Samstag, 20. Februar 2010

Dirk Niebel – der schlechteste Bundesminister aller Zeiten?

Ein Gastbeitrag von Markus Weber

Guidos Kettenhund wird losgelassen

Dirk Niebel hatte als neuer Chef des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) einen unglaublichen Fehlstart hingelegt. Westerwelles marktradikaler Schoßhund, der immer dann von der Leine gelassen wurde, wenn Guidos Tonfall noch zu wenig schrill, noch zu nüchtern und noch zu sachlich erschien, und sich dann als überaus aggressiv und beißwütig entpuppte, übernahm damit ausgerechnet das Ministerium, für dessen Abschaffung er sich zuvor energisch eingesetzt hatte. Von der fachlichen Kompetenz her gab es wohl selten einen Minister, der unqualifizierter war – und sicher keinen, dem sein Ressort so wenig am Herzen lag. Er selbst gab auch zu, “Neuling zu sein” auf diesem Gebiet. So kann man es natürlich auch ausdrücken.

Die ersten Schritte: Hilfsorganisationen drohen, von Spenden abraten, Aufgaben umdefinieren

Und dann ging es los. In den ersten Monaten seiner Amtsführung hat er wohl mehr in einem Ministerium kaputt gemacht als irgend jemand anderes zuvor. Er machte sich mit diversen Drohungen gegen Hilfsorganisationen nahezu alle entwicklungspolitischen Akteure zum Feind – so wollte er etwa Hilfsorganisationen in Afghanistan keine finanziellen Mittel mehr zukommen lassen, wenn sie nicht mit dem Militär kooperieren. Er trat strikt gegen eine Finanzmarktsteuer ein – deren Einnahmen den Entwicklungsländern zugute kommen würden. Erst im Januar besuchte Niebel zum ersten Mal Afrika – und brachte außer ein paar Fotos, auf denen er mit seiner Militärmütze und der vollverspiegelten Sonnenbrille keine allzu guten Assoziationen hervorrief, nicht viel zu Stande. Nach dem Erdbeben in Haiti riet er davon ab, zu spenden.

Er führt in vielem die neoliberale Politik der Washington Consensus-Ära fort, die wegen ihrer verheerenden Auswirkungen selbst bei Weltbank und IWF inzwischen größtenteils in Verruf geraten ist. Und dann polterte er, sein Ministerium sei “kein Weltsozialamt” – er versteht seine Aufgabe in allererster Linie in der Förderung der deutschen Wirtschaft. Neben der Rüstungsindustrie kommt dabei auch etwa die Pharmaindustrie gut weg.

Weniger Entwicklungshilfe: Versprochen, gehalten!

14 Millionen Euro aus dem Entwicklungsetat stellte er für den Ankauf deutscher Impfdosen zur Bekämpfung der Schweinegrippe in Afrika zur Verfügung – als ob es keine dringenderen Probleme oder eine sinnvollere Verwendung für das Geld gegeben hätte, wendeten etwa Brot für die Welt und die Diakonie Katastrophenhilfe ein.

Niebel hatte im Bundestagswahlkampf eine Senkung der Entwicklungshilfe gefordert – und es nun wahrgemacht. Als eines der wenigen Industrieländer löst Deutschland seine finanziellen Zusagen an die Entwicklungsländer nicht ein, beklagt die OECD. Statt 0,51 % stellt es nur 0,4 % seines BIP zur Verfügung. Damit wird man die Zusagen zu den UN-Milleniumszielen kaum einhalten können.

Niebels Ministerium: Parteiloyalität kommt vor Kompetenz

Zudem hat Niebel in seinem Ministerium einen bisher beispiellosen personellen Kahlschlag vollzogen. Fast alle leitenden Posten des Ministeriums wurden mit durchweg unerfahrenen FDP-Parteikadern, vornehmlich Lokal- und Landespolitikern (fachlich oft im Bereich Mittelstandsförderung) besetzt. Die Fachkompetenz fast aller tendiert gegen den Nullpunkt – wie bei ihrem Chef. Vor den Mitarbeitern sagte Niebel offen: “Loyalität kommt vor Fachlichkeit”. Selbst der Personalrat des Ministeriums beklagt jetzt, dass mit nunmehr zehn externen Besetzungen in kurzer Zeit die Grenze erreicht sei, und, ganz diplomatisch ausgedrückt, die institutionellen Kenntnisse und fachlichen Erfahrungen der Mitarbeiter nicht ungenutzt bleiben dürften. Von strategischen Beratungen werden die Fachleute ausgeschlossen, das Besprochene bleibt innerhalb eines Klüngels enger Vertrauter. Und selbst den wissenschaftlichen Beirat des Ministeriums hat Niebel stillgelegt und will ihn auflösen.

Hauptmann Niebels Nebenverteidigungsministerium

Niebel ersetzt durchweg kompentente Mitarbeiter durch ihm treu ergebene, aber weder entwicklungspolitische Erfahrungen noch Kenntnisse aufweisende, Freunde aus der Partei – und “Kameraden” aus dem Militär. Denn nun will Niebel einen alten Bundeswehrkumpel, nämlich den Oberst, der ihm die Dienstschlaufen anlegte, als er zum Hauptmann der Reserve befördert wurde, zum Abteilungsleiter machen – das Haus brauche mehr Militärkompetenz. Die Militarisierung der Entwicklungspolitik soll jetzt auch personell vollzogen werden. Beide Staatssekretäre und bald sämtliche Abteilungsleiter sind nun ehemalige Parteifunktionäre und Niebelvertraute – nur einer fehlte noch, und das ist eben dieser Posten (Abteilung 03). Doch es kommt noch mehr hinzu: Dieser Oberst, Friedel H. Eggelmeyer, war Kommandeur eines Panzerbataillons, das Wehrmachtssymbole als Verbandsabzeichen verwendet. Die “braune Palme” sei “dem Wappen des Panzerregiments 5 des Deutschen Afrika-Korps entlehnt” und solle die Nähe zum Afrika-Korps der Wehrmacht symbolisieren, gibt der “Freundeskreises Panzerbataillon 33″ offen zu. Dieser wurde 1989 von Eggelmeyer zusammen mit ehemaligen Wehrmachtssoldaten gegründet. Und ausgerechnet dieser Oberst soll zukünftig auch noch für die Gebiete Afrika und Naher Osten zuständig sein – ein deutlicheres Zeichen wäre wohl kaum denkbar gewesen.

Das BMZ als FDP-Geschäftsstelle

Die Ereignisse der letzten Tage lösen auf allen Seiten der Politik deutliche Kritik aus. Claudia Roth (Die Grünen) warnt davor, das BMZ zu einer “FDP-Geschäftsstelle” und einem “Auffangbecken für alte FDP-Freunde und Bundeswehr-Kameraden” zu machen, es dürfe keine Klientel-Bedienungsanstalt für den ehemaligen FDP-Generalsekretär werden. Heike Hänsel (Die Linke) bezeichnet Niebel als “Rambo der Entwicklungszusammenarbeit”.

“Bei der FDP werden jetzt viele so lange befördert, bis sie die höchste Stufe ihrer Inkompetenz erreicht haben”, beklagt Sascha Raabe (SPD) die Schaffung von Versorgungsposten. Und selbst CDU und CSU mahnen, man dürfe nicht alle Experten durch persönliche Vertraute ersetzen.

Entwicklungspolitik als Niebelsache

Es ist besonders traurig, dass gerade eine Institution, die ja den Allerbedürftigsten auf der Welt helfen soll, von einem verkommenen Haufen von eitlen Berufskarrieristen, die auch nicht den geringsten Hauch von ethischen Überzeugungen besitzen, für ihre Vetternwirtschaft missbraucht wird. Niebel ist jede Entwicklungshilfe egal, das hat er immer klar gesagt. Er ist der personifizierte Stinkefinger, der sich den Entwicklungsländern entgegen reckt. Und nachdem er es nicht geschafft hat, das Entwicklungsministerium und möglichst auch die Entwicklungshilfe komplett abzuschaffen, nutzt er es jetzt, um ein bisschen den deutschen Mittelstand, die deutsche (Rüstungs-) Industrie und die Bundeswehr zu fördern – und als Versorgungspostenlieferant für unqualifizierte FDP-Karrierekader. Versorgungskumpanei und Seilschaften statt Entwicklungspolitik und Hilfe für die Ärmsten der Welt. Er hat es geschafft, jegliche Expertise und Unabhängigkeit aus den oberen Ebenen seines Ministeriums zu beseitigen. So kann man unbehelligt von störendem Fachwissen den neu gewählten Aufgaben nachgehen. Die meisten Wähler stört es ja nicht weiter. Und wenn weltweit Not und Hilfsbedürftigkeit wachsen, ist das für ein Entwicklungsministerium unter FDP-Führung auch nebensächlich, wenn man gerade einen guten Deal für die Privatwitschaft abgeschlossen hat – denn wozu ist man sonst da? So sieht Entwicklungspolitik aus, wenn sie zur Niebelsache geworden ist. Dirk Niebel ist wohl der unfähigste Minister in der Geschichte der Bundesrepublik. Und vielleicht ist er auch der gewissenloseste.

[mw]

(Anm. d. Red.: Markus Weber ist Betreiber des Guardian of the Blind-Blogs und schreibt dort regelmäßig Zeitkritisches. Der vorliegende Artikel ist im Original bei ihm zu lesen.)

Kommentare:

  1. Das schlimme ist doch:
    Das war kein "Fehlstart". Das war kalkuliert, strategisch und mit voller Absicht.

    AntwortenLöschen
  2. Schade das man sowas nicht in der SZ zu lesen bekommt

    AntwortenLöschen
  3. Niebel ist wirklich eine schande fuer das ministerium!

    AntwortenLöschen
  4. eigentlich ist die ganze FDP eine schande für dieses Land! und ja das kam jetzt von einem früheren FDP-Wähler (also vorletztes mal, das sollte man vielleicht betonen ;-))

    AntwortenLöschen
  5. @ stuttgarter heuschrecke:
    Ja, aber objektiv war es ein Fehlstart, wenn man ein gut arbeitendes Ministerium möchte - nur, dass die, die dort jetzt arbeiten, sich darunter leider etwas ganz anderes vorstellen: dass es möglichst ihnen persönlich und ihrer Klientel nützen soll und nicht den Menschen, für die es gedacht ist ...

    AntwortenLöschen
  6. @Markus: Da hast du natürlich recht. Aber sogesehen gilt das für die ganze Regierung

    AntwortenLöschen
  7. Okay, Niebel ist vielleicht der Schlechteste der Schlechten aber... ist überhaupt irgendjemand in unserer jetzigen Junta für sein Amt qualifiziert???

    AntwortenLöschen
  8. Selbstverständlich. Kauder, de Maiziére, Schäuble und Guttenberg sind sicher qualifiziert. Ob sie diese Qualifikation nutzen ist die andere Frage. Aber fähig als Minister sind sie.

    AntwortenLöschen
  9. >“Bei der FDP werden jetzt viele so lange befördert, bis sie die höchste Stufe ihrer Inkompetenz erreicht haben”, beklagt Sascha Raabe (SPD) die Schaffung von Versorgungsposten<

    Da labert die sPD aber mal wieder nur Schrott.
    Oder kennt irgendjemanden einen FDP-Apparatschik, der die hoechste Stufe seine Inkompetenz nicht schon lange in kritischem Masse ueberschritten hat?

    AntwortenLöschen
  10. Klar sind die alle fähig. Die Frage wozu allerdings erübrigt sich. Schaut Euch um im Land. Die Klientel aus Atomindustrie und Finanzhaifischbecken befriedigt, dem Deutschen Bluthund zur Ablenkung endlich mal wieder einen "Feind" vorgeworfen (den gemeinen Hartz4 Empfänger)und ansonsten zugesehen, daß man sich die Taschen vollstopft, solange es noch was zu holen gibt. Und die größte aller Fähigkeiten, die dieses ganze Gesindel(egal welcher Partei) eint: dem dummen Volk vorzugaukeln, man würde SEINE Interessen vertreten. Ich habe selten so gelacht.
    In der Tat, eine phantastische Junta aus Bandi.. öhm, Bankierfreunden, die uns da ohne Schaum rasiert, will sagen den Flaum massiert. Oder war es " wie ein Alptraum grassiert?"
    Jedenfalls hat es blühende Gärten wohin man sieht. So sagte ja schon der Prophet Helmut, die Birne Kohl. Wenn nur die SCHEI... dekadenten Hartz4 Bettler nicht wären. Steinigen wär doch ne Idee. Die faulen Hunde die faulen. Oder wir basteln ein paar KZs. Dort lassen wir sie dann vor laufenden Kameras verhungern. Das Volk braucht eh ein Thema um sich dran aufzugeilen. Um von solchen Lügenbeuteln und Doppelnullen wie Herrn Niebel abzulenken. Große Fresse vor der Wahl und danach das genaue Gegenteil von dem machen, was man angekündigt hat. Früher nannte man so etwas Betrug. Heute nennt man es schwarz-gelbe Koalition. Hach, haben wir eine schöne Muttersprache, mit SO vielen unterschiedlichen Bedeutungen des selben Wortes.
    Oder was wäre besser, als die gute alte Zeit tatsächlich wieder aufleben zu lassen? So wie Herrn Nebels, äh, Niebels „Führer“ Schwesterwelle ja schon eingeläutet hat. Bleiben wir doch beim spätrömisch dekadenten Vorgehen. Auch den Kaisern jener Zeit war der Grundsatz "Vinum et circensis" frei übersetzt: „Die Leute wollen Brot und Spiele“ ein gängiger Begriff. Konnte man mit den blutigen Schauspielen doch vortrefflich von den Problemen die wirklich zu bewältigen gewesen wären, ablenken.
    Also: Eins ist ja klar, wenn ich Tante Guido richtig verstanden habe. Es hat freie ARBEITSPLÄTZE in Hülle und Fülle. Mindestens so viel wie Arbeitslose. Also so in etwa 5 Millionen. Schuld an der Arbeitslosigkeit sind damit diese faulen, dekadenten Arbeitslosen, dieses Nassauerpack, diese Zecken, diese VOLKSSCHÄDLINGE. Diese UNDEUTSC...(hüstel....).FAST kommt mir das ein wenig bekannt vor.... Aber „ER“ war doch nicht blond…oder doch?
    Aber egal. Wir lassen also die arbeitslosen, faulen Hunde öffentlich in großen Stadien sich gegenseitig abmurksen. Mit der bloßen Hand, mit Schwertern, Äxten, Motorsägen. (Kurbelt im Übrigen die Werkzeugwirtschaft ungemein an) Das Ganze übertragen wir im Fernsehen. Wer mindestens 10 Hartz4 Empfänger abgemurkst hat bekommt einen 2 Euro Job auf Lebenszeit. Als Aschenbecherauskipper im Entwicklungshilfeministerium von Herrn Zwiebel.
    Alle FDP Headhunter die mich aufgrund meiner konstruktiven Vorschläge zum Umgang mit
    Arbeitslosen nun gern einstellen wollen können sich gegen ein vernünftiges Diätenangebot gern an mein Management wenden.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.