Mittwoch, 18. Mai 2022

Wissings militaristische LNG-Terminals fahren mit Bill Gates nach Sylt zur Demo gegen Zölle und Inflation - Vermischtes 18.05.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Dienstag, 17. Mai 2022

Rezension: Michael Seemann - Die Macht der Plattformen. Politik im Zeitalter der Internetgiganten

 

Michael Seemann - Die Macht der Plattformen. Politik im Zeitalter der Internetgiganten

Wer erinnert sich noch an Napster? Ich bin ehrlich gesagt zu jung dafür. Ich hatte damals noch keinen eigenen Internetanschluss; meine ersten illegalen MP3-Downloads liefen bereits über eMule (Gratulation, wem das noch was sagt). Aber für einen kurzen Zeitraum von knapp zwei Jahren sah es so aus, als würde die MP3-Tauschbörse Napster die Musikindustrie revolutionieren oder gar völlig zerstören. Es war eine Plattform, die wie aus dem Nichts eine Milliardenindustrie anging und eine ungemeine Marktmacht erlangte. Dann schlug die Musikindustrie zurück, klagte Napster in Grund und Boden und beseitigte sie. Für Michael Seemann ist die Geschichte von Napster gewissermaßen prototypisch für die Entwicklung von Plattformen. Da diese heute unser Leben zu guten Teilen mitbestimmten, macht es absolut Sinn, sich mit diesen zu beschäftigen. Und Seemanns Buch ist dafür ein sehr guter Startpunkt. Anhand Napster als narrativem roten Faden erklärt Seemann, was Plattformen überhaupt sind und wie sie funktionieren. Der Aufbau des Buches arbeitet sich dabei von außen nach innen, ist schön didaktisch und verständlich aufgebaut, aber generell anspruchsvoll: Seemann entwirft eine Theorie von dem, was Plattformen sind, und wie sie funktionieren, die für seine gesamte Argumentation zentral ist. Eingekocht könnte man seine Definition folgendermaßen auf ein Zitat herunterbrechen: "Plattformen vereinfachen unerwartete Interaktionsselektion, indem sie mittels Standardisierung auf der einen und algorithmischer Vorauswahl auf der anderen Seite die eigentlichen Selektionen vorbereiten."

Plattformen werden von Seemann als Schnittstelle verstanden. Diese Schnittstelle ist notwendigerweise sehr technischer Natur, weswegen er einige Grundlagen schaffen muss. In diesem Teil des Buches erklärt er komprimiert die zentralen Abläufe von IP-Potokollen, ASCII-Code und Ähnlichem. Das ist ziemlich fordernd, vor allem, wenn man wie ich von diesem ganzen Kram so gut wie nichts versteht (mich überfordert ja meistens schon die Wordpressinstallation hier). Der Vorteil ist, dass die Theorie so eine Grundlage schafft, auf der Seemann die Plattformen überhaupt diskutieren kann. Das mag merkwürdig klingen, aber wer ihm folgt stellt schnell fest, dass die bisherige Debatte an genau diesem Mangel an Theorie krankt, weil überhaupt nicht verstanden wird, mit was man es eigentlich zu tun hat.

Letztlich betrachtet Seemann die Plattformen aus einem Luhmann'schen Blickwinkel als eigenständige Systeme mit eigenen Regeln. Neben dem soziologischen Großmeister der Systemtheorie bedient er sich, vielleicht etwas überraschend, auch bei Carl Schmitt. Der Wegbereiter der NS-Juristerei eignet sich aber immer wieder, wenn man bösartige Systeme erklären will. Seemann umgeht das schier totgerittene Schmitt-Zitat von der Souveränität des Ausnahmezustands und springt stattdessen zu seiner Theorie der Landnahme: ein Nationalstaat wird effektiv zu einem solchen, weil er Territorium in Besitz nimmt und absolute Kontrolle darüber ausübt.

Das tun Plattformen natürlich nicht. Sie existieren im digitalen Raum, der quasi per Definition endlos ist. Hier gibt es kein (ebenso per Definition) endliches Land zu besetzen. Stattdessen geht es um etwas, das Seemann "Graphen" nennt und das grob als Beziehungsmuster bezeichnet werden könnte; er redet hier von "Graphnahme" (analog zu Carl Schmitts Landnahme): "Staaten beherrschen Territorien und organisieren Menschen darauf über den Zugriff auf ihre Körper. Plattformen hingegen beherrschen Graphen und organisieren Menschen über den Zugriff auf ihre Verbindungen."

Soweit, so einleuchtend. Aber warum nutzen Menschen überhaupt Plattformen? Dies liegt laut Seemann einerseits an der geschickten Verbindung von Zwang und Freiwilligkeit als Grundprinzip. Zwar ist die Nutzung einer Plattform in der Theorie komplett freiwillig; niemand kann mich zwingen, bei Amazon einzukaufen oder WhatsApp zu benutzen. Aber gleichzeitig ist der Verzicht auf die Plattformnutzung mit so hohen Opportunitätskosten verbunden, dass sich für mich die Nicht-Nutzung häufig nicht als gangbare Alternative darstellt. Wenn alle meine Bekannten über WhatsApp kommunizieren, ich aber nicht, ist der Verzicht darauf häufig keine ernsthafte Option.

Gleichzeitig bedeutet dies, dass Plattformen vor allem durch Größe funktionieren. Ein Messengerdienst oder ein Soziales Netzwerk, auf dem nur 0,5% der Bevölkerung vertreten sind, ist nutzlos. Die Graphnahme einer neuen Plattform muss daher darauf angelegt sein, schnell Größe zu erreichen. Erfolgreiche Plattformen suchen sich daher einen Graphen, der bisher unerschlossen ist oder der bisher unzureichend konsolidiert ist (so dass ein Integrationsangriff gestartet werden kann). Amazons ursprüngliche Konzentration auf den Online-Buchhandel und die von dort ausgehende Erweiterung ist ein Beispiel; Napsters Graphnahme der Musikcommunity eine andere (bereits vergleichsweise wenige Nutzende garantieren einen annähernd vollständigen MP3-Katalog); Facebooks ursprüngliche Konzentration auf Studierende (das Netzwerk war bis 2010 technisch gesehen nur für Studierende offen!) eine dritte.

Andererseits liegt der Vorteil von Plattformen für die Nutzenden, der sie überhaupt erst in die Arme der Plattformen treibt, dass diese effizientes Handeln durch eine (algorithmische) Vorauswahl ermöglichen. Google funktioniert, weil es Suchergebnisse vorsortiert. Eine Suchmaschine, die das nicht tut, ist nutzlos. Facebook funktioniert unter anderem deswegen so gut, weil es den Nutzenden Kontakte vorschlägt, die diese kennen könnten - auf eine geradezu angstseinflößend effektive Art und Weise. Diese Vorauswahl bedeutet aber gleichzeitig einen Machtgewinn für die Plattform: wenn Google seine Suchergebnisse filtert, kann es Dinge verschweigen oder zahlenden Kunden Priorität geben.

Diese Vorauswahl ist meist technisch gesehen optional. Aber die Plattformen sorgen durch Nudging und Opt-out-Regelungen dafür, dass sie die bequemste und auch letztlich beste Option für die Nutzenden ist, so dass diese erstens kaum auffallen und zweitens schon allein aus Phlegmatismus üblicherweise nicht angetastet werden. Auf diese Art und Weise haben große Plattformen sich riesige Nutzendenstämme herausgebildet, die ihnen gewaltige Macht gegeben haben. Diese Macht ist titelgebend für das Buch und wird von Seemann weiter untersucht.

Er postuliert, dass die Plattformen durch ihre schiere Macht und Größe selbst politische Akteure sind. Er unterscheidet drei Felder, auf denen sie aktiv sind, indem er Plattformpolitik als Netzinnenpolitik, Netzaußenpolitik und Netzsicherheitspolitik definiert.

Netzinnenpolitik ist für ihn die interne Regulierung der Plattformen. Die Nutzungsbedingungen von Facebook etwa fallen darunter, Moderationsregeln von Twitter, Rückgabebedingungen von Amazon; die Netzinnenpolitik ist sozusagen das, womit die Nutzenden in ihrer täglichen Nutzungspraxis in Berührung kommen. Die Plattformen würden am liebsten nur Netzinnenpolitik betreiben; sie ist ihr eigentliches Kerngeschäft, und hier fangen sie auch alle an. Essenziell ist aber die Kontrolle, die sie ausüben. Das ist im Übrigen auch, was Napster vor Gericht das Genick brach: die Plattformen wissen grundsätzlich, was ihre Nutzenden treiben und haben Einsicht und, vor allem, Kontrolle darüber. Napster wurde nachgewiesen, dass sie wussten, was die Nutzenden austauschten, und dass sie es hätten unterbinden können (logisch, denn Napster wollte das ja monetarisieren). Dieses Wissen und die daraus resultierende Verantwortung (an der Stelle bitte passendes Spiderman-Zitat einfügen) sind für die Netzinnenpolitik zentral.

Von Anfang an war auch die Netzsicherheitspolitik dabei. Sie erklärt sich eigentlich von selbst: die Plattformen müssen sich gegen Attacken schützen - und ihre Nutzenden auch. Sonst könnten sie nicht existieren. Das ist ein digitaler Rüstungswettlauf. Die Netzaußenpolitik ist demgegenüber wesentlich jünger. Auf sie haben die Plattformen überhaupt keine Lust, aber sie ist zunehmend notwendig geworden. Plattformen stehen in einem Spannungsverhältnis zu Regierungen und müssen entsprechend mit diesen interagieren (und gegebenenfalls auch mit anderen Plattformen, aber Regierungen stehen hier im Zentrum). Regierungen versuchen, die Plattformen zu regulieren, und die Plattformen versuchen, diese Regulierung in ihrem Sinne zu gestalten.

Ich schreibe hier bewusst nicht "Regulierung verhindern", denn Regulierung ist im Interesse der Plattformen. Seemann beschäftigt sich mit diesem "Regulierungsparadox" ziemlich ausführlich. Je regulierter die Plattformen sind, desto schwieriger ist es für potenzielle Konkurrenten, in den Markt einzudringen. Die Datenschutzverordnung der EU etwa ist zwar ein katastrophales Bürokratiemonster, das uns unter anderem die nervigen Cookie-Pop-Ups beschert hat, aber die vielen kleinteiligen Regelungen erfordern für die Plattformen eine kleine Armee von Anwält*innen und anderen Expert*innen, die die Markteintrittshürde deutlich anheben. Regulierung, die die Macht der Plattformen beschränken sollte, hat so den paradoxen Effekt, diese Macht zu steigern. Das Leistungsschutzrecht etwa stärkte Google und schwächte es nicht.

Für Plattformen ergeben sich dadurch Anreize, aus denen Seemann eine Art Lebenszyklus ableitet. Einer initialen Graphnahme folgt eine (oftmals lange) Wachstumsphase, in der die Plattformen um jeden Preis wachsen möchten. Diese Phase ist die, in der die User-Erfahrung die beste ist. Wenn das Wachstum ein Plateau erreicht, nehmen die Ausbeutungseffekte überhand: die Plattformbetreibenden versuchen, so viel Macht wie möglich anzusammeln und so viel Geld wie möglich aus dem System zu ziehen. Das System wird geschlossener, die Usererfahrung schlechter. Dieser Phase schließt sich der Niedergang an, in dem die ursprünglichen Betreibenden oft bereits abgesprungen sind. Die Plattform wird nun nur noch gemolken, aber nicht mehr weiterentwickelt. Ironischerweise verbessert sich die Usererfahrung dadurch häufig wieder, einfach weil niemand mehr sie aktiv verschlechtert. Im Endstadium existieren Plattformen vor sich hin, ohne gewartet zu werden. Ich durfte zu meiner Überraschung erfahren, dass MySpace immer noch existiert.

Dieser Zyklus ist, verbunden mit den Auswirkungen der Netzpolitik, ein sehr negativer. Die Interessen von Plattformbetreibenden sind durch diese Dynamiken derart gelagert, dass die eigene Plattform geradezu zwangsläufig eine Art Selbstzerstörungsmechanismus eingebaut hat und die Machtentwicklung für allerlei andere negative Effekte sorgt. Dies führt Seemann darauf zurück, dass die Plattformdynamik und das Internet mit seinen Möglichkeiten durch die Pfadabhängigkeit der umgebenden Systeme (Luhmann lässt grüßen) in ein System gezwungen werden, das ihrer Arbeitsweise nicht vollständig entspricht: der Gewinnlogik des Kapitalismus.

Als alternatives Positivbeispiel führt Seemann die Wikipedia auf. Auch sie zeichnet sich durch exponentielles Wachstum und eine erfolgreiche Graphnahme aus und wirkte ungeheuer disruptiv auf einen vorher bestehenden Markt (Enzyklopädien), aber sie wurde nie monetarisiert und die Macht ist auch heute noch, allen Problemen mit dem Moderator*innensystem zum Trotz, recht dezentral unter den Nutzenden selbst verteilt. Seemanns These ist, dass Plattformen nicht zwingend immer innerhalb dieser Logik operieren müssten.

Trotz allem bleibt er sehr pessimistisch. Im Abschluss des Buches stellt er einige Thesen für die Zukunft der Plattformen auf, die besonders im Hinblick auf die Demokratie sehr besorgt stimmen dürften: er postuliert eine generelle Unvereinbarkeit der Plattformen mit demokratischen Nationalstaaten und prophezeit, dass letztere durch die Macht der Plattformen letztlich ausgehöhlt und zerstört würden. Erst, wenn die beschriebenen Dynamiken durchbrochen werden können, sieht er eine Chance, dieser Destruktivität der Plattformen Einhalt zu gebieten.

Ingesamt kann ich das Buch sehr empfehlen. Die theoretischen Konstrukte, die darin aufgestellt werden, sind für das Verständnis von Plattformen elementar, ganz egal, ob man seine Schlussfolgerungen teilt oder nicht. Der analytische Rahmen, den Seemann aufspannt, ist über alle Zweifel erhaben.

 

Sonntag, 15. Mai 2022

Rotes Teflon, grüner Schwamm, gelbes Sieb

 

Olaf Scholz ist kein großer Kommunikator. Das nicht eben eine rasend neuartige Feststellung; wir wussten das schon, ehe er Kanzlerkandidat der SPD wurde. Christine Lambrecht hat kein besonders Interesse an der Bundeswehr gehabt, bevor sie Verteidigungsministerin wurde, und wäre lieber Justizministerin geblieben, was wegen Koalitionsarithmetik nicht ging. Die Partei hatte schon lange Zeit ein eher problematisches Verhältnis zu Russland, Putin und Gasprom. Gerhard Schröder betrieb schamlosen Lobbyismus spätestens, als er die Schlüssel zum Kanzleramt abgab, und wahrscheinlich schon davor. Ein stabiler Wahlkampf und ein sehr unstabiler Wahlkampf seiner beiden Gegner*innen verhalfen Scholz dann überraschend nach 16 Jahren Merkelregierung zum Einzug in eben jenes Kanzleramt. Abgesehen von Wirecard ist bislang alles an bekannten Schwächen der SPD aufs Tablett gekommen - und in den Umfragen ist davon praktisch nichts zu spüren. Was ist da los?

Ich komme deswegen auf diese Frage, weil das ja keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe in meiner eigenen Blase - also vor allem der Twittertimeline - seit Wochen massive Kritik an Scholz im Speziellen und der SPD im Allgemeinen, aber Konsequenzen hat das in den Umfragen praktisch keine. Die Landtagswahlen in Saarland und Schleswig-Holstein waren ohnehin von bundespolitischen Themen praktisch völlig befreit und entschieden sich auf Basis lokaler Kandidat*innen und Themen, und es sieht nicht so aus, als würde das in Nordrhein-Westfalen großartig anders werden. Die CDU hat zwar gegenüber der Bundestagswahl leicht zugelegt, profitiert aber auch in keinster Weise vom Wechsel zu Merz (oder leidet darunter, sie ist einfach kein Faktor).

Ein Teil davon ist sicherlich dem Ausnahmezustand des Ukrainekriegs geschuldet, der alle anderen Themen von der Agenda drängt und besonders der besten Opposition, die Deutschland je hatte, wenig Profilierungsspielraum lässt. Aber schauen wir auf eine aktuelle Bundestagsumfrage, ist die bemerkenswert stabil:


Ja, sicher, die CDU hat etwas zugelegt, aber das war absolut zu erwarten (und ich hab das ja auch mehrfach prophezeit). Aber die Merz so oft zugeschriebene Rückkehr in den 35%+-Bereich lässt weiter auf sich warten. Die SPD ist minimal abgesunken, aber innerhalb der Fehlertoleranz. Die Grünen haben leicht zugelegt, zurück in die Umfragebereiche vom Frühjahr 2021. Die FDP, LINKE und AfD verharren quasi. Das spricht jetzt nicht eben dafür, dass sich die Meinungen zur Ampel geändert hätten, zu Scholz, zu sonst irgendwas. Die einzigen, die das tatsächlich behaupten könnten, sind die Grünen. Und hier wurde bestenfalls der Boden gutgemacht, den man durch den beknackten Wahlkampf verloren hat, weil Habeck und vor allem Baerbock die Erwartungen im Amt deutlich übertreffen und zu Deutschlands beliebtesten Minister*innen wurden.

Aber bleiben wir noch einen Moment bei Scholz. Der Soziobloge hat das schön auf den Punkt gebracht:


Ja, der Mann kommuniziert weitgehend in Schwurbelphrasen und ohne große Emotionen (wenn man von dem einen Ausbruch beim DGB absieht), und ja, er hat keine großen Projekte und bremst vor allem an allen Ecken und Enden. Aber das als bahnbrechende Erkenntnis zu verkaufen und zu kritisieren, als hätte er je etwas anderes versprochen, verwundert mich doch sehr. Scholz ist im Wahlkampf explizit als Merkel 2.0 aufgetreten, als eine Fortsetzung ihrer Kanzlerschaft mit sozialdemokratischen Mitteln. Das war explizit, und es hat, anders als 2017, 2013 und 2009, wohl vor allem deswegen funktioniert, weil a) der SPD-Wahlkampf sauber war, b) die CDU und Grünen einen miserablen Wahlkampf geführt haben und c) die CDU zwei Jahre lang (und eigentlich immer noch) einen bitteren internen Grabenkampf ausgefochten hat, wie sie mit dem Merkel-Erbe umgehen will.

Ich halte das für ziemlich zentral. Merkel hat das Amt mit einer Zustimmungsrate von 80% verlassen. 80%! Durch ihre gesamten 16 Jahre Kanzlerinnenschaft war sie praktisch nie unter den 50%. Es gehört schon viel Selbstillusion dazu zu glauben, dass man mit einer Positionierung gegen Merkel reüssieren können würde. Scholz wäre nicht Kanzler, wären nicht all diese Faktoren zusammengekommen (und wurde es auch so nur extrem knapp). Seine Zufriedenheitswerte sind auch eher mittelmäßig; aktuell ist er auf einem Rekordniedrigstand von 46%.

Aber die Konkurrenz bleibt wenig attraktiv. Ein Wechsel zur CDU scheint der Wählendenschaft auch nicht attraktiv. Ich will in diesem Artikel gar nicht versuchen, die großen Erklärungsansätze zu bieten, ich stelle das Ganze vielmehr als Fragen. Die Landtagswahlen jedenfalls geben in meinen Augen wenig Aufschluss. Sie unterscheiden sich radikal von der Situation im Bund. Das Saarland ist bekanntlich nur so groß wie das Saarland, und Schleswig-Holstein ist jetzt auch nicht eben repräsentativ für Gesamtdeutschland. Es würde meine These stützen, Günther zur Zukunft der CDU zu erklären, aber...es ist Schlewsig-Holstein. Weitgehend ländlich, 2,8 Millionen Einwohner*innen. In beiden Fällen dominierten doch eher länderspezifische Personen und Themen.

Etwas anders ist das im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Hier wurde vergangenen Sonntag gewählt, das Land ist recht divers, seine Wirtschaftskraft ist hoch, und so weiter - was aber bei Bayern alless auch zutreffen würde. Hier siegte wie in Schleswig-Holstein klar die CDU, wenngleich nicht gar so überragend wie Genosse Günther. Die SPD konnte sich über ihre 27,5% kaum freuen, weil das einen historischen Tiefstand für NRW darstellt. Die FDP bangt zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels mit 5,0% um den Wiedereinzug, die Grünen verdreifachten (!) ihr Ergebnis.

Aber erneut: all das sind Landtagswahlen. Im Bund profitiert die CDU nicht vom Erfolg von Wüst und Günther, die SPD nicht vom Erfolg Rehlingers. Stegner zog die Bundes-SPD, Hans nicht die Bundes-CDU herunter. Nein, was sich zeigt ist eine generelle Tendenz im Bund: die SPD bleibt Teflon, an der quasi alles abperlt. Sie macht wenig, und es bleibt nicht viel hängen. Die Grünen sind ein Schwamm und saugen Wählendenstimmen auf, und die FDP verliert in den Ländern, aber nicht groß im Bund. Die AfD bleibt, wie sie steht, die LINKE hängt stabil unter der 5%-Hürde, die CDU bleibt stärkste Partei und kann sich davon, wenn es wieder für die Ampel reicht, ein Sandwich kaufen, vorausgesetzt, jemand gibt noch 5€ dazu. Diese Stabilität ist bemerkenswert.

Ich stelle deswegen vor allem Fragen, weil ich die Antworten nicht habe. Vielleicht kann ja jemand in den Kommentaren etwas dazu sagen.

1) Wie relevant ist die linke Basis für die SPD, vor allem die Pazifismus-/Russlandverstehenden-Connection?

2) Ist das Hoch der Grünen eine ukrainische Blase?

3) Kommt der relativ schlechte Stand der FDP vor allem daher, dass die Themen gerade ungeschickt sind?

4) Haben die Ergebnisse der Landtagswahlen doch mehr Aussagekraft für den Bund, als ich hier bereit bin zuzugestehen?

5) Gibt es überhaupt so etwas wie Wechselwählende von der FDP zu den Grünen? Oder sind die Wählendenwanderungen weiterhin in den alten Blöcken, rekrutiert sich also der leichte CDU-Zugewinn aus den leichten FDP- und SPD-Verlusten?

6) Ist die LINKE nur wegen ihrer Führungsprobleme und internen Querelen so schwach, oder ist ihr, gerade mit Russland, endgültig das Rückgrat gebrochen? Und wenn, warum hat sie dann seit Putins illegalem Angriffskrieg keine Bewegung in den Umfragen?

7) Ich wäre geneigt, die schlechte Performance der NRW-FDP auch Ministerin Gebauer zuzuschreiben, aber warum schadete dann Karin Prien nicht der SH-CDU?

8) Warum flog die AfD aus dem Landtag von Schleswig-Holstein, verlor aber im Saarland und in Nordrhein-Westfalen kaum an Stimmen?

Für mich läuft das alles sehr stark darauf hinaus, dass die Länder einfach derart unterschiedlich gepolt sind, dass sie für den Bund kaum Aussagekraft besitzen. Die Leute wählen offensichtlich auf beiden Ebenen völlig anders. Nehmen wir nur mal mein Heimatland Baden-Württemberg. Hier wurden die Grünen triumphal im Landtag bestätigt, während sie bei der Bundestagswahl um die 5% herumkrebsen. In Bayern steht eine Partei zur Wahl, die es in anderen Bundesländern gar nicht gibt. Im Osten ticken die Uhren eh offensichtlich vollkommen anders, in den Stadtstaaten ohnehin auch. Bleiben Hessen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen, über die ich ehrlich gesagt keinen Überblick habe. Aber das alles führt mich zu Frage

9) Sind die Wahlergebnisse des Bundes letztlich ein Durchschnitt aus allen Bundesländern, so dass die Landtagswahlen effektiv Teildemografien repräsentieren, oder ist es eben so, dass die Landtagswahlen genau das sind - Landtagswahlen, und die Wählenden da einen riesigen Unterschied machen?

Ich bin einfach völlig unsicher. Und auf euren Input gespannt!

Donnerstag, 12. Mai 2022

Rezension: Bob Blume - Deutschunterricht digital

 

Bob Blume - Deutschunterricht digital

Disclaimer: Der Autor ist mir persönlich bekannt und hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wenn irgendetwas dran ist, dass Niccolo Machiavelli jemals dazu geraten hat, Grausamkeiten am Anfang zu begehen (zumindest behauptete das Oskar Lafontaine, und wer bin ich, am Wort eines so integren Ehrenmannes zu zweifeln?), dann ist Bob Blume ein gelehriger Schüler des Ahnherren der Politkberatung. Bevor er zu den Schmankerln kommt, müssen sich geneigte Lesende durch anspruchsvolle Theorie beißen - eine Effekt, den der Autor so beabsichtigt hat, wie er mir gegenüber freimütig bekannte. Per aspera ad astra! Das mag sich wie Kritik anhören, aber es ist nicht so gemeint. Blume hat durchaus Recht: manchmal ist es einfach notwendig, sich auch mit komplexeren Sachverhalten zu beschäftigen. Und es ist auch nicht seine Schuld, dass ich mich mit Fachdidaktik seit dem Referendariat kaum mehr beschäftigt habe, ein peinliches Versäumnis, das aufzuholen ich hiermit feierlich gelobe. Möge mit diesem Buch der Anfang gemacht sein. Was aber verbirgt sich zwischen den Pappdeckeln? Jedenfalls keine Explosion quadratischen Konfettis, auch wenn der Einschlag dies suggeriert. Es wäre allerdings ein Knalleffekt gewesen; vielleicht ein bedenkenswertes Feedback für die zweite Auflage.

Dienstag, 10. Mai 2022

Rezension: John Green - Das Schicksal ist ein mieser Verräter

 

John Green - Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Ich hatte John Greens preisgekrönten Roman schon ewig und drei Tage auf meiner Leseliste. Ich erinnere mich, ihn anno 2015 in der neunten Klasse lesen zu wollen, aber damals fiel die Entscheidung dann doch auf "Die Tribute von Panem" (hier besprochen). Seither hatte ich keine neunte Klasse mehr, und dieses Jahr bleibt mir nicht mehr genug Zeit, so dass ich mich aus einer Laune heraus entschloss, das Buch einfach für mich persönlich zu lesen und abends im Bett zu lesen begann. Als ich endlich das Licht ausschaltete, war ich halb durch, und am nächsten Morgen habe ich es vollends beendet. Nun bereue ich erst recht, so wenig Zeit übrig zu haben, und plane schon, wie ich das Ding nächstes Jahr in den Stoffverteilungsplan unterbringen kann. Aber ich schweife ab. Das Buch ist absolut großartig und lohnt die Lektüre unbedingt.

Proletarische Wirtschaftspolitik an Schulen ruiniert maskentragende russische Windräder im Multiversum - Vermischtes 10.05.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Fundstücke

1) Schulen, Corona und das hohle Hauptargument

Politisch bleibt der Ruf nach einer Öffnung der Schulen geknüpft an eine Behauptung ohne Schlussfolgerung. Die Behauptung heißt: Die Jugend ist uns so wichtig, darf nicht leiden und muss deshalb in Präsenz. An die Behauptung angeschlossen ist dann der fehlende Schutz der Minderheit vulnerabler Gruppen. Aber nun kommt‘s: Die Behauptung kann nur im Paket funktionieren. Ich kann nicht sagen, dass die jungen Leute wichtig sind (was ja die Präsenz rechtfertigt), ohne Veränderungen durchzuführen. Ich muss also zwangsläufig für Luftfilter sorgen. Ich muss zwangsläufig die Bildungspläne entschlacken. Ich muss zwangsläufig Freiräume für den sozialen Austausch bieten. Das alles ist zwangsläufig. Denn wenn die Behauptung zuträfe, muss eine Handlung folgen. Folgt die Handlung nicht, kann die Behauptung nicht stimmen. Dann ist sie ein hohles Argument, eine Aussage ohne wert. Solche wertlose Aussagen sind politisch wertvoll, da sie nichts kosten. Die Aussage: Die Kinder und Jugendlichen müssen in Präsenz unterrichtet werden, weil sie so wichtig sind suggeriert, dass die Wichtigkeit schon Begründung für die Handlung ist. In Wirklichkeit ist sie aber Teil der Behauptung. Die Schlussfolgerung ist also: Wenn man der Meinung ist, dass die Mehrheit der jungen Menschen die letzten zwei Jahren gelitten hat und dass dies bedeute, dass schulische Präsenz notwendig ist, auch wenn vulnerable Gruppen sich dann selbst schützen müssen, dann bedeutet das zwangsläufig auch eine schulpolitische Veränderung der Bildungspläne, der Freiräume und der sozialen Unterstützung. Alles andere sind hohle Phrasen. (Bob Blume)

Bob hat absolut Recht. Nicht, dass die Forderung, die Schüler*innen und ihre Belange in den Mittelpunkt zu stellen, irgendwie falsch wäre, aber es ist halt eine reine Nebelkerze. Die wirklichen Probleme sind viel tiefgreifender, wie ich in der Rezension seines Buches "10 Dinge die ich an der Schule hasse" ja auch besprochen habe. Ich will hier zwei Aspekte besonders betonen. Das wäre zum Einen die Forderung und geradezu Sakralisierung der Präsenz, als ob die Lerngewinne hier zwingend automatisch besonders hoch seien (sind sie aus vielerlei von Bob im Buch auch diskutierten Gründen nicht). Und zum anderen die Geschichte mit den Luftfiltern, weil sie die Prioritäten wie unter dem Brennglas besonders deutlich zeigt. Wie auch bei anderen Fragen der Ausstattung sind die Interessen der Schüler*innen nämlich sehr, sehr weit hinten auf der Prioritätenleiste. Ganz sicher weit hinter denen der Erwachsenen, die darüber entscheiden.

2) The toxic politics of bad economic news

In dancing a jig about President Biden's misfortune, Republicans run the risk of misreading that interaction and looking like they're actively cheering on further bad news. [...] We apparently just lived through three months, from January through March, in which the American economy got smaller overall. Yet consumer spending grew 0.7 percent during that quarter. At the individual level, most Americans weren't behaving as if they were in the early stages of a recession. [...] Regardless, the numbers released on Thursday morning simply don't reflect or explain a lived experience of pain on the part of Americans, which makes the good cheer from the right seem especially foolish. Of course it's not quite as bad as members of the opposition party rejoicing at actual economic hardship. Still, fist pumping about bad news, even when it's mostly an abstraction, isn't politically wise. [...] But without those underlying bad experiences? Republicans may well end up looking like they're giving each other high-fives over phantoms — and hoping for greater pain to advance their own political fortunes. (Damon Linker)

Linker hat völlig Recht, wenn er es als "toxic politics" beschreibt, dass es für die Republicans gute Neuigkeiten sind, wenn es dem Land schlecht geht. Und ich schreibe hier bewusst Republicans, weil die Democrats das nicht tun. In der Rezession 2009 unternahm die GOP alles, um die Lage schlimmer zu machen (und gab das auch offen zu, Stichwort "one-term president"), während in der Rezession von 2020 die Democrats wesentlich interessierter als die regierenden Republicans waren, der Bevölkerung zu helfen. Dass das funktioniert, hat schreckliche Konsequenzen.

Völlig wirklichkeitsfremd dagegen ist die Vorstellung, dass die reale wirtschaftliche Lage irgendwie dazu führen würde, dass das nicht aufgeht. Partisans gonna believe. Wie viel mehr Studien und Anschauungsmaterial als 2020/21 braucht man denn dafür? Von einem Tag auf den anderen beschlossen signifikante Anteile der republikanischen Wählendenschaft, dass die Wirtschaft nicht total toll laufe, sondern dass es stattdessen ganz schrecklich sei - nur basierend auf dem Wahlergebnis. Diese Wahrnehmung ist übrigens völlig überparteilich, dasselbe passiert auch, wenn Democrats Wahlen verlieren. Nur ist der Effekt, wie so häufig, auf der Rechten wesentlich stärker. Erneut, das ist alles ausgiebig empirisch erforscht wurden. Wie man da immer noch solche Luftschlösser bauen kann, erschließt sich mir nicht. Die Herausforderung für die Democrats ist es, die eigenen Wählendenschaft an die Urnen zu kriegen. Und ich wette dollars to doughnuts, dass sie damit im November scheitern werden.

3) The pretend proletariat

Downward mobility seems to be changing labor activism in more intuitively receptive sectors, too. The New York Times reported on Wednesday that college-educated workers played key roles in successful organization drives at Amazon, Starbucks, and the sporting-goods retailer REI. You can find support for Turchin's overproduction thesis in the quotes from college and even master's graduates who expected to work as salaried professionals in prestigious fields,  but found themselves earning hourly wages and wearing company uniforms.  [...] More important, though, the prominence of college graduates in the new school of labor activism could make it difficult to find the sort of broad coalition that Democrats enjoyed during the heyday of organized labor. The somewhat incongruous enthusiasm of highly credentialed editorial assistants, graduate students, and non-profit employees might signal a restoration of class consciousness — or just alienate potential allies. Like the presidential campaigns of Bernie Sanders, the version of organized labor that's become fashionable recently risks becoming a kind of role-playing rather than a genuine working class movement. [...] Not simply organic resistance from the lower strata of American life, the new unionism is also a protest of surplus elites against an increasingly ossified power structure. That doesn't mean it's doomed — if Turchin is right, the revolt of the elites can be even more disruptive than the demands of the genuinely poor or exploited. If they want to be successful, though, the new faces of organized labor need to prove they're more than dilettantes in proletarian drag. (Samuel Goldman, The Week)

Die aktuelle bescheidene Revitalisierung der Gewerkschaftsidee in den USA ist grundsätzlich sehr begrüßenswert, aber Goldmans Skepsis hier ("pretend proletariat", brillanter Begriff) ist eine spannende und willkommene Ergänzung. Wenn es tatsächlich so ist, dass da hauptsächlich Wannabe-White-Collar-Worker dahinterstecken, sind das keine guten Nachrichten. Denn das bedeutete, dass die langsame Abwanderung der (weißen) Blue-Collar-Schicht zur politischen Rechten ungebremst weiterginge. Das ist insofern schlecht, als dass diese Leute ja nicht gerade zufrieden mit ihrer Situation sind (verständlicherweise), aber dass sie eben die Schuld dafür vor bei Menschen anderer Abstammung und Hautfarbe suchen statt in der Unterdrückung durch das Kapital. All das macht aber, besonders wenn man die gesellschaftlich-progressive Ausrichtung der Democrats bedenkt, mit der viele in dieser Schicht nichts anzufangen wissen, leider sehr viel Sinn. Das amerikanische Zwei-Parteien-System erlaubt in diesem Nullsummenspiel leider keine anderen Auswege, anders als in Deutschland, wo mehrere demokratische Ausweichmöglichkeiten zur Wahl stehen.

4) Woher die Brutalität russischer Soldaten kommt

Woher kommen Russlands Soldaten, die in der Ukraine Gräueltaten begehen? Sie kommen aus einer Gesellschaft, in der Gewalt die Norm ist und wo Empathie fast körperlichen Schmerz verursacht. Wo man wenn kein Vergewaltiger dann Opfer ist. Diese Gewalt kommt aus dem Elend, dem Neid und Hass, aus dem Zusammenbruch der Industrie und der Wirtschaft, aus dem Fehlen sozialer Institutionen und funktionierender Demokratie. Aus einer Zeit des Anfangs, der kein Neubeginn war, sondern aus dem verwesten Staatskörper der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ das Kapital der Freiheit und das Kapital der Korruption schlug, ohne beides voneinander zu trennen. Die Gewalt kommt aus einer Zeit, in der man Babys auf dem Schwarzmarkt billig kaufen konnte, in der alkoholkranke Mütter ein Neugeborenes für eine Flasche Wodka an Bettler verkauften. Diese Babys starben schnell, aber es war einfach, ein neues zu kaufen. [...] Eine Gesellschaft, die durch die sowjetischen Selektionsprozesse verstümmelt und in den Neunzigern an den Rand gedrängt wurde, findet sich im riesigen schwarzen Loch von Putins heutigem Russland wieder, wo die Simulation von allem – Demokratie, Gesetzen, Verwaltung, Wirtschaft, sozialen Einrichtungen und dem Staat selbst – zum Prinzip der Verwaltung geworden ist. Manchmal scheint es, als habe sich eine dünne Schicht von Denkern, Analytikern und Aktivisten gebildet durch reine Nachlässigkeit der Behörden und einen peinlichen Zufall, trotz aller widrigen Umstände. Nicht alle fingen an, zu trinken, zu schlagen, zu metzeln, einige begannen, zuvor verbotene Literatur zu lesen, die Vergangenheit zu überdenken und sogar über die Zukunft nachzudenken. Kein Wunder, dass die russische Regierung den Neunzigerjahren, als das Land dem Westen wehrlos in die Hände fiel, die Schuld an der überzogenen Freiheit gibt. Aber alle Fehler wurden abgerechnet, die Freiheit wurde endgültig unterdrückt, die denkenden Menschen aus dem Land vertrieben, in Gefängnissen isoliert, eingeschüchtert. Manche versuchen noch, den Mund aufzumachen, aber das wird die Menge ihnen nicht verzeihen. (Irina Rastorgujewa, FAZ)

Das komplette FAZ-Essay ist sehr eindringlich und unbedingt in seiner Gänze lesenswert. Ich bin kein Experte für russische Geschichte, schon gar nicht für die seit 1991, weswegen ich immer wieder aufs Neue davon überrascht bin, wie schrecklich die Zustände in dem Land waren und sind und in was für ein Loch es seither gefallen ist. Das muss unbedingt traumatisch wirken, und zwar auf eine ganze Gesellschaft. Das scheint mir deutlich unterdiskutiert, während stattdessen immer wieder Blödsinn von Ostpolitik (hier im Podcast diskutiert) bis russische Seele es in die Talkshows schafft. Falls jemand ein gutes Buch zu der Zeit hat, wäre ich über Tipps in den Kommentaren auch dankbar.

5) Zeitenwende auf Grün

Aber bei einem Thema blieben die Grünen, die mal der parlamentarische Arm der Friedensbewegung waren, ihren alten Glaubenssätzen treu: Das Zweiprozentziel der NATO wollen sie nicht im Grundgesetz verankern. Sie hatten es schon im Wahlprogramm abgelehnt, das freilich noch in einem ganz anderen außenpolitischen Umfeld entstand. [...] Das viel zu lange ignorierte Zweiprozentziel ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Deutschland seine Bevölkerung, seine Verbündeten und seine Interessen künftig besser schützen kann. Der Maßstab sollte nicht wieder deutsches Wunschdenken sein, sondern die internationale Realität. (Nikolaus Busse, FAZ)

Himmel Arsch und Zwirn, lasst endlich eure Finger vom Grundgesetz! Diese Manie, ständig alle politischen Entscheidungen zu juristischen Fundamenten zu machen, ist echt nicht auszuhalten. Ich bin ja für das 2%-Ziel, aber so eine Marke gehört nicht in die Verfassung. Warum sollte man die Deutschen des Jahres 2067 an das 2%-Ziel binden wollen?! So ein himmelschreiender Unfug. Das ist eine politische Entscheidung, und sie berührt das Königsrecht des Parlaments, nämlich über den Haushalt zu entscheiden. Dieser antidemokratische Impuls sollte echt mal unter Kontrolle gebracht werden. Auf Wiedervorlage, sobald wir das nächste Mal über diese beknackte "Schuldenbremse" diskutieren. - Im Übrigen würde analog auch eine Verankerung irgendwelcher Klimaausgabenziele nicht ins Grundgesetz gehören. So granulare politische Entscheidungen sind genau das, politische Entscheidungen. Sie müssen der Revision unterworfen bleiben. Die Grünen fordern ja auch nicht, dass die Forderung, 2% der Fläche für Windenergie zu nutzen, ins Grundgesetz gehört. Was ein Unfug wäre das auch!

6) Doctor Strange. Das Multiversum erzählen

Die Erzählung des Multiversums ist derart als Prozess einer retrospektiven Serialisierung aufzufassen, die Kathleen Loock und Frank Kelleter auch als „rekursive Progression“ beschrieben haben: Was quantenphysikalisch wie animationstechnisch als Verästelungen des Multiversums in je spezifischen Gegenwarten dargestellt wird, sind im Wesentlichen Weitererzählungen von bereits abgeschlossenem und separiertem Material – etwa wenn im neusten Spider-Man-Film simultan eine Fortsetzung aller drei Spider-Man-Filmreihen hergestellt wird. Es handelt sich um einen diskursiven Wiedereingriff, der nicht nur mögliche diegetische Zukünfte mit bereits etablierten Vergangenheiten zu koordinieren hat, sondern die bereits etablierten Vergangenheiten mit dem nun eigens installierten Regelsystem – nämlich, dass alle möglichen diegetischen Zukünfte denkbar sind – selbst aktualisiert. [...] Die Bedrohung einer ursprünglichen Erzählrealität ist deshalb als Motor einer Serialitätspolitik zu denken, welche zweierlei Selbststabilisierungen vornimmt: Einerseits wird ein eigenes ästhetisches Regelwerk etabliert und andererseits simultan die eigene Geschichtlichkeit retrospektiv neu veredelt. Damit gestaltet sich das Marvel Cinematic Universe nur in der Theorie zum Marvel Cinematic Multiverse um, dient das suggerierte multilineare Wachstum doch der Herstellung einer invertierten Linearisierung, die in erster Linie auf Selbsterhalt abzielt. Das Marvel Cinematic Multiverse bildet damit den Höhepunkt eines seriellen Selbstbewusstseins, welches Plot, Franchise und Ästhetik nurmehr autoreferenziell verknüpft. Das erzählte Multiversum konstituiert folglich ein Serialisierungsinstrument sondergleichen, welches im Borges’schen Irrgarten paralleler Welten und Zukünfte eine Parabel auf den Kapitalismus zu verbergen sucht. (Vera Thomann, Geschichte der Gegenwart)

Ich halte diesen vieldiskutierten Beitrag zum Marvel-Multiversum für viel zu weitreichend; die Erzählstrukturen bleiben schließlich ziemlich generisch, und die Idee, dass man sich an ein Universum halten müsse, ist recht neu. Genauer gesagt: Bis zur Begründung des MCU 2008 war die Vorstellung, dass man über verschiedene mediale Plattformen und eine mittlerweile anderthalb Jahrzehnte reichende Filmreihe eine kontinuierliche, in sich schlüssige Geschichte erzählen könnte, Fantasie von Comicfans. Außerhalb Marvels glaubte niemand an die Umsetzbarkeit, und die Schwierigkeit des Unterfangens zeigt sich, trotz allen wirtschaftlichen Erfolgs des MCU, gerade im Scheitern aller anderen Mitbewerber, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen, vom DCU zum Monsterverse. Andererseits sind die Marvel-Filme in sich selbst unglaublich generisch; sie folgen eigentlich alle einer hundsgewöhnlichen Drei-Akt-Struktur. Was die Marvel-Filme hervorhob, war ihre handwerklich einfach saubere und hervorragende Machart. Wenn das in zunehmendem Maße wegfällt, das Gewicht der eigenen Mythologie erdrückend wird und sich zudem der Zeitgeist wandelt (was alles am Horizont wetterleuchtet), dann wird das MCU zusammenbrechen, und mit ihm auch das multidimensionale Erzählen.

7) Freiwillig Maske tragen? Die Ängstlichsten nehmen den Rest in Schutzhaft

Die gebremste Aufhebung verlagert die Maskenpflicht auf undurchsichtige Weise von der gesetzlichen in die persönliche Sphäre: Tragt gefälligst Verantwortung, wenn der Staat sich zurückzieht! [...] Die obrigkeitliche Abwägung der persönlichen Freiheitsrechte gegen eine kollektive Gesundheitsgefährdung ist aber gar nicht vorbei. Der Gesetzgeber vom zögerlichen Parlament über den nicht gerade freiheitsaffinen Gesundheitsminister bis herunter zum Ordnungsamt und zur örtlichen Polizei haben sich bloß offiziell und mit durchaus guten Gründen von der Gängelung zurückgezogen, so notwendig sie in der Frühphase der Pandemie auch erschien. Ein gesetzliches Ende des Maskenzwangs bedeutet dann aber auch Ende – Punkt. Die Freiwilligkeit des Tragens steht dem nicht entgegen; niemand müsste an sie erinnern. [...] Unter Berufung auf ungreifbar über uns schwebende Verhängnisse wie die Klimaerwärmung oder die Corona-Drohung lassen sich zahllose Alltagshandlungen ins moralische Zwielicht setzen, die der Staat sich nicht zu verbieten traut. Wer einmal erlebt hat, wie ein Bekannter, der selbst gerade dem Airbus entstiegen ist, jedwede Flugreise entrüstet als bösen CO2-Fußabdruck anderer schmäht, weiß genau, zu welcher Doppelmoral das führen kann. [...] Wie beim Maskenzwang geraten wir mehr oder weniger unmerklich in ein Moralregime hinein, das wie beim traditionellen Christentum mit Sünde und schlechtem Gewissen arbeitet, gerade wo es gar kein gesetzliches Verbot gibt. [...] In einer freiheitlichen Gesellschaft jedoch muss es eine Selbstverständlichkeit bleiben, dass man tun darf, was die Gesetze einem (noch) nicht verbieten: Fleisch essen, in Urlaub fliegen und ohne Maske im Konzert sitzen. (Dirk Schümer)

Dieser Artikel ist so unglaublich bezeichnend für den Kubicki-Liberalismus. Es ist eine Selbstentlarvung. Es ging nie um Freiheit, sondern immer um die Durchsetzung der eigenen Präferenzen. Es reicht nicht, dass keine Maskenpflicht mehr besteht; andere müssen auch keine Maske tragen dürfen, weil sie die eigene Empfindsamkeit beschädigen könnten. Was Schümer hier im Endeffekt fordert, sind Triggerwarnings, und weil die Warnung alleine nicht reicht, auch noch gleich das Verbot. Und das ist der Punkt, an dem diese selbsternannten liberalen Freiheitskämpfer immer landen werden: das Verbot abweichender Meinungen und die Durchsetzung ihrer eigenen Hegemonialitität. Gemäß dem Motto: Nein, nein, die Freiheit, in der alle machen, was ICH will! Dass sie es selbst sind, die alle mit ihren moralisierenden Forderungen unter ihr eigenes Moralregime stellen, kommt ihnen gar nicht in den Sinn, und es zeigt sich im letzten hier zitierten Satz wieder einmal, worum es geht: ich will, ich will, ich will. Und das steht absolut über allen anderen und wird dann "liberal" genannt. Das ist die gleiche intellektuelle Armseligkeit, in der 1989 der Sozialismus gefeiert wurde.

8) The only way for Democrats to ride the abortion tiger to victory in November

But what about expressed support for abortion rights in general? It's certainly true that when Americans are asked by pollsters whether they are pro-choice, around 60 percent say yes and have done so for quite a long time. But it's also the case that when they are asked whether abortion should be permitted in the first, second, and third trimesters, the results are far more conflicted. Support for abortion rights comes in at around 61 percent during the first three months of pregnancy, but it falls to around 35 percent during the second three months, and then falls again, all the way down to 20 percent support, during the final three months prior to birth. This shift has been picked up in Gallup polls from 1996 down to 2018, and it's also present in a more recent survey from a year ago. It's also the case that most Americans support exceptions (for rape, incest, and the life of the mother) all the way through pregnancy. But the American default comes nowhere near support for a blanket right to terminate a pregnancy on demand. [...] The same might be said of the decision by Rep Tim Ryan, the Democrat who will be facing Republican J.D. Vance in the Ohio Senate race this November, to come out this week on Fox News favoring no restrictions on abortion through 40 weeks of pregnancy. Vance lost little time in labeling that "a barbaric position anywhere in the world," including in European nations, which "typically don't allow abortion after 12 weeks." (Vance is right about abortion policy in Europe.) It's quite a feat to make Vance sound like a paragon of moderation and reasonableness, but Ryan has managed to accomplish it. (Beto O'Rourke, the Democrat challenging Republican Gov. Greg Abbott in Texas, appears eager to do something similar in his own race.) (Damon Linker, The Week)

Ich halte diese Einschätzung für korrekt. Alle Umfragen zu dem Thema zeigen zwar deutliche Mehrheiten für die grundsätzliche Legalität der Abtreibung, aber sie zeigen ebenso deutliche Mehrheiten für Einschränkungen. Wir können dasselbe überall in Europa auch beachten, wo die Abtreibungsgesetze ironischerweise überwiegend härter sind als in den USA. Tatsächlich ist es absurd, dass die Democrats es Leuten wie JD Vance ermöglichen, als die moderatere Wahl darzustehen - und man muss sagen, zurecht, denn diese Positionen sind einfach nicht mehrheitsfähig. Vertrau immer auf die Democrats, sich selbst in den Fuß zu schießen, ihre Fähigkeit dazu ist praktisch unendlich.

9) How Oslo Learned to Fight Climate Change

Through an annual process known as climate budgeting, every department in the city identifies specific policies and actions to reduce its emissions. All of these separate interventions, with their impacts regularly quantified and monitored, are aimed at reducing the city’s greenhouse-gas emissions ninety-five per cent from their 2009 levels by 2030. It’s one of the world’s most audacious climate targets; at the same time, in its speed and scale, it accurately reflects the level of emissions reduction we need if we’re to prevent the most dire consequences of climate change. Look at Oslo, and you can begin to see what life will look like in a city that’s serious about its obligations to the future. The shifts are subtle but pervasive, affecting everything from cemeteries, parking, and waste management to zoning, public transportation, and school lunch. Rather than waiting for a single miraculous solution, Oslo’s approach encourages a dispersed, positive shift. [...] Oslo’s Climate Agency has found that approximately seventy per cent of the city’s residents consider the climate goals important and embrace them; in the last local election, the Green Party has nearly doubled its representation on the city council. Despite considerable grumbling over parking policies, many people also seem to enjoy how the city now has fewer cars. “Just a few years ago, some streets were packed with cars,” Vice-Mayor Stav said. “Change is always a bit scary, you know, so it’s understandable, but then people see the result, and they’re O.K. It’s actually nice.” (Nick Romeo, New York Magazine)

Jede Stadt, die solche Maßnahmen umsetzt, wird zu einem wesentlich lebenswerteren Raum, in dem es sich gesünder und besser lebt als vorher. Ob Barcelona mit seinen vom Autoverkehr abgeschnitten Blocks, ob Amsterdam mit seiner Fahrradinfrastruktur, ob Oslo mit seinen Parks - nicht nur hilft es bei der Bekämpfung des Klimawandels, es macht auch noch alles besser! Es ist die verdammte Auto-Ideologie in Deutschland, die ähnliche Umbauten bisher verhindert. In Berlin wird mit aller Macht ein Autobahnausbau quer durch die Stadt (!) gepeitscht, und auch in Städten wie Stuttgart, ohnehin eine der hässlichsten Metropolen der Republik, wird hauptsächlich diskutiert, wie man die endlosen Blechlawinen besser durch die verstopften Straßen kriegt, anstatt endlich Alternativen aufzubauen. Dabei sind es gerade die Städte, wo wegen der großen Bevölkerungskonzentration besonders umfassende und weitreichende Lösungen gefunden werden können. Zum Haareraufen.

10) Deutschland errichtet deutlich weniger Windräder

Weil auch alte Anlagen stillgelegt wurden, lagg der Nettozuwachs bei der installierten Leistung bei 355 Megawatt, hieß es unter Berufung auf Zahlen der Fachagentur Windenergie. Spitzenreiter waren Nordrhein-Westfalen mit 26 neuen Windrädern und Schleswig-Holstein mit 25. Im flächenmäßig größten Land Bayern, das die bundesweit strengsten Regeln zum Abstand von Windrädern zur Wohnbebauung hat, ging überhaupt kein neues Windrad ans Netz. [...] Bestehende, pauschale Abstandsregelungen müssten abgeräumt werden, sagte der Präsident des Bundesverbands Windenergie, Hermann Albers. Der Schutz der Bürgerinnen und Bürger im direkten Umfeld von Windenergieanlagen sei bereits durch umfangreiche Regelungen im Bundesimmissionsschutzgesetz gegeben. Unter anderem in Bayern kommt der Ausbau der Windenergie deshalb bislang nur sehr schleppend voran – beziehungsweise in den ersten drei Monaten dieses Jahres gar nicht. In dem Bundesland gilt die umstrittene 10H-Abstandsregel für Windräder. Sie sieht bisher den zehnfachen Abstand der Windradhöhe zur nächsten Bebauung vor. [...] Die Bundesregierung will den Ausbau der erneuerbaren Energien mit einem umfassenden Maßnahmenpaket beschleunigen. So will Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) erreichen, dass künftig zwei Prozent der Landesfläche in Deutschland für Windenergie ausgewiesen werden. Das wird bisher in den allermeisten Ländern bei Weitem nicht erreicht. (dpa, SpiegelOnline)

Wo wir gerade schon beim Kampf gegen den Klimawandel sind, so ist dieses spezielle Armutszeugnis auch etwas, das man der völlig verfehlten Politik der letzten 20 Jahre (und damit auch hauptverantwortlich Angela Merkel) vor die Füße legen kann. Wie kann es sein, dass dieser überbordende NIMBYismus verhindert, dass weitere Windräder aufgestellt werden, ja, dass die Kapazität teilweise sogar rückläufig ist? Besonders krass ist und bleibt natürlich Bayern, wo die CSU aktive Sabotage betrieben hat und sich stattdessen Putin an den Hals warf - mit den bekannten desaströsen Folgen. Dieses grandiose Plakat der Grünen zeigt ziemlich deutlich die Zusammenhänge. Es gibt schlicht keinen Grund, nicht massiv die Erneuerbaren auszubauen. Das wurde 20 Jahre lang bewusst verhindert - "verschlafen" ist hier ein völlig unzulässiger Euphemismus. Zeit, endlich gegenzusteuern.

Resterampe

a) Trump gab den Befehl, unbewaffnete Demonstrierende zu erschießen, und das interessiert keine Sau. Aber klar, Hillarys eMails waren total wichtig.

b) Ja, Hans-Werner Sinn lag auch krass daneben, aber natürlich gibt es da keinerlei Selbstreflexion.

c) Oh cool, Trump wollte auch Mexiko bombardieren ("quietely", also geheim und illegal), aber sein Verteidigungsminister hielt ihn ab. Aber nie vergessen, Hillary hatte Mails.

d) Ulrike Guérot ist echt so abgespacet. Krass, wie sich diese Leute selbst radikalisieren und abschießen. Und auch hier natürlich: erst gegen Masken, dann gegen Impfen, dann gegen die Ukraine.

e) Der Gouverneur von Texas will öffentliche Schulen, der GOP-Chair von Idaho Verhütungsmittel verbieten, weil die Republicans sind überhaupt keine radikale Partei.

f) Völlig unerklärlich, warum die Digitalisierung an Schulen nicht so recht vorwärts kommt.

g) Kulturpessimismus liegt falsch, immer.

h) Gregor Gysis moralische Bankrotterklärung.

i) Die Jungle World war jetzt auch nicht der Ort wo ich eine klare Kritik der Zögerlichkeit der Bundesregierung erwartet hätte.

j) Diesem zwei Jahre alten Artikel "Warum ich kein Antifa bin" kann ich nur (aus aktuellem Anlass) von Herzen zustimmen.

k) Dieser Artikel setzt das Lend-Lease-Abkommen in historischen Kontext und fragt, wie viel Analogie für den Ukrainekrieg erhellend ist (spoiler: wenig).

l) Eine neue Studie aus Cambridge belegt einmal mehr, dass es im Umgang mit radikalen Parteien nicht hilft und eher schadet, deren Themen zu besetzen zu versuchen. Wird natürlich niemand in der CDU abhalten, aber hey.

m) Eine Betrachtung der Gründe für die Inflation in den USA.

n) Warum es die Depublikationspflicht immer noch gibt, erschließt sich mir auch nicht. Es ist eine wahnsinnige Sauerei.

o) Meine ausführliche und über alle Zweifel erhabene Analyse zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein.

Montag, 9. Mai 2022

Rezension: Bob Blume - Zehn Dinge, die ich an der Schule hasse: Und wie wir sie ändern können

 

Rezension: Bob Blume - Zehn Dinge, die ich an der Schule hasse: Und wie wir sie ändern können

Disclaimer: Ich bin mit dem Autor bekannt und habe ein Rezensionsexemplar erhalten.

Vor rund 20 Jahren machte ein Buch über die Schule Furore, das den Titel „Das Lehrer-Hasser-Buch“ trug. Der Name war Programm; das Pamphlet enthielt vor allem anekdotische Klagen einer Mutter über das, was sie alles ganz schrecklich fand. Die Autorin tingelte damals durch Talkshows, und für einen Nachrichtenzyklus gab sich die Republik genussvoll dem Lehrkräfte-Bashing hin. Man könnte denken, dass Bob Blumes Buch durch die Ähnlichkeit im Titel auch so ein Pamphlet wäre. Aber da wäre man weit gefehlt. Blume ist einerseits wesentlich interessierter an einer konstruktiveren Auseinandersetzung. Und er bringt dafür den Blick von innen mit. Denn Bob Blume ist nicht nur selbst Lehrer, sondern auch ein didaktischer Vordenker im Bereich der Modernisierung und Digitalisierung von Schulen.

Freitag, 6. Mai 2022

Richard David Precht führt in Shanghai einen Kampf gegen die Inflation, Twitter und Tucker Carlson - Vermischtes 09.05.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Rezension: Franziska Schutzbach - Die Erschöpfung der Frauen: Wider die weibliche Verfügbarkeit

 

Franziska Schutzbach - Die Erschöpfung der Frauen: Wider die weibliche Verfügbarkeit

Der Titel dieses Buches mag für die eine oder ander gerunzelte Stirn sorgen. "Wider die weibliche Verfügbarkeit"? Was ist damit gemeint? Franziska Schutzbach bietet in ihrem bemerkenswerten Buch die These an, dass die Frauen unter einer kollektiven Erschöpfung leiden, die Folge der von ihnen erwarteten, eingeforderten und auch bereitgestellten ständigen Verfügbarkeit sei. Sie wendet sich gegen diese Verfügbarkeit, sowohl in dem Sinne, dass Frauen aufhören müssten, sich selbst ständig verfügbar zu machen, als auch von den Männern im Speziellen und der Gesellschaft im Allgemeinen, dass sie aufhören möge, diese ständig einzufordern. Das Buch ist lose in sieben große Kapitel gegliedert, die von der Autorin aus problemlos getrennt voneinander gelesen werden können; sie spricht von einer "essayistischen Struktur". Es enthebt sie auch der lästigen Pflicht, dem Ganzen einen übergeordneten Roten Faden zu verpassen, aber das tut der Qualität der in den Kapiteln enthaltenen Gedanken glücklicherweise keinen Abbruch.

Montag, 2. Mai 2022

Netflix verkündet einen Marshallplan für die Digitalisierung deutscher Schulen und lässt sich von Ron deSantis helfen - Vermischtes 02.05.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Sonntag, 1. Mai 2022

Bücherliste April 2022

 

Anmerkung: Dies ist einer in einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher und Zeitschriften bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Darüber hinaus höre ich eine Menge Podcasts, die ich hier zentral bespreche, und lese viele Artikel, die ich ausschnittsweise im Vermischten kommentiere. Ich erhebe weder Anspruch auf vollständige Inhaltsangaben noch darauf, vollwertige Rezensionen zu schreiben, sondern lege Schwerpunkte nach eigenem Gutdünken. Wenn bei einem Titel sowohl die englische als auch die deutsche Version angegeben sind, habe ich die jeweils erstgenannte gelesen und beziehe mich darauf. In vielen Fällen wurden die Bücher als Hörbücher konsumiert; dies ist nicht extra vermerkt. Viele Rezensionen sind bereits als Einzel-Artikel erschienen und werden hier zusammengefasst.

Diesen Monat in Büchern: Experiment, Wilson, Gorbatschow, Potsdam, Spartacus, Kaiser, Wehrdienstverweigerung, Kiesow, Faust, GIs, Alltagsgeschichte

Außerdem diesen Monat in Zeitschriften: Geschlechtergerechte Sprache

Freitag, 29. April 2022

Rezension: Kai Frerich - Als das Rad zerbrach

 

Kai Frerich - Als das Rad zerbrach

Vor 25 Jahren starb Ulrich Kiesow, viel zu früh im Alter von nur 48 Jahren an den Spätfolgen seines zwei Jahre zuvor erlittenen Herzinfarkts. Einige geneigte Lesende dieses Blogs mögen sich jetzt fragen, wer Ulrich Kiesow war und warum sie noch nie von diesem wichtigen Menschen gehört haben, dem hier ein ganzer Erinnerungsband gewidmet wurde. Das liegt vermutlich daran, dass einer der kulturellen Meilensteine der jüngeren deutschen Geschichte verpasst wurde: das Fantasy-Rollenspiel "Das Schwarze Auge", kurz DSA. Ulrich Kiesow erschuf es in meinem Geburtsjahr 1984, was es mir leicht macht, das Alter des Spiels nachzuverfolgen. Ich selbst spiele es seit dem 25. Dezember 2000. Den 1997 verstorbenen Kiesow habe ich offensichtlich nie kennengelernt. Aber er hat mich zutiefst mitgeprägt, denn angefangen habe ich mit der dritten Edition von 1993.

Donnerstag, 28. April 2022

Rezension: Hannah Brinkmann - Gegen mein Gewissen

 

Hannah Brinkmann - Gegen mein Gewissen

Die Wiedereinführung der Wehrpflicht führte in den 1950er Jahren, zusammen mit der Debatte um die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, zu den ersten großen Protesten der Bundesrepublik ("Ohnemich-Bewegung"). Begründet wurde die Einführung unter andem absurderweise mit dem Argument, dass das Recht auf Wehrdienstverweigerung, das im Grundgesetz festgeschrieben war, die Einführung der Wehrpflicht quasi bedinge. Ungeachtet solcher juristischen Spitzfindigkeiten sprachen handfeste außenpolitische Gründe dafür, und so kam die Wehrpflicht 1956. Das Recht auf Verweigerung dagegen blieb ein weitgehend theoretisches. Wie die Entscheidung gegen den Wehrdienst selbst in den 1970er Jahren zu massiven Repressionsmaßnahmen und Tragödien führte, zeigt Hannah Brinkmann in dieser als Comic illustrierten Familiengeschichte ihres Onkels Herrmann auf.

Mittwoch, 27. April 2022

Rezension: Bill Bryson - At home. A short history of private life

 

Bill Bryson - At home. A short history of private life

Was ist eigentlich die Geschichte des Esstischs? Wie kommt es, dass wir einen Keller haben? Seit wann gibt es Toiletten? Und weshalb sind Schlafzimmer ein so privater Raum? Bill Bryson stellt alle diese Fragen (und viele mehr) und begibt sich auf eine Tour durch sein eigenes Haus, um anhand der verschiedenen Räume eine Geschichte des Alltags und des Privatlebens aufzuschreiben. Das Haus, das er mit seiner Familie in Norfolk bewohnt, dient ihm so als Absprungpunkt für die verschiedensten Themen und strukturiert das Buch auch gleich durch - von dem Grund und Boden, auf dem es steht zum Keller und bis hinauf zum Dach.

Dienstag, 26. April 2022

Persische korrupte Atomkraftwerke interpretieren mit russischer Propaganda die US-Verfassung - Vermischtes 26.04.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Montag, 25. April 2022

Rezension: Kai Brodersen - Ich bin Spartacus

 

Kai Brodersen - Ich bin Spartacus

Nach unserem letzten Ausflug in die Geschichte der Antike (mit Jörg Findlings "Kaiser von morgens bis abends") rezensiere ich hier gleich einen weiteren Band der Reihe "Geschichte erzählt". Das gerade einmal rund 80 Seiten starke Bändchen von Kai Brodersen beschäftigt sich mit einem der prominentesten Charaktere der römischen Geschichte, dem Sklavenführer Spartacus. Bekannt ist er vor allem durch die Hollywood-Verfilmung mit Kirk Douglas von 1960, deren berühmteste (wenngleich frei erfundene) Szene dem Buch auch dem Namen gegeben hat. Einem jüngeren Publikum mag die grauenhafte Blut-und-Titten-Serie "Spartacus" des Spartensender Starz ein Begriff sein, die sich dem Mythos beinahe noch freizügiger angenommen hat als Kubrick anno 1960, falls das überhaupt möglich war.

Mittwoch, 20. April 2022

Rezension: Jörg Fündling - Kaiser von morgens bis abends

 

Jörg Fündling - Kaiser von morgens bis abends

Das Leben eines römischen Kaisers ist mit Sicherheit keines, das repräsentativ für den Alltag des Römischen Reiches sein kann. Ungemein faszinierend aber ist die Frage, wie der Alltag des Manns an der Spitze ausgesehen haben könnte, natürlich dennoch. Kenner*innen der antiken Geschichte wird kaum überraschen, dass die Quellenlage eher dürftig ist, aber Jörg Fündling hat sich trotzdem an dieses - wohl nicht 100% ernstgemeinte - Experiment gewagt und versucht, eine Art "Idealtag" des Herrschers zu erstellen. Der müsste sich dafür zwar teleportieren und gelegentlich in die Transzendenz gehen, um zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten an unterschiedlichen Orten gleichzeitig zu sein, aber das wollen für das Gedankenexperiment durchgehen lassen, denn der relevante Teil ist ja eher zu sehen, wie sich diese Aufgaben verteilen, und warum. Denn wir wissen immerhin genug um feststellen zu können, dass ein römischer Alltag sich schon deutlich von unserem unterscheidet, und das nicht nur wegen des offensichtlichen technologischen Unterschieds.

Dienstag, 19. April 2022

Rezension: Michael D. Doubler - Closing with the enemy. How GIs fought the war in Europe, 1944-1945

 

Michael D. Doubler - Closing with the enemy. How GIs fought the war in Europe, 1944-1945

Der US-Armee hängt in der populären Militärgeschichte gerne der Ruf an, taktisch nicht sonderlich gut aufgestellt gewesen zu sein und mangelnde Moral und Fähigkeiten durch massiven Materialeinsatz kompensiert zu haben. Dieses Klischee, dem dann gerne eine toughe, make-do-with-little-Wehrmacht gegenübergestellt wird, ist natürlich genau das: ein Klischee. Es hält sich aber, einerseits wegen der großen erzählerischen Kraft, die es entfaltet, andererseits wegen der schmeichelhaften Wirkung für die Wehrmacht auf der einen und die Rolle des Underdogs für die GIs auf der anderen Seite, sehr dauerhaft. Es ist erstaunlich, wie unbekannt die alltägliche Realität für GIs ist, wenn man bedenkt, wie sehr der Zweite Weltkrieg in Europa aus amerikanischer Sicht die Unterhaltungsindustrie dominiert und in Filmen, Serien, Video- und Brettspielen rezipiert wird. Michael D. Doubler setzt hier an und versucht sich an einer umfassenden Gesamtdarstellung der amerikanischen Kriegsführung in Europa 1944-1945.

Pazifistische Oligarchen verbieten Masken tragend Bücher bei der TV-Debatte im Aldi in Alaska - Vermischtes 19.04.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Donnerstag, 14. April 2022

Rezension: Flix - Faust. Der Tragödie erster Teil

 

Flix - Faust. Der Tragödie erster Teil

Ein Graphic Novel bei Reclam? Da kann es sich ja praktisch nur um Hochkultur handeln! Über eine Fortbildung wurde ich auf diese vor rund zehn Jahren erschienene Comic-Adaption des recht unbekannten Dramas Faust des Nischenautors Johann Goethe aufmerksam, der aus unerfindlichen Gründen gerade wieder einmal im Abitur besprochen wird. Aber Scherz beiseite, Comicadapationen (gerne mit dem bildungsbürgerlich tauglicheren Label "Graphic Novel" versehen, das in den meisten Fällen ungefähr so berechtigt ist wie "Premium" auf den Discounter-Eigenmarken) literarischer Klassiker gibt es zuhauf. Die Zielgruppe sind vermutlich wohlmeinende Verwandte und Lehrkräfte, in der irrigen Hoffnung, dass ein Comic den Nachwuchs eher zur klassischen Literatur bewegen möge. Meist handelt es sich dabei um kaum mehr als illustrierte Ausgaben, deren Text zufällig in Sprechblasen drapiert wurde ("Wer die Nachtigall stört" wäre da so ein Kandidat, den ich auch im Regal stehen habe). So die gute Nachricht vorweg: diesen Vorwurf muss sich Flix mit seiner Faust-Adaption nicht machen lassen.

Stattdessen haben wir es hier mit einer eher losen Adaptio zu tun, bei der Faust ein Berliner Künstler ist, der zusammen mit seinem Freund Wagner in einer Mietskaserne lebt und undefiniert unglücklich ist. Zum Glück schließen der christliche Gott und Mephisto auf Arbeit zwischen zwei Ramazotti eine Wette darüber ab, ob Mephisto Faust dazu bringen kann, auf Abwege zu geraten (nicht, dass es mit seiner Treue zu Gottes ohnehin kleiner Stammkundschaft weit her wäre). Nachdem sie aussortieren, dass Gott Faust nicht einfach töten darf, um seine Seele Mephistos Zugriff zu entziehen (clever!), schließt Mephisto sein Bündnis mit Faust, der sein Glück kaum glauben kann: eine Woche lang erfüllt ihm Mephisto jeden Wunsch, ganz kostenlos. Und Faust wollte schon immer die Deutsch-Türkin Margarethe aus dem Gemüseladen gegenüber in die Arme schließen.

Was Flix hier versucht, ist eine Modernisierung des Stoffes, einerseits. Andererseits versucht er eine witzige Geschichte zu erzählen. Und zuletzt soll das Ganze wohl auch Aufschluss über das Deutschland des 21. Jahrhunderts geben, irgendwie.

Die Modernisierung des Stoffes können wir getrost abhaken. Flix nutzt Faust eigentlich nur als Zitate- und Anspielungswiese, damit die einschlägig gebildete Lesendenschaft wissend nicken oder gepflegt lachen kann, wenn die entsprechenden Zitate kommen ("Habe doch nun, ach, Türkisch studiert, durchaus mit heißem Bemühn..."), was zwar gelegentlich für ein Schmunzeln sorgt (Punkte für das Ziel einer witzigen Geschichte), aber mit dem Ursprungsstoff wenig zu tun hat. Klar, Gott und Mephisto schließen eine Wette, aber deren Inhalt hat mit dem Original praktisch nichts zu tun. Zwar erlebt Faust mit Mephisto irgendwelche Abenteuer, aber diese sind bestenfalls "based on true events" und abgesehen von Zitaten und ästhetischen Parallelen mit der Originalhandlung kaum identisch. Auch die Figuren von Wagner (zu ihm gleich mehr) und Margarethe haben mir ihren Originalen effektiv nichts zu tun; der Versuch, den Handlungsstrang der Gretchentragödie umzusetzen, schlägt völlig fehl und endet in völligem cringe, wie die Jugend heute angeblich zu sagen pflegt.

Die gesamte Handlung ist daher erkennbar an Faust angelehnt, weil die Charaktere die entsprechenden Namen tragen und sich hin und wieder willkürlich einige direkte Zitate aus dem Originaltext an den Kopf werfen, aber sie entkernt sie praktisch völlig. Das ist nachvollziehbar, ist doch die spezifische Verankerung derselben im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert gerade eine der Hauptschwierigkeiten, die Schülr*innen im Umgang mit der Lektüre haben. Das Wertesystem, das der gesamten Gretchentragödie zugrunde liegt, ist uns vollkommen fremd; jeder Modernisierungsversuch muss scheitern. Flix' Ansatz, das Ganze in den Deutsch-Türkischen Kontext zu verlagern, macht das nur noch schlimmer. Ja, dass Sex vor der Ehe in diesem Kontext ein größeres Problem darstellt als für den Westberliner Faust macht das Ganze zumindest grundsätzlich logischer, aber es ist dafür voll rassistisch-stereotyper Seitenhiebe (inklusive Zwangsheirat Gretchens mit dem unattraktiven türkischen Cousin, den sie nicht kennt), dass man bei der Lektüre schmerzhaft das Gesicht verzieht.

Viel davon hat mit dem Humor zu tun. Gretchens Mutter etwa verdient ihren Lebensunterhalt damit, das im Großmarkt gekaufte Gemüse mit Bio-Labeln zu bekleben ("die Deutschen kaufen alles, wo Bio draufsteht"). Sie verbietet Gretchen das Ausgehen und kontrolliert ständig, ob sie einen Freund hat, ist aber gleichzeitig wie Gretchen selbst (die sie ständig "Özlem" nennt, weil sie sich ihren Namen nicht merken kann(!!!)) religiös total liberal und weltoffen, um einen Kontrast zu setzen. Dadurch geht aber die komplette Dimension der bürgerlichen Welt und Moral verloren, ebenso wie Kirchenfrömmigkeit, die Gretchen und ihre Mutter ausmachte und die, Stichwort Gretchenfrage, ein zentraler Bestandteil des Dramas sind. Ohne diese Voraussetzungen kann die Gretchentragödie nicht funktionieren. Was macht Flix also? Die Mutter stirbt, weil sie einen Herzinfarkt bekommt, als sie zufällig sieht, wie sich Gretchen (Özlem) und Faust küssen. Bei der Beerdigung rutscht Gretchens Bruder Valentin auf einer Pfandflasche aus und stirbt, weil er sich den Kopf am Grabstein der Mutter aufschlägt. Die Geschmacklosigkeit kennt keine Grenzen.

Wer glaubt, schlimmer als diese Ladung von Islamklischees geht es nicht mehr, muss sich nur Wagner anschauen. Der ist schwarz (weil progressive Werte, nehme ich an) und sitzt im Rollstuhl. Außerdem hat er einen Pudel (intertextuelle Anspielung in 3, 2, 1, ...). Wagner macht Faust permanent ein schlechtes Gewissen und lässt sich von ihm durch die Gegend schieben und fahren und benimmt sich generell wie der hinterletzte Mensch, als wolle er die Prämisse des "Toten Hosen"-Songs, dass auch lesbische schwarze Behinderte ätzend sein können, Seite um Seite belegen. Zwischendurch wird Wagner von Mephisto komplett geheilt und verschwindet dadurch als dramatisches Element weitgehend aus der Geschichte.

Das macht aber nicht viel aus, weil die Geschichte selbst nur ein dünner Vorwand ist, um eine Reihe von Gags aneinanderzureihen, die mal mehr, mal besser funktionieren. Allzu oft funktionieren diese nach Motto von Mario Barth ("Kennste, kennste?") und bestehen kaum mehr aus Anspielungen auf "dieses Ding, das du anderswoher kennst", nach dem leider inzwischen auch ein Großteil der Disney-Produktionen funktioniert. In dem Sinne ist Flix geradezu avantgardistisch. Besser macht das den Band leider nicht. Das generell eher flache Niveau der Gags verhindert daher auch Aussagekraft und Biss. Über die moderne Bundesrepublik wird hier wenig ausgesagt (stattdessen ist die workplace comedy der Szenen im Himmel mit den Ramazottis und langen Pausen eher Boomer-Humor, der merkwürdig deplatziert wirkt).

Was bleibt also? Für den Unterricht ist der Comic (und nein, es ist kein graphic novel) bestenfalls dafür zu gebrauchen, die Schüler*innen erkennen zu lassen, dass Intertextualität noch keine Adaption macht und ihr Verständnis für die Motive und Strukturen des Dramas zu schärfen, indem sie ihre Abwesenheit in der Umsetzung bemerken. Wer das Drama nicht gut kennt, wird auch keine Freude haben, weil die meisten Anspielungen noch flacher aufklatschen als ohnehin. Relevant scheint mir das Ding nur für Leute zu sein, die gerne politisch unkorrekten Humor der harmlosen Sorte mögen, sich bildungsbürgerliche Meriten wenigstens einbilden und die alt genug sind, die abgestandene Chose nicht als solche zu empfinden. Ich bin, falls man das nicht bemerkt hat, kein Fan.

Mittwoch, 13. April 2022

Rezension: Michael Neiberg - Potsdam. The end of World War II and the remaking of Europe

 

Michael Neiberg - Potsdam- The end of World War II and the remaking of Europe

Als Stalin im Juni 1945 gefragt wurde, welchen Sinn die für August angesetzte Konferenz von Potsdam seiner Meinung nach habe, erklärte er: "Die Vorbereitung der nächsten Konferenz." Weder er noch irgendjemand anderes ging zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass dies das letzte Mal sein sollte, dass die alliierten Führer aufeinandertrafen. Vorher hatte bereits der Tod Franklin D. Roosevelts im April für eine starke Veränderung der alliierten Disposition gesorgt. Immerhin standen für den August selbst keine unangenehmen Überraschungen an; die Tories erwarteten in den Unterhauswahlen einen Sieg und den Ausbau der Mehrheit für Churchills Regierung. Als stattdessen ein Erdrutschsieg Labours Clement Attlee an die Macht brachte, waren die Umbrüche innerhalb des alliierten Lagers bereits gewaltig. Doch das war nichts gegen die Veränderungen, die in Europa anstanden und die in Potsdam innerhalb von siebzehn Tagen diskutiert worden - oft genug nur als Improvisorium, das sich dann als erstaunlich beständig erwies.

All dies ist Grund genug, sich tiefgehender mit der Konferenz von Potsdam zu beschäftigen. Michael Neiberg vermeidet hierbei den, wie er es ausdrückt, "an Tag X sagte Truman Y zu Stalin"-Ansatz und versucht, stattdessen ein Gesamtbild der Konferenz zu entwerfen. Entsprechend führt er zuerst in die Disposition der "Großen Drei" ein, die den Gang der Ereignisse bestimmten.Dazu gehört auch ein Rückblick auf die Konferenz von Jalta, auf der im Januar 1945 bereits wichtige Vorfestlegungen getroffen worden waren (etwa die Aufteilung in Besatzungszonen und die grundsätzliche Absichtserklärung für Demontagen, Reparationen und Umerziehung), die aber noch keine detaillierten Ergebnisse erbrachte.

Den Anfang machen in Neibergs Schilderung die USA. Hier liegt das wohl größte Mysterium der politischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs nach der Frage, warum Hitler den USA den Krieg erklärte: kaum etwas ist so erklärungsbedürftig wie die Weigerung Roosevelts, trotz seiner schweren Krankheit seinen designierten Nachfolger Harry S. Truman nicht in die Planungen einzubeziehen und komplett im Dunkeln zu lassen.

Roosevelts Gesundheitszustand war keine unbekannte Variable. Aber in einer Art kollektiver Selbsthypnose überzeugte sich sein Umfeld, dass es schon nicht so schlimm werde (und offensichtlich Roosevelt sich selbst auch), weswegen niemand bei der Auswahl des Vizepräsidenten (mit der Neiberg seine Schilderung beginnt) irgendwie groß Überlegungen einfließen ließ; Truman selbst hatte keine Ahnung, dass er die Konferenz, auf die er fuhr, als Vizepräsidentschaftskandidat verlassen würde. Entsprechend unvorbereitet war der neue amerikanische Präsident. Truman glich dies durch großen Lerneifer aus, aber seine Unerfahrenheit konnte nur negative Effekte auf die Konferenz haben.

Die amerikanischen Interessen waren recht eindeutig: eine Rückkehr zum Status Quo so schnell wie möglich. Europa sollte befriedet und für den Handel geöffnet und, vor allem, die amerikanische Armee demobilisiert werden. "Bring the boys home!" war der Slogan, dem zu entziehen kaum möglich war. Die USA besaßen hierfür ein Ass im Ärmel: die Atombombe, die in der Lage schien, die Sicherheitsinteressen der USA auch ohne riesige Militärpräsenz zu sichern.

Die oberste Priorität der USA war, die Situation nach dem Ersten Weltkrieg zu vermeiden. Damals hatten Frankreich und Großbritannien ihre gewaltigen Kriegsschulden dadurch abzubezahlen versucht, dass sie große Reparationen aus Deutschland erhielten. Deutschland aber hatte die Ressourcen dafür nicht, weswegen es auf amerikanische Kredite angewiesen waren. Effektiv finanzierten die USA damit die deutschen Reparationen - ein ziemlich dummes System. Deswegen drängten die USA darauf, die Reparationen durch eine Einmalzahlung zu erledigen und dann Deutschland wieder in die europäische Wirtschaf zu integrieren.

Daraus erklärt sich auch die hartnäckige Weigerung, Frankreich einen Sitz in der Konferenz zu geben (obwohl Amerikaner und Briten ihnen bereits aus ihren Zonen eine Besatzungszone abtraten). Das Problem von 1919, zig verschiedene Staaten mit ihren Petitionen an den Friedensverhandlungen zu beteiligen und doch nur Unmut zu schaffen, wollte man unbedingt vermeiden. Der Friedensschluss würde dieses Mal einer werden, den die "Großen Drei" unter sich verhandelten und dann Deutschland aufoktroyierten. Dass es 45 Jahre dauern sollte, bis dieser Friedensschluss dann kam, sah keiner der Beteiligten voraus.

Großbritannien dagegen sah sich einer ganz anderen Situation gegenüber. Zunehmend irrelevant im beginnenden bipolaren Zeitalter, versuchte es sein Empire und seine Stellung als Großmacht zu retten. Das war nicht leicht. Die viel beschworene "Special Relationship" mit den USA enthielt große Ausnahmen, in denen die USA tatsächlich größere Interessensüberschneidungen mit der Sowjetunion besaßen. Aber dem Vereinigten Königreich fehlte die realpolitische Unterfütterung, um seine Interessen noch durchsetzen zu können. Das Land war faktisch bankrott, substanzielle Reparationen waren nicht zu erwarten. Es brauchte also irgendeine finanzielle Hilfe der USA.

Dazu kamen innenpolitische Zerwürfnisse. Die Bevölkerung war nach Jahren des Krieges nicht mehr willig, die Tory-Politik fortzusetzen. Der Ruf nach Reformen war stärker, als es an der Oberfläche sichtbar war, und es war Labour, die man mit der Umsetzung dieser Reformen betraute. Clement Attlee hatte, während Churchill den eigentlichen Krieg geführt hatte, quasi die Innenpolitik Großbritanniens gemanagt. Selbst im Zweiten Weltkrieg bewerteten die Wähler offensichtlich die Innenpolitik als für sie wesentlich gewichtiger als die Außenpolitik; eine Konstante der demokratischen Politik. Churchill, der glaubte für den Sieg im Krieg mit einem Sieg an den Wahlurnen belohnt zu werden, wurde kalt überrascht.

Das Schlechteste war das für die Briten nicht. Zwar war das britische Verhandlungsteam, das mitten in der Konferenz nach Potsdam zurückkehrte, genauso wie Truman unerfahren. Aber Churchill, das arbeitet Neiberg gut heraus, war am Ende seiner Kräfte. Psychisch und Physisch erschöpft musste er sich immer wieder erholen, hielt ellenlange Reden ohne Bedeutung und handelte erratisch. Zudem lebte er in einer Traumwelt, losgelöst von Realitäten, und verfolgte völlig illusorische Pläne.

Beachtlich ist, und auch das ist ein gewichtiger Punkt Neibergs, dass die Wechsel von Roosevelt zu Truman und Churchill zu Attlee keine relevanten Verschiebungen in den außenpolitischen Positionen der USA und des UK bedeuteten. Das wiederum überraschte Stalin sehr. Die Kontinuität der Demokratien und die Reibungslosigkeit des Machtwechsels (ich musste laut lachen, als Neiberg darstellte, wie verständnislos Stalin gegenüber Churchills Wahlniederlage war; ihm war völlig unklar, wie Churchill es zulassen konnte, dass eine echte Wahl stattfand) waren ihm auf tiefster Ebene fremd und blieben es auch.

Dieses tiefe Unverständnis lief in beide Richtungen. Wo Stalin wie selbstverständlich annahm, dass Roosevelt, Truman und Churchill genauso wie er lügen und betrügen, morden und verhaften würden, wie es ihren Interessen gerade dienlich schien (und ein ums andere Mal widerlegt wurde, ohne diese Prämisse zu ändern), nahmen USA und UK an, dass die UdSSR sich an getroffene Absprachen halten würde. Auch das war eine mehr als wackelige Annahme.

Stalin war sicherlich der beste Verhandler auf der Konferenz. Nicht nur hatte die Sowjetunion mit dem Team Stalin-Molotow, die zusammen erstklassig "Good Cop, Bad Cop" spielten und damit die angelsächsischen Verhandler um den Finger wickelten die beste Taktik; die UdSSR hatte auch die klarste Strategie. Problematisch war nur, was diese Strategie beinhaltete. Angesichts der gewaltigen Kriegszerstörungen wollte Stalin vor allem zwei Dinge: einen Sicherheitskordon in Osteuropa (den er ja dann auch bekam) und massive Reparationen aus Deutschland. Es war ihm dabei völlig egal, ob dies zu millionfachem Leid und Tod in Deutschland und einer Destabilisierung Europas führen würde; Stalin wollte Industriegüter und Geld, und er wollte es jetzt. Wenn es nach ihm ging, konnte Deutschland darüber gerne zugrunde gehen.

Die Zeit arbeitete schließlich für die Sowjets. Dem Kremlherrscher war völlig klar, dass Großbritannien bankrott und mit der Abwicklung seines Empire beschäftigt war; Frankreich nahm er ohnehin nicht ernst. Und die USA, das war die allgemeine Erwartung auch der Amerikaner, würden sich in den nächsten ein, zwei Jahren zurückziehen und damit der riesigen sowjetischen Armee die Schlüssel zur Dominanz über Europa in die Hand drücken. Dass es nicht so kam, war vor allem das Resultat des Marshall-Plans, wie in Steills Buch zum Thema beschrieben wurde. Aber auch das war in Potsdam noch nicht absehbar.

Wo wir bei Deutschland sind: als potenziellen Partner sah das Land noch niemand. Truman beendete endgültig den irrlichternden Weg Morgenthaus und stellte ihn politisch kalt, aber Mitleid für die Besiegten hatte auch hier niemand. Neiberg nutzt einen Ausflug Trumans, Churchills und ihrer Entourage nach Berlin, um die Haltungen der Alliierten gegenüber den Deutschen deutlich zu machen. Das Leiden, das von Deutschland ausging, war frisch.

Alle Pläne gingen auch davon aus, dass die Alliierten Deutschland gemeinsam regieren würden, wie man das ja in Jalta auch bereits beschlossen hatte. Daraus würde nichts werden. Aber die Ansicht führte dazu, dass in Potsdam in manchen Gebieten Detailfestlegungen getroffen wurden, die bereits Monate später Makulatur waren, während andere Themen eine kurze Improvisationslösung bekamen, die dann weiter ausgearbeitet werden sollten - die dann aber bis heute Bestand haben. Ein Beispiel für ersteres Phänomen wären die Reparationslösungen, ein Beispiel für letzteres die Teilungen Koreas und Vietnams.

"Nobody knows what they're doing" ist eine Regel, die auf praktisch jeden Bereich zutrifft, aber hier in Potsdam ist besonders offensichtlich, wie die großen Staatschefs im Nebel stocherten. Sie hatten mal mehr, mal weniger klare Vorstellungen von dem, was sie wollten und was kommen würde, aber die meisten Annahmen zerschlugen sich innerhalb kürzester Zeit und erforderten ein teils radikales Umdenken. Teilweise wurden die Ansätze dafür bereits in Potsdam sichtbar, wo die Grundlage der Nachkriegsordung gelegt wurde - auch wenn dies den Partizipaten so oft gar nicht klar war.