Mittwoch, 24. Februar 2010

Die Bischöfin und die Buße


Ganze vier Monate war sie im Amt, nun ist sie als Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der EKD zurückgetreten: Margot Käßmann. Unbequem war sie, eine streitbare “Gotteskriegerin”, die sich für die Schwachen einsetzte und zuletzt erst bei der Afghanistanfrage auch den Diskurs mit Verteidigungsminister zu Guttenberg nicht scheute. Eine mutige Frau, die auch öffentlich über  ihre Scheidung und ihren Brustkrebs sprach – für eine Frau in ihrer Position sicher nicht selbstverständlich.

Nach ihrer Trunkenheitsfahrt vom Samstag, die in den Medien weidlich ausgeschlachtet wurde, allen voran natürlich mal wieder von der unsäglichen BILD mit F. J. Wagners hämischem Kommentar, wurden sofort Stimmen laut, die einen Rücktritt erwarteten, auch wenn der Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland geschlossen hinter seiner Vorsitzenden stand. Ohne langes Zögern reagierte Käßmann heute in gewohnt konsequenter, ja “radikaler” Art und legte ihre hohen Ämter nach einer eindrucksvollen Erklärung nieder – eine Konsequenz und Integrität, die viele Politiker und Wirtschaftsbosse leider völlig vermissen lassen.

Wie war es denn seinerzeit mit Otto Wiesheu, der 1983 betrunken einen Menschen totfuhr und einen weiteren schwer verletzte? Und wie 2009 bei Dieter Althaus, dem zwar kein Alkoholeinfluss nachgewiesen wurde, der aber trotzdem fahrlässig gehandelt und damit den Tod eines Menschen verursacht hat? Beide blieben in ihren Ämtern und nur Wiesheu wurde zeitweilig “zurückgestuft”, bevor er 1993 gar – man beachte die Ironie! – Verkehrsminister wurde. Wie anders hat da doch Margot Käßmann gehandelt und damit ihre persönliche Glaubwürdigkeit und Integrität sowie die ihrer Kirche erneut unter Beweis gestellt!

Natürlich ist eine Trunkenheitsfahrt mit 1,54 Promille kein Kavaliersdelikt, wie auch die Bischöfin inzwischen wohl (wieder) erkannt hat, und es besteht doch erhebliche Gefahr, nicht nur für einen selber, sondern auch für Leib und Leben anderer, aber – “es ist ja noch mal gutgegangen” und “tätige Reue”, in Verbindung mit der zu erwartenden hohen Geldstrafe, hätte nach Ansicht einiger Kommentatoren wohl ausgereicht. Der Rücktritt wird daher eher als falscher Schritt angesehen, wenn er auch – betrachtet man den Menschen Margot Käßmann – als “menschlich verständlich” gilt und trotz seiner Radikalität nicht ganz unerwartet kam.

Mit der vormaligen Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzenden verliert die deutsche Friedensbewegung eine ihrer gewichtigsten Stimmen im Kampf um eine zügige Beendigung des Afghanistan-Einsatzes und wir alle – gläubig oder nicht -  verlieren nach Ansicht des Autors einen sehr integeren und engagierten Menschen, der noch so manchen Denkanstoss zur politischen Debatte in Deutschland hätte beitragen können. Chapeau, Madame Käßmann!

[fb]

(Anm. d. Red.: Der Autor dieser Zeilen ist ein “Ungläubiger”, hat mit 11 Jahren seinen Vater durch einen betrunkenen Autofahrer verloren, ist ein Jahr später selber einer angetrunkenen Dame unter die Räder gekommen und leidet noch heute an den Spätfolgen.)

Kommentare:

  1. ich wäre letztes jahr beinahe an einer kreuzung mit ampelanlage zweimal unter die räder gekommen. die fußgänger hatten grün und die fahrerInnen sind einfach bei rot über die ampel gefahren.

    meine versuche, auf dem revier anzeige zu erstatten stieß eher auf desinteresse seiten der polizisten, obwohl ich die autonummer hatte.

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  2. Ich wünsche Frau Käßmann alles Gute. Für mich kam ihr so entschiedenes Engagement gegen den Krieg in Afghanistan zwar ziemich spät, aber besser spät als gar nicht. Als Kämpferin für die Schwachen habe ich sie aber leider hierzulande nicht empfunden, Frau Käßmann und die ev. Kirche haben sich bislang weder gegen Harzt IV noch gegen sonstige Agenda 2010 Schweinereien positioniert, vielmehr war gerade auch die Kirche maßgeblich am Agendasetting beteiligt.

    Trotzalledem möchte ich der scheidenden Bischöfin meinen Respekt aussprechen, dafür, dass sie letzlich dann doch in aller notwendigen Deutlichkeit Farbe bekannt hat und vor allem auch für ihre Ehrlichkeit und auch für ihre letzliche Konsequenz.

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  3. @ klaus baum, #1:

    In den zwei Jahren, in denen meine Mutter nun im Pflegeheim ist, hat man mich etwa 7-8 Mal sehr knapp verfehlt und einmal (leicht) erwischt. Radfahren in München kann ziemlich gefährlich sein ...

    Hätte ich nicht die Statistik auf meiner Seite und wäre nicht sehr umsichtig, wäre ich wohl wieder "dran gewesen" :-(

    Polizei im Nachhinein ist dann auch nicht mehr sehr hilfreich ...

    LG
    Frank

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  4. @ Geheimrätin, #2:

    Da teile ich Deine Auffassung "besser spät als gar nicht", wobei wir wohl beide nicht wissen, wie lange sie schon den Krieg dort ablehnt; ich denke, ihre Überzeugung ist schon länger gewachsen.

    Was den "Kampf für die Schwachen" anbetrifft: Ich meine gelesen zu haben, daß sie sich eben für "Die Dritte Welt" stark macht und sich auch schon zur heimischen Sozialdebatte entsprechend geäußert hat.

    Im Zweifelsfalle gehe ich dem ja gerne auch noch nach, aber hier ging es mir um die Konsequenz, die ein aufrechter Mensch an den Tag legen kann, um deren Rezeption und Bewertung. Morgen bzw. heute schreibt voraussichtlich auch Jens was dazu und er wird es natürlich "besser" machen als ich, aber ich bin ja auch nur der Lektor ;-)

    Beste Grüße
    Frank

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  5. Ich sehe das sehr ähnlich: Der Rücktritt hätte nicht sein müssen, Deutschland verliert damit eine anständige Persönlichkeit in gehobener Position. Und bei manch anderem warte ich nach weitaus größeren Verfehlungen immer noch vergeblich auf den Rücktritt oder wenigstens ein kleines bisschen Reue.

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  6. @ Tim, #5:

    So geht mir das auch, weshalb ich ausnahmsweise gerne was geschrieben habe. Die Frau ist garantiert "eigenwillig" - aber auf eine gute Art. Ich denke, wir werden sie wiedersehen :-)

    Was die anderen Nasen anbetrifft: "Sesselkleber" halt und nicht ein Gran Anstand oder Verantwortungsgefühl. Nur wert unserer Nichtbeachtung und bei konsequenter Durchführung ihrer "Macht" gänzlich entkleidet.

    Gute Nacht
    Frank

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  7. Glaubwürdigkeit und Integrität der Kirche würde ich so pauschal nicht aus dem Verhalten von Frau Käßmann ableiten. Gesunder Menschenverstand, Gerechtigkeit und Frieden täten unserer Gesellschaft gut, das alles ist aber auch ohne den religiösen Schnickschnack möglich.
    Alkohol am Steuer ist für mich deutlich mehr als einfaches menschliches Versagen. Dass für so eine Tat Verständnis gefordert wird, ist meines Erachtens nur möglich, weil wir hier unter einer starken Autolobby und einer krankhaft aufs Auto fixierten Kultur leiden. Führerscheinentzug auf Lebenszeit wäre das Mindeste gewesen, Rücktritt ist noch besser.

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  8. Wieder ein Beispiel für die Macht unserer sog. "vierten Gewalt". Unliebsame, unbequeme und vor allem linkspolitische Persönlichkeiten werden gandenlos gebasht: Andrea Ypsilanti, Oskar Lafontaine und jetzt Frau Käßmann.

    Mein Beitrag hierzu.

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  9. Die Dame mag ihre Fehler haben.

    Mir ist sie auch nicht rundum sympathisch.
    Aber eine konsequente Haltung kann ich ihr nicht absprechen und respektiere sie daher.

    Leider schadet mit einer konsequenten Haltung sich selbst am meisten. Es wird nur von sehr wenigen anerkannt.

    Hoffentlich haben wir nicht das letzte mal von ihr gehoert.

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  10. Ich bin zwiegespalten: Ich halte den Rücktritt für nicht nötig, gleichzeitig aber auch für angemessen, ob ihres Amtes und der Stellung in der Öffentlichkeit. Anders als eben Herrn Wiesheu, der ja noch bis vor kurzem auf der Gehaltsliste der DB AG stand, würde man ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihr Fehlverhalten vorhalten. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

    Ansonsten schließe ich mich den Vorrednern an, ein derartiges Pflichtgefühl würde ich mir von manchem Politiker wünschen. Dann säße z.B. jetzt auch nicht jemand im Finanzministerium, der sein Problem mit großen Summen von Geld hat.

    P.S.: Mich erstaunt immer wieder, dass Herr Wagner für derart Geschmiere noch Geld bekommt.

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  11. Chapeau? Ich bin enttäuscht. Nicht wegen der sicherlich dämlichen Alkoholfahrt, obwohl man sicher damit rechnen muss, dass jeder noch so kleine Schnitzer der Öffentlichkeit zugetragen würde. Wegen des Rücktritts. Ein gutes Werk aufzugeben, das unserer Welt vielleicht ein Stück mehr Frieden und Menschlichkeit bringt, für den eigenen Stolz, ein wenig Spott zu ernten, kann ich nicht nachvollziehen ...

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  12. Ich wundere mich, warum bisher niemand danach gefragt hat :
    Wie kam diese Trunkenheitsfahrt dieser Frau Käßmann überhaupt zustande ?
    Wie wurde das eingefädelt, dass sie dermaßen abgefüllt wurde, dann ganz zufällig eine rote Ampel überfuhr, an der spät Nachts ganz zufällig die Polizei stand und auch ganz zufällig sofort die BLÖD - Zeitung davon erfuhr ?
    Für mich ist das oberfaul, das stinkt zum Himmel !
    So lange nicht eindeutig klar ist, dass Frau Käßmann *nicht* in eine Falle gelockt wurde, gehe ich davon aus, dass hier eine unbequeme Person mundtot gemacht werden sollte, - mit Erfolg, wie man sieht !

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  13. @ H. Heyne, #11:

    Das ist eben kein "Stolz", sondern die konsequente Haltung eines Menschen, der sich und seinen Idealen anscheinend noch selbst treu ist. Das ist leider selten geworden und findet meinen ungeteilten Respekt.

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  14. @ Tim Buktu, #12:

    Nein, ich denke, da jetzt eine "VT" konstruieren zu wollen, ist kontraproduktiv und auch an den Haaren herbeigezogen. Sicher ist Frau Käßmann in letzter Zeit für ein paar Eliten wohl zunehmend unbequem geworden, aber hätte sie das Gefühl, daß man sie "abgefüllt" hat, hätte sie sich garantiert auch dementsprechend geäußert.
    So aber bleibt ein Mensch, der einen Fehler begangen und eine ziemlich drastische Konsequenz gezogen hat. Meinen Respekt hat sie.

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  15. Warum gehen eigentlich so viele Leute davon aus, dass Käßmann zum ersten Mal betrunken Auto gefahren ist und dabei gleich erwischt wurde? Ist es nicht eher wahrscheinlich, dass sie das schon häufiger getan hat und nun zum ersten Mal dabei von der Polizei angehalten wurde?

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  16. @Frank Benedikt

    Nun ja, Respekt hätte ich doch eher davor gehabt, wenn sie sich auf den Zusammenhang ihrer "Sünde" und ihrer Wichtigkeit in diesem Amt besonnen hätte: Es gibt keinen. Hätte sie sich über den zu erwartenden Spott erhaben, und den "schwereren" Weg gewählt, wäre ihr mein Respekt sicher.

    So ist es nat. leichter ein paar Schäfchen in ihrer Gemeinde etwas vom Leibhaftigen zu predigen, anstatt ihn in fleischgewordenen Kriegstreibern und Menschenverachtern zu bekämpfen.

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  17. Die evangelische Kirche braucht ein neues Oberhaupt, wobei hier wenigstens die ersten Verschwörungstheorien grassieren.
    Welche? So soll die Bischöfin nicht etwa in freier Jagd erlegt worden, sondern am heimischen Parkplatz einem Hinterhalt zum Opfer gefallen sein, mit bereitgestellten Polizisten, in Form einer gezielten Denunziation. Warum? Weil Frau Käßmann gegen das Kolonialkriegsabenteuer der Bundeswehr in Afghanistan gewettert haben soll, und, als weitaus größeres Sakrileg, den Siegermächten des zweiten Weltkriegs erklärt habe, daß sie bewußt nicht vorher politisch eingegriffen haben, weil sie einzig und allein eine militärische Lösung mit Millionen Toten herbeiführen wollten.(Quelle:M.Winkler)
    Das leuchtet mir auf jedenfall besser ein als das Gequatsche der "Qualitätsmedien".
    Und wer steckt hinter allem? Natürlich!!!!

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  18. Hat sich schon mal jemand gefragt warum mit keinem Wort erwähnt wurde daß Frau Käßmann ja schließlich nicht einsam und allein getrunken hat, ja noch nicht mal allein gefahren ist? Als ehemalige Kellnerin fehlt es mir an Verständnis für sogenannte "Freunde", die jemanden wissentlich mehr oder weniger angetrunken fahren lassen. Gruß Nanny

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