Sonntag, 23. September 2018

Der Verlust der Wirklichkeit

Um 2016 herum war das Wort der "Filterblase" in jedermanns Munde. Immer wieder wurde betont, dass wahlweise Progressive oder Konservative in einer Blase lebten (es kommt immer auf den persönlichen Standpunkt an) und die von der Mehrheitsgesellschaft geteilte Realität nicht mit bewohnten, wodurch es dann zu allerlei schlechten Effekten kommt. Diese an und für sich nützliche Theorie geriet innerhalb kürzester Zeit zum politischen Kampfbegriff der Rechten und ist mittlerweile aus der Mode geraten. Auf der Linken hat er sich nie wirklich durchsetzen können, wird aber unter diversen Synonymen natürlich trotzdem gegen den politischen Gegnern geschleudert. In dem Zusammenhang wurde auch immer wieder darüber gesprochen, wie Soziale Netzwerke und die Struktur unserer Nachrichten zur Bildung solcher Blasen beitragen. Ich denke dass die Degenerierung zum politischen Kampfbegriff uns leider die Sicht darauf verstellt hat, dass die Aufspaltung von Realitäten ein profundes und jegliche ideologische und parteiischen Grenzen überspannendes Problem geworden ist.

Meine These ist hierzu die: es gibt inzwischen effektiv keine Konsens-Realität mehr, weil die beherrschende Stellung der sie schaffenden Akteure in unserer Gesellschaft, die früher für eine allseits anerkannte Realität sorgte, nicht mehr gegeben ist. Das betrifft in erster Linie die Massenmedien, vor allem die Öffentlich-Rechtlichen, und nachgeordnet Personen von öffentlicher Autorität wie Politiker, Pressesprecher, Behördenchefs und Ähnliche.

Was meine ich damit konkret? Niklas Luhmann hat in seiner berühmten Systemtheorie bereits vor Jahrzehnten die Behauptung aufgestellt, dass unsere Realität maßgeblich von den Massenmedien geprägt wird. Vor deren Erscheinen waren es andere Autoritäten, die das Weltbild und die Realität prägten (etwa die Kirche für einen mittelalterlichen Bauern). Jahrzehntelang hatte etwa die Tagesschau in Deutschland eine beinahe sakrale Bedeutung in der Prägung von Realität. Die ernsten, aber ruhigen Sprecher und Sprecherinnen erklärten, was sich an einem Tag an Relevantem ereignet hatte. Spötter stellten schon früher den glücklichen Umstand fest, dass in der Welt immer gerade so viel passierte, dass es 15 Minuten Tagesschau füllte. Aber die Auswahlfunktion der Tagesschau-Redaktion war unabänderlicher Standard, ob etwas geschehen und wichtig war. Berichteten ARD und ZDF am Abend darüber, dann war es relevant. Taten sie es nicht, war es nicht relevant. Eine ähnliche Funktion nahmen überregionale Blätter wie die BILD, SZ und FAZ oder natürlich die Lokalzeitungen ein, wenn es um die Ereignisse um den eigenen Wohnort ging.

Ich verwende das Präteritum, weil die andauernde Medienkrise diese Gegebenheiten hinfällig gemacht hat. Die Lokalzeitungen sind seit spätestens den 1990er Jahren in einem dauernden Niedergang, der mittlerweile selbst solche publizistischen Flaggschiffe wie die BILD erfasst hat, deren Auflage und Wirkungskreis beständig sinken. Die Tagesschau ist mittlerweile ein Medium für Menschen jenseits der 60, und das nicht nur, weil sie sich so anfühlt - die Zuschaueranalysen der Sender sprechen eine eindeutige Sprache.

Doch dieser Zuschauer- und Leserschwund ist nur eine Seite der Medaille. Er ist vorrangig wirtschaftlich relevant: die sinkenden Zahlen bedingen ein geringeres Angebot und einen allgemeinen Qualitätsverfall, weil sich alles auf der Suche nach der größten Abonnentenzahl am kleinsten gemeinsamen Nenner ausrichtet. In den letzten 20, 30 Jahren entstand so das Problem einer großen Einheitsmeinung, der permanenten Großen Koalition, aus der Herdenverhalten wie die unreflektierte Begeisterung für die wirtschaftsliberale Reformpolitik oder die Willkommenskultur 2015 entstand. Gegen diese Entwicklung kämpften erst die Linken - man denke NachDenkSeiten als pars pro toto -, dann die Rechten an. Beide nutzten Begriffe von "Manipulation", "Meinungsmache" und "Lüge" als Frame für diese Einseitigkeit der medialen Palette, ein Framing, das sich nun rächt, weil es zu einem allgemeinen Vertrauensverfall beigetragen hat.

Der Aufstieg der Sozialen Netzwerke auf der einen Seite, der Konsumenten von den von Niklas Luhmann noch als systemisch entscheidend begriffenen Massenmedien unabhängig gemacht hat, und der allgemeine Vertrauensverlust auf der anderen Seite sorgen dafür, dass es keine Institution mehr gibt, die eine allgemein gültige Realität definieren kann. Egal welche politische Ausrichtung man selbst vertrat, wurde früher im Allgemeinen nicht gezweifelt, dass die Tagesschau die Realität wiedergab. Man stritt zwar um die Interpretation oder die Priorität (sprich: Beitragslänge), den diese jeweiligen Realitätsbeschreibungen hatten, aber nicht darüber, ob Dinge tatsächlich passiert waren.

Das ist aber heutzutage zunehmend der Fall, und das sorgt dafür, dass es immer schwieriger wird, einen gemeinsamen Referenzrahmen zu bilden. Das ist für jemanden, der ein engagierter Parteigänger der jeweiligen Frage ist, erst einmal kein Problem. Bin ich etwa ein überzeugter Sozialdemokrat, so muss ich mir keine Sorgen darüber machen, welche Ereignisse wie einzuordnen sind - Johannes Kahrs und Andrea Nahles werden es mir mitteilen, und ich muss den Frame nur übernehmen. Alexander Gauland und Alice Weidel übernehmen diese Funktion bei der AfD, und so weiter. Aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung sind engagierte Parteigänger, die in der Lage sind den Nachrichten und deren Einordnungen so zu folgen, dass sie alle Wendungen mitmachen können. Bin ich zum Beispiel engagierter SPD-Parteigänger, so änderte sich meine Realität bezüglich des Verfassungsschutzes innerhalb einer Woche viermal. Erst hatten wir einen kompetenten Chef, der von der Opposition angegriffen wurde, dann wurde er untragbar und musste weg, was meine Partei heldenhaft einforderte, dann gewann Andrea Nahles einen erfolgreichen Deal, dann war der Deal aber schlecht und musste neu verhandelt werden. Verfolge ich als Parteigänger die Nachrichten aufmerksam und bekomme das Framing geliefert, kann ich diese Schwünge einerseits mitmachen und mich andererseits gegen konkurrierende Narrative immunisieren.

Tue ich das aber, wie die Mehrheit der Deutschen, nicht, so prasseln völlig widersprüchliche Narrative auf mich ein. Verfolge ich zudem - erneut wie die Mehrheit der Deutschen - die Nachrichten nur gelegentlich und bruchstückhaft, so erhalte ich diese Narrative nur in verstümmelter und völlig inkohärenter Form. Anstatt ein parteiideologisch geschlossenes Weltbild formen zu können, bleibt reines Chaos. Der einzige Eindruck, der sich dann aufdrängen kann, ist der, dass niemand irgendetwas Genaues weiß. Und das ist ein neues Phänomen. Hätte vor 20 Jahren die Tagesschau erklärt, dass es eine Hetzjagd in Chemnitz gegeben hätte, hätte dies eine Realität konstituiert. Heute erklären dagegen konkurrierende Kanäle wahlweise, dass das Video überhaupt nichts derartiges zeige, dass es nur ein Nacheilverhalten zeige oder dass vorher auch schlimme Dinge passiert seien oder was auch immer. Als nur mäßig interessierter Beobachter ist es mir unmöglich, eine klare Realität zu bilden. Der Eindruck ist, dass niemand Genaues sagen kann. Und das ist tödlich.

Seit mittlerweile über einem Jahr fahre ein ein Selbst-Experiment zu diesem Thema. Ich lese praktisch keine Nachrichten über die Mueller-Ermittlungen gegen Trump und sein Wahlkampfteam wegen des Verdachts auf russische Einflussnahme im Wahlkampf 2016. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es um die Ermittlungen aktuell steht, welche Leute wegen welchen Verbrechen angeklagt sind und wie die jeweiligen Parteien zu den Detailfragen stehen. Angesichts dessen, dass ich täglich viele Nachrichten über verschiedene Kanäle konsumiere, bekomme ich natürlich über Nachrichtenosmose - Erwähnungen in themenfremden Artikeln, Überschriften, etc. - trotzdem Dinge mit. Aber ich beschäftige mich nicht aktiv mit dem Thema.

Der Eindruck, der sich dann unweigerlich aufdrängt, ist der einer konstanten Lawine von immer neuen Enthüllungen. Ich kann inzwischen nur zynisch auflachen wenn in meiner Timeline progressive Journalisten zum x-ten Mal von den "entscheidenden" oder "alles verändernden" neuen Enthüllungen schreiben. Die gibt es zuverlässig alle ein, zwei Wochen, ohne dass sich ostentativ etwas wahrnehmbar ändert. Angesichts der gewaltigen Menge an ständig neuen Nachrichten gibt es aber nur zwei Möglichkeiten, diese einzuordnen:

a) Es ist was dran, und Trump hat (von mir undefinierbaren, weil Detailwissen mangelnden) Dreck am Stecken.

b) Das Ganze ist ein riesiges, schmutziges, politisches Spiel seiner innerparteilichen Gegner.

Ob ich Variante a) oder b) anhänge hängt nicht auch nur im Geringsten daran, welche Qualität die Nachrichten und Enthüllungen haben. Sie hängen daran, welchem politischen Stamm ich mich zugehörig fühle. Denn Progressive und Konservative teilen keine gemeinsame Realität. In den USA ist das wesentlich weiter fortgeschritten als in Deutschland: FOX News etwa berichtet über die meisten dieser Enthüllungen nicht einmal; in der konservativen Filterblase finden sie schlicht nicht statt. In der progressiven Blase, auf der anderen Seite, ist jede dieser Enthüllungen von erderschütternder Bedeutung und zeigt einmal mehr die bodenlose Bosheit der GOP auf. Mir als uninformiertem, uninteressierten Zuschauer ist völlig unklar, was die Wahrheit ist (so es denn eine gibt); ich falle also auf mein normales Framing zurück und gehe davon aus, dass a) korrekt ist.

Eher unfreiwillig habe ich dasselbe Experiment im Falle Maaßen mitgemacht. Aus persönlichen Gründen war ich gerade an den zwei, drei Tagen, als die Geschichte mit dem Chemnitz-Video lief, nicht in der Lage der aktuellen Nachrichtenlage jenseits der gröbsten Überschriften zu folgen. Die atemlose 24/7-Berichterstattung ging mir also raus. Seither geht sie aber davon aus, dass ich ihr gefolgt bin. Dieses Loch im Kontext macht es mir unmöglich, eine vernünftige Meinung auf Basis irgendwelcher "Fakten" zu bilden. Ich habe es dann auch gar nicht versucht und nicht einmal das eigentliche Video geschaut. Meine Überlegung war, dass es keinen Sinn macht. Aus der Nachrichtenlage schien mir offensichtlich, dass ein allgemein anerkanntes Bild der Geschehnisse ohnehin nicht existierte. Wo ernsthaft darüber diskutiert wird, ob nun eine Hetzjagd oder ein Nacheilverhalten sichtbar sind, braucht man auf so etwas nicht zu hoffen. So investierte ich die kognitive Energie erst gar nicht sondern fiel einfach auf mein progressives Framing zurück: Der Verfassungsschutz ist ohnehin nicht vertrauenswürdig, Seehofer sowieso der Feind, ergo ist Maaßen der Bösewicht und versucht den Rechten zu helfen, in deren großen politischen Plan das Ganze eh passt. Das spart mir viel Mühe und Ärger und führt letztlich zu dem für mich wahrscheinlichsten Ergebnis.

Das ist natürlich nur anekdotisch. Aber ich wäre nicht verwundert, wenn es vielen Menschen ähnlich geht. Normalerweise werden wir in unseren Überzeugungen nur sehr selten erschüttert und prüfen diese daher nicht. Das gilt für die Machenschaften des Verfassungsschutzes ebenso wie für die Frage, ob Gender-Identitäten angeboren oder anerzogen sind. Ohne eine allgemein anerkannte Institution, der die Mehrheit der Menschen soweit vertraut, dass diese eine gemeinsame Realität konstituiert, werden wir uns zwangsläufig in Parallelrealitäten aufspalten. Der Plan der AfD etwa, ein eigenes Nachrichtennetz zu schaffen - FOX News und RT stehen offensichtlich Pate - ist da nur folgerichtig. Für die Demokratie ist das eine lebensbedrohliche Situation. Einen Ausweg kann ich aktuell nicht erkennen.

Donnerstag, 20. September 2018

Die Affäre Maaßen: Ein Lehrstück in zehn Teilen

Nach einigen turbulenten Tagen, in denen es schien, als ob die Große Koalition über die Personalie Maaßen platzen könnte, hat sich die Lage nun wieder beruhigt. Zur Erinnerung: Bundesverfassungsschutzpräsident Maaßen war, wie man das höflich so ausdrückt, "in die Kritik geraten", weil er öffentlich anzweifelte, dass das Video, das eine Hetzjagd auf Mitbürger mit Migrationshintergrund in Chemnitz zeigte, echt war. Beweise oder auch nur Indizien gab es dafür keine; Maaßen ruderte später zurück, ihm sei es nur um die Begriffsdefinition "Hetzjagd" gegangen. Weitere Indiskretionen gesellten sich zu den Verfehlungen der letzten Jahre und zwangen die SPD dazu, sich der Oppposition anzuschließen und Maaßens Ablösung zu fordern. Es wurde insinuiert, dass die Koalition auf dem Spiel stünde. Horst Seehofer, Maaßens Dienstherr, nutzte die Gelegenheit und schärfte angesichts der anstehenden Bayernwahl sein Profil, indem er sich öffentlich hinter Maaßen stellte. Merkel tauchte ab und hoffte, dass sich das Problem schnell lösen möge - was es dann auch tat. Maaßen wird Staatssekretär (zwei Besoldungsstufen höher) im Innenministerium, wofür allerdings wegen der verschärften Haushaltsregeln ein anderer Staatssekretär gehen musste. Seehofer, nie um ein Nachtreten verlegen, feuerte dafür einen kompetenten SPD-Staatssekretär aus dem Bauressort. Die Affäre Maaßen ist mit Sicherheit ein Lehrstück, aber vermutlich fragen sich viele, für was eigentlich. Das soll im Folgenden aufgezeigt werden, denn tatsächlich ist die Affäre in zehnerlei Hinsicht lehrreich.

Da wäre einmal die altbekannte Problematik der Blindheit des Verfassungsschutzes, wenn es um rechte Umtriebe geht. Wo man immer schnell dabei ist, die Gefahr von links zu beschwören (und das sicherlich in den meisten beobachteten Fällen nicht zu Unrecht) zierte sich der Verfassungsschutz auffallend, die AfD und ihre Tochterorganisationen unter Beobachtung zu nehmen und versagt geradezu chronisch darin, rechtsradikale Organisationen in Deutschland zu beobachten und lahmzulegen - oft genug wegen der starken Verflechtung mit V-Leuten, ein Problem, das in der linksextremen Szene pointiert nicht existiert.

Diese Kritik ist so alt wie das Amt selbst, und von daher passte die Chemnitz-Video-Aussage Maaßens (dessen Positionierung am rechten Rand der Union nicht gerade ein Geheimnis ist) auch hervorragend ins Muster. Es darf getrost angenommen werden, dass Maaßen sich bewusst war, wie seine Aussage aufgefasst werden würde. War er es nicht, so ist er im Amt ohnehin eine Fehlbesetzung, denn wer in solch sensiblen Angelegenheiten dermaßen im Ton daneben langt wie er es selbst von sich behauptet (ohne dabei die entsprechende Einsicht aufzuweisen, die mit solchen Fehlleistungen einhergehen sollte) ist ungeeignet für die Leitung einer Behörde wie dem Verfassungsschutz. Angeblich rechnete Maaßen ohnehin mit seiner baldigen Ablösung und nutzte diese Krise effektiv als Bewerbung für neue Ämter; was da dran ist, kann ich allerdings nicht beurteilen. Die Aussage um das Chemnitz-Video jedenfalls disqualifizierte ihn als Verfassungsschutzleiter.

Das Problem des rechtslastigen Verfassungsschutzes bleibt auch nach der NSU-Affäre und der kompletten Amtszeit Maaßens ungeklärt. Anstatt sich um Aufklärung der Vorgänge zu bemühen, blockt das Amt jegliche Versuche weiterhin ab. So ist nach Jahren immer noch unbekannt, wer und warum eigentlich die Akten der NSU-Morde geshreddert hat; auch sonst sind werden Strukturreformen weiterhin vermisst. Der Verfassungsschutz ist ein extrem politischer Geheimdienst, einmal qua Amt - das ist seine Aufgabe. Aber ein anderes Mal ist er es, weil er selbst Partei ist und allzuoft bereit, zwar hart gegen links vorzugehen, aber nur sehr zögerlich und halblebig gegen rechts. Dass diese politische Schlagseite immer noch genauso virulent ist wie immer, ist die erste Lehre aus dem Fall Maaßen.

Das alles wäre jedoch wahrscheinlich in dieser Form nie passiert, stünde nicht bald eine Wahl in Bayern an, für die unser Innenminister miserable Umfragewerte verkraften muss. In der CSU werden bereits seit Monaten die Messer gewetzt, um Seehofer loszuwerden. Der Innenminister kämpft zudem einen offenen Kampf gegen Merkel, die er unbedingt mit in den Untergang reißen will, koste es was es wolle. Jede Gelegenheit zum öffentlichen Streit wird hierzu von Seehofer instrumentalisiert, weswegen er sich in Chemnitz auch hinter die Sachsen-CDU stellte und so diesen rechten Pfuhl in der schwärenden Flanke der Union nährte. Maaßen profitierte daher geschickt von Seehofers Anreizen; dieses clevere politische Taktieren straft nebenbei auch die Vorstellung Lügen, Maaßen habe unschuldig übersehen, welche politische Wirkung seine Äußerung erzielten würde. So aber drängt die Dynamik einer Landtagswahl mit Macht in die Bundespolitik und drohte, die Kanzlerin mit in den Abgrund zu reißen. Sie hätte darüber mit Schröder einen trinken gehen können, der kennt das auch. - Diese Mechanismen sind die zweite Lehre aus dem Fall Maaßen.

Doch auch diese Dynamik wäre nicht vorstellbar ohne die politische Schwäche Merkels. Zwar ist auch vorstellbar, dass die ganze Chose nur Theaterdonner ist und Merkel in Wirklichkeit inhaltlich mit Seehofer und Maaßen übereinstimmt; das halte ich aber für unwahrscheinlich. Naheliegender ist daher anzunehmen, dass Merkels Position innerhalb der Union derzeit schwach ist, so schwach, dass sie nicht in der Lage ist, Seehofers Frechheiten zu begegnen und diese überwiegend aussitzen muss, bis er (hoffentlich) nach den Bayernwahlen abserviert ist, für die Ministerpräsident Söder bereits seit Wochen die Verantwortung weit von sich schiebt. Die Richtlinienkompetenz einer Kanzlerin reicht eben auch nur so weit wie ihr politisches Kapital. Das ist die dritte Lehre aus dem Fall Maaßen.

Gelöst wurde die Krise durch einen klassischen Kompromiss. Der offizielle Auslöser kam von der SPD, die öffentlich erklärte, Maaßen nicht weiter tragen zu wollen. Die Union musste den Mann daher entweder absetzen oder den Koalitionsbruch riskieren - ein klassisches Ultimatum. Da Seehofer aber seinerseits nicht als Verlierer dastehen wollte und über genügend Macht verfügte, sich einem entsprechenden Framing aggressiv zu widersetzen, musste Maaßen offiziell befördert werden, damit beide Seiten Sieg erklären konnten. Dadurch erklärt sich die Personalrochade im Innenministerium. Das Wegloben von unbequem gewordenen Amtsträgern ist eine lange Tradition in einer Politik, in der das Ermorden von Kontrahenten allgemein als unfein gilt (die Römer hatten da in ihrer Republik weniger Skrupel). Die Bundeswehr kennt dafür mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr sogar ein eigenes Amt; böse Zungen behaupten, dass der Bundespräsident und Bundestagspräsident ähnliche Funktionen erfüllen. Die Koalition wurde so zum Preis von zwei Besoldungsstufen und einem entlassenen Staatssekretär gerettet. Demokratien lösen Krisen dieser Art so. Das ist die vierte Lehre aus dem Fall Maaßen, die offensichtlich für viele immer wieder überraschend kommt.

Dass der Kompromiss diese Form annahm, ist allerdings der Schwäche der SPD zu verdanken. Diese pokerte mit ihrem Ultimatum mindestens ebenso hoch wie Seehofer, und sie hatte keine sonderlich gute Hand. Das zeigte sich, nachdem Merkel und der Rest der Union wenig Anzeichen machten, Maaßen einfach zu entlassen. Die SPD wurde schnell merklich ruhiger. An einem Koalitionsbruch hatten sie angesichts der Umfragewerte kein Interesse, geplant war er auch nicht. Maaßen war zudem trotz aller obigen Erklärungen kein gutes Objekt, um einen Bruch mit der CDU zu inszenieren, geplant war ein solcher ohnehin nicht (und nur Narren brechen eine Koalition ohne Plan). Ohne echte Druckmittel und mit wenig guten Optionen hatte sich die SPD in eine Ecke manövriert, in der sie gezwungen war, jeden Formelkompromiss zu akzeptieren. Seehofer, dem diese Mechanik als politisches Naturtalent nicht gerade verborgen geblieben war, dreht das Messer mit Genuss in der Wunde der SPD und feuerte einen unschuldigen SPD-Staatssekretär, einfach weil er es konnte. Ohne Druckmittel Ultimaten zu stellen ist immer gefährlich, aber der SPD blieb wenig Wahl, denn schweigen konnten sie angesichts von Maaßens Verfehlungen auch nicht. Das ist die fünfte Lehre aus dem Fall Maaßen.

Überhaupt interessant ist das aufplusternde Gehabe Seehofers, dessen Kommunikation auf einem sehr urtümlichen Niveau funktioniert. Es geht, ganz im Geiste der Zeit des Rechtspopulismus, um Machismo und auftrumpfendes Balzgehabe. Wer hat den (metaphorischen) Längsten? Es ist ein Spiel, das Angela Merkel aus Prinzip nicht spielt und das die SPD nur verlieren kann. Es ist eine Perfomance von Männlichkeit, wenn Seehofer breitschultrig neben und hinter Maaßen steht und diesen begleitet. Diese Art der politischen Kommunikation beherrschte auch Gerhard Schröder aus dem Effeff, und sie spricht etwas tief in der Wählerschaft an. Eine Mehrheit der Wähler liebt diese leere Auftrumpferei. Das ist die sechste Lehre aus dem Fall Maaßen.

Und der arme Herr Adler, dessen Job im Rahmen des politischen Kuhhandels verloren ging? Der ist natürlich das eigentliche Opfer des politischen Lavierens. Er hatte mit der Sache nichts zu tun, musste aber zum Beweis der männlichen Überlegenheit Seehofers seinen Hut nehmen. Das ist natürlich für Herrn Adler, der sicherlich ein fähiger Experte für das Bauwesen war und nun durch eine Nullnummer im Anzug und schlechter Brillenwahl ersetzt wird, ein schwerer Schlag. Aber Staatssekretäre werden unter anderem dessen auf Besoldungsstufe B11 bezahlt und mit großzügigen Pensionen abgesichert, weil sie politische Positionen innehaben, die für Formelkompromisse dieser Art geopfert werden können. Sie haben das mit Spitzenpositionen in der Wirtschaft gemeinsam. Jedem Staatssekretär muss das bewusst sein. Daher sollte Adler hier nicht zum Märtyrer stilisiert werden. Seehofers Handlung war egozentrisch und eklig, aber wahrlich nicht ungewöhnlich. Das ist die siebte Lehre aus dem Fall Maaßen.

Wir müssen an dieser Stelle noch einmal zum Verfassungsschutz selbst zurückkehren. Denn was die Krise ebenfalls gezeigt hat ist, dass die Verwaltung - ob das die Beamtenschaft im Innenministerium oder im Bundesamt für Verfassungsschutz ist - eine eigene Agenda hat. Auch das ist nichts Neues, das ist in jeder Institution so, ob Behörde oder größere Firma. Der Selbsterhalt der eigenen Strukturen und die Bewahrung der eigenen Kompetenzen stehen immer an erster Stelle, und jede Institution reagiert sensibel auf Einmischungen von außen. Dazu will jede Institution die Art, wie sie ihren Job macht, nicht ändern. Im Fall von Polizei und Verfassungsschutz ist das eine wesentlich zu breite Komfortzone nach rechts und eine Null-Toleranz-Politik nach links. Jeder Versuch, das zu ändern, wird einen backlash provozieren. Wer mit dem nicht rechnet, verschafft innerparteilichen Gegnern wie Seehofer und Maaßen Verbündete. Das ist die achte Lehre aus dem Fall Maaßen.

Man sollte auch nie unterschätzen, wie Mediennarrative in einer solchen Krise wirken können. Das hat besonders die SPD leidvoll erfahren müssen. Obwohl eigentlich Merkel die eigentlich zentrale Figur der Krise ist - sie ist Kanzlerin und hat weder Innenminister noch Geheimdienstchef auch nur ansatzweise im Griff, vom größeren Problemkomplex der Flüchtlingsintegration ganz zu schweigen - hat es die SPD geschafft, in der Berichterstattung die Hauptrolle des Verlierers einzunehmen. Ihre ohnehin schlechte Verhandlungsposition wurde durch Mediennarrative, die die Frage des Koalitionsbruchs zum Tages-Event aufputschten, noch verstärkt, während diese mediale Aufmerksamkeit gleichzeitig Merkel entlastete. Für Maaßen hatte die Konzentration auf die machtpolitische Frage ("Schafft es die SPD?") den netten Nebeneffekt, dass seine Äußerung, die ja ursächlich gewesen war, völlig in Vergessenheit geriet und er sich als braver Beamter, der in die Mühlen der Parteipolitik gerät, präsentieren und dadurch Verbündete in anderen Teilen der Verwaltung, besonders der Polizei, gewinnen konnte. Die mangelnde Kontrolle über die Mediennarrative konstituiert daher die neunte Lehre im Fall Maaßen.

Unsere letzte Lehre ist damit eng verknüpft. Bereits früh in der Affäre roch die BILD Blut. Für das Blatt, dessen erste Aufgabe immer das Generieren hoher Auflage und dessen zweite Aufgabe das Verschieben des Overton-Fensters nach rechts ist, fielen hier zwei Dinge zusammen. Von Anfang an pushte die BILD die Botschaft, dass Maaßen ein Klartexter im Geiste Sarrazins war, ein Mann für, wie es immer heißt, "unbequeme Wahrheiten" und jemand, der von all den Gutmenschen aus politischen Motiven verfolgt wird. Andere konservative Medien und Journalisten sprangen schnell auf den Zug auf (Jan Fleischhauer etwa entblödete sich nicht, in einer Kolumne Maaßen emphatisch Recht darin zu geben, einen so aufgeladenen Begriff wie "Hetzjagd" nicht zu benutzen und eine Woche später an derselben Stelle von einer "Treibjagd" auf Maaßen zu schreiben). Auch in einer Zeit ständig sinkender Auflagen für das Schmierblatt ist dessen Kampagnenwirkung weiterhin nicht zu unterschätzen. Das unvermeidbare Buch von Maaßen jedenfalls ist der Status als Bestseller bereits sicher. Das ist die zehnte Lehre aus dem Fall Maaßen.

Montag, 3. September 2018

Die FDP rastet in China aus weil Mädchen auf syrischen Brücken Mathe lernen - Vermischtes 03.09.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Die FDP fischt im Trüben
Auf Platz zwei der Apologeten folgt jedoch, Sie ahnen es, die FDP, in der schon jeder Sechste keinen Grund für eine Verurteilung der Exzesse sieht. Der Fairness halber: Knapp 70 Prozent der liberalen Wähler fanden sich hierzu doch bereit. Aber eben auch: Nur knapp 70 Prozent. [...] So sprach der Chemnitzer MdB Frank Müller-Rosentritt im DLF so evidenzfrei wie bedeutungsschwanger von Polizisten, die Ausländer besser behandeln würden als Deutsche, und kritisierte die Kritik der Presse, die oft nicht „sachlich und objektiv“ berichten würde. Das war plump. Nur wenig subtiler kam dann Wolfgang Kubicki um die Ecke, der „Chemnitz“ ursächlich auf das bekannte Kanzlerinnendiktum „Wir schaffen das“ zurückführte und damit frohgemut jene direkte Linie zog, an der entlang sich die AfD seit 2015 von Erfolg zu Erfolg hangelt. Nebensätze und Einschränkungen kann man getrost beiseite lassen, denn hängen blieb natürlich nur dies: Hätte Merkel nicht, dann würde Chemnitz nicht. Auch jetzt noch bemühte sich in der Parteispitze niemand, den brennenden Feuerwerkskörper möglichst weit wegzuwerfen. [...] Ein großes Loch in den Zaun schneiden, der den zivilisierten Diskurs umschließt, sich dann weit hinauslehnen und schließlich nach dem unausweichlichen Backlash behaupten, eigentlich alles ganz anders gemeint zu haben: Wer in diesem Vorgehen Ähnlichkeiten zu anderen neuerdings im Bundestag vertretenen Parteien zu erkennen glaubt, der darf sie getrost behalten. Er hat recht. [...] Weil all das offenbar aber immer noch nicht reichte, um die erwähnten 30 Prozent zu dogwhistlen, setzte Christian Lindner persönlich noch einen drauf. Die „Migrationspolitik von Angela Merkel“ habe unsere politische Kultur zum Schlechteren verändert, ließ er wissen, um sogleich nachzuschieben, dass diese Erklärung „Chemnitz“ nicht erkläre und natürlich auch nicht entschuldige. Welchen Zweck jenseits des Stimmenfangs in der Orange-und-Grauzone die Bemerkung dann überhaupt noch erfüllte, bleibt sein Geheimnis. Wer weiß, vielleicht war ja alles ganz anders gemeint. [...] So oder so: Die FDP wird gebraucht. Markt- und wertliberale Positionen müssen auch und besonders unter dem starken Druck der radikalen Ränder parlamentarisch mit Nachdruck vertreten werden. Wer hingegen glaubt, Kräften wie der AfD durch inhaltlichen Druckausgleich beizukommen, der sollte gleich die CSU bitten, in der Selbsthilfegruppe einen Stuhl freizuhalten. Eine Kraft wie die FDP sollte ihn nicht brauchen. Es gilt: Lieber die Klappe halten, als Unsinn reden! (Salonkolumnisten)
Genauso wie die CSU sieht die FDP ihre Zukunft darin, mit der AfD um Stimmen zu konkurrieren. Die Zusammensetzung der FDP-Wählerschaft lässt zwar vermuten, dass das nicht ganz so falsch ist wie für manch andere Partei - und 30% Zustimmung zu rechtsextremen Positionen unter FDP-Anhängern sind nicht wenig - aber es bedeutet immer noch, dass eine überwiegende Mehrheit der Wähler diese Position nicht teilen. Aktuell versuchen Lindner, Kubicki und Co, beide Seiten zu bedienen, indem sie den politischen Abfall der AfD in nette Worte und bürgerliche Staffage kleiden und dann, wenn man sie darauf anspricht, zurückrudern. Das hat für die Republicans und die Tories auch eine ganze Weile funktioniert. Aber am Ende verliert eine demokratische Partei, und mit ihr die Demokratie selbst, diesen Tanz auf dem Vulkan immer, und die echten Populisten übernehmen, ohne Dankbarkeit für ihre Steigbügelhalter aus dem bürgerlichen Lager. Der Ansatz der Merkel-CDU, eine klare Abgrenzungsstrategie zu verfolgen, ist daher mittel- und langfristig deutlich sinnvoller, egal wie sehr der konservative Flügel mosert.

2) Die fragliche Normalität des Ausrastens
Die Geschehnisse in Chemnitz stellen uns vor eine unbequeme Frage. Teile der Bevölkerung, darunter viele junge Männer in schwarzen T-Shirts, rasten kalkuliert aus, weil ein Verbrechen geschehen ist. Sie rasten aber nicht des Verbrechens wegen aus. Alexander Gauland (AfD) hat es gerade als normal bezeichnet, wenn die Leute nach Tötungen ausrasten. Abgesehen davon, dass „normal“ und „ausrasten“ zu verschiedenen Wortfeldern gehören, kommt es normalerweise nach Tötungen nicht zu solchen Demonstrationen. Denn sonst müssten sie in Sachsen ja allein im Jahr 2017 schon 26 Mal ausgerastet sein. So viele Tötungsdelikte verzeichnet die Kriminalitätsstatistik dort. Wenn ein Deutscher eine Deutsche totschlägt, kommt es selten zu Demonstrationen. Die meisten halten es nämlich zu Recht für die Tat eines Individuums, nicht eines Merkmalsträgers. Wenn ein Deutscher einen Nichtdeutschen totschlägt, ist es ebenso nicht normal, dass die Leute ausrasten und wurde jedenfalls noch nie von Gauland und seinen Leuten als normal bezeichnet. Jetzt soll das Ausrasten normal oder wenigstens verständlich sein, weil es zwei Asylbewerber waren. Dass das Opfer, hätten die beiden jemand anderen getötet, als „Deutsch-Kubaner“ jetzt womöglich unter den Verfolgten der organisierten Hetzmeute wäre, gehört zur Perfidie ihrer gespielten Empörung. [...] Ein Chemnitzer Buchhändler hat in dieser Zeitung mitgeteilt, die Mehrheit, die auch in Chemnitz nicht rechts ist, fühle sich wegen der geringen Anzahl von Polizeikräften nicht mehr sicher genug, um sich offen gegen Rechtsradikale auszusprechen. Ob Gegendemonstrationen Schutz genössen, sei den Bürgern zweifelhaft. Das führt auf die unbequeme Frage, die selbst dann übrig bliebe, wenn Cheblis Forderung erfüllt würde, und die vielleicht in ihrer Formulierung enthalten war: Wie kann es gelingen, die politische Neutralität der Exekutive und eine homogene Unnachsichtigkeit gegen Straftäter durchzusetzen? Anders formuliert: Wie ist es zu erreichen, dass auf Gesindel, das den Hitlergruß zeigt oder „Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer“ brüllt, nicht irgendwann, sondern sofort zugegriffen wird? Dass der Bremer Abgeordnete, der den Chemnitzer Haftbefehl im Internet geteilt haben soll, Bundespolizist ist, liest sich wie eine böse Fußnote zu diesen Fragen. (FAZ)
Die rhetorische Brandstiftung der AfD wird nicht einmal mehr zur Kenntnis genommen. Das Overton-Fenster hat sich ungeheur nach rechts verschoben. Man muss sich einmal klar machen, was passieren würde, wenn Linke solche Phrasen von sich gegen würden. Gewalt ist grundsätzlich keine legitime Reaktion auf empfundenes Unrecht, ob man Autos anzündet, Steine schmeißt oder sonst was anstellt. Mit der gleichen Rhetorik haben sie seinerzeit die RAF verteidigt. Was will man machen, wenn das Schweinesystem einem keine andere Wahl als die Gewalt lässt? Bedeutungsschwanger hängen solche Sätze im Raum. Tragisch ist das natürlich, und irgendwie schlecht, und man selbst würde ja nie, aber irgendwie muss man das ja verstehen. Und Schlimmes ist ja auch nicht passiert, war ja nur ein Kaufhaus, und das deckt ja eh die Versicherung. Also verstehen kann ich die jungen Leute ja schon...und plötzlich hast du einen radikalisierten Untergrund und Schießereien auf offener Straße, und keiner will's gewesen sein.

3) Für Mathe brauchen Mädchen Mut
"Wir müssen die Stereotype loswerden", sagt Wade. Sie meint damit beispielsweise das Vorurteil, das Gehirn von Frauen sei einfach nicht für Naturwissenschaften und Mathematik gemacht. Die Idee ist verbreitet, vor allem, weil bislang viele Bemühungen gescheitert sind, Schülerinnen für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu gewinnen. Das ist in Großbritannien genauso wie in Deutschland. Selbst Wissenschaftler fordern zuweilen, "die Mädchen doch mit Mathe in Ruhe" zu lassen. "Das ist ein Mythos", sagt Wade. Sie sagt: Die Schülerinnen würden durch Vorurteile von Mitschülerinnen, Lehrern und Eltern entmutigt. Sie ist nicht die Einzige, die das so sieht. Die Ingenieursprofessorin Barbara Oakley, Autorin eines Buches über das Lernen, schrieb jüngst in der New York Times, Schülerinnen seien bis zu einem bestimmten Alter in Mathe genauso gut wie Schüler. Erst wenn sie anfingen, an sich selbst zu zweifeln, übten sie weniger. Erst dann würden ihre Leistungen schlechter. [...] Ein Buch hat die Arbeit von Jess Wade stark geprägt: Inferior. How Science Got Women Wrong, 2017 erschienen, von Angela Saini verfasst. Saini demontiert darin die Ergebnisse der Gendergehirnforschung. Das habe ihr erst deutlich gemacht, wie extrem die Forschung daran mitgearbeitet habe, die Vorurteile gegenüber weiblichen Wissenschaftlern zu verfestigen, sagt Wade. Welche Vorurteile? Etwa, dass Frauen empathischer seien und Männer systematischer. Ein Beispiel: In seinem Buch Vom ersten Tag anders aus dem Jahr 2004 veröffentlichte Simon Baron-Cohen eine Studie, die beweisen sollte, dass schon neugeborene Babys sich je nach Geschlecht unterschiedlich verhielten. In der Studie heißt es, dass die weiblichen Säuglinge sich mehr für menschliche Gesichter interessierten, während die männlichen Babys lieber ein Mobile betrachteten. Saini aber traf die Wissenschaftlerin, welche die Studie durchführte, und fand heraus, dass sie bei vielen der Babys vorher wusste, ob sie Jungen oder Mädchen waren. Die Ergebnisse seien also nicht neutral ermittelt worden und zudem habe sich ein Großteil der Kinder weder für Gesichter noch für Mobiles interessiert. (Zeit)
Ich lass das mal für die Fans biologistischer Argumente hier im Blog da. Diese Studien, die das scheinbar belegen, sind wissenschaftlich fast durch die Bank wertlos. Der bestimmtende Faktor ist die soziale Prägung, was den Kindern und Jugendlichen kommuniziert wird. Und das sind nun einmal traditionelle Geschlechter-Vorurteile allerorten. Das fängt schon im Kindergarten an und zieht sich in die Schule, findet sich in Kinderbüchern schon der Kleinsten, die noch ohne Text auskommen und geht bis zu den Shootern, die die #Gamergate-Kids dann spielen, das ist in der Familie und reproduziert sich später in der eigenen Familie. Ohne eine Bewusstwerdung dieser Unterschiede und ein aktives Gegensteuern wird sich daran auch nichts ändern, allein durch die Macht von Phlegmatismus und Gewohnheit. Das ist so gesehen "natürlich".

4) What I learned about militarized policing
In the summer of 2014, unarmed protestors in Ferguson, Missouri were met with a startling and aggressive police response, and a national debate over the proper role of law enforcement in American communities—a dialogue we’ve initiated many times in our history, but never adequately resolved—reignited. For days, cable news networks saturated broadcasts with images of police in armored vehicles designed to withstand improvised explosive devices in Iraq, taking aim at civilians with high-powered rifles, clad in protective gear fit for a theater of war. I wanted to understand why police had this equipment, why they used it, and what costs and benefits so-called “militarized policing” delivered. As a doctoral student in political science, I knew where to start—locating reliable data—but I didn’t know it would take me four years to assemble and analyze. This week, I published my findings: Militarized police units are deployed more often in black neighborhoods, even after controlling for local crime rates. And while militarized policing does not, on average, make either the public or police any safer, it may tarnish the reputation of police. [...] Though limited to a single state, the data revealed some striking patterns. SWAT teams were originally conceived to handle violent emergencies, but roughly 90 percent of SWAT deployments in Maryland over five years occurred to execute a search warrant. After merging the deployment data with U.S. census figures, I found that every 10 percent increase in the share of African Americans in a zip code area was associated with roughly the same percent increase in SWAT deployments. I also conducted survey experiments that showed seeing militarized police in a news report—relative to traditionally equipped police—lowers public support for both the funding of police agencies and the presence of police patrols, and may even inflate perceptions of crime. (The Atlantic)
Abgesehen davon, dass diese Militarisierung nachgewiesenermaßen nichts bringt und sogar schädlich ist, möchte ich kurz auf die politischen Probleme eingehen. Theoretisch gesehen ist eine entsprechende Polizeireform nicht schwer, man muss ja nicht mal ein Gesetz dafür machen, das kann die Exekutive durch entsprechende Handlungsanweisungen und Verordnungen selbst innerhalb ihrer Behörden regeln. Nur: der politische Preis dafür ist gigantisch. Eine solche Reform ist fast zwangsläufig ein progressives Projekt, wird also nur passieren können, wenn Progressive an der Regierung sind, und die haben stets das Problem, beim Thema Innere Sicherheit eine offene Flanke zu haben, die sie durch umso aggressiveres Auftreten (man denke Otto Schily) zu schließen hoffen. Würde eine solche Reform angegangen werden, kostet es die konservative Opposition gar nichts, Zeter und Mordio zu schreien und Horrorszenarien zu entwickeln, und sobald irgendein schlimmer Kriminalfall passiert (und dass das irgendwann passiert ist garantiert) können sie billige Punkte ernten. Es ist ein "Nixon goes to China"-Moment: genauso wie nur ein Sozialdemokrat Hartz-IV machen oder die Banken retten konnte, genauso kann nur ein Konservativer die Polizei reformieren, weil nur die das politische Kapital haben, um es in einer solchen Unternehmung zu verbrennen. Davon ist allerdings gerade nichts zu sehen.

5) No matter who wins the Syrian civil war, Israel loses
Those doubts about Putin’s willingness and ability to constrain Iran are only increasing. A recent article published by the Washington, D.C.–based Middle East Institute analyzed several signs that Russia is quietly reducing its military presence on the ground in Syria, a step that would only decrease Putin’s leverage with Iran and Assad. Meanwhile, Iran and its allies have embedded themselves within Syrian security institutions, making it impossible to distinguish them from the country’s regular army. [...]As these political and military dramas play out, there is little question about a fundamental fact—Iran and its allies are poised to challenge Israel on multiple fronts in the years ahead. In Lebanon and Syria, Hezbollah boasts more fighters and better weapons than at any point in its history. Earlier this year, in the Gaza Strip, Hamas and Israel engaged in a series of tit-for-tat clashes for months before a cease-fire took hold. And in Iran, there is a growing risk that the Islamic Republic could restart its nuclear program following the Trump administration’s decision to reimpose sanctions on the country. “The goal is to encircle Israel with these proxies that could enmesh it in a series of open-ended, low-level conflicts that make life there unbearable,” Michael Eisenstadt a former U.S. army officer who is currently a fellow at the Washington Institute for Near East Policy, told me. “The idea is to set in motion a long-term process of decline.” (The Atlantic)
Ganz spannend zu sehen, wie das russische Engagement in Syrien und die Zurückhaltung der Amerikaner ostentativ erst einmal gar nicht betroffen scheinende Staaten wie Israel betreffen. Außenpolitik ist immer kompliziert, aber die Verflechtungen im Nahen Osten suchen wahrlich ihresgleichen. Dazu sind es auch dauernd Situationen, in denen es keine guten, sondern nur schlechte und sehr schlechte Optionen gibt. Einerseits hofft Israel darauf, mit einer Null-Verhandlungs-Politik gegenüber dem Iran die Atombombe zu verhindern, aber andererseits müsste es eigentlich mit dem Iran verhandeln, will es je Stabilität in zwei seiner Nachbarländer (Libanon und Syrien), die permanent instabil sind. Strategisch hält man zentrale Orte wie die Golan-Höhen, die aber politisch Dauer-Zankäpfel sind und den Frieden, den sie militärisch absichern, politisch unmöglich machen - und so weiter. Die ganze Region ist in einem Netz solcher Probleme gefangen, die keinerlei gute Lösungen kennen. Und so reproduzieren sich verschiedene Versionen eines beschissenen Status Quo, und versucht jeder, so viel wie möglich mit simpler Machtpolitik abzusichern, weil alles andere nicht zu funktionieren scheint. Ein absoluter Teufelskreis.

When the United States ratified the Nineteenth Amendment nearly a century ago, the law’s immediate impact extended far beyond giving women the right to vote. Women’s suffrage—widely viewed as one of the 20th century’s most important events—coincided with a growing (if gradual) embrace of gender equality, increased social spending, and a greater tendency among politicians to take a progressive stance on legislative proposals. Evidence suggests that women’s suffrage also corresponded with a significant increase in municipal spending on charities and hospitals, as well as on social programs; one study found that when women gained the right to vote, child mortality dropped by as much as 15 percent. A new study shows that another one of the ripple effects of women’s suffrage was that, across the board, children were more likely to stay in school. [...] In securing women the right to vote, the Nineteenth Amendment seems to have produced a positive, long-lasting contagion effect throughout society. “One of the ongoing things that we’re learning as economists is that there are spillovers from policies that are not necessarily targeted to education,” Shenhav says. “Policies that reduce political participation have implications for education policy.” The economists could only identify a measurable impact for the generation of students that attended school during or immediately after national suffrage. Yet the researchers say that women’s ability to vote surely led to longer-term benefits, including in labor-market productivity. “What we find is that when women got power, there were changes in spending that closed various gaps—any kind of spending: health care, education,” says Kuka, of Southern Methodist University. “These kinds of changes mattered back then and they probably matter now, too.” (The Atlantic)
Ähnliche Effekte sind mit Sicherheit auch feststellbar, wenn man die Civil-Rights-Politik der 1960er-Jahre für die afroamerikanische Bevölkerung untersucht. Demokratische Partizipation schafft immer ganz neue Anreize und Perspektiven im System. Deswegen ist ja auch die Idee wenigstens eines Kommunalwahlrechts für Ausländer (die innerhalb der EU ja mittlerweile verwirklicht ist) grundsätzlich gar nicht so dumm. Wer stakeholder in einem Gemeinwesen ist, bringt sich in dieses auch ganz anders ein, erlebtes mit anderen Augen, selbst wenn die Person selbst nicht einmal wählt oder an den Gremien partizpiert. Ähnliche Überlegungen leiten ja auch die Schülermitverantwortung (SMV) an staatlichen Schulen oder AStAs an Universitäten. Das ist eine relevante Überlegung, wo es um die Integration der Flüchtlinge geht.

7) Immer wieder Ärger mit dem Spannbeton
Die Elsenbrücke ist eine der wichtigen Verkehrsverbindungen Berlins – und seit Freitag das jüngste Beispiel für ein größeres Problem. Seit jenem Tag ist diese wichtige Verbindung zwischen Friedrichshain und Treptow halbseitig gesperrt, es wurden Risse im Stahl festgestellt. Das ist für die Brücke nichts Neues: Das Bauwerk über die Spree verursachte seit seiner Eröffnung in den 60er Jahren immer wieder Ärger. Die Brücke steht jedoch beispielhaft für eine größere Herausforderung. Und das nicht erst seit dem spektakulären Brückeneinsturz in Genua mit mehr als 40 Toten vor gut zwei Wochen. Jede Zehnte der 1085 Berliner Brücken wird als baufällig eingestuft. Das ergab eine kleine Anfrage der Grünen im vergangenen Jahr. Besonders betroffen ist der Berliner Autobahn-Ring, langfristig plant man dort viele Bauwerke komplett zu ersetzten. Zwischenzeitlich werden nur Sanierungsarbeiten durchgeführt, wie jüngst an der Rudolf-Wissell-Brücke. [...] „Die Planer rechneten damals noch nicht mit dem heutigen Verkehrsaufkommen und der hohen Belastung durch Lkws“, sagt Frank Ehlert, Sprecher vom Tüv Rheinland. Die Brückenprüfer des Tüv müssen in Deutschland öfter schlechte Noten vergeben: „Wir registrieren seit geraumer Zeit eine Häufung der Probleme“, sagt Ehlert. Das läge vor allem am Alter der Bauwerke. „Es muss an vielen Stellen in den Erhalt investiert werden“, sagt der Tüv-Sprecher und warnt davor, die Lage zu unterschätzen. (Tagesspiegel)
Eine Katastrophe wie in Genua ist in Deutschland nur eine Frage der Zeit. Die Brücken wissen es weniger zu schätzen, dass die Schwarze Null in Deutschland regiert. Der andere Faktor ist natürlich die dumme Brückenarchitektur der 1960er und 1970er Jahre. Damals wurde nicht nur hässlich, sondern auch nicht sonderlich nachhaltig gebaut, das kann man leider nicht anders sagen. Die damalige Ästhetik und Ideologie hat dem Land im Bereich der Bausubstanz nicht sonderlich gut getan.

8) Die Debatte um G8 oder G9 führt am Ziel vorbei
Wir haben in einer Projekt­gruppe versucht, mit einem Konzept namens „Abitur im eigenen Takt“ die Veränderung des Denkens in Deutsch­land hin zur konsequenten Output-Orientierung anzustoßen. Schülerinnen und Schüler sollten durch die Anwahl modularisierter Kurse selbst entscheiden, ob sie die Kurs­stufe zum Abitur in zwei oder drei Jahren absolvieren wollen. Dabei könnte es auch ein Teil­abitur geben, das Deutsch-Abitur also zum Beispiel in einem Jahr und das Mathe-Abitur im Jahr darauf absolviert werden. Eine Inte­gration von Praktika oder Auslands­aufent­halten wäre in einer solchen Ober­stufe problem­los möglich, längere Krank­heiten könnten abgefedert werden, und ein außer­schulisches Engagement würde er­leichtert. Zaghafte Vorschläge im inter­nationalen Vergleich – doch in Deutschland scheint eine solche Umsetzung undenkbar: Die Vergleich­bar­keit sei gefährdet, heißt es aus den Kultus­ministerien. Aber: Erstens waren die Abitur­prüfungen der 16 Bundes­länder zu keinem Zeit­punkt wirklich vergleich­bar. Sogar inner­halb eines Bundes­lands wie Baden-Württemberg gibt es Abitur­prüfungen auf unter­schiedlichem Niveau, die jedoch zu einem rechtlich absolut gleich­wertigen Abschluss führen. Das Argument ist also vor­geschoben. Zweitens wird eine Leistung nicht durch den Zeit­punkt der Prüfung bestimmt, sondern dadurch, dass man diese Hürde nimmt. Was viel eher gefährdet ist als die Vergleich­bar­keit des Abiturs, ist die Qualität des deutschen Schul­systems, wenn es so starr und unflexibel bleibt und so daran scheitert, ein System für die Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin zu sein. (Deutsches Schulportal)
Ich bin schon lange ein Fan von mehr Modularisierung an deutschen Schulen. Deswegen habe ich das neue Abitur (seit 2004), das Deutsch und Mathe zu verbindlichen Hauptfächern für alle gemacht hat, auch immer als einen Fehler empfunden. Ich denke, die komplett offenen Ansätze, wie sie im Artikel an den Beispielen Kanadas und Finnlands diskutiert werden, sind in Deutschland angesichts der bemerkenswerten Reformresistenz des deutschen Bildungsbereichs eher unrealistisch. Was aber durchaus möglich ist ist eine sanfte Aufweichung des bisherigen Systems. Wir haben das bereits in Baden-Württemberg. Das alte dreigliedrige Schulsystem gibt es hier schon lange nicht mehr, stattdessen haben wir zahlreiche verschiedene Schularten, vor allem im beruflichen Bereich (ab Klasse 8), die eine stärkere Spezialisierung erlauben. Der Standardweg zum Abitur in BaWü (wie an den meisten Orten in Deutschland) bleibt das allgemeinbildende Gymnasium, aber das ist ein Irrweg. Das allgemeinbildende Gymnasium ist für eine bestimmte Schülergruppe das bestgeeignete, aber dass diese die Mehrheit ist, darf getrost bezweifelt werden (wie früher, als man das humanistische Gymnasium mit Altgriechisch, Latein und Philosphie zum Maß aller Dinge erklärte...). Es ist für Schüler ohne spezifische Stärken und Schwächen das Beste, aber für Schüler, die Stärken in einem Bereich und Schwächen in einem anderen haben ist es Quatsch. Man spricht nicht umsonst von "Stärken stärken". Es ist daher gut vorstellbar, über den Weg der Profile die Gymnasienvielfalt zu erhöhen, ohne gleichzeitig an Niveau zu verlieren oder zu tief in die bestehende institutionelle Struktur einzugreifen. Bei Interesse kann ich dieses Konzept gerne mal in einen größeren Artikel ausrollen.

9) Länder erproben Alternativen zu Zensuren
Problematisch ist die Benotung mit einem Ziffernsystem aus Sicht vieler Kritiker auch, weil es kaum einheitliche Standards für die Benotung gibt. An den meisten Schulen ist es den einzelnen Lehrkräften überlassen, wie viele Punkte pro Aufgabe vergeben werden, wie viele sie pro Fehler von der Maximalpunktzahl abziehen, wie viele mündliche Noten sie sammeln. Weitere Verzerrungen hat Kai Maaz, Professor für Erziehungswissenschaften und Direktor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, gemeinsam mit anderen vor einigen Jahren nachgewiesen. „In die Benotung fließen soziale Effekte mit ein.“ Kinder aus Arbeiterfamilien bekommen – bei gleicher Leistung im standardisierten Test – etwas seltener gute Noten als Kinder aus Akademikerfamilien. Einen Vorteil haben Ziffernnoten: Sie sind für jeden verständlich und leicht vergleichbar. Darauf verweisen die Befürworter – und argumentieren, dass effiziente und aussagekräftige Alternativen trotz jahrelanger Debatten noch immer fehlen. Zudem haben Studien wiederholt gezeigt, dass Schulnoten ziemlich exakte Vorhersagen für den Schulerfolg erlauben. Aus dem Dilemma – einerseits sind Noten oft ungerecht, andererseits wird ihre Aussagekraft von Lehrern und Eltern geschätzt – suchen Pädagogen seit Jahren einen Ausweg. In Modellversuchen erproben Schulen Alternativen zur klassischen Benotung. Da wird etwa der Stoff in Module zusammengefasst: Ein Schüler kann dann zum Beispiel den „Einmaleins-Führerschein“ machen, sobald er sicher multiplizieren kann. [...] Auch Bildungsforscher Maaz plädiert dafür, Schulnoten um andere Formen der Bewertung wie Lernentwicklungsgespräche und die Ergebnisse von standardisierten Tests zu ergänzen. „Wenn es ein valides alternatives Bewertungssystem gäbe, sollten wir auf Ziffernnoten ganz verzichten“, sagt Maaz. (Tagesspiegel)
Wo wir schon bei Bildungsthemen sind, hier noch ein älterer Artikel aus dem Tagesspiegel. Ziffernoten haben alle Arten von Problemen, aber vor allem die dummen ganzen Noten 1-6. Jeder kennt das Thema, dass sowohl deine 2,6 als auch eine 3,4 dieselbe Note ergeben; zieht man den üblichen pädagogischen Freiraum ein, geht der Bereich sogar von 2,5 bis 3,6 oder 3,7 (arithmetisch eigentlich "bessere" Noten werden praktisch nie "schlechter" gemacht, also etwa eine 2,4 in eine 3; der umgekehrte Fall kommt gelegentlich vor). Das Oberstufensystem mit 0 bis 15 Punkten gibt wenigstens dreimal so viele Differenzierungspunkte; das ist schon ein deutlicher Fortschritt. Aber insgesamt sind Noten Objektivitätssimulationen. Ungeheuer viele Leute sitzen etwa dem Fehlschluss auf, Noten seien dann besonders objektiv und gerecht, wenn sie innerhalb einer Klasse oder Stufe der Gauss'schen Normalverteilung entsprechen (was hahnebüchener Unsinn ist). Wie in Bayern (der Artikel geht darauf ein) gibt es häufig Druck, "zu schlechte" oder "zu gute" Schnitte sowohl zu erklären als auch nachträglich zu verändern. Bei "zu schlechten" Schnitten laufen meist Schüler und Eltern, zunehmend aber auch Vorgesetzte und Kollegen Sturm; bei "zu guten" Schnitten sind es meist die Parallelklassen, Kollegen und Schulleitungen. So oder so erspart man sich als Lehrer viel Ärger, wenn man auf die Normalverteilung hin korrigiert, was nicht sonderlich schwer zu bewerkstelligen ist und das ganze Unternehmen häufig ad absurdum führt. Am schlimmsten ist, dass die Überhöhung von Noten dazu führt, dass weder Eltern noch Schüler noch Kollegen noch Schulleitungen irgendetwas ernst nehmen, das am Ende nicht mit einer Note versehen wird. Es ist zum Haare raufen. Und ich hab noch nicht mal zum Thema Hausaufgaben angefangen...

10) The political virtues of hypocricy
But hypocrisy, suggests recently retired Representative Barney Frank, is less evidence of corruption than evidence of its absence. It is what makes Congress function. It is the only tool legislators have after they’ve rooted out real corruption. [...] And Frank goes further: Instead of seeing political flip-flopping as a necessary evil, he suggests it is inherent to democracy. In an interview for the TV show I host on The Jewish Channel, Up Close, he explained that, “Any legislator is in an essentially compromised position, given the nature of democracy, because your decision about how to vote inevitably is a compromise—our system wouldn’t work otherwise—between your own views and your voters’.” [...] Posner and Sunstein recognize this gap, as well. “A key precondition of flip-flopping thus seems to be ambiguity as to whether a constitutional or institutional norm exists,” they write. In other words, the flip-flopping gap voters create—between what they think in a vacuum and what they think when partisanship is mixed in—exists because of a gap in law or custom. Posner and Sunstein think we can close some of that gap with new approaches: introducing a veil of ignorance into certain decision-making by removing partisan markers from policy proposals, for example, or increasing the number of public officials who are career professionals not appointed by politicians. But of course, though the gap can be narrowed, it can never be fully closed. At some point, after all, norms and laws leave people without clear guidance on specific issues, in the same way that elections and political coalitions do. At these times, voters and elected officials are driven by a variety of competing interests, and whatever approach wins out is likely to leave someone pointing a finger with accusations of hypocrisy. And, to a degree, the accusers will almost always be right that hypocrisy wins the day. The best we can do is be frank about it. (The Atlantic)
Genauso wie meine ewige Verteidigung des Fraktionszwangs gilt auch hier, dass außer der Herstellung von Wurst nichts so eklig anzuschauen ist wie die Realität der legislativen Prozesse. Das gilt auch für Heuchelei. Sie ist essenziell, nicht weil Politiker so furchtbar schlechte Menschen sind, sondern weil die Wähler sie wollen. Und ich schreibe hier bewusst wollen. Jeder Wähler wird, direkt gefragt, selbstverständlich sagen, wie furchtbar man es findet, dass Politiker lügen. Und das stimmt in dem Moment sicher auch. Nur dummerweise sind Wähler jedes Mal tödlich beleidigt, wenn man ihnen die Wahrheit sagt, und wählen dann die anderen. Jeder Politiker merkt das irgendwann, und das ist der Moment, in dem sie beginnen, die Wahrheit etwas flexibler zu betrachten. Ich empfehle die Lektüre des ganzen Artikels, weil die Mechanismen deutlicher erklärt, aber das Grundprinzip gilt in jedem politischen System. Wähler neigen dazu, ihre Ansichten zusammen mit der Partei, mit der sie sich identifizieren (Partei hier im losen Sinne, es muss keine politische Partei sein), zu ändern. Das passiert mal mehr (Republicans), mal weniger (Democrats) stark, aber es passiert jedes Mal. Mehrheitswahlsysteme haben das Phänomen stärker als Verhältniswahlsysteme, aber auch hier gilt: es gehört dazu. Sich darüber aufzuregen ist wie Unternehmer dafür anzuklagen dass sie Geld machen. Es ist nicht Aufgabe der Unternehmer, ihren Profit zu vermindern um irgendwelche moralischen Maßstäbe zu erfüllen; es ist Aufgabe der Gesellschaft, ihnen entsprechende Regeln aufzuerlegen. Genauso ist es Aufgabe der Wähler und der Medien, die Politiker ehrlich zu halten. Wenn diese Kontrollinstanzen versagen oder gar bewusst diese Aufgabe nicht wahrnehmen braucht man sich über das Ergebnis nicht zu wundern.

11) Abschied von der heilen Welt
Die Gewaltverbrechen kommen wie gerufen für die Schwedendemokraten mit ihrem Anführer Jimmie Akesson. Haben doch die meisten Täter einen Migrationshintergrund: ein willkommener Anlass für Akesson, auf Flüchtlinge zu schimpfen - oder gar den Einsatz der Armee in den Städten gegen Banden zu fordern. Die Kandidaten der Mitte lassen sich mitreißen: Premier Löfven hat einen Militäreinsatz nicht ausgeschlossen. Oppositionschef Kristersson kündigte für "lange Zeit eine verschärfte Flüchtlingspolitik" an. Dabei sind die Flüchtlinge nicht schuld an der Eskalation der Gewalt. Die Täter sind vor allem junge Männer mit schwedischem Pass, deren Vorfahren einst nach Schweden kamen - und deren Integration misslungen ist. "Flüchtlinge sind nicht unser Problem. Es sind immer dieselben, altbekannten Personen, die so extrem gewalttätig sind", sagt Malmös Vize-Polizeichef Erik Jansaker. Gut 200 Männer, meistens zwischen 19 und 24 Jahre alt, Söhne oder Enkel von Einwanderern aus dem Nahen Osten, Iran oder Bosnien. "Diese Menschen haben keine gute Ausbildung, keine Jobs, keine Perspektive", sagt Jansaker. "Wir haben es nicht geschafft, sie in unsere Gesellschaft zu integrieren." [...] Wer den sozialen Aufstieg schaffte, zog bald weg. Im Gegenzug wurden immer mehr Migranten hier einquartiert. Oder sie zogen hierher, weil die Mieten so niedrig und ihre Landsleute hier waren. So entstanden Parallelgesellschaften. Heute verlassen in einigen Problemvierteln zwischen 50 und 70 Prozent der Jugendlichen mit 15 die neunjährige Grundschule nach der Mindestschule ohne gültiges Abgangszeugnis, das sind drei- bis viermal so viele wie im Durchschnitt. Entsprechend groß ist die Arbeitslosigkeit. Mit dem Staat Schweden identifiziert sich hier kaum jemand. [...] Sollten die Rechtspopulisten die Wahl gewinnen oder gar an einer Regierung beteiligt werden, würde alles nur noch schlimmer, meint Kurtovic. "Die Schwedendemokraten würden noch weniger für die Menschen hier tun und Migranten immer weiter an den Rand drängen." Polizist Jansaker sieht das ähnlich. "Wenn das Militär hierherkäme, wäre das nicht nur ein Zeichen, dass die Polizei aufgibt. Es würde die Menschen in diesen Vierteln stigmatisieren." Auf Nachfrage gibt Jansaker zu: Seine Polizisten gehen zurzeit nur selten auf Streife im Rosengård. Denn viele Beamte wurden abgezogen, um die Morde zu untersuchen. Die Personaldecke ist dünn. Die Polizei aufzustocken, versprechen deshalb im Wahlkampf Politiker aller Couleur. Problemviertel wie Rosengård bräuchten bessere Schulen, bessere Wohnungen, bessere Krankenhäuser - und vor allem: bessere Perspektiven für junge Menschen. Aber das alles kostet viel Geld. "Und nach der Wahl", sagt Kurtovic, "heißt es immer: es ist kein Geld da." (SpiegelOnline)
Auch in Schweden ist ein Muster zu erkennen, das den Problemkomplex "Ausländerkriminalität" und "mangelnde Integration" durchzieht. Jahrzehntelang wurde viel zu wenig getan, und wenn man sich endlich bereit erklärt das Problem überhaupt zu sehen wird es als eine Polizeiaufgabe deklariert, als ob die der richtige Ansprechpartner wären, um jahrzehntelange Integrationsversäumnisse aufzuholen. Was es braucht sind Sozialarbeiter, nicht Polizisten, aber die kosten halt viel Geld und lassen sich im Wahlkampf nicht so toll martialisch vermarkten. Dafür haben sie auch einen einen echten Effekt und helfen tatsächlich. Ich habe das Problem in Fundstück 4 ja auch angesprochen. Das ist eine politische Aufgabe für die Konservativen. Die sind die einzigen, die das politische Kapital haben, hier tatsächlich tätig zu werden und, vor allem, dauerhaft tätig zu werden. Wenn Progressive das machen wird es zum Wahlkampfthema und bei der nächsten Niederlage wieder zurückgebaut; wenn die Konservativen das machen, dann bleibt es. Sieht man umgekehrt ja auch bei Sozialstaatsreformen: Kohls Rentenreform wurde sofort zurückgedreht, die von Rot-Grün bleibt. Aber dafür braucht es eben Verantwortungsbewusstsein und den Willen, das politische Kapital für ein solches Thema, das eigentlich nicht das eigene Leib- und Magenthema ist und dass die eigenen Wähler nicht nur nicht interessiert, sondern vielleicht gar verprellt, anzugehen. Es gehört zur Größe Merkels, dass sie dazu bereit ist, zumindest wenn die Demoskopie sie unterstützt. Der Atomausstieg ist ja auch so ein Ding: kaum kam Schwarz-Gelb ans Ruder, wollten sie das Ding killen. Erst als die Konservativen es machten, wurde es zur festen Größe. Only Nixon can go to China.

Sonntag, 2. September 2018

Bücherliste 2017/18

Bücher sind der Schlüssel zur Welt, und es gibt praktisch unendlich viele davon auf der Welt, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Da das Leben kurz ist, möchte man nicht unbedingt mehrere Bücher anfangen und irgendwann feststellen, dass sie Mist sind und man bisher seine Zeit verschwendet hat. Andererseits ist es oft schwer, an gute Ideen für neue Bücher heranzukommen, wenn man sie nicht gerade durch Zufall findet. Ich stelle daher hier meine Bücherliste 2017/18 vor, die zwar nicht alle Bücher enthält, die ich in diesem Zeitraum gelesen habe, aber alle, die ich guten Gewissens weiterempfehlen kann oder doch wenigstens kommentieren will. Vielleicht findet ja jemand etwas Interessantes darin. Die meisten Bücher habe ich auf Englisch gelesen; wo vorhanden, habe ich Links auf die deutschen Versionen beigefügt. Alle Links führen direkt zu Amazon, und wer die Bücher über diese Links bestellt sorgt dafür, dass ein kleiner Teil des Preises von Amazon an mich geht. Kapitalismus! Artikel daher bookmarken und als ständige Referenz nutzen. :)


Jefferson Cowie - The Great Exception

Dieses Buch war eine meiner hauptsächlichen Quellen für die Artikelserie über Glanz und Elend der Sozialdemokratie. Es ist rundheraus empfehlenswert. Cowie übernimmt sich nicht in einem endlosen Wälzer, sondern macht seinen Punkt auf rund 250 Seiten, so dass das Buch zügig lesbar ist. Sein Stil ist außerdem flüssig und kommt ohne eine überflüssige Masse an Fachvokabular, Fremdworten und Bandwurmsätzen aus. Cowies grundsätzliche These ist, dass man den New Deal in den USA als die titelgebende große Ausnahme verstehen müsse. Anstatt ihn als logische Folge aus der Gilded Age und dem Zusammenbruch des Neoliberalismus in den 1920er Jahren zu lesen, der dann später quasi konsolidiert worden wäre, arbeitet er die prekäre Lage, aus der die New Dealer operierten, ebenso heraus wie die ungeplante und häufig improvisierte policy-Varianz dieser Ära. In Cowies Lesart ist Ronald Reagan demzufolge auch kein krasser Bruch und keine Revolution, sondern eine Restauration, die die Ausnahmezeit beendet. Ohne die Ausnahmetatbestände, die 1933 bis 1937 herrschten sieht er auch keine Renaissance des New Deal auftauchen. Sein Buch ist daher zwar pessimistisch, aber seine kohärente Darstellung der New-Deal-Zeit allein ist es wert gelesen zu werden, gibt er doch einen strukturierten Überblick und ordnet die Entwicklungen in einen analytischen Rahmen ein.

Henner Löffler - Wie Enten hausen

Wer sich für das Barks'sche Entenhausen interessiert, kommt an Henner Löfflers umfänglichen lexikalisch aufgebauten Werk eigentlich kaum vorbei. Von A wie Auto zu Z wie Zeitung findet sich alles, was den Kosmos Entenhauses bestimmt. Mit zahllosen Fußnoten unternimmt es Löffler, eine so kohärente Interpretation des Barks'schen Oevres wie möglich zu unternehmen. Für einschlägig Interessierte findet sich hier alles, was daran spannend ist, ohne gleich in den absurden Detailwahn der D.O.N.A.L.D.isten zu verfallen. Seine Vergleiche zwischen englischer Originalausgabe und detuscher Übersetzung sind zudem immer sehr instruktiv, und er teilt nicht die sentimentale Überbewertung von Erika Fuchs' Übersetzungen, wie sie etwa Ernst Horst (s.u.) aufweist.

Ernst Horst - Nur keine Sentimentalitäten! Wie Dr. Erika Fuchs Entenhausen nach Deutschland verlegte

Erika Fuchs ist eine der prägendsten Persönlichkeiten der deutschen Sprachentwicklung der letzten 70 Jahre, und dass sie in keinem Deutsch-Bildungsplan für die Schule auftaucht ist nur einmal mehr Ausdruck des allgemeinen Snobismus, der dieses Fach leider Gottes bestimmt. Ernst Horst hat keinerlei solche Berührungsängste. Er wurde in den 1950er Jahren mit Fuchs' Übersetzungen groß, und er unternimmt hier den Versuch, ihr ein Denkmal zu setzen. Detailliert setzt er sich mit Fuchs' Wirken auseinander, sowohl in ihrem Bezug zur deutschen Sprache (sie schuf solche Formulierungen wie "alter Freund und Kupferstecher" und ließ zahllose Zitate aus den Klassikern einfließen) als auch in der Art, wie sie Entenhausen deutsch zu machen versuchte (wer sich je wunderte, warum Donald in den Lustigen Taschenbüchern "Schmalzkringel" isst...Fuchs kannte Donuts nicht). Äußerst nachteilig ist jedoch Horsts reaktionäre politische Einstellung, die in dem Buch mehr und mehr durchschlägt und in immer längeren Tiraden gegen all das, was ihn an der Moderne stört, ausartet. Ich kenne trotzdem kein besseres Werk über Erika Fuchs und Entenhausen.

Anatol Stefanowitsch - Eine Frage der Moral - Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

Anatol Stefanowitsch ist einer der profiliertesten deutschen Linguisten, nicht so sehr weil er bahnbrechende Forschungsergebnisse veröffentlicht (was er vielleicht tut, das weiß ich nur nicht, ich kenne mich auf dem Feld nicht aus, Linguistik habe ich im Studium gehasst), sondern weil er eine der wahrnehmbarsten öffentlichen Stimmen für gerechte Sprache, gendersensible Sprache und politisch korrekte Sprache ist. Wenig verwunderlich ist daher, dass der Duden-Verlag ihn beauftragt hat, eine kleine Fibel zur Rechtfertigung politischer Korrektheit zu schreiben. An Kritik an der solchen herrscht ja wahrlich kein Mangel, so dass eine kohärente und konzise Verteidigung derselben durchaus notwendig war. Und das liefert Stefanowitsch hier auch ab. Das Büchlein ist kaum 80 Seiten lang und groß gedruckt, man kann es locker in unter einer Stunde lesen. Teuer ist es auch nicht. Selbst wenn man politisch korrekte Sprache hasst sollte man es sich daher zu Gemüte führen, dass man wenigstens die Gegenposition einmal zur Kenntnis genommen hat, allein der intellektuellen Hygiene wegen.

Richard J. Evans - The Pursuit of Power // Richard J. Evans - Das europäische Jahrhundert

Richard J. Evans ist einer der profiliertesten Historiker; ich habe in der Vergangenheit bereits auf seine dreiteilige Serie zum Dritten Reich aufmerksam gemacht (hier, hier, hier jeweils in Englisch). In diesem Band untersucht er die europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts in zehn Längs- und Querschnitten unter verschiedenen Gesichtspunkten, die er alle unter dem Oberbegriff des "pursuit of power" subsumiert, der - so seine These - eine fundamentale Dynamik des 19. Jahrhunderts darstellte. So lesenswert alle diese zehn problemlos unabhängig voneinander lesbaren Längs- und Querschnitte auch sind, so wenig überzeugend fand ich letztlich die Oberthese des "pursuit of power". Die deutsche "Übersetzung" des Titels scheint mir da näher an der Wahrheit zu sein, und es drängt sich der Verdacht auf, dass Evans am Ende für ein strukturell relativ disparates Buch irgendein starkes Verkaufsargument brauchte. Davon sollte man sich aber nicht weiter stören lassen; der Mangel an einem Gesamtnarrativ sorgt zwar für ein stückiges Leseerlebnis, aber die einzelnen Kapitel selbst sind auf dem aktuellen Stand der Forschung, solide (wenngleich eher kompliziert und ein wenig dröge) geschrieben und geben dem einschlägig vorgebildeten Leser einen guten Überblick über die Epoche. Die letzte Einschränkung ist wichtig: ohne gewisse Grundkenntnisse wird die disparate Struktur des Buchs dem Leser das Genick brechen und jedem Verständnis im Weg stehen, was das Buch mit den "Totengräbern" (s.u.) gemeinsam hat. Wer diese Vorkenntnisse mitbringt und den sachlich-historischen Stil nicht abstoßend findet sollte Evans aber unbedingt lesen.

James Holland - The War in the West: A New History Vol. 1 Germany Ascendant

Ganz anders als Evans liest sich dagegen Holland. Seine dreiteilige Serie über den Zweiten Weltkrieg im Westen ist ungeheuer flüssig und spannend zu lesen. Tolland verbindet ein hervorragendes Gefühl für Zeit und Ort mit biographischen Augenzeugenberichten und interessanten und Einblicke garantierenden Details. Man sollte nicht glauben, dass das Verfolgen der Geschicke und Alltagserlebnisse von Soldaten und Zivilisten über die ersten beiden Kriegsjahre neben kriegswirtschaftlichen Statistiken und Politikgeschichte ein sinniges Ganzes ergeben könnten, aber Holland hat ein ausgezeichnetes Gespür für historische Narrative. Er schafft es zudem, ständig neue und interessante Fakten einzubringen, die neue Blickwinkel ermöglichen und das bisherige Verständnis des Kriegs im Westen herausfordern, vom Sitzkrieg an der Westfront zum meist völlig in Vergessenheit geratenen Kampf in Skandinavien. Gerade letzterer erhält bei Holland eine wesentlich größere Stellung als etwa der Frankreichfeldzug, weil sich der Autor weniger im Nacherzählen sattsam bekannter Ereignisse übt, sondern diese durch neue Erkenntnisse besonders wirtschaftshistorischer Natur in einen ganz neuen Kontext stellt. Unbedingt empfehlenswert!

James Holland - The War in the West: A New History Vol. 2 The Allies Strike Back

Was im obigen Absatz zum ersten Teil der Serie gesagt wurde, stimmt unbeschnitten auch für den zweiten Teil. Holland stützt sich hier hauptsächlich auf den Balkanfeldzug und den Krieg in Nordafrika. Spannend ist, wie er mit dem Feldzug in der Sowjetunion umgeht. Dieser nimmt natürlich für den Kriegsverlauf, ebenso wie der beginnende Krieg im Pazifik, einen gewaltigen Raum ein, hat jedoch nichts mit dem Gegenstand seiner eigenen Erzählung zu tun. Holland schafft es tatsächlich, diese Großkonflikte nur dann einzubinden, wenn sie für sein eigentliches Narrativ interessant sind und dieses stützen und sinnvoll erweitern - oder sofern sie für das Verständnis notwendig sind. Nebenbei gelingt es ihm weiterhin, neue und erhellende Details in die Analyse einzubauen - etwa in einem umfassenden Vergleich, wie das Afrikakorps und die britische Armee mit den gewaltigen Herausforderungen für die Moral der Truppe in Nordafrika umgingen (die Briten nahmen einen gewissen Verfall schlichtweg als in einer Demokratie unvermeidlich hin und stoppte deswegen Offensiven, während die Wehrmacht mit drakonischen Strafen die Disziplin trotz schlechter Moral aufrecht erhielt und die Truppe herunterwirtschaftete). Auch hier unbedingte Empfehlung.

James S. A. Corey - Cibola Burn / James S.A. Corey - Cibola brennt (The Expanse 4)

Im vierten Band der Expanse-Reihe finden sich die Charaktere erstmals auf einem Planeten außerhalb des Sonnensystems wieder und vermitteln dort in einem Konflikt zwischen den Konzernen des Sonnensystems, die legalen Anspruch auf den Planeten haben, und den individualistischen Siedlern, die den Planeten als neue Frontier sahen und sich selbst hinschmuggelten. Zudem versucht Holden das Rätsel der alten Alien-Technologie und dem "Ermittler" in Gestalt John Millers zu lösen. Der Roman selbst ist der schwächste der Reihe und könnte theoretisch komplett übersprungen werden, weiß aber wenigstens mit einem interessanten Grundkonflikt aufzuwarten: Die Konzerne haben einen deutlich verantwortungsvolleren und sinnvolleren Ansatz zur Besiedlung der neuen Planeten als die radikalen Siedler, haben jedoch auf der anderen Seite durch den riesigen Resourcenvorteil auch eine Versuchung, einfach nackte Gewalt anzuwenden. Wegen der holzschnittartig bösen Charaktere unter den Security-Kräften des Konzerns jedoch erreicht das nie das Niveau, das die Prämisse verspricht.

James S. A. Corey - Nemesis Games / James S. A. Corey - Nemesis-Spiele (The Expanse 5)

Der fünfte Band der Expanse-Reihe unternimmt einen literarisch interessanten Ansatz, indem er die vier Hauptcharaktere Holden, Naomi, Alex und Amos trennt und über das ganze Sonnensystem verteilt. Amos geht auf die Erde, um einige dunkle Hinterlassenschaften seiner kriminellen Vergangenheit aufzulösen, Alex versucht auf dem Mars mit seiner Ex-Frau reinen Tisch zu machen und Naomi versucht wie Amos, die Dämonen ihrer Vergangenheit zu bannen. Doch nichts geschieht wie erwartet, und innerhalb kürzester Zeit stehen die Charaktere mitten in tumultartigen Umwälzungen nach dem verheerendsten Terroranschlag der Geschichte der Menschheit. Besonders interessant fand ich das kontinuierliche Brechen der Leser-Erwartungen darüber, was als nächstes geschehen würde. Keiner der scheinbaren Hauptplotstränge war tatsächlich einer; tatsächlich lösen sich die ursprünglichen "Missionen" der Charaktere innerhalb der ersten paar Kapitel und machen der eigentlichen durch die Hintertür eintretenden Hauptstory Platz.

James S. A. Corey - Babylon's Ashes / James S. A. Corey - Babylons Asche (The Expanse 6)

Im Finale des eigentlichen Handlungsbogens der Expanse-Reihe kommen sämtliche Plots in einer explosiven Hetzjagd über das ganze Sonnensystem zusammen. Soziale und politische Ordnungen lösen sich auf. Besonders interessant aus politischer Sicht sind die Konsequenzen der tausend neuen Welten, die nun für eine Besiedlung offenstehen, und die Folgen des Terroranschlags auf die Erde. Plötzlich verschiebt sich die Macht massiv in Richtung der Belter. Diese Dynamik ist interessant. Der Band hat zudem mit 16 Charakteren die meisten POV-Charaktere irgendeines Expanse-Buchs, was zwar der über das System verteilten Story ebenso hilft wie dem Abschließen diverser Plotfäden, den Charakteren selbst aber nicht viel Raum zur Entfaltung bietet.

James S. A. Corey - Persepolis Rising (The Expanse 7)

Ich habe Band 6 der Reihe als eigentliches Finale bezeichnet. In Band 7 machen wir einen Zeitsprung von 30 Jahren in die Zukunft, und wie das bei solchen Zeitsprüngen in Romanen häufig ist wurde der Status Quo effektiv nur in die Zukunft fortgeschrieben, was nicht sonderlich spannend ist. Alle sind etwas älter und grauer und die Rocinante pfeift aus dem letzten Loch, aber ansonsten gab es bei den Charakteren keinerlei Veränderungen. Das ist die erste Enttäuschung. Die zweite ist, dass der eigentliche Plot - das Auftauchen der geheimnisvollen Siedler von Lakonia - ungeheuer generisch und wenig interessant ist. Letztlich attackieren außerirdische Invasoren das Sonnensystem und zwingen alle aufrechten Einwohner in einen Guerilla-Kampf. Die Philosophie der Lakonier ist der übliche 300-angehauchte Fascho-Mix, auch hier gibt es wenig Spannendes. Man wird sehen, was das Autorenteam daraus noch macht.

James S. A. Corey - Strange Dogs

Neben den Hauptromanen der Reihe haben James S. A. Corey auch einige Novellen geschrieben, darunter Strange Dogs. Die Story beleuchtet einige Hintergründe von Lakonia und ist tatsächlich interessant, hauptsächlich wegen des Horror-Aspekts, den die Geschichte einnimmt. Auf der anderen Seite darf man etwas beunruhigt ob der Technologien sein, die hier aufgebaut werden. Unter Umständen graben die Autoren da ein Logikloch, aus dem sie später nicht herauskommen. Diese Novelle war aber die beste, die ich bisher gelesen habe.

James S. A. Corey - The Vital Abyss

Wer der Überzeugung war, dass es dringend eine Novelle braucht um zu erfahren, was der (nicht besonders interessante) Wissenschaftler Cortazar seit seiner Gefangennahme getrieben hat, wird hier fündig. Die Story an sich bietet leider wenig Spannendes, weil Cortazar ein emotional toter Mensch ist. Und da ich Persepolis Rising zuvor gelesen hatte und die Struktur nicht gerade innovativ ist kommt bei der Frage, ob er die Gefangenschaft überlebt, auch kaum Spannung auf. Hoffentlich nicht...? Aber natürlich tut er es und wird weiterhin böse Dinge tun, die den Plot voranbringen. Kann man sich sparen.

Klaus Theweleit - Männerphantasien 1+2

Ein Klassiker aus den Siebzigerjahren stellt dieses Werk dar, in dem Klaus Theweleit die Faschisten besonders (aber nicht exklusiv) in Deutschland auf die spezifisch männlichen Fantasien hin untersucht, die diese hegen. Das Werk ist mehr als umfassend und bis heute meines Wissens nach nicht wirklich reproduziert worden, so dass es immer noch die einzige Quelle zu dem Thema darstellt. Es ist von einer teilweise tragiokomischen Natur, wie die SA-Sturmleute beziehungsunfähig waren, weil ihre Vorstellungen an Frauen und Beziehungen mit der Realität völlig inkompatibel waren. Theweleit ist allerdings extrem schwer zu lesen; das Buch ist voll vom typischen 1970er-Jahre-Jargon, enthält zahllose Anspielungen auf (damals) aktuelle Ereignisse und Trends und politisiert an allen Ecken und Enden. Es ist quasi das linksalternative Gegenstück zu Ernst Horsts Untersuchung Entenhausens, was das angeht. Empfehlen kann ich es daher nur bedingt, aber interessant ist es allemal.

Michael Kaminski - The Secret History of Star Wars

Uneingeschränkt empfehlen kann ich dagegen die "Secret History of Star Wars". Michael Kaminski hat das zur Verfügung stehende Quellenmaterial in epischer Breite analysiert und interpretiert. Er vergleicht Drehbuchentwürfe miteinander und stellt diese den verschiedenen Einflüssen gegenüber, wertet Interview und Autobiographien aus und zieht natürlich die Filme selbst mit heran. Auf diese Art entsteht ein vollständiger Überblick über die Entstehungsgeschichte der klassischen und der Prequel-Trilogie. Kaminski gelingt es dabei auch, zahlreiche Klischees und erfundene Geschichten zu relativieren und falsifizieren, vom angeblichen Einfluss Campbells und des Monomythos' bis zur Idee, dass Lucas die gesamte Geschichte im Voraus geplant hatte. Nebenbei erfährt man auch einiges über die Prozesse bei der Entstehung von Drehbüchern, Filmen und moderner Blockbuster. Wer sich für Popkultur interessiert sollte dieses Buch lesen.

David Edgerton - The Shock of the Old

David Edgertons zentrale These ist, wie es der Buchtitel bereits werbewirksam ankündigt, eine Art Antidot zu technophilen Utopien. Wenn einmal wieder der neueste Hirnfurz von Elon Musk als gigantische, menschheitsrevolutionierende Errungenschaft angepriesen wird macht es Sinn, Edgerton herauszukramen und seiner Schilderung zu folgen, dass alte Technologien eine ungeheuer lange Halbwertszeit haben, manchmal überraschende Comebacks und erleben und so manche brillante neue Technologie sich als üble Sackgasse erweist. Eines von vielen, vielen Beispielen in dem Buch ist die Atomenergie: heute schalten wir unter gigantischem Aufwand die Meiler ab und kehren zum totgesagten Kohlestrom zurück, während man in den 1950er Jahren noch den privaten Atomreaktor um die nächste Ecke sah. Bedauerlicherweise ist Edgerton nur schlecht lesbar; dem Buch mangelt es an einer klaren Struktur, so dass es trotz aller guten Ideen und Ansätze ein unglaublich stückhaftes Werk bleibt, dessen zentrale Gedanken irgendwo zwischen Einwürfen und Exkursen verstreut bleiben.

Yuval Novah Harari - Homo Deus: A brief history of tomorrow // Yuval Novah Harari - Homo Deus: eine kurze Geschichte von morgen

Populärwissenschaftliche Bücher sind gerne gehypt, wenn sie irgendwelche steilen Thesen mit exotisch wirkenden Fachgebieten verbinden. Das gilt für solchen Schmarrn wie "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken", das ich hier nicht mit einer Verlinkung veredlen werde. Und es gilt für seitengewordene heiße Luft wie Yuval Novah Harari, dessen Bücher ständig die ersten Plätze der NYT-Bestsellerlisten besetzen. Im vorliegenden Werk entwirft Harari die These, dass der Mensch sich durch allerlei technologische Fortschritte in eine Art gottgleiche Position aufschwinge. Soweit, so belanglos. Ärgerlich wird es dadurch, dass Harari in irgendwelchen Fachgebieten wildert, in denen er nichts verloren hat und in denen er offensichtlich auch nur sehr oberflächliche Kenntnisse hat und uralte, mittlerweile stattsam widerlegte Narrative aufkocht, sei es Anthropologie, sei es Theoligie. Gerade in der Anthropologie sollte man sehr vorsichtig sein, aus irgendwelchen indigenen Stämmen eine mythische menschliche Vergangenheit als Naturzustand zusammenzubasteln, aber der Versuchung können offensichtlich nur wenige widerstehen. Hände weg von diesem Buch, oder wenn ihr es schon kaufen müsst, nutzt wenigstens die Links oben.

Al Gore - An Inconvenient Sequel - Truth to Power

Das Begleitbuch zu Al Gores neuem Film "An Inconvenient Sequel" ist ein schön anzusehener, vollfarbiger Band voll protziger zweiseitiger Aufnahmen und viel Selbstgratulation zwischen einer ganzen Reihe von Daten und Fakten zum Klimawandel. Ich hatte den Band in der Hoffnung erstanden, ihn für den Unterricht hernehmen zu können, da Gore zwar anspruchsvoll, aber lesbar schreibt. Letztlich bin ich aber nicht die Zielgruppe. Gores Nonprofit, das Jahr für Jahr Klimabotschafter ausbildet, hat genau diese Klimabotschafter als solche auserkoren, weswegen das letzte Drittel des Buchs sich auch mit Aktivismusstrategien beschäftigt. Das ist natürlich sinnvoll, aber der US-zentrische Ansatz ist bei einer weltumspannenden Organisation (und Problematik!) etwas unglücklich, was weiter zu dem Eindruck beiträgt, das Buch sei an einem vorbeigeschrieben.

Arthur Goldschmidt Jr. - A Concise History of the Middle East

Der Mittlere Osten gehört zu jenen Regionen der Welt, über die man unbedingt mehr wissen sollte, aber häufig genug sehr wenig weiß, vor allem wenn es um den Zeitraum geht, der vor der für die aktuelle Nachrichtenlage unmittelbar relevanten Fakten liegt. Die "concise history" war daher genau das, was ich suchte: in 25 Kapiteln wird die Geschichte der Region vom Iran bis Ägypten von Mohammed bis heute dargestellt. Etwas überraschend kam für mich dann doch der stark gegenwartsbezogene Fokus: In Kapitel 14 wird Israel gegründet, so dass für die ganzen Dynastien und Machtwechsel zwischen Mohammeds Tod und dem Ende des Ersten Weltkriegs mit dem breiten Pinsel gezeichnet wird, was als Einsteigergeschichte aber gar nicht schlecht ist. Die Autoren navigieren das Minenfeld verschiedener Religionen und Überzeugungen außerordentlich gut: sie haben zwar eine eigene Meinung, stellen aber immer erst neutral unterschiedliche Sichtweisen dar ehe sie erklären, welche sie selbst als überzeugend empfinden, und da es mehrere Autoren sind widersprechen sie sich teilweise sogar fundiert, so dass Mini-Debatten entstehen. Auch der Gegenwartsfokus war im Nachhinein ein Segen, weil man so endlich auch einmal eine ordentliche Geschichte des Nahostkonflikts aus Perspektive Saudi-Arabiens, Irans und (besonders spannend) Ägyptens bekommt. Die USA dagegen spielen kaum eine Rolle; es ist eine Geschichte des Mittleren Ostens, keine verkappte Geschichte der US-Außenpolitik. Das Buch ist daher sehr zu empfehlen.

Dale Carnegie - How to win friends and influence people // Dale Carnegie - Wie man Freunde gewinnt

Dale Carnegie schrieb den Klassiker aller Vertreter und Vorstände in den 1930er Jahren, und das merkt man dem Buch durchaus an. Die 17 Grundprinzipien, die Carnegie hier darlegt, sind allerdings reichlich zeitlos und für jeden, der entweder mit Menschen arbeitet oder generell seine "people skills" verbessern will, zu unterschiedlichen Graden hilfreich. Als Historiker fand ich die zahllosen Beispiele aus der Praxis häufig amüsant, weil diese deutlich die wesentlich hierarchischere Zeit zwischen 1930 und 1970, als die verschiedenen Auflagen des Buchs entstanden, wiederspiegelt. Ob man die vorgestellten Techniken als unzulässige, verwerfliche Manipulatin empfindet oder als Grundlagen eines besseren Zusammenlebens sei dahingestellt. Als problematisch dürften Besucher dieses Blogs dagegen solche Vorschläge wie "nie über Politik diskutieren" empfinden. Geht es rein darum, ob einen Leute sympathisch finden, ist das einfache Zustimmen natürlich zuträglicher, aber ob das gesamtgesellschaftlich so praktisch ist? Eine gesunde Skepsis darf man sich durchaus bewahren. Wenn jemand Vorschläge für aktuellere, brauchbarere Bücher in die Richtung hat, gerne in die Kommentare!

James Graham Wilson - The Triumph of Improvisation

Wilson stellt die Periode zwischen 1986 und 1991, als Reagan, Bush und Gorbatschow gemeinsam den Kalten Krieg beendeten, unter das Leitmotiv der Interpretation. Weder Sowjets noch Amerikaner folgten einem festgelegten Plan, sondern improvisierten in einer sich rapide wandelnden Welt Reaktionen, die letztlich zu dem - bei weitem nicht vorgezeichneten - Ergebnis des Zusammenbruchs der Sowjetunion führten. Wilson ist besonders positiv gegenüber dem außenpolitischen Establishment in Washington eingestellt, das unter Reagan an die Macht kam und in personeller Kontinuität zu Bush überlebte. Ohne Kritik bleibt das glücklicherweise nicht; besonders die tief ideologisch gefärbten Ansichten Reagans und seiner unmittelbaren Berater (die nicht aus dem wesentlich pragmatischeren und glücklicher agierenden Bush-Zirkel kamen) zerstörten immer wieder Fortschritte und setzten sie mutwillig aufs Spiel. Wilson ist besonders gut darin, die widersprüchlichen Fraktionen innerhalb des außenpolitischen Establishments auf beiden Seiten herauszuarbeiten und ständig deutlich zu machen, wo Alternativen bestanden und warum sich die Akteure so entschieden, wie sie sich entschieden, so dass das Ende des Kalten Krieges weniger als vorbestimmtes Ergebnis von strukturellen Faktoren oder brillanter magischer Fähigkeiten Reagans erscheint, sondern vielmehr als eines von vielen möglichen Ergebnissen, und eines, das die jeweiligen Akteure eigentlich nicht anstrebten. Unbedingt empfehlenswert!

George R. R. Martin - A Feast for Crows // George R. R. Martin - Zeit der Krähen, George R. R. Martin - Die dunkle Königin

Der vierte Teil des Zyklus vom "Lied von Eis und Feuer", der inzwischen unter der Verfilmung "Game of Thrones" wesentlich bekannter geworden ist, genießt in der Fangemeinde einen etwas gespaltenen Ruf. Ich gehöre zur (wachsenden) Gruppe derjenigen, die in diesem Band (und seinem Nachfolger, A Dance With Dragons, siehe unten) den (bisherigen) Höhepunkt der Saga sehen. In "Feast", das die Hälfte der Geschichte mit einem Fokus auf King's Landing, Dorne, den Iron Islands und Braavos bietet, entwirft Martin mit visionärem Blick überlappende Narrative und Leitmotive und hebt die Serie von ausgezeichneter Fantasyliteratur in den Status von Hochkultur. Es ist kein Wunder, dass der Schreibprozess sich so lange hinzog, wie er es tat. Selten war ein Titel so aussagekräftig wie hier. Um Euron Crowseye zu zitieren: "All of Westeros is dying." Der Verfall ist überall mit Händen zu greifen, das Abflauen nach dem "Sturm der Schwerter". Normalerweise befassen sich Fantasygeschichten nie damit, wie jemand nach einem großen Krieg Frieden zu schließen versucht. Hier ist es der gesamte zweite Akt, und es zeigt sich schnell, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld der einfache Teil war - eine Lektion, die so manchem Zeitgenossen zu lernen angeraten wäre.

Robert J. Gordon - The Rise and Fall of American Growth

In diesem absolut brillanten Werk, das zusammen mit Cowies "Great Exception" eine Hauptquelle für die Artikelserie über Glanz und Elend der Sozialdemokratie war, zeigt Gordon die Entwicklung des amerikanischen Lebensstandards zwischen 1870 und 1970 auf. Das Buch ist in zwei Teile gespalten; einmal die Entwicklung zwischen 1870 und 1940 und einmal die zwischen 1940 und 1970. Der Grund für diese Spaltung ist eine von drei zentralen Thesen aus dem Buch: dass (These eins) der gigantische und nie dagewesene Anstieg des Lebensstandards seit 1870 (These zwei) einmalig und unwiederholbar durch (These drei) eine Reihe grundlegender Innovationen im Bereich des vernetzten Haushalts bedingt sei. Die wesentlichen Technologien waren 1940 alle erfunden, danach - so Gordons These - wurden sie verbreitet und verbessert. Spätestens 1970 hatte die gesamte amerikanische Gesellschaft vollen Zugang zu all diesen Technologien, weswegen sich seither das Wachstum unwiderruflich (siehe These zwei) verlangsamt hätte. Dieses Buch ist eine Offenbarung und sollte unbedingt gelesen werden.

Anselm Doering-Manteuffel - Nach dem Boom

Die dritte Hauptquelle für meine Artikelserie über Glanz und Elend der Sozialdemokratie stellt dieser kleine Band meines ehemaligen Lieblingsdozenten dar (mittlerweile emeritiert), in der er zusammen mit einigen anderen Wissenschaftlern eine konzise Geschichte des Ende des Nachkriegsbooms in den 1970er Jahren zeichnet und dafür strukturelle Gründe auszumachen versucht. Ich habe seinerzeit die Hauptseminare besucht, in denen die Grundthesen und das Quellenmaterial dafür durchgearbeitet wurden, und es war eine absolute Bereicherung. Wie leider bei deutschsprachigen historischen Werken üblich ist die Sprache allerdings sehr verdichtet: viele Fremdworte und Schachtelsätze sorgen dafür, dass sich die Gesamtlänge in Grenzen hält, aber angenehme Lektüre sieht anders aus. Dieses Buch ist Arbeit, aber es lohnt sich.

Rüdiger Barth - Die Totengräber. Der letzte Winter der Weimarer Republik

Dieses Buch habe ich ausführlich hier rezensiert.

Paul Elliot - Legions in Crisis

Wer an römische Legionen denkt, sieht sie im Normalfall in ihrer klassischen hochimperialen Form aufmarschieren, wie sie auf der Trajanssäule (und, anachronistisch, in Asterix) verewigt ist. Helme mit breitem Ohren- und Nackenschutz, Rüstung aus Metallstreifen, rechteckiger Schild und kurzer Gladius, dazu zwei Wurfspeere. Dass nach den "klassischen" römischen Kaisern bis Marc Aurel noch gut drei Jahrhunderte folgten, ist zwar grundsätzlich bekannt, aber die Ära selbst weitgehend unbekannt, sieht man einmal vom klassischen wie falschen Gibbons'schen Narrativ des stetigen Niedergangs ab. Paul Elliot stellt in seinem Buch dar, wie sich die Legionen in der Zeit der Soldatenkaiser verändert haben. Wer schon immer wissen wollte, warum die Legionäre plötzlich ovale Schilde, lange Schwerter und Kettenhemden tragen, erfährt das hier. Das Buch ist leider nur eingeschränkt gut geschrieben und bekommt nie die Balance zwischen archäologischem Exkurs, ordentlicher Erklärung der Fachbegriffe und eigentlicher Analyse hin, aber das trifft auf viele Werke der Militärgeschichte zu, die eher von Amateuren geschrieben werden (und sich dann mangels Fachkenntnis gerne in steile Thesen verrennen, aber das tut Elliot glücklicherweise dank klug beschränkten Fokus' nicht). Von daher ist das Buch nur zu empfehlen, wenn man sich genug für die Militärgeschichte der Legionen interessiert, um über diese Mängel hinwegzusehen.

George R. R. Martin - A Dance with Dragons // George R. R. Martin - Der Sohn des Greifen, George R. R. Martin - Tanz der Drachen

Der bislang letzte Band des "Lied von Eis und Feuer"-Zyklus ist in meinen Augen der beste. Das ist in der Fangemeinde wie bei "Feast" sehr umstritten, aber nirgendwo erreicht Martin ein derart hohes literarisches Niveau wie hier. Das geht wie bei anspruchsvolleren, komplexen Werken so häufig mit einem gewissen Verlust an Massenkompatibilität einher, der sich allerdings in Grenzen hält: Martin ist ein populärer UND literarischer Autor. So gute Prosa wie in diesem Band allerdings findet sich in den ersten Bänden nicht; Leitmotive sind mit ungeheurer Liebe zum Detail eingewoben, Symbole verstreut, und so weiter und so fort. Auch die Geschichte weiß, wenn man erst einmal über die ursprüngliche Enttäuschung der eigenen Erwartungen hinweg ist, zu begeistern. Ich finde auch immer den Vergleich mit The Expanse instruktiv: dort wird dem Leser alles was er will auf dem Silbertablett präsentiert, aber das macht es sicher nicht besser.

Frank Herbert - Dune // Frank Herbert - Dune: Der Wüstenplanet

Es ist schon knapp zwei Jahrzehnte her, dass ich den Wüstenplanet das letzte Mal gelesen habe. Meine Leseerfahrung dieses Mal ist...gemischt, um es milde auszudrücken. Auf der einen Seite bleibt der Roman ein absolut bahnbrechendes Werk der Science Fiction und läuft geradezu über vor wilden Ideen, die spannend sind und den Leser zum Nachdenken anregen. Auf der anderen Seite sind die Charaktere und die Geschichte ungeheuer langweilig erzählt. Kein einziger der vielen benannten Charaktere in diesem Buch verdient überhaupt die Bezeichnung Charakter; sie alle sind holzschnittartig und haben im Verlauf des Buchs keine Entwicklung. Jeder von ihnen ist zum Ende des Romans effektiv dieselbe Person wie zu Beginn, im Falle von Paul und Jessica Atreides haben sie effektiv nur aufgelevelt. Ich denke daher, ich werde den ursprünglichen Plan, die Lektüre zu nutzen und endlich auch die anderen vier Bände des Zyklus' zu lesen, aufgeben. Harte Science-Fiction war noch nie mein Genre, und "Dune" hat mir wieder einmal gezeigt warum. Da doch lieber Expanse.

Adam Tooze - Crashed: How a decade of financial crisis changed the world // Adam Tooze - Crashed: Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben

Das erst diesen August erschienene Werk von Adam Tooze ist rundheraus empfehlenswert. Tooze, dessen vorherige Werke "Wages of Destruction // Ökonomie der Zerstörung" und "The Deluge // Sintflut" ebenfalls unbedingt gelesen werden sollten, ist ein weiteres Meisterwerk gelungen, dessen wirtschaftshistorische Untersuchung bestehende Annahmen über den Haufen wirft und durch geschickte, globale Analysen neue Ansätze zum Verständnis komplexer Themen schaffen kann. Tooze betrachtet die Finanzkrise als ein globales und andauerndes, nun in ihr zehntes Jahr gehendes, Phänomen. Allein das ist revolutionär. In seinem Buch baut er auf mehrere Kernthesen: 1) Die Finanzkrise ist ein amerikanisch-europäisches Produkt, weil die Finanzmärkte derart verschränkt waren, dass sich das gar nicht trennen lässt. 2) Da die Finanzmärkte global operieren, ist die Krise auch global. 3) Finanzpolitik und Finanzmärkte sind zwei Paar Stiefel. 4) Finanzpolitik ist Machtpolitik. 5) Eurokrise und Finanzkrise sind unterschiedliche Ausprägungen derselben Krise. Auf Basis dieser Prämissen betrachtet Tooze die Geschichte der letzten zehn Jahre und bindet damit alles von Subprime-Krediten zu Griechenland, von "Chimerica" zu TPP, von Ukraine zu Brexit in diesen Zusammenhang ein. Wenn der geneigte Leser nur ein Buch aus dieser Liste lesen wird, sollte es dieses sein.

John Dolan - The War Nerd Illiad

Der "War Nerd" ist vielen vermutlich besser über sein Blog zur Außenpolitik besonders des Mittleren und Fernen Ostens bekannt, der mittlerweile nach Patreon gewandert ist. Dieses Buchprojekt ist ein spannendes: Dolan schrieb den Gedichtepos des "Ilias" in moderne Prosa um. Er erzählt dabei dezidiert nicht die Geschichte des Trojanischen Krieges, sondern nur den eigentlichen Teil der Ilias vom Streit zwischen Achilles und Agamemnon zum Begräbnis Hektors. Die Kenntnis der restlichen Geschichte wird schlicht vorausgesetzt. Was das Buch so spannend macht sind einerseits die modernen Übertragungen des alten Epos - erzählt in Prosa, weil "heutzutage Lyrikbände zwar noch gelegentlich publiziert, nicht aber gelesen werden" - quasi Vers für Vers, aber verständlich mit einer geläufigen Bildsprache, andererseits aber gerade das Behalten des Archaischen Ursprungstexts. Dolan lässt uns in die Gedankenwelt dieser Leute eintauchen und schafft es, dass man die Haltungen von Göttern, Halbgöttern und Königen versteht, deren Mentalität eine uns völlig fremde darstellt. Darin besteht die eigentliche Leistung des sehr empfehlenswerten Buchs.

Timothy Snyder - Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin // Timothy Snyder - Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin

Ein Buch das schon länger auf meiner Leseliste lag und das ich nie abgeschlossen hatte war dieses. Im Sommer habe ich endlich die Muße dafür gefunden. Es war nicht leicht. Es gibt Bücher, die sind schwer zu lesen, psychologisch gesehen. Das hier gehört dazu. Ich musste Snyder immer wieder zur Seite legen und mich von der Lektüre erholen, weil das, was hier geschildert wird, einfach schwer zu ertragen ist. Die Geschichte der kommunistischen und nationalsozialistischen Massenmorde in Osteuropa ist immer wieder aufs Neue erschreckend, selbst wenn man denkt, man habe eigentlich genug darüber erfahren. - Snyders Buch ist ziemlich umstritten, weil er einerseits den Holocaust in eine direkte Relation zu Stalins Massenmorden setzt und diese direkt vergleicht (was ihm oft als Holocaust-Verharmlosung ausgelegt wird, was aber meiner Meinung nach nicht zutrifft) und andererseits, weil er Auschwitz für überbewertet hält und die Erinnerungspolitik attackiert. Für Snyder - und da hat er völlig Recht - wird das dem Thema nicht gerecht, weil der Großteil der Mordopfer der Nazis eben nicht in Auschwitz starb, sondern in den "Bloodlands" durch fahrende Mordkommandos. Es lohnt sich, sich mit diesem Buch und seinen Thesen auseinanderzusetzen, auch wenn es schmerzt.

Christoph Mauch/Kiran Patel - Wettlauf um die Moderne. Die USA und Deutschland 1890 bis heute

Diese Aufsatzsammlung ist bereits etwas älter, und wenn ich "etwas älter" sage, meine ich 2006. Dass zwölf Jahre in der Geschichtswissenschaft manchmal eine Ewigkeit bedeuten können, sieht man an dieser Essaysammlung ziemlich gut. Die Autoren, allesamt Experten für deutsche und amerikanische Geschichte, arbeiten immer in Tandems an einem Oberthema (Wirtschaft, Politik, Religion, Einwanderung, Gender, ...) und vergleichen die Geschichte der USA und Deutschlands seit 1890. Das geschieht notwendigerweise in ziemlich breiten Pinselstrichen (das Buch ist "nur" rund 600 Seiten lang), aber das ist nicht grundsätzlich das Problem. In einem in deutschen Geschichtswerken beständig auftauchenden Problem ist die Sprache extrem kondensiert, voller komplizierter Sätze und Fachworte, was die Lektüre eher trocken und anstrengend macht. Breite Vorkenntnisse werden offenkundig vorausgesetzt. Am spannendsten fand ich den Aspekt mit dem Erscheinungsdatum. In vielen der Essays ziehen die Autoren Bezüge zur Gegenwart - was teilweise zu spannenden Effekten führt, etwa wenn der Neo-Imperialismus der amerikanischen Außenpolitik als Grundannahme genommen wird oder die allgegenwärtigen Malls Grundlage der Analyse der Konsumkultur ist. Das war 2006 noch richtig, ist 2018 aber bereits wieder graue Vergangenheit. Verblüffend wie schnell so was manchmal geht.

Rick Wilson - Everything Trump touches dies

Dieses Buch des republikanischen Politikberaters Rick Wilson ist ein einziger langer Rant. Es ist zwar gelegentlich ganz interessant, wenn er sein Insiderwissen aus 30 Jahre Wahlkämpfen einbringt und die Perspektive eines staffers im Weißen Haus unter Trump mit großer (wenngleich ätzender) Einfühlsamkeit darlegt, aber im Großen und Ganzen schreibt sich hier ein Gründungsmitglied der Never-Trump-Conservatives seinen Frust von der Seele. Aber Hölle, er tut es unterhaltsam. Dieses Buch ist für all diejenigen, die Trump und die post-2010 GOP nicht leiden können, ein einziger großer Spaß. Politics as Entertaintment in Reinkultur. Die Tirade an Invektiven Wilsons hat eine geradezu kathartische Wirkung, und genau da liegt mit das Problem: auf einer Welle solchen Hasses wurde Trump schließlich in Weiße Haus gespült. Von daher bleibt die Leseerfahrung zutiefst ambivalent. Wer aber Bedarf nach einem solchen Buch hat, kann zugreifen, denn Wilson ist wenigstens interessant, spritzig und, vor allem, ehrlich: er geht schonungslos mit seinen eigenen Fehlern, Fehleinschätzungen und seiner eigenen Rolle im Abstieg der GOP ins Gericht. Und natürlich basht er permanent die Linken, wer also so was mag, wird hier auch finden was er sucht.

Joe Studwell - How Asia works

Wie bereits das von mir beim letzten Mal empfohlene Poor Economics (englisch, deutsch) ist dieses Buch dazu angetan, das Verständnis von Entwicklungspolitik beträchtlich zu erweitern. Wo sich Poor Economics mit Hilfsorganisationen und extremer Armut beschäftigt hat, sieht sich dieses Buch an, wie asiatische Staaten sich im 20. Jahrhundert industriell entwickelten - oder es nicht taten. Joe Studwell stellt dabei die These auf, dass alle erfolgreiche Entwicklungspolitik auf Friedrich List zurückgeht, dessen Ideen auch die westlichen Industriestaaten gefolgt seien (er nutzt die japanische Metapher des "ökonomischen Flusses", den alle Länder, wenngleich zu unterschiedlichen Zeitpunkten, befahren). Er macht drei zentrale Punkte aus: Landreform (Privatbesitz von Land), Industrialisierungspolitik (sanfter Protektionismus) und "financial repression" (Finanzierung derselben). Erst wenn diese Schritte abgeschlossen sind erfolgt der Anschluss an den Weltmarkt mit Deregulierung und Liberalisierung. Studwell geht sowohl mit den sozialistischen als auch den IMF-Entwicklungsideen hart ins Gericht. Seine Argumente sind neu, sie sind überzeugend und sie sollten deutlich mehr diskutiert werden, als sie es gerade werden.