Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Faschismus und Nationalsozialismus
Tobias Blanken hat einen Essay in der Welt, in dem er sich gegen die Begriffsverwirrung von "Faschismus" und "Nationalsozialismus" wehren will und für eine definitorische Trennschärfe plädiert. Er erkennt in der Allgegenwärtigkeit des Faschismusbegriffs einen "späten Sieg der DDR", was mir seinerseits in dieselbe Falle zu tappen scheint, irgendwie alles Böse bei DDR und Sozialismus zu suchen, die er bei den Linken in der Verwendung des Faschismusbegriffs beklagt, aber er hat einen Punkt. Ich würde das historisch auch zu 100% unterschreiben: der Nazismus war mehr als der Faschismus, ist deutlich schlimmer, Punkt, Ende. Aber gerade darin findet sich ein wesentlich differenzierteres Argument, inwieweit der Begriff heute noch tragfähig sein kann. Ich denke: nicht wirklich. Aber ich bin auch on the record, eher spezifische Verständnisse historischer Begriffe zu haben.
2) Zahlenmassage
In der Kommentarspalte werden hier gerne von Linken vorgebrachte Zahlenbeispiele zu Vermögens-, Erbschafts- und Kapitalsteuern auseinandergenommen und auf deren einseitige Darstellung kritisiert. Und natürlich nutzen alle ihre Zahlen zur Unterstützung der eigenen Position. Ich bin über ein Exemplar der anderen Seite gestolpert, das in seiner Unaufrichtigkeit schon seinesgleichen sucht. Fatina Kellani ist empört: sie hat ausgerechnet, wie viel Grundsicherung ihr mit ihren vier Kindern zustehen würde und stellt das ihrem Netto-Gehalt als Besserverdienende gegenüber. Mit ein paar kreativen Rechentricks errechnet sie sich ein "Einkommen" von 70.000 Euro im Jahr, das sie mit der Grundsicherung bekäme; ihr stünde allein ein Regelbedarf von 4500€ monatlich zu. Nur rechnet sie in höchstem Maße unaufrichtig.
Einerseits schafft sie die Illusion einer frei verfügbaren Summe, indem sie alle Leistungen, auch zweckgebundene wie die KdU, in einen Topf wirft. Zum anderen stellt sie nur ihr eigenes Gehalt gegenüber, aber das ist ja nicht die Summe aller ihr zustehenden Einnahmen. So rechnet das Amt das Kindergeld, das sie arbeitend erhält, aus dem Regelsatz heraus. Viel entscheidender ist aber, dass Fellani sich dadurch künstlich arm rechnet, dass sie ihr Nettogehalt als Alleinverdienerin für ihre vier Kinder heranzieht. Allein, die Kinder müssen einen Erzeuger haben. Ist sie Single, so schuldet dieser ihr Unterhalt. Da man annehmen darf, dass Fellani ihre vier Kinder ebenfalls mit einem "überdurchschnittlich" verdienenden Mann gezeugt hat, schuldet ihr dieser über zweitausend Euro im Monat Unterhalt. Und das sind nur die Ungereimtheiten, die mir aus dem Kopf einfallen.
Soweit ist das einfach nur im besten Fall Unkenntnis, im schlimmsten Fall bewusste Verzerrung. Ekelhaft wird es, wenn Fellani in ihrem Artikel dann geradezu eugenische Argumente aufführt und die niedrigen Geburtenraten in Deutschland darauf zurückführt, dass Familien nicht genug staatliche Unterstützung bekämen (sonst ein linkes Argument, aber hier gegen die Menschen in Grundsicherung in Stellung gebracht und deswegen legitim) und die "Überrepräsentation" großer Familien in der Grundsicherung auf die zu großzügigen Leistungen zurückführt. Der Artikel ist schlicht Hetze, verpackt in moralisierenden Sozialneid.
3) Minderheitenregierung
Die infantilen Träumereien von einem Ende von Schwarz-Rot und einer CDU-Minderheitsregierung nehmen kein Ende. Warum es Unsinn ist, habe ich sowohl mit Ariane als auch mit Manuel Schwalm im Podcast durchexerziert. Der CDUler Daniel Eck hat im CDU-nahen Mitte-Punkt-Magazin einen Artikel geschrieben, in dem er Merz als Retter der Demokratie hochstilisiert ("Danke, Friedrich Merz!"), was leider gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist.
Mark Schieritz dekliniert in der ZEIT noch einmal durch, warum das alles ziemlicher Quatsch ist. Einen Punkt möchte ich besonders hervorheben: "Und für den Fall, dass die Union offen für eine Koalition mit der AfD wäre, würden sich Wähler, die sich der politischen Mitte zugehörig fühlen, wahrscheinlich für eine andere Partei entscheiden. Der Flirt mit der AfD könnte sich als Konjunkturprogramm für SPD und Grüne erweisen." Tatsächlich haben wir das bereits 2024/25 gesehen, als Merz' Versuch einer gemeinsamen Abstimmung mit der AfD in Proteststürmen und einem Konjunkturprogramm für die schon totgeglaubte LINKE endete. Ohne diesen Flirt mit Rechts wäre die LINKE sicherlich nicht so stark wie sie heute ist (auf der anderen Seite wäre dann das BSW in den Bundestag gekommen, also Glas halb voll, Glas halb leer). Die Apologeten einer Zusammenarbeit mit der AfD unterschätzen gerne den Anteil derer unter den CDU-Wählenden, die eine solche Zusammenarbeit entschieden ablehnen - diese sind aktuell eher ruhig, im Gegensatz zu der lärmenden Minderheit des frustrierten rechten Flügels, aber Daniel Eck und andere haben völlig Recht damit, dass es die CDU zerreißen würde, wenn sie diesen Bruch vollziehen würde.
Ich habe ja auch schon mit Alexander Clarkson darüber gesprochen, wie sehr diese Leute in einer rechten, selbstreferentiellen Bubble gefangen sind, die mit echten Mehrheiten wenig, mit gefühlten dagegen viel zu tun hat. Das gilt zum Beispiel auch für die Beliebtheit der CDU-Politiker*innen: Reiche und Spahn genießen außerhalb der Springer'schen Redaktionsräume unter CDU-Wählenden (!) wenig Zuspruch. Auch ist die Vorstellung, dass die CDU-Wählenden einzigartig unzufrieden mit der Koalition seien, Unsinn: die SPD-Wählenden sind NOCH unzufriedener. Und von denen hört man nicht ständig solchen kindischen Unsinn.
d) Fliegen
Eine völlig irreale Debatte im Kontext des allgemeinen "wir müssen alle leiden" ist der Einsatz mancher Bürgerlicher für Verbilligung von Flugreisen. So fordert etwa CDU-Abgeordneter Christoph Ploß im Bundestag eine Steuererleichterung für Flüge. Diese Fixierung auf Flüge scheint mir ein Resultat einer Fehlannahme zu sein, dass der eigene Lebensstil irgendwie dem der breiten Masse entspräche. 10-15% der Deutschen sind in ihrem Leben noch nie geflogen, der Großteil unternimmt nur sehr wenige Flugreisen. Es ist wie beim Vermögen: der Löwenanteil der Flüge verteilt sich auf sehr wenige Prozent der Bevölkerung. Das ist übrigens selbst in einem Vielfliegerland wie den USA so: der Median-Amerikaner ist im letzten Jahr nicht geflogen. Abgesehen von der Auswirkung aufs Klima zeigt diese Debatte einmal mehr, dass zwar im aktuellen "Reform"-Diskurs viel nach unten getreten wird, aber gleichzeitig immer genug Geld für den eigenen Lebensstil da ist, wo der Staat bitte für Vollkasko-Versorgung zu sorgen hat.
e) Lebensstandardvergleich USA und Deutschland
Eine ungeheuer merkwürdige Diskussion, die sowohl auf Twitter als auch auf Bluesky dieser Tage immer wieder geführt wird und auch die üblichen Verdächtigen unter den Mainstreammedien erreicht hat, ist die des Vergleichs des Lebensstandards zwischen USA und Europa. Die Behauptung, die vor allem aus dem MAGA-Umfeld und ihren ideologischen Verbündeten in Europa gepusht wird, ist, dass die USA wesentlich wohlhabender seien als Europa. Selbst ein Staat wie Mississippi sei wohlhabender als die meisten europäischen Länder, was natürlich darauf beruhe, dass die Amerikaner*innen mehr arbeiten. Die Vorstellung, die Einwohnenden von Mississippi genössen einen höheren Lebensstandard als etwa die Großbritanniens, lässt einen dann doch die eine oder andere Augenbraue hochziehen. Die Argumentation basiert auch nur auf einem Vergleich des BIP der jeweiligen Staaten, das in den USA bekanntlich durchweg höher ist als in Europa. Allerdings hat das mit dem Lebensstandard angesichts der gewaltigen Einkommensungleichheit in den USA wenig zu tun. Allein die Lebenserwartung zeigt das: die ist in Großbritannien ÜBER ZEHN JAHRE höher als in Mississippi, und Großbritannien ist wahrlich nicht der Spitzenreiter innerhalb der EU! Auch die Vergleiche der Durchschnittsgehälter sagen wenig aus. Wie es ein dänischer Kommentator auf Twitter trocken ausdrückte, sind die Europäer "just better at accounting", weil in den USA zahlreiche Dinge aus eigener Tasche finanziert werden müssen, die hier bereits abgezogen sind, wenn das Geld auf dem Konto landet. Wer es etwas genauer aufgeschlüsselt haben will, bekommt hier einen Thread zu den Zahlen, und wer es utopischer möchte, wird in Ullrich Fichtners neuester Lobeshymne auf ein kürzlich gelesenes Buch "Warum es sich nirgends besser lebt als in der EU" fündig.
Resterampe
a) "Man kann doch nicht ein Fünftel der Wähler ignorieren". Ich kann diese Feiglinge nicht mehr ertragen. DANN SAGT ENDLICH, DASS IHR EINE RECHTSRADIKALE REGIERUNG WOLLT. Ihr hattet NIE ein Problem damit, alle Wählenden der LINKEn und davor der PDS auszugrenzen. Null. Aber dieses ewige Herumgeiere mit Hundepfeifen kotzt mich nur noch an.
b) Das ist exakt das, wie die AfD sich "politische Neutralität" für Lehrkräfte vorstellt.
c) Das Abitur ist kein Gesinnungszeugnis. Witzig, weil ständig galt, dass ein Abi aus rot-grün regierten Bundesländern weniger wert sei ;)
d) Analyse, die eine Wende im Ukrainekrieg sieht. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Hoffen wir, dass es stimmt.
e) Passend zur Diskussion um Chinas Soft Power letzte Woche hat Adam Tooze einen Beitrag.
g) Diskussion zur Bedeutung des 8. Mai.
i) Gute Nachrichten über Demenz.
j) Aus der Reihe "überrascht nur Deutsche".
k) Ariane hat es erfasst. 2
l) Merz hat bei Blackrock in Lifestyle-Teilzeit gearbeitet. Bestätigt auch alle Vorurteile, der Artikel. Siehe dazu auch das.
m) "Fragen Sie mal Ihre Töchter". My ass.
o) Kennedy hat alle Leute entlassen gehabt, die sich mit Seuchenprävention auf Kreuzfahrtschiffen beschäftigen. Der Typ ist echt der tödlichste der ganzen Administration, und das sagt einiges. Diese Idiotie kommt leider auch immer mehr nach Deutschland.
p) Schönes Beispiel, wie der EU-Binnenmarkt nicht funktioniert. Wo ist Günther Oettinger?
Fertiggestellt am 14.05.2026
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.