Mittwoch, 21. November 2018

Reale und eingebilde Verschwörungen um Abtreibung, Brasilien, Parteispender und Sprachverfall - Vermischtes 21.11.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Trump wird nie verlieren
Die Vermutung, dass diese Leute einfach sturzbekloppt seien, ist auf gefährliche Weise falsch, und das beweist ausgerechnet Hans-Georg Maaßen. Dem kann man viel nachsagen, aber mangelnde Intelligenz gehört definitiv nicht dazu, im Gegenteil. Maaßen hat mit seiner bestürzenden Rede vor europäischen Geheimdienstchefs gezeigt, dass er nicht bloß Verschwörungstheoretiker ist - sondern Verschwörungsideologe. Anders lässt sich "Linksradikalismus" in der SPD - der Partei gewordenen Pendlerpauschale - schlicht nicht erkennen. Das ist keine Verschwörungstheorie mehr über Juso-Kevin, der den sozialistischen Umsturz plant zur Errichtung eines protomarxistischen Kühnertismus. Nein, das ist Ideologie. [...] Denn es geht bei einer Verschwörungsideologie nicht darum, was genau man glaubt - sondern um die Rechtfertigung der eigenen Reaktion darauf. Verschwörungsideologien wollen keine Erklärungen für die Geschehnisse und Verwerfungen in dieser Welt, das ist nur austauschbares Mittel zum Zweck. Verschwörungsideologien bestimmen das Handeln ihrer Anhänger, um vermeintliche Gegenmaßnahmen zu legitimieren, die Basis jeder Opfererzählung. Das macht sie so gefährlich - denn in jeder Verschwörungsideologie ist automatisch ein Appell zur Aktivierung und Mobilisierung verborgen: Verbreite mich weiter, werde aktiv, vernetze dich, organisiere dich, wehre dich! Es ist kein Zufall, dass Maaßen in die Politik gehen möchte, es ist im Gegenteil die Erfüllung seiner Weltsicht. [...] Verschwörungsideologien führen zur Autokratie, sie öffnen die Gemüter für Erlöser- und Heldenerzählungen, in denen allein ein starker Mann über die verschworene Feindesmacht von innen, außen, oben und unten siegen kann. Wir sehen die perfekte, politische Instrumentalisierung der Trump'schen Verschwörungsideologie. Trump hat nicht verloren, er wird nie verlieren, er kann gar nicht verlieren. Er wird höchstens Opfer einer Verschwörung. (Sascha Lobo, Spiegel)
Lobo beschreibt hier wichtige psychologische Prozesse. Was wir an den populistischen Ränder beobachten können, und zwar tatsächlich einmal an beiden Seiten, ist der Versuch, eine eigene Realität zu schaffen, die gegenüber abweichenden Informationen praktisch immun ist. Ich finde das sieht man gerade an den NachDenkSeiten sehr gut, wo auf ständig irgendwelche bösartigen Einflüsse von außen dafür schuld sind, dass sich die bevorzugte policy der Autoren nicht durchsetzt; immer irgendeine Verschwörung, die die Aufklärung der Bevölkerung verhindert, die sonst natürlich geschlossen diese Position übernehmen würde. Und auf der AfD haben wir das Gleiche, wo "das Volk" ja immer eine ganz andere Meinung hat als "die da oben", und praktischerweise kennt die AfD diese geheime Meinung und kann sie direkt umsetzen. Immer der gleiche Mist bei der NachDenkQuerfront.

2) "They don't really want us to vote"
Restrictions on voting, virtually all imposed by Republicans, reflect rising partisanship, societal shifts producing a more diverse America, and the weakening of the Voting Rights Act by the Supreme Court in 2013. [...] Voting-rights advocates in Missouri are arguing in court that the state underfunded efforts to educate residents on a voter ID law. In North Carolina, the legislature’s regulation of early-voting hours has shuttered polling places across the state, even as it purports to increase voting opportunities. [...] Nathaniel Persily, a Stanford University law professor and elections scholar, said what was going on reflected a shift from a belief in shared rules of democracy toward one that sees elections as struggles for power “in which you need to push up against the rules to win.” He added, “We’ve reached a situation in which the fight over the rules and who gets to vote is seen as a legitimate part of electoral competition.” (Danny Hakim/Michael Wines, New York Times)
Ich zitiere diese Artikel aus der New York Times weniger wegen des Inhalts als wegen der Exemplarität von ungeheuer schädlichen journalistischen Mechanismen: dieser furchtbare Bothsiderism und die verlorene falsche Objektivität, die die Zeitung auch zwei Jahre nach 2016 weiterhin mit voller Kraft betreibt, sind ein Desaster. Da wird so getan, als ob die "Polarisierung", die natürlich beide Seiten quasi passiv und gleichermaßen betrifft (was völliger Unfug ist) natürlicherweise in voter suppression mündet. Die NYT hat panische Angst davor, die Verantwortlichen klar zu benennen. Dabei sind die Artikel selbst gar nicht so schlimm und liefern alle Fakten, aber immer mit diesen Relativierungen, mit denen sie sich gegen Subjektivitätsvorwürfe absichern. Das hat furchtbare Konsequenzen, gerade weil die NYT als objektiv gilt. Auf die Art machen sie die Arbeit ihrer Gegner, wie ein neutrales Land im Zweiten Weltkrieg.

3) Abortion may be more mobilizing to Democrat than to Republican voters now
The partisan struggle over abortion has been an enduring feature of American politics. But the parties have not prioritized it equally — the issue has consistently animated Republican voters more than Democrats. Two new surveys, however, reveal a remarkable shift in how important the issue of abortion is to Democrats and Republicans ahead of the 2018 midterm election. [...] Democrats are also increasingly likely to say abortion is an important voting issue. A recent Pew poll showed that abortion is a far more central voting concern for Democrats today than it has been at any point in the last decade — 61 percent of Democratic voters said abortion is very important to their vote this year. In 2008, only 38 percent of Democratic voters said the same. That’s roughly the same percentage of Democratic voters who say terrorism, taxes, immigration, the federal budget deficit or trade policy is an important voting issue. [...] Another likely reason for the rising concern among Democrats is the years-long campaign to curb abortion access at the state level. [...] A final factor that may be contributing to the sharp rise in concern about abortion is that reproductive health care has taken a more central place in the Democratic agenda as women, particularly young women, have taken on more prominent roles in the party. [...] Whatever the immediate political fallout from the 2018 election, Democrats are likely to continue to prioritize the issue of abortion so long as its legal status appears to be threatened and access is limited. In the short term, this may mean that fewer Republicans campaign on their uncompromising opposition to abortion. Conservative Christians, a group that has worked for decades to overturn Roe v. Wade, have been conspicuously tight-lipped about abortion in recent months — an indication that they are worried about the possible political fallout of discussing their views. The 2018 election will tell us if that strategy comes too late and the abortion issue has given Democratic voters an additional reason to head to the polls. (Brian Cox, 538)
Passend zum letzten Vermischten ein weiteres Beispiel dafür, dass identity politics ein wirksames Mittel der Politik und eben nicht Gedöns-Beiwerk sind. Das gilt auch für die USA. Der öffentliche und prominente Protest führt zu einer Umschichtung der öffentlichen Meinung, und das ist ein wertneutraler Prozess. Deswegen ist es auch so wichtig, dass man den entsprechenden rechten Narrativen so entschlossen entgegentritt. Ein Seehofer'sches Zündeln am rechten Rand ist eben kein harmloses Wahlkampftaktieren, sondern leistet aktiv einer Zunahme von Fremdenfeindlichkeit Vorschub. Es zeigt auch, wie wichtig positive Narrative sind, an denen sich ein solcher Wandel entzünden kann und die gegen Furcht und Hass immunisieren.

4) The Saruman trap
Conservatives in distress turn to ancient texts. In the current circumstance, those of us of a Hebraic cast reach for the prophet Isaiah in his darker moods, or the even fiercer denunciations of Amos. Devout Christians despairing of a society in full malodorous rot look to The Rule of St. Benedict. Classicists might pick up a volume of Seneca, sighing wistfully as they contemplate the philosopher’s fate at the hands of his mad pupil, Emperor Nero, who, unlike President Donald Trump, at least played a musical instrument competently. A more twisted few will reach for Machiavelli. For those undergoing real tests of the soul, however, the place to go is J. R. R. Tolkien’s modern epic, The Lord of the Rings. [...] erstwhile NeverTrumpers who wryly describe themselves as “OccasionalTrumpers,” or who attempt to cleanse themselves of the stain of having signed letters denouncing candidate Trump by praising President Trump’s achievements and his crudely framed, rough-hewn wisdom, deploring his language but applauding at least some of his deeds. It is the temptation to accommodate oneself to the nature of the times, as Machiavelli would have put it, and to ally—cautiously but definitely—with the Power that is rather than the principles that were. And that is where Tolkien comes in. His masterwork—the six books in three volumes, not the movies with their unfortunate elisions, occasional campiness and spectacular computer-generated images—addresses many themes relevant to our age, not least of which is that temptation. [...] And there you have it. Ally with the rising power (Sauron is making his ashen, desolate homeland, Mordor, great again) and use your wisdom to contain and guide it. Your old friends and allies are fools or weaklings. Go along with the inevitable, and you may shape the new world; oppose it, and you will simply fail and perish. [...] The stakes are not nearly as high for conservative thinkers as they were for the inhabitants of Middle Earth, but the basic idea is worth pondering. Some of them wish to walk back their condemnation of Trump, the animosities that he magnifies and upon which he feeds, the prejudices upon which he plays and the norms he delightedly subverts. They do so not because their original judgments have been proved unjust—far from it—but because, weary of unyielding opposition, they would like to shape things, or at least to hold communion with those who are in the room where the deals are done. But as Gandalf and Galadriel could teach them, the height of wisdom is to fear their own drive for power, to fight the fight in a darkening world even if it looks likely to end in failure, and, above all, to choose to remain their better selves. (Eliot A. Cohen, The Atlantic)
Ich finde das nicht nur aus Nerdstream-Gesichtspunkten eine interessante Metapher. Tatsächlich finden sich diese Quisling-Konservativen in wahren Massen, und nur eine verschwindend geringe Minderheit hat die Größte besessen, ihre Karrieren und ihre wirtschaftlichen Interessen für ihre Überzeugungen zu opfern. Das ist auch verständlich. Aber den Betroffenen muss klar sein, dass sie als "OccasionalTrumpers", ganz egal was sie sich selbst einbilden, unverbrüchlich mit dem Ruch der Trump-Ära behaftet sein werden. Man konnte bei der Austreibung der Neocons während der Primaries 2015 - ironischerweise durch Trump selbst - gut beobachten, wie schnell das gehen kann. Letzten Endes machen diese Saruman-Trumpers die Wette, dass die GOP auf lange Sicht hinaus nun zu Trumps Partei geworden ist, auch wenn der Mann selbst geschwunden ist.

5) Endlich ganz und national
Die Fragen sind nur: Verfügen die Bewerber über ein Programm? Und ist es jenes "Konservative Manifest", das Mitschs Werteunion im Frühjahr unters Volk brachte? Wenn es so sein sollte, dann hätten die Bewerber außer dem naturtrüben Evergreen "Mehr Vaterland, mehr Landesverteidigung, mehr Kernfamilie" nicht viel zu bieten. Tatsächlich aber bringen konservative Köpfe weitaus radikalere Ideen in Umlauf, und zwar solche, die die Union nicht bloß mit Werte-Schaum aufpolstern, sondern die Deutschland selbst substanziell verändern sollen. [...] Interessant daran ist: Wie Dobrindt, so attackiert auch Jens Spahn nicht die Person Angela Merkel, sondern das liberale mentalitätsgeschichtliche Erbe, das sie für ihn verkörpert. Diese Kritik erinnert an eine Geschichtsauffassung, die in der Vor-Merkel-Ära nicht nur unter bekennenden Rechten, sondern auch unter Unionschristen die Runde machte, zum Beispiel im rechtskonservativen Weikersheimer Kreis. Im Kern läuft sie auf die Behauptung hinaus, die Bundesrepublik sei leider nicht das echte, sondern nur das unechte Deutschland – eine Erfindung der Siegermächte, ein der Nation wesensfremdes, auf den Namen "Liberalismus" getauftes Konstrukt. [...] Und was dann? Dringend erwünscht erscheint ein Politiker mit Lizenz zum Durchregieren; für Horst Seehofer war es anfangs Donald Trump, er rühmte die "Konsequenz und Geschwindigkeit", mit der dieser seine Versprechungen wahr machte ("in Deutschland würden wir da erst mal einen Arbeitskreis einsetzen, dann eine Prüfgruppe und dann noch eine Umsetzungsgruppe"). Unterdessen hat Seehofer seine Meinung geändert, dafür bleibt, eigentlich unfassbar, Viktor Orbán ein gern gesehener Gast der CSU. Der ungarische Ministerpräsident saniert gerade seine Gesellschaft, er verbindet Marktwirtschaft mit autoritärer Leitkultur und treibt eine Demokratie ohne Liberalismus voran, also eine Demokratie, die bald nur noch so heißt, aber keine mehr ist. Noch freundlicher, beinahe liebevoll, ist das Verhältnis zum österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz. Als die Union im Dauerstreit versank, schlug sich Kurz auf die Seite der CSU und bewies für Jens Spahn damit offenbar genau das schneidige Talent, das der Bundeskanzlerin in der Stunde der Entscheidung fehlt. Es ist ja nicht nur der Spiegel, dem Spahns "öffentlich zelebrierte Nähe zu Kurz" auffällt. [...] Wie die Landtagswahlen in Hessen gezeigt haben, gibt es für ein Krisenbewältigungsprogramm nach österreichisch-ungarischem Muster in Deutschland keine Mehrheit, das ist beruhigend. (Thomas Assheuer, Die Zeit)
Das ist ein langer Artikel, es lohnt sich daher mehr als nur den obigen Ausschnitt zu lesen. Ich halte es als eine Langzeitperspektive auf das, was innerhalb des konservativen Spektrums vor sich geht, für wertvoll. Aktuell irrlichtern diese Ideen am Rande des Spektrums der CDU/CSU herum, bei den berühmten Hinterbänklern. Da gab es diese Ideen natürlich immer schon. Wie der Artikel ja auch zeigt gibt es für diese Ideen auch keine Mehrheit; wenn sie Erfolg haben wollen, müssen sie sich an andere, populärere Forderungen anheften - etwa eine restriktivere Flüchtlingspolitik. Es bleibt deswegen auch so wichtig, dass die Union ihre bisher überwiegend erfolgreiche Abgrenzung nach rechts fortsetzt, auch wenn das bedeutet, dass es entgegen früherer Zeiten eine Partei rechts von ihr im Parlament gibt. Ich möchte deswegen auch betonen, dass diese Bewegung und diese Ideen aktuell zwar marginalisiert sind, aber dass die Gefahr eben besteht, dass jemand (Spahn etwa) das Bündnis mit diesen Leuten sucht, um an die Macht zu kommen, und sie dadurch legitimiert. So was kann für Außenstehende ruckartig vor sich gehen (auch wenn es sich innerparteilich schon länger abgezeichnet hat, siehe GOP). Manche werden sich daher umgucken, wenn die je gewinnen, gerade auch Kommentatoren hier im Blog, die das häufig zu sehr framen entweder als eine reine policy-Frage (etwa die konkrete Ausgestaltung des Asylrechts) oder als reine Wahlkampftaktik.

6) Sunday, Bloody Sunday
Kann die SPD sich also trotz allem auch in der Regierung erneuern? Das zu glauben fällt schwerer denn je. Und das hat nichts mit dem sehr sozialdemokratischen Koalitionsvertrag zu tun, sondern maßgeblich mit einem schlimmen Tripple: Grenzzurückweisungen, Maaßen und Diesel. [...] Der „Dieselkompromiss“ hat den Eindruck verschärft, dass die Regierung nicht auf der Seite der Verbraucher, sondern der Bosse steht. Verkannt wird dabei, dass beiden – Regierung und Bossen – bei dem Blick in die Zukunft der deutschen Automobil- und Zulieferindustrie der nackte Angstschweiß auf der Stirn steht. Wir stehen hier vor einem möglichen Fiasko, wogegen sich die große Stahlkrise der 80er und 90er Jahre wie ein leises Rumpeln ausmachen könnte. [...] Gleiches gilt natürlich für die Braunkohle, die kein Mensch mehr braucht, außer denen, die unmittelbar davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Dass der Staat es nicht schafft, Hand in Hand mit der Industrie in Boomzeiten den Betroffenen eine vernünftige Alternative anzubieten, ist ein Armutszeugnis. [...] Die dritte bedeutende Baustelle ist die Frage einer solidarischen EU, die angesichts neuer ökonomischer wie militaristischer Bedrohungen aus dem Osten wie dem Westen die einzige Antwort sein kann. Auch hier tritt allen Beteiligten der Angstschweiß auf die Stirn. Mehr EU ohne mehr Solidarität geht nämlich nicht. Und mehr Solidarität bedeutet natürlich auch engere Kooperation und Verantwortung. Die Bundesregierung hat sich bisher entschlossen, die Initiativen von Macron weitgehend zu ignorieren. Man kann diese in Teilen gut oder schlecht finden, aber die Frage bleibt dann, welche Initiativen denn von dieser Großen Koalition ausgehen, damit sie den Namen „Groß“ verdient. [...] Deutschland steht nicht vor einem Rechtsruck. Auch das haben die letzten Wahlen gezeigt und die Umfragen ebenso. Die große friedliche und demokratische deutsche Mitte – rund 75-85%, sortiert sich zwischen CDU/CSU, SPD, Grünen, FDP und in manchen Bundesländern, wie etwa Thüringen, zähle ich die Linke mit zur demokratischen Mitte. Das Pendel schlägt zurzeit eindeutig in Richtung des modernen Deutschlands. Dafür muss die Politik die Zukunft der Arbeit mit der Zukunft der Welt, in der wir leben und der Art, wie wir in dieser Welt zusammenleben wollen, verbinden. Welche progressive Partei sich hierfür am besten aufstellt, wird die Zukunft gewinnen. Eine tolle Aufgabe. Man sollte irgendwas mit Politik machen. (Frank Stauss)
Die These, dass gerade die Diesel-Affäre der SPD besonders schade, ist sicherlich originell, aber ich finde sie durchaus bedenkenswert. Schließlich betrifft das eine frühere Kernwählerschaft der Partei. Die Verbindung zwischen dieser Krise auf der einen Seite und dem Gegensatz Vorstände und Arbeiterschaft, den Stauss hier aufmacht, ist eigentlich auch offensichtlich; umso verwirrender, dass die SPD einmal mehr nicht in der Lage ist, diesen auszunutzen. Es scheint, als hätte die Partei panische Angst davor, einen klassenkämpferisch angehauchten Wahlkampf zu machen. Ich habe über das Disruptionspotenzial des Niedergangs der Autoindustrie bereits in meinem Artikel Finis Baden-Wuerttembergiae geschrieben. Die deutsche Politik macht hier viel zu wenig und versucht, einer todgeweihten Industrie, die sich weigert sich zu reformieren, durch massive staatliche Intervention das Ableben hinauszuzögern. Die Milliarden, die in die Subventionierung der Autoindustrie gehen, werden uns bei der Bewältigung des Strukturwandels nachher bitter fehlen. Das Ruhrgebiet und das Saarland können ein bitteres Lied davon singen. Vielleicht sollten die Ministerpräsidenten Niedersachsens, Bayerns und Baden-Württembergs mal mit ihren Kollegen sprechen.

7) Wer hat Angst vorm Sprachverfall?
Interessant finde ich es in diesem Zusammenhang allerdings immer wieder, wenn Menschen sich Sorgen machen, dass unsere Sprache (oder ihre Sprache) bedroht ist, zu degenerieren. Menschen reden nun schon seit mehr also 50 000 Jahren, und bisher ist keine Sprache, die von einer Vielzahl von Menschen gesprochen wird, degeneriert. Sprachen können vergessen werden, ja, sie können aussterben, und ihr Tod ist traurig, da er sich im Vergessen zeigt, wenn Sprecher ihre Muttersprache nicht mehr verwenden können oder wollen, und sie ihren Kinder nicht mehr beibringen. Aber die großen Sprachen wie Deutsch und Englisch, Russisch und Chinesisch, Spanisch und Französisch, sie sind alle nicht davon bedroht, von ihren Sprechern aufgegeben zu werden, und solange das nicht passiert, kann eine Sprache auch nicht degenerieren. Sprachen verändern sich so lange sie existieren, immer, ohne Unterlass, das wissen wir schon sehr lange, aber Sprachen degenerieren nicht. Sie können nur anfangen, von dem abzuweichen, was wir persönlich als ästhetisch ansehen. Aber gerade wenn sich Sprachen in bestimmten Bereichen ändern, die einigen Menschen nicht passen, dann liegt das ja auch daran, dass es viele Menschen gibt, die mit den neuen Änderungen keine Probleme haben. Und wenn eine Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher einer Sprachgemeinschaft eine neue Sprachpraxis akzeptiert und praktiziert, dann ist das die neue Norm, und es ist vermessen, sich als einzelner Sprecher hinzustellen und sich darüber aufzuregen, wie dumm doch die Mehrheit ist, die unsere Sprache langsam aktiv in den Abgrund treibt. [...] Sprachen ändern sich, so lange sie existieren, das hat schon August Schleicher gesagt (Schleicher 1863). Solange es jedoch genug Menschen gibt, die eine Sprache aktiv sprechen und sich ihrer bedienen, um zu kommunizieren, solange ist eine Sprache auch nicht gefährdet zu degenerieren. Es ist schade, dass Vorstellung, dass Sprachen wie das Deutsche bedroht sein können, immer noch in den Köpfen einiger Menschen herumspukt, die sich als Sprachpfleger berufen fühlen, dem schrecklichen Verfall entgegenzutreten. Man kann sich über Floskeln aufregen, die Menschen benutzen, man kann sich auch darüber aufregen, wenn Menschen mit ihrer Sprachwahl unachtsam sind und unnötig andere Menschen verletzen, aber Angst vor einer Degeneration unserer Sprachen zu schüren, nur weil die Mehrheit von unserer gefühlten, idiosynkratischen und lediglich emotional begründeten Norm abweicht, das muss man nicht tun. Es gibt weitaus wichtigere Probleme, derer wir uns annehmen sollten, als die Wörter, die unsere Mitmenschen benutzen, um bestimmte Dinge auszudrücken. (Johann-Mattis List, Von Wörtern und Bäumen)
Das Entgegentreten gegen die Idee des Sprachverfalls ist auch so ein Hobby von mir. Ich weiß nicht wie das bei anderen ist, aber ein ganz häufiges Ding in meinem Umfeld ist die wahnsinnig innovative Feststellung, dass im Deutschen die Formulierung "das macht Sinn" ja eigentlich "nicht richtig" sei, weil es "richtig" schließlich "Sinn ergeben" heißen müsse. Ich frage dann immer pointiert zurück ob mein Gegenüber denn verstehe, was ich meine, wenn ich "Sinn machen" sage. Das wird natürlich bejaht. Wo also liegt das Problem? Das gilt für viele Sachen. "Richtige" Sprache ergibt sich aus ihrer Benutzung. Zahllose Worte fallen aus der alltäglichen Nutzung heraus, und das gleiche gilt für Formulierungen. Ich merke das ja auch in der Schule, wo ich beim Lesen von Literatur oder Quellen im Geschichtsunterricht zahllose Begriffe mit Fußnote angeben muss, um die Texte überhaupt verständlich zu halten. Davon abgesehen würde dem Deutschen ein Trend zur Vereinfachung ähnlich dem PSE im englischen Sprachraum (Plain Simple English) auch gut tun. Ich erwische mich ja selbst immer wieder beim Bauen von Schachtelsätzen und unnötigen Verwenden von Fremdworten. Das spricht weniger positiv über meinen Bildungsstand als negativ über meine Formulierungsfähigkeit. So, Selbstkritik beendet.

8) Alice Weidel bezahlte Wahlkämpfer mit Spende
Demnach schickte ein Kölner Medienanwalt, der von Weidel beauftragt worden war, gegen Journalisten vorzugehen, seine Rechnungen an die Bundesgeschäftsstelle der AfD. Von dort wurden sie mit Weidels Einverständnis an den Kreisverband Bodensee weitergeleitet, wo die Kreisgeschäftsführerin mit der Bearbeitung von Weidels Rechnungen betraut war. Für die Begleichung wurde ein Unterkonto verwendet, auf dem die rund 130.000 Euro aus der Schweiz lagerten. Das Unterkonto wurde geschaffen, um die Wahlkampfausgaben von den übrigen Ausgaben des Kreisverbandes zu trennen. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ forderte der Anwalt eine fünfstellige Summe. Ebenso wurde ein für Weidels Wahlkampf in sozialen Netzwerken zuständiger Mitarbeiter instruiert, seine Rechnung direkt an den Kreisverband zu richten. In Parteikreisen ist von Beträgen zwischen drei- bis zehntausend Euro im Monat die Rede, davon soll der Mitarbeiter unter anderem sogenannte Facebook-Likes gekauft und Inhalte erstellt haben. Weidels Sprecher bestätigte die Rechnungsstellung an den Kreisverband. Dass zur Bezahlung auch das Spendengeld verwendet wurde, erklärte er damit, dass „die Kreisschatzmeisterin davon ausgegangen ist, dass diese Spende völlig ordnungsgemäß ist“. Auch Weidel habe das gedacht. (FAZ)
Inzwischen hat sich die AfD-Spendenaffäre ja noch deutlich ausgeweitet; ich will daher auf zwei ganz andere Aspekte eingehen. Das erste, was zwar ständig berichtet, aber irgendwie nicht thematisiert wird, ist dass die AfD mit dem Geld Likes gekauft hat. Wie bei Trump, Farage, Le Pen und Konsorten auch ist die angebliche Stärke im Netz teilweise eine Mirage, unterstützt von Armeen von Bots und ähnlichen Hilfestellungen, mit denen eine Minderheitenbewegung sich größer zu machen versucht als sie ist - ein bisschen wie Fidel Castro, der im Interview einen Boten hereinplatzen ließ, der atemlos von einer "zweiten Kolonne" berichtete, die gar nicht existierte. Im Times-Artikel stand es dann die unter 100 Köpfen zählende Truppe nachher dann als inselumspannende Armee. Der zweite Faktor ist die übliche Ausrede, dass man nur Fehler gemacht habe. Die Crux ist, dass das sogar möglich ist. Die AfD als relativ neue Partei ist schnell groß geworden und hat keine gut eingespielten und mit kompetentem Personal ausgestatteten Institutionen. Da kann so Quatsch schon vorkommen. Aber: Die Beträge, die hier bei kleinsten Ortsverbänden hereingekommen sind, stehen in keinem Verhältnis zu deren Spendenhistorie. Wenn die gedacht hätten, dass das alles völlig sauber und stressfrei ist, hätten sie doch damit angegeben.

9) Die trennende Brücke
Liessmanns Diagnose, wonach die Weltoffenheit symbolisierende Bevorzugung des Englischen der Selbsterhöhung einer sich kommunikativ abschließenden Elite dient, betrifft nicht nur das Verhältnis der Wissenschaft zur Öffentlichkeit, sondern auch das Selbstverhältnis des akademischen Personals. Wer nicht seine Bildungssozialisation hindurch bilingual aufgewachsen ist, vermag in der Regel Gedanken, Interpretationen und Urteile in seiner Erstsprache prägnanter und selbstsicherer zu formulieren denn in einer Zweitsprache, so routiniert er diese auch beherrscht. Er muss also, um nicht gegen die kommunikativen Verkehrsregeln zu verstoßen, gleichsam die Erstsprache auf die Verkehrssprache herunterbringen und auf all jene Nuancen verzichten, die sich nur in der Erst-, nicht in der Verkehrssprache formulieren lassen. Dadurch aber tritt in den Geisteswissenschaften – mit Adorno und Gadamer gesprochen –„das Entscheidende“ tendenziell in Widerspruch zu dem, was „praktisch“ ist. Fungiert statt der Erstsprache die allen Gesprächspartnern vertraute Zweitsprache als einzige Verkehrssprache, avanciert jenes „Praktische“, die Sphäre instrumenteller Mitteilung, zum wichtigsten Maßstab eines gelingenden Gesprächs. [...] Würde demgegenüber das trennende, unterscheidende Moment von Sprache stärker ins Bewusstsein gehoben, könnte das nicht nur der Genauigkeit des Ausdrucks, sondern auch dem kommunikativen Potential von Sprache nützen. Adornos Satz, „das Entscheidende, was unsereiner zu sagen hat“, könne „von uns nur auf Deutsch gesagt werden“, lässt sich nämlich auch als Einladung lesen: Andere, aber eben nicht er selbst, könnten das Gleiche anders, aber ebenso angemessen in einer anderen Sprache formulieren. Damit ist der Konnex von historischem Gedächtnis, lebensgeschichtlicher Erfahrung und sprachlicher Form benannt, den jede Erkenntnis voraussetzt und der durch die Fetischisierung des Englischen als allgemeine Verkehrssprache verdrängt wird. (Magnus Klaue, FAZ)
Ich empfinde diesen Text als Satire, muss ich ehrlich sagen. Er ist auch so ein Gegenstück zu meinem Fundstück 7. Da beschwert sich jemand in höchstem Akademiker-Duktus mit Verweisen auf Adorno darüber, dass ausgerechnet die Verwendung des Englischen den akademischen Diskurs unverständlich mache. Are you fucking kidding me? Ich erzähle diese Geschichte gerne, deswegen sorry wenn ihr das von mir schon gehört habt, aber als ich 2006 angefangen habe, Politikwissenschaften zu studieren, waren die allerersten zwei Einführungs-Proseminare ein Albtraum: die Grundlagentexte im Reader waren völlig unverständlich, und die Behandlung im Seminar half nicht, das zu ändern. Als die nächsten Texte Englisch waren hatte ich völlig Panik: ich hatte ja bisher schon nichts verstanden, wie dann jetzt auch noch auf Englisch? Obwohl meine Sprachkenntnisse damals mehr so mittel waren, verstand ich sie problemlos, PSE sei dank. Die deutschen Texte blieben unverständlich. Noch schlimmer war die Einführungsvorlesung Lyrik im Deutsch-Studium; ein Saal von hunderten Studenten, teils im Dritten Semester, verstand NICHTS. Wirklich nichts. Der Dozent sprach technisch gesehen Deutsch, aber ich kannte jedes dritte Wort nicht. Es war ein Albtraum. Magnus Klaue sollte daher mal aus dem Elfenbeinturm herauskommen. Und vielleicht ein paar englische Texte lesen.

10) The yawning divide that explains American politics
A gender gap has been a durable feature of American politics, most easily seen in presidential election results. Since 1980, American women have consistently backed Democratic candidates for president at higher rates than have men, while men have favored Republicans—a gender split not seen in the earliest national exit polls, conducted in the 1970s. [...] Now, educational attainment has supercharged that split among white voters, who account for more than 70% of the electorate. Those with bachelor’s degrees have shifted toward the Democratic Party, while the Republican Party has gained among voters who don’t have four-year college degrees. The educational divide isn’t strong among nonwhite voters, who lean heavily toward the Democrats. In fact, minority voters with and without bachelor’s degrees have become more politically aligned in recent years. [...] Differences in cultural values and views of government widened during President Obama’s time in office, when he promised to build an activist government that would increase spending on education and social programs. Among white voter groups, women with college degrees were by far the most supportive of Mr. Obama’s governing philosophy, while men without degrees have grown more skeptical of it, especially in the past three years. [...] The differences between the two groups are stark on many of the issues dominating the midterm campaign: immigration, gun control and health care. In each case, white men without college degrees support Mr. Trump’s policy stance, while white women with degrees are opposed. (Brian McGill, Wall Street Journal)
Dieser Artikel ist, man entschuldige die Wortwahl, bigotte Scheiße. Während die Bestandsaufnahme selbst komplett richtig ist (wer mehr von den Statistiken sehen will, klicke den Artikel), ist die Analyse völlig unbrauchbar. Woher kommt das? Es ist die ideologische Scheuklappe des Autors, der in der Hauspostille der GOP schreibt. Man merkt das im zweiten Teil des obigen Zitats, wo er von "Unterschieden in kulturellen Werten und Ansichten von Regierung" spricht, die zu einer Ablehnung des "aktivistischen Politikstils" Obamas geführt habe. Dieser Unfug wurde 2016 ja auch zur Genüge verbreitet, unter dem Schlagwort der "economic anxiety", die ja angeblich diese Wahlentscheidungen lenke. Aber es sind identity politics, nichts anderes. Die Wähler haben kein Problem mit aktivistischem Regieren; sie wollen nur, dass die aktivistische Regierung IHRE bevorzugte Politik durchsetzt statt die der anderen. Das ist, wie ich in einem früheren Vermischten gezeigt habe,. völlig normal, aber es macht die Wall-Street-Journal-"Analyse" praktisch wertlos.

11) Jair Bolsonaro Is Elected President of Brazil. Read His Extremist, Far-Right Positions in His Own Words.
In short, every major political institution has been increasingly discredited as Brazil has spiraled deeper and deeper into a dark void. And from the abyss emerged a former army captain and six-term congressman from Rio de Janeiro, Jair Bolsonaro, with the slogan “Brazil above everything, God above everyone,” and promises to fix everything with hard-line tactics. Seven years ago, Bolsonaro was a punchline for the political humor program CQC, where he’d make outrageous statements. A former presenter, Monica Iozzi, said they interviewed him multiple times “so people could see the very low level of the representatives we were electing.” Now, it’s Bolsonaro who is laughing, and Iozzi says she regrets giving him airtime. Riding the wave of public discontent, Bolsonaro campaigned against the Workers’ Party, corruption, politicians, crime, “cultural Marxism,” communists, leftists, secularism, and “privileges” for historically marginalized groups. Instead, he favored “traditional family values,” “patriotism,” nationalism, the military, a Christian nation, guns, increased police violence, and neoliberal economics that he promises will revitalize the economy. Despite his actual political platform being short on specific proposals, the energy around his candidacy was enough to win the presidency and turn his previously insignificant Social Liberal Party into the second-largest bloc in Congress. But what has frightened his opponents, many international observers, and even some fervent Workers’ Party critics, are Bolsonaro’s repeated declarations in favor of Brazil’s military dictatorship, torture, extrajudicial police killings, and violence against LGBTQ people, Afro-Brazilians, women, indigenous people, minorities, and political opponents, as well as his opposition to democratic norms and values. (Andrew Fishman, The Intercept)
Es lohnt sich, den obigen Artikel anzuklicken um die vielen Zitate Bolsonaros im Artikel direkt zu lesen. Ansonsten ist denke ich klar, warum ich diesen Ausschnitt zitiere. Genauso wie in Brasilien war es in den USA ein massiver Fehler, einen rechtsextremen Clown wegen seines Unterhaltungswerts zu normalisieren und nicht ernst zu nehmen, bis der Clown dann plötzlich die Kontrolle über einen ausgewachsenen Staat in die Hände bekommt. Da hört der Spaß dann nämlich ganz schnell auf.

Dienstag, 20. November 2018

Friedrich Merz, politischer Amateur

Unter dem Titel Geld spielt eine Rolle schreibt Stefan Kuzmany bei SpiegelOnline über das Phänomen von Friedrich Merz und der aktuellen Kritik an dessen, sagen wir, eigenwilliger soziologischer Selbstverortung. Wir erinnern uns: Merz hatte in einem Interview auf die entsprechende Nachfrage bekundet, keinesfalls zur Oberschicht zu zählen, sondern sich stattdessen in der "gehobenen Mittelschicht" verortet. Es gab bereits einiges Hin und Her wo denn die Mittelschicht aufhöre und die Oberschicht anfange, und soziologisch gesehen ist es ziemlich eindeutig, dass Merz nicht zur Mittelschicht gehört - genauso wie im in der Flüchtlingskrise von so vielen bemühten "gesunden Volksempfinden", das nun plötzlich keinen Wert mehr hat. Aber dass Merz sich selbst als Mittelschicht begreift, ist wenig überraschend, das hat Tradition, und verglichen mit den sozialen Zirkeln, mit denen er sich wenigstens gerne umgeben würde, ist er als einstelliger Millionär tatsächlich eine kleine Nummer. Interessant ist Kuzmanys Artikel noch aus anderen Gründen, die ich im Folgenden aufzeigen will.

Sei es aus Neid oder schlichter Missgunst: Wohlhabend zu sein, das bringt einem hierzulande kaum Sympathien ein. Und wer auch noch den Eindruck erweckt, er genieße seinen Reichtum, der darf auf keine Gnade hoffen. Das weiß auch Friedrich Merz. Und weil der Mann CDU-Vorsitzender und dann wohl bald auch Bundeskanzler werden will, versucht er sich gerade an einer sehr deutschen Gratwanderung. Denn einerseits, davon berichtet Merz selbst gern, ist es ihm nicht schlecht ergangen in den Jahren seiner politischen Abstinenz. Er hat als Anwalt mit Aufsichtsrats- und Beraterposten bestens verdient. Das soll gern jeder wissen, denn es signalisiert ökonomische Kompetenz. Andererseits jedoch muss Merz, um bei Tante H. nicht in Ungnade zu fallen, bei allem Erfolg gefälligst ganz normal und bodenständig geblieben sein. Und jedenfalls nicht stinkend reich. Für die Rolle des bescheidenen Kapitalisten unternimmt Friedrich Merz gerade putzige rhetorische Verrenkungen. Alle redeten ständig über seine Posten in der Finanzbranche, aber niemand über seine Tätigkeit für einen mittelständischen Toilettenpapierhersteller, beklagt er sich bei Anne Will. Bei der "Bild"-Zeitung haben sie ihn gefragt, was er für eine "gute Flasche Wein" ausgebe. Merz: "Das fängt bei 4,50 Euro an." Offensichtlich will er Peer Steinbrück unterbieten, der 2012 als designierter Kanzlerkandidat der SPD geäußert hatte, keinen Pinot Grigio unter fünf Euro kaufen zu wollen - und dafür zum Großkotz der Nation abgestempelt wurde. Das soll dem netten Merz von nebenan nicht geschehen: Extra vermerkt wird, dass er mit der U-Bahn zum Interview angereist ist. Dass er Millionär ist, wollte Merz tagelang nicht über die Lippen kommen. Er ordnete sich stattdessen in der "gehobenen Mittelschicht" ein - worüber diese nur lachen konnte. (Stefan Kuzmany, SpiegelOnline)
Ich finde diese Artikel ungeheuer erheiternd. So viele "seriöse" Journalisten wollen Merz so dringend, man kann ihr Sehnen richtig durch die Artikel durchfühlen. Das habe ich das letzte Mal so erlebt, als Joachim Gauck zum einen und einzigen Heilsbringer der Republik hochstilisiert wurde (und war das eine Präsidentschaft, an die man sich noch lange erinnern wird. Nicht.). Ich verstehe auch warum. Merz ist eine Projektionsfläche für einen Politikertypus, den wir seit 10 Jahren effektiv nicht mehr haben, einen marktkonservativen Ideologen, der sich als Pragmatiker und objektiver, dem Parteienstreit entrückter Experte gibt. Weil wir - und der Rest der Welt - mit dem Typus ja so gute Erfahrungen gemacht haben.

Aber was mich tatsächlich erheitert ist diese völlige Überschätzung Merz'. Der Mann war noch nie ein A-Listen-Politiker und hat sich niemals als solcher im Rampenlicht einer echten Wahl gestellt. Und das merkt man. Ich meine, bei der SPD wäre er schon längst Vorsitzender, aber die CDU hat ja eine etwas tiefere Bank und muss deswegen nicht nach jedem Strohhalm greifen (habe ich da jemand "Schulz" raunen gehört?). Aber Merz und seine umgebenden Berater (er hat welche, oder? Ich habe schon wieder "Schulz" im Ohr) sind politische Amateuere. Dass die Aussage, er gehöre als Millionär zur Mittelschicht (ob "gehoben" oder nicht) reine Idiotie war, völlig unabhängig davon, wie wahr oder unwahr sie ist, muss jedem halbwegs professionellen Politiker klar gewesen sein. Dass Merz als jemand, der schon immer mit seiner engen Verbindung zur Wirtschaft kokettierte und seine Million nach seiner Politikkarriere mit dem Verkauf seiner Beziehungen bei einem Fond namens "Blackrock" machte, das Label des herzlosen Kapitalisten ohne Bezug zum Durchschnittsdeutschen umgehängt werden würde, war garantiert.

Dass er und seine Verteidiger in Presse und Partei das haben nicht kommen sehen, spricht nicht eben für deren Analysefähigkeit. Merz ist angesichts dessen, dass sein Typus nicht einmal mehr in der FDP auch nur ansatzweise vertreten ist, ein Geschenk für jeden auch nur halbwegs links angehauchten Politiker oder Reporter. Ein zuspitzender politischer Konflikt um diese Fragen - die künftige Ausrichtung der Wirtschaftspolitik und des Sozialstaates - könnte, richtig geführt, der CDU deutliches Profil gegenüber ihrer Konkurrenz nach links verleihen. Aber jeder Bierdeckel hat zwei Seiten (see what I did there?).

Und die zweite Seite ist halt, dass eine solche Profilschärfung quasi kostenlos auch das Profil der Konkurrenz schärft. Die FDP gewinnt gegen die CDU noch jeden Überbietungswettbewerb um schärfere Haushaltsdisziplin und Deregulierung, während zwar unklar ist, wer auf der linken Seite des Spektrums den meisten Gewinn hätte (eigentlich ja die SPD, aber die würde es angesichts der aktuell dort am Drücker befindlichen Hirnis schaffen, Merz vor der Kritik der LINKEn in Schutz zu nehmen), so dürfte doch klar sein, dass irgendeine dieser Gruppen profitieren dürfte. Aktion, Reaktion. Merkel weiß schon, warum sie seit 2005 auf assymetrische Demobilisierung gesetzt hat. Einmal wegen Friedrich Merz (der damals zwar Paul Kirchhof hieß, aber das ist egal) die sicher geglaubte Mehrheit gegen einen angezählten Gegner wegzuwerfen reichte ihr. Sie begnügte sich damit, die Sticherelei von den billigen Plätzen auszusitzen und ohne scharfes Profil, aber mit klaren Mehrheiten zu regieren.

Kuzmany liegt auch völlig daneben, wenn er die gewagte Behauptung aufstellt, in Deutschland herrsche ein so großer Sozialneid, dass der arme Merz deswegen keine Chance habe. Das ist schlicht nicht wahr. Selbstverständlich herrscht Sozialneid, aber nicht mehr als sonst und sicher nicht zum speziellen Nachteil Merz'. Dass er so angreifbar ist, liegt an seiner Amateuerhaftigkeit. Merz hat hier keine offene Flanke, weil er viel Geld verdient hat (und so viel ist es, wie in Kommentaren hier im Blog letzthin bereits nachgewiesen wurde, eh nicht), sondern weil seine Position dazu so unsouverän ist.

Aus Merz spricht das schlechte Gewissen dieses Geldverdienens. Seine Apologeten versuchen ihn zwar zum "Selfmade-Millionär" hochzustilisieren. Aber er hat bei einem Investmentfonds gearbeitet und machte dort seine Connections zu Geld, die er unter anderem bei der Atlantik-Brücke gewonnen hat. Beides ist, ob zu Recht oder Unrecht, für breite Teile des Elektorats ein rotes Tuch. Das kann man doof finden (ich finde etwa den Hass gegenüber der Atlantikbrücke für völlig überzogen), aber es ist Realität. Merz' Verdienste rangieren zwar auf der Igitt-Skala noch über Schröders Ausverkauf an die Putin'sche Oligarchenwirtschaft, aber wenn man die bestenfalls lauwarmen Reaktionen auf dessen Auftritte ansieht, erkennt man das Problem, vor dem auch Merz steht. Und das alles war so offensichtlich wie vorhersehbar.

Auch Merz' bekannteste politische Position, die Bierdeckel-Steuererklärung, schadet ihm mehr als sie nützt. Ja, die dahinterstehende Idee einer radikalen Vereinfachung des Steuersystems ist ungeheuer populär bei den bereits oben erwähnten Journalisten und in wirtschaftsliberalen Kreisen. Diese sind aber, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen, eine recht kleine Minderheit in Deutschland, die es in all den Jahren nie vermocht hat, Mehrheiten für ihr Projekt zu gewinnen. Eine Vereinfachung des Steuersystems ist keine populäre Idee, auch wenn es im Abstrakten stets hohe Zustimmungsraten gewinnt.

Sobald es ernsthaft in die politische Debatte eingeht wird es sofort entlang klassenkämpferischer Linien ausgeschlachtet. Die Idee, dass ein Einkommensmillionär wie Merz den gleichen (oder auch nur einen ähnlichen) Steuersatz bezahlt wie die von Gerhard Schröder seinerzeit bis zur völligen Ermüdung bemühte Krankenschwester (oder in den USA Warren Buffets Sekretärin), mag zwar volkswirtschaftlich und steuerrechtlich sinnvoll sein (ich glaube das nicht, aber nehmen wir es für einen Moment an), aber es verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der breiten Mehrheit der Bevölkerung nun einmal eklatant.

Auf die Idee zu kommen, dass Merz' Eintreten für solche Steuerreformen oder seine engen Verbindung zur Beratungs- und Finanzwirtschaft ernsthaft als Assets gelten könnten, zeugt von einer ziemlichen Realitätsferne der entsprechenden Beobachter und Politiker. Da ist der Wunsch Vater des Gedankens: Die Welt ist nicht so, wie man das will, also wird sie durch pure Willenskraft so gemacht. Das ist ironischerweise etwas, das diese Leute sonst den Progressiven vorwerfen. Dabei geht es mir nicht einmal um Sinn oder Unsinn der von Merz verkörperten Politik, sondern allein um ihre elektoralen Folgen.

Wenn ein Politiker offene Flanken hat, so klar erkennbar wie bei Merz, dann muss er diese schließen. Aber Friedrich Merz schien ernsthaft überrascht zu sein, dass man ihn auf seine Vermögensverhältnisse und seine Arbeit seit 2004 ansprach. Man kann über Mitt Romney sagen was man will, aber der Mann lief nicht unvorbereitet auf Fragen nach seiner Investmenttätigkeit in den Wahlkampf. Und selbst im Heimatland des Kapitalismus erwies sich das als eine Hypothek, die Romney gegen den klassenkämpferisch inszenierten Wahlkampf selbst eines moderaten Zentristen wie Obama nicht überwältigen konnte. Warum ausgerechnet einem Leichtgewicht wie Friedrich Merz das in Deutschland gelingen sollte, ist mir völlig schleierhaft. Und mittlerweile wohl auch einem guten Teil der CDU-Funktionäre.

Samstag, 17. November 2018

Lars Klingbeil spart beim Klimaschutz durch emissionsfreie Wahlmaschinen und wünscht Weltfrieden - Vermischtes 17.11.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Uns geht die Zeit aus
Klimaforscher blicken mit großer Sorge auf den Klimagipfel. Wird er den von vielen erhofften Schub bringen? Die in Paris abgegebenen Selbstverpflichtungen zum CO2-Ausstoß der Länder reichen trotz der damals festgelegten 1,5-Grad-Grenze nicht einmal aus, um das Minimalziel von 2,0 Grad zu erreichen. Die Temperaturen dürften bis zum Jahr 2100 eher um 3 bis 4 Grad steigen. Beim CO2-Ausstoß ist keine Trendwende in Sicht - im Gegenteil: Die Emissionen der Menschheit würden 2018 vermutlich um zwei Prozent steigen, sagt Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Schuld an künftig weiter steigenden CO2-Werten seien Neubauprojekte von Kohlekraftwerken in Indonesien, Bangladesch, Japan, Ägypten, Pakistan und den Philippinen. [...] Dabei müsste die Weltgemeinschaft nach Meinung vieler Klimaforscher zügig handeln. In jedem Jahr, das die Länder mehr oder weniger tatenlos verstreichen lassen, gelangen um die 40 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre. Der Spielraum zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels wird so von Jahr zu Jahr kleiner. Laut Berechnungen der Klimaforscher darf die Menschheit insgesamt nur noch etwa 800 Gigatonnen freisetzen. Dies entspricht 20 Jahren mit jeweils 40 Gigatonnen. Oder etwa 40 Jahren, wenn die Emissionen in diesem Zeitraum linear von 40 auf null sinken. [...] Doch sauberer Strom und Elektroautos allein werden das Klima nicht retten können. Eine sehr wichtige Rolle wird auch die Landwirtschaft spielen - und eng damit verbunden die Ernährung. Es gehe unter anderem um neue Methoden der Bodenbearbeitung, sodass der Boden mehr CO2 binden könne, erklärt Johann Rockström, designierter Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). [...] Die gegenwärtige Situation sei für ihn als Klimaforscher "frustrierend", sagt Rockström. "Wir hatten noch nie so viele Belege für die Gefahren des Klimawandels." Zugleich kenne man gangbare Wege, um die Erderwärmung zu begrenzen. Doch die Staatengemeinschaft habe diesen Weg bislang nicht eingeschlagen. "Wir sind in einer sehr ernsten Situation." (Holger Dambeck, SpiegelOnline)
Unsere nachfolgenden Generationen, die Konservativen immer so am Herzen liegen wenn sie staatliche Investitionen in deren Zukunft verhindern wollen, werden uns noch dafür verfluchen, dass wir Jahrzehnte haben verstreichen lassen. ohne uns adäquat an einer Lösung zu versuchen. Ja, praktisch jeder psychologische Mechanismus sorgt dafür, dass kaum jemand das Thema als sonderlich dringend betrachtet. Ja, die organisierten Interessen dagegen sind sehr stark und haben viel zu verlieren. Ja, es gibt keine Einigkeit darüber wie man das am besten angeht und welche Technologie wir brrauchen. Alles wahr. Aber: Es geht ja gar nicht um die Frage, wie man dem Klimawandel am besten begegnet. Bestenfalls diskutieren wir gerade, ob man ihm überhaupt begegnen kann; in genügend Teilen der Erde dreht sich die Diskussion eher um die Frage, ob er überhaupt real ist. Kritik an den bisherigen Versuchen - Stichwort Energiewende - ist ja durchaus berechtigt und auf der Suche nach besseren Möglichkeiten auch notwendig. Aber der Ton der Debatte ist allzuhäufig eher "die Energiewende hat es nicht gerissen, also lassen wir's bleiben." Und das ist mehr als grob fahrlässig. Was wir brauchen sind substanzielle Investitionen in die Forschung - und zwar gestern.

2) Wenn das Offensichtliche von höchster Stelle umgedeutet wird
Schließlich geschah, was nun als Handgreiflichkeit ausgelegt wird, vor den sprichwörtlichen laufenden Kameras, und man braucht nur einen Klick, um zu sehen: Hier möchte einfach jemand seinem Beruf nachgehen, für den er ein Mikro braucht, und eine Frau, die das (in Verletzung der US-Verfassung) verhindern möchte, dringt in seine Körperzone ein, und als er sie in einer Abwärtsbewegung streift, bittet er ausdrücklich um Abstand und Entschuldigung. Aber diese Augenfälligkeit zählt nicht mehr: Bei den Anhängerinnen und Anhängern Trumps reichte augenblicklich das Wort der Pressesprecherin Sanders: Sofort gab es Stimmen, die sagten, Acosta habe der Frau aus der Pressestelle einen »Karateschlag« versetzt. Und als hätte die verbale Irreführung nicht gereicht, teilte Sanders dann auch noch eine fragwürdige und manipulativ geschnittene Version der Videosequenz*, die den Eindruck verstärken sollte, hier habe ein Reporter zugeschlagen. [...] Grotesk und alarmierend ist vor allem, dass die Öffentlichkeit wieder einmal aufgefordert wird, ihren Augen nicht zu trauen. [...] Aber es wird immer schlimmer. Selbst wenn wir sehen, was wir sehen, sollen wir sehen, was wir sehen sollen. Es ist kein Zufall, dass sich auch die innenpolitische Krise der Großen Koalition an einem Video entzündete: Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen wollte, dass wir auf dem Video aus Chemnitz keine Hetzjadgen sehen, obwohl dort Hetzer einen Menschen jagten. Wir können mehr solcher Versuche erwarten, das offensichtliche umzudeuten, denn sie sind die nächste Stufe immer schamloserer Versuche, unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit zu kontrollieren. Letztlich aber haben wir selber dazu eingeladen, so behandelt zu werden, als könnte man das, was wir sehen, auch ganz anders interpretieren oder einfach ignorieren. Und mit dem ominösen, weichen »wir« meine ich in dem Fall: alle, die es sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viel zu einfach gemacht haben, wenn es darum ging hinzusehen. Wir sind vielleicht ein bisschen zu verblüfft und zu erschrocken, wenn Menschen von Sexismus- und Rassismus-Erfahrungen berichten. Weil wir es nicht gesehen haben, obwohl es vor unserer Nase war. Wir verdrängen die tier- und menschenfeindliche Herkunft unserer Lebensmittel und Kleidung, das Elend an unseren Urlaubsorten, unseren Anteil am Klimawandel, den auch erstmal die anderen ausbaden müssen. Wir sehen all das, aber wir sehen es auch nicht. Letztlich auch nicht anders als die Trump-Fans, die nur sehen, was sie sehen wollen. (Till Raether, SZ)
Der Artikel beschreibt ein um sich greifendes Phänomen sehr gut, das dem oder der einschlägig Belesenen aus Sowjetzeiten bekannt ist: Man postuliert eine offensichtlich falsche Realität und zwingt alle Anhänger, sich offen zu ihr zu bekennen. So gab es im Realsozialismus ja auch keinen Mangel, obwohl jeder die Schlangen vor den Geschäften sehen konnte, und waren die Zustände frei und demokratisch, obgleich jedem bewusst war, dass das Volk mit Mauer, Schießbefehl und Stasi gefangengehalten werden musste, dass es nicht wegläuft. Aktuell unterwerfen sich die Anhänger der Rechtspopulisten diesem Unsinn noch freiwillig. Es wird aber schnell der Punkt kommen, an dem es überlebensnotwendig ist, öffentliche Bekenntnisse zu einer offensichtlichen Phantasie zu leisten. Man sehe sich einmal den Orbit um Trump an: Jeder, der gegen die absurden Sprachrregelungen verstößt, egal wie loyal er oder sie vorher die Unterdrückungsmaßnahmen durchgesetzt hat, ist sofort Trumps vollem Zorn ausgesetzt und wird vom Posten entfernt. Was diese Maßnahmen gewaltlos hält ist sicherlich nicht Zurückhaltung seitens der Trumpisten, sondern die Begrenzungen, die die Institutionen und die Gesellschaft ihnen - noch - auferlegen.

3) Euroland spart sich arm
Der Euro hat einen Konstruktionsfehler – seine Spielregeln erfordern in fast allen Mitgliedsländern eine jahrelange Sparpolitik, die nur wenig Raum lässt für Investitionen und Wachstum. Wir sparen so lange, bis wir alle wirklich arm sind. Insgesamt wird zu viel Wert auf niedrige Staatsdefizite und den Abbau staatlicher Schulden gelegt, und zu wenig wie sich das mittelfristige Wachstum beschleunigen lässt. Wenn die EZB mit ihrer lockeren Politik nicht gegenhalten würde, wäre die Lage noch schlimmer. Viel kann sie allerdings nicht ausrichten, denn es ist so, wie einst Karl Schiller bemerkte: Du kannst die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie schon selbst. Mit anderen Worten, das Umfeld müsste so sein, dass die niedrigen Zinsen auch zu mehr Ausgaben führen. Noch nicht einmal die Regierungen und Parlamente der 19 Mitgliedsländer reagieren aber auf die geldpolitischen Signale. Dabei ist nichts volkswirtschaftlich sinnvoller und normaler als wenigstens für die staatlichen Nettoinvestitionen Kredite aufzunehmen. Kein Häuslebauer strebt eine „schwarze Null“ an oder finanziert sein neues Haus komplett aus Ersparnissen. Unternehmen tun das auch nicht, wenn sie investieren. Wer wachsen und Vermögen aufbauen will, darf Schulden machen. Wenn es keine Schulden gibt, können Sparer nicht mit Zinseinnahmen rechnen. Solange staatliche Schulden als gefährlich gelten, egal wofür sie aufgenommen werden, wird es nichts mit der EU. Die ständig sinkende Beteiligung an den Wahlen zum europäischen Parlament, das Vordringen der euroskeptischen Parteien und das Fehlen europäischer Initiativen, die die Bürger überzeugen oder vielleicht sogar begeistern, sind Indizien, dass das Projekt Europa an der Gleichgültigkeit der Betroffenen scheitern könnte. Immer neue Aufforderungen, sparsam zu haushalten, sind nicht die Strategie, mit der sich dieser Trend stoppen lässt. Es ist zum Gähnen, und ich kann es nicht mehr hören. Und Deutschland ist der Hauptschuldige, der strenge rückwärtsgewandte Zuchtmeister. (Dieter Wermuth. Zeit)
Der bittere Treppenwitz an der ganzen Sache ist ja, dass gerade Konservative diese Mechanik wesentlich besser verstehen als ihre linken Gegenstücke. Ob Bush oder Kohl, ob Trump oder Salvini, anders Clinton, Obama oder Peer Steinbrück (nicht, dass der in der Trias sonst irgendwas zu suchen hätte) haben sie immer verstanden, dass die Sorge um Defizite ein politisches Werkzeug ist, um das Nichtstun oder Abwickeln auf beziehungsweise von Politiksektoren zu rechtfertigen, die man ablehnt. Im Falle Europas ist praktisch jedem Beobachter klar, dass weitere politische und wirtschaftliche Integration zwingend auch eine Vergemeinschaftung von Schulden beinhaltet. Deswegen wehren sich die Konservativen in Deutschland ja mit Händen und Füßen dagegen; Blödheit kann man ihnen nämlich mit Sicherheit nicht vorwerfen. Die muss man eher bei den nützlichen Idioten bei der SPD und den Grünen suchen, denen eigener ökonomischer Sachverstand tatsächlich bitterlich fehlt und die deswegen ständig nur auf halb verstandene Theorien und Klischees weit größerer Intellektueller mit diametral entgegengesetzter Agenda zurückfallen können. All das macht die überdrehte Rhetorik der Konservativen und Liberalen von der "sozialistischen" Ausgabe-Mentalität auch so albern. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

4) The Georgia governor's race has brought voter suppression into full view
But no matter the outcome, it’s clear that voter rights and suppression will be one of the major stories of the 2018 election in Georgia. The state has become the battleground for something deeper than the ideas of the candidates themselves; it’s now emblematic of a larger struggle over voting rights that has changed party politics markedly over the past five years. The true nature of voter suppression as an accumulation of everyday annoyances, legal barriers, and confusion has come into full view. Today, voter suppression is a labyrinth, not a wall. [...] That labyrinth has been under construction for years. Kemp has embarked on what his opponents and critics say is a series of naked attempts to constrict the electorate. Since 2010, his office reports that it has purged upwards of 1.4 million voters from the rolls, including more than 660,000 Georgians in 2017 and almost 90,000 this year. Many of those voters found their registration canceled because they had not voted in the previous election. Additionally, under an “exact match” law passed by the state legislature that requires handwritten voter registrations to be identical to personal documents, 53,000 people had their registrations moved to “pending” status because of typos or other errors before a district court enjoined the policy. More than 80 percent of those registrations belonged to black voters. [...] According to a new working paper from the Harvard University professor Desmond Ang, protections against those accumulative assaults against democracy have all but been erased in the past five years. Ang studied the effects of a provision in the Voting Rights Act (VRA) that required the federal preclearance of election laws in places where Jim Crow had kept black people from voting, a requirement that was expanded in 1975 to some states and districts outside the Deep South. As originally envisioned, preclearance forced districts with significant proportions of minority voters and low minority turnout to submit all changes to election laws for federal approval. The federal litmus test approved new provisions only if they were found not to decrease minority turnout relative to the status quo. Thus, the VRA was not only a protective shield against scorched-earth Jim Crow policies—it was also intended to guard against more subtle restrictions, all while promoting higher minority turnout as an explicit goal. (Vann Newkirk, The Atlantic)
Man ist versucht, die Wählerunterdrückung in Georgia als Bestandteil des von mir ausführlich beschriebenen Rechtsrucks der republikanischen Partei abzutun, aber tatsächlich ist das eine uralte Tradition, die in Georgia wie in vielen anderen Südstaaten schlicht weiter Bestand hat. Jim Crow wurde zwar zurückgedrängt, aber nie völlig beseitigt - und wird nun reibungslos reaktiviert, wenn ein republikanischer Amtsinhaber die Stimmen der Afroamerikaner zu unterdrücken hofft. Da unterscheidet er sich in nichts von seinen demokratischen Vorgängern in den 1960er Jahren, die die gleichen Mechanismen nutzten, um die Schwarzen vom Wählen abzuhalten. Der Fallin Georgia ist nur besonders auffällig, weil Kemp im Gegensatz zu seinen floridianischen Gegenstücken auf jegliche Vorwände für diese Maßnahmen verzichtet. Neben den oben beschriebenen gesetzlichen Unterdrückungsmaßnahmen zerstört er gezielt die Infrastruktur. In mehrheitlich schwarzen Wahlbezirken werden Wahlmaschinen fehlerhaft oder ohne Stromkabel geliefert, während in den Lagerhäusern 1500 originalverpacke Wahlmaschinen vergeblich auf ihren Einsatz warten. Und so weiter und so fort. Die GOP ist eine Minderheitenpartei, die sich nur durch Wahlbetrug an der Macht halten kann - nicht einmal die im US-System inhärente Verzerrung zugunsten des flachen leeren Landes reicht mehr, um diese Partei an der Macht zu halten. 2020 wird mehr als eklig werden.

 5) 12 Jahre arbeiten, ein Jahr frei (Interview mit Lars Klingbeil)
ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?
Klingbeil: Ein Grundeinkommensjahr würde Arbeitnehmern Zeit zurückgeben für Dinge, die sie neben der Arbeit nicht schaffen. Mit jedem Jahr, das man arbeitet, spart man einen Monat Grundeinkommen an. So könnte man nach sechs Jahren Arbeit ein halbes Jahr aussetzen und nach zwölf Jahren Arbeit ein ganzes. Bei dem Modell, das ich vorschlage, würden die Beschäftigten in dieser Zeit jeden Monat 1.000 Euro netto bekommen. Darauf müssten keine Steuern bezahlt werden und die Krankenversicherungsbeiträge würde der Staat übernehmen. [...]
ZEIT ONLINE: Kann man während des Grundeinkommensjahres auch einfach auf dem Sofa liegen und Serien schauen?
Klingbeil: Jeder entscheidet selbst, was er in dem Jahr macht. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die meisten Menschen das Jahr dafür nutzen würden, sich zum Beispiel ehrenamtlich zu engagieren oder Dinge zu tun, die sie schon immer tun wollten. Die gesamte Gesellschaft würde davon profitieren. Wichtig ist, dass die Grundeinkommenszeit an die Erwerbstätigkeit gekoppelt bleibt. Wer nicht arbeitet, könnte auch keine Auszeit nehmen. [...]
ZEIT ONLINE: Wir haben in Deutschland nahezu Vollbeschäftigung, viele Betriebe finden nicht genug Fachkräfte. Das Problem würden Sie mit einem Grundeinkommensjahr verschärfen.
Klingbeil: Bei der Einführung des Elterngeldes gab es die die gleiche Debatte: Es sei zu teuer und würde Fachkräfte abziehen. Heute stellt niemand mehr das Elterngeld infrage. Ich glaube daher viel eher, dass der Arbeitsmarkt davon profitiert, wenn wir Arbeit anders organisieren. (Zeit)
Die Idee ist tatsächlich gar nicht mal so blöd, aber symptomatisch für die aktuelle SPD. "Gar nicht mal so blöd" und "nette Idee" ist so ziemlich das Maximum, was man sich dieser Tage von der Sozialdemokratie erwartet. Und das ist für die Partei alles, aber sicherlich nicht gut. Der Vorschlag selbst ist eben nett. Wie Klingbeil richtig beschreibt ist das Angebot tatsächlich vorrangig für Geringverdiener interessant, weil der Betrag für das Sabbatjahr eines Abteilungsleiters nicht eben ausreichend ist. Einen echten Effekt haben kann das aber nur mit flankierenden Maßnahmen, von denen ich bisher wenig lese. Wenn dieses Jahr für Fortbildungsmaßnahmen genutzt werden kann, die staatlich entsprechend gefördert und integriert sind, bringt es vielleicht sogar was. Ich denke etwa an eine Einrichtung wie Berufsoberschule in Baden-Württemberg, an der ich auch unterrichte. Da machen Menschen, die bereits eine Berufsausbildung haben, in zwei Jahren normaler Schule das Abitur. Dafür kündigen sie notgedrungen ihre alten Jobs, und ein Dauerproblem der Schüler (das auch zu viel Belastung, Abbrüchen und Durchfallern führt) ist die zwingende Notwendigkeit, nebenher zu arbeiten. Ein Sabbatjahr würde dieses Problem umgehen, und wenn man quasi zwei Jahre am Stück nehmen kann (sozusagen eine 24-Jahr-Periode auf einmal abdecken) wäre da einiges möglich, was vielen einen Sprung in die Mittelschicht erlauben könnte, wenn ihr Bildungsweg vorher nicht immer gerade war. Aber erneut, das ist halt Herumdoktoren am Rand und kaum ein Wahlkampfschlager.

6) Die größte aller Revolutionen
Friedrich Ebert und die von ihm geführte Sozialdemokratie haben nicht die Arbeiterbewegung verraten. Sie haben sie gerettet. Freie Gewerkschaften, freie politische Betätigung hätte es in einem rätesozialistischen Deutschland nicht gegeben. Das wussten die Zeitgenossen nur zu gut. Die Entwicklung in der Sowjetunion stand ihnen deutlich vor Augen. Zehntausende Flüchtlinge hatten nicht nur viel zu erzählen. Schon ihre bloße Anwesenheit zeigte jedem, der Augen hatte, wie es um Freiheit und Demokratie in jenem Land aussah, das die Kommunisten als ihr Ideal betrachteten. Die Revolution von 1918/19 ist nicht auf halber Strecke stehen geblieben. Sie wurde gestoppt, bevor sie dazu übergehen konnte, ihre Kinder zu fressen. Das ist das große Verdienst der Sozialdemokratie. Sie rettete Deutschland. Das Land wurde, obwohl es bis 1923 zu immer neuen Aufständen und Putschversuchen von links und rechts kam, nicht zerrissen. Es übernahm auch kein Militär oder ein faschistoider Diktator das Kommando. Die Weimarer Republik war ein Erfolg. Das Genick brachen ihr die Weltwirtschaftskrise und der Hass, der ihr am Ende von links wie rechts entgegengebracht wurde. Es war der Hass auf die Mitte, auf den Kompromiss, auf die friedliche Aushandlung von Interessen. Es war das Verlangen nach einem lautem Basta und nach Männern, die nicht nur auf den Tisch schlagen. Solche Stimmen gab es schon in den Jahren davor immer wieder. Aber lange, länger als die anderen 1917–1919 zusammengebrochenen Reiche, blieb die Weimarer Republik, die in Wahrheit ja eine Berliner Republik war, stabil. [...] Als im Januar 1919 bei den Wahlen zur Nationalversammlung erstmals in Deutschland Frauen auf nationaler Ebene wählen und gewählt werden durften, gab es 2,8 Millionen mehr weibliche als männliche Wähler. Weimar war weiblich. Heute wissen wir, welchen Hass das bei vielen Männern schürt. Wir wissen es, nicht weil wir die Geschichte studieren, sondern weil wir sehen, was in den USA passiert. Die Geschichte ist kein Reservoir an abrufbaren Erfahrungen. Wir können sie brauchen, nicht weil sie uns etwas sagt darüber, woher wir kommen. Wir brauchen sie, um uns die An-, ja Hinfälligkeit eines jeden status quo vor Augen zu führen. (Arno Widmann, Berliner Zeitung)
Ich finde es wichtig, positive(re) Narrative über die Revolution von 1918/19 zu etablieren, die - wie 1848 auch - immer noch viel zu sehr durch die Brille der Gegner der Weimarer Republik wahrgenommen wird. Der Artikel ist deswegen durchaus wertvoll, aber eine wichtige Relativierung habe ich dazu doch schon. Die obige Version ist effektiv die unkritische Übernahme von Friedrich Eberts Narrativ, die Republik sei durch linke gewaltbereite Revolutionäre zutiefst bedroht gewesen, das dann eine Entfesselung rechtsradikaler Gewalt durch die SPD bedingt hätte. Es ist korrekt, dass gerade die Spartakisten keinerlei Interesse an einer friedlichen Teilnahme am pluralistisch-demokratischen Prozess hatten und mit militanter Rhetorik aufwarteten; wie wir jedoch aus der Rückschau wissen, waren sie nur eine kleine, schlecht organisierte Minderheit, deren gewaltbereite Rhetorik am Ende genau das war: Rhetorik. Die wahre Gefahr für die Republik war rechts. Natürlich darf man nicht in Präsentismus verfallen: Ebert, Noske und Scheidemann (als pars pro toto) sahen diese Gefahr damals überdeutlich vor Augen und operierten in einer Atmosphäre voller Angst und mangelhaften Informationen (wie in "Am Anfang war Gewalt" meisterhaft herausgearbeitet wurde). Aber das ist kein Grund, dieses Narrativ unkritisch zu übernehmen. Ich kann Sympathie für die von Ebert empfunden Zwänge haben und trotzdem in historischer Analyse feststellen, dass sein Zusammenwerfen von USPD, Spartakisten und Matrosen ein schwerwiegender Fehler war, der zu Massenmorden und rechtem Terror führte und die Republik dauerhaft belastete. Beides ist wahr. Ein letzter Hinweis bei diesem Thema sei zum Thema "toxische Maskulinität" gestattet. Trotz Theweleits bahnbrechender Grundlagenforschung in den 1970er Jahren ("Männerphantasien"), die leider seither nicht mehr großartig weiterverfolgt wurde, wird oft genug dieser Aspekt an den Freikorps, die die Gewalt ja maßgeblich ausübten, übersehen: In eine Welt geschleudert, in der sich die Gesellschaft radikal wandelte (Frauenwahlrecht, Grundrechtsreformen, etc.) versuchten sie durch dezidierte Gewaltperformance sich ihrer Männlichkeit zu versichern. Ähnliche Mechanismen, wenngleich nicht gar so explizit, trieben im Übrigen auch große Teile der radikalen Linken in den Kampf, wenngleich mit deutlich weniger Erfolg und ideologischer Kohärenz.

7) Wunschdenken schadet nicht
Das grüne Europaprogramm könnte den Staatenbund – würde es Wirklichkeit – nach vorne bringen. So wirbt die Partei etwa für einen Klimapass. Industriestaaten, die für den Klimawandel verantwortlich sind, sollen Geflüchtete aus Staaten aufnehmen, die durch steigende Meeresspiegel bedroht sind. Diese Logik ist einfach, aber richtig. Dass In­dus­triestaaten die Folgen ihres immensen Ressourcenverbrauchs bis heute ignorieren, ist ein fortgesetzter Skandal. Es reicht längst nicht mehr, Konzepte zu fordern, die die Erderwärmung abbremsen. Politik muss die realen Folgen managen. Die Grünen sind die einzige Partei in Deutschland, die sich dieser Aufgabe ernsthaft stellt. Nun kann man immer zynisch sagen, dass solche Beschlüsse nicht umsetzbar sind. Aber Resignation bedeutete das Ende fortschrittlicher Politik. Ein bisschen Wunschdenken, das haben die Grünen verstanden, schadet nicht. (Ulrich Schulte, taz)
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die formulierten Positionen oben sind alles, aber sicher nicht mehrheitsfähig. Wichtig sind sie trotzdem. In einem parlamentarischen System müssen Positionen auch nicht zwingend mehrheitsfähig sein, und ihre Formulierung ist zwingend der erste Schritt, um sie im demokratischen Überzeugungsprozess mehrheitsfähig zu machen. Visionen sind kein Grund zum Arzt zu gehen, sie sind wichtig. Es braucht sie, um politische Angebote machen zu können, die sich unterscheiden, die Alternativen bieten. Sonst überlässt man das Feld den Populisten.

8) Trump voters stood by Trump in the midterms - there just weren't enough of them
Two years later, his party got creamed in elections of the US House of Representatives, losing 35 to 40 seats despite a map whose geography favors the GOP even more strongly than the Electoral College does. It looks like, though, when all the votes from California are in, Republicans will have earned just about 46 percent of the vote nationally — almost exactly the same share as two years ago. All that diner journalism about how Trump voters still like Trump was, in other words, pretty much on the money (at least in the aggregate). It’s just that it didn’t matter. There were never enough Trump voters to form a majority of the electorate. And that, more than suburban backlash or anything else, is what did in Republicans on Tuesday. The Trump voters stood by Trump and voted Republican, but this time around, everyone else voted for the Democrats. And the Democrats won. [...] Through it all, the press would stop from time to time to remark on how attuned Trump was to his base, and how perfect he was at picking various fights — with the media, with the nation of Canada, with immigrants, with the FBI’s counterintelligence division — that played to his base’s sensibilities. This was all probably true. (Though, again, wet-noodle Romney got a higher share of the vote.) But it was also somewhat bizarre. Winning the presidency while losing the popular vote 46-48 is within the rules of the game, but it left Trump with a negative margin of error. The math was plain as day that all Democrats had to do was consolidate the people who didn’t like Trump and they’d blow the Republicans out. But the House GOP seemed confident that their gerrymanders would hold. And then when polling in September and October suggested clearly that it wouldn’t, Trump started ranting about the caravan. The political goal here, we were told, was to rally Trump’s base to come back home, which more or less happened. Except 46 percent of the population just isn’t that many people. (Matthey Yglesias, Vox.com)
Ich habe bereits hinreichend vom Konzept der politischen Gravitiation gesprochen. Man glaubt immer wieder gerne, dass ein Politiker oder eine Partei in der Lage sei, die normalen Regeln außer Kraft zu setzen. Wenn die Midterms aber eines gezeigt haben, dann dass mit einer Minderheit zwar durch das Wahlrecht verzerrt Zufallssiege möglich sind, aber keine konsistenten Mehrheiten gewonnen werden können. Dass über zwei Jahre lang medial ein anderes Bild beschworen wurde, ist auch ein Medienversagen (wie zuvor die übergroße Sicherheit in Clintons Wahlsieg, deren ich ja auch schuldig war). Die Ursache ist dieser beschissene Diner-Journalismus. Dabei handelt es sich um ein typisch amerikanisches Journalismusgenre, das in Deutschland 2016 ebenfalls kurz Konjunktur hatte, aber dankenswerterweise inzwischen wieder eingeschlafen ist, bei dem Journalisten zu "echten" Menschen gehen (sprich: weiße Männer mittleren Alters auf dem flachen Land) und diese befragen. Dabei kommen dann Perlen wie "Trump supporters still support Trump" heraus, die ohne Erkenntnis der Tautologie diese Menschen porträtieren und den Mythos perpetuieren, dass deren Ansichten, Wünsche, Hoffnungen, Meinungen und Ängste irgendwie bedeutender wären als die der restlichen Bevölkerung.

9) How gerrymandering kept Democrats from winning even more seats on Tuesday
North Carolina’s congressional district lines are already the subject of federal litigation claiming that they give Republicans a systematic, unconstitutional advantage in winning seats. Tuesday’s results bear those claims out. Democrats won roughly 50 percent of the vote in North Carolina, their best performance in almost a decade. But despite an extraordinary year, they netted just three of the state’s 13 congressional seats — the same as in 2014 and 2016. That happened because a promising Democratic wave crashed against one of the country’s most extreme gerrymanders, a congressional map that Republican legislators brazenly stated on the record that they carefully crafted “to give a partisan advantage to 10 Republicans and 3 Democrats.” [...] The only way to put a stop to this is to remake North Carolina’s map and the state’s redistricting process. The Supreme Court can help do both this spring by striking down the map as an unconstitutional partisan gerrymander and putting some laws in place to limit the worst redistricting abuses. A strong ruling from the court would not only require the legislature to draw a new, fairer map for 2020 but also set the ground rules for the next round of redistricting in 2021. If the Supreme Court refuses to rule, the North Carolina Supreme Court might. (Thomas Wolfe, Brennan Center for Justice)
Wir haben das bereits an anderer Stelle für Georgia thematisiert, daher hier nur ein ergänzender Hinweis. Die Democrats in Maryland, deren korrupte Klüngel legendär sind und anschaulich in der alten HBO-Serie "The Wire" porträtiert wurden, sind beim Gerrymandering fast genauso enthusiastisch bei der Sache wie die Republicans im Rest des Südens und haben von der good governance, die diese Praktiken in vielen nördlichen Staaten verhindert, nicht viel gehört. Der Supreme Court hat aktuell zu beschließen, ob er diesen Fall und den in Georgia anhört. Das ist eine Chance für ein überparteiliches Grundsatzurteil, dass diese Praxis endlich verbindlich für alle verhindert - ein Doppelschlag in Maryland und Georgia würde keiner Seite eine Distanzierung leicht machen und könnte deutlich helfen.

There are several interesting things here:
  • The chart on the left is consistent with my hypothesis that racism has decreased a bit as a driver of Republican votes now that Barack Obama has been out of office for two years. It’s hard to tell from the lines, but the effect is noticeable. In 2018, the most racist voters were about 4.3 percentage points less likely to vote Republican than in 2016. However, the least racist voters were 7.7 points less likely to vote Republican. That’s not a big change, but it does suggest that the least racist voters were running away from the GOP faster than the most racist voters.
  • actually fairly substantial: a decline of about 5-7 percentage points in the likelihood of racist attitudes to cause someone to vote Republican.
  • However, this has been more than replaced by a huge increase in the influence of toxic sexism on the party vote. As the chart on the right show, sexist attitudes had barely any effect at all in 2016. In 2018 they had an enormous effect.
  • But the effect was entirely negative. The most sexist voters voted about the same way they did in 2016. The least sexist voters abandoned Republicans in droves. They were about 30 percentage points less likely to vote for a Republican.
This is just one study, blah blah blah. Don’t take it as gospel. However, it appears to be a fairly standard kind of study, and nothing about it raises any special alarms. If Schaffner is right, racial animus (or tolerance of racial animus, perhaps) has declined a bit since the poisonous election of 2016, which makes Donald Trump’s racist appeal less effective going forward. At the same time, the Republican Party has apparently been branded very strongly as an anti-woman party. Will this last until 2020? If it does, Democrats should be in pretty good shape to elect our next president. (Kevin Drum, Mother Jones)
2016 schien das Ende für die These von der "emerging Democratic majority" zu bedeuten, aber seit den Midterms ist sie "with a vengeance" wieder da, wie der Amerikaner sagt. Für die Republicans sind die im Artikel beschriebenen Trends tödlich. Die Partei ist seit 1992 effektiv eine Minderheitenpartei, die das popular vote gerade einmal gewinnen konnte. Daher ja auch die immer aggressiveren Wählerunterdrückungsmaßnahmen. Es ist aber gefährlich, Trends auf diese Art fortzuschreiben. Ja, wenn alles auf dem aktuellen Stand ohne Veränderung weitergeht ist die GOP Toast. Nur, die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering. Zum einen gibt es immer Ereignisse von außen, die unvorhersehbar und ohne Schuld der Akteure die Parameter verschieben. Und zum anderen können die Akteure ja darauf reagieren. Die Republicans haben in ihrem berühmt-berüchtigten Autopsie-Bericht von 2012 bereits dargelegt, wie sie wieder eine genuine Mehrheit gewinnen können. Ein solcher Strategiewechsel würde kurzfristig natürlich erst einmal zu Verlusten führen (weil die radikalisierte Basis sich enttäuscht abwendet und die Mitte das extremistische Bild noch vor Augen hat), ist aber auf lange Sicht durchaus gesund. Diese Transformation aber ist gefährlich, und diese Gefahr scheuen Politiker jeder Couleur.

 11) Tweet von Arnd Groß
Wenn ich davon rede, dass die Konservativen politische Hygiene im eigenen Haus betreiben müssen, meine ich genau solche Leute. Die haben keinen Platz in einer demokratischen Gesellschaft, und es ist an den Parteien das deutlich zu machen und solche Elemente nicht zu dulden.

12) Tweet von Marcel Dirsus
Man vergisst immer wieder allzuleicht, welch monumentalen Erfolg der seit 1945 dauerhafte Friede im EU-Europa darstellt. Momente wie dieser erinnern einen daran.

Donnerstag, 15. November 2018

Wahlen in den USA und Brasilien - Vermischtes 09.11.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) The GOP midterm strategy is identity politics for white people
That explanation ignored the uncomfortable fact that Trump’s economic vision was centered on a politics of white identity, charging that immigrants and unqualified minorities were obtaining advantages the average white American could not claim. That left his opponents with a choice: Contest that vision, or let him attack those groups uncontested. In the meantime, Trump’s administration has seen that economic message almost entirely subsumed by the focus of congressional Republicans on tax cuts for the wealthy and plans to shrink the social safety net. But even as the message has shifted, there hasn’t been a corresponding erosion in Trump’s support. The economics were never the point. The cruelty was the point. Nevertheless, among those who claim to oppose identity politics, the term is applied exclusively to efforts by historically marginalized constituencies to claim rights others already possess. Trump’s campaign, with its emphasis on state violence against religious and ethnic minorities—Muslim bans, mass deportations, “nationwide stop-and-frisk”—does not count under this definition, but left-wing opposition to discriminatory state violence does. (A November panel at the right-wing Heritage Foundation on the threat posed by “identity politics,” with no apparent irony, will feature an all-white panel. ) [...] Trying to scare white people is an effective political strategy, but it is also an effective ratings and traffic strategy. Trump’s ability to manipulate the media through provocation and controversy has been effective precisely because covering those provocations and controversies provides news outlets with the ears and eyeballs they crave. Trump considers the media “the enemy of the people” only when it successfully undermines his falsehoods; at all other times, it is a force multiplier, obeying his attempts to shift topics of conversation from substantive policy matters to racial scaremongering. The tenets of objectivity by which American journalists largely abide hold that reporters may not pass judgment on the morality of certain political tactics, only on their effectiveness. It’s a principle that unintentionally rewards immorality by turning questions of right and wrong into debates over whether a particular tactic will help win an election. (Adam Serwer, The Atlantic)
Ich bin immer wieder erfreut wenn mehr Leute auf den Zug aufspringen, identity politics als Terminus den Rechten zu entreißen. Was die machen ist auch identity politics, und sie machen es üblicherweise aggressiver als die Progressiven (zumindest wäre mir bisher nicht bekannt, dass Kretschmann eine "Atomkraft Nein Danke"-Plakette in alle Behörden hätte hängen lassen). Auch der Punkt von den Medien als "force multiplier" für Trump scheint mir mehr als gerechtfertigt zu sein. Es bleibt ein Dauerproblem der Medienmacher, dass sie bisher keine Strategie gefunden haben (ich weiß auch keine, nebenbei bemerkt). Den ganzen Quatsch ignorieren geht nicht, aber auf der anderen Seite wird das ganze eklige Zeug durch die permanente Berichterstattung und durch den Bothsiderism normalisiert. Was also tun? Ich tendiere dazu, eigene identity politics dagegen zu setzen. Ein eigenes, positives Narrativ gegen die Untergangsvisionen vom "carnage" Trumps. Progressive hatten schließlich immer dann Erfolg, wenn sie eine positive Botschaft hatten, nicht, wenn sie schreckliche Horrorszenarien schufen.

2) America has a right-wing terrorism problem
All this takes place in the a background of a Republican Party whose top leadership increasingly tolerates, condones, or even carries out political violence. President Trump did issue a statement Wednesday saying: "[A]cts or threats of political violence of any kind have no place in the United States of America." But he was saying the exact opposite just a few days previously. Recall that during a special congressional election in Montana last year, Republican candidate Greg Gianforte body-slammed Guardian reporter Ben Jacobs, breaking his glasses — while Jacobs had his recorder going. Then Gianforte flagrantly lied about what he had done until after he had the election sewn up, only admitting guilt and apologizing afterwards. At a rally in Missoula a few days ago, Trump applauded Gianforte's admitted assault while campaigning for his re-election. "Any guy that can do a body slam — he's my guy," he said. [...] Political violence is a thorny enough problem when it's carried out by underground extremists. But it is a lot more dangerous when it becomes a tactic for a ruling party. If one cannot win free and fair elections, well then violence might serve just as well — and if it works, then there is no way to stop it. It is important to note that so far, none of these extremists or proto-fascists have at yet shown much in the way of physical courage. Sending a mail bomb anonymously, or ganging up with 10 friends to kick someone already on the ground, or jumping a slightly-built reporter out of the blue, is more about bullying and mob violence than it is the kind of truly unhinged zealotry that inspired the Asanuma assassination. But things are escalating fast. (Ryan Cooper, The Week)
Mein Horrorszenario gerade ist, dass das bald auch in Deutschland passiert. Die AfD benennt irgendwelche konkreten Ziele, einer ihrer rechtsextremistischen Spinnerfreunde greift es an, sie freuen sich öffentlich drüber, und überall sind die Kommentare "Ja, wenn denn nur die Linken nicht im Hambacher Forst..." Das ist NICHT vergleichbar, und dass es gerade trotzdem permanent geschieht, ist eine gigantische Gefahr. Anstatt die politische Gewalt klar zu verdammen, stiehlt sich die rechte Mitte davon. Man stelle sich mal vor, Helmut Schmidt hätte 1977 verkündet, dass die RAF ja schon schlimm sei, aber dass man die von der CIA gesteuerten Terrorbanden in Italien ja durchaus zur Kenntnis nehmen müsse, die das Ganze ja quasi verursacht hätten. Die Vorstellung alleine ist absurd. In Zeiten des RAF-Terrors gab es keine permanente Relativierung mit "ja, aber die Rechten sind auch schlimm". Also reißt euch am Riemen und räumt euren Laden auf. Die Linke hat das ja auch überwiegend geschafft. Und der Teil, der es nicht geschafft ist, wird deswegen auch konsequent ostrakisiert und ist in feiner Gesellschaft nicht willkommen.

3) Trump's ideology is anti-semitism without Jews
More often, he would invoke anti-Semitic themes without any explicit reference to Jews or Judaism. Trump’s closing campaign ad on television denounced “a global power structure that is responsible for the economic decisions that have robbed our working class, stripped our country of its wealth and put that money into the pockets of a handful of large corporations and political entities,” over images of Janet Yellen, George Soros, and Lloyd Blankfein, all of whom happen to be Jewish. Trump lambastes his enemies as “globalists,” which, through its implication of extra-national loyalty, closely tracks the primary accusation made against Jews. Most right-wing thought in general tends to laud the traditional values found in ethnically homogenous rural areas (“real America,” as conservatives habitually call it), and to censure the cosmopolitanism and libertine values of the cities. As a largely urban, educated, and liberal group, Jews naturally find themselves on the negative side of this implicit moral divide. The more sinister strains of this thinking develop conspiracy theories connecting the role of elites and the larger numbers of foreign hordes who seem to pose a threat to the nation’s character. [...] It is probably not surprising that the conspiratorial style of Schlafly and Robertson, having met such weak resistance, have made their way closer to the center of the Republican party. If the president was an anti-Semite, matters would indeed be much worse for American Jews than they currently are. But short of such an emergency, having a president who endorses deranged right-wing nationalist conspiracy theories is dangerous enough. (Jonathan Chait, New York Magazine)
Dieses Phänomen auf den Rändern (Jeremy Corbyn und seine Parteigänger haben bei dem Themenkomplex ja mit ganz eigenen Vorwürfen zu kämpfen) vom "Anti-Semitismus ohne Juden" ist mehr als merkwürdig. Es ist ein Zurückgreifen auf uralte Topoi, Vorurteilsstrukturen und Attacken. Liegt dies daran, dass diese Attacken ein bestimmtes psychologisches Grundmuster befriedigen und dass ihre Ziele letztlich austauschbar sind? Muslime oder Juden, Kapitalisten oder Kulaken, who cares? Oder handelt es sich nur um versteckten Anti-Semitismus, der zwar die Juden nicht benennt, aber dies nur zur Tarnung so hält?
Nehmen wir etwa Orban als Beispiel, kann der Antisemitismus glaube ich als gegeben angenommen werden. Bei Alexander Gauland dagegen würde ich sehr vorsichtig mit diesem Vorwurf sein, während Trump glaube ich einfach jegliches gefestigtes Weltbild jenseits tief empfundener, aber wenig begründeter Bauchgefühle fehlt. Diese universelle Anwendbarkeit scheint gerade die Attraktivität dieser Attacken zu begründen. Jedes Publikum kann interpretieren, was es will.
So ist der beständige Angriff auf George Soros als antisemitische Attacke in klassischen ideologischen Kategorien lesbar, oder als Angriff auf die Klasse der Milliardäre, oder als Angriff auf die liberalen Eliten (beides Lesarten, hinter denen sich problemlos auch linke Populisten vereinen lassen). Selbst eine Attacke auf fremde Einflüsse oder Einwanderer geht. Diese universelle Lesbarkeit macht diese Attacken für die entsprechenden Nutzer so mächtig und sorgt auch für diese nebulöse Erscheinung besonders am Rand, die ja auch die Israelkritik kennzeichnet, die ständig im Grenzraum erlaubter und notwendiger Kritik auf der einen und Antisemitismus auf der anderen Seite irrlichtert.
Lange Rede, kurzer Sinn: Der "Antisemitismus ohne Juden" greift auf einen tiefen und weit verbreiteten Vorurteilsschatz zurück und ist deswegen so effektiv. Man muss vorsichtig sein, zu schell den Nutzer als Antisemiten zu brandmarken, da es oft nicht zutrifft und den Vorwurf so gegenüber den echten Tätern entkräftet, die sich hinter der Beliebigkeit, die die geistigen Brandstifter mit Hilfe der Mechanismen aus Fundstück 2 eingeführt haben, verstecken können.

Every president is elected by a distinct electoral coalition, and the coalition that elected Trump included an unusually large number of people with virulently illiberal, extreme right-wing views — the kind of people who normally find both major-party nominees far too blandly centrist to inspire much enthusiasm. Trump spoke to these voters. His championing of "birtherism," his denunciation of Mexican "rapists," his denigration and fear-mongering about Muslims, and his attacks on "globalist" bankers convinced these extremist voters that Trump shared their fears of the country becoming less white, less Christian, and less willing to defend its identity as a white, Christian nation against various invaders, including Muslims, immigrants from Latin America, blacks, and Jews. [...] One of those effects is to convince the deplorables that they now have greater room for maneuver — that things are moving in their direction, nudged along by the party that controls the White House and both houses of Congress. The evidence is everywhere — in Iowa's GOP Rep. Steve King becoming an open white supremacist while avoiding condemnation by senior members of his party; in explicit neo-Nazis running for office under the Republican banner; in the president praising a GOP congressman for assaulting a reporter; in the increasing use of George Soros (a Jewish philanthropist and donor to liberal causes) as an all-purpose target and scapegoat for events and policies the president and his white nationalist supporters detest. The list goes on and on. [...] A left-leaning protester accosting a Republican official over dinner might be rude, but it is categorically different from mailing a bomb to a prominent Democrat, let alone shooting up a house of worship. After several decades in dormancy, the deplorables have awoken. They are on the march and out for revenge against the establishment that exiled them to the margins of American political life. Trump may or may not see himself as one of them, but he is nonetheless their Pied Piper, leading them out of their slumber with his words and his actions, and setting them free to wreak hateful havoc throughout the country. (Damon Linker, The Week)
Was Damon Linker oben anspricht ist mir so wichtig, dass ich es in einem Vermischten nach dem anderen unter verschiedenen Gesichtspunkten thematisiere. Die "deplorables" haben lange deswegen keine elektorale Macht besessen, weil sie am Rand der Gesellschaft standen und ostrakisiert waren. Wie politikwissenschaftliche Studie um politikwissenschaftliche Studie nachweist, hat sich das Potenzial beziehungsweise die Gesamtmenge der Leute, die solche Ansichten haben, nicht verändert und schwebt immer um die 20%, quer über die westlichen Gesellschaften hinweg. Was sich geändert hat ist die Akzeptanz dieser "deplorablen" Positionen. In ihrem fanatischen Kampf gegen die Modernisierung der Gesellschaft (Stichwort "political correctness") haben die Konservativen einen Teufelspakt mit den "Deplorables" geschlossen, deren überlappende Ziele ihnen wichtig genug schienen, um darüber die Methoden zu vergessen: Freunde der Demokratie sind diese Leute schließlich nicht gerade. Möglich ist es natürlich, dass Linke zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls in dieses Reservoir greifen und etwa die Ablehnung (kapitalistischer) Eliten zu nutzen suchen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber handelt es sich um ein rechtes Problem, und die Konservativen werden die Geister, die sie riefen, nicht mehr los. Die Frage nach der Abgrenzung dürfte für eine ganze Weile bestehen bleiben. In den USA und Großbritannien wurden die "Deplorables" überwiegend in den konservativen Mainstream integriert. In Deutschland und Frankreich bleibt die Trennung scharf, aber die Versuchung der Zusammenarbeit ist punktuell (etwa in Sachsen) sehr groß. In wieder anderen Ländern (wie etwa Ungarn) wurde die demokratische Rechte von ihrem autoritär-populistischen Gegenstück quasi zerpulvert.

5) However the midterms go, the Republican party is going to get more extreme
Rather than finding another line of work, however, McConnell’s colleagues have grasped a disturbing reality: They don’t need to sell their policies to the American people. They’re better off following Trump’s political formula of constructing an alternate reality in which their party is cast as one of economic populists. Recently, Trump has been insisting he has another plan to give the middle class a tax cut. A big one! A whopping 10 percent cut, just for the average taxpayer. “We’re doing it now for middle-income people,” Trump told reporters about a bill he claimed would pass before Election Day. [...] The defensive effort to steal the economic-populist mantle from Democrats, without making any substantive concessions toward that end, has been largely overshadowed by the louder cultural messaging that accompanies it. Republicans have stoked white racial paranoia against a shifting array of targets. Kneeling football players and transgender bathrooms have momentarily given way to a convoy of Central American migrants that allegedly contains “unknown Middle Easterners.” And Trump’s allies have gone from justifying his ­reality-show authoritarian persona as a necessary expedient to embracing it as a positive good. “It doesn’t matter if it’s 100 percent accurate,” a senior Trump-administration official told the Daily Beast, defending the president’s fearmongering attacks on a caravan of potential refugees. “This is the play,” Scott Reed, a strategist at the U.S. Chamber of Commerce, told the Washington Post. “It’s a standard tactic to use fear as a motivating choice at the end of a campaign, and the fact is the fork in the road is pretty stark.” In Texas, when a fan at a Ted Cruz speech exclaimed about Beto O’Rourke, “Lock him up!,” Cruz answered, “Well, you know, there’s a double-­occupancy cell with Hillary Clinton.” (Jonathan Chait, New York Magazine)
Wir wissen nun bereits, dass die Midterms für die Republicans ein Desaster waren. Es gehört allerdings wenig dazu, Chaits Analyse in groben Zügen zuzustimmen. Trump und die Republicans im Kongress sind nicht gerade der Typ dafür, sich nun zur Mitte hin zu orientieren. Die Democrats haben das in einer vergleichbaren Situation 2010 ja auch nicht getan, denn die Wahl war - wie jede Wahl in einem Zwei-Parteien-System - ein Desaster vor allem für moderate Republicans, obwohl die Wahl gerade eine Wahl gegen die extremen Republicans war. Auch diese Dynamik kennen die Democrats von 2010 nur zu gut.
Es fallen nie die Bastionen der Basis, in denen ideologisch lupenreine Politik gefordert wird, deswegen sind es ja Bastionen der Basis. Es sind die moderaten Kandidaten in den Schwungdistrikten, die - auf beiden Seiten - die Opfer jedes Machtwechsels sind. Die Democrats haben nun, wie es im Englischen heißt, eine Big-Tent-Coalition und müssen sehen, wie sie sie zusammenhalten. Die Republicans haben einen kleinen, kompakten und ideologisch gefestigten Korpus. Diese Dynamik wird sich, so die Republik Bestand hat, eines Tages wieder drehen. Für den Moment aber sollte man nicht darauf hoffen, dass Trump sich bis 2020 wesentlich moderiert.

Nur wenige Länder haben für das globale Klimasystem eine so große Bedeutung wie Brasilien. Dass der Rechtsextremist Jair Bolsonaro die Stichwahl zum Präsidentenamt am letzten Sonntag gewonnen hat, ist deshalb nicht nur für die Demokratie im fünftgrößten Land der Erde ein Anlass zur Sorge, sondern auch für den weltweiten Klimaschutz. [...] Vor allem Bolsonaros Pläne über den künftigen Umgang mit der Amazonasregion bergen große Gefahren. Hier liegt der nach wie vor größte Regenwald der Erde. Ein Viertel des globalen Kohlenstoff-Austauschs findet hier statt, der Wald ist ein riesiger CO2-Speicher. Und er zählt zu den sogenannten Kippelementen im Klimasystem. Verliert er seine klimastabilisierende Funktion, könnte dies unabsehbare Folgen haben und das Kippen weiterer kritischer Systeme beschleunigen. [...] Der neue Präsident will eine Autobahn durch den Regenwald bauen und die Rodungen weiter vorantreiben, die bereits in den vergangenen Jahren neue Höchststände erreicht haben. Umweltorganisationen sollen verboten oder des Landes verwiesen werden. Bolsonaro hat in diesem Zusammenhang "Säuberungen" angekündigt. [...] Setzt Bolsonaro, der von der mächtigen Agrarindustrie des Landes unterstützt wird, seine Ankündigungen in die Tat um, wäre das "eine Tragödie", sagte Klaus Milke von Germanwatch. "Die globale Klimakrise würde beschleunigt. Der wichtigste globale Schatz an Artenvielfalt würde geplündert. Und die Menschenrechte der mit und vom Amazonas lebenden indigenen Völker stehen auf dem Spiel." (Verena Kern, Klimareporter)
Auch das ist eine Gemeinsamkeit aller Rechtspopulisten weltweit: sie stehen sämtlichen Klimaschutzmaßnahmen ablehnend gegenüber, ein nicht unwesentlicher Grund, der sie gegenüber wirtschaftlichen Interessen zu so attraktiven Partnern macht. Gerade in Brasilien ist dies wegen der entscheidenden Rolle desd Amazonas-Regenwalds von besonderer Schwere. Auf der radikalen Linken gibt es hier eine ganze Bandbreite; klassisch sozialistische bis sozialdemokratische Radikale etwa haben mit Klimaschutz auch nicht viel am Hut (ohne die fanatisch-ideologische Feindschaft der Rechten zu teilen), während er unter den neuen, grün-progressiven Elementen (Stichwort Hambacher Forst) geradezu ein Markenkern ist, aber nicht gerade in der empirisch unterfütterten, policy-orientierten Variante, die unter Klimaforschern und linken Moderaten beliebt ist.

Mora­li­sche Verun­glimp­fung und poli­ti­sche Verfol­gung haben sich zu einer Hysterie hoch­ge­stei­gert, die dem poli­ti­schen Klima der euro­päi­schen Zwischen­kriegs­zeit in nichts nach­steht. Unmit­telbar nach dem Sieg von Bolso­naro forderte einer seiner Kongress­ab­ge­ord­neten Schüler dazu auf, mit ihren Handys Lehrer zu filmen, die „linke Indok­tri­na­tion“ prak­ti­zieren würden. Die Feind­se­lig­keit gegen die „Roten“ hat sich in einen tota­li­tären Wahn verwan­delt, in dem selbst konser­va­tive Denker wie Francis Fuku­yama als „Kommu­nist“ verab­scheut und Menschen auf der Straße ange­griffen werden, nur weil sie rote Klei­dung tragen. Diese Hexen­jagd gegen die Linke – ein Wort, das von seiner eigent­li­chen poli­ti­schen Bedeu­tung entleert wurde – hat die Form einer irra­tio­nalen Suche nach Sünden­bö­cken für die brasi­lia­ni­sche Wirt­schafts­krise ange­nommen; einer Suche, die beun­ru­hi­gende Ähnlich­keiten mit der ersten histo­ri­schen Phase der faschis­ti­schen Schi­kanen gegen reli­giöse und ethni­sche Minder­heiten aufweist. [...] Zahl­reiche Histo­ri­ke­rinnen und Histo­riker Brasi­liens haben die auto­ri­täre Tendenz ihrer Regie­rungs­in­sti­tu­tionen spätes­tens mit der verfas­sungs­wid­rigen Amts­ent­he­bung gegen die gewählte Präsi­dentin Dilma Rousseff im Jahr 2016 erkannt. Dennoch kam auch für die Histo­riker der Erfolg Bolso­naros in der ersten Präsi­dent­schafts­runde über­ra­schend. Noch eine Woche vor dem ersten Wahl­gang war Bolso­naro in den Meinungs­um­fragen nicht Favorit gewesen: Ein erheb­li­cher Anteil jener Wähler, die ihm das spek­ta­ku­läre Ergebnis von 46 Prozent der Stimmen bescherten, entschied sich erst in den letzten 48 Stunden für ihn. Inso­fern versagen lang- und mittel­fris­tige Erklä­rungen des Wahl­sieges, wie Histo­riker sie gewöhn­lich kennen, weit­ge­hend, auch wenn sich entspre­chende Erklä­rungen selbst­ver­ständ­lich finden lassen. Hierzu gehören etwa das Rache­be­dürfnis jener reak­tio­nären Elite, deren Wohl­stand auf dem struk­tu­rellen Erbe der Skla­verei beruht, aber auch die Deklas­sie­rungs­macht einer seit vier Jahren durch­grei­fenden Wirt­schafts­krise sowie der Zusam­men­bruch des gesamten poli­ti­schen Systems aufgrund unge­heurer Korrup­ti­ons­skan­dale. Auch die zuneh­mend engeren Bünd­nisse mit evan­ge­li­schen Pries­tern im Zeichen von Bolso­naros Projekt der Wieder­her­stel­lung einer patri­ar­cha­li­schen Fami­li­en­ord­nung haben gegen Ende der Kampagne eine wich­tige Rolle gespielt. (Antoine Acker, Geschichte der Gegenwart)
Der Artikel ist lang und ausführlich und jenseits des obigen Ausschnitts generell empfehlenswert. Die Wahl in Brasilien fügt sich schließlich in einen weltweiten Trend ein. Nebenbei bemerkt ist es zwar ironisch, dass extreme Nationalisten eine wesentlich engere und bessere, global vernetzte Zusammenarbeit haben als die in ihrer Selbstdarstellung ach so internationalistisch orientierte Linke, aber es ist kein Paradox. Bereits zu früheren Hochzeiten rechtsextremer Autoritäter gab es eine gute Zusammenarbeit (Stichwort Mussolini, Hitler und Franco, nur als ein Beispiel). Aus dieser Geschichte sollten die Fans dieser Führer sich aber auch bewusst bleiben, dass Nationalisten nur sehr unzuverlässige Bündnispartner darstellen. Ob Österreichs Kanzler in den Dreißigern oder Trumps Geschäftspartner heute: there's no honor among thieves.
Ebenfalls spannend ist - wie so häufig - der Aspekt der toxischen Maskulinität, der Bolsonaros Kampagne wie die der meisten anderen Rechtspopulisten durchzog. Wirken schon Trump oder Putin in ihrer performierten Macho-Männlichkeit häufig wie Karikaturen ihrer selbst, so dreht es Bolsonare auf eine weitere Stufe. Nimmt man die Karikatur eines amerikanischen Waffenfetischisten, wie sie Hardcore-Liberale haben, hat man immer noch weniger als die Realität: mit Pistolengesten, rituellem Waffenabfeuern bei Parteitreffen und vielem mehr verbinden Bolsonaro und seine Anhänger unmissverständlich ihre Konzeption von Männlichkeit mit Gewalt, und diese gewalttätige Männlichkeit mit ihrer Politik.

How can House Democrats have an impact on economic policy? Even though the Senate and President Donald Trump can block them, the Democrats will be tempted to propose legislation that has popular support and that challenges the president’s claim to represent the interests of American workers. In particular, should Democrats stop caring about the deficit, which has exploded under Trump? Here, columnists and contributors for Bloomberg Opinion suggest some priorities.
Noah Smith: With the Senate and presidency in Republican hands, there’s little the House Democrats can do in terms of passing actual legislation. Instead, the focus should be on putting forward legislation that inspires the country, even if it won’t pass. That will also avoid the need to scramble to draft new legislation if and when a Democratic president is elected.
Michael R. Strain: The new Congress should focus on the deficit. Particularly given the strength of the economy, the return of excessively large deficits (fiscal year 2018 saw a $779 billion deficit, and they are projected to grow) is worrisome for all the usual reasons.
Stephanie Kelton: Advice to Democrats: Don’t repeat your biggest policy mistake. Don’t get trapped into thinking that your job is to restore “fiscal responsibility.” Don’t reinstate PAYGO. Don’t worry about the deficit. (Bloomberg)
Die verschiedenen Ansätze, die hier im Artikel genannt werden, sind aus mehreren Gründen interessant. Ich stimme Noah Smith völlig zu. Die Democrats sollten in jedem Falle vermeiden, in dieselbe Falle zu tappen wie die Republicans und plötzlich zwar mit der Macht, aber ohne jede Idee dazustehen und dann miserabel geschriebene. toxische Gesetzesentwürfe nutzen zu müssen. Eine Orientierung an Senator Wagner aus den 1930er Jahren ist hier sicherlich nicht falsch. Michael R. Strain dagegen ist eine Verkörperung all dessen, was die Democrats unbedingt abschütteln müssen. Das absolut dümmste, was sie tun könnten, ist auch nur einen Fatz auf das Defizit zu geben. Zweimal bereits haben nun demokratische Präsidenten den Schuldenmüll ihrer konservativen Vorgänger aufgeräumt, unter ungeheur hohen Kosten für die Wahlchancen der Partei und die Durchsetzung ihres Programms. Und trotz dem schreiben Idioten wie Strain immer noch, als wäre es irgendwie ein zentristischer Zug, der irgendwelche positiven Effekte hatte. Kein Fehler Obamas war so groß wie seine Reduzierung der US-Schulden und Versuch, einen überparteilichen Kompromiss zu erzielen. Die Democrats tun gut daran, auf Kelton zu hören und diesen Mist nicht zu wiederholen.

9) The biggest policy mistake of the last decade
In the great economic battle of the past decade, the winner is the tried and true — in a rout. After the 2008 financial crisis, old-fashioned Keynesians offered a simple fix: Stimulate the economy. With idle capacity and unemployed workers, nations could restore economic production at essentially zero real cost. It helped the U.S. in the Great Depression and it could help the U.S. in the Great Recession too. But during and immediately after the crisis, neoliberal and conservative forces attacked the Keynesian school of thought from multiple directions. Stimulus couldn't work because of some weird debt trigger condition, or because it would cause hyperinflation, or because unemployment was "structural," or because of a "skills gap," or because of adverse demographic trends. Well going on 10 years later, the evidence is in: The anti-Keynesian forces have been proved conclusively mistaken on every single argument. Their refusal to pick up what amounted to a multiple-trillion-dollar bill sitting on the sidewalk is the greatest mistake of economic policy analysis since 1929 at least. As we have seen, the evidence for the Keynesian position is overwhelming. And that means the decade of pointless austerity has severely harmed the American economy — leaving us perhaps $3 trillion below the previous growth trend. Through a combination of bad faith, motivated reasoning, and sheer incompetence, austerians have directly created the problem their entire program was supposed to avoid. Good riddance. (The Week)
Als Ergänzung zu Fundstück 8 sei hier noch einmal darauf hingewiesen, dass Austerität und Konzentration auf das Defizit für die US-Wirtschaft desaströs waren (von der EU-Wirtschaft brauchen wir erst gar nicht anfangen). Es ist auch in höchstem Maße heuchlerisch. Alle Deficit Hawks halten unter Trump die Klappe. Unter einem demokratischen Präsidenten wären die Zentristen mit Fackeln und Mistgabeln vor dem Weißen Haus und würden Zeter und Mordio wegen der größten und sinnlosesten Schuldenmacherei aller Zeiten. Aber weil es zu Lasten der Unter- und Mittelschicht geht und von Konservativen gemacht wird, ist größtenteils Ruhe im Karton. Alle Progressiven tun gut daran, diese heuchlerischen "Experten" zu ignorieren und sich endlich vom alten ökonomischen Mainstream zu distanzieren, der keine Erfolge, wohl aber viel Schaden vorzuweisen hat. Es ist ja nicht so, als gäbe es keine Ökonomen, die mittlerweile deutlich andere und bessere Rezepte hätten als die abgeschmackten, aber gut vernetzten und bezahlten Chicago-Boys-Nachäffer.

Jacobin: I was surprised reading your book to find that many of the party experts of early left parties came out of socialist associations, clubs, left newspapers, and journals. How was this background important for early party experts?
SM: Yes, this is sort of surprising, especially from a present-day perspective. Politics today is absolutely saturated with professionals — consultants, strategists, think tank policy specialists, media talking heads. But it was not always thus. It’s very clear that in the late 1800s and early 1900s, journalists and newspapermen were the most important party experts, especially on the Left. In the book I call these figures “party theoreticians,” because they often wrote and edited for journals and newspapers that were party-supported, and so they depended on political parties to make a living. [...] Another cause was located in economics: economics professions (which were then much smaller, and still in the making) attracted lots of new students who were interested in problems of poverty, labor relations, income distribution, and unemployment, but those students often found that economics professors wouldn’t (or couldn’t) speak to those concerns. This kicked off a sort of generational rebellion, and new kinds of economists were born (there are similar things happening now, by the way). Third, in Western Europe, left parties were becoming established enough to invest in recruiting a younger, college-educated generation of leadership. In the Democratic Party, this kind of recruitment began via FDR’s campaign (in the making of the famed “Brain Trust”). So, in sum, in the 1920s and 1930s, a new generation of technically adept economists who spoke to left political concerns were in the making, even as left parties formed closer ties with universities and economics professions. (Chase Burghgrave, Jacobin)
Dieser Aspekt scheint mir beim allgemeinen Niedergang der Sozialdemokratie noch unterbeleuchtet zu sein; ich habe ihn in meiner Serie auch praktisch ignoriert. Die frühere Sozialdemokratie war eine Klassenpartei und hatte eine sehr motivierte und gut organisierte Kernwählerschaft, die ihr heute völlig fehlt. Diese Leute waren ihrer Parteilinie verpflichtete Ideologen, aber das bedeutete auch, dass die Sozialdemokratien zwingend eine Politikalternative im Gepäck hatten. Ob diese Alternative immer sonderlich gut und machbar war sei dahingestellt, aber es gab die Alternative, und diese Leute waren vor allem pragmatische Ideologen: Sie kamen mit konkreten Ideen, die im Regierungsfall auch umgesetzt werden konnten. Das fehlt heute wohl unzweifelhaft.

No single factor explains any election. First-term presidents almost always face a backlash from a ginned-up opposition, and hardly a day has passed over the last two years in which Trump has not done something to gin up his opposition. But for the almost infinite list of reasons voters broke the Republican hammerlock on the House, health care has been the dominant theme. It is their most visceral and undeniable betrayal of their promises to the voters. Attempting to repeal Obamacare probably cost Republicans the House. Health care has registered as the highest voter priority in exit polls. It also featured more heavily in Democratic advertising than any other issue. As the Republican consultant Rick Wilson explained in early 2017, Republicans meeting with focus groups could not produce any argument that would bring the public around to their fundamental view, which called for repealing the law’s signature regulation of the insurance market. [...] What Paul Ryan’s party did to itself on health care has almost no parallel in history. What happens when a party votes for a high-profile bill that polls at 17 percent nationally? We just found out. The more fascinating question is why Republicans marched themselves into this political deathtrap. The most likely answer is that they came to believe their own propaganda. [...] Two years ago, I wrote a column conceding that, while the law had worked about as well as intended, on a purely political level it had failed. The law’s supporters “assumed that perception would eventually catch up with reality,” I wrote, “but this has not happened, and there is little reason to believe it will anytime soon.” But this, too, turned out to be wrong. And the reason was that Republicans experienced the catastrophic success of winning an election and being expected to carry out their impossible promises. (Jonathan Chait, New Yorker Magazine)
Auch wenn es besonders für Konservative sehr unangenehm ist, das zuzugeben, aber Chait hat völlig Recht. Die Republicans betrieben Wahlkampf mit einem der unpopulärsten Programme aller Zeiten, während die Democrats mit voller Kraft für das Programm warben. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Damit hat sich die GOP einen Bärendienst erwiesen. Ihre "Alternativen" sind heillos diskreditiert, so dass die Democrats, wenn sie das nächste Mal die Macht übernehmen, Obamacare in Richtung progressiverer Ideen reformieren können. Das wird ziemlich sicher auch so passieren.