Jonathan Parshall - 1942. Crux of War (Hörbuch)

Es gibt historische Themen, bei denen man sich mit Fug und Recht fragen darf, ob nicht genug Bücher zum Thema geschrieben worden sind. Der Zweite Weltkrieg gehört mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg sicher zu den Epochen, die die meisten Regalfestmeter wissenschaftlicher Literatur aufweisen, von den zahllosen populärwissenschaftlichen Büchern und Zeitschriften ganz zu schweigen. Jonathan Parshall jedenfalls war der Überzeugung, dass eine mehrhundertseitige Beschreibung der Schlacht von Midway (hier rezensiert) noch Luft nach oben hat: mit "1942" legt er ein monumentales Epos vor, das den Krieg Monat für Monat, Kriegsschauplatz für Kriegsschauplatz analysiert. Er rechtfertigt das gewaltige Unternehmen damit, dass das Jahr 1942 die Crux des Kriegsverlaufs dargestellt hätte, jenes Jahr, in dem sich der Ausgang des Krieges entschied, auch wenn er sich noch reichlich blutig bis ins Jahr 1945 fortschleppte.
Wenn ich "monumentales Werk" schreibe, dann meine ich das durchaus auch so: das von mir gehörte Hörbuch bringt rund 64 Stunden auf die Waage; das gedruckte Buch kommt auf 1281 (ich denke: eng bedruckte) Seiten. Ob es sich gelohnt hat, sich derart ausführlich mit dem Kriegsverlauf eines Jahres zu beschäftigen, will ich im Folgenden besprechen.Eine klassische Rezension, bei der ich Kapitel für Kapitel den Inhalt darstelle, verbietet sich für dieses Monstrum. Stattdessen will ich hier die Struktur erläutern. Jeder Monat des Jahres 1942, plus der Dezember 1941, erhält von Parshall mehrere Unterkapitel.
Er beginnt grundsätzlich mit einem wirtschaftlichen Einblick, der sich als einziger der Monatsstruktur entzieht und stattdessen immer ein Element besonders in den Vordergrund rückt, ob die deutsche Panzerkonstruktion, die Logistik alliierter Konvois oder das sowjetische Produktionsregime. Für mich liegt in diesen Analysen immer das Spannendste; nicht umsonst habe ich bereits mehrfach Adam Toozes "Wages of Destruction" gelesen (hier zuletzt rezensiert), weswegen es ein Wermutstropfen ist, dass diese Kapitel nicht prominenter gesetzt sind. Parshall teilt hier ungeheuer wichtige Erkenntnisse, die nicht nur für das Jahr 1942, sondern für den ganzen Kriegsverlauf ausschlaggebend sind. In diesen Kapiteln findet sich letztlich auch der größte Bruch für eine der zentralen ungelösten Thesen des Buchs, was ich in meinem Fazit noch einmal diskutieren will.
Auf die Wirtschaftskapitel folgt immer eine Darstellung der verschiedenen Kriegsschauplätze.
Der erste große Fokus ist der Atlantik, wo die U-Boote 1942 für Großbritannien noch eine lebensbedrohliche Präsenz darstellen. Der Kriegseintritt der USA Dezember 1941 veränderte die Situation für das Königreich dramatisch zum Guten - mittel- und langfristig. Noch war die amerikanische Schiffsproduktion nicht angelaufen, und die Koordination der Konvois erwies sich als schwierig. Die Royal Navy hatte einen blutigen Lernprozess hinter sich, den die US Navy ihrerseits - nicht wirklich auf ihre Kameraden hörend - ebenfalls vollbringen musste. Vor allem war die Lektion, dass selbst ein unbewachter Konvoi besser war als Einzelfahrer. Der Abnutzungskrieg auf dem Atlantik verlief 1942 grundsätzlich zugunsten der Kriegsmarine, aber was hatte das angesichts des unerschöpflichen amerikanischen Reservoirs zu sagen? Ausdrücklich ist hier das Unternehmen Paukenschlag, bei dem die U-Boote in Karibik und vor der US-Ostküste und sogar im Golf von Mexiko wilderten und große Erfolge hatten - die aber letztlich doch nur Nadelstiche bleiben konnten. Wesentlich dramatischer sind hier die Konvois nach Murmansk, die für die sowjetischen Kriegsanstrengungen sehr relevant waren und hohe Verluste erlitten. Spannend, weil mir unbekannt, ist die große Rolle, die die in einem norwegischen Fjord liegende Tirpitz hatte. Ihre Bedrohung als Mini-Fleet-in-Being zwang die Royal Navy zu beständig größerer Präsenz in der Nordsee, als die deutsche Kriegsflotte eigentlich erforderte.
Der zweite große Kriegsschauplatz ist der Luftraum über Europa, wo 1942 der Bomberkrieg beginnt. Unter Harris setzte sich nicht nur die britische Doktrin des "Moral Bombing" durch, sondern auch die Konzentration auf den Bombenkrieg überhaupt, eine ungeheuer folgenreiche Entscheidung. Die hochfliegenden Ziele der Bomberflotten konnten trotz immer massiverer Angriffe nie erreicht werden - und wurden dies bis heute nicht. Parshalls Freund Bret Deveraux hat zu diesem Thema einen lesenswerten Grundlagenartikel geschrieben. Der Luftkrieg war eine verlustreiche und repetitive Abnutzungsstrategie, die 1942 noch kaum zugunsten der Alliierten gelesen werden konnte. Die meisten Angriffe gingen noch fehl und die Verlustraten lagen oft bei 5-7% - pro Einsatz. Die Lebenserwartung eines Bomberpiloten war die niedrigste über alle Waffengattungen, getoppt nur von deutschen U-Boot-Fahrern. Nirgendwo kommt die industrielle Abnutzungslogik des Krieges so sehr zum Tragen wie hier.
Der dritte Kriegsschauplatz ist Nordafrika. Das Eintreffen des deutschen Afrikakorps hatte die Balance hier deutlich zugunsten der Achsenmächte geändert, jedoch nicht in einem so entscheidenden Ausmaß, dass es eine Wende hätte herbeiführen können. Strategische Zwiste zwischen Rommel und Kesselring sorgten für ein beständiges Hin und Her beim Einsatz der Luftwaffe gegen Malta, das deswegen als Dorn in der Seite der Achsenmächte überleben konnte. Die strategische Planlosigkeit der Achsenmächte zeigt sich hier besonders deutlich, aber auch in Rommels eigenmächtigen Offensiven, die in keinem Verhältnis zu seinen Kräften standen. Die großen Vorstöße und langen Rückzüge, die den Afrikafeldzug kennzeichneten, waren neben der Logistik auch eine Konsequenz dessen. Am Ende scheiterte Rommel dann vor El Alamain schlicht an den Tatsachen, die die deutsche Führung zu ignorieren zu ihrem höchsten Prinzip erhoben hatte, ob in Nordafrika oder an anderen Fronten. Auffällig ist an dieser Front vor allem die Performance der Briten. Einerseits zeigen sich hier die doktrinalen Probleme der British Army beim Einsatz verbundener Waffen besonders deutlich; die Panzer und Infanterie arbeiteten nie effektiv zusammen. Andererseits war die politische Einflussnahme Churchills hier so deutlich zu spüren wie sonst nur beim Desaster von Singapur: der Premierminister mischte sich gerne in Dinge ein, von denen er wesentlich weniger verstand, als er glaubte, und nicht zum Gewinn der Sache. Das teilte er mit Hitler und Stalin; überhaupt scheint hier nur Roosevelt genug Vertrauen in sein eigenes Personal gehabt zu haben.
In der zweiten Jahreshälfte nimmt dann die Invasion der Amerikaner in Westafrika eine große Rolle ein. Die Planung der Invasion ist eine Art Testlauf für eine Invasion Europas, die immer wieder verschoben (und in Dieppe kurz "geübt" wird) und zeigt Stärken wie Schwächen der US Army deutlich. Auf Seiten der Schwächen ist die intra-service-rivalry zu nennen, die es natürlich in jeder Armee gibt, aber bis die Führungsstrukturen soweit in Form gehämmert sind, dass sie funktionsfähig sind, braucht es eine Weile. Auch die technische und taktische Umsetzung der Landungen hapert noch an vielen Stellen; wären Achsenmächte statt Vichy-Truppen am Strand gestanden, wären die Landungen wohl ein Desaster gewesen. So allerdings schafften die USA es, Vichy-Frankreich den Todesstoß zu versetzen (was auch zur deutschen Invasion führt) und Rommel zum Untergang zu verurteilen, egal wie lang dessen Truppen noch taktische Siege erringen möchten. Auffällig sind die Stärken, die sich hier bereits zeigen: die materielle Überlegenheit der Amerikaner und ihre gute Ausrüstung, die gute Geheimhaltung und eine um Kategorien bessere Logistik als jeder andere Kriegsteilnehmer. Indikativ fand ich die Tatsache, dass die Lager der US Army in Großbritannien so chaotisch waren, dass man sich entschloss, die dringend notwendige Inventur NACH der Invasion vorzunehmen und bis dahin einfach alles benötigte Material NOCH EINMAL anzuliefern, weil das schneller ging als es in den Lagern zu suchen - einer von zahlreichen Beweisen für die amerikanische wirtschaftliche Überlegenheit.
Der vierte Kriegsschauplatz ist der Pazifikkrieg. Neben der Schlacht um Midway, der Parshall ja bereits ein eigenes Buch gewidmet hat (hier rezensiert), sind hier mehrere Schauplätze entscheidend, deren Verlauf Monat für Monat nachverfolgt wird. Der erste ist Südostasien, wo der japanische Vormarsch die alliierten Armeen trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit in starke Bedrängnis bringt und sich das Vereinigte Königreich bis auf die Knochen blamiert - nirgendwo verliert es seinen Großmachtanspruch so sehr wie in den Dschungeln Birmas und beim Fall Singapurs, das Churchill zur Schicksalsfrage aufbläst und unsinnig mit zum Untergang verurteilten Truppen vollstopft. Auch die panisch zu Hilfe gerufenen Chinesen verlieren hier, ungedankt durch ihre angelsächsischen Verbündeten, einen guten Teil ihrer konventionellen Streitmacht, der dann im chinesischen Bürgerkrieg bitter fehlt. Parshall sieht hier die Saat für die Niederlage Tschiang Kai-Tscheks gelegt.
Der Seekrieg im Pazifik gehorcht ebenso einer Abnutzungslogik wie jeder andere der Kriegsschauplätze, aber nirgends kann an einem einzigen Tag so viel Potenzial verloren gehen wie hier. Jedes Schiff, das die Japaner verlieren, zerstört ihre ohnehin niedrige Schlagkraft. Besonders unverständlich in dem an Irrsinn nicht eben armen strategischen Bild Japans ist die miserable Logistik, die unabsichtlich und nebenbei zu vielen Millionen Hungertoten in ganz Asien führt, weil die japanischen Eroberungen die lokalen Märkte zerstören, ohne Japans wirtschaftliche Basis nennenswert zu verbessern. Das japanische Lebensraumprojekt scheitert genauso krachend und genauso blutig wie das deutsche.
Zuletzt bleiben die großen Landfeldzüge. Auf den Philippinen besiegen die Japaner die Streitkräfte des von Parshall harsch verurteilten Douglas McArthur. Für die USA ist es ein Desaster, aus dem einzig die Vermeidung ziviler Opfer positiv heraussticht - und die Japaner, die überhaupt nicht verstehen können, warum die Amerikaner Teile des Landes aufgeben, "nur" um zehntausende ziviler Toter zu vermeiden, umso mehr verdammt. Der Kampf um Guadalcanal ist vor allem eine "comedy of errors", bei denen sowohl die Amerikaner als auch die Japaner zahllose Fehler machen, weil sie unerfahren in der Kriegsführung der Gegend sind. Es werden am Ende die USA sein, die die Lektion besser lernen und den Dschungelkampf meistern, während Parshall die angebliche japanische Begabung für denselben als Mythos entlarvt. Das wird vor allem im Kampf in Guinea deutlich, wo die Japaner darin scheitern, die Australier zu besiegen. Das blutige und auszehrende Hin und Her über die bewaldeten Bergrücken der Inseln klingt wahrlich wie die Hölle auf Erden. Gleichzeitig zeigt sich erneut der strategische Stumpfsinn der Japaner: sie sind nicht in der Lage, Australien zu bedrohen, müssten das aber tun, um eine Chance auf eine Sicherung der Region zu haben. Es ist wahrlich endlos faszinierend, wie ein Krieg strategisch noch dümmer als der deutsche sein kann, aber Tokio schafft das.
Der letzte Kriegsschauplatz ist die Ostfront, wo die Deutschen das Jahr mit einem Blick in den Abgrund der Niederlage beginnen. Die sowjetische Gegenoffensive im Winter 1941/42 bringt das Heer an den Rand des Untergangs, und nur Hitlers absoluter Haltebefehl und die Professionalität der Wehrmacht auf der einen und die mangelnde Professionalität der Roten Armee und Stalins Fehlentscheidungen auf der anderen Seite retten die Armee vor dem Desaster und erlauben ihr ein ungeahntes Comeback für die Sommeroffensive, die sie bis in den Kaukasus treibt und die Sowjetunion in Parshalls Erzählung an den Rand der Niederlage bringt. Auch hier zeigt sich der strategische Irrsinn der Achsenmächte wieder, denn keine dieser Operationen hat auch nur die geringste Aussicht, langfristig das Kriegsglück zu ihren Gunsten zu wenden. Ein Kult der Offensive besteht, der über allem steht, und irgendwelche strategischen Ziele sind kaum kohärent auszumachen. Parshall spart hier auch nicht mit vernichtender Kritik an der deutschen Generalität, deren Mentalität diese stupide Art der Kriegsführung massiv befeuert. Am Ende steht dann die bekannt sinnfreie Offensive gegen Stalingrad, in der die 6. Armee Stück für Stück aufgerieben wird und die Rote Armee in der Operation Uranus beweist (weniger im scheiternden Mars), dass sie eine eigene, wirkungsvolle Doktrin des Bewegungskriegs entwickelt hat, die sie in der Folgezeit mit verheerenden Konsequenzen gegen die Wehrmacht anwenden wird.
Am Ende des Jahres haben die Achsenmächte auf allen Kriegsschauplätzen mit Ausnahme des Atlantiks (wo die Wende bis Mai 1943 warten muss) die Initiative verloren. Es gibt keine Aussicht mehr auf einen militärischen Sieg. Dass der Krieg dann noch drei Jahre weitergeht und sich in seiner blutigen Intensität noch weiter steigert, ist kein Bug, sondern ein Feature der Führungsschichten in Deutschland und Japan. Ich kann gar nicht so viel Verachtung für diese Hasardeure und Kriegsverbrecher aufbringen, wie ich möchte, und Parshalls erschöpfende Schilderung des Kriegsverlaufs gibt mehr als genug Munition dafür.
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Die entscheidende Frage aber bleibt soweit noch unbeantwortet: braucht es dieses Buch? Denn die Sinnfrage muss man sich angesichts des Umfangs durchaus stellen lassen. Parshall ist sich dessen bewusst, weswegen er einige Überlegungen voranstellt und vor allem mit Verweis auf Richard Overy und sein "Why the Allies won" erklärt, dass der Sieg der Alliierten keine unausweichliche Angelegenheit war. Nun ist es natürlich eine Binse, dass nichts unausweichlich ist. Wenn alle Münzwürfe des Schicksals zugunsten der Achsenmächte ausfallen, dann können sie den Krieg sicher "gewinnen" (in Anführungszeichen, weil ein Sieg so schwer vorstellbar und definierbar ist). Nur, eine sinnvolle Annahme ist das nicht. Parshall scheint das selbst zu spüren, weil er stets betont, dass es sich für die Alliierten in der ersten Jahreshälfte 1942 sicherlich anders dargestellt haben muss. Und natürlich, mir würde auch das Klämmerchen gehen, würde ich im Frühsommer 1942 in London die Berichte der Altantikschlucht, des Untergangs von Singapur, den Verlust der Pazifikflotte, die scheinbare Bedrohung Australiens die Niederlagen gegen Rommel und das weitgehende Scheitern des strategischen Bombenkrieges verkraften, vom Zusammenbruch der sowjetischen Südflanke ganz abgesehen. Churchill muss eine außergewöhnliche Person gewesen sein, diesem Druck standzuhalten.
Allein, dem gleichen Churchill war bereits Dezember 1941 klar, dass der Kriegseintritt der USA das Gleichgewicht entscheidend verändert hatte. Parshall muss letztlich immer wieder auf das "es sah aber schon echt bedrohlich aus" zurückgreifen, weil der nüchterne Blick auf die strategische Situation zeigt, dass die Achsenmächte sich in einer Sackgasse befanden. Und man kann nicht permanent auf Fortuna hoffen, das haben Heerführer in der Geschichte von Marc Anton bis Napoleon immer wieder erlebt. Riesige Offensiven und ständige Angriffe im Vertrauen auf die mentale Überlegenheit der eigenen Truppen machen gute Propaganda, aber schlechte Strategie.
Damit komme ich zurück zu der eingangs gestellten kritischen Betrachtung der Struktur des Buchs. Die Wirtschaft und Logistik hätten in meinen Augen gegenüber den erschöpfenden Darstellungen der Operationen, die mit ihren Ortsnamen an fremden Plätzen ohnehin nur schwer nachvollziehbar sind (im Hörbuch ohne Rückgriff auf Karten umso mehr), wesentlich mehr Raum haben sollen. Denn hier entscheidet sich der Krieg. Wo die Deutschen kaum 60% ihres benötigten Nachschubs an die Front bekommen und die japanischen Truppen mangels Nachschub zu zehntausenden verhungern, können die Amerikaner Granattrichter auf Guadalcanal am Ende mit ungeöffneten Konservendosen füllen und produzieren jeden Monat mehr Schiffe, als die Achsenmächte im ganzen Krieg versenken können. Die Masse an Flugzeugen, Schiffen und Waffen, die aus den US-Fabriken läuft, versorgt nicht nur die US Army, sondern auch einen Großteil der britischen (und Commonwealth) Truppen sowie erkleckliche Teile der Roten Armee. Die Masse an Soldaten, die Stalin zur Verfügung steht, erfordert so viele riesige erfolgreiche Kesselschlachten, dass die Wehrmacht selbst mit drei Weihnachten und Ostern im Jahr keine Chance hat, solange die Front nur hält.
Das einzig plausible Szenario, das Parshall für eine Gefährdung der Alliierten anbieten kann, ist deswegen auch ein Zusammenbruch der Moral. Ein Zusammenbruch vor allem der sowjetischen, denn deren Truppen und Zivilisten sind durch die deutschen Angriffe tatsächlich nahe des Bruchpunkts; wie nahe allerdings ist unklar. Der weitere Kriegsverlauf wird auf deutscher Seite zeigen, dass auch noch so viele vernichtende Niederlagen einen Diktator wie Hitler nicht aus dem Sattel zu werfen vermögen; warum es Stalin anders ergangen sein sollte, bleibt Parshalls Geheimnis, das, fürchte ich, ein wenig der Dramaturgie geschuldet ist. Dasselbe gilt für Großbritannien und die USA: die Entscheidung Washingtons im Verlauf des Jahres 1942, die Atombombe zu bauen - ein wirtschaftliches Großunternehmen, das 10% des US-BIP verschlingt (!) und dem Parshall völlig zurecht ein eigenes Kapitel widmet - macht letztlich auch diese Überlegungen zur Makulatur. Hätten die Deutschen mehr Erfolge errungen und länger durchgehalten, dann wären Little Boy und Fat Man über deutschen Städten explodiert.
Ich sehe im Jahr 1942 keine Chance für die Deutschen - und erst Recht die Japaner -, diesen Krieg mit irgendetwas wie einem Sieg zu entscheiden. Er war Irrsinn, von Anfang an (ich habe über die Unwahrscheinlichkeit, dass diese Frage überhaupt gestellt werden muss, einen eigenen Beitrag geschrieben). Parshalls Buch gibt ein sehr gutes Verständnis für die Interdependenz der Kriegsschauplätze, die in vielen anderen Darstellungen zu kurz kommt, und er zeigt hervorragend auf, wie Operationen im Pazifik die in Nordafrika und von dort wiederum das Geschehen im Atlantik wechselseitig beeinflussen. Für einschlägig interessierte Menschen ist das Buch deswegen absolut ein lesenswerter Gewinn. Wer aber verstehen will, warum Deutschland den Krieg verliert, ist in meinen Augen mit "Ökonomie der Zerstörung" weiterhin besser beraten.
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