Donnerstag, 11. Februar 2010

Buchbesprechung: Marc Beise - Die Ausplünderung der Mittelschicht

Die Mittelschicht ist arm dran. Seit sich ihr Anteil an der Bevölkerung im Zuge der Wirtschaftspolitik der 1960er und 1970er Jahre stark vergrößert hat, unternahmen Kabinette von Kohl über Schröder bis Merkel alles, um sie wieder schrumpfen zu lassen. Der Schwanengesang auf die Mittelschicht, deren Untergang bevorsteht und die ganze Republik in den Abgrund einer Oligarchie des Hartz-Pöbels reißen wird zieht sich seit Jahren als Konstante durch das Feuilleton. Die kalte Progression und den Mittelstandsbauch gibt es immer noch, und solange Bücher von Marc Beise auf den Wühltischen der Republik dem arglosen Leser die Rezepte von vorgestern als brandaktuell verkaufen wird sich daran auch nichts ändern.

Aber zur Sache. Marc Beise ist Chefredakteur für den Wirtschaftsteil bei der Süddeutschen Zeitung, eine Funktion in der er nachdrücklich neoliberale Ideen vertritt. Dies führt zu dem bisweilen schizophrenen Eindruck des Blattes, wenn im innenpolitischen Teil für soziale Mindeststandards und Mindestlöhne plädiert wird, die Beise im Wirtschaftsteil als Vorboten des Antichristen anprangert. Als Journalist ist er also professioneller Schreiber, und umso wichtiger ist es für uns deswegen sich gegen seine geschliffene Rhetorik zu wappnen.

Im ersten Kapitel „Der Aufschrei der Mittelschicht“ wird das bereits hinreichend bekannte Bedrohungsszenario an die Wand gemalt: der Hochsteuerstaat erdrückt mit bürokratischer Regulierungswut die unternehmerische Initiative und der gebeutelte Mittelstand geht unter. Im zweiten Kapitel mogelt sich Beise um eine genaue Standortbestimmung der „Mittelschicht“ herum, indem er davon schwabuliert, dass Megastars und Topmanager nicht dazugehören. Ach, danke Herr Beise. Im dritten Kapitel erklärt er, warum der Staat „uns“ „auskocht“. Die alte Mär von der Staatsquote und dem Hochsteuerstaat wird hier wiedergekäut und als bahnbrechende Neuigkeit verkauft. Im vierten Kapitel zeigt Beise „Was die Finanz- und Wirtschaftskrise uns kostet“ und schafft das Kunststück aller neoliberalen Marktschreier dieser Tage, selbst den Hartz-IV-Empfänger sich mitschuldig fühlen zu lassen. Regelrecht zum Kreuzritter mutiert Beise im fünften Kapitel, „Lasst uns froh und neoliberal sein“, in dem er sich erfolglos daran versucht, den Begriff „neoliberal“ umzudeuten und positiv zu konnotieren. Im sechsten Kapitel erfahren wir dann, warum die Mittelschicht nicht nur ökonomisch den gesamten Staat stützt, sondern auch politisch, während er im siebten Kapitel die Fingerübung aller Epigonen dieser Tage unternimmt und die Suche nach einem neuen Ludwig Erhard und einem deutschen Barack Obama ausruft, am besten gleich in einer Person. Uninspirierter geht es kaum mehr. Immerhin nähern wir uns hier auch schon dem Ende, denn Beise erklärt nun was seiner Meinung nach zu tun wäre (natürlich ohne Konjunktiv, diese Vorschläge sind feststehende Tatsachen) und gibt am Schluss „Hilfe zur Selbsthilfe“, in der er im Endeffekt dazu aufruft, sich hinter ihm einzureihen und auf Gedeih und Verderb den eigenen Vorteil zu suchen, und kann der Rest doch sehen, wo er bleibt.

Marc Beise ist sehr alter Wein in löchrigen Schläuchen. Seine Argumente hat man in den Talkrunden seit Sabine Christiansen bis zum Erbrechen gehört, aber das macht sie nicht richtiger. Es fängt schon bei der Standortbestimmung an. „Mittelschicht“ ist ein großartiger Kampfbegriff, da sich jeder zugehörig fühlt, aber Beise verwendet es in einem Sinne, in dem „Mittelstand“ deutlich angebrachter wäre. Einmal nur gibt er eine Nenngröße, an der man sich orientieren kann: 100.000 Euro Jahresgehalt und mehr. Damit wird klar, wie klein Beises Mittelschicht in Wirklichkeit ist. Beises Mittelschicht besteht fast nur aus Unternehmern oder Personen in hohen Posten wie Professoren oder Standortleiter, und für sie sind auch seine Vorschläge gedacht. Die Legende von der hohen Staatsquote, längst widerlegt und dennoch nicht totzukriegen, wird auch von ihm kolportiert. Die erdrückende Steuerlast, die angeblich auf der Mittelschicht lastet und sie zu erwürgen droht darf getrost als schamlos übertrieben gewertet werden.

Dazu kommt, dass Beise einen extremen Tunnelblick in seiner Lobhudelei für die „Mittelschicht“ aufweist. Die Unterschicht findet bei ihm nicht statt, sie spielt überhaupt keine Rolle. Seine Reformvorschläge würden die Lage des Klientels, das bei ihm unter „Mittelschicht“ subsumiert, sicherlich begünstigen, keine Frage. Ob sie vernünftig sind, steht auf einem anderen Blatt. Aber volkswirtschaftliche Vernunft scheint bei Beise keine Rolle zu spielen. Unverblümt empfiehlt er seiner Mittelschicht, den Kindern die bestmögliche Bildung angedeihen zu lassen, weit weg von Problemschulen und am besten in privaten Anstalten. Auch Auslandsaufenthalte sollten sie haben. Das ist so weit weg von der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen in Deutschland, dass seine „Nach mir die Sintflut“-Mentalität in diesem Milieu vermutlich tatsächlich als guter Vorschlag scheint – eine Umsetzung des Beise’schen Reformprogramms wäre jedoch eine Katastrophe für das Land.

„Alternativen zur aktuellen Politik“ prangt auf dem Titel, was das Buch im doppelten Sinne zur Mogelpackung macht. Weder sind in dem Buch echte Alternativen enthalten als vielmehr Bauchpinselei und vorgestrige Modelle, noch würden sich Beises Visionen so sehr von der aktuellen Politik unterscheiden. Den Staat auszuhungern und die entstehende Bresche durch privates Engagement zu füllen mag den prallen Geldbeuteln als angenehme Vision erscheinen, für die Mehrheit der Menschen – der Mittelschicht ganz zu schweigen – kann das keine gangbare Alternative sein.

Stefan Sasse

Kommentare:

  1. "Einmal nur gibt er eine Nenngröße (für die Mittelschicht), an der man sich orientieren kann: 100.000 Euro Jahresgehalt und mehr."

    Laut Jahresgutachten 2009 der (mehrheitlich neoliberalen) Witschaftsweisen lag das durchschnittliche Marktäquivalenzeinkommen der Haushalte 2007 in Westdeutschland bei 24 671 Euro und in Ostdeutschland bei nur 15 794 Euro.
    Damit verortet der Herr Beise seine sogenannte MITTELSCHICHT" deutlich oberhalb dessen, was man gemeinhin als solche bezeichnet würde, nämlich in der Nähe des durchschnittliche Marktäquivalenz-einkommens.
    Seine Ausführungen beziehen sich also ausschießlich auf seine Klasse, der unteren funktionellen Oberschicht die deutlich weniger als 10% aller Beschäftigten ausmacht.
    Er schreibt also eigentlich nur für sich selbst und seinesgleichen.
    Ein normaler Beamte, ein Handwerker, ein Polizist eine Krankenschwester oder ein Angestellter haben mit ihm und seinen Vorstellungen nicht das geringste zutun.

    Übrigens gilt das analog für die Ausführungen des Herrn Westerwelle.

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  2. Überrascht mich, dass du das Buch überhaupt bestellt und gelesen hast, aber manchmal braucht man auch was zum Kopfschütteln :) Es ist auch immer einfach, auf Beise einzuprügeln, die Argumente bei ihm sind schwach bis nicht vorhanden, die Sprache unterirdisch. Es ist in meinen Augen so leicht, ihn auseinanderzunehmen und zu zeigen, was für ein armseliges Würstchen er ist, dass ich mittlerweile schon Mitleid mit ihm empfinde ob seiner Kleingeistigkeit. Schramm hat das bzw. ihn ja mal exemplarisch vorgeführt. Trotzdem danke für die Mühe, sein Buch zu sondieren.

    Noch eine kleine Bemerkung sei mir gegönnt: Die benannte Gruppe der Professoren kommt mit ihrem Sold nicht auf über 100.000, sondern liegt um einiges darunter. Um als Professor über diese Grenze zu kommen, sind schon gut dotierte Auftragsarbeiten oder Mauscheleien notwendig (wie z.B. bei Raffelhüschen und anderen Widerlichkeiten).

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