Dienstag, 9. Februar 2010

Ansätze struktureller Schulreformen

Wer meine Bildungssystem-Serie gelesen hat, kennt meine grundlegenden Gedanken zum Thema bereits. Ich möchte heute einige eher unstrukturierte Gedanken zu einer strukturellen Schulreform vorstellen (was für eine Satzkonstruktion!). "Strukturell" ist hier nicht als "allumfassend" zu verstehen, sondern auf die Struktur bezogen. Der Aufhänger dieser Reform sind die Arbeitsbedingungen der Lehrer, an deren Veränderung gewissermaßen alle anderen Reformschritte hängen beziehungsweise aus denen sie sich ergeben.

Vor einigen Jahren wurde gegen den ausnahmsweise vereinten Widerstand von GEW und Philologenverband die Streichung der steuerlichen Abzugsfähigkeit der Kosten für das Arbeitszimmer von Lehrern durchgesetzt. Wie jeder weiß, der in den letzten 150 Jahren eine Schule von innen gesehen hat, gehören die Schulen zu den wenigen Arbeitgebern, die ihren Angestellten keine Arbeitsplätze zur Verfügung stellen - die gesamte Unterrichtsvorbereitung muss effektiv zu Hause gemacht werden, was dank der vormittagszentrierten Form des Unterrichts prinzipiell auch möglich ist. Das dazu notwendige Arbeitszimmer war lange steuerlich absetzbar und ist es nun nicht mehr, ohne dass Ersatz im Schulgebäude selbst bereitstünde. Gleichzeitig lässt sich eine generelle Tendenz im Bildungswesen von der Vormittagsschule hin zur Ganztagsschule ausmachen. Die Reduzierung des Gymnasiums auf acht Jahre in Baden-Württemberg hat zu einer starken Zunahme von Nachmittagsunterricht geführt, und die Wandlung der Erwerbswelt und der Abschied vom Einernährermodell stellen die lange Gewissheit, dass mittags ein warmes Essen für die Kinder serviert wird, in Frage. Die deutschen Schulformen sind mit den Realitäten der Arbeitswelt längst nicht mehr in Einklang, und ein Bewusstsein dafür ist inzwischen in breiten Gesellschaftsschichten angekommen. Erste Programme wurden aufgelegt, die den Schülern Essens-, Aufenthalts- und Arbeitsmöglichkeiten in der Mittagspause zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht bieten, ein Trend, der in meinen Augen mittelfristig zur flächendeckenden Ganztagesschule von etwa 8 Uhr morgens bis 15 oder 16 Uhr nachmittags führen wird. Diese Entwicklung ist grundsätzlich zu begrüßen.

Das Problem ist allerdings, dass im gleichen Maße wie die Vereinbarkeit der geänderten Arbeitsbedingungen der Eltern mit dem Schulalltag vorangetrieben wird die Realität der Arbeitsbedingungen der Lehrer mehr und mehr mit den Erfordernissen kollidiert. Da sie sich durch die veränderten Stundenpläne und höhere Unterrichtsdichte immer länger an den Schulen aufhalten müssen und gleichzeitig immer mehr Familien nicht mehr in der Lage sind, den Schülern die Lernumgebung zu bieten die sie benötigen, muss die Schule in die Bresche springen, eine Aufgabe, mit der das System vollkommen überfordert ist. Dies hat in meinen Augen vor allem strukturelle Ursachen.

Zum einen sind dies die starken sozialen Probleme (sozial hier nicht nur im Sinne der wirtschaftlichen Situation der Haushalte, sondern vor allem im Zusammenleben und den Umgangsformen), die die Schüler mit in die Schule bringen stark gestiegen oder werden zumindest starker wahrgenommen, da das Schulsystem weniger repressiv ist als noch vor 20 oder 30 Jahren. Die Lehrer sind jedoch keinesfalls dafür ausgebildet, mit diesen Problemen umzugehen. Dies kann auch nicht ihre Aufgabe sein. Hier fehlt es an dem Geld, das nötig wäre um Sozialpädagogen und Schulpsychologen einzustellen, die sich hauptamtlich um solche Dinge kümmern, so dass die Lehrer wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Kernkompetenz, nämlich das Unterrichten, haben. Die Tendenz, alle Probleme den Lehrern zur Lösung vor die Füße zu werfen ist Unsinn, da diese weder dafür ausgebildet sind noch die Zeit haben, neben dem Fulltime-Job des Unterrichtens auch noch den Schulalltag zu organisieren und Psychologe zu spielen.

Zum anderen sind dies die Arbeitsbedingungen, soweit sie sich aus der schulischen Infrastruktur ergeben. Lehrer hetzen im Allgemeinen in der Fünf-Minuten-Pause vom Klassenzimmer ins Lehrerzimmer und zurück, da sie selten über eigene Räume verfügen sondern von Zimmer zu Zimmer wandern. In der Großen Pause (real etwa 10-15 Minuten) müssen sie meist für Schüleranfragen zur Verfügung stehen (sofern die Schule nicht, was immer häufiger vorkommt, Schüleranfragen in dieser Zeit verbietet um den Lehrern wenigstens eine kurze Ruhepause zu gönnen) und befinden sich ansonsten in einem viel zu kleinen Lehrerzimmer mit oftmals über 70 Kollegen auf engstem Raum; eine Atmosphäre, die kaum zu Entspannung oder ernsthafter Arbeit einlädt. Dadurch nimmt der Lehrer die Arbeit zwangsläufig mit nach Hause, was auch dort ein echtes Abschalten erschwert - alles Bausteine für ein späteres Burn-Out-Syndrom. Doch die sich daraus für Lehrer ergebenden Probleme sind nicht alles. Ginge es nur um ihre Bequemlichkeit, könnte man die Angelegenheit mit einem "Das Leben ist kein Ponyhof" einfach verwerfen und sie wie bisher weiterwurschteln lassen. Aber dem ist nicht so.

Zu den häufigsten Beschwerden die von Eltern an Lehrer gerichtet werden ist deren schlechte Erreichbarkeit. Die meisten Schulen kennen die Institution des Elternsprechtags, an dem alle Lehrer für rund zwei Stunden in Zehn-Minuten-Abschnitten von Eltern befragt werden können, ein Angebot, das meist von den Eltern wahrgenommen wird deren Kinder keine Probleme haben und die eigentlich nur hören wollen wie gut sich der Sprössling macht. Eltern von Problemkindern sind selten da, und wenn, hält sich der Mehrwert oft in engen Grenzen. Auch für Schüler ist es schwierig, die Lehrer außerhalb des Unterrichts zu erreichen. In Zeiten von Frontalunterricht besteht dafür auch weniger häufig eine Notwendigkeit, aber spätestens mit der Einführung größerer und längerer Gruppenarbeiten, Präsentationen und Formen Offenen Unterrichts wird die detaillierte Rücksprache mit dem Lehrer immer wichtiger.

Der letzte Punkt ist das bekannte Problem viel zu großer Klassen auf viel zu wenig Lehrer. Darüber wurde schon so oft lamentiert, dass ich es nicht weiter ausführe; die mangelnde Finanzierung ist DAS große Problem des deutschen Bildungssystems, ohne dessen Lösung alles andere nur Flickwerk bleiben kann.

Was also sind meine Vorschläge für strukturelle Reformen? Sie erfordern effektiv einen Neubau der meisten Schulen und sind deswegen als Optimum und weniger als Handlungsanweisung zu verstehen, aber ich möchte deutlich machen, worum es mir geht.
1) Jeder Lehrer hat sein eigenes Klassenzimmer. Es sind die Schüler, die zwischen den Schulstunden wandern, nicht die Lehrer.
2) An jedes solche Klassenzimmer angeschlossen ist ein kleines Büro als Arbeitsplatz des Lehrers. Zur Grundausstattung dieses Büros gehört ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Bücherregal mit sämtlichen Lehrbüchern, die an der Schule verwendet werden und ein Computer, auf dem Windows XP ruckelfrei läuft. Ich führe das so explizit auf, weil diese eigentlich wirklich spartanischen Arbeitsbedingungen keineswegs gesichert sind. In diesem Büro hält sich der Lehrer während der kleinen Pausen auf, und hier kann er auch die Unterrichtsvorbereitungen treffen. Im Gegenzug existiert tatsächlich keine steuerliche Abzugsfähigkeit für Arbeitsmaterial mehr.
3) Jeder Lehrer hat eine wöchentliche Sprechstunde für Schüler (in der Mittagspause oder direkt im Anschluss an das Ende des Nachmittagsunterrichts) und eine wöchentliche Sprechstunde für Eltern. Beide Sprechstunden zählen zum Stundendebutat.
4) Es existiert immer noch ein Lehrerzimmer, in dem Konferenzen etc. abgehalten werden können.
5) Es existiert außerdem ein "Lehrerclub" (also ein Zimmer, in dem man sitzen kann ohne dem Nachbarn die Kaffeetasse umzustoßen wenn man sich bewegt) zum zwanglosen Austausch der Kollegen. Dies ist notwendig, damit die Informationen besser fließen (ein großes Problem an fast allen Schulen).
6) Ein elektronisches Datenverarbeitungssystem wird eingerichtet, auf dass alle Lehrer-Arbeitsrechner Zugriff haben. Dieses System enthält sämtliche Noten der Schüler und gibt automatisch eine Warnung an alle Lehrer aus, die den jeweiligen Schüler unterrichten, wenn dieser versetzungsgefährdet ist. Dadurch wissen alle Lehrer um die Gefährdung und nicht nur die jeweiligen Fachlehrer. Es kann darüber nachgedacht werden, eine abgefasste viertelseitige Analyse jedes unterrichteten Schülers spätestens zum Halbjahr durch den Lehrer verpflichtend ins System einspeisen zu lassen. Damit soll auf das bekannte Problem reagiert werden, dass Schüler sich in verschiedenen Fächern bei verschiedenen Lehrern vollständig unterschiedlich verhalten, so dass oftmals keine Diskussion über den Schüler unter Kollegen möglich ist, da kein einheitliches Bild des Schülers existiert. Die verschiedenen Analysen könnten so zu einem stimmigen Ganzen kombiniert werden, das jährlich aufgefrischt werden muss. Durch die Lehrerwechsel könnten so neue Meinungen ins System kommen. Bei diesem Punkt bin ich mir am Unsichersten, da das System genausogut zur Institutionalisierung von Vorurteilen gerieren könnte. Zumindest aber die Noteneinspeisung halte ich für elementar. Der Mehraufwand wird für die Lehrer analog zu den Korrekturzeiten etwa des Abiturs verrechnet.
7) Es werden Stillarbeitsräume für die Schüler eingerichtet. In diesen Arbeitsräumen können sie in Hohlstunden Hausaufgaben erledigen oder auf Klausuren lernen. Idealerweise gibt es außerdem zumindest für die Unterstufe eine Aufsichtskraft, die man beispielsweise aus den Reihen der Lehramtsstudenten rekrutieren könnte, die auf diese Art Praxiserfahrung sammeln, oder aus pensionierten Lehrern, Nachhilfekräften, etc.
8) Es werden Aufenthaltsräume für Schüler eingerichtet. In diesen Aufenthaltsräumen können sie spielen, lesen, sich entspannen oder was Schüler eben auch immer tun. Die Schule als Institution sollte diesen Räumen so fern wie möglich sein, für das Lernen sind die Arbeitsräume da.
9) Es werden Mensen eingerichtet, in denen die Schüler zu Mittag essen können. Diese Mensen sind preiswert und enthalten außerdem ein Sozialsystem für Kinder wenig begüterter Familien. Um größere Gleichheit herzustellen und das System für alle Beteiligten zu vereinfachen wird mit einem elektronischen Schülerausweis bezahlt, der im Zweifelsfall den Rabatt für Sozialfälle gleich mit verrechnet und damit Stigmatisierung erschwert. Der Ausweis kann entweder aufgeladen oder per Rechnung an die Eltern betrieben werden; dieses Prinzip wird mit Studentenausweisen bereits erfolgreich betrieben. Mit dem Ausweis können auch weitere Services betrieben werden: Automaten mit Snacks und Getränken sowie Kopierer, die für die Schüler zur Verfügung stehen.
10) Jede Schule verfügt über eine kleine Schülerbibliothek mit wichtigen Standardwerken und einem Angebot an Belletristik. Die Schüler werden aktiv zum Lesen ermuntert.

Keiner dieser Vorschläge berührt irgendwie die Lehrerausbildung. Man kann damit argumentieren, dass hier weitreichende Reformen notwendig sind, um den Lehrern mehr Pädagogik beizubringen. Ich sehe das nicht so und bin der Überzeugung, dass die oben vorgestellten strukturellen Reformen die Schulen auf lange Sicht zu deutlich besseren Lernräumen machen können. Unser System krankt nicht an einer generellen Unfähigkeit seiner Bestandteile, sondern an einer grotesken Unterausstattung, die weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibt und gewaltige Opportunitätskosten verursacht.

Kommentare:

  1. Gute Vorschlaege.

    In Zeiten, in denen um Steuersenkungen gekaempft wird und in denen es um maximale Kapitalproduktivitaet geht ist das aber leider alles Social Fiction :(

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  2. Grundsätzlich sehr interessante Gedanken (ich muss das lesen der Serie gleich mal nachholen), aber neben sehr praktischen Bedenken (wo sollen die Räume herkommen?) sehe ich da auch drei "ideologische" Probleme.
    Zu 2) Warum Win XP? (Im Ernst, warum?)
    Zu 6) Das würde leider mit dem Datenschutz völlig unvereinbar sein und zudem noch extrem anfällig gegenüber einer "bösartigen Veränderung" sein.
    Zu 10) Warum nur Bücher und warum nur Belletristik? Das halte ich als Bildung für viel zu wenig. Abgesehen davon, dass fast jede "klassische" Literatur extrem schnell zum Staubfänger mutieren dürfte, während die Schüler erbost nach aktueller Ware verlangen.

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  3. 2) Damit wollte ich andeuten, dass ich echt bescheiden bin. WinXP ist alt, aber ich hab an Schulen noch Rechner mit Floppy-Laufwerk und Win95 gesehen...
    6) Ich denke auch, aber zumindest Noten müssen gespeichert werden. Du brauchst dem Nutzer ja kein Schreibrecht nach Absenden der Daten zugestehen ^^ Ich meine bisher werden die Noten im Heft des Lehrers vermerkt, da kann er verändern wie er will...
    10) Die Standardwerke damit man sie nicht kaufen muss, wenn sie in der Schule durchgenommen werden ;)

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