Donnerstag, 1. Oktober 2009

Verblüffend

Kennt ihr Heinz Bude? Der Mann ist Soziologe und, von SZ zumindest so eingeführt, ausgewiesener SPD- und Wähler-Experte. In einem Interview erklärt er uns jetzt, woran die SPD gescheitert ist. Wir müssen dem Mann wirklich dankbar sein, denn er bewahrt uns vor Irrtümern, an die mittlerweile beinahe jeder kritisch reflektierende Mensch glaubt. Insofern ist er ein wahrer Heilsbringer des politische Diskurses. Ich gebe einmal einige Beispiele:

sueddeutsche.de: Um diese abstinenten Wähler zu mobilisieren, bedarf es einigender Motive und Formeln - fehlen die der SPD?

Bude: Genau das war das Problem. Die SPD hat einen Verhinderungswahlkampf betrieben. Sie hat dafür geworben, zu etwas "nein" zu sagen - es blieb aber unklar, zu was sie eigentlich "ja" sagt. Der Aufstieg von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hätte der SPD eigentlich zeigen müssen, dass sie völlig falsch liegt. Die Botschaft: Die Deutschen wollen nicht immer sofort auf Staat schalten. Man muss auch darüber nachdenken können, so einen Tanker wie Opel untergehen zu lassen.

[...]

sueddeutsche.de: Viele Menschen nehmen den Sozialdemokraten längst nicht mehr ab, die Hüterin sozialer Gerechtigkeit zu sein. Ging die Glaubwürdigkeit der SPD während Schröders Kanzlerschaft flöten?

Bude: Die SPD sollte sich daran erinnern, dass sie mit Gerhard Schröder bei der letzten Wahl elf Prozentpunkte mehr als jetzt erhalten hat. Den aktuellen Verlust kann man doch nicht dem Altkanzler zuschreiben. Das Problem ist doch, dass die SPD sich absolut uneins ist, was eigentlich der Erfolg mit Schröder gewesen ist.

[...]

sueddeutsche.de: Und stattdessen?

Bude: Die SPD hat jetzt die große Chance, den Begriff der sozialen Gerechtigkeit richtig zu besetzen. Die Stärkung sozialer Teilhabe heißt mehr als weg mit Hartz IV. Natürlich muss die SPD klarstellen, wer die Zeche der Krise zu zahlen hat. Was sie aber nicht darf: Eine ihrer Erfolgsgeschichten dementieren.

[...]

sueddeutsche.de: Schröders Ära gilt denkbar wenigen Genossen als Erfolgsgeschichte. Für sie hat der Altkanzler die SPD-Misere verursacht.

Bude: Diese Einschätzung teile ich ganz und gar nicht. Schröder trägt keine Schuld. Seine Fehler lagen vielleicht in seiner manchmal rüden Basta-Art und der mangelhaften Kommunikation. Aber es ist doch so: Die SPD vor Schröder war die schlimmste sozialdemokratische Partei Europas. Da wollte kein Mensch mehr hingehen. Wenn sich die Sozialdemokratie den individualistischen Tendenzen der achtziger und neunziger Jahre vollends verschlossen hätte, wäre sie schon wesentlich früher eine Unter-25-Prozent-Partei geworden.

[...]

sueddeutsche.de: Frank-Walter Steinmeier, der gescheiterte Kanzlerkandidat und Architekt der Agenda 2010, ist nun Fraktionschef - eine clevere Wahl?

Bude: Ich finde, ja. Er steht für den Anschluss an ein Erfolgskapitel der SPD. Steinmeier ist eine Brückenfigur, die von der Partei gebraucht wird. Sein Pendant ist Klaus Wowereit, der in Berlin mit der Linken regiert - dessen Aufstieg wäre die falsche Botschaft. Er propagiert ein wohlfahrtsstaatliches Modell der siebziger Jahre und betreibt eine dezidiert antibürgerliche Politik - beides Dinge, die die SPD überhaupt nicht gebrauchen kann.

[...]

sueddeutsche.de: Derzeit fordern immer mehr Genossen, Projekte wie die "Rente mit 67" oder die Hartz-Reformen, kritisch zu überdenken. Sehen auch Sie in solchen Projekten die Gründe für das Wahldesaster?

Bude: Das ist die große Tendenz in den mittleren Kadern der Partei. Der Glaubwürdigkeit der SPD hilft eine solche Haltung nicht. Die SPD muss die
Partei der Moral und des Realismus sein. In der Gesellschaft gibt es ohnehin eine eher positive Stimmung zu Hartz IV, zumindest was seine Grundidee betrifft - aber auch zu Recht Kritik, wenn es um Kontrolle, Gängelung und Härtefälle geht. Man muss an Details wie dem Schonvermögen etwas ändern.

sueddeutsche.de: Kann die SPD künftig eine betont linke Partei sein?

Bude: Sie muss ihr linkes Profil stärken, ohne die Mitte aufzugeben. Die Definition dessen, was "links" ist, darf sie nicht der Linkspartei überlassen. Das ist ein bisschen so wie bei Thomas Mann, der sagte: "Wo ich bin, ist deutsche Kultur." Die SPD muss souverän und glaubhaft feststellen: Wo wir sind, ist links. Alles andere ist Populismus.

sueddeutsche.de: Dennoch träumen viele Genossen von einer Vereinigung von SPD und Linken.

Bude: Dieser Traum wird in der Tat sehr oft in der SPD geträumt. Der Linke-Chef Oskar Lafontaine gibt ja auch entsprechende Signale. Er würde ja am liebsten umjubelt auf einem SPD-Parteitag einziehen und mit großer Geste beide Parteien verquicken - das darf die SPD nicht zulassen. Sie muss die Kraft haben, Lafontaine gegebenenfalls wieder aufzunehmen und ihm einen Platz weit hinten zuzuweisen.

Ja! Aufgemerkt, ihr blödes Volk! Ihr habt das alles total falsch verstanden. Die Wähler haben sich nicht von Agenda2010 und Rente mit 67 abgewandt, von Afghanistankrieg und immer neuen schwarz-roten Bündnissen. Nein, sie bedauern alle den Weggang von Schröder, der dem "moralisch sensiblen Bürgertum" den Weg gewiesen hat, das diese Wahl in einiger Trauer zuhause blieb. Armes, verlassenes, moralisch sensibles Bürgertum. Wenn doch nur alle so einsichtig wären wie diese Schicht, dann würden wir endlich erkennen, wie wir dieses erfolgreichste Kapitel der SPD-Geschichte passgenau einfügen können. Dann endlich werden die Schleier des Nichtwissens von unseren Augen gerissen, und wir erkennen, welch göttliche Fügung uns Schröder, Steinmeier, Clement, Müntefering und Steinbrück beschert hat, dann endlich werden wir, moralisch sensibel geworden und von der Idee eines Stammwählers Abschied nehmend, mit Tränen in den Augen auf diese großartige Epoche deutscher Sozialdemokratie zurücksehen.

Kommentare:

  1. Der Kommentar kann kurz ausfallen:

    Was für ein Idiot. Das ist ja schauerlich - aber der darf sich nicht wirklich "Wissenschaftler" nennen, oder?

    AntwortenLöschen
  2. Ja, die armen, unverstandenen Schröder-Fanboys...niemand von dem dummen Plebs will einsehen, dass der Sozialstaat nicht funktioniert, wenn man ihn wirklich braucht! Es liegt an der SPD den Menschen "da draussen" endlich klar zu machen, dass sie immer die Zeche zahlen müssen. Schließlich ist das gemeine Wahlvolk nicht systemrelevant!

    Sollte die SPD weiter auf solche Experten hören und entsprechend agieren, macht sie sich innerhalb kürzester Zeit obsolet.

    Es war noch nie leicht, als Linker wirklich hinter der SPD zu stehen, aber derzeit ist sie noch nicht einmal mehr das kleinere Übel, sondern nur das Übel schlechthin.

    Und während mir früher schlechte Wahlergebnisse der SPD wenigstens noch einen kleinen Stich im Herzen verursacht haben, empfinde ich heute nur noch - keineswegs klammheimliche - Freude.

    Weiter so auf dem Weg zum Müllhaufen der Geschichte, liebe Spezialdemokraten. So reicht es noch nicht einmal mehr für den Tag "Verräter"...

    AntwortenLöschen
  3. Jeden Tag komm ich daran vorbei und denke jedesmal, so hat es angefangen und bald haben sie die alte Tante am Ende.
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gedenktafel_Katzbachstr_9_(Kreuzb)_SPD.JPG

    Heute ist es dann soweit.

    Gruß bel

    AntwortenLöschen
  4. also wir - familie - haben schröder einmal gewählt, weil wir von der kohl-regierung genug hatten. als wir dann erfahren musste, was schröder diesem land einbrockte, haben wir dann das nächste mal keine SPD mehr gewählt.
    der stimmenverlust der SPD liegt für mich eindeutig an ihrer asozialen politik.

    AntwortenLöschen
  5. Sieh' an, der Herr Professor:
    http://www.sueddeutsche.de/politik/70/489457/text/4/
    Bude: "Es gibt ein strukturelles Problem: Die Krisenbewältigungs- und Kompromissbildungsmodelle der deutschen Politik wie beispielsweise die Sozialpartnerschaft und der Wohlfahrtsstaat, auf die sich die SPD festgelegt hat, hatten ihre Hochphase in der Nachkriegszeit. Sie passen jetzt nicht mehr zu den Formen sozialer Desorganisation."
    Soziale Desorganistaion - eine Freudsche Fehlleistung! Sollte sich die Soziologie nicht mit der Organisation einer Gesellschaft befassen?
    Und sollte der Herr Professor nicht Zeter und Mordio schreien, wenn er feststellt, daß die gesellschaftliche Organisation in eine soziale Desorganisation degeneriert ist?

    Mitnichten! Stattdessen Herr Bude:
    "Wenn die SPD es schaffen würde, diese Lücke ideologisch zu schließen, dann hat sie eine große Chance. Die SPD kann eine Renaissance erleben, wenn sie es schafft, den Menschen eine Phantasie vom großen Ganzen zu geben. Sie muss die moralische Autorität wiederfinden..."
    Also soll die SPD mit "moralische(r) Autorität" "diese Lücke ideologisch" schließen mit einer "Phantasie vom großen Ganzen", das bedeutet im Klartext, weiterhin ihre Wählerschaft zu belügen, damit sie diese soziale Desorganisation nur ja nicht wahrnimmt.
    Welch Verfall der Wissenschaft!

    AntwortenLöschen
  6. Hihi, das war bestimmt auch derjenige, der die SPD in Thüringen davon überzeugt hat, mit der CDU GroKo reloaded zu spielen...

    Oder wird er von der INSM bezahlt?

    AntwortenLöschen
  7. Und die Medienkampagne für ein "weiter so!" der SPD setzt sich fort ...
    Einen Gegner des Wohlfahrtsstaates lässt man über eine Erneuerung der Sozialdemokratie schwadronieren.

    "In der Gesellschaft gibt es ohnehin eine eher positive Stimmung zu Hartz IV, zumindest was seine Grundidee betrifft"
    Und der soll wirklich studierter Soziologe sein?

    AntwortenLöschen
  8. "Die SPD sollte sich daran erinnern, dass sie mit Gerhard Schröder bei der letzten Wahl elf Prozentpunkte mehr als jetzt erhalten hat. Den aktuellen Verlust kann man doch nicht dem Altkanzler zuschreiben."

    Alter Schwede.

    AntwortenLöschen
  9. Oh Gott wo ham se den denn hergezaubert ? Selten so ne gequirlte Kacke gelesen ....

    AntwortenLöschen
  10. Reichlich verwirrt der Mann.
    Ist aber auch nicht ganz einfach ein verkorkstes Weltbild in das enge Korsett der Realität zu zwingen.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.