Montag, 1. März 2021

Bücherliste Februar 2021

 

Anmerkung: Dies ist einer in einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher und Zeitschriften bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Darüber hinaus höre ich eine Menge Podcasts, die ich hier zentral bespreche, und lese viele Artikel, die ich ausschnittsweise im Vermischten kommentiere. Ich erhebe weder Anspruch auf vollständige Inhaltsangaben noch darauf, vollwertige Rezensionen zu schreiben, sondern lege Schwerpunkte nach eigenem Gutdünken. Wenn bei einem Titel sowohl die englische als auch die deutsche Version angegeben sind, habe ich die jeweils erstgenannte gelesen und beziehe mich darauf. In vielen Fällen wurden die Bücher als Hörbücher konsumiert; dies ist nicht extra vermerkt.

Diesen Monat in Büchern: Rechtes Denken, Bronzezeit, 1918/19, Reconstruction

Außerdem diesen Monat in Zeitschriften: Europa

BÜCHER

Ralf Fücks, Christoph Becker (Hrsg.) -  Das alte Denken der neuen Rechten: die langen Linien der antiliberalen Revolte

Die Autor*innen vom Zentrum für Liberale Moderne (wer es nicht kennt: ein Thinktank von Leuten, die man wahrscheinlich am besten als am Schnittpunkt zwischen Grünen und FDP einordnet) haben in diesem Band eine Reihe von Aufsätzen zusammengestellt, in denen sie wichtige Intellektuelle des rechten Denkens vorstellen und einordnen.

Von Oswald Spengler über Ernst Jünger geht es zu weniger bekannten Figuren wie Alain de Benoin oder Alexander Dugin zu sehr alten Bekannten wie Thomas Mann, der hier vor allem in seiner Frühphase als "Zivilisationskritiker" untersucht wird. Jeder Aufsatz ist nach dem gleichen Schema aufgebaut und stellt die jeweilige Person in einer Kurzbiographie vor, eher er in das Denken einführt und dessen Einfluss auf das rechte Politiksprektrum darstellt.

Die Leitlinien lassen sich recht schnell ausmachen. Allen diesen Intellektuellen ist letztlich eine tiefe Skepsis gegenüber der Moderne zu konstatieren, ein Hang zur Konstruktion "natürlicher" Ordnungen (gegen die die Moderne dann eklatant verstößt) und ein häufig reichlich verquastes Theoriekonstrukt zur Linderung, wenn es denn überhaupt soweit kommt. Für mich auffällig ist, dass zwar die Ideen und grundsätzlichen Normen der Rechten ziemlich konstant bleiben, von einem kohärenten Theoriegebäude aber kaum gesprochen werden kann.

Das ist freilich keine neue Erkenntnis. Ausgefeilte Theoriegebäude waren schon immer eher die Provinienz der Linken (nicht, dass das den linken Rand attraktiver oder in irgendeiner Weise besser gestalten würde, aber die Beschäftigung mit Marx ist allemal intellektuell fruchtbarer als die mit Spengler). Es ist aber gut zu wissen, welche Traditionslinien im rechten Denken gerne aufgegriffen werden - vor allem bei den erfolgreicheren Bewegungen jenseits von Deutschland (etwa in Orbans Vorstellungen, über die ich 2012 geschrieben habe), denn unser lokaler Rechtsextremismus ist nicht gerade voll relevanter Ideen.

Eric H. Cline - 1177 BC - The year in which civilization collapsed (Eric H. Cline - Der erste Untergang der Zivilisation)

Der Untergang der bronzezeitlichen Zivilisationen gehört zu den großen Mythen der Frühgeschichte. Zwar lässt er sich, anders als der Titel von Clines Buch suggeriert, nicht auf das eine Jahr 1177 v. Chr. datieren, aber als Marker ist es so gut wie jedes andere und lässt sich gut merken.

Lange Zeit dominierte in der Alterstumwissenschaft die Vorstellung der "Seevölker", unbekannter Barbaren aus den Weiten des Mittelmeers, die die Zivilisationen von Mykene und Ägypten und wie sie alle heißen hinweggefegt hätten. Ihre Identität war lange ein Mysterium. Inzwischen ist nicht einmal mehr klar, ob es sie überhaupt gab - wie so vieles, das die Gründe für den Untergang der bronzezeitlichen Reiche betrifft, liegt auch dieses Detail im Schatten der Geschichte.

Die Lektüre des eigentlichen Buchs allerdings hat mich, trotz des sehr interessanten Themas, eher enttäuscht. Das liegt weniger an Cline selbst, der Mann ist sicherlich ein kompetenter Altertumsforscher. Ich hatte mir nur eine stärkere Konzentration auf den eigentlichen Titel erhofft - das Jahr 1177 und den Kollaps.

Aber weite Teile des Buchs (zwischen zwei Drittel und drei Viertel) befassen sich mit der Zeit davor, stellen uns quasi die Opfer des Kollapses vor. Obwohl Cline recht verständlich und zugänglich schreibt, habe ich zudem immer das Gefühl, mir würden irgendwelche Basics fehlen (etwa die Perioden ägyptischer Geschichte oder die zeitliche Abfolge von Babyloniern, Assyrern etc.).

Ebenfalls weniger spannend fand ich die archäologischen Einschübe, also von welcher eingekerbten Steinplatte wir welche Inventarliste ägyptischer Händler hatten und was darauf steht.

Für mich war das Buch daher am Ende nicht, was ich mir erhofft hatte. Das mag aber auf andere Lesende nicht zutreffen.

Robert Gerwarth - November 1918: The German Revolution (Robert Gerwarth - Die größte aller Revolutionen. November 1918)

Die Revolution von 1918/19 ist für mich seit über einem Jahrzehnt ein zentrales Thema, das mich sehr interessiert und nachhaltig fasziniert. Nicht umsonst war es ein zentrales Thema im Examen für mich und kommt im Geschichtsunterricht nicht zu kurz.

Nicht nur ist die Revolution ein exemplarisch deutsches Ereignis in so vielen Ausprägungen. Das Potenzial, das in den Ereignissen des Winters der beiden Jahre steckt, ist kaum zu überschätzen. So viele Weichenstellungen fanden hier statt. So viele Was wäre Wenns wurden verhindert, vom spartakistischen Aufstand oder der Räterepublik bis hin zum rechtsextremen Gegenputsch. Am Ende stand die erste deutsche Demokratie, ein ungeliebtes Kind, wider Erwarten stark aufgestellt für die Zukunft.

Robert Gerwarths Buch bietet einen Rundumüberblick über die Geschehnisse. Gerwarth rekapituliert im ersten Drittel die zentralen Ereignisse zum Kriegsende - vom unbegrenzten U-Boot-Krieg, dem Kriegseintritt der USA, der russischen Revolution und der Herausbildung der Weimarer Koalition im Reichstag -, bevor er die eigentliche Revolutionserzählung, eingebettet in die Ereignisse der Friedensverhandlungen, nacherzählt. Im letzten Drittel findet sich dann der Ausblick auf die weiteren Geschehnisse bis 1923, vom Kapp-Putsch bis zum Ruhrkampf und Hitler-Putsch.

Für diejenigen, die nicht firm in den entsprechenden Ereignissen sind, ist das Buch ein extrem übersichtlicher Einstieg. Gut erzählt, mit sauberen Analysen und einem Blick für das Wesentliche, werden die zentralen Ereignisse rekapituliert.

Dabei erfüllt das Buch dann aber eher die Rolle einer Gesamtgeschichte als einer spezifischen Betrachtung der Revolution selbst. Diese wird AUCH behandelt, steht aber letztlich gleichberechtigt mit dem Ende des Weltkriegs, mit den Friedensverhandlungen und mit der Gründung der Republik. Das ist keine schlechte Geschichte, aber ich hatte mir eine spezifischere Betrachtung der Republik erhofft.

Eric Foner - The Second Founding. How the Civil War and Reconstruction remade the Constitution

Aus der beliebten Reihe "Orchideenthemen" stelle ich dieses Buch über die Entstehung des dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Verfassungszusatzes vor. Die Thematik ist minimal abseitig und theoretisch. Ich finde es allerdings tatsächlich ziemlich interessant, das nachzuverfolgen.

Nicht nur sind die Verfassungszusätze elementar um zu verstehen, wie sich das Thema der Bürgerrechte und des Rassismus in den USA weiterentwickelt hat. Die Geschichte der Verfassungszusätze in der Reconstruction-Ära bietet auch wertvolle Lektionen für heute.

Nicht nur zeigt Foner in seinem Buch deutlich auf, welche politischen Kuhhändel zu der Verabschiedung dieser elementaren Grundrechte führten, sondern auch, welche Widerstände dabei überwunden werden mussten. Die Argumente klingen auf unangenehme Art vertraut. Wir finden sie heute praktisch wortgleich, wo immer Reaktionäre versuchen, Freiheits- und Bürgerrechte einzuschränken.

Am deutlichsten aber wird es, wenn wir in die eigentliche Reconstruction-Ära kommen, wo alte weiße Männer völlig unwillens sind, sich auf die neuen Realitäten einzustellen und mit teils absurden legalistischen Argumenten die Zusätze völlig aushöhlen. Spannend ist dabei, dass genau die Leute, die sich zur Rechtfertigung ihrer obrigkeitsstaatlichen und privilegiensichernden Auslegungen sonst auf den "Willen der Framer" oder so genannte originalistische Auslegungen stützen, diese Prinzipien bei diesen drei Amendments völlig vergessen - bis heute übrigens.

Obwohl Foner in recht trockenem Ton vor allem juristische Geschichte betreibt, kann man bei der Lektüre einen gewissen Zorn kaum verhindern - zu offensichtlich ist die rassistische Motivation dieser Leute, zu verheerend die Auswirkungen auf Generationen von Afro-Amerikaner*innen. Und, nebenbei bemerkt, der Frauen, deren eigene Rechte Kollateralschäden des rassistischen Extremismus sind.

ZEITSCHRIFTEN

Informationen zur politischen Bildung - Europäische Union

Die Europäische Union gehört nicht eben zu den übersichtlichsten politischen Gebilden dieser Erde. Allein, dass es den Europäischen Rat, den Rat der Euroopäischen Union und den Europarat zu unterscheiden gilt, kann uninitiierte Beobachtende schon wahnsinnig machen.

Da ist es durchaus hilfreich, ein von Fachleuten zusammengestelltes und mit zahlreichen Schaubildern versehenes Heft zur Erklärung zu haben. In kurzen Artikeln werden die relevanten Gremien und Politikfelder vorgestellt; Artikelauszüge in speziellen Textkästen erlauben einen klar abgegrenzten, kommentierenden Meinungsrahmen als Ergänzung.

Das Heft hat allerdings das übliche Problem dieser Reihe: Der genaue Adressat ist etwas unklar. Anfänger*innen oder gar Schüler*innen werden die Informationsdichte und Komplexität undurchdringlich finden; wer sich bereits auskennt, wird die Texte als oberflächlich wahrnehmen. Die Zielgruppe ist daher schmal. Ich zähle mich durchaus dazu, wurde dann aber durch den drög-sachlichen Stil hart auf die Probe gestellt. Wer immer noch nicht abgeschreckt ist - die Dinger sind kostenlos.

GEO Epoche - Rom und die Germanen

Die Germanen und ihr Verhältnis zu Rom sind ein heikles Thema, nicht erst seit Netflix seine neueste Blut-und-Titten-Serie im entsprechenden Setting herausgebracht hat. Die entsprechenden Quellen wurden zu allen Zeiten politisch missbraucht, am schlimmsten im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als der deutsche Minderwertigkeitskomplex sich an Tacitus' Schilderungen der Germanen berauschte und dabei bequem nicht zur Kenntnis nahm, dass es sich um einen moralischen Apell an die Landsleute hatte, der zu real existierenden "Germanen" allenfalls gelegentlichen Bezug hatte.

Die Gefahr, in alte Klischees zu verfallen, ist bei diesem Thema daher besonders hoch. Dieser Gefahr eines sanften Germanen-Nationalismus entzieht sich Zeitschrift zwar weitgehend, aber nicht vollständig. Die Bewunderung der Germanen als derjenigen Barbaren, die sich erfolgreich Rom widersetzen, blitzt gelegentlich durch. Viel problematischer aber bleibt die Quellenlage. Weil wir über die Germanen nur sehr wenig wissen und auf Indizien aus archäologischen Funden angewiesen sind, bleibt der Fokus weitgehen auf Rom - und auf Spekulation. Dadurch ist das Ganze nicht wirklich Fisch und nicht Fleisch.

Donnerstag, 25. Februar 2021

Der Sachverständigenrat diskutiert österreich-ungarische Apps mit konservativen Binnen-Is schaut auf FOX Bitcoin-Impfungen zu - Vermischtes 25.02.2021

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Die SPD will unbedingt nach links

Die SPD hat gerade mit Marcel Fratzscher und Jens Südekum gleich zwei nahestehende Ökonomen auf absehbare Zeit für eine Position im Sachverständigenrat verbraucht, nur um die von der Union befürwortete Berufung Lars Felds für eine dritte Amtszeit zu blockieren. Einen renommierten Mann wie Feld verhindert zu haben, kann sich die SPD auf ihre Fahnen schreiben. Aber was nützt ihr das, wo sie doch keine sachlichen Argumente vorzubringen wusste? Der Satz der SPD-Finanzpolitikerin Cansel Kiziltepe, Feld verkörpere „ideologischen Neoliberalismus“, zeigt das Niveau, auf dem sich die Expertise der SPD befindet. Da hilft es auch nichts, wenn ihr Kanzlerkandidat fleißig den Austausch mit Ökonomen unterschiedlicher Couleur pflegt. Man darf wetten: Die Grünen wären in einer Koalition mit der Union nicht so töricht gewesen, mit einer Ablehnung Felds kurz vor Landtagswahlen der CDU (und der FDP) gratis Wahlkampfmunition zu liefern. Starke Kräfte in der SPD und ihr nahestehende Ökonomen wollen dagegen vor allem nach links – koste es an Kompetenz wie an Wählerstimmen, was es wolle. (Gerald Braunberger, FAZ)

Ja, der Spruch vom Neoliberalen ist beknackt. Der Begriff "neoliberal" ist mittlerweile mindestens so sinnentleert wie "Sozialismus". Man merkt einfach, dass der Wahlkampf angefangen hat. Laschet übrigens nennt Scholz einen „Apparatschik der SPD“. Falls jemand die Illusion hätte (auch wenn Braunberger sich daran in seiner Polemik natürlich nicht stört), dass das bei der CDU anders wäre. Überhaupt: Will die CDU unbedingt nach rechts? Was für eine bescheuerte Kategorisierung. Die SPD wäre doch hirntot, würde sie nicht versuchen, ihre eigenen Leute in den Sachverständigenrat zu kriegen. Das ist ein politisches Gremium, also gehorcht es auch politischen Reglen. Duh. Davon abgesehen ist es sogar sinnvoll, wenn der Rat den Stand der Diskussion abbildet und verschiedene Meinungen in sich birgt. Aber darum geht es eh nicht.

Ich finde das ganze Hickhack wahnsinnig ermüdend. Wahlkampf in Deutschland ist so ein sinnentleertes, hohles Geschäft. Pünktlich zu Beginn der Wahlkampfsaison fängt die SPD an, auf "Neoliberale" zu schimpfen und von gesellschaftlicher Solidarität zu reden. Gleichzeitig fängt die CDU an, der SPD (und natürlich den Grünen, aber der künstliche Eigenheim-Skandal ist ja zugunsten des künstlichen Sachverständigenratskandals bereits wieder aus den Schlagzeilen) Planwirtschaft und irgendwas mit Kommunismus/Sozialismus vorzuwerfen.

Nimmt irgendjemand das ernst? Die Parteien nudeln eine Platte der "Greatest Hits 1976-1987" ab. Dass da nicht "Freiheit statt Sozialismus" plakatiert wird, ist auch alles. Diese ganzen abgedroschenen, zigmal gehörten, rituellen Schlagabtausche scheinen nicht mal den Protagonisten selbst irgendwelche Gefühle zu entlocken. Man macht das, weil Wahlkampf ist, nicht, weil man es ernst meint. Und genau das ist das Problem. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, der so fühlt.

2) Britische Corona-Warn-App soll bis zu 900.000 Infektionen verhindert haben

Gemeinsam mit der Oxford-Universität haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Alan-Turing-Instituts untersucht, welchen Einfluss die britische Corona-Warn-App auf die Verbreitung von Covid-19 hat. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass durch die App von Oktober bis Dezember 2020 zwischen 200.000 und 900.000 Infektionen verhindert worden sein dürften. Die große Spanne der verhinderten Infektionen ergibt sich dabei aus der Tatsache, dass zwei gegensätzliche Berechnungsmodelle verwendet wurden. Generell scheint in Großbritannien die Akzeptanz der App nach einigen Startschwierigkeiten hoch zu sein. Mit 22 Millionen Downloads hat sich rund jeder dritte Brite die App heruntergeladen. Je nach Region nutzen zwischen 24,8 und 33,2 Prozent der Menschen die App regelmäßig. Weiterhin fanden die Forschungsteams heraus, dass sich etwa 72 Prozent der infizierten App-Nutzenden bereit erklärt hatten, ihr Testergebnis über die App zu teilen. (Claudia Wischolleck, t3n)

Ich frage mich, ob das vor allem ein Beispiel für britischen Optimismus ist. Seit dem Totaldebakel im Frühjahr läuft es ja bei denen halbwegs, und man hört - ganz anders als in Deutschland - eigentlich immer nur gute Nachrichten. Die haben halt auch Politiker*innen, die sich auf Kommunikation verstehen. Völlig egal, wie es tatsächlich läuft, wird Boris Johnson behaupten, den besten Job seit Jesus zu machen.

Auf der anderen Seite ist vermutlich die deutsche Obsession mit dem "Datenschutz" mit daran Schuld, dass die deutsche Corona-App einerseits wenig benutzerfreundlich ist und andererseits wenig nachgefragt wird. Keine Ahnung. Vielleicht ist die deutsche App auch ähnlich erfolgreich (wenn wir die obigen Angaben mal für bare Münze nehmen), und wir meckern einfach nur wie immer rum.

2) 1914 vs 2021

Nobody says war will break out in Europe in 2021. 1914 is certainly not 2021. But worldwide, tectonic plates are moving again. Armed conflict surrounds us – see Ukraine, Syria, Libya, and Nagorno-Karabakh. And just as in 1914 the imminent collapse of the multinational Habsburg Empire was the subject of much speculation in Zombory-Moldován's time, some now allude to the disintegration of the European Union. We've had several crises in the last decade. Every crisis, we keep hearing, is 'existential' for the EU. Could one such crisis really prove fatal to the EU? Could it fall apart, like the Habsburg Empire? And, before we jump to conclusions: how did that exactly happen, back in 1918? [...] What strikes me most is how our debates about Europe are often framed by unrealistic expectations. To federalists the EU always disappoints, because it doesn't have the power to act. Nationalists find the EU too powerful, and are constantly disappointed, too. Europeans are so busy discussing these conflicting abstractions that they often forget to look at the reality. How does the EU function? Could it it be that the EU as it is - a halfway house both underperforming and powerful - is actually all we're going to get? Contrary to the EU, the Habsburg Empire was a state with an army and a foreign policy. But there are many similarities. (Caroline de Gruyter, EUObserver)

Ich bin unsicher, wie weit ich diese Analogie treiben will. Denn die kuk-Monarchie hat ja diverse Ethnien ziemlich heftig unterdrückt und wie Bürger*innen zweiter Klasse behandelt (eigentlich alle außer die Magyaren), weswegen wir da kein wirkliches Beispiel haben, wo sie wie in der EU ihre Interessen überhaupt richtig artikulieren und vertreten können. Das "Durchwursteln" kennt die EU sicherlich auch. Aber anders als 1914 streben die Mitgliedsstaaten nicht nach Unabhängigkeit. Und auch Österreich-Ungarn brach erst, als es einen Weltkrieg verlor. Das ist mir zu pessimistisch.

3) Was sind für Sie Pseudolinke? (Interview mit Robert Pfaller)

Das »zarte Sprechen«, wie Sie das nennen, das korrekte Sprechen, habe eine auf soziale Gerechtigkeit zielende Politik ersetzt. Warum?

Seit den 1980er-Jahren hat die sozialdemokratische Linke in den kapitalistischen Ländern keine sozialdemokratische Wirtschaftspolitik mehr betrieben – also jene an den Prinzipien von John Maynard Keynes orientierte Politik, die in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten für zunehmenden Wohlstand und zunehmende Gleichheit gesorgt hatte. Unter dem Schock von Reagan und Thatcher und ihrer neoliberalen Einflüsterer haben auch die Sozialdemokraten nur noch neoliberale Austeritätspolitik betrieben und volkswirtschaftlich relevante Sektoren wie Gesundheit, Infrastruktur, Altersvorsorge oder Bildung zunehmend betriebswirtschaftlichen Normen unterworfen. Um sich aber wenigstens irgendwie von ihren Gegnern noch zu unterscheiden, haben sie die politischen Probleme kulturalisiert. Ab da war Politik vorwiegend nur noch Symbolpolitik.

Beispiele?

Statt Kinderbetreuungseinrichtungen bekamen wir das Binnen-I, statt Chancengleichheit bot man uns »diversity«, und anstelle von progressiver Unternehmensbesteuerung erhielten wir erweiterte Antidiskriminierungsrichtlinien. Das entspricht dem Grundprinzip neoliberaler Propaganda: Alle Ungleichheit beruht demnach lediglich auf Diskriminierung. Sie ist nur ein Vorurteil, das sich durch liberale Gesinnung überwinden lässt; und nicht etwa ein Effekt starrer oder sich gar noch verhärtender Eigentumsverhältnisse.

Sie lehnen »Gendersprache« ab. Ein Binnen-I hier, ein Sternchen da schaden doch nicht?

Finden Sie? Haben Sie das schon einmal ausprobiert bei einer Formulierung wie »der Obmann und sein Stellvertreter«? Diese Spracheingriffe sind doch durchwegs völlig dilettantisch und lassen sich in den meisten Fällen weder schreiben noch sprechen. Die Einzigen, die an solchen unbeholfenen Sprachverbesserungen wirklich Interesse haben, sind Vertreterinnen und Vertreter in diversen Gremien, die im Namen von anderen sprechen, aber in Wirklichkeit nur ihre eigenen Pfründe behaupten. Für ein Binnen-I oder ein Sternchen hat sich noch nie irgendjemand etwas kaufen können – außer eben diesen Gremialbonzen. Und -*bonzinnen, korrekterweise. (taz)

"Obleute und Stellvertretende". Schon irre schwierig, Mr. Pfaller. Falls jemand überhaupt noch weiß, was Obleute sind. Aber ich meine, darum geht es ja nicht. Das ist Identitätspolitik, und der Mann reklamiert für sich halt eine andere. Darf er ja machen. Aber dieses Kleiden in ein "ich bin echter Linker und alle anderen haben nur so sekundäre Anliegen" ist ebenso arrogant wie sinnlos. Offensichtlich gibt es genug Leute, die das wollen. Die alle als gehirngewaschene Schafe abzuqaualifizieren, die vom großen Kapital gekauft oder getäuscht wurden - während man selbst natürlich erleuchtet und voller Ratio verstanden hat, wie die Welt funktioniert - ist individuell sicher ungemein befriedigend. Ich hab viele Jahre aus der Perspektive gebloggt, ich kann das nachvollziehen. Aber letztlich ist es nur ein weiteres Beispiel für die typisch linke Eigenschaft, sich ständig gegenseitig zu zerfetzen, statt die Synthese zu suchen. Schließen sich Pfallers Forderungen und das Binnen-I aus? Natürlich nicht. Aber er steht halt auch nicht über den Anforderungen der Aufmerksamkeitsökonomie. Ich gähne wieder herzlich.

4) Bitcoin braucht mehr Strom als ganz Argentinien

Die Digitalwährung Bitcoin verbraucht jährlich mehr Strom als das ganze Land Argentinien, geht aus einer Analyse von Wissenschaftern der Universität Cambridge hervor. Demnach verbraucht die Kryptowährung rund 121,36 Terawattstunden (TWh) pro Jahr. Ganz Argentinien mit seinen rund 45 Millionen Einwohnern hingegen verbrauche nur 121 TWh. Das "Bitcoin-Mining", das Schürfen, sei ein großer Stromfresser. Durch den jüngsten starken Kursanstieg der Kryptowährung würden immer mehr Menschen dazu motiviert, weitere Bitcoins zu schürfen. Die hochkomplexen Rechenprozesse auf immer mehr Rechnern verschlingen dadurch immer größere Strommengen, monieren die Wissenschafter. Der hohe Stromverbrauch bei Bitcoins sei systemimmanent und werde erst zurückgehen, wenn der Kurs wieder falle, so die Wissenschafter in einem BBC-Bericht. Laut den Berechnungen des Cambridge Centre for Alternative Finance ist das Bitcoin-System, wenn es ein Staat wäre, unter den 30 größten stromverbrauchenden Ländern. [...] Tesla habe im Jahr 2020 Umweltförderungen in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar (1,24 Milliarden Euro) bekommen, die die Steuerzahler für den US-Konzern finanzierten. "Und sie geben 1,5 Milliarden Dollar für Bitcoin aus, die zum Großteil mit Strom aus Kohlekraftwerken erzeugt werden. Diese Förderungen müssen überprüft werden", fordert Gerard. (Kurier.at)

Bitcoin ist eine völlige Perversität. Nicht nur, dass das ganze Konzept der Währung selbst völlig beknackt ist, der Weltherrschaftstraum von eine paar Silicon-Valley-Schnöseln. Das ganze Konzept richtet auch noch massiven Schaden an. Wenig verwunderlich, dass man Elon Musk mitten in diesem Strudel an zerstörerischem Bullshit findet. Da passt er gut rein.

5) Why Americans are essentially conservative

Dispositional hostility to change may also help to explain in a new way how "woke" developments on the left side of the culture war could be fueling political reaction on the right. I'm thinking of everything from the rise of (for many) disorienting ideas about gender to the adoption of radical theories of antiracism by departments of human resources, with some prominent figures being fired for running afoul of new norms. Once again, the issue would be less one of substantive, ideological disagreement than a psychological response to feeling overwhelmed and anxious about rapidly shifting social expectations. Change as such can be scary. If this is true for many Americans — or even partially so — what lessons should be drawn from the realization? For one thing, it might make sense for Silicon Valley and its many imitators throughout the economy and culture to pull back a bit from their embrace of moving fast and breaking things. "Creative destruction" might be an unavoidable byproduct of capitalism. But we needn't venerate socioeconomic and cultural disruption as a positive good. On the contrary, it might make sense to recognize that it can provoke and unleash a reaction that threatens to do considerable harm. The same goes for woke activists eager to find new fronts on which to prosecute the culture war. [...] Recognizing America's essential conservatism doesn't at all imply the impossibility of reform and improvement. It just means that reform and improvement need to be undertaken with caution — and with an eye toward minimizing psychological turbulence. (Damon Linker, The Week)

Ich bin der Überzeugung, dass das kein spezifisch amerikanisches Phänomen ist. Auch die Deutschen sind im Kern konservativ (ich spreche gern von "strukturkonservativ"). Ich wüsst so spontan gar kein Volk, das nicht strukturkonservativ wäre. Es ist ja kein Zufall, dass der Standard einer Regierung eine konservative Regierung ist - ob Tories oder CDU, ob in Frankreich oder Italien. In manchen Ländern ist das mehr als in anderen, aber das liegt häufig auch an der Fähigkeit der dortigen konservativen Parteien, die angesprochenen Instinkte zu bedienen.

Ich meine, nehmen wir nur mal Deutschland. Es hat schon seinen Grund, warum Merkel so beliebt ist wie sie ist, und warum sie so lange regiert. Änderung in allenfalls homöopathischen Dosen? Check. Weiter so? Check. "Minimieren psychologischer Turbulenzen"? Check. Deswegen konkurrieren gerade mit Laschet, Scholz und Habeck auch drei Merkel-Kopien um die Macht in Deutschland, deswegen traut sich keiner, irgendwie Opposition zu machen. Es ist das, was die Bevölkerung will. Die Wahlergebnisse zeigen es ebenso deutlich wie die Reaktionen auf jede und jeden, der auch nur ein bisschen das Boot rüttelt.

6) Why Do People Hate Teachers Unions? Because They Hate Teachers.

It’s odd. Even if you’re the most toolish striver—i.e., many of the people I grew up with—teachers are your ticket to the Ivy League. And if you’re an intellectually ambitious academic type like me, they’re even more critical. Like I said, people move to Chappaqua for the schools, and if the graduation and post-graduate statistics are any indication—in my graduating class of 270, I’d guess about 50 of us went onto an Ivy League school—they’re getting their money’s worth. Yet many people I grew up with treated teachers as bumptious figures of ridicule—and not in your anarchist-critique-of-all-social-institutions kind of way. It’s clear where the kids got it from: the parents. Every year there’d be a fight in the town over the school budget, and every year a vocal contingent would scream that the town was wasting money (and raising needless taxes) on its schools. Especially on the teachers (I never heard anyone criticize the sports teams). People hate paying taxes for any number of reasons—though financial hardship, in this case, was hardly one of them—but there was a special pique reserved for what the taxes were mostly going to: the teachers. In my childhood world, grown ups basically saw teachers as failures and fuck-ups. “Those who can’t do, teach” goes the old saw. But where that traditionally bespoke a suspicion of fancy ideas that didn’t produce anything concrete, in my fancy suburb, it meant something else. Teachers had opted out of the capitalist game; they weren’t in this world for money. There could be only one reason for that: they were losers. They were dimwitted, unambitious, complacent, unimaginative, and risk-averse. They were middle class. (Corey Robin)

Die im Artikel beschriebenen Ressentiments sind zum Teil sicherlich spezifisch amerikanisch. Aber zu einem guten Teil finden wir sie auch hier. Der allgemeine Beamtenhass, den Stefan Pietsch gerne zur Schau stellt, ist ja dafür nur ein Beispiel und wird von der breiten Bevölkerung gerne geteilt. "Vormittags Recht und nachmittags frei" ist ja immer noch ein Klischee, das sich ungebrochener Beliebtheit erfreut. Dazu kommt der gewaltige Neidkomplex breiter Bevölkerungsschichten um den Lehrkraftberuf, die sich durchaus fragen lassen dürfen, warum sie ihn nicht selbst ergriffen haben, wenn er denn so grandios ist und quasi unverdienten Reichtum bei einer 30-Stunden-Woche mit 14 Wochen Urlaub im Jahr einbringt.

7) Seven ‘Surprising’ Facts about Italy

If the economy is not excessively indebted, why is the state so ailing? As disastrous as the performance of Italian domestic politicians from Silvio Berlusconi to Matteo Salvini has been, high public debt is primarily a legacy from the 1980s. Furthermore, the mistakes that were made 40 years ago took place in an international environment of increasing interest rates. Since then, the Italian state has been carrying a heavy interest-rate backpack. If we exclude the burden of interest rates, however, the Italian state has been consistently running budget surpluses since 1992 (with the exceptions of the financial crisis year 2009 and the COVID crisis year 2020). Even Germany, Austria and the Netherlands have recorded a comparable positive ‘primary’ budget surplus less frequently than Italy. The Italian state has not been as ‘profligate’ as is often claimed: it has consistently collected more in taxes than it has spent. But the interest burden—high due to legacy debt—has repeatedly pushed the overall budget balance of the Italian state into negative territory. [...] Italy overtook the United Kingdom in 1969 and France in 1979 in per capita purchasing power. In 2000, Italy’s average standard of living was virtually equal to that of Germany (98.6 per cent of its GDP per head). But after the introduction of the euro in 1999, the country fell behind the UK (in 2002) and France (in 2005) once more. By 2020, Italian per capita income was about 25 per cent below that of Germany. [...] It may sound surprising to northern-European ears but, despite weak productivity growth and problems with price competitiveness within the euro area, Italy has important economic strengths. The 60 million Italians do not live primarily from tourism. Italy is still the second most important industrial location in the EU (which would be true even if the United Kingdom were still part of the EU), mainly due to the economic structure in the north of the country. (Philipp Heimberger/Nikolaus Kowall, Brave New Europe)

Es ist immer wieder erstaunlich, bei wie vielen Themen Klischees und eingefahrene Narrative völlig losgekoppelt von der Realität sind. Der ganze Artikel ist super lesenswert. Wenn man bedenkt, dass Deutschland über den Hebel der EU eine Außenpolitik betreibt, die häufig genug nur auf falschen Klischees beruht, wird einem mulmig.

8) Fox News and Fox Business falsely blamed renewable energy for Texas blackouts 128 times over two days

For instance, on the February 15, edition of Tucker Carlson Tonight, host Tucker Carlson stated that “It seems pretty clear that a reckless reliance on windmills is the cause of this disaster.” On the February 16, edition of Fox & Friends, guest host Pete Hegseth began a segment on the Texas snowstorm by highlighting that the state’s “wind turbines are frozen solid” and then asking, “Is this what America would look like under the Green New Deal?” Numerous Fox segments ran chyrons claiming, “Frozen wind turbines cause blackouts in Texas.” [...] Overall, personalities and guests made such claims 104 times on Fox News and 24 times on Fox Business. The vast majority of those claims -- 75% -- came from journalists and pundits affiliated with either network. [...] The effort by Fox networks to push false claims about frozen wind turbines and green energy policies is just the latest example in a long-running, fossil-fuel industry supported campaign to discredit emerging renewable energy technology and deny overwhelming climate science pointing to the warming of the planet. It’s also just another attempt by Fox News to blame Democrats for any and every problem in America. Their argument that “the left” -- which has had no state-wide control in Texas in over a decade -- and that the Green New Deal -- which isn’t official policy anywhere, let alone Texas -- is to blame for Texas’ power problems is simply laughable. (Rob Savillo, MediaMatters)

Das Ausmaß an offenen Lügen, das dieser Propaganda-Sender in die Welt haut, ist echt beachtlich. Bedenkt man, dass ein gutes Drittel der Amerikaner*innen ihre Informationen nur noch aus dieser abgeschotteten Propagandablase bekommt, versteht man umso besser, wie Trump und seine Nachfolger*innen (und Vorgänger*innen) möglich geworden sind. Kevin Drum hat völlig Recht: FOX News ist der entscheidende Faktor bei der Radikalisierung und Polarisierung der USA. Und ich gehe davon aus, der einzige Grund, warum das bei uns bei weitem nicht so schlimm ist, ist, dass wir keine solchen abgekapselten Medienblasen haben. Noch nicht.

9) Tweet


Michael Hüther argumentiert hier extrem unehrlich: Er sagt nicht, wie viele Tote er hinnehmen will. Nach welchen Maßstäben das funktionieren soll. Wer das entscheiden soll. Deswegen ist ist die Aussage auf die Art unglaublich billig. Es klingt super pragmatisch und rational, aber gleichzeitig ist es eine Flucht aus der Verantwortung. Es erinnert mich an ähnliche Aussagen Hüthers und seiner Spießgesellen, als sie immer gefordert haben, dass "wir den Gürtel enger schnallen" müssen. Das "wir" ist da genauso unklar definiert, und man darf vermuten, dass beim Gürtel enger schnallen wie beim Tote hinnehmen Hüther selbst nicht betroffen sein wird. Aus einer privilegierten Stellung sind solche Forderungen halt auch immer leicht erhoben.

10) America's maddeningly inept vaccine rollout

You'd think that the remarkable speed with which a series of pharmaceutical companies developed highly effective vaccines — an incredible human achievement — would be a much-needed source of hope. And indeed, it was exactly that for me from November through January. We had the proverbial light at the end of the tunnel! All that needed to happen was for these drug companies to mass produce enough vaccine for everyone — and for our government to get it distributed and put in people's arms. Surely this would be made the highest possible priority, with nothing less than our economies, our psyches, and our children's educations and social well-being hanging in the balance. Right? Apparently not. The astonishing fact is that we don't appear to be in much of a hurry. The vaccines have been available since late last year. The country has currently administered first doses to 13 percent of the population. At the current vaccination rate — a rate that, incidentally, dropped last week to 1.4 million doses from 1.7 million the week before — the country will only be half vaccinated on August 1 and won't reach the 90 percent threshold until Jan. 22, 2022, nearly another year from now. (And that assumes, of course, that nine out of 10 Americans could be persuaded to get the shot, rather than the mere 49 percent who say they are willing to do so.) I suspect that the dawning realization of just how slowly the roll-out is going is what motivated Anthony Fauci to suggest on Sunday that Americans may still need to wear masks outside their homes into 2022. How can this be? Why does it feel like our public institutions are treating this like a mildly important initiative instead of a matter of decisive — nay, critical — importance to the country and its citizens? Or might the problem be something even more troubling — namely, that our public institutions are treating this with grave seriousness and yet are incapable of doing any better? (Damon Linker, The Week)

Ich habe dazu zwei Gedanken. Zum Einen ist der Artikel ein wunderbares Beispiel dafür, dass das Gras halt auf der anderen Seite immer am grünsten ist. Man sieht die Fehler der eigenen Regierung, des eigenen Landes, in grellem Licht, und bei den anderen scheint es dafür super zu laufen im Vergleich. Oder auch: Dass jemand mit dem Job der Regierung zufrieden ist, ist in allen westlichen Demokratien die absolute Ausnahme. Grummelige Unzufriedenheit ist quasi der Naturzustand.

Auf der anderen Seite lässt das die skeptische Frage zu, ob die Situation in Deutschland wirklich so schlimm ist. In den letzten Wochen haben immer wieder einige Leute auf Twitter die konträre Perspektive eingeworfen, dass ein Impfstart nach nicht einmal einem Jahr ein nie dagewesener, gewaltiger Erfolg ist. Haben wir einfach zu hohe Ansprüche? Bin ich zu ungnädig mit unserer Regierung? Ich glaube nicht, aber vielleicht lieg ich auch falsch. Zumindest sollte man die Möglichkeit offenhalten. Ein Untersuchungsausschuss zu dem Thema bleibt eine gute Idee.

11) Tweet

Häuslers Kritik am Umgangston der Bürokratie mit der Bevölkerung ist völlig zutreffend. Ich glaube, hier halten sich immer noch Reste des obrigkeitsstaatlichen Denkens einerseits und der Abkapselung der Bürokratie andererseits, die ihre eigenen Bedürfnisse - Rechtssicherheit - über die ihrer eigentlichen Mission stellt. Ich teile aber auch Häuslers Einschätzung am Ende, dass sich im persönlichen Umgang auf den Ämtern enorm viel getan hat. Es ist die schriftliche Kommunikation, die diesen Wandel verpasst hat. Das würde es theoretisch auch vereinfachen, hier reformerisch anzusetzen, wenn man denn wöllte. By the way, es ist nicht so als ob die Briefe meines Telekommunikationsanbieters oder meiner privaten Krankenversicherung einfacher und verständlicher wären, denen fehlt nur der drohende Unterton. Schriftliche Kommunikation auf legalesisch ist ein Problem aller Institutionen, ob privat oder staatlich.

Dazu übrigens noch eine nette Anekdote: Hitler hatte in den 1920er Jahren ständig Ärger mit den Steuerbehörden (er war quasi gewohnheitsmäßiger Steuerhinterzieher) und gab bereits 1933 eine Anordnung heraus, die die Finanzämter zu Höflichkeit im Umgang mit den Bürger*innen verdonnerte, weil er über den Tonfall der Schreiben immer so genervt war. Diese Reform gehörte mit zu den ersten, die nach dem Krieg abgeschafft wurden. Manchmal ist die Realität echt krasser als das Klischee.

Montag, 22. Februar 2021

Präsenzunterricht wird überschätzt - von den Chancen des Fernunterrichts

 

Zu den beständigsten Streitpunkten rund um den Lockdown gehört die Klage, dass die Schulen geschlossen werden und unübersehbarer Schaden an den Kindern angerichtet wird. Nicht nur würden sie der Früchte ihrer Bildungsarbeit beraubt, sondern ihre Lernzeit sinke quasi auf den Nullpunkt. Riesige Wissenslücken täten sich auf, die nie wieder aufgeholt werden könnten. Die Abschlussprüfungen seien gefährdet, und ohne den 45-Minuten-Takt eines Schulvormittags werde quasi irreperabler Schaden an den jungen Gehirnen angerichtet. Kurz:

Aber ich bin nicht hier, um mich über diese überzogenen Horrorvisionen lustig zu machen, sondern darüber zu sprechen, warum Fernunterricht tatsächlich auch Chancen bietet - und nicht nur Defizite halbwegs zu kleistern versucht.

Bestandsaufnahme

Selbstverständlich erfordert funktionierender Fernunterricht zuerst eine Infrastruktur. Wenn die Schüler*innen oder Lehrkräfte keinen Zugang zu funktionierenden Endgeräten haben, wenn keine vernünftige Software bereit steht, wenn die Internetverbindungen zu schlecht sind, wenn die Lehrkräfte keine Ahnung haben, wie man diese Dinge sinnvoll verwendet, dann ist die größte Chance des Fernunterrichts, dass der Ausfall nicht 100% beträgt, sondern nur 90%. Das ist zwar offenkundig, aber ich will dennoch kurz auf die einzelnen Punkte eingehen.

Endgeräte: Auch im Jahr 2021 haben viele Familien entweder keine oder nur ein digitales Endgerät zuhause, das sich vernünftig für den Unterricht nutzen lässt. Ich zähle hier Smartphones und durchschnittliche Tablets explizit nicht, mit denen kann man nicht arbeiten (egal wie oft irgendwelche Bildungspolitiker*innen "iPad-Klasse" intonieren). Aber viele Familien (je sozial schwächer, desto mehr) haben einfach keinen Computer oder Laptop zuhause, und wenn sie einen haben, aber zwei Kinder, dann bleibt das Problem zu 50% immer noch bestehen (wenn die Eltern nicht Lehrkräfte sind und die Geräte für die eigene Arbeit brauchen, weil der Arbeitgeber die ja nicht stellt).

Software: Um richtig arbeiten zu können, braucht es vernünftige Software. Genauso, wie in den meisten Unternehmen SAP Standard ist, brauchen auch die Schüler*innen etwas, womit sie arbeiten können. Grundsätzlich wäre OpenOffice eine kostenfreie Möglichkeit für Textverarbeitung aller Art, aber die vielen Kompatibilitätsprobleme mit Office365 machen Letzteres fast notwendig. Zudem braucht es eine funktionierende Software für Videokonferenzen, die dem Datenschutz entspricht - was aktuell praktisch nicht existiert, weil die Lösungen der Länder nicht funktionieren und die der professionellen Unternehmen aus Standesdünkel nicht akzeptiert werden.

Internet: Hier können weder Kultusministerien noch Schulen noch Lehrkräfte irgendetwas ändern, aber der Zustand des Breitbandausbaus in Deutschland ist und bleibt unterirdisch, so dass der Unterricht oft genug einfach daran scheitert, dass die Verbindungen zusammenbrechen. Es ist das Versäumnis von 20 Jahren verschleppten Investitionen, für das längst Köpfe hätten rollen sollen - und das immer noch kleingeredet wird.

Fortbildungen: Einen Stapel PDF mit Aufgaben zu verschicken ist kein Fernunterricht. Den Präsenzunterricht live zu streamen ist kein funktionierender Fernunterricht. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 gehörte ich ja quasi zur Avantgarde, weil ich Letzteres getan habe. Die echte Avantgarde, die im #twitterlehrerzimmer Beitrag um Beitrag verfasste, was digitaler Unterricht wirklich ist, war da natürlich wesentlich weiter. Ich habe zwar mit Interesse und schlechtem Gewissen diese Beiträge gelesen, aber erst im Herbst 2020 wirklich verstanden, was gemeint ist - dazu später mehr. Doch ein erstes Opfer von Corona waren ausgerechnet Fortbildungsangebote, die radikale zusammengestrichen wurden. Dabei sind gerade diese so nötig wie nie.

Politische Irrwege

Die FDP-Kultusministerin von NRW, Gebauer, hat nun fast drei Millionen für eine Brockhauslizenz ausgebeben. Ist Wikipedia neuerdings offline? Hinter diesem Kauf stecken so viele Fehler, es ist beachtlich. Lehrkräfte sollen für die drei Jahre, für die die Lizenz angeschafft wurde, nun also eine neue umständliche Software erlernen, installieren und dann den Kindern ihrerseits beibringen (was schon bei wesentlich sinnvolleren Programmen eine große Herausforderung ist). Das wird dazu führen, dass viele das Ding erst gar nicht nutzen, und diejenigen, die es nutzen, werden die Lizenz nach drei Jahren verlängert haben wollen.

Zum anderen wird schon durch die Begründung Gebauers ein eklatanter Fehlschluss bezüglich der Objektivität von Wissen sichtbar. Anstatt die diskursive Natur des Wissenserwerbs in der Wikipedia als Chance zu begreifen, dies den Schüler*innen deutlich zu machen, wird die Illusion vertreten, der Brockhaus sei in irgendeiner Art und Weise objektiv, als würde er nicht auch von Menschen zusammengestellt. Dabei werden die Schüler*innen spätestens nach der Schule keine Brockhaus-Lizenz kaufen, sondern selbst die Wikipedia nutzen, deren Gebrauch sie aber in der Schule nicht erlernt haben. So kann man die Millionen auch zum Fenster rauswerfen.

Dabei sind Investitionen bitter nötig. Noch immer ist die Personalsituation an den Schulen erschreckend. Praktisch sämtliche Aufgaben werden den Lehrkräften aufgebürdet, die viel Zeit damit verbringen, unterrichtsfremde Aufgaben durchzuführen, die besser (und billiger!) von Profis erledigt werden könnten. Christian Stöcker formuliert das zentrale Problem:

Der Mangel wird an jeder Ecke sichtbar. Warum funktionieren die Videokonferenzsysteme von Microsoft, Google oder Zoom? Weil sie auf einer professionellen Infrastruktur laufen, die von Profis betrieben, gewartet und auch abgesichert wird.

Wie bescheuert ist etwa, dass alles, was in jedem halbwegs vernünftigen Unternehmen von Verwaltungen erledigt wird, ausgerechnet dem hochqualifizierten (und bezahlten!) Personal aufgebürdet wird? Warum werden gewaltige Verantwortungen wie die Schulsozialarbeit immer noch auf Fachlehrkräfte abgewälzt, die dafür überhaupt nicht ausgebildet sind? Auf dem Blog Bildungslücken gibt es eine lesenswerte Aufstellung über die Stellenschaffungen, die die Qualität der Schule deutlich erhöhen könnten - und den Lehrkräften Zeit geben, die in die Verbesserung des Unterrichts gesteckt werden könnte. Unter anderem in Unterricht unter digitalen Bedingungen, und eventuell aus der Ferne, wenn eine Pandemie das nötig machen sollte.

Eine unterirdische Debatte

Leider ist die Debatte um die ganze Thematik von einem unterirdischen Niveau. Dass die Kultusministerien, die sich in der an Versagern nicht gerade armen Corona-Pandemie als die größten Rohrkrepierer von allen herausgestellt haben, nur Blödsinn produzieren - geschenkt. Aber dass dieser Blödsinn dann auch komplett unreflektiert aufgegriffen wird, wäre echt nicht nötig. Man nehme nur dieses Beispiel:


Als ob Lehrkräfte nicht ohnehin bereits am Wochenende und in den Ferien arbeiten würden! Allmählich sollte sich das echt mal rumgesprochen haben (zum Thema auch Bob Blume). Aber ich möchte die Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte, die ich ja bereits ausführlich besprochen habe, an dieser Stelle gar nicht weiter in den Mittelpunkt rücken. Stattdessen müssen wir auf die Narrative achten, die hier breitgetreten werden, immer noch, auch nach einem Jahr Pandemie:

Ich weiß nicht, ob die Behauptung des ersten Satzes komplett zutrifft. Aber es ist definitiv so, dass in Deutschland eine weit verbreitete Abwehrhaltung gegenüber allem Digitalen, Technologischem, Neuen besteht, die deutlich über konservative Kreise hinausragt. Daran allein kann es nicht liegen. Dazu kommt, dass Fernlernen nicht gerade eine komplett neue Erscheinung ist:

Ich bin ziemlich sicher, die entsprechenden Jahrgänge seinerzeit hätten sich gegen die Idee gewehrt, dass sie eine völlig entwertete Bildung genossen hätten. Das allein kann die Frage nicht sein. Das Problem ist vielmehr eine Starrheit im Denken, die erfolgreiche Schule nur in einem seit über 200 Jahren bestehenden und mittlerweile extrem veralteten Dogma begreifen kann: Klar getrennte Fächer, 45-Minuten-Takt (oder 90 Minuten, aber auf jeden Fall Takt), Klassen, Klassenzimmer, vergleichsweise lehrkraftzentrierter Unterricht. Reformorientierte Pädagog*innen und Lehrkräfte versuchen seit sicherlich 40 Jahren, diese Dogmen aufzubrechen. Zwar gibt es zarte Reformansätze, von der Problemorientierung bis hin zur Binnendifferenzierung oder begrenztem Projektunterricht. Aber das grundsätzliche System ist extrem zählebig, und das nicht (nur), weil die reformunwilligen Lehrkräfte bremsen würden.

Denn wie wir gerade in dieser Pandemie beobachten können, kommen die größten Beharrungskräfte aus der Gesellschaft selbst: von den Eltern, von den Redakteur*innen im Feuilleton der FAZ, von den Wirtschaftsverbänden. Mithin gerade aus den Gruppen also, von denen man eigentlich am ehesten erwarten würde, dass sie für Reformen, für Veränderungen, für Innovationen stünden. In einem Artikel von 2016 (!) zeigte Stöcker zudem die Beharrungskräfte der Reaktionären auf:

Schon bevor die Pläne überhaupt offiziell vorgestellt worden waren, warnte Kraus im Radio vor "Kollateralschäden". Schüler würden durch Rechner im Unterricht bestimmt dazu verführt, sich "nur noch Häppchen-Informationen und Häppchen-Wissen anzueignen", außerdem werde der zwischenmenschliche Diskurs unter der Totaldigitalisierung des Unterrichts leiden. Der Anti-Digitalisierungsprediger Manfred Spitzer ("Digitale Demenz") stieß erwartungsgemäß ins selbe Horn. Der schönste Satz, den er dabei sagte, war dieser: "Wenn ich Informationsverarbeitung nicht im Gehirn, sondern im Computer betreibe, hat das Gehirn nichts gelernt." Nach dieser Logik wären auch handschriftliche Notizen besser zu vermeiden, weil man lieber alles auswendig lernen sollte, oder Stift und Karopapier im Mathematikunterricht von übel, weil nur wirklich lernt, wer alle Gleichungen im Kopf löst.

Manfred Spitzer ist glücklicherweise mittlerweile mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden, und Kraus genießt ja hoffentlich seinen RUHEstand. Die entsprechenden Haltungen aber sind mit den beiden nicht verschwunden. Der Philologenverband (nur einer der Lehrer*innenverbände, aber leider der mit der mit Abstand größten Außenwirkung) vertritt dieselben Ansichten heute noch mit derselben Verve. Diesen Debattenhintergrund müssen wir, auch wenn es nicht leicht fällt, zu ignorieren versuchen. Und mit einem offenen Geist an die Frage herangehen: Was kann Fernunterricht? Und was kann er nicht?

Eine Frage der Perspektive

Geht man mit der Prämisse an den Fernunterricht heran, den Präsenzunterricht als Goldenen Standard zu nehmen, kann er nur verlieren. Denn es ist unmöglich, dass Fernunterricht das leistet, was Präsenzunterricht leistet. Jeder Versuch, das abzubilden, ist zum Scheitern verurteilt, muss scheitern. Diese eigentlich banale Erkenntnis hat für eine brauchbare Liebeskomödie mit George Clooney gereicht. Es ist deswegen notwendig, nicht nur zu fragen: "Welche Elemente des Präsenzunterrichts kann der Fernunterricht nicht abbilden?" Sondern wir müssen auch fragen: "Wo kann der Fernunterricht etwas bieten, das der Präsenzunterricht nicht kann?"

Bevor wir uns dieser Fragestellung zuwenden wollen, möchte ich noch ein Denkproblem aus dem Weg räumen, das Patricia Drewes schön beschrieben hat:

Der Präsenzunterricht in Deutschland hat vor seiner merkwürdigen Überhöhung im Rahmen der Corona-Schulschließungen nicht unbedingt den besten Ruf gehabt, und das zu Recht. Zu lehrkraftzentriert, zu gleichmacherisch, zu bildungsplanverhaftet. Das Hochjubeln, das dieser Tage zu beobachten ist, ist vor dem Hintergrund der mittlerweile jahrzehntealten Kritik eher merkwürdig. Noch bemerkenswerter ist die Konzentration, die allenthalben dem "Verpassen von Stoff" geschenkt wird.

Erstens ist die Zielsetzung offiziell seit spätestens 2004 nicht Stoffvermittlung, sondern Kompetenzaneignung. Das ist der behauptete Benchmark, der durch die aktuelle Stoffkonzentration Lügen gestraft wird. Zweitens steht hinter dieser Kritik die mindestens ebenso lang diskreditierte Fehlannahme, dass nur, weil Stoff im Unterricht durchgenommen wird, die Schüler*innen den danach auch beherrschen würden. Dabei haben sie ihn häufig bereits nach sechs Wochen wieder vergessen, was nicht eben für die bisher praktizierten Präsenzmodelle und die Konzentration auf Stoffvermittlung spricht.

Womit wir es zu tun haben, ist eine starke Systemlogik, die ihre eigenen Zwänge schafft. So wie sich ein Unternehmen wie Daimler wahnsinnig schwer mit dem Umstieg auf E-Mobilität tut, weil man eben die Produktion von Verbrenner-Autos gewohnt ist, so schwer tut sich die Schule mit einer Umstellung ihrer Prinzipien - noch schwerer sogar, weil sie nicht nur eine Behörde ist, sondern auch noch im grellen Licht der Öffentlichkeit steht, wo Politiker*innen eigentlich mit jedem Reformvorschlag nur verlieren können und eine große, bestens vernetzte Lobby - die Eltern - jegliche Änderung zumindest äußerst kritisch sieht, üblicherweise aber rundheraus ablehnt, von den Lehrkraftverbänden mal ganz zu schweigen. The deck is stacked against change, wie der Amerikaner sagen würde.

Wie systemwidrig Digitalunterricht ist, hat David Ermes in einem lesenswerten Thread aufgezeigt. Fernunterricht widerspricht der mittlerweile über einem Jahrhundert alten Norm der Anwesenheitspflicht im Schulgebäude, auf die das gesamte System ausgerichtet ist. Lernmittel werden ausschließlich als Bücher definiert; alle Beschaffungsstrukturen wie auch die Anbieter sind komplett darauf ausgerichtet. Die Einrichtung von WLAN und digitalen Geräten widerspricht der Verteufelung jeglicher Präsenz dieser Geräte, die im Rest der Gesellschaft seit über einem Jahrzehnt Standard sind - ich möchte an meinen nicht eben unkontroversen Artikel über die Schädlichkeit pauschaler Handyverbote erinnern. Und so weiter.

Der Fernunterricht rüttelt an den Grundfesten des Systems Schule. Der Widerstand dagegen ist vor diesem Hintergrund verständlich, ebenso die Versuche, das gewohnte System möglichst 1:1 zu übertragen, von Anwesenheitskontrollen zu Beginn und Ende (und am besten während) des 45-Minuten-Rhythmus' zu dem Wechsel der Arbeitsphasen und dem Abbilden des Stundenplans. Anders ist Schule für die meisten Menschen überhaupt nicht vorstellbar. Dabei ist er Perspektivwechsel dringend gefragt, soll etwas Vernünftiges entstehen und nicht nur ein fader Abklatsch des Präsenzunterrichts.

Ein steiniger Weg

Was also gewinnen wir mit Fernunterricht, wenn wir niemals 100% dessen erreichen können, was der Präsenzunterricht abbildet?

Ein Beispiel: Eine Umfrage ergab, dass 69,1% der Schüler*innen gelernt hätten, sich Lernstoff ohne Hilfe der Lehrkräfte anzueignen, 68,8%, sich selbst zu organisieren, und 67%, selbst Quellen zur Lösung des Problems zu suchen. Das sind hervorragende Werte, und es ist eigentlich genau das, das wir wollen, dass Schule vermittelt - und nicht irgendwelchen Stoff. Denn den können sich die Schüler*innen mit diesen Kompetenzen ja selbst aneignen, wenn sie ihn brauchen! Dass Schule vor allem zum Lernen lernen da ist, gerät in der ganzen kaputten Debatte aber zugunsten drögen Stoffs und dem Abfragen desselben völlig aus dem Blick.

Ich bin wahrlich keiner der Innovatoren des digitalen Unterrichts. Aber ich bilde mir ein, gerade noch eben zu den Early Adopters zu gehören (bezugnehmend auf den Innovationszyklus). Dementsprechend sah ich mich im Frühjahr auch halbwegs stolz, als ich meinen eigenen Präsenzunterricht digital abbildete. Wo in vielen Fällen die Schule auf das Abarbeiten von Arbeitsblattstapeln in Wochenplänen reduziert wurde oder ganz entfiel, arbeitete ich mit meinen Schüler*innen im gewohnten Takt weiter und unterrichtete, mit meinen üblichen Arbeitsphasen, Arbeitsblättern, Arbeitsaufträgen und so weiter.

Eine schöne Erfahrung war das nicht. Es zeigte sich schnell, dass im Fernunterricht gerne gegen eine Art Wand unterrichtet wird. Was ein unbestrittener Vorteil des Präsenzunterrichts ist, der sich digital einfach nicht reproduzieren lässt, ist der nonverbale Teil. Ich kann auf den Gesichtern der Schüler*innen sehen, ob sie mit einem Arbeitsauftrag fertig sind, ob sie überfordert oder unterfordert sind, ob sie meine Erklärungen verstehen oder nicht. Im Fernunterricht fällt das weitgehend weg (schon allein, weil wegen der rattigen deutschen digitalen Infrastruktur einerseits und Privatsphärebedenken andererseits eine ständig aktive Kamera ein Ding der Unmöglichkeit ist). Ich unterrichte in den Äther, ohne jede Rückmeldung. Und gerade sozial und psychologisch lebt Unterricht von diesen kleinen Rückmeldungen.

Dazu kommt, dass sich im neuen Schuljahr (Herbst 2020) herausstellte, dass der Effekt des so reproduzierten Präsenzunterrichts bescheiden war. Die Schüler*innen hatten einen extrem geringen Lerneffekt. Ich gebe mich keinen großen Illusionen hin, wie umfassend dieser Effekt im normalen Unterricht ist. Seit längerem hadere ich mit den "traditionellen" Unterrichtsmethoden, aber der Zwang zu normierten Prüfungen lässt da vergleichsweise wenig Raum. Zumindest war das immer meine Ausrede. Klar macht maximal die Hälfte mit, aber die schreiben Abi, ich mach das für die!

Die nun unbestreitbaren Schwächen des ferunterrichteten Präsenzunterrichts machten es mir unmöglich, so weiterzumachen. Die #twitterlehrerzimmer-Propheten des digitalen Unterrichtens, sie hatten wenig überraschend Recht behalten. Anstatt also das unbefriedigende Defizit meines fernunterrichteten Präsenzunterrichts (mangels besserer Begriffe bleibe ich mal dabei) zuzukleistern zu versuchen, um immerhin 70% der Leistung des ohnehin nicht berauschenden Standes des Präsenzunterrichts zu erreichen, beschloss ich, die Vorteile des Fernunterrichts, die mir bisher zu wenig im Bewusstsein waren. Statt Schwächen auszugleichen Stärken stärken.

Die Stärke des Schwarms

Ein permanentes Manko meines eigenen Präsenzunterrichts, das mich seit Jahren stört, ohne dass ich eine Lösung gefunden hätte, ist das Nicht-Funktionieren kollaborativer Arbeitsphasen. Man kennt das als Gruppen- oder Partnerarbeiten. Allzuoft hatte ich das Problem, die Klasse in Gruppen aufzuteilen, die dann aber effektiv nicht arbeiten, sondern auf die gemeinsame Ergebnisbesprechung warten oder sich in klassischer TEAM-Arbeit ("Toll Ein Anderer Macht's") auf die jeweils Besten zu verlassen. Und ja, das lag sicher auch an meinen eigenen pädagogischen Fehlern, mea culpa, aber darum soll es in diesem Beitrag nicht gehen.

Die Stärke des Fernunterrichts war nun für mich, dass ich technische Möglichkeiten an die Hand bekam, die Teamarbeit wesentlich stärkten. Ein Worddokument, das von allen gleichzeitig bearbeitet wird. Gruppenräume in Microsoft Teams, in denen die Schüler*innen kommunizieren können, ohne die Gruppe am Nebentisch zu stören. Das Einteilen von Gruppen ohne den Zeitverlust durch den mühelsigen Einteilvorgang und das Rücken von Tischen und Stühlen. Die Möglichkeit, Medien wie ein Youtube-Video zur Bearbeitung einzugeben, die jedeR in eigener Geschwindigkeit bearbeiten kann.

Allein die Fähigkeit, einfach in einem kollaborativen Word-Dokument zu arbeiten, war beachtlich. Plötzlich sah ich die Beteiligung von Schüler*innen, die im Unterricht nie den Mund aufmachen (und erst recht nicht bei der Präsentation der Ergebnisse!), sah sie aber im Dokument arbeiten. Das Erstellen von Präsentationen (über Powerpoint) und das Zeigen geht digital ebenfalls viel leichter, wo keine Zeit mit irgendwelchem Umstöpseln, fehlenden Adaptern und ähnlichem Blödsinn verloren geht. Noch viel besser wird das, wenn man auf die klassische 45-Minuten-Taktung verzichtet. Da sind plötzlich ganz andere Produkte möglich. Es ist ein Blick in eine neue Welt.

Ich möchte ein Beispiel spezifisch herausstellen, weil nicht nur ich es großartig fand, sondern auch die Schüler*innen begeistert waren: die Second-Screen-Analyse. Bob Blume hat hierzu einen lesenswerten Beitrag geschrieben, an dem ich mich orientierte. Er nutzte die kontroverse Sendung der "Letzten Instanz" und ließ sie die Schüler*innen ansehen und gleichzeitig im Chat kommentieren. Danach mussten die Schüler*innen einen Kommentar zur Sendung verfassen. Das Ganze stand im Kontext der Erörterung und der Analyse von Argumentationsmustern, was den Schüler*innen erwartungsgemäß sehr schwer fällt.

Nicht so hier. Plötzlich beteiligten sich Schüler*innen, von denen ich sonst nichts hörte. Unaufgefordert likten sie gegenseitig ihre Beiträge (die Analyse, welche Beiträge geliked wurden, war sehr erhellend), kommentierten ihre eigenen Bemerkungen, führten die Diskussion aktiv mit. Sie erkannten die Schwächen der Diskutant*innen und produzierten in einer Dreiviertelstunde über 20 Seiten Text. So produktive Deutschstunden hatte ich im Präsenzunterricht selten.

Lehren

Für mich ist klar, dass ich mich - auch mit der wahlkampftaktisch motivierten Rückkehr zum Präsenzunterrichts ab heute - weiter hart in diese Erkenntnisse lehnen und sie ausnutzen werde. Es wird spannend, wie viel ich davon in den Präsenzunterricht retten kann. Unsere vergleichsweise luxuriöse digitale Infrastruktur (Endgeräte für die Schüler*innen, festinstallierte Beamer und WLAN, absolute Seltenheit in Deutschland) wird da hoffentlich helfen. Keinesfalls jedenfalls will ich zu meinen alten Unterrichtsmodellen zurück.

Seit den Erfahrungen aus dem Fernunterricht im Winter 2020/21 habe ich brachliegende Potenziale erkannt, die mir zwar vorher theoretisch bewusst waren - man hatte ja in der Ausbildung oft genug damit hantiert - die aber irgendwie verschütt gegangen waren. Ich werde wesentlich mehr die klassischen Strukturen aufbrechen, wo immer das möglich ist. Ich werde mehr Hoheit über die Unterrichtsgestaltung an die Schüler*innen abgeben (der nächste Pilotversuch zu dem Thema steht schon in den Startlöchern). Ich werde den Fokus wesentlich mehr auf ie Produktorientierung legen. Auf zu neuen Ufern, quasi. Ich bin überzeugt, dass der Fernunterricht für mich ein essenzieller Anstoß war, besseren Unterricht zu machen.

Danke, Corona...?

PS: Wer sich mehr für die Theorie und Praxis des Fernunterrichts interessiert, dem sei dieses für die interessierte Laien-Öffentlichkeit erstelle nützliche FAQ zum Fernunterricht von Bob Blume (erstellt, natürlich, kollaborativ vom #twitterlehrerzimmer) ans Herz gelegt.

Mittwoch, 17. Februar 2021

Kommt die dritte Welle?

 

Nicht nur auf diesem Blog, sondern deutschlandweit ist ein veritabler Streit darüber entbrannt, wie Deutschland mit der Covid-19-Pandemie umgehen sollte. Die zuletzt von Jens Happel in mehreren Artikeln geäußerte These lautet (grob verkürzt), dass die Lockdown-Strategie der Regierung neben ihrer mangelhaften bis ungenügenden Durchführung (kein Widerspruch hier) in keiner guten Kosten-Nutzen-Relation steht und dass Covid-19 deutlich weniger gefährlich sei als gemeinhin angenommen. Ich möchte diesen Thesen widersprechen, wenngleich ich offen zugeben muss, dass meine Expertise beschränkt ist. Ich bin also dankbar für Korrekturen und sachliche Hinweise in den Kommentaren. Damit genug der Vorrede, ab in medias res.

Ich möchte als erstes die Frage der Tödlichkeit dieser Pandemie ansprechen. Von Kritikern der Krisenstrategie der Regierung (die, das sei noch einmal explizit erwähnt, ungeachtet ihres theoretischen Fundaments grausig umgesetzt wird) wird gerne vorgebracht, dass nur unwesentlich mehr Menschen sterben als bei einer schweren Grippewelle. Ich bin unsicher, inwieweit diese Zahlen belastbar sind. Auch in schweren Grippewellen haben wir keine überbelegten Intensivstationen am Rand der Belastbarkeit. Allein einer von fünf hospitalisierten Covid-Patient*innen in Berlin ist gestorben. Aber ich bin ziemlich zuversichtlich, dass sie so oder so auf einem Denkfehler beruhen. Denn auf schwere Grippewellen reagieren wir nicht mit massiven Maßnahmen.

Es ist ja Unsinn, eine Gesellschaft, die monatelang zahlreiche Betriebe und die Bildungseinrichtungen schließt, Masken verordnet und Kontaktbeschränkungen erlässt, direkt mit einer verglichen wird, die so etwas noch nie getan hat - auch nicht in einer "schweren Grippewelle" (wann hatten wir denn so eine?). Die Annahme, dass der Verlauf von Covid-19 ohne die Maßnahmen nicht schwerer verlaufen wäre als mit ihnen, ganz gleich, wie man ihre ultimative Effektivität bewertet, ist ja schließlich sinnvoll.

Stellt sich die Frage: Wie drastisch waren unsere Maßnahmen eigentlich? Da die Begrifflichkeiten bereits seit Beginn der Pandemie ziemlich wild gemixt und ohne jede Kategorisierung verwendet werden, ist es schwierig, hier Vergleiche zu ziehen. Jedes Land reagiert unterschiedlich, in Deutschland gerne auch jedes Bundesland. Inzwischen hat sich für jegliche Art der Kontaktbeschränkungen der Begriff "Lockdown" eingebürgert, der zwar an sich Quatsch ist (einen Lockdown gab es im Frühjahr 2020 in Wuhan, aber sicherlich nie in Europa), aber nun einmal in den allgemein Sprachgebrauch übergegangen ist.

Die Maßnahmen waren sicherlich ohne Beispiel in der bundesrepublikanischen Geschichte. Bildungseinrichtungen wurden geschlossen, Betreibungsverbote für bestimmte Gewerbe (etwa Friseursalons oder Unterhaltungsbetriebe) erlassen und Zusammenkünfte von großen Personengruppen untersagt. Gleichzeitig aber dürfte auch Einigkeit darin bestehen, dass das gesellschaftliche Leben zwar beschränkt, aber nicht unterbunden wurde. Die meisten Arbeitnehmer*innen gingen nach wie vor ihrer Arbeit nach, die meisten Geschäfte blieben geöffnet, und so weiter. Täglich lernte die deutsche Bevölkerung, zeitverzögert aber in gewissem Maße parallel zur Wissenschaft, neue Dinge über das Virus und seine Bekämpfung. Man erinnert sich nur ungern daran, dass lange Zeit unklar war, wie hilfreich Masken sind, und dass der Verdacht gegen die Regierung, wegen der schlechten Beschaffungssituation absichtlich zu lügen, bis heute nicht grundlos im Raum steht.

Während in den meisten europäischen Ländern schreckliche Zustände herrschten - besonders Nortitalien und Spanien waren betroffen - blieb Deutschland im Frühjahr weitgehend verschont. Der am 17.03.2020 erlasene Lockdown wirkte, und die Inzidenz von 7, bei der er gestartet worden war, stieg auf ein Maximum von 50,5 zwei Wochen später - um dann erwartungsgemäß abzufallen. Im Mai wurden bei einem Wert von 9 erste Lockerungen erlassen, im Juni endeten sie de facto bei einem Wert von 4. Den gesamten Sommer über blieben die Inzidenzen sehr niedrig.

Das allerdings nährte die irrige Vorstellung, dass man "mit dem Virus leben" könnte und dass die Lage unter Kontrolle wäre. Bereits im April hatten Virolog*innen, die Expert*innen für das Virus waren, vorausgesagt dass die Werte im Sommer abflachen und dann im Herbst wieder steigen würden. Es stand zu erwarten, dass die Lage sich ab September wieder verschlimmern würde. Aber man hatte ein halbes Jahr gewonnen, um sich darauf vorzubereiten.

Dieses halbe Jahr wurde nicht genutzt. In einem beispiellosen Akt der Verantwortungslosigkeit kehrte die Politik zum Tagesgeschäft zurück. Der einzig nennenswerte Erfolg war die weitgehende Abdeckung der Bevölkerung mit Masken - die dem FFP2-Standard nicht genügten; es waren die dünnen OP-Masken. Wenig überraschend kam es so, wie die Expert*innen es angekündigt hatten und wie man am Beispiel früherer Pandemien ebenso wie am Beispiel anderer Länder hätte sehen können, wenn man gewollt hätte.

Deutschland hatte im Frühjahr keine besonders brillante Politik, sondern Glück. Das Virus verbreitete sich in Clustern, die von den Gesundheitsämtern weitgehend nachverfolgt werden konnten. Es wurde von Skiurlauber*innen und Geschäftsreisenden ins Land gebracht, Demographien, die gut erreichbar und nachverfolgbar waren. Im Herbst dagegen breitete sich das Virus nicht mehr in Clustern aus, sondern in der Breite. Eine Nachverfolgung wurde allein dadurch erschwert. Dass die Inzidenzwerte zudem deutlich höher lagen als im Frühjahr, machte die Sache erst Recht gefährlich.

Am 19.10.2020 stieg die 7-Tage-Inzidenz auf 52,7 und erreichte damit einen Wert, der über dem Höhepunkt der ersten Welle lag. Noch immer hielten die Kultusministerien mit Biegen und Brechen die Schulen offen, vermieden die Ministerpräsident*innen jede Maßnahme, die - in den unsterblichen Worten de Maizíeres - "einen Teil der Bevölkerung verunsichern könnten". Illusionäre Hoffnungen wurden gehegt. In Baden-Württemberg etwa schleppte man mit Biegen und Brechen den Präsenzunterricht bis zum Beginn der Herbstferien. Die Woche, die man so gewann - und für die, wenig überraschend, zwei Wochen später die Inzidenzen kurz sanken - wurde dann ebenso verschwendet, um bis zu den Weihnachtsferien über die Runden zu kommen. Das war von Beginn an zum Scheitern verurteilt.

Am 2.11. war die Lage nicht mehr schönzureden. Doch anstatt endlich das Notwendige zu tun, stahlen sich die Landeschef*innen - bekniet von Angela Merkel, doch bitte härtere Maßnahmen zu ergreifen - mit einem auch so betitelten "Lockdown Light" aus der Affäre - bei einer Inzidenz von 133,8. Im Frühjahr hatten die Gesundheitsämter bei einem Wert von 50 die Kontrolle völlig verloren gehabt, weswegen der Lockdown überhaupt erst eingeführt worden war. Die Inzidenzen erreichten dann am 23.12.2020 mit 218,0 ihren bisherigen Höchstwert. Das Erreichen des Höhepunkts dauerte dieses Mal fünf Wochen statt zwei.

Zehntausende von Menschen starben, weil die Politik der Überzeugung war, der Bevölkerung einen Lockdown erst nach Weihnachten zumuten zu können. Mit der Zahlenlage oder der Wissenschaft - die noch viel intensiver als die recht zurückhaltende Merkel vor den Folgen der Untätigkeit warnte - hatte das alles nichts zu tun. Erst im Januar wurden wirklich scharfe Maßnahmen eingeführt; nun, bei Inzidenzen im deutlich zweistelligen Bereich, werden schon wieder Lockerungen diskutiert. Die "Lockdown-Moral" ist schlecht, weswegen die Zahlen auch wesentlich langsamer sinken als im Frühjahr. Schon jetzt ist eine dritte Welle praktisch garantiert, das heißt noch einmal zwischen 50.000 und 200.000 unnötiger Toter.

Woher kommt dieses Versagen? Anna Sauerbrey von der New York Times sieht die Schuld für das deutsche Debakel in ihrem Artikel "How Germany lost control of the virus" klar in der Politik:

But when cases started to rise in the fall, policymakers failed to repeat the trick. During the first week of October, the caseload was as high as it had been when the first lockdown had been imposed in March. But many explained the rise by pointing to the increased number of tests, ignoring the clear trend of cases upward. Nothing was done. [...] In the following weeks, the virus took full advantage of Germany’s complacency. By the end of October, the number of daily cases had more than tripled. The response was halfhearted: closing restaurants and bars but leaving schools open — a “lockdown light” that, for a time, stabilized the situation. It wasn’t until just before Christmas, at which point cases were rising sharply, that politicians hit the emergency brake and closed down the country. The decision came so late that by early January, some intensive care units were nearly overwhelmed. Daily deaths were at times quadruple their highest point in the first wave. In the first half of January, the number of deaths per 100,000 inhabitants temporarily exceeded that in the United States. The elderly were devastated: Roughly 90 percent of those who died in the second wave were 70 or older. For a country that had been widely hailed for its successful handling of the pandemic, it was a shocking reversal. Why did this happen? The short answer: politics. In 2021, Germany will hold six state elections plus the national parliamentary election in September. If ever there was a time to take political risks — and there’s little riskier than depriving weary citizens of their freedoms for uncertain gain — the middle of a major election year is not it.

"Complaceny" und "politics", also Selbstzufriedenheit und Wahlkampfsorgen, waren ein toxischer Mix. Besonders hier in Baden-Württemberg ist das gut zu beobachten. Das Ländle wählt im März. Die Kultusministerin, Susanne Eisenmann, ist CDU-Vorsitzende und möchte gerne Ministerpräsident Kretschmann beerben. Eisenmann hat sich in den Kopf gesetzt, dass der Schlüssel zu der Liebe der Wähler*innen der Präsenzunterricht ist, und sie versucht, irgendwie, die Schulen und Kitas vor der Wahl zu öffnen. Wenn dann die dritte Welle nach der Wahl kommt - egal, dann ist sie rum. In anderen Bundesländern sieht es nicht besser aus, und Kretschmanns lange Weigerung, seinerseits für stringentere Maßnahmen einzutreten, entsprang demselben zynischen Kalkül.

Vielleicht ist es auch wahr, was er in zerknirschter Haltung jüngst zugab: Dass der "Lockdown light" ein Fehler war und dass "man" die Lage unterschätzt habte. In bewährter Manier gab er dabei allen und jedem die Schuld, wie es vor ihm Jens Spahn und Michael Kretschmer auch schon getan haben. Kretschmann war sich nicht zu schade, die Schuld für seine eigene miese Politik den Virolog*innen zu geben.

Das ist ungemein rückgratlos. Die Alternativen lagen auf der Hand, und sie waren seit dem Frühjahr bekannt. Das Problem für die Politik war der Unwillen, einerseits die Versäumnisse der Vergangenheit offen auf den Tisch zu legen - Stichwort digitale Infrastruktur, nur um eines zu nennen -, die nun überall die eigentlich gebotenen Lösungen blockierten. Zugleich aber bestand weiterhin ein Unwillen, diese im gebotenen Umfang anzugehen. Anstatt die riesigen Investitionslücken zu erkennen und zu klotzen statt zu kleckern, wurden überbürokratische Monstren erschaffen - Stichwort "Medienentwicklungsplan", was jeder Schulleitung einen Schauer über den Rücken jagt, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen kann - und ein endloses Kleinklein fortgeführt. Typisch Deutsch, quasi.

Das ist mit Teil des Debakels, das die Europäische Union gerade mit den Impfstoffen erlebt. Wo die USA und Großbritannien bereits früh umfangreiche Lieferverträge abgeschlossen hatten und pro Kopf rund 20 Dollar für Impfstoffe investierten, brachte es die EU gerade mal auf rund 3,50 Euro. Wenig überraschend, dass die Kapazitäten nicht so groß sind, wie sie vielleicht sein könnten. Die große Vorsicht, nur ja kein Geld zu verschwenden, indem bei unsicheren Kantonisten bestellt wird, rächt sich jetzt - während gerade der Mut, das zu ignorieren, sich für USA und UK auszahlt. Die irrationale deutsche Obsession mit der schwarzen Null und dem bürokratischen Kleinklein, dem dreifachen Durchschlag und der Einhaltung auch noch der kleinsten Verordnung: in der Pandemie kosten sie Menschenleben.

Eine andere Quelle der Schuld macht dagegen Patrick Bernau in seinem Artikel "Raus aus der Corona-Falle" in der FAZ aus. Er konstatiert eine "Lockdown-Müdigkeit" in der deutschen Bevölkerung, deren Existenz kaum von der Hand zu weisen ist. Ständig wechselnde Verordnungen und Vorschläge, eine katastrophale Krisenkommunikation und dazu das ständige wahlkampfpolitische Störfeuer sorgen für eine Atmosphäre der Unsicherheit. Dazu kommt, dass die Maßnahmen überall dort ansetzen, wo es für die Politik leicht ist. Kleine Selbstständige werden getroffen - von Künster*innen bis zu Friseurstuben -, die Schulen und Kitas werden geschlossen, aber noch immer sind die Home-Office-Richtlinien zahnlos und gehen Millionen jeden Tag in die Betriebe, drängen sich in schlecht gelüfteten öffentlichen Verkehrsmitteln. Bernaus Lösungsvorschlag überrascht wenig:

Wie könnte es besser gehen? Wer übers Haushalten spricht, der sollte einmal über das wirtschaftliche Prinzip nachdenken. Dabei geht es gar nicht ums Geld und nicht um die Rettung geschlossener Restaurants, sondern um die grundsätzliche Denkweise. Die Medizin schützt im besten Fall die Gesundheit des Patienten, koste es, was es wolle. Das wirtschaftliche Prinzip dagegen heißt: Ein gegebenes Ziel wird mit dem kleinstmöglichen Aufwand erreicht. Das kann durchaus der härteste Kampf gegen das Virus sein, wie in der Medizin – trotzdem fragt man zusätzlich, welche Maßnahmen nötig sind und welche verzichtbar. Die Pandemie wird zuverlässig bekämpft, aber mit dem kleinstmöglichen Aufwand. Wenn es gut läuft, streitet Deutschland anders als zuletzt: Es geht nicht um mehr oder weniger Maßnahmen, sondern um schlauere. [...] Es kam aber nur eine Psychologin zu Wort. Soziologen fehlten ganz. Dabei sind sie ebenfalls wichtig, um die Reaktion der Bevölkerung zu verstehen. In einer liberalen Demokratie sind es immer noch die Bürger, die über den Erfolg der Pandemiebekämpfung entscheiden. 

Im Grundsatz klingt das super, und genau das ist es, was die Politik von sich seit dem Frühjahr zu tun beauptet. Das Ergebnis spricht Bände. Nicht, weil Bernaus Vorschläge schlecht wären. Selbstverständlich wäre ein solch cleverer Maßnahmenmix eine bessere Lösung als das aktuelle Gewürge. Sondern weil es völlig unrealistisch ist, dass das umgesetzt werden kann. Dafür ist unsere Demokratie viel zu sensibel gegenüber der öffentlichen Meinung. Der technokratische Wunschtraum, der hier zum Ausdruck kommt, zerschellt an der Realität des politischen Betriebs.

Die Ironie dabei ist, dass Bernau das selbst in sein Argument einpackt: Psycholog*innen und Soziolog*innen kommen nicht zur Sprache. Hätte Bernau sie mal besser selbst gefragt, sie hätten ihm vermutlich auch sagen können, wie sehr auf dem Glatteis ist.

Nein, letztlich gibt es nur einen eingeschränkten Spielraum, innerhalb dessen agiert werden kann. Gerade weil die feinjustierten Maßnahmen zwar gut gemeint sein mögen, aber in der Breite vor allem als undurchdringlicher, arbiträrer Dschungel ankommen, wäre von Anfang an nötig gewesen, klar und deutlich die Bedrohung zu kommunizieren und energische Maßnahmen zu ergreifen. Das ist nicht geschehen. Ob der Geist sich überhaupt in die Flasche zurücktreiben lässt, ist fraglich. Ich blicke mit ziemlichem Pessimismus in die nächsten Monate. Die Impfungen sind so langsam, dass sie kaum das Infektionsgeschehen bremsen werden. Die Wahlen sorgen für noch mehr Irrationalität als ohnehin. Und nach über einem Jahr ist die Lockdown-Müdigkeit Realität. Die beste Hoffnung ist, dass über den Sommer ein Wunder geschieht, so dass man wegen der saisonbedingt wieder sinkenden Inzidenzen eine Atempause erhält, die dann dieses Mal genutzt wird. Die Hoffnung, sie ist klein.

Dienstag, 16. Februar 2021

Außeridische Söldnerinnen zerstören mit antisemitischen Lockdowns Eigenheime in Russland - Vermischtes 15.02.2021

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

Montag, 15. Februar 2021

Quo Vadis, Bundeswehr?

 

Die Bundeswehr ist ein zufälliger Garant für Negativ-Schlagzeilen. Nicht flugfähige Helikopter, Panzer ohne Ersatzteile, Gewehre, deren Läufe sich bei Gebrauch erhitzen und verbiegen. Abermillionen in Beraterverträge versenkt, jahrzehntelange Verzögerungen bei neuen Beschaffungen, nicht genug Heizungen für die Camps in Afghanistan. Rechtsextreme Tendenzen, Personalmangel. Und so weiter und so fort. Kein Wunder, dass der Posten des Verteidigungsministeriums als Schleudersitz gilt, der noch das Grab für viele Politikkarrieren war. In den letzten vier Jahren kam noch Donald Trump hinzu, der beständig die Einhaltung der 2%-Vorgabe der NATO einforderte und Deutschland mangelhafte Verteidigungsausgaben vorwarf.

Samstag, 13. Februar 2021

Und täglich grüßt das Murmeltier - Veggieday reloaded

 

Im Jahr 2013 erlebten die Grünen ein Trauma, von dem sie sich bis heute nicht ansatzweise erholt haben: eine obskure Forderung auf Seite 123 eines sehr umfangreichen Wahlprogramms - dass in Kantinen des öffentlichen Dienstes an einem Tag in der Woche ein vegetarisches Gericht die Hauptoption sein sollte - wurde plötzlich zum alles bestimmenden Thema eines ansonsten extrem gemächlich verlaufenden Wahlkampfs, in dem der bislang größte Skandal war, dass Stefan Raab (!) im "Kanzler-Duell" (!!) Peer Steinbrück gefragt hatte, warum er "King of Schnitzel" sein wolle. Nun wiederholt sich das gleiche Debakel wieder.