Donnerstag, 18. Februar 2010

Tauwetter in den Medien

Im August letzten Jahres habe ich unter der Überschrift "Tauwetter in den Medien?" die Frage gestellt, ob die Medien aus ihrem Dornröschenschlaf der Hofberichterstattung erwachen und endlich wieder ihre Aufgabe als kritische Meinungsbilder wahrnehmen. Ich habe in der Überschrift dieses Artikels das Fragezeichen weggelassen. Meine Kommentatoren sind heute noch sehr kritisch in der Frage, wie das aktuelle Beispiel zeigt. Ich bin allerdings in den letzten Wochen und Monaten zu der Überzeugung gekommen, dass tatsächlich ein Tauwetter existiert. Bevor das jetzt jemand falsch versteht: Tauwetter ist nicht das gleiche wie der heitere Sonnenschein, den wir uns alle wünschen. Es ist ein Anfang, ein zaghaftes Wegschmelzen des erstickenden Eises. Es kann sowohl alles schmelzen als auch eine neue Kälteperiode kommen.

Jedoch gibt es in letzter Zeit, und dem Eindruck kann sich denke ich niemand verschließen, eine Fülle von Artikeln, wie man sie vor ein, anderthalb Jahren noch nicht gesehen hat. Artikel, die in äußerst kritischen Tönen über CDU und FDP (wie aktuell in der SZ) berichten, die Merkels Führungsstil kritisieren, die Agenda 2010 und Hartz-IV hinterfragen, Konjunktursteuerung das Wort reden und vieles mehr an Themen, die vor kurzem noch als völlig undenkbarer Ballast einer vorsozialistischen Vergangenheit galten. Das ist definitiv vorbei. Zwar besteht die Mehrheit der Artikel noch heute aus abgeschriebenen Agenturmeldungen und Kolumnen von Hofberichterstattern vom Format eines Beise, Steingart oder Frey, aber wir lesen besonders in den Kommentaren - also den Teilen der Zeitung, in denen man tatsächlich denken muss - immer mehr vom Schlage Zeiszes, Frickes, Prantls oder, steinigt mich, Jörges.

Zu Jörges möchte ich kurz einen Exkurs einschieben: ich gehe mit dem Stern-Chefredakteur inhaltlich wahrlich nicht oft d'accord - aber ich schätze ihn als Gegner. Er hat intellektuell unendlich viel mehr auf dem Kasten als alle Beises und Steingarts zusammengenommen. Mit ihm sind tatsächlich Diskussionen möglich. Ein Freund wird er wohl nie werden, aber das ist auch nicht notwendig. Wir wollen schließlich nicht die eine Konsenssoße durch die nächste ersetzen; Pluralismus hat zwei Seiten.

Je nach Zeitung finden sich mal mehr, mal weniger kritische Artikel. Mehr finden sich beispielsweise bei der SZ oder der FR, weniger bei Welt, FAZ und SpOn. Aber sie finden sich inzwischen, und das ist der Grund, dass ich zu der Tauwetter-Einschätzung gelange, bei allen Zeitungen gleichermaßen. Schön ist auch, dass "kritisch" hier nicht gleichbedeutung mit "links" sein muss: es gibt inzwischen auch Artikel, die halbwegs intelligent gegen linke Positionen argumentieren. Das ist gut, weil man dann beim Widerlegen dieser Thesen keinen Wutanfall bekommt wie unlängst beim Blatt mit den großen Buchstaben, sondern tatsächlich so etwas wie ein Diskurs entstehen kann, der alle Seiten weiterbringt.

Ich kann verstehen, wenn meine Leser diese optimistische Meinung nicht teilen. Das sei euch unbenommen. Ich denke aber, dass sich tatsächlich ein Tauwetter abzeichnet, und ich habe die Hoffnung, dass wir mittelfristig zu einem Journalismus zurückkehren werden, der diesen Namen auch verdient, und dass dann in diesem Land vielleicht wieder politische Diskussionen geführt werden, die es unserer Politik unmöglich machen, Wahlkämpfe wie den letzten zu führen.

Stefan Sasse

Kommentare:

  1. Ich habe da meine Zweifel
    Aktuell wird überall propagiert, dass die Mittelschicht nicht von Hartz IV betroffen ist.
    Die Studie ist vom IZA.
    Warum wohl?

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  2. Die Studie vom IZA arbeitet mit absoluten Werten.
    1 von 1000 Hartz IV Neuzugängen hat vorher 3500 Euro verdient,usw.
    Natürlich muss man mit relativen Werten arbeiten.
    Wieviel Beschäftigte haben überhaupt ein Einkommen über 3500 Euro usw.
    Ich würde nicht nur Claus Hulverscheidt, sondern allen Journalisten einen Grundkurs in elementarer Logik verpassen.

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  3. http://www.sueddeutsche.de/,tt2m1/wirtschaft/318/503540/text/
    SIEHT SO DAS TAUWETTER AUS ? NIE UND NIMMER:
    UND DAS IN DER SZ !!!
    GRUSS GEORG

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  4. Ich bilde mir ein, einen ähnlichen Trend wahrzunehmen ("Tauwetter..."). Allerdings schlägt das Pendel gerade wieder zurück wenn man sich die Leitartikel von heute morgen bei SPON http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,67847800.html) und SZ(http://www.sueddeutsche.de/,tt2m1/wirtschaft/318/503540/text/)anschaut.

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  5. Tauwetter? Sicher kommen auch mal Artikel zustande, die am Irrsinn der Medien zweifeln lassen. Das hat viele Gründe. Entweder war der Chefredakteur krank oder lag mit einer Praktikantin darnieder - oder aber, man setzt absichtlich solche Texte, um den Schein der Objektivität zu wahren. Selbst die BILD hat vor der Hartz-Kampagne kurzzeitig darauf hingewiesen, wie Hartz IV-Empfänger sich noch mehr Leistungen sichern könnten... hat es bei BILD getaut? Sieht derzeit nach Eiszeit aus...

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  6. BILD gehört nicht zu Medien. Bei BILD ist Hopfen und Malz verloren.

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  7. Tauwetter, nein, Guido pinkelt seine Visionen in den Schnee und es dampft deshalb vorübergehend.

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