Donnerstag, 19. März 2009

Lufthoheit über die Meinungsdeutung

Der "Historiker" Hubertus Knabe hat vor handverlesenem Publikum (CDU) in der thüringer Staatskanzlei sein neues Buch vorgestellt: "Honeckers Erben - Die Wahrheit über die LINKE". Das Buch ist in etwa so wissenschaftlich wie es klingt; die SZ konstatiert "heiligen Eifer". Interessant sind deswegen weniger seine detaillierten (und sachlich durchaus richtigen) Einlassungen darüber, welcher LINKE-Funktionär Stasi-Kontakte hatte oder schon in der SED war, wie die PDS in der Wendezeit versucht hat, das SED-Vermögen zu retten etc. Interessanter ist vielmehr die Rolle, die Knabe den Blockflöten zugesteht:
Demzufolge sind die CDU- und FDP-Blockparteien nämlich vollständig schuldfrei. Sie alle wurden lediglich von der SED gezwungen. Bei dieser schlicht blödsinnigen Aussage bleibt Knabe aber nicht; er stellt den ehemaligen Blockflöten sogar noch Ablassbriefe aus. So berichtet der SZ-Artikel, dass er CDU-Vertretern die Zellen des Stasi-Folterknasts Höhenhausen mit den Worten "Hier in diesen Kerkerzellen ist euren Leuten das Genick gebrochen worden" gezeigt habe. Ja, die hat man bestimmt alle dazu gezwungen, die ganzen armen Blockflöten. Nur die SED ist schuld, die allein. Und natürlich die LINKE, zu der auch explizit die WASG gehört. Denn die hatte ja schon lange Kontakte zur PDS (=SED) und war damit selbst eine getarnte SED. Daraus folgt der messerscharfe Schluss, dass der Zusammenschluss geplant war.
Das alles ist sehr ärgerlich. Knabe verspielt jeden Ruf als Historiker, sollte er je einen gehabt haben, und begibt sich mit seinen klar tagespolitisch gefärbten "Analysen" (die er pünkrklich zur Wahlzeit ausgerechnet in der thüringer Staatskanzlei vorstellt!) auf die Spuren Edgar Wolfrums, der solche modernen Deutungen ebenfalls bereits betrieben hat (siehe hier und hier).
Doch nicht allein das ist ärgerlich. Denn im Prinzip ist die Fragestellung, welche LINKE-Funktionäre in der DDR bereits nicht ganz hasenreine bis klar kriminelle Aktionen unternommen haben durchaus berechtigt. Sollte die LINKE je regieren fände ich es auch eher unangebracht, wenn ehemalige Schießbefehlgeber und Stasi-Opfer-Nenner dabei wären, aus dem gleichen Grund warum ich auch keine Globkes und Kiesingers gewollt hätte. Und damit kommen wir zum nächsten. Die Integration der ganzen ehemaligen Nazis hauptsächlich (aber nicht nur) in die CDU werden im Gegensatz kaum gewürdigt und waren in ihrem Ausmaß deutlich bedenklicher als die Aufnahme von Ex-SEDlern in die heutige LINKE. Klar, die LINKE ist nur die SED umbenannt, sieht man die Parteigeschichte an. Aber von dem ehemaligen Spitzenpersonal gibt es fast nichts mehr, oder es hat nichts zu sagen. Lafontaine und Kippling sind wohl kaum als SED-Funktionäre verdächtig. Die Partei hat sich deutlich demokratisiert, und zwar um einiges deutlicher als es die CDU heute noch ist.
Die Nazis jener Tage waren ohne großes Fragen in die CDU übernommen worden mit der Begründung, dass man ja nicht einen Großteil der Leute aus der Gesellschaft ausstoßen und brandmarken könnte. Die Integration musste gewährleistet sein, ein Schlussstrich gezogen werden, wollte man nicht eine dauernde Hypothek für die neue BRD schaffen. Die Folgen einer solchen Ausgrenzung wären wohl tatsächlich katastrophal gewesen: eine riesige Bevölkerungsgruppe wäre beständig stigmatisiert worden und hätte sich nie mit dem Staat abfinden oder identifizieren können, in dem sie lebt. Wir könnten in größerem Maßstabe das Desaster beobachten, das derzeit der deutsche Osten ist.
Natürlich war die Situation von 1949 nicht mit der von 1990 vergleichbar. Das Land war nicht total kriegszerstört, es gab keine äußeren Feinde, keine Spaltung und auch keine tragende Mehrheit der Bevölkerung, die bereit war die Täter der vergangenen Epoche einfach zu integrieren. Es ist schwierig zu sagen ob ein ähnlicher Schlussstrich wie in den 1950er Jahren für die DDR-Zeit gut oder schlecht gewesen wäre. Aufklärung über die Verbrechen dieser Epoche musste es geben, denn dass die DDR ein Unrechtsstaat war, daran ist nicht zu zweifeln - wenn auch nicht im Ausmaß des Dritten Reiches, sicherlich, aber Unrecht wird nicht gegeneinander aufgewogen. Dementsprechend gab es auch kein pragmatisches Interesse, die DDR-Eliten zu übernehmen und zu integrieren. Im Gegenteil, es gab sehr handfeste Interessen, sie außen vor zu lassen. Die SPD, der damals ein Übernahmeangebot der PDS auf dem Tisch lag - man stelle sich vor, die PDS hätte sich in die SPD aufgelöst! - lehnte dieses ab weil sie auf eigene Wahlerfolge hoffte, zahlreiche CDU- und FDP-Politiker hofften auf einfache Mandate (nicht zu Unrecht), abgehalfterte Unternehmer sahen ihre Chance in der Abwicklung der DDR-Wirtschaft.
Ich will nicht sagen, dass die Benennung der Wurzeln der LINKEn und ihres bisweilen fragwürdigen Personals bzw. ihrer bisweilen fragwürdigen Geschichte nicht zulässig oder unfair wäre. Unfair und nicht zulässig ist die politische Instrumentalisierung, zu der sich charakterlose "Experten" wie Hubertus Knabe hinreißen lassen. Der Schaden, den diese Instrumentalisierung bereits für die Integration der Ostdeutschen geleistet hat lässt sich an jeder Umfrage erneut ablesen.

Kommentare:

  1. Was offensichtlich nirgends erwähnt wird,das die Blockparteien in der Ex-DDR eine bestimmte Funktion hatten. Da die SED sich als Arbeiterpartei verstand, mussten natürlich die Arbeiter die Mehrheit stellen. Damit waren ganze Berufsgruppen und Bevölkerungsschichten der Eintritt in der SED verwehrt. Wer von diesen Personenkreis eine bestimmte Karriere anstrebte, trat dann in einer Blockpartei ein.
    In der Volkskammer hatten alle Blockparteien immer mit der SED gestimmt. Mit einer Ausnahme: Ausgerechnet die CDU stimmte gegen die Freigabe der Abtreibung. Geschadet hat es ihr nicht.

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  2. Hallo,

    ich hab - als eifriger Leser, der auch gerne mal eine andere Meinung liest, nicht das Buch von Hubertus Knabe sondern von einem Bruder im Geiste "Fakten statt Legenden - Argumentationshilfen gegen die "Linke" Lafontaines Gysis gelesen, und kann mich nur anschließen, es wird - im Vorfeld des Superwahljahrs - von CDU-nahen "Historikern" ein rosiges Bild der Regierung geschrieben, dass so nicht einmal für SPD-Männer, wie z.B. Albrecht Müller, existiert.

    Im Klartext:

    Die Vorwürfe gegen die Linkspartei mögen teilweise stimmen, aber als Baden-Württemberger ist mir Öttingers Nähe zu einem rechtsextremen Studienzentrum in Weikersheim eher eine reale Gefahr für die Demokratie in Deutschland, wie eine Partei, die angeblich einem toten "Kommunismus" (Wobei zu erwähnen ist, dass für die heutige CDU sogar Ludwig Erhard mit seinem "Wohlstand für alle" ein Kommunist/Sozialist sein dürfte) huldigt.

    Was mir übrigens noch negativ auffällt ist eben, dass Agenda2010 und HartzIV - von beiden Autoren? - als soziale Wohltat gefeiert werden, während die Linkspartei angeblich "unsozial" wäre.

    Eine Tatsachenverdrehung, die man sich nur erklären kann, wenn man weiß, dass beide Buchautoren Mitglieder einer neoliberalen CDU/CSU sind, die auch vor Lügen nicht zurückschreckt um Wahlen zu gewinnen - Wohlgemerkt mir geht es nicht um die Linkspartei sondern um die generelle "Sozialwashing"-Methode der anderen neoliberalen Parteien - nicht nur der CDU/CSU.

    Gruß
    Nachdenkseiten-Leser

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  3. Man könnte mit dem Anti-Ypsilanti-Bashing in Hessen, dass Albrecht Müllers (SPD) Nachdenkseiten bestens beschrieben haben, sagen, dass nun eine Welle des Antikommunismus, wie wir ihn von früher kennen über die CDU/CSU/FDP-Republik Deutschland rollt.

    Was die Bezeichnung "Historiker" angeht, da kann man es nicht oft genug wiederholen, was der berühmte, leider vor über 10 Jahren verstorbene Historiker Sebastian Haffner, der sein Exil während der Nazi-Diktatur in London verbrachte, und der als erzkonservativ galt, schon schrieb: "Auch Historiker sind Teil der Gesellschaft, in welcher die Leben, d.h. auch Historiker sind sehr oft nicht parteipolitisch unabhängig."

    Diese Analyse von S. Haffner trifft auch Hubertus Knabe und seinen "Historiker"-Kollegen Harald Bergsdorf ebenso zu wie auf manche Historiker, wie z.B. Kurt Pätzold, die der Linkspartei nahe stehen.....wobei letztere in den Mainstream-Medien weniger erwähnt werden, ergo keine Deutungsmacht haben, so dass in der Bananenrepublik Deutschland eben CDU/CSU/FDP-"Historiker" derzeit dominierien, wie die Herren Knabe, Dr. Bergsdorf, Guido Knopp & Co.

    Ich hoffe aber, dass diese Tatsache immer mehr dämmert, und dass man auch einmal - vielleicht übers Netz? - andere Historiker zu Wort kommen läßt.

    Übrigens was die Nazi-Zeit angeht, da orientiere ich mich schon seit Jahren an Historikern aus GB, da ich weiß, dass diese nicht von CDU/CSU/FDP & Co. ferngesteuert sind....meistens....

    Gruß
    Nachdenkseiten-Leser

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  4. Was hat diese Berufspfeife eigentlich für eine Meinung über Angela "Ich war schon immer Widerstandskämpferin" Merkel und Stanislaw Tillich?

    Gruß Possimist

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  5. Das ist doch ganz klar der Wahlkampf beginnt und die publizistischen Hilfstruppen der Union und der FDP bringen ihr Gebräu - sicherlich von irgendjemand bezahlt - unter das Volk.Man erinnere sich einmal an die Brandt-Zeit zu welcher Infamie und Polemik diese Sorte von Rechten fähig ist.

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  6. So ein bißchen seid ihr ja schon auf dem richtigen Weg, ein bißchen verschoben sind die Ansichten über die ehemalige DDR aber immer noch. Ich wette, keiner von euch hat in ihr gelebt. Ich schon, 30 Jahre lang und ohne Mitglied einer Partei. Hat meinem Studienwunsch nicht geschadet und die SED hat niemanden den Parteieintritt verwehrt. Das war vielleicht ein Fehler, waren eindeutig zu viele Pfeifen drin, meist nur wegen der Karriere. Und was die heutige Linke mit der SED gemeinsam haben soll, müsst ihr noch mal näher erläutern.

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  7. Was ist ein Unrechsstaat, fragte die Abgeordnete G. Lötsch die Bundesregierung.
    Hier die Antwort.

    http://www.gesine-loetzsch.de/politik/fragen_an_die_bundesregierung/detail/browse/1/zurueck/fragen-an-die-bundesregierung/artikel/was-ist-ein-unrechtsstaat/

    Wenn es keinen Unrechtsstaat gibt, so die Bundesregierung, muß die DDR wohl sowas wie der Nazistaat gewesen sein. Nicht ganz, aber immerhin. Oder verstehe ich Euch alle falsch

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