Freitag, 6. März 2009

Der kranke Mann Deutschlands - Deutschlands Bildungssystem, Teil 2: Wurzeln

Teil 1: Auftakt
Teil 2: Welche Wurzeln hat unser Bildungssystem?
Teil 3: Schulformen
Teil 4: Infrastruktur
Teil 5: Lehrerbildung
Teil 6: Die Universitäten

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Welche Wurzeln hat unser Bildungssystem?

Wie immer, wenn man sich an einen historischen Überblick wagt gilt es die Frage zu beantworten, wo man eigentlich damit beginnen will. Bei Karl dem Großen? Früher? Später? Und warum? Ich will irgendwann in der Neuzeit einhaken, weil das die Zeit ist, in der die Leute damit beginnen, sich als „deutsch“ zu betrachten. Wenn wir also unsere Wurzeln kennenlernen wollen ohne in allzu vergessene Zeiten abzurutschen, erscheint mit das angebracht.

Irgendwann in der Neuzeit (Definition: ab 1500) also. Bildung ist durch die entstehende und von Italien aus Europa erobernde Renaissance ein Wert an sich geworden. Wer es sich leisten kann (und das sind wenige) studiert die antiken Klassiker und führt wichtige Gespräche. Durch den Aufstieg des Handels entgleitet das Machtmonopol mehr und mehr dem Adel und fließt hin zu den Händlern, die im Allgemeinen deutlich besser gebildet sind (ja, es sein müssen) und ihrem Nachwuchs eine noch bessere Ausbildung angedeihen lassen wollen. Erste Universitäten entstehen; geprägt sind die Lehrpläne hauptsächlich von den sieben schönen Künsten.

Schnitt. Im 18. Jahrhundert beginnt das große Zeitalter des Rationalismus. Die Aufklärung und die Philosophen predigen die Loslösung von der selbstverschuldeten Unmündigkeit des Geistes. Zumindest auf dem Papier führt Preußen die allgemeine Schulpflicht ein. Der preußische Staat schafft zum ersten Mal echte, allumfassende Bildungsinstitutionen. Die größte und erfolgreichste davon ist die Armee, die von Friedrich II. nicht von ungefähr als Schule der Nation bezeichnet wird. Die allgemeine Wehrpflicht sorgt dafür, dass jeder die klasssichen Werte von Pflicht und Disziplin eingebläut bekommt – und nebenbei außerdem noch das eine oder andere, was noch die Väter nie im Leben gelernt haben.

In der Folgezeit wird zumindest die Alphabetisierungsrate Stück für Stück in die Höhe getrieben. In der richtigen Erkenntnis dass ein ungebildetes Volk ein schwaches Volk im entstehenden Wettbewerb der Nationalstaaten ist bringt Napoleon mit weitreichenden Reformen eine erste Spitze der Entwicklung, während sich Preußen auf seinen Lorbeeren ausruht und es sich im Niedergang gemütlich macht, womit es dem Italien Berlusconis verblüffend ähnelt. In Frankreich werden (wieder einmal zu einem Gutteil auch über die Armee) feste Institutionen geschaffen, alte Privilegien gebrochen und Institutionen gegründet. Mit der Besetzung des Rheinlandes und Preußens kommen diese Dinge auch nach Deutschland.

In der Nachfolgezeit der napoleonischen Kriege kommen wir nun in die Zeit, in der das Fundament unseres heutigen Bildungssystems gelegt wird. Wir wollen deswegen unseren parforce-Ritt durch die Geschichte etwas zugunsten eines genaueren Blicks verlangsamen. Es entstehen zwei Schulformen, zum einen die Elementarschulen, die man sich als Grundschulen auf niedrigem Niveau vorstellen kann und die für die Masse des Volkes gedacht sind, und die Gymnasien. Letztere sind für die Elite gedacht (des reichen Bürgertums wohlgemerkt, die Adeligen bleiben eher ungebildet) und stark humanistisch ausgerichtet. Latein, Griechisch und Philosophie bestimmen den Lehrplan. Aber darauf kommt es gar nicht an, denn hier soll auch das Rüstzeug erlernt werden, eine der entstehenden Universitäten zu besuchen. Wilhelm von Humboldt ist hier ein Name den wir uns behalten sollten, denn der preußische Reformer macht sich so seine eigenen Gedanken über Bildung. Seiner Meinung nach hat Bildung nicht praktisch zu sein, ja, Praxisorientiertheit ist geradezu das Menetekel der Bildung, ihr Untergang. Zum ersten Mal entsteht eine zwar schmale Elite gebildeter Menschen, aber immerhin haben wir sie. Diese Leute streben eine Karriere im Staatsdienst an (in Großbritannien werden sie eher Händler, aber wir sehen uns ja die deutsche Entwicklung an). Die Elementarschulen indes, die in Teilzeit beispielsweise vom Dorfmetzger betrieben werden, sind auf einem grausigen Niveau, Schulfplicht ist graue Theorie (die Schüler fehlen wegen der nötigen Mitarbeit auf dem Feld oder im elterlichen Handwerksbetrieb andauernd) und oftmals kann der Lehrer selbst kaum irgendetwas, weiß aber mit dem Rohrstock immerhin ausdauernd zu bestrafen. Nach dem damaligen Menschenbild reicht das völlig.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts ändert sich das immer mehr, ohne dass das Fundament überhaupt angetastet würde. Die Elementarschulen werden besser und geraten unter staatliche Aufsicht, es entstehen naturswissenschaftliche Gymnasien und schließlich, weil die Wirtschaft immer mehr ausgebildete Fachkräfte braucht, die irgendetwas von Arbeit verstehen anstatt von Platon die Realschulen. Die deutschen Universtitäten sind weltklasse. Um die Jahrhundertwende gehen Unmengen an Nobelpreisen an deutsche Forscher, besonders in Chemie ist das Kaiserreich spitze. Das humanistische Gymnasium wird immer mehr eine Randerscheinung des an Bedeutung verlierenden Bildungsbürgertums. Längst haben neue Schichten das Bildungssystem erobert. Naturwissenschaften sind Trumpf und werden entsprechend gefördert. Der Ausbildungsstand hat allgemein selbst auf den Volksschulen ein hohes Niveau erreicht, die Alphabetisierungsrate im Deutschland der 1920er Jahre beträgt nahe 100% (und ist deutlich höher als heuzutage).

Im Dritten Reich wird in den Schulen auf Disziplin geachtet und Unangenehmes aus den Lehrplänen verdammt. Am System selbst können die Nationalsozialisten erstaunlich wenig ändern – vielleicht wollen sie es auch nicht, denn der Krieg lässt für derlei Reformen wenig Zeit. Wichtiger ist die Zeit des Dritten Reichs wegen des personellen Aderlasses; weit über die Hälfte der intellektuellen Elite Deutschlands verlässt das Land oder wird umgebracht.

Die 1949 entstehende BRD nimmt nur eine einzige wichtige Weichenstellung vor: durch die Forderung der siegreichen Alliierten, das neue Deutschland müsse ein föderaler Bundesstaat sein, wird der Föderalismus auch im Bildungssystem Gesetz. Vorläufig ändert das wenig; das dreigliedrige Schulsystem (etwa 2% besuchen das Gymnasium, meist Kinder reicher Eltern, die ebenfalls das Gymnasium besucht haben) besteht wie bereits zuvor weiter. Erst die SPD sorgt für einen radikalen Wandel: als sie 1969 im Verbund mit der FDP die bisher einzige sozialliberale Episode der BRD einleitet, ändert sich fast alles. Der Reformeifer dieser Regierung und der mit ihr verbündeten Kräfte ist beachtlich; der Konservatismus der CDU/CSU befindet sich auf dem Rückzug. Für das Bildungssystem ist vor allem die sogenannte „Bildungsoffensive“ der Sozialdemokraten wichtig. Wo sie es ändern können – und das ist wegen des Föderalismus’ nur in den von ihr regierten Bundesländern der Fall – werden neue Schulkonzepte getestet – Stichwort Gesamtschule. Des Weiteren wird eine beispiellose Investitionskampagne gestartet und mehr Geld in das Bildungssystem gepumpt als je zuvor. Durch gezielte Förderung wird auch Kindern armer Eltern das Gymnasium und das Studieren ermöglicht; die Zahlen steigen sprunghaft an, neue Gymnasien und Universitäten werden aus dem Boden gestampft. Bereits drei oder vier Jahre später wird das Ganze drastisch zurückgefahren, weil zu erfolgreich, aber das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen. Das System hat sich – noch immer im Korsett des traditionellen dreigliedrigen Schulsystems – drastisch verändert. Während immer mehr Kinder berechtigterweise das Gymnasium besuchen können, verkümmern die Hauptschulen mehr und mehr. Die Einführung von Sonderschulen begann als engagiertes Förderprojekt und endete in einer totalen Sackgasse, deren Scheitern heute niemand eingestehen will. Die CDU sorgte ab 1982 für ein totales Abwürgen der Bildungsoffensive mit der Folge, dass heute die soziale Herkunft wieder mehr über den schulischen Erfolg bestimmt als alles andere.

Eine letzte wichtige Weichenstellung wurde nach der Wiedervereinigung unternommen. Die Auswirkungen dieser Revolution sind noch immer kaum verstanden und akzeptiert worden. Wie immer bleibt das längst überholte dreigliedrige Schulsystem bestehen, aber das Grundgerüst wird praktisch vollständig umgerissen. Das Haus steht noch, seine Wohnungsaufteilung ist unpraktisch wie eh und je, aber Innenarchitekten versuchen trotzdem, es in nach ihrem Willen zu formen. Der Bologna-Prozess, abgestimmt mit den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, zerstört die letzten Reste des humboldt’schen Bildungsideals. Ab jetzt sind Kindergärten, Schulen und Universitäten nur noch einem Ziel verpflichtet: den idealen Arbeitnehmer zu schaffen. Alles, was gelernt wird, hat sich dem Primat der wirtschaftlichen Notwendigkeit zu unterwerfen. An den Universitäten hat dies durch die Einführung von Bachelor und Master die bislang weitreichendsten Konsequenzen, aber wenn der Prozess nicht gestoppt wird werden auch Schulen und Kindergärten bald nicht mehr länger verschont bleiben.

Der Bolognaprozess allerdings wird später noch Thema sein, weswegen wir hier abbrechen und innehalten wollen. Wir befinden uns derzeit an einem Scheidepunkt in der Bildung; der Bolognaprozess wirft die bestehenden Wurzeln über den Haufen und schafft Neue – im Guten oder im Bösen, das wird noch zu zeigen sein.

Kommentare:

  1. Da war wohl eher Wilhelm von Humboldt gemeint!

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  2. Donnerwetter, - eine bisher noch nicht erwähnte Version eines gelenkten Werterelativsmus. Aber sehr interressant. Bin gespannt auf die Fortsetzungen.

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  3. Klasse! Solche Artikel helfen mir den Schulalltag zu ertragen. Leider denken auf unserer Schule nur wenige über unser Schulsystem nach und dementsprechend mager fällt der Wunsch nach Veränderung aus. Big up, ich bleib dran. Lg

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