Der Spiegel hatte wohl keine echten Themen neben "Deutschland trifft den Superstar" in seiner aktuellen Ausgabe (die sich um Barack Obamas Berlinbesuch dreht, ein Thema von wirklich weltbewegenden Ausmaßen). Deswegen hat man noch einen dreiseitigen Artikel über Blogger nachgeschoben, um quasi da auch mal informiert zu haben. Und informiert wird spiegel-typisch. In der Print-Ausgabe ist die Überschrift des Artikels noch "Die Beta-Blogger", in der
SpOn-Variante wird es dann schon "Polemisch, rechthaberisch, machtlos", um den Artikel anzukündigen.
Inhaltlich ist der Artikel ein typischer Spiegel: die Blogger sind alle doof, weil sie uns kritisieren, sie haben von nichts eine Ahnung, schreiben schlecht und, das Wichtigste, sind nicht "professionell". Die NachDenkSeiten haben einen "Steinzeitweblook". Ach, tatsächlich? Ja und? Dafür werde ich nicht von dämlichen Fotostrecken und blinkender Werbung abgelenkt. Stets wird das Gegenbeispiel der USA zitiert, wo Leute "immerhin" von ihren Blogs leben und nicht wie hier nebenbei betreiben. Natürlich könnte man sich etwas tiefer mit dem Phänomen beschäftigen, aber dann wäre man ja kein waschechter, professioneller Spiegelredakteur, sondern nur so ein Amateurblogger. Ich meine, Recherche! Das ist doch was für Anfänger. Ein Profi macht das aus dem Handgelenk. Ihr müsst euch jetzt dazu noch die entsprechende Handgelenksbewegung vorstellen, die zum Aufhalten einer Hand gehört.
Die vielzitierten US-Blogs wie die Huffington-Post haben, wie der
Spiegelfechter in seiner Kritik zu dem Artikel richtig anmerkt, bis zu 43 Vollzeitmitarbeiter und ein Budget von 5 Millionen Dollar im Rücken, weil da eben auch reiche Privatinteressen dahinterstehen. Es gibt in Deutschland nur ein Blog, das seinen Betreibern ein Auskommen erlaubt, und das ist BILDBlog - und das hat in letzter Zeit auch eher an Qualität abgenommen. Aber was bedeutet das? Für SpOn gibt es für die Qualität eines Blogs natürlich nur ein Qualitätskriterium: Geld. Kann man davon leben? Wenn nicht, ist es scheiße. Dabei wird übersehen, dass viele von uns vielleicht gar nicht davon leben WOLLEN. Hat schon mal jemand hier irgendwo eine Anzeige gesehen? Google AdSense? Nein. Warum nur? Ganz einfach, weil ich nicht will. Dieses Blog betreibe ich nicht, um Kohle zu verdienen. Nicht mal nebenbei.
Aber ich schweife ab. Die US-Blogger erreichen, wie Spiegelfechter korrekt anmerkt, auch deswegen so viele Menschen mehr, weil Englisch eben die lingua franca ist und außerdem von rund zehn mal mehr Menschen auf der Welt als Muttersprache geschsprochen wird wie Deutsch. Bricht man die Besucherzahlen der amerikanischen Blogs auf den Bevölkerungsanteil Deutschlands herunter, so stehen die deutschen Blogs kaum hinten an. Dass sie kaum jemand kennt - nun, das liegt auch an der Arroganz der eingesessenen Medien, wie sie der SpOn-Artikel vorexerziert. In selbstverliebter Sicherheit wird da verkündet, dass die US-Blogs nur deswegen so erfolgreich seien, weil die Massenmedien kollektiv im Fall des Irakkriegs versagt hätten und sie in die Lücke springen konnten. Die deutschen Massenmedien haben im Fall der Reformen kollektiv versagt und versagen, im Gegensatz zu den US-Medien, immer noch. Die Blogger sind, neben ND, jW und JW, die einzigen, die gegen den Mainstream anschreiben, auch wenn es inzwischen gerade aus FTD und FR lobenswerte Ausnahmen gibt. Dass der Spiegel es nicht mag, wenn man seine mangelnde Fachkompetenz auf dem Gebiet ankreidet oder seine einseitige ideologische Ausrichtung, ist verständlich. Dass er sich dann aufs Dreckwerfen verlegt, ebenso. Ist halt, alles in allem, nur der Spiegel.
Ein anderes Problem der deutschen Blogs im Vergleich zu ihren amerikanischen Pendants wurde bislang noch nicht angesprochen: es sind die Restriktionen für die Meinungsfreiheit, die hierzulande gelten. Ist euch schon einmal aufgefallen, wie viele Blogs anonym betrieben werden? Wie wichtig es vielen Bloggern ist, ihre Anonymität zu wahren? Dass in diesem Land die Meinungsfreiheit lange nicht so hoch gehalten wird wie in den USA? Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass Deutschland generell nicht gerade ein Land der politischen Debatte ist. Hierzulande läuft man immer noch gerne einer Meinung hinterher; der Spiegel exerziert das vor - in beide Richtungen.
Siehe auch:
NachDenkSeitenHandelsblatt