Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
By the way: Remember, remember, the 5th of November. :) Frohen Guy-Fawkes-Day allerseits.
Fundstücke
1) Der Holocaust in Videospielen
In seiner Serie über "Hearts of Iron IV" beschreibt Bret Dexeraux das Problem, wie die "theory of history", die jeder Beschäftigung mit historischen Ereignissen zwangsläufig zugrundeliegt, das Spieldesign beeinflusst. Im Falle von Paradox Interactives erfolgreichstem Grand-Strategy-Spiel, Hearts of Iron IV, in dem man von 1936 bis 1952 den Zweiten Weltkrieg nachspielen (und ändern) kann, ist dies besonders auffällig. Jedes in dieser Ära gesetzte Spiel muss sich mehr als andere der Frage stellen, wie es mit Kriegsverbrechen und Holocaust umgeht. Die Darstellung vor allem des gigantischen Völkermords ist in Spielen bislang selten geglückt und wird meistens aus ihnen herausgehalten. Das führt häufig zu Problemen, weil eine blutlose Darstellung und ein Verschweigen der Verbrechen die Folge sind, einmal abgesehen davon, dass es auch nie zivile Opfer gibt. Umgekehrt ist völlig verständlich, dass die Spielefirmen den Spielenden nicht die Möglichkeit geben wollen, Kriegsverbrechen aktiv zu spielen.
Im Fall von Hearts of Iron IV gehen die Probleme aber noch viel tiefer als im Löschen von Holocaust und Kriegsverbrechen. Sie verfälschen die Geschichte und vermitteln ein sehr verstörendes Bild. Neben der so entstehenden Reproduktion des Mythos' der "sauberen Wehrmacht" legt Deveraux überzeugend dar, dass auch das dem Spiel zugrundeliegende Wirtschaftssystem ein echtes Problem darstellt (Teaching Paradox: Hearts of Iron IV, Part IVa: The Fires of Industry). Das liegt daran, dass das Spiel die Nazi-Wirtschaftstheorie als korrekt begreift, auch aus Balancinggründen, weswegen eine historisch völlig gescheiterte und auf massivem Völkermord aufbauende Konzeption im Spiel die "richtige" Lösung ist, nach der sich selbst die - historisch überlegenen - demokratischen Staaten ausrichten müssen. Zusammen mit dem echten Naziproblem, das die player base des Spiels hat, führt dies zu einem sehr problematischen Effekt, den Deveraux im letzten Teil seiner Serie zusammenfasst (Teaching Paradox: Hearts of Iron IV, Part IVb: Iron Ends). Unbedingt lesens- und bedenkenswert. Gute Lösungen für diese Probleme gibt es übrigens nicht.
2) Klimakrise
Auch wenn sie mittlerweile hauptamtlich ignoriert wird, die Klimakrise geht weiter. Markus Schroer stellt in der ZEIT die Frage, wohin man noch fliehen soll, wenn alles zerstört ist. Das ist natürlich etwas plakativ, aber man fragt sich manchmal wirklich, wie manche Leute sich das vorstellen.
In der Zwischenzeit singt Ullrich Fichtner im Spiegel ein Loblied auf Al Gore, dem er zentrale Leistungen bei der Bewusstseinsschaffung für das Problem zuschreibt (da gehe ich mit) und dessen Ansatz eines positiven, optimistischen Blicks er weiterhin für richtig hält - und da gehe ich nicht mehr mit. Die Zeit, in der solche Haltungen noch etwas hätten helfen können, sind vorbei.
Jonas Schaible indessen vermag ich unumwunden zuzustimmen, wenn er sagt: "Die Ingenieure liefern, die Politik macht die Tür nicht auf". Es gehört zu den katastrophalen Fehlleistungen der Ideologen innerhalb des bürgerlichen Lagers, die sich in einer der inkompetentesten Wirtschaftsminister*innen aller Zeiten manifestiert und die die wirtschaftlichen Chancen des Landes nachhaltig ruiniert.
3) Obamas Erbe
Jochen Bittner bezeichnet Obama als "Präsident der falschen Hoffnungen", aber ich halte die Argumentation für hochgradig albern. Wenn man natürlich absurde Hoffnungen formuliert, die in einer Art Überwindung jeglichen politischen Dissens' gipfeln (was ohnehin keine pluralistische Sicht der Dinge darstellt), dann kann man nur enttäuscht werden. Hier findet sich aber auch eine Schwäche des politischen Journalismus generell, die ich schon oft hervorgehoben werde: die immanente Negativität aller Takes. In dem Bestreben, möglichst neutral und unparteiisch zu sein, ist die negative Kritik die natürliche Haltung. Positive Haltungen gegenüber irgendetwas sind hochgradig verdächtig, etwas für doof zu halten scheint immer intellektuell integer, wo es aber in Wahrheit eine furchtbar bequeme, faule Denkhaltung darstellt.
4) Verantwortung von Politik und Wählenden
Ein weiterer Beitrag von Jonas Schaible, den ich vor allem zustimmend hier positionieren will, ist "Wir versinken in Quatsch und Kokolores". Er beklagt, dass der Politik die Ernsthaftigkeit fehlt, und verweist auf die lächerlich kleinschrittigen Reformdebatten einerseits und ihre völlig quatschigen Annahmen andererseits. Ich habe das auch schon oft bemängelt und nicke deswegen heftig. Dasselbe gilt für die Rolle der Wählenden selbst. Susanne Beyer fragt im Spiegel, wo denn eigentlich die Verantwortung der Bürger*innen bleibe. Ich halte es weiterhin für eine große Blindstelle des gesamten Diskurses, dass die Wählenden permanent aus jeder Verantwortung genommen werden. Niemand zwingt die Sachsen-Anhaltiner, für Proto-Faschisten zu stimmen, und niemand hat die Berliner genötigt, Antisemitismus zu unterstützen, Mietpreise hin oder her.
5) Elon Musk und die Techbros
Eine der eher weniger beachteten Geschichten rund um die Midterms ist das völlige Versagen von Elon Musk, erklärtes Genie. "$500 Million Bought Elon Nothing", um es in den Worten von Charlie Warzel im Atlantic auszudrücken. Die größte Summe, die je ein einzelner Mensch in einen Wahlkampf investierte - ein ganzes VIERTEL aller republikanischen Wahlausgaben. Ich bin da eine hängengebliebene Schallplatte, aber wie um Gottes Willen ist dieses Ausmaß an politischem Einfluss in einem einzelnen Menschen in einer Demokratie zu rechtfertigen? Dass hier ein besonders inkompetenter einzelner Mensch am Werk war macht die Sache ja nicht besser. Dass wir es als gegeben hinnehmen, dass ein Mensch diese irre Summe erstens aus der Portokasse und zweitens zur Beeinflussung einer Wahl aufbringt, ist die eine Dimension an Musk und schlichtweg Wahnsinn. Die andere Dimension ist, wie inkompetent er sich anstellt (wie auch die anderen Super Donors). Die Helden der Wirtschaft geben ihr Geld immer neben den offiziellen Parteikanälen (DNC und RNC) aus, über das vom rechtsradikalen Supreme Court offiziell legitimierte System der Super PACs. Auffällig ist, wie mit der bemerkenswerten Ausnahme von Barack Obama alle Kandidierenden Probleme haben, dieses Geld vernünftig in den Wahlkampf zu integrieren, weil die aufgeblasenen Egos dieser Superreichen sie stets einen Parallelwahlkampf führen lassen - und dabei Geld in enormen Ausmaß versenken. Die oh so effizienten kapitalistischen Helden werfen das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinaus; so ineffektiv wie sie hat noch nie jemand in einer Demokratie Geld ausgegeben. Erneut, das macht alles nicht besser, schon allein, weil zwar der Erfolg an der Wahlurne ausbleibt, der Einfluss auf die Partei und die Kandidat*innen aber sehr wohl in direkter Münze käuflich ist. Und die letzte Dimension ist, wie unbeliebt diese Typen sind. Gerade für die Democrats ist die Abkehr der Techindustrie, die unter Obama und Clinton noch im demokrastischen Lager war, und ihr Wechsel ins autoritäre Lager eigentlich ein Gottesgeschenk, weil es in der Bevölkerung tief verhasste Feindbilder ermöglicht. Da geht noch einiges mehr.
Resterampe
a) Manuela Schwesig: Warum die SPD-Ministerpräsidentin den Parteivorsitz übernehmen muss (Spiegel). Ich würde ja was dazu schreiben, aber wozu?
b) Kritik an Abordnungen: „Auch Lehrkräfte haben das Recht auf Lebensplanung“ (News4Teachers) Jepp.
c) Why Is Strategy So Difficult? (The Atlantic) Lesenswert.
e) Armutsbekämpfung: Warum gute Nachrichten zur globalen Armut oft überhört werden (Spiegel). Ja, Dauerproblem. Dazu gerne so eine Entwicklungshilferomantik aus den 1980ern.
f) Schulgewalt: Gängige Vorstellungen über extrem gefährliche Täter – falsch? (News4Teachers) Bowling for Columbine debunked, quasi.
g) Weitere Artikel zu den Vorgängen in Frankreich (ich hab keine Meinung mangels Sachkenntnis): Chartbook 480 France’s schools system may be bad, but we should all be protesting the decline in education! (Chartbook), Die neue Zeit (Der Siebte Tag), Nach Schülerprotesten: Frankreichs Regierung kündigt Milliardeninvestitionen in Schulen an; Frankreichs Schülerproteste zeigen Wirkung: Bildungsminister will mehr Lehrkräfte einstellen (beides News4Teachers, man fragt sich, warum es dafür erst so eskalieren muss), Bayerns Innenminister rechnet bei Schülerprotesten zu Halloween nicht mit Gewalt (News4Teachers, mit großem "ach was", aber Hauptsache Panik schieben),
h) Islamophobia Is Trump’s Closing Midterm Gambit (The Atlantic). Keine Überraschung, aber in der hetzerischen Krassheit echt übel und einfach nur widerlich.
i) Markus Söder: CSU-Chef fordert Atomkraft, blockiert Endlager-Suche (Spiegel). Konservative Energiepolitik in einem Satz.
j) France’s Ban on Fossil Fuel Advertising and Its European Implications (Verfassungsblog).
k) Andreas Reckwitz: »Die liberale Demokratie ist ein Erbe, das verspielt werden kann« (ZEIT). Der Titel ist etwas irreführend, es geht sehr grundsätzlich ums Erben.
l) Patrick Stewart: Jetzt ist er zu Ende, der Traum von einer besseren Welt (ZEIT). Artikelüberschriften aus der Hölle. Was ein Quatsch.
m) Zu den Wahlen in Israel: The Bursting of the Tel Aviv Bubble (The Atlantic), Wahl in Israel: Warum tanzen wir nicht auf den Straßen? - Meinung (Spiegel), Israel’s Common Ground (The Atlantic), Israelische Wahl, palästinensisches Leben (Geschichte der Gegenwart), Democracy Put to the Test in Israel (Verfassungsblog)
n) Whose Coup? (Verfassungsblog) Spannende Übersicht zur polnischen Verfassungskrise. Das Reparieren der autoritären Zerstörungswerke ist ein echtes Dilemma.
o) AfD scheitert mit Antrag, anonymes Meldeportal für Schüler einzuführen (aber…) (News4Teachers) Echt furchtbare Idee.
p) Suez, 70 Jahre danach (Salonkolumnisten). Ich bin unsicher, wie weit ich diese neokolonialen Ideen teilen möchte.
q) Kompetenzen verbessert: Mehr Leseunterricht an Grundschulen zeigt Wirkung (News4Teachers). Mal gute Nachrichten.
r) Von Verboten zu Angeboten: Die Literaturpolitik der US-amerikanischen Rechten (Geschichte der Gegenwart).
s) Patrick Deneen: Da kommt der Tugendwächter (ZEIT). Yes.
t) Eine wirtschaftspolitische Einschätzung der Midterms (Chartbook).
u) Weitere Artikel zu den Midterms, die es nicht mehr in meinen Artikel geschafft haben: Revenge of the White Working Class (The Atlantic), The Polls Found a New Way to Be Wrong (The Atlantic), Democrats Will Likely Disappoint Voters Soon (The Atlantic), It’s the Morality, Stupid (The Atlantic), Vance 2028 Is Here (The Atlantic), The End of the Trump Era (The Atlantic), Trump Learns His Orbán Lesson (The Atlantic), Gönnen wir uns diesen Moment der Hoffnung (ZEIT), Donald Trump und die Midterms: Jetzt schon ein trauriger Clown (ZEIT), A Night of Pure Trumpenfreude (The Atlantic), Susan Collins Didn’t Have a Chance (The Atlantic), Texas Republicans Get Washed (The Atlantic)
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