger verdient als Mann (in gleicher Postition)

    möchte hier auch kurz anmerken, dass es Christa Müller nicht besser geht als Eva Hermann. Was den Nazi Verleich der E.H. angeht, da hat sie sich einfach ziemlich blöde ausgedrückt und das ganze wurde dann auch nur noch aus dem Kontext herausgerissen, völlig verzerrt dargestellt. Was folgte war ein öffentlicher Schauprozess der verlogener nicht sein konnte.
    Kaum jemand hat sich dann natürlihch noch die Mühe gemacht, nachzuprüfen, was Eva Hermann eigentlich wirklich zu sagen hatte. Ich hab damals auf ihrer website nachgelesen und kann nur bestätigen, so wie es dargestellt wurde, war es definitiv nicht von ihr gemeint(auch wenn sie selbst wie gesagt ihren Teil zur Verwirrung beigetragen und m. E. daraufhin auch Zuspruch von falschen Leuten gesucht und gefunden hat...)

    Für mich persönlich als Frau und Mutter, die ihre Kinder weitestgehend alleine versorgt hat und noch versorgt, hat der ganze Feminismus keinerlei Relevanz. Ich brauch keine Verfechterinnen, die sich für mich für das Recht auf Karriere einsetzen, die ich aufgrund der Kindererziehung weder nachjagen kann noch will. Ich brauche keine Feministinnen, die mir das Erziehungsgeld kürzen und mich dazu zwingen, mein Kind bereits mit einem Jahr in die Krippe zu bringen, nur damit ich meine Kräfte im Niedriglohnsektor aufzehren kann. Wenn es den Feministinnen wirklich um Frauen und Familien ginge, würden sie sich dafür einsetzen, dass Familienarbeit auch honoriert würde, dass Frau die Wahl hätte und auch die Möglichkeit sich ihren Interessen entsprechend zu bilden. Diese Wahl hat eine "arbeislose" Mutte aber nicht und keine Feministin setzt sich dafür ein. Es geht also nicht um Selbstverwirklichung der Frau, es geht im real existierenden Feminismus, so wie er sich heute darstellt eben nur darum, dass sich die wenigen besser gestellten auf Kosten vieler weniger besser gestellten profiliern können.

    Genau dagegen spricht sich auch Christa Müller aus, sie sezt sich für Wahlfreiheit ein, für die Anerkenneung auch der Familienarbeit und letztlich auch dafür, dass Frau, nach der Erziehungszeit, die bei jeder Familie unterschieldich lang ausfallen mag, überhaupt die Chance hat, wieder einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können, die ihren Namen auch verdient hat.

    Das alles ist sowohl Alice Schwarzer als auch Thea Dorn und anderen völlig schnuppe!

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  8. Hallo Geheimrätin,
    dieses "verdient weniger bei gleicher Position" halte ich für Unfug, wie im Artikel auch dargelegt. Es wurde auch schon mehrfacht widerlegt, währen die Behauptung selbst bisher jeden Belegs entbehrt.

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  9. Dann, lieber Freidenker, möchte ich zu dem Verdienstunterschied ein Beispiel aus meinem persönlichen Umfeld anfügen: Meine Freundin. Die nämlich verdient in der Tat bei identischer Qualifikation, längerer Betriebszugehörigkeit und vergleichbarem Aufgabenfeld in derselben Abteilung ihres Betriebes derzeit knapp 1000,- Brutto weniger als ihr männlicher Kollege. Ich möchte nicht behaupten, dass das allein und ausschließlich daran liegt, dass sie eine Frau ist, möchte damit aber sagen, dass diese Unterschiede zumindest nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogen sind.


    Zum Thema ansonsten: Das Grundproblem der Frauenbewegung war und ist meiner Ansicht nach, dass ihr die Vorbilder und in weiten Teilen das Selbstbewusstsein (im Sinne von "Bewusstsein für die besonderen Qualitäten ihrer selbst") fehlte und immer noch fehlt. Als Folge davon war der Grundtenor stets:"Wir müssen wie die Männer sein." Das werden viele Feministinnen abstreiten, sieht man sich aber die Ziele und Vorstellungen der prototypischen "modernen Frau" an, klingeln die Erinnerungsglocken an männliche Lebenszielvorstellungen. Gleichzeitig wird von Männern, quasi im Gegenzug, erwartet, sich mit weiblichen Lebenszielen zu identifizieren und die Leerstellen, die die Frauen hinterlassen, ausfüllen. Und hier spätestens stellt sich die Biologie quer. Es gibt nun einmal einen Unterschied zwischen den Geschlechtern der sich weder wegdiskutieren noch ignorieren lässt. Plakativ gesagt: Ich als Mann kann Kinder nur zeugen, nicht gebären - mit all den Folgen, die das für meine natürlich gegebene physische und psychische Konstitution hat. Das Gesellschaftliche Paradoxon unserer Zeit, das zugleich das Individuum zum höchsten Wert erhebt und dennoch jeden einzelnen gleichbehandelt sehen will, kann in diesem Unterschied nur ein Manko sehen, ein Makel, etwas, das unbedingt ausgetilgt werden muss. Der Wert eines Menschen wird allein im erwirtschafteten Endprodukt ermittelt - und infolgedessen die Mutterschaft und die Familienfürsorge notwendigerweise abqualifiziert. Wozu führt das? Es führt zu hysterischen Feministinnen, die alles Männliche ablehnen müssen und sich über sprachliche Konventionen hermachen (übrigens in völligem Absens jedes Verständnisses für den Zusammenhang zwischen sprachlicher und kultureller Entwicklung), zu panischer Familienangst bei Männern, zur Unterdrückung des eigenen Kinderwunsches bei Frauen um nur ja genügend Selbstwert zu erwirtschaften. Vielleicht sollte man in diese Diskussion einfach mal den Unterschied zwischen "Gleichwertigkeit" und "Gleichartigkeit" einführen und endlich aufhören, aus der Geschlechterdifferenz einen Geschlechterkampf, ein Spiel um Macht und Unterdrückung zu machen.

    Wobei mir die Feministinnen fehlen würden - mit kaum jemand sonst kann man sich so herrlich unqualifiziert streiten...

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  10. Oeffinger Freidenker hat gesagt…

    @Ralf: Ich verstehe nicht genau, worauf du hinauswillst. Dass in der Adenauer-Ära ein Backlash stattgefunden hat ist klar und wurde von mir auch beschrieben. Was genau meinst du?

    Was für mich an dieser Geschichte neu war, war der Zusammenhang von Herausdrängung von Frauen aus dem Arbeitsmarkt und Anwerbung von Gastarbeitern - und dass das in einer konzertierten Aktion von Adenauer-Regierung, Kirchen (die die Rechtfertigungsideologie lieferten) und Unternehmern (die wollten billigere Arbeitskräfte) genau so gewollt war. Das wurde in den 50ern initiiert, hat aber unsere (westdeutsche) Gesellschaft mit enormer Langzeitwirkung nachhaltig verändert: sie wurde zum Einwanderungsland und hatte über Jahrzehnte eine deutlich niedrigere Frauenerwerbsquote als vergleichbare westeuropäische Länder.

    Dadurch haben sich ein paar Dinge verzögert, vor allem auch in den Köpfen. Darüber, dass bei uns auch heute noch eine Diskussion über Kitas so ideologisch aufgeladen stattfindet, kann man sich wahrscheinlich in allen Ländern um uns herum nur noch wundern. Ich habe aus deinem Beitrag ein Unwohlsein herausgelesen, das ich teile, und das sich auf Dinge wie Gender Mainstreaming und Quotierung bezieht: man hat immer den Eindruck, dass durch diese Maßnahmen eine gesellschaftliche Veränderung quasi auf dem Reißbrett entworfen und erzwungen werden soll, um irgendwelche statistischen Kennziffern zu erfüllen, die dann als Maß für Gleichberechtigung herangezogen werden, ohne sich für das tatsächliche Geschlechterverhältnis, so wie es die Gesellschaft praktiziert, zu interessieren, und den tatsächlichen "Bedarf".

    Ich möchte aber auch verstehen, warum das so rüberkommt, und warum man meint, solche Maßnahmen ergreifen zu müssen. Und da sehe ich eben diese historisch bedingte Verspätung, die zum einen verhindert hat, dass unsere feministische Bewegung klüger wird: bei uns hat eben tatsächlich zu lange und länger als anderswo das Geschlecht die Berufsoptionen und eben auch das Gehalt (das gibt es wirklich heute immer noch, auch wenn es nicht die Regel ist!) bestimmt; zum Anderen ist man dann aber auch nicht in der Lage, sich von dieser rein statistischen Sicht zu befreien, so dass auf einmal nur noch Karriereoptionen als Maßstab für Gleichberechtigung gelten.

    Dabei, das ist mein Eindruck, bedarf es nur noch ein bisschen Geduld, und dann hat sich diese Sache erledigt. Die Mädchen und jungen Frauen von heute, das sagen uns alle Statistiken über Bildungsabschlüsse, haben die Jungs deutlich überflügelt bezüglich schulischer Leistungen, Niveau der Bildungsabschlüsse etc. Wir kriegen, was Bildung angeht, in Zukunft eher ein Problem mit den Männern, besonders krass scheint das übrigens bei den Einwandererfamilien zu sein - die Mädels büffeln und die Jungs hängen ab (im wahrsten Sinne des Wortes).

    Das Problem, das bleibt, und das m.E. ursprünglich mal mit Emanzipation gemeint war, ist nicht unbedingt ein frauenspezifisches: Die Freiheiten und sozialen Absicherungen zu erreichen, die eine freie, selbstgewählte Lebensgestaltung auch in den materiell schlechtgestellten Schichten der Gesellschaft möglich machen - sich seine "Rolle" selbst aussuchen können.

    Viele Grüße,
    Ralf

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  11. Zum Thema Gehalt:
    Einzelfälle mag es immer geben. Es gibt hunderpro auch welche, in denen es umgekehrt ist. Aber die allgemeine Aussage, Frauen verdienten ein Drittel weniger, halte ich für Humbug. Das ist einfach unlogisch.
    Zum Rest:
    Kann nur zustimmen.

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  12. Stimme weitgehend zu, das Problem ist die groteske Überbewertung der allein-selig-machenden Karriere. So fährt der Feminismus-Dampfer an vielen Frauen einfach vorbei.
    Als Frau bin ich natürlich froh um die Erfolge der Frauenbewegung. Froh über Gleichberechtigung in ganz vielen Lebensbereichen.
    Ansonsten gehen mir sowohl die klassischen als auch die neolib verseuchten Feministinnen tierisch auf den Keks.
    Was die ungleiche Bewertung typisch weiblicher und typisch männlicher Lebensentwürfe lehren sollte ist, die Lebensziele gleichzuberechtigen. Nicht eine Variante zum Ziel für alle auszuwählen.
    Was dazu in der BGE Bewegung diskutiert wird, geht in die Richtung.

    Abschließend zum Mythos "weniger verdienen" noch ein Link:
    http://www.brandeins.de/archiv/magazin/wir-lieben-die-vielfalt/artikel/die-besserverdienerinnen.html

    Grüße
    Karen

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  13. @karen Danke für den Link. Genau das war es was ich gefragt hatte, weil ich auch die 25% auch im Hinterkopf hatte, aber eben auch nichts gefunden hatte, was mehr über das Zustandekommen dieser Zahl aussagte. Da lag der Freidenker mit seiner Einschätzung ja ganz gut.

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  14. Was mich an populären Feminismuskritikerinnen - dazu zähle ich auch Herman - irritiert, ist, dass diese ebenfalls meistens der Oberschicht, der sogenannten Elite, zuzurechnen sind. Die Erwartungen, die dort an Frauen gestellt werden, sind aber nach meinem Eindruck im Wesentlichen ein Spiegelbild der Welt, in der ihre Männer leben. Entweder, sie machen selbst Karriere, mit demselben Zynismus und Ellbogeneinsatz. Wenn sie Hausfrauen werden - was dort mittlerweile durchaus wieder populär ist (ich habe beruflich viel mit diesen Kreisen zu tun und erlebe das mit) -, dann wird von ihnen erwartet, ein perfektes "Produkt" und gleichzeitig "Managerinnern" ihrer Kinder zu sein. Die meisten wollen das vermutlich auch selber. Vorzeigbar in jedem Detail einschließlich Schönheits-OPs, gleichzeitig rund um die Uhr im Einsatz, um die Kinder von einem Frühförderungs-Angebot zum nächsten zu kutschieren. Und immer mit der Sorge im Hintergrund, ab ca. 40 gegen eine Jüngere ausgetauscht zu werden, was nicht selten ja auch passiert. Auch die Hausfrau wird so zur Erfüllungsgehilfin eines - aus meiner Sicht - ziemlich zynischen Gesellschaftsmodelles. Viele jüngere Frauen, die ich kenne, die von den Segnungen eines Hausfrauendaseins schwärmen, scheinen mir eine Ehe mit einem solchen Karrieremann im Sinn zu haben. Macht man die Welt aber wirklich besser, wenn man es sich zu seiner Lebensaufgabe macht, den Egoismus eines solchen Partners zu befriedigen? Alternative Frauen-Lebensstile, bei denen auch der Mann nicht den üblichen Ansprüchen genügt, haben zumindest im "Mainstream" kaum einen Platz, scheint mir, auch wenn es solche Beispiele in der Realität sicherlich gibt.

    Daisy

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  15. Da hast du natürlich Recht. Ich sehe aber auch hier eher soziale Probleme als Ursache - die Sehnsucht nach gesicherten Verhältnissen in einer unsicher gemachten Welt nämlich.

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  16. Daisy:
    "Alternative Frauen-Lebensstile, bei denen auch der Mann nicht den üblichen Ansprüchen genügt, haben zumindest im "Mainstream" kaum einen Platz, scheint mir, auch wenn es solche Beispiele in der Realität sicherlich gibt."

    Was denn für alternative Lebenstile z.B.? Beschreib die mal.

    Oder meinst du vielleicht:
    Akademiker und Hausmann? Tja, eindeutig die Männer dran schuld,sie hätten freie Auswahl da Frauen auf einkommensschwache Typen stehen...

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  17. @Anonym: Alternative Lebensstile sind für mich solche, bei denen das Geld auch für ein Leben mit Kindern "in der Mitte der Gesellschaft" ausreicht, ohne dass mindestens einer der beiden Elternteile ein Karrierist sein muss. Ich glaube aber, das gibt es so selten, weil es von den gegenwärtigen Bedingungen her gar nicht möglich ist. In unteren Schichten sind Einverdienerehen ebenso wie solche, in denen beide Partner nur Teilzeit arbeiten, weil sie sich um die Kinder kümmern möchten, praktisch ausgeschlossen. In den höheren Schichten bleibt vielleicht die Mutter zu Hause, dafür schiebt der Vater 60-Stunden-Wochen, damit er karrieremäßig mithalten kann und nicht bei der nächsten Entlassungswelle rausfliegt - und wundert sich wahrscheinlich, wie groß seine Kinder geworden sind, wenn er sie mal zu Gesicht bekommt. Ich kenne viele Karriereväter, die sich gerne mit ihrem Nachwuchs fotografieren lassen, aber sobald er brüllt oder sich feucht anfühlt, werfen sie das Kleine panisch der Mutter in die Arme. Ob ein Vater, der sich nie die Zeit nehmen konnte/wollte, sich in die Bedürfnisse eines Babys einzufühlen, ein Kind besonders glücklich macht?

    Und Alleinerziehende (viele von ihnen sind es ja durchaus nicht freiwillig geworden!) und ihre wirtschaftlichen Probleme kommen in der öffentlichen Diskussion ohnehin kaum vor - und wenn, dann nur in abwertendem Kontext. Als sei es in diesem Fall nicht mehr die "natürliche" Bestimmung der Mutter (oder des alleinerziehenden Vaters), sich auf das Wohlergehen der Kinder zu konzentrieren. Sobald alleinerziehend, ist der Elternteil angeblich "unproduktiv" und eine Art Parasit.

    Das Ganze ist aber kein Problem des Frauenbildes, sondern eines, das damit zusammenhängt, wie unsere Gesellschaft mit Kindern umgeht und wie gering sie es bewertet, wenn jemand die Sorge für sie in den Mittelpunkt seines Lebens stellt. Wenn eine Oberschichtfrau zu Hause bei den Kindern bleibt, dann wird das bejubelt (ist ja auch für den Mann angenehm - so lange, bis er die gealterte Partnerin absägt), aber für die weniger begünstigten Teile der Gesellschaft ist Familie zum finanziellen Harakiri geworden.

    Ich vermute, ähnlich wie der Blogautor, dass von dorther der Traum vieler junger Frauen von einer reichen Heirat rührt. Darüber hinaus scheinen viele Frauen generell auf mächtige Männer zu fliegen. Mir kommt das vor wie ein Anbiedern (so manche Menschen neigen ja generell dazu), aber anscheinend kann aus so etwas auch Liebe werden. Kann ich nicht beurteilen, mir sind beruflich bedingt genügend Karrieremänner begegnet, aber Liebe habe ich immer nur für andere Männer empfinden können.

    Allerdings: Wenn man den Spieß einfach umdreht, hat man das umgekehrte Problem. Wenn der Mann die häuslichen Aufgaben übernimmt, ist er extrem abhängig von der Partnerin und wird von größeren Teilen der Gesellschaft nicht mehr ernst genommen. Und was mir in der Rolle einer "Familienversorgerin" eine Heidenangst einjagen würde: Wenn ich meinen Job verlieren sollte, was in der heutigen Zeit leider schnell passieren kann, dann kracht das ganze Konstrukt zusammen. Infolgedessen steht die "Ernährerin" aber ganz genauso wie der "Ernährer" im Beruf unter einem unendlichen Druck, sich anzupassen, sich alles gefallen zu lassen, die Konkurrenz notfalls mit unfeinen Mitteln aus dem Feld zu drängen etc. Das könnte ich nicht ertragen, aber ebensowenig könnte ich mit einem Partner leben, der sich diesen Zwängen unterwirft (oder der gar aufgrund hoher Position andere für sich "springen" lässt). Auch das ist aber ein Problem, das man durch die gängige Geschlechterrollen-Diskussion nicht lösen kann. Es ist nämlich vorrangig ein soziales Problem.

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