Dienstag, 9. Februar 2010

Gedanken eines Reformisten

Traurig, dass auch Du dem Kapitalismus hinterher rennst - ich hatte Deine Blogeinträge stets auch als moderat antikapitalistisch empfunden :(
Der Kapitalismus, der sich bei dir Marktwirtschaft nennt, wird immer weiter Hunger, Elend, Ausbeutung und Umweltzerstörung zeitigen, wenn wir dem "Markt" nicht endlich ein Ende setzen! Schließlich beruht der Profit einzig und allein auf Ausbeutung, Knappheit der Produkte usw. Außerdem, allein das Geld an sich, das es darauf anlegt, ständig mehr zu werden, zwingt die Wirtschaft zum Wachstum, das für die Bedürfnisbefridigung der Menschen hier nicht ausführlicher werden, sondern nur empfehlen, Marx zu lesen - und sich einige Vorträge des "Forums GegenStandpunkt" auf Radio X aus Frankfurt am Main anzuhören - die betreiben dort seit vielen Jahren brillante, tiefschürfende und ebern marxistische Gegenwartsanalyse. Da gehen einem wirklich die Augen auf! Ich bin zwar Mitglied in der LINKEN (schon seit 2001 in der PDS), aber inzwischen habe ich Zweifel, ob auf diesem Weg ein Systemwechsel erreicht werden... ich hoffe immer noch, dass die LINKE sich eindeutig antikapitalistisch positionieren wird - denn nur in der Kooperation kan die Zukunft liegen, die Konkurrenz führt uns ins Verderben!
So ein anonymer User jüngst in den Kommentaren zum Rundumschlag. Ich verstehe deinen Standpunkt, und doch bleibe ich bei meiner Aussage: weder Konkurrenz noch Markt sind per se verdammenswert. "Den Kapitalismus" zu verteufeln ist ohnehin eine schwierige Sache, da dem Begriff jede Trennschärfe fehlt, die für eine vernünftige Diskussion notwendig ist. Was ist denn "der Kapitalismus"? Ist es der Manchester-Kapitalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts? Keine Diskussion, weg damit. Ist es der "laissez-faire"-Kapitalismus, der in den 1920er Jahren erst exorbitante Wachstumsraten in den USA schuf und sich dann als riesige Seifenblasenmaschine entpuppte? Weg damit. Ist es der keynesianische Kapitalismus, der erstmals in der Geschichte der Menschheit dem Großteil der Bevölkerung Wohlstand ermöglichte? Ich sehe keinen Grund für eine pauschale Abqualifizierung. Dass etwas mit dem System im Argen ist wird ja inzwischen nicht einmal mehr von Hans-Werner Sinn bestritten, der dafür aber immerhin schon immer gewusst hat, was das Problem ist.

Ich sage es frei heraus: bisher hat mich noch keine Variante abseits einer wie auch immer gearteten marktwirtschaftlichen Ordnung (von NEP bis Friedman) überzeugt. Die bisherigen Experimente mit Sozialismus gingen schief; die meisten sonstigen Kooperationsmodelle ebenfalls. Ich will gar nicht in das übliche "Westen gut, Osten schlecht"-Lamentieren der Bürgerlichen einfallen, aber bestimmte Punkte haben einfach etwas für sich. In Konkurrenzsituationen arbeiten Menschen häufig deutlich effizienter und leistungsstärker als ohne Konkurrenz. Zudem ist die Warenverteilung über den Mechanismus von Angebot und Nachfrage jeder Planung überlegen, sofern es sich nicht um relativ fixe Positionen wie Strom oder Wasser handelt. Davon abgesehen schließt eine Marktwirtschaft Kooperationen nicht aus; man sehe sich nur einmal die Experimente mit Genossenschaftsläden zwischen den 1960er und 1980er Jahren an.

Ich bin absolut und dezidiert nicht der Meinung, dass eine unregulierte Marktwirtschaft sinnstiftend oder effizient ist. In den letzten 30 Jahren hat sich das Gegenteil evident herausgestellt. Eine vernünftige Marktwirtschaft lässt sich über Steuerungselemente wie ein soziales Netz, einen öffentlichen verwalteten und Partikularinteressen entzogenen Bildungssektor, ein schlagkräftiges und unabhängiges Kartellamt, ein vernünftiges Steuersystem mit anständiger Beamtendeckung und weitere Steuerungselemente wie einen Mindestlohn, Arbeitssicherheitsstandards und vieles mehr erreichen. Ich bin nicht der Ansicht, dass es hier genügend Regeln gibt. Das ständige Lamento über die Verregelung und Bürokratisierung hat einen wahren Kern, denn bestimmte Dinge sind tatsächlich übertrieben geregelt (Stichwort Krümmungsgrad von Bananen). Auf anderen Sektoren dagegen hat der Staat so viel Macht wie Washington im Wilden Westen, und benimmt sich auch ähnlich. Dem gilt es vorzubeugen.

Bin ich also anti-kapitalistisch? Wenn man die Kapitalismusdefinition der FDP zugrunde legt: sicherlich. Nimmt man den Begriff im marxistischen Sinn: sicherlich nicht. Ich bin Reformist. Ich glaube an die parlamentarische Parteiendemokratie und die Soziale Marktwirtschaft. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass es um beide gerade nicht zum besten steht und dass sie von Verfassungsfeinden bedroht sind. Und die finden sich sicherlich nicht bei der LINKEn, von der ich im Gegensatz zum oben zitierten Kommentator dringend hoffe dass sie nicht versuchen einen radikalen Gegenentwurf zu präsentieren, sondern bei der FDP und ihr nahestehenden Persönlichkeiten wie Wolfgang Franz, die elementare Menschenrechte mit Füßen treten.

Kommentare:

  1. Hihi... Ich "oute" mich auch mal an der Stelle als linker Marktgläubiger ;)

    Ich sehe den Hauptvorteil im Markt, dass er dezentral ist und deshalb intuitiv besser funktioniert. Ja das schließt auch Ineffizienzen mit ein.

    In einer Marktwirtschaft kommt auch Kooperation nicht zu kurz. Eigentlich ist ein vertragliches Geschäftsverhältnis nichts anderes als das.

    Konkurrenz sorgt dafür dass Ideen unabhängig voneinander entwickelt werden. Ja das ist ineffizient, ist aber auch robust und fair.

    Denn ein großes Problem löst die Marktwirtschaft damit: Das Frage was besser ist und was schlechter. In einem System, wo immer nur die beste Idee gewinnen dürfte, müsste man das immer auch auf neutrale Weise feststellen. Also durch zB Gutachter oder gewählte Vertreter. Bei einem solchen Verfahren ist Korruption und Willkür Tür und Tor geöffnet. Auch ist die Idee, dass "meine" Idee erst abgesegnet werden muss nicht gerade wünschenswert.

    Ich denke das Konzept Eigentum ist durchaus gerechtfertigt. Ich kenne niemanden, der mit Gemeingut so gut umgeht als wäre es sein eigenes. zB wird der Staat gerne mal beschissen, nicht nur in den oberen Bereichen der Gesellschaft. Dabei ist der Staat eigentlich sowas wie unser aller Gemeingut. Auch finde ich es gerechtfertigt, dass etwas mir gehört, was ich entweder selbst hergestellt habe oder erarbeitet habe (und dann mittels Geld gekauft)

    Trotz aller (meines Erachtens..) Vorzüge gibt es natürlich Probleme: Zum einen die zunehmende Kapitalakkumulation und die damit verbundene Hirarchisierung, Systemkrisen und Verarmung großer Gesellschaftsteile. Man kann durchaus sagen, dass Kapitalismus demokratiefeindlich ist. Deswegen muss ein kapitalistisches System immer eine starke Demokratie haben, die für eine Umverteilung sorgt, Wirtschaftsstabilität sicherstellt und allgemein akzeptiert Regeln festsetzt.

    Um noch einen kleinen Ausblick von meiner Seite zu geben: Vielleicht (!) ist es so, dass mit dem Internet die Kooperationskosten sinken, das heißt mehr Transparenz gegen Korruption und demokratisch effiziente Entscheidungswege. Ich fühl mich aber nicht zu einer Prognose berechtigt. Aber falls ides der Fall sein sollte, wäre es logisch, unser Wirtschaftssystem mehr auf Kooperation auszurichten.

    Grüße,
    Ein Blogleser ;)

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  2. Wenn wir begännen, Marktwirtschaft und Kapitalismus auseinanderzuhalten - was durchaus möglich ist - kämen wir vielleicht auch einer "neuen" Lösung näher, die eine echte Alternative zum heutigen Zustand unserer Wirtschaftsordnung ist.
    Was der kapitalistischen Marktwirtschaft fehlt ist eine echte Konkurrenz. Durch das berechtigte Scheitern der Planwirtschaft ist eine Lücke entstanden, die den jetzigen Zustand quasi monopolisiert hat. Ein Konkurrenzsystem muss wieder her, damit die Menschen wieder eine "Wahl" haben. Das kann eigentlich nur eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus sein.

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  3. Ich denke auch, dass der Markt an sich nicht von vornherein zu verdammen ist. Es gibt aber durchaus Lebensbereiche, die nicht den Regeln eines ungezügelten Marktes unterworfen werden dürfen, beispielsweise die gesamte Daseinsvorsorge, Wasser, Energie, Infrastruktur, ÖPNV etc.
    Hier braucht es strikte staatliche Regularien, welche allerdings diese Bereiche aus den Gelddruckmaschinen der "Kapitalisten" herauskatapultieren würden.
    Das bedeutet: Markt - ja, aber in streng überwachten Grenzen, was die Lebensrisiken der Bevölkerung betrifft. Also Keynes + starker Staat.

    In diesem Zusammenhang wäre einmal darüber nachzudenken, wieso der Arbeits"markt" kein Markt sein kann...

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  4. -- Zitat --
    "Den Kapitalismus" zu verteufeln ist ohnehin eine schwierige Sache, da dem Begriff jede Trennschärfe fehlt, die für eine vernünftige Diskussion notwendig ist.
    -- Zitat Ende --

    Kapitalismus ist eine kreditfinanzierte Produktion. Der Kreditgeber -- der Aktionär, Bänker, kurz: der Kapitalist -- gibt Geld für Warenproduktion in Erwartung, dass es mit Zins zurückkommt: Geld -> Ware -> Geld+Gewinn. (K. Marx, Kapital, Band 1).

    (Ich helfe doch gerne aus.)

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  5. Jetzt mal ohne Ironie -- nach K. Marx steckt im Kapitalismus ein systemischer Fehler: Gewinn infolge "billiger als die Konkurrenz" kann nur mit technischem Fortschritt erfolgen, durch den der Anteil menschlicher Arbeit pro Ware schrumpft; das erfordert bessere Produktionsmaschinen, folglich größere Produktmengen, folglich größere Märkte, um den Kram abzusetzen. Wenn der Markt am Limit (also gesättigt) ist, kommt die Krise.

    Nun kannte Marx nur das seinerzeitige Echtgeld, bei dem jedem Geldschein ein Quantum Gold gegenüber stand. Beim heutigen Schuldgeld steht dem Geldschein eine zukünftige Verpflichtung entgegen, aber kein unmittelbar eintauschbares Edelmetall. Mehr dazu bei Weißgarnix:

    http://u.nu/7zq55

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  6. (Dritter Kommentar vom gleichen Herrn, danach ist Schluss ;-)

    Das historische Versagen des "realen Sozialismus" und dessen Planwirtschaft ist -- ohne es weg zu leugnen -- nicht zwingend auf einen Systemfehler zurück zu führen.

    Wir erinnern uns: die Oktoberrevolution fußte auf keiner demokratischen Tradition; man kann den sowietischen Sozialismus gerne als von Stalin "verraten" betrachten; die sowietische Hegemonialpolitik in Europa verbrauchte jede Menge Ressourcen; der Kalte Kriege war auch für die Sowjets nicht ganz billig.

    Ich sag mal frech: unter anderen Umständen hätte sehr wohl was draus werden können.

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  7. @Daniel (1)
    Nur kurz am Rande: Patente sind nicht geheim, sondern frei einsehbar.

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  8. Hallo Daniel,
    ich bin dir ja dankbar für deine ausführlichen Statements, aber die Revolution wird weiter ohne mich stattfinden müssen. Die Details über die DDR sind mir als Historiker hinreichend bekannt - Reparationen, kaum vorhandene industrielle Substanz und die Sachleistungen durch den RGW später waren sicherlich Hemmnisse. Ich gehe trotzdem davon aus, dass auch bei besserer Ausgangslage die DDR keine Banenen gehabt hätte. Für die Verteilung solcher Güter ist der Markt einfach besser geeignet.

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  9. Ich werds mir mal anschauen, danke.
    Und die Hungerprobleme haben mit dem Marktmechanismus per se erst mal nix zu tun sondern mit völlig verfehlter Wirtschaftspolitik. Exportsoja anzupflanzen während Menschen hungern ist einfach total daneben.

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