Sonntag, 2. Dezember 2018

Putin fährt per Hyperloop zum CDU-Parteitag und und reicht seine Examensarbeit über Steuererleichterungen ein - Vermischtes 02.12.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Transport utopianism is stupid, and Elon Musk should shut up
And the message they are keen to send is that the old ways of doing things is over: shiny new technologies are going to disrupt the transport sector, just as they disrupted the music industry or retail. Why bother investing in mass-transit, when autonomous vehicles (AV) and ride-hailing apps are about to take over the world? Why waste money on high speed rail, when Elon Musk’s exciting new hyperloop will be along any minute? Silicon Valley types ask these questions, even as they earnestly suggest some kind of fixed route, ride-sharing service based on vehicles larger than the private car, blissfully unaware that they’ve just re-invented the bus. Again. It’s true that new technologies will have huge, and occasionally unexpected, effects on our transport systems. AV, for example, could reduce the need for parking spaces, freeing up huge amounts of land for other uses, and may eventually make roads safer, too. As sci-fi as it sounds, the hyperloop – pods in vacuum tubes, travelling at up to 760 miles per hour – is, technically, feasible; if it happens, it could radically reduce demand for carbon-spewing short-haul flights. [...] There are transport technologies that don’t face these problems – that can carry a lot of people, at decent speeds, while producing relatively little pollution and taking up relatively little space. But they aren’t excitingly sexy and new things like AV or Hyperloop: they’re boring ones, like trains and trams and buses. [...] But the point remains: if you want to move large numbers of people around limited space in the most efficient way possible, you should invest in fixed and predictable high-capacity routes. The solution is the same as it ever was: decently run mass transit networks. There is a reason Silicon Valley keeps re-inventing the bus. (John Elledge, City Metric)
Ich halte von diesem ganzen Techno-Utopismus von Musk und Co auch wenig. Im besten Fall ist das PR-Klimbim, im schlimmsten Fall gehen da Millionen für Unsinn drauf, die anderswo deutlich besser angelegt wären. Gerade Musk hat mit seiner Pionierarbeit bei E-Mobilität und Autonomen Fahren schon einige Erfolge, auf denen aufgebaut werden kann (und mit Solarenergie ja noch ein Pferd im Stall), und ich halte seine Raumfahrtpläne ehrlich gesagt für realistischer und zielführender als den ganzen Hyperloop- und Tunnelschmu. Ich gehe davon aus, dass die größte Innovation des öffentlichen Nahverkehrs durch Autonomes Fahren kommt. Die Möglichkeit, sich Uber ohne Fahrer zu bestellen, dürfte in diversen Gegenden Autos überflüssig machen (vor allem Ballungszentren), und gerade Züge und Busse könnten in dichteren Netzen fahren, weil man sich die Fahrer spart. Letztlich aber bleibt es eine Preisfrage: ohne massive öffentliche Subventionen wird der öffentliche Nahverkehr nie profitabel sein, es sei denn, man gibt die Subventionen für den privaten Autoverkehr auf. Aber das ist in diesem Land mehr als unwahrscheinlich.

2) Putins Geniestreich
Vor allem aber soziale Medien haben ein Putin-Problem. Man muss dem Historiker Timothy Snyder, der in seinem neuen Buch Putin die Schuld an mehr oder weniger allen politischen Verwerfungen der Gegenwart zuweist, nicht in jedem Detail folgen. Aber seine Recherchen weisen in eine Richtung, die sich lohnt, im Netz nachzuverfolgen. Liberale Demokratien sind weltweit in Gefahr oder bereits mitten im Zerstörungsprozess, vor allem durch eine "autoritäre Revolte". Deshalb ist essenziell, dass Putin in vielen Ländern der wichtigste Verbündete von Rechten und Rechtsextremen ist: [...] Wie russische Propaganda im Netz funktioniert, ist nichts weniger als genialisch. Meiner Einschätzung nach hat Putin, selbst ehemaliger Geheimdienstler, dabei vor allem das Zusammenspiel zwischen redaktionellen und sozialen Medien perfektioniert. Russische Staatspropaganda im Netz ist gewissermaßen zugleich "state of the art" und "art of the state". Es ist dem Kreml damit gelungen, die Stärke liberaler Demokratien in eine Schwäche zu verwandeln: die offene Debatte nämlich. Die politische Debatte in der Öffentlichkeit ist in liberalen Demokratien das wichtigste Mitbestimmungsinstrument außerhalb von Wahlen. Sie umfasst im weiteren Sinn sowohl klassische Medien als Korrektiv und Kontrollinstanz wie auch ein ständiges Stimmungsbild der Bevölkerung. Putins Manipulatoren haben es mithilfe des Internets geschafft, die Debatten liberaler Demokratien zu hacken. Das Erstarken autoritärer, rechter und rechtsextremer Kräfte wurde dabei teils ausgenutzt und teils forciert. (Sascha Lobo, SpiegelOnline)
Man muss immer vorsichtig sein dieser Tage, die Bedrohung durch Russland nicht zu einer CDU-Wahlkampfkarikatur aus den 1950er Jahren verkommen zu lassen, in der der Barbar mit der Pelzmütze jeden Moment am Rhein steht, aber auf der anderen Seite sollte man das auch nicht immer gleich als eine riesige Übertreibung abtun. Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo zwischen diesen Polen, und ich fürchte, dass die Bedrohung, die aktuell von Russland für die westlichen Demokratien ausgeht, eher unter- als überschätzt wird. Damit zu Lobos Artikel: Für mich essenziell ist der Punkt, dass Putins Meisterschaft darin besteht, dass er die Stärken des Westens zu dessen Schwächung nutzt. Wir haben umgekehrt keine Chance, auf die russische Medienwelt in gleichem Maß Einfluss zu nehmen und diese mit einem liberalen Gegenentwurf zu Putins Autokratismus zu stärken, weil Russland (wie auch China) eben nicht frei ist und sich deswegen durch Staatspropaganda immunisieren kann. Diese Strategie ist natürlich nicht neu. Russische Geheimdienste nutzten sie in den 1920er Jahren, um die radikale Linke Deutschlands praktisch vollständig zu kapern, sie nutzten sie in den 1950er Jahren und vermengten ihre eigene Propaganda teils bis zur Unkenntlichkeit mit der Kritik an Adenauers Westbindung, sie unterstützten die Proteste von 1968 (man denke nur an die Verwicklungen bezüglich des Widerstands gegen den Vietnamkrieg) und in den 1980er Jahren, als sie die Friedensbewegung unterwanderten. Das soll nicht die Legitimität dieser Bewegungen infragestellen. Westliche Geheimdienste waren schließlich sehr gut darin, Dissidenten in der UdSSR und den anderen Obstblockländern zu infiltrieren. Der Aufstand 1953 in der DDR wäre etwa ohne die propagandistische und koordinatorische Hilfestellung der westlichen Propagandasender wie Voice of America und Radio Free Europe so auch nicht verlaufen, und so weiter. Wie viel Relevanz die Schützenhilfe von außen jeweils hatte sollte nicht überschätzt werden, aber sie existierte und spielte wenigstens randständig eine Rolle. Aber um von diesem kleinen Ausflug in die Geschichte zurückzukehren: Russland verwendet heute die Freiheit des Westens, die es seinen Bürgern vorenthält, um diesen zu schwächen. Und wir tun viel zu wenig, um dem entgegenzuwirken. Unsere Institutionen sind in der Frage ihres eigenen Überlebens keine neutralen Mittler; sie dürfen und müssen ein eigenes starkes Narrativ zu ihrer Legitimation entgegensetzen. Andernfalls überlassen sie den Feinden der Freiheit das Feld.

3) Zurück in die Zukunft von vorgestern
Grundlage dieser Unfugdebatte ist einmal mehr das Bestreben „Wähler von der AfD zurückzugewinnen.“ Verkannt wird hierbei, dass das gar nicht geht. Dies der SPD beizubringen fällt bei manchen Repräsentanten schon schwer genug, bei der CDU scheint es völlig unmöglich. Dabei würden sich der CDU ganz andere – wesentlich erfolgreichere – Optionen bieten. Aber dazu später mehr. Zunächst einmal zu den AfD Wählerinnen und Wählern. Diese zeigen in allen quantitativen aber vor allem auch qualitativen Studien ein nahezu unerschütterliches Weltbild, das sie von den Wählerinnen und Wählern der Grünen, der SPD, aber auch der CDU/CSU massiv unterscheidet. Das gilt auch für die Wählerinnen und Wähler der Linken und der FDP, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen nicht ganz so ausgeprägt wie bei den anderen. [...] Ich würde hier gerne Übertreiben, aber ich tue es leider nicht. Wir haben bei dieser Wählergruppe ein nahezu hermetisch geschlossenes Weltbild das auch erklärt, weshalb Spendenskandale, radikalverbale Entgleisungen oder auch schlichtweg Nazijargon auf diese Wähler keine abschreckende Wirkung haben. Ein guter Teil von ihnen gehört zu bisherigen Nichtwählern, die für die längste Zeit keine Partei im Angebot fanden, die ihre Paranoia spiegelte, der andere gehört zu einem Sammelbecken aus allen möglichen Parteianhängern, die in diese Szene unwiederbringlich abgedriftet sind. [...] Für die SPD, mit der wir uns ja ganz gut auskennen, bedeutet das ganz klar, dass keine Wählergruppen 2018/19 weiter voneinander entfernt sind als heutige AfD- und heutige SPD-Wähler. Die Schnittmenge beträgt 0 %. Und nicht anders sieht es bei vielen Wählern der CDU aus. Deren Schnittmenge ist wesentlich größer mit FDP oder Grünen als ausgerechnet mit der AfD. Selbst mit der SPD ist diese größer. (Frank Stauss)
Stauss weist hier auf etwas Wichtiges hin, und ich möchte ergänzen, was er unausgesprochen stehen hat: man muss unterscheiden zwischen den eigentlichen Anhängern der AfD und ihrem Wählerpotenzial. Alle Debatten drehen sich ja nur um letzteres, und hier gibt es einen Glaubensstreit: Macht man der AfD dieses Potenzial am besten abspenstig, indem man die CDU als rechte Alternative präsentiert und deren "Sorgen und Nöte ernstnimmt", oder indem man die Abgrenzung zur AfD und ihren Positionen (!) schärfer gestaltet? Ich bin wenig überraschend der Meinung, dass letzterer Ansatz der gewinnversprechendere ist. Aber das ist mangels empirischer soziologischer Forschung in die aktuelle CDU-Wählerschaft schwer zu sagen und zu großen Teilen eine Frage des Instinkts und Bauchgefühls. Beide Kurse bergen eine Gefahr. Eine Fortsetzung beziehungsweise Konsolidierung der Modernisierung der CDU, wie sie zumindest dem Image nach AKK verspricht, läuft in Gefahr, die Traditionaliten am rechten Rand, die gerade noch so CDU wählen, zu verschrecken und endgültig zu vertreiben. Andererseits gibt es eine ganze Reihe Wähler am eher linken Rand der aktuellen CDU, die diese als mittige Wahl empfinden und deswegen zu wählen kein Problem haben und die bei einem Rechtsruck unter Merz oder Spahn eher zu den Grünen oder der FDP neigen würden. Opportunitätskosten hat jede der beiden Richtungen, und wer argumentiert, sein bevorzugter Weg würde ausschließlich zusätzliche Wähler bringen, lügt sich selbst in die Tasche. Wie ungeheuer schwierig Kurswechsel dieser Art sind, kann man gerade ja an der SPD sehen. Die Verschärfung des Reformkurses unter Müntefering und den Stones kostete sie Wähler, die Abkehr vom Reformkurs unter Steinbrück, Gabriel und Schulz kostete sie auch Wähler. Kein Kurs ist ein inhärenter Garant für Stimmen. Wird der Rechtsruck unter Merz schlecht umgesetzt, verliert die CDU an beide Ränder; kann AKK ihre Konsolidierung nicht richtig umsetzen gilt dasselbe. Zeiten des Umbruchs sind immer gefährlich, und die Kritiker wussten es am Ende ja schon immer besser.

4) Grundsicherung: Wer bietet mehr?
Man kann getrost davon ausgehen, dass ein zentrales Motiv des Versuchs jenes war, die Begrifflichkeit Hartz IV, die der SPD mehr als müffelnd in den Klamotten hängt, nicht nur wegzubekommen, sondern mit jener eines „Grundeinkommens“ zu ersetzen. Letzteres ist bei vielen Menschen mit positiven Gedanken verknüpft, weil es mit dem Zusatz „bedingungslos“ verbunden wird. [...] Zugleich wird die Abschaffung der Sanktionen in Aussicht gestellt – so sollen Leistungsempfänger Einladungen der Jobcenter ablehnen können, ohne dass sie sanktioniert werden dürfen. Aber auch im Habeck’schen Garantiemodell gibt es wie in allen bedürftigkeitsabhängigen Systemen eine Mitwirkungspflicht der Betroffenen. Wenn die nicht mitziehen bei der Prüfung von Vermögen und Einkommen, dann wird ihnen die Leistung eben nicht gewährt. Man kann es drehen und wenden, wie man will – eine „Lösung“ dieses Problems wird man nur mit einer bedingungslosen Auszahlung hinbekommen. Letzteres aber ist selbst bei einer weitverbreiteten Grundsympathie in der Bevölkerung derzeit und absehbar politisch nicht durchsetzbar. Das kann man beklagen, aber man kann es nicht ignorieren. Es gibt noch ein anderes Grundproblem, das derzeit wieder schmerzhaft erkennbar wird: Nicht nur in der Politik, auch in den Medien findet eine Gleichsetzung von Hartz IV mit Arbeitslosen statt, die die realen Verhältnisse im Grundsicherungssystem ausblendet: Derzeit sind mehr als 5,6 Millionen Menschen von Hartz-IV-Leistungen abhängig, darunter mehr als 1,6 Millionen Kinder. Nun muss man zwar erwerbsfähig sein, um Leistungen nach dem SGB II zu beziehen, aber von den 4 Millionen Menschen, auf die das zutrifft, sind lediglich 1,5 Millionen offiziell als Arbeitslose bei den Jobcentern registriert. Die Mehrheit gehört aus ganz unterschiedlichen Gründen eben nicht dazu. [...] In der Politik aber wird all das auf den angeblichen – aus guten Gründen mehr als fragwürdigen – Erfolg der Hartz-IV-Mechanismen für die Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland reduziert und den Reformvorschlägen entgegengehalten, man müsse „die“ Hartz-IV-Empfänger so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt drücken. Das geht nicht nur an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen in der Grundsicherung vorbei. (Stefan Sell, Freitag)
Der Artikel ist sehr ausführlich und geht weit über die obige Argumentation hinaus. Die Lektüre lohnt sich daher. An den Sanktionsmechanismen, wie an den Schonbeträgen, entzündet sich stets die tiefgreifendste Unmut über Hartz-IV, die weit in die Mittelschichten hineinreicht. Was schließlich die größte Belastung für dieses Gesetz schon immer war ist, dass es die Mittelschichtenexistenz im Kern bedroht. Niemand kann bezweifeln, dass mit Hartz-IV ausschließlich eine Unterschichtenexistenz möglich ist. Das ist ja im Kern des Gesetzes so angelegt (Schröder: "Dem Niveau der Sozialhilfe entsprechend") und ja auch grundsätzlich konsensfähig gewesen; die Vorstellung, eine Mittelschichtenexistenz auf Kosten der Allgemeinheit leben zu können ist alles, aber nicht mehrheitsfähig. Die Crux ist, dass das immer nur für andere gilt. Man selbst gerät ja im Gegensatz zu der faulen und schmarotzenden Mehrheit der Hartz-IV-Empfänger unverschuldet in Arbeitslosigkeit, und man selbst hat sich ja seinen eigenen Lebensstandard auch hart erarbeitet und verdient. Der Albtraum der Mittelschicht (der nach Selbstverortung ja 95% der Bürger angehören!) ist es, wegen Faktoren außerhalb ihrer Kontrolle arbeitslos zu werden und dann quasi gesetzlich auf das Niveau derer gedrückt zu werden, die auf den unteren Stufen der Gesellschaft stehen. Und die sind ja nur dort, weil sie eben nicht so fleißig sind wie man selbst, weswegen der Abstieg doppelt schmerzhaft empfunden wird. Die Realität hinter diesen Gefühlen spielt dabei keine übermäßig große Rolle. Weder sind 95% der Menschen Mittelschicht, noch sind die übergropße Mehrheit der Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger faul oder selbst verschuldet dort gelandet. Politisch relevant ist dieser psychologische Komplex aber, weil die "Armut per Gesetz", wie eines der eingängigen Labels der LINKEn lautet, die Leute zutiefst berührt. Deswegen gibt es diese permanente Diskussion um Grundsicherung, Erhöhung des Schonvermögens und längere Auszahlung von ALG-I.
Und wie Stefan Sell im Artikel richtig ausführt ist das der Versuch der Quadratur des Kreises. Egal, wie ich an den Sanktionen herumspiele und die Grenzbeträge verändere, die grundsätzliche Natur von Hartz-IV kann sich dadurch nicht ändern. Will man nicht zum vorherigen Prinzip der Alimentierung von struktureller Langzeitarbeitslosigkeit zurück, was glaube ich nicht einmal die LINKE in der Form möchte, macht man eine Grundsatzreform der Grundsicherung - und das ist nicht nur politisch äußerst schwer umzusetzen und teuer, sondern hat eine ganze Reihe von Sekundäreffekten. Deswegen dreht sich diese Diskussion auch so fruchtlos im Kreis: Keiner mag den Status Quo, aber eine prinzipielle Abhilfe erfordert einen kompletten Systemwechsel, von dem es aktuell keine ernsthafte Blaupause gibt. Das ist im Endeffekt dasselbe Dilemma, in dem sich auch die Rentendiskussion befindet.

Bekommen wir bald wieder zu hören, dass wir alle verzichten müssen? Und viel mehr arbeiten? Und weniger verdienen? Dass wir zu viele Feiertage haben? Und es Beamten und Hilfsarbeitern zu gut geht? Dass wir also das tun müssen, was wir damals in der Krise auch getan haben - bevor dann deshalb der große Aufschwung kam? So wie es die Legende will. [...] Was es braucht, schien für Merz ebenso klar: die Deutschen müssen (fast) alle irgendwie verzichten. Und "länger arbeiten". Und flexibler. Und im Normalfall ohne Wohltaten vom Staat auskommen. Und ihre Rente am Kapitalmarkt gefälligst selbst verdienen. Für über 50-Jährige sollte es am besten gar keinen Kündigungsschutz mehr geben. Die Leute müssen ihren "Konsum beschränken" (damit - angeblich dann - mehr Geld für die Unternehmen übrig bleibt). Abgesehen davon braucht es weniger teure Beamte. Und weil "die Marktwirtschaft ihre Überlegenheit längst bewiesen hat", muss natürlich irgendwie (fast) alles den Märkten überlassen werden. Sprich: Es muss sich "in kurzer Zeit sehr viel ändern". Es wird uns nicht besser gehen, wenn "die hohe Steuer- und Abgabenbelastung nicht in beherzten Schritten gesenkt wird" - und vereinfacht, wie es "dringend erforderlich" ist (Stichwort Bierdeckel). Und die "strukturelle Überforderung" des Sozialstaats wird sich auch "nur" bewältigen lassen, wenn wir "gleichzeitig" Arbeitsmarkt wie Steuersystem reformieren, sowie Eigenverantwortung "völlig" neu definieren. Und wenn sich das alles nicht ändert, wird das nichts mehr. Heissa. Rumtata. Jetzt wird Leuten wie dem Professor Sinn aus München bei der Lektüre dieser Absätze sicher das Wasser in die Augen schießen. Der Haken ist: All das hat Friedrich Merz im August 2004 geschrieben, also je nach Rechnung ein halbes bis dreiviertel Jahr, bevor in Deutschland statt des so eifrig versprochenen Niedergangs die längste Phase wirtschaftlicher Besserung seit langem einsetzte - einzig unterbrochen von der Weltwirtschaftskrise 2009. (Thomas Fricke, SpiegelOnline)
Oh, wie ich das nur unterstreichen kann. Diese Lust am Zufügen von ökonomischen Schmerzen bei anderen, die "Gürtel enger schnallen"-Rhetorik, die grausigen Zukunftsszenarien wenn man nicht ganz sofort durchgreifend neoliberale Reformen durchführt - sie alle waren Mitte der 2000er Jahre allgegenwärtig, ein kollektiver Wahn in Politik und Medien. Im letzten Vermischten wurde hämisch auf die "Grenzen des Wachstums"-Prognosen des Club of Rome hingewiesen; hier hätten wir ein konservatives Gegenstück dazu. Merz und seine Gesinnungsgenossen lagen schlicht falsch. Das ist nicht das Problem; Prognosen sind immer schwer, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Relevant ist, welche Folgerungen darau gezogen werden. Und da ist Merz' "Vorwärts in die Vergangenheit" wenig verheißungsvoll.

In seiner Dokumentation „Die sieben Geheimnisse der NVA“ wirft der Berliner Filmemacher Matthias Hoferichter jetzt auf ZDFinfo einen Blick tief in die Eingeweide der ostdeutschen Armee. Herausgekommen ist ein sehr sehenswertes Stück Fernsehen, das die Selbstdarstellung der NVA als „Friedensarmee“ ohne historische Belastungen zu Recht dekonstruiert. Mehr als 30 Jahre lang sah die Grundstrategie des Warschauer Pakts einen massiven Angriff auf Westeuropa als wesentliche Methode im Falle eskalierender Spannungen zwischen Ost und West vor. Die an Panzern und Mannschaften hoffnungslos unterlegene Nato hielt anfangs mit der Strategie der „massiven Vergeltung“ mit Atomwaffen dagegen, später mit der flexibleren „abgestuften Abschreckung“. Doch würde sich der Westen mit seinen komplizierten Entscheidungsstrukturen wirklich zum Nukleareinsatz durchringen? Die sowjetische Strategie, deren unlösbarer Teil die NVA war, setzte auf den Zeitbedarf demokratisch-rechtsstaatlicher Regierungen zur Entscheidungsfindung: Idealerweise sollte ein Angriff bereits die Niederlande erreicht haben, bevor sich die Nato auf einen atomaren Schlag gegen die vorrückenden Streitkräfte des Warschauer Pakts geeinigt hätte. Denn dann wären die Kernwaffen entweder auf dem nun besetzten Territorium der Bundesrepublik oder sogar – wenn die sowjetischen Angriffsspitzen attackiert worden wären – auf niederländischem Gebiet einzusetzen gewesen. Das hätten westdeutsche oder holländische Politiker mutmaßlich zu verzögern versucht – und damit die ganze Nato-Strategie zum Einsturz gebracht. (Sven Felix Kellerhoff, Welt)
Ich finde diese Erkenntnisse vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Ukraine-Krise bemerkenswert; es ist immer wieder spannend, wie wenig sich manche geopolitischen Verhältnisse ändern. Denn auch in der Ukraine baut Putin ja darauf, dass er Tatsachen schaffen kann, bevor die langsam agierenden, verflochtenen und in sich uneinigen westlichen Institutionen eine gemeinsame Antwort finden. Das Szenario in der Straße von Kertsch ist natürlich nicht so drastisch wie NVA-Truppen vor Amsterdam, aber die dahinterstehnde Logik des Ausnutzens westlicher Entscheidungsprozesse ist dieselbe; siehe ja auch Fundstück 2 aus dem heutigen Vermischten.

7) Universität, aber praktisch
In dieser Werkstatt wird spürbar, wie gut die Idee der Versöhnung von Kopf und Hand, Geist und Praxis aufgegangen ist im Land der Dichter und Denker. Vor 50 Jahren unterzeichneten die westdeutschen Ministerpräsidenten ein Abkommen, das die Hochschulen revolutionierte. Neben den Universitäten führten sie einen zweiten akademischen Ausbildungsweg ein: die Fachhochschule. Auch wer kein Abitur hatte – dafür aber Fach-Abi oder Berufsausbildung –, war hier willkommen. Das Studium sollte kürzer sein, anwendungsbezogener. Die junge Wohlstandsrepublik war satt und hungrig zugleich, das konservative Bürgertum wurde leiser, Junge, Arbeiter, Frauen wurden lauter. Das Land egalisierte sich und kultivierte die Vision, Bildung sei ein Bürgerrecht. Eine andere Welt schien möglich. Also schuf man Fachhochschulen. Sie sollten das Versprechen einlösen, dass jedes Talent etwas gilt. Deutschlands Hörsäle sind seither nicht mehr reserviert für künftige Professoren, Ärztinnen, Anwälte oder Lehrerinnen. Heute sitzen hier Orthopädietechnikerinnen, Facility-Manager, Sozialarbeiterinnen, Medienakustiker in spe. Nie gab es so viele Studierende: 2,9 Millionen. Das Bildungsversprechen der alten Republik wurde wahr, das ist auch den Fachhochschulen zu danken. Da sind große Tanker wie in Köln (26.000 Studierende), oder Winzlinge wie in Eberswalde (2100 Studierende). Viele gingen aus Ingenieursschulen hervor, manche behaupten sich gegen Platzhirsche in derselben Stadt (Berlin: vier Unis, fünf FHs). Viele erleuchten ganze Regionen, die sonst abgehängte Landstriche wären. Eine Million Fachhochschüler gibt es (ihre Zahl verdoppelte sich in 20 Jahren). Alle werden nach Abschluss vom Arbeitsmarkt gierig aufgesogen. Die strikte Arbeitsteilung – zwischen Uni und FH, Denkern und Machern – gibt es aber immer noch. In der FH rumpelt der 3-D-Drucker, kreischt die Säge, wird der Glutengehalt im Teig bestimmt. Hier wird Praktisches studiert, die Theorie gibt’s in abgespeckter Form dazu. Doch welche Aufgaben den Fachhochschulen künftig zufallen, steht neu infrage. Denn sie haben sich zu wissenschaftlichen Einrichtungen eigener Güte entwickelt. Sie können mehr – und sie wollen mehr. Kein Zufall, dass sich fast alle 218 Fachhochschulen umbenannt haben. Hochschule für Angewandte Wissenschaften heißen sie jetzt, auf Englisch klingt es noch besser: Als Universities of Applied Sciences locken sie Studierende aus aller Welt an. Die Fachhochschulen sind, im Wortsinn, über sich hinausgewachsen. Nicht nur die Zahl der Studierenden hat sich vervielfacht, auch die Aufgaben: Fachhochschulen lehren, forschen, wenden an. Sie werben Gelder aus der Wirtschaft ein, rüsten Labore auf, publizieren Fachartikel, beleben auch abgelegene Regionen mit akademischer Campuskultur. (Anna Lena Scholz, Zeit)
Generell sollte die Erfolgsgeschichte des deutschen Bildungssystems etwas klarer herausgestellt werden. Wir konzentrieren uns in der Debatte viel auf die gescheiterten Hauptschulen, aber das berufliche Bildungssystem wie auch die Gymnasien sind in Deutschland eine Erfolgsgeschichte. Fast die Hälfte macht mittlerweile über den ersten oder zweiten Weg das Abitur, und ein guter Teil der Abiturienten studieren mit Erfolg. Das ist eines der Fundamente des deutschen Wohlstands, die in den 1970er Jahren durch die Bildungsexpansion geschaffen wurden. Am Beispiel Baden-Württembergs führt eine solche eher gewundene Bildungskarriere so durch: Realschule bis entweder zur siebten oder zehnten Klasse, danach Wechsel auf ein berufliches Gymnasium (Abitur) oder Berufskolleg (Fachhochschulreife). Dann Studium an einer dualen Hochschule, einer Hochschule für angewandte Wissenschaften oder Universität. Wer vorher eine Ausbildung gemacht und vielleicht gearbeitet hat, bevor er oder sie dann einen höheren Abschluss erwerben wollte, kann an Abendschulen oder der Berufsoberschule den Abschluss neu machen. Dieses System ist verzahnt und durchlässig - grundsätzlich. Von daher ein Hurra auf die Sekundarstufe 2.

8) Failed tax-cut experiment in Kansas should guide national leaders
Kansas’ 2018 election should serve as a political lesson to our national leaders, and the experience of Kansas over the past several years should serve as a policy lesson. [...] But experiments can go badly wrong, and unfortunately, Kansans were guinea pigs for one of the worst. It soon became clear that the Brownback experiment had failed to deliver on his promises. Analysis by Menzie Chinn, a professor of public affairs and economics at the University of Wisconsin-Madison, found that after the enactment of the tax cuts, economic growth in Kansas fell well below its pre-Brownback trend and, by the spring of 2017, the rate of job growth in Kansas was not only lower than the rates in most of its neighboring states but less than half of the national average. Brownback’s experiment was such a failure that his party turned against him. In 2017, the Republican-dominated legislature, overriding the governor’s veto, rolled back the tax cuts. [...] The reason for the failure of the Brownback experiment, and the likely failure of the Trump tax cuts, is that they didn’t account for the ways that economic inequality today obstructs, distorts and subverts the pathways to economic growth that is strong, stable and broadly shared. They ignore extensive evidence of what — in fact — drives economic growth and stability and can deliver improvements in living standards. [...] There is an alternative explanation for how the economy grows. A strong economy comes from a society where good ideas and talented people are not obstructed from economic opportunity. It’s when investors don’t have distorted incentives but rather see that a strong middle class is ready and able to purchase the goods and services their firms produce. It comes from ensuring that economic inequality doesn’t subvert our institutions — undermining our democracy, our government and the way the market works to the benefit of the few at the top of the income and wealth ladders, rather than the majority. (Heather Boushey, The Hill)
Abgesehen vom Offensichtlichen über das völlige Versagen dieser ideologiegesteuerten "Wirtschaftspolitik" möchte ich etwas anmerken, das in einem der letzten Artikel diskutiert wurde. Da kam das Argument mit dem Vergleich der durchschnittlichen Steuerbelastung aus den 1950er Jahren, die ja bekanntlich deutlich niedriger war als heute. Diese Vergleiche mit früher sind aber sinnlos, weil sie einem völlig anderen Level staatlicher Ausgaben und Aufgaben entsprechen. Was auch immer man davon halten mag, der Staat leistet heute deutlich mehr als früher. Deswegen sind auch die Milchmädchenrechnungen, auf denen Ideologen wie Brownback ihre Ideen fußen, völliger Blödsinn. Weil sie in fanatischer Verblendung nicht erkennen, welche Ausgaben der Staat tatsächlich tut, sondern das alles einfach nur als frivolen Haufen Geld sehen, der in einem schwarzen Loch verschwindet. Dieses Problem betrifft dann auch Friedrich Merz mit seinen grandiosen Steuervereinfachungsplänen, die wie alle Steuervereinfachungspläne völlig an der Wirklichkeit vorbeigehen und scheitern werden. Oder man macht es wie Brownback, kümmert sich nicht um die Wirklichkeit und ruiniert sein Land. Aber das passiert eben, wenn Ideologen Wirtschaftspolitik betreiben.

9) Insecure men were a big Trump demography in 2016
"We found that support for Trump in the 2016 election was higher in areas that had more searches for topics such as “erectile dysfunction.” Moreover, this relationship persisted after accounting for demographic attributes in media markets, such as education levels and racial composition, as well as searches for topics unrelated to fragile masculinity, such as “breast augmentation” and “menopause.”" Huh. I was uninterested at first because I figured the Trump effect was really just a Republican effect. But no. Insecure men voted in unusually large numbers for the Republican candidate only when that candidate was Trump. And two years later, the effect was still there in a midterm election that was heavily dominated by Trump’s presence. If this holds up, it suggests that Trump really did appeal to a kind of toxic masculinity in a way that other Republicans haven’t. I suppose that’s not entirely surprising either, but it was just something we all assumed. We’ve not had real evidence of it before. And it’s interesting in a non-snarky way, too. There’s something about it that’s sort of a mirror image of this whole “deaths of despair” theory, which is mostly driven by rural whites.¹ If it’s true, it’s quite possible that it’s galvanized mostly by factors that affect the self-image of men who have grown up thinking that stereotypical manliness was a core part of who they had to be. Inability to be a good breadwinner would certainly be part of that. Being the “losers” of the feminist movement would be part of it. Being forced to give up their traditional control of family and sex—no more demands, no more casual harrassment—would be part of it. A candidate who explicitly appealed to this frustration and promised to fix it—which neither Romney nor McCain did—would attract their votes. Especially if he were running against that shrill harpy Hillary Clinton. (Kevin Drum, Mother Jones)
Toxische Maskulinität befeuert den Aufstieg all dieser rechten Autokraten (und vermutlich auch der linken, könnte mir vorstellen dass die Zahlen bei Maduro ähnlich sind). Man sehe sich Bolsonaro an, mit all der Betonung von Waffen und Gewalt und den damit verbundenen Fantasien und der Phallussymbolik. Man sehe sich Trump an, der seine eigene Männlichkeit stets durch die Dominanz über weibliche Körper ausdrücken zu müssen glaubte. Man sehe sich Putin an, für den und seine Anhänger es notwendig ist, Männern die körperliche Gewaltausübung über "ihre" (nie das Possessivpronomen vergessen) Frauen zu erlauben, damit ihre Dominanz gewahrt ist. Und so weiter. Das Hoffnung machende an dieser Geschichte ist, dass zwar mit Verspätung, aber dafür deutlich wahrnehmbar eine Gegenbewegung entstanden ist. Die #Resistance, die sich bereits 2016 (natürlich nach der Wahl; Progressive kommen da gerne zu spät) formierte, zeigte 2018 bei den Midterms ihre Zähne. Auch in Deutschland haben #MeToo und der Herrenwitz für eine zunehmende Sensibilität gegenüber dem Thema gesorgt und fangen langsam an, das Wahlverhalten entsprechend zu ändern. Ich bin optimistisch, dass wir im demokratischen Westen gerade nicht die Renaissance der toxischen Maskulinität erleben, sondern ihr letztes Aufbäumen.

10) Why China is the enemy the US needs to face
Francis Fukayama’s essay “The End Of History,” penned at the dawn of the post-Cold War era, got a lot of things wrong. But it did get something essential right. Since 1988, the United States has been the hegemonic superpower in the world. For young Americans, there has never been anything to compare the United States to, other than itself. The result of this introspection has not been entirely healthy. In fact, for far too many of our citizens it has led to a moral relativism rooted in the idea that the United States is basically just as bad as everyone else. Well, we aren’t. Not by a long shot. The United States is not slipping into authoritarian fascism. How do we know this? We know it because China has real authoritarian fascism, and it looks nothing like our society. A good number of Americans have become so comfortable with self loathing, our racist history, our bellicosity around the globe, and our sometimes unseemly president that they don’t see that if China continues to go unchecked, if it is allowed to expand its power in the Middle East, Africa, and elsewhere, the American values of democracy, liberty, and freedom may face an existential threat just as they did during the Cold War. (David Marcus, The Federalist)
Ich bin gegenüber der hier geäußerten These sehr zwiespältig. Auf der einen Seite stimmt es natürlich, dass zur Zeit des Kalten Krieges ein deutlich positiveres Amerika-Bild herrschte als seither. Aber ob das eine so gute Sache war, wage ich zu bezweifeln. Der von David Marcus festgestellte Relativismus kam ja auch daher, dass die USA den eigenen Idealen eben nicht genügten. Ob Rassentrennung oder Unterstützung rechter Diktatoren, die Kritiker hatten ja Recht. Und der Irakkrieg 2003 trug auch nicht eben dazu bei, Glauben an der Führungsmacht USA zu wecken. Zudem gehört zu der Geschichte des positiveren Amerikabilds des Kalten Krieges auch die massive Repression, mit der dieses erreicht wurde. Jegliche Kritik an den USA wurde als unpatriotisch verurteilt, das Aufdecken von Skandalen als Verrat gewertet, das Formulieren von Alternativen delegitimiert. "Red Scare" ist ja nicht von ungefähr ein feststehender Ausdruck, und McCarthy gehört zu diesem Bild genauso wie Mr. Rogers. Auf der anderen Seite hat David Marcus absolut Recht, wenn er festhält, dass die USA gegenüber ihren Gegnern/Rivalen Russland und China definitiv die bessere Seite sind. Der Relativismus, der gerade an den Rändern des politischen Spektrums hier oft gepflegt wird (da schenken sich rechts und links wenig), schießt definitiv über das Ziel hinaus. Ob allerdings das Schaffen einer neuen Frontstellung à la Kalter Krieg dazu angetan ist, die Lage zu verbessern, bezweifle ich ein wenig.

11) Louisiana School Made Headlines for Sending Black Kids to Elite Colleges. Here’s the Reality.
In reality, the school falsified transcripts, made up student accomplishments and mined the worst stereotypes of black America to manufacture up-from-hardship tales that it sold to Ivy League schools hungry for diversity. The Landrys also fostered a culture of fear with physical and emotional abuse, students and teachers said. Students were forced to kneel on rice, rocks and hot pavement, and were choked, yelled at and berated. [...] In their defense, the Landrys touted the school’s ACT scores and high graduation and college enrollment statistics. “We get pushed under the microscope, or under the dagger,” Mr. Landry said, because “it had been just black kids going. Society kept saying all these negative things about us because it was just easy to beat this broken-down school.” [...] Some alumni, especially those who spent only a short time at T.M. Landry, have been successful. Bryson Sassau did well in his classes at St. John’s, although he had to quit some advanced science and math courses. Mr. Smith also did well, but with debts mounting had to drop out after his freshman year. Another Landry graduate said he feels at home at Brown in his junior year, has maintained good grades and was recently accepted into a program that prepares students to pursue a doctoral degree. (New York Times)
Der Skandal um die gefälschten Bewerbungsunterlagen ist aus vielerlei Gründen interessant. Da wäre zum einen institutioneller Rassismus. Eliteuniversitäten wie Harvard und Yale nehmen schwarze Studenten vor allem als Schutzschild gegen Rassismusvorwürfe auf und pflegen dabei selbst Rassismus, indem sie Konformität zu einem bestimmten Bild erwarten: dem des schwarzen Ausnahmestudenten. Diese werden dann auch klischeetisiert hergerichtet, mit Brille und Fliege. Das ist deswegen problematisch, weil die reichen weißen Studenten, die über legacy-admissions ihren Weg in die Eliteschmieden finden, all diese außerordentlichen Bedingungen nicht erbringen müssen. Die Rechtfertigung für diese offensichtliche Unfairness ist immer, dass es sich ja um Eliteschulen handelt, die entsprechend selektiv sind. Aber das stimmt ja nicht; massenhaft durchschnittliche oder sogar unterdurchschnittliche reiche Kinder werden jedes Jahr zugelassen und schaffen völlig problemlos ihre Abschlüsse. Bei der Infrastruktur, die diese Universitäten bereitstellen, ist das ja auch kein Wunder. Und das ist der Treppenwitz an der ganzen Affäre. Dass die schwarzen Studenten, die mit den gefälschten Unterlagen an die Unis kamen, eben keine Ausnahmetalente waren, sondern ganz normale Kids, fiel niemandem auf. Genausowenig, wie es bei den reichen Kids auffällt. Die ganze legitimatorische Geschichte von der Meritokratie, mit der die amerikanischen (und britischen!) Eliteschmieden ihre soziale Selektivität begründen, ist ein Schmuh. Und das führt zum letzten Punkt. Die Schulen, die diese angeblichen Ausnahmetalente produzieren, tun das, indem sie eine Hölle auf Erden kreiren. Brutale Bestrafungen auch und gerade körperlicher Art und eine völllig aus den Rudern laufende "Disziplin" erfüllen keinen pädagogisch-didaktischen Zweck, sondern dienen ebenfalls dem institutionellen Rassismus dieses perversen Systems: die angenommene inhärente Unterlegenheit der schwarzen Studenten wird quasi in dieser schulischen "Feuertaufe" ausgeglichen. Dabei sind diese Erfahrungen völlig unnötig, wie die Aufnahme (und das erfolgreiche Bestehen) völlig normaler Kinder unter vorgespiegelten Tatsachen ja beweist. Und das passiert so oft, in so vielen Bereichen.

Dienstag, 27. November 2018

Der Haushalt geht in gefühlten Wirklichkeiten vor der finnischen Wintersonne unter - Vermischtes 27.11.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Denk ich an Deutschland in der Nacht
Merkel-Dämmerung, zweistellige Verluste der Regierungsparteien in Bundestagswahlen, der Einzug der AfD in sämtliche Länderparlamente Deutschlands. Das sind nur Oberflächenprobleme. Denn der Rechtsstaat in Deutschland verrottet tatsächlich. Das äussert sich auch darin, dass es in Deutschland, wie in anderen europäischen Ländern auch, Quartiere, Bezirke, Gegenden gibt, in denen der Staat als Ordnungsmacht abgedankt hat, nicht einmal mehr sein Gewaltmonopol durchsetzen kann. Stattdessen herrschen mafiöse Clans. Vielköpfige Familien kontrollieren den Drogenhandel, erpressen Schutzgelder, bestimmen die Regeln des Zusammenlebens. In Berlin, in Duisburg, Dortmund, Essen, andernorts gibt es Gegenden, in denen der Rechtsstaat nur noch von Fall zu Fall funktioniert. [...] Löst sich dieser Kitt auf, dann sieht sich der Bürger nicht mehr als Staatsbürger. Er sieht seine Anliegen nicht mehr von den Staatsvertretern wahrgenommen. Die Gesellschaft zerfällt in Parallelgesellschaften, die beispielsweise religiös oder sozial stigmatisiert sind, also eine Lebenswelt der Superreichen und des Prekariats, eine Lebenswelt des Islam, eine Lebenswelt archaischer Stammesstrukturen, und so weiter. Wenn auch noch das Gewaltmonopol des Staates infrage gestellt wird, bilden sich lokale Strukturen, wo das Faustrecht herrscht oder Bürgerwehren, die ihre Vorstellung von Recht und Ordnung durchsetzen wollen. Während die Begüterten in schwer bewachten Zonen leben, die sie kaum noch verlassen. Wenn sich der Staatszerfall fortsetzt, kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen, dann der offene Bürgerkrieg, Deutschland würde wieder in ein Mosaik von Kleinstgebilden zerfallen, wie es schon zu Zeiten Heines existierte. Ein realitätsfernes Szenario? Keinesfalls. Wenn vorhandene Strukturen nicht Lösungen für die drängenden Probleme der Gesellschaft bieten, wenn sich die Politik mit der richtigen Auslegung des Begriffs «Hetzjagd» wochenlang lahmlegt, wenn keine der etablierten Parteien wenigstens einen Lösungsvorschlag für die Sicherung der Altersrente hat, und die AfD zwar mit Protest – «so nicht weiter, mit denen nicht weiter» – punktet, aber auch keine Alternativen anzubieten hat: dann ist das kein Albtraum in dunkler Nacht. (René Zeyer, Basler Zeitung)
Eines der merkwürdigsten psychologischen Phänomene die man dieser Zeit völlig unabhängig vom politischen Lager erkennen kann ist die Lust am Untergang. Sie ist etwas tief verwurzeltes. Ihr Urtyp findet sich in Oswald Spengler, der den Text über den sprichwörtlichen "Untergang des Abendlands". Für Spengler kam dieser Untergang 1918, aber seither wird er mit schöner Regelmäßigkeit angesagt. Ob die Einführung von Jazz und Blues, die "Verjudung" der Bevölkerung, das Auftauchen von Rock'n'Roll und die amerikanische Dominanz, die Herausforderung der reaktionären Gesellschaftsstruktur durch die 68er oder nun die Flüchtlingskrise, irgendwo geht das Abendland immer unter. Letztlich aber blieben die Untergangsvisionen noch jedes Mal Unfug. Mein zeitgenössisches Lieblingsbeispiel sind die "Sozialen Unruhen", die um 2007 so populär waren. Damals war die LINKE gerade erfolgreich und machte keine Anstalten, wieder in der Versenkung zu verschwinden, in der die PDS dank der 5%-Hürde so oft untergegangen war. Die "Reform"-Politik war mit der Einführung der Rente mit 67 und ähnlichen Maßnahmen auf einem Allzeithoch, und die Zustimmungsraten für die "etablierten" Parteien waren im Sinkflug. In den Zeitungen orakelten damals Leitartikler, Intellektuelle und Politiker von "sozialen Unruhen", die uns drohten, wenn man nicht schnellstmöglich das umsetze, was sie schon immer gut fanden. Und passiert ist...nichts. Die aktuelle Ausprägung dieser Untergangslust hat ihren Ursprung überwiegend im rechten Spektrum: statt sozialer Unruhen sind es eben Bürgerkriegsfantasien. Die gibt es in den USA auch massiv; besonders Trump-Parteigänger beschwören gerne den baldig anstehenden Bürgerkrieg zwischen Liberalen und Konservativen. Ausgelöst wird dieser Bürgerkrieg in evidentem Ignorieren der Logiklücke dann immer dadurch, dass die Waffen- und Freiheitshasser auf der Linken die Rechte entwaffnen. Keine Ahnung, wie sich die Basler Zeitung den Bürgerkrieg mangels verbreiteter Waffenkultur in Deutschland vorstellt, aber die Lust daran, die gewalttätigen Untergangsszenarien zu entwerfen, ist offensichtlich vorhanden.

2) Geld vom Staat kommt direkt bei den Kindern an
Finanzielle Direkthilfen vom Staat für arme Familien kommen laut einer Studie bei den Kindern an. Das Vorurteil, dass ein Plus dieser Hilfen von den Eltern für Alkohol, Tabak oder Unterhaltungselektronik ausgegeben werde, ist demnach in der Regel falsch, wie die Bertelsmann-Stiftung am Mittwoch mitteilte. Im Auftrag der Stiftung mit Sitz in Gütersloh hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) untersucht, wie sich Kindergeld und das in einigen Bundesländern ausgezahlte Landeserziehungsgeld auf das Ausgabeverhalten von Familien auswirken. Dabei haben die Forscher den Zeitraum von 1984 bis 2016 untersucht. [...] „Direkte finanzielle Leistungen für Familien sind sinnvoller als aufwendig zu beantragende Sachleistungen. Das Geld kommt den Kindern zu Gute und wird nicht von den Eltern für ihre eigenen Interessen ausgegeben“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Bei zweckgebundenen Sach- und Geldleistungen wie beim Bildungs- und Teilhabepaket würden laut Stiftung rund 30 Prozent der Mittel für den Verwaltungsaufwand verbraucht. Dräger fordert daher eine Beweislastumkehr: „Eltern sollten nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Der Staat sollte den Eltern vertrauen und Entmündigung sollte nicht zur Regel werden.“ (FAZ)
Nachdem beim Thema Arbeitszwang hier im Blog darauf hingewiesen wurde, dass die Ergebnisse nicht zwingend von den USA auf Deutschland übertragbar sind, sollte dieser Fall hier eindeutig dieselbe These stützen: der konservative Nanny-State, in dem mit gigantischem bürokratischen Aufwand auf die schwächsten der Gesellschaft eingeprügelt wird, um irgendwelche moralistischen Einstellungen zu bedienen, erzielt keine besonders guten Ergebnisse. Das ständige Gerede von Freiheit und Verantwortung findet halt immer da ein Ende, wo das eigene Moralisieren in den Weg kommt. Dabei zeigt Studie um Studie, dass die angebliche weit verbreitete Faulheit der ungewaschenen Masse, die von der gestrengen libertären Hand zur gesunden Arbeitsethik erzogen werden muss, ein reines, empirisch nicht haltbares Gerücht ist. Man könnte tatsächlich Geld und Bürokratie sparen UND bessere Ergebnisse erzielen, würde man den Leuten entsprechend Freiheit und Verantwortung geben und sich auf Hilfen bei denen beschränken, die es brauchen - man hat das im letzten Vermischten am Beispiel finnischer Obdachlosenpolitik ja schon gesehen.

3) The Finnish model
Indeed, as Granlund’s and Robin’s enlistments show, the FDF has managed a feat that other armed forces could learn from: it has made itself an attractive destination for conscripts and professional troops alike. This helps explain why the armed forces routinely have more applicants than openings for noncommissioned officer positions. According to a May Eurobarometer poll, 95 percent of Finns trust their army, a higher rate than anywhere else in the European Union. (In Germany, 66 percent trust the army; across the EU, the average is 75 percent.) [...] The appeal of Finland’s military extends beyond patriotism and depends partly on its willingness to listen to its soldiers. In 2002, the FDF introduced a system that tracks and evaluates soldiers’ and officers’ experiences. “It has changed how we treat our soldiers and how soldiers view the FDF,” said Brigadier General Jukka Sonninen, the FDF’s head of training. Under this system, which the FDF calls “Transformational Leadership,” Finland’s military regularly polls soldiers throughout their service on matters such as sleeping arrangements, superiors’ leadership, stress management, unit cohesion, and communications from central offices. The FDF carries out the survey at every level, too: group, company, battalion, and brigade. Sonninen’s unit tracks and evaluates the results, paying particular attention to changes in scores. “The point is not that we conduct surveys and score well and say, ‘That’s great; they love us,’” Sonninen told me. “The point is that we analyze the results and then look for the root reason: Has a certain event caused a particular score? A certain person? Certain processes such as health care? When people figure out that the process works, it dramatically changes their attitude.” (Elisabeth Braw, Foreign Policy)
Mich erinnern die hier angesprochenen Erkenntnisse an diesen Artikel über den Wert der Entschuldigung, den ich vor einem halben Jahr geschrieben habe. Gerade in Institutionen sind eine offene Fehlerkultur, offene Feedbackkanäle und eine offene Diskussionskultur ungeheuer wertvoll und bringen deutliche Gewinne an Effektivität und Zufriedenheit. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist dabei die empirische Forschung. Es ist immer wieder erstaunlich, auf wie vielen Feldern zentraler gesellschaftlicher Tätigkeit nutzlose, nie empirisch überprüfte Traditionen vorherrschen, einfach nur, weil man es immer schon so gemacht hat. Das betrifft den lehrerzentrierten Unterricht in der Schule, das betrifft das Drangsalieren von Arbeitslosen, Obdachlosen und anderen sozial Schwachen, und das betrifft die klaren Top-Down-Hierarchien in der Armee. Offensichtlich geht es ja auch anders, und sogar besser. Man muss nur mal anfangen.

4) Donald Trump's statement on Saudi Arabia is a lot worse than just removing the mask
At the same time, public words matter. All nations operate their foreign policy with some level of hypocrisy because they have legitimate national interests that sometimes require them to be less than pure. But hypocrisy has its virtues. It allows greater freedom of action. It allows leaders to make private threats that can alter the actions of murderous states. And it keeps the reins on public support for bad actors. Trump has thrown that all away. His statement was so blunt and so approving that he’s completely lost his freedom of action. It’s now clear to everyone that he will support Saudi Arabia no matter what. Nor can he pretend that he might try to influence Saudi Arabia for the better. His leverage is gone. And by making such a clear statement, he’s brought Saudi Arabia to the attention of many rank-and-file voters who never cared one way or the other before. This level of overt politicization, with the cult of Trump behind it, almost certainly adds public support for Saudi Arabia to the already massive support for them among the foreign policy establishment.² Trump has destroyed even the faint hope of moving the dial on either US or Saudi foreign policy. The fact that his statement sounds like it was written by a middle schooler only makes things worse. It’s worth condemning on all these grounds, no matter how critical you are of US foreign policy over the past 40 years. ¹Though, as usual, I find his contempt for Barack Obama hard to understand. Obama, like all US presidents, was heavily constrained by our foreign policy establishment, but in the end he did provide Saudi Arabia with less support than any previous president—and the Saudis made no secret of their intense dislike of Obama over this. I think Greenwald underrates just how hard this is in real life, and how much credit Obama deserves for taking even baby steps against the virtually unanimous opposition of the entire US government. ²Though I suppose it works in the opposite direction too. There may be plenty of Trump haters who also didn’t care one way or the other about Saudi Arabia, but now consider them public enemy #1. (Kevin Drum, Mother Jones)
Außenpolitik ist und bleibt ein problematisches Feld. Ich finde Kevin Drums Punkt vom Wert der Heuchelei für besonders bemerkenswert. Dieselbe Mechanik gilt ja auch für die Innenpolitik: Wasser predigen und Wein saufen schafft Handlungsspielräume, die ideologisch rein bleibenden Politikern nicht zur Verfügung stehen. Deswegen sind diese Leute ja üblicherweise auch elektoral nicht erfolgreich, und auf der anderen Seite verschaffen sich dann Leute wie Bernie Sanders durch gezielte Heuchelei (man denke an seine Positionen zum Waffenrecht in den USA!) die Handlungsspielräume, mit denen sie sich ideologische Reinheit an anderer Front erkaufen. Diejenigen Politiker, die wie Angela Merkel keiner Ideologie anhängen, haben entsprechend größere Handlungsspielräume. Das ist die Kehrseite dieser oft als Mangel empfundenen Festlegung. In der Außenpolitik kommt die große Problematik hinzu, dass auf der einen Seite mit Leuten agiert werden muss, die absolut ekelhaft sind - die MBS, Saddats, Putins dieser Welt - und auf der anderen Seite die eigentlichen Spielräume für Handeln empfindlich klein. Der Einfluss auf die Politik anderer Länder ist im Allgemeinen sehr, sehr klein - was die Öffentlichkeit wie auch viele Politiker und Experten in den USA immer wieder auf kaltem Fuß erwischt - und wird durch einen Verzicht auf taktische Heuchelei noch kleiner. So kann man darüber debattieren, ob Obamas Iran-Politik viel oder überhaupt Einfluss auf das Land ausüben konnte. Trumps direkter Konfrontationskurs hat den amerikanischen Einfluss jedenfalls sicher auf null reduziert, und dasselbe gilt auch für Saudi-Arabien und viele andere Länder.

5) AfD gewinnt nach Asyldebatte dazu - Union verliert leicht
Nachdem Friedrich Merz Ende eine neue Asyldebatte anstieß, ist das Thema wieder für deutlich mehr Menschen wichtig. Die AfD legt in einer Umfrage zu. In der Kanzlerfrage liegt Angela Merkel klar vorn. Zu Beginn der Woche war Migration noch für acht Prozent der Befragten ein wichtiges Thema - inzwischen sind es mit 26 Prozent mehr als dreimal so viele. Dass Friedrich Merz, der Angela Merkel an der CDU-Spitze nachfolgen will, das Thema wieder groß auf die Agenda setzte, scheint vor allem der AfD zu helfen: Im RTL/n-tv-Trendbarometer legt die Partei um zwei Prozentpunkte zu und liegt jetzt bei 14 Prozent. Der frühere Unionsfraktionschef Merz hatte sich bei einer CDU-Regionalkonferenz in Halle am Donnerstag klar zum Grundrecht auf Asyl bekannt, nachdem er am Vortag mit einer Äußerung heftige Kritik ausgelöst hatte. Dabei hatte er in Zweifel gezogen, dass das im Grundgesetz festgeschriebene Individualrecht auf Asyl „in dieser Form fortbestehen“ könne. CDU/CSU und Linke müssen in der aktuellen Forsa-Erhebung für RTL und n-tv jeweils einen Punkt abgeben: Die Unionsparteien kommen auf 27, die Linkspartei auf acht Prozent. Alle anderen Parteien halten ihre Werte aus der Vorwoche. Die SPD stagniert bei 14 Prozent, die Grünen schwimmen mit 23 Prozent weiter auf der seit Wochen anhaltenden Erfolgswelle und die FDP käme aktuell auf neun Prozent. (Welt)
Es. Funktioniert. Nie. Wie viele Ansätze braucht die CDU denn, um zu verstehen, dass diese Rechts-außen-Rhetorik nur ihren Gegnern nützt? Es zeigt auch wieder einmal schön die Überschätzung von Merz, dem strategischen Supergenie. Der schmerzhaft offensichtliche Plan, mit dem "man wird doch mal fragen dürfen"-Ansatz erst das Grundrecht auf Asyl in Frage zu stellen und dann zurückzurudern ("War nie so gemeint"), ist genau die Vorgehensweise der AfD und anderer Populisten. Nur, Alexander Gauland ist ein Meister in dieser Disziplin und ist in einer Partei, deren ganzer Daseinszweck ist, die Grenzen des Erlaubten nach rechts zu verschieben. Die CDU ist genau das nicht. Dass so viele Leute das einfach nicht verstehen wollen, gerade solche Leute, die diese Partei zu führen oder wenigstens sachgemäß beraten zu können glauben, ist faszinierend. Auch ein Blick in die jüngere Geschichte bestätigt diesen Trend. Man denke nur an die Asyldebatte, die die CDU in den 1980er Jahren vom Zaun brach und in den frühen 1990er Jahren deutlich verschärfte. Das Ergebnis war eine massive Rechtsverschiebung des gesamten Diskurses zu dem Thema, der dann zur effektiven Abschaffung des Grundrechts auf Asyl führte (das Merz nun erneut in Frage stellt, weil täglich das Murmeltier grüßt). Die CDU gewann nicht die absolute Mehrheit; stattdessen zogen die Republikaner und die NPD in diverse Landtage ein. Die Erfahrungen in Hessen, wo die CDU eine solche Kampagne 1999 mit Erfolg fuhr, sind eher die Ausnahme denn die Regel für solche Kampagnen. Ich würde annehmen dass sie auch deswegen erfolgreicher war, weil mit Rot-Grün damals tatsächlich das ideologische Gegenstück eine entgegengesetzte Politik fuhr und der Kampf nicht gegen Strohmänner geführt wurde, aber das ist nur eine Theorie. Wäre einmal spannend zu sehen warum die CDU 1999 profitierte, wo sie es in 1991-1993 nicht tat. Da lassen sich sicherlich auch Rückschlüsse für SPD und LINKE daraus ziehen.

6) Was it fair for Hillary Clinton to critizice the European refugee response?
Yesterday I posted a quickie survey that asked how many refugees the United States should be willing to accept each year. The response was sort of interesting. Nearly 60 percent of you thought the cap should be 500,000 or less. Among those who provided a numerical answer, the average answer was 300,000. However, a quarter of you thought there should be no cap at all and we should accept anyone who wants to come. [...] In 2015 Germany accepted 1.1 million refugees. This is about the equivalent of the United States accepting 4.4 million refugees. I don’t want anyone to take my survey too seriously. It’s obviously just a casual thing. However, I think it’s fair to say that the responses are almost entirely from a left-leaning readership, and even at that a solid majority thought the US shouldn’t take in more than half a million refugees in a single year. Adjusted for population, Germany took in nearly ten times that many. I don’t want to comment at length on this. I just want to put these numbers out there, since they aren’t obvious and most people don’t know them—but they are the numbers that motivated Clinton’s response. The point of this is fairly mundane: if Germany accepted nearly ten times as many refugees as even a liberal audience in the US would be comfortable with—and about 50 times as many as the US actually takes in—it’s hardly unreasonable for even a liberal politician to suggest that this produced a widespread and formidable backlash. In other words, this isn’t Hillary Clinton suggesting that we need to adopt a demagogic Trumpian approach to refugees in order to beat the Trumpists. It’s Hillary Clinton suggesting that there are limits, even for liberals who believe in a far more compassionate refugee policy. Based on your responses to my question, I’d say that most lefties agree with her. But there’s no way to know that unless you also know the actual numbers at issue. (Kevin Drum, Mother Jones)
Wer diese Kritik gestellt hat ist irrelevant, ich würde deswegen keine Diskussion über Hillary Clinton anfangen wollen. Relevant scheinen mir zwei andere Punkte zu sein. Erstens ist es ziemlich offensichtlich, dass niemand Lust hat, jährlich solche Massen von Leuten aufzunehmen. Aber das ist ja auch eine relevante Kategorie. Niemand hat 2015 dafür argumentiert, diese Zahl jedes Jahr hereinzulassen. Nur ist es ja nicht so, als ob Deutschland - etwa im Rahmen einer europäischen Lösung der Flüchtlingskrise, die ja bereits seit Jahren vor 2015 aktuell war und da nur endlich auch nach Deutschland - regelmäßig eine verkraftbare Zahl von Flüchtlingen aufgenommen und integriert hätte. Das wäre sinnvoll gewesen. Stattdessen bestand man darauf, dass die ökonomisch ohnehin unter Druck stehenden Peripheriestaaten wie Italien, Griechenland und Spanien die Last alleine stemmen. Eine liberale Flüchtlingespolitik wäre sinnvoll gewesen. Wäre. Hätte man eine gemacht. Und das führt zum zweiten Punkt. Welche Alternative gab es denn? Das konnte von den Merkel-Kritikern nie befriedigend benannt werden. Die Alternativen wären vor 2015 gewesen. Als die Leute da waren, war es eine Krise. Und auf Krisen muss mit spontanten, improvisierten Maßnahmen reagiert werden. Das hat Merkel getan, unabhängig vom Ergebnis. Natürlich war sie vorher einer der Haupt-Blocker einer solchen Lösung, aber sie hat diese ja auch deswegen blockiert, weil niemand ein Interesse an einer vernünftigen Lösung hatte und jeder lieber den Kopf in den Sand steckte und so tat, als wäre es kein Problem, gleichzeitig Griechenland ökonomisch zu ruinieren und mit der kompletten Verantwortung für die EU-Flüchtlingspolitik zu belasten. Echt merkwürdig, dass das nicht funktioniert hat, wenn man es so aufschreibt...

7) Democrats might be too afraid of power to investigate Trump aggressively
But the biggest flaw in McConnell’s argument is this: The GOP’s “harassment” of the Clinton White House did turn out to be a “winner” — just a couple years later than the party had expected. While Democrats came through the 1998 elections unscathed, by 2000, the Lewinsky scandal had done immense damage to Clinton’s public image. So much, that Al Gore and Karl Rove would both (reportedly) come to believe that Clinton’s scandals cost his vice-president the 2000 election. [...] But one doesn’t need to look decades in the past to see the political efficacy of unabashedly partisan congressional investigations: Despite the fact that their years-long probe into the attack on the U.S. embassy in Benghazi produced no evidence that the secretary of state had committed any wrongdoing, the mere existence of the investigation was sufficient to persuade a large segment of the public that Hillary Clinton was personally responsible for the deaths of American soldiers overseas. In May 2016, a poll from Fairleigh Dickinson University found that a majority of independent voters — and a sizable minority of Democrats — believed that it was either “definitely” or “possibly” true that “Hillary Clinton knew the U.S. Embassy in Benghazi was going to be attacked and did nothing to protect it.” [...] If House investigations of baseless conspiracy theories can be this politically effective, probes of already-proven scandals — like, say, the president’s history of dodging hundreds of millions in taxes through illicit means — would presumably be even more damaging. All of which is to say: There is simply no basis for thinking that Democrats will pay a political price for prioritizing investigations of Trump over helping the president score bipartisan policy victories. Any Democrat who says otherwise — or implores his colleagues not to squander their “opportunity for more access to credit and housing reforms” — is less concerned with safeguarding the party’s electoral interests than using divided government as an excuse to advance Wall Street’s. (Jonathan Chait, New York Magazine)
Ich stimme Chait in seiner Einschätzung zu. Was Democrats mehr aufhält als die reine Frage nach dem elektoralen Effekt ist der Schlammschlacht-Aspekt des Ganzen. Ich würde das unter "soziale Widerstände" verbuchen. Den politischen Gegner mit frivolen Untersuchungen zu überziehen, um seinen Ruf zu zerstören, stört zwar nicht die Wähler, und ich würde sicherlich nicht so weit gehen, der Partei die Herzensgüte zu unterstellen, dass sie einfach aus moralischen Gründen davon absehen. Aber: Die Democrats, anders als die GOP, haben Verbindungen - vor allem in Spenderkreisen - die völlig anders konstruiert sind. Die Wähler mögen sich da nicht groß unterscheiden, aber die Eliten, in deren Zirkeln sich die Repräsentanten bewegen, schon. Das sind Leute, denen Anstand (oder zumindest die öffentliche Performance davon), Überparteilichkeit und generell moderate Zurückhaltung wichtig sind. Es wird in der Debatte um das politische System der USA ja immer viel vom "liberal bias" der Presse gemacht. Die meisten Journalisten sind aber furchtbare Zentristen und Bothsideristen. Während sich Republicans ihre Ablehnung als Auszeichnung ans Revers heften, streben die Democrats nach ihrem Wohlwollen. Gleiches gilt für diverse Großspender. Auch hier gelten völlig andere Normen als in den entsprechenden Zirkeln der GOP. Ich glaube dass dieser Unterschied eine der treibenden Kräfte hinter der Radikalisierung der Republicans (und der anhaltenden Moderierung der Democrats) sein dürfte: Die GOP hat sich von Gruppen wie den Evangelikalen und den "gun nuts" auf der einen und einigen wenigen extremistischen Großspendern auf der anderen Seite abhängig gemacht, die auf diese Art der aggressiv-spaltendenden Politik stehen. Es wäre spannend, das einmal größer angelegt zu untersuchen.

8) Wer Angst hat, hat recht
Es reiche nicht, dass die Zahl der gemeldeten Straftaten abnimmt und die Aufklärungsquote hoch ist, hat Münch gesagt. Aber was reicht dann? "Es reicht nicht" heißt, kombiniert mit "Gefühle sind Fakten": Wenn die Leute aufgrund anderer Faktoren den gänzlich falschen Eindruck haben, dass das Leben hierzulande immer gefährlicher wird, dann ist das auch so. Oder, noch kürzer: Wer Angst hat, hat automatisch recht. Egal, wie die Realität aussieht. [...] Für einen Angsttherapeuten mag das ein Ansatzpunkt für eine Intervention sein. Für den Chef der obersten deutschen Polizeibehörde ist die Vorstellung, dass Sicherheit nicht messbar, sondern sozial konstruiert ist, ein miserabler Ratgeber. Münchs Aufgabe besteht darin, reale Kriminalität zu bekämpfen und nicht gefühlte Bedrohungen. Wer gefühlte Bedrohungen bekämpft, betreibt Sicherheitstheater, schränkt dazu im Zweifel Bürgerrechte ein und verschwendet Steuergelder. [...] Tatsächlich sind gefühlte Wahrheiten einer der Gründe für das katastrophale Versagen deutscher Sicherheitsbehörden in diversen Fällen. Münchs Vorgänger als BKA-Chef, Jörg Zierke, hat 2014 zum Beispiel Folgendes über den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund gesagt: "Wir haben es nicht für möglich gehalten, dass eine Gruppe aus einer so inhumanen und absonderlichen Motivation heraus Menschen erschießen könnte." Die deutschen Sicherheitsbehörden hatten einfach das Gefühl, dass es in Deutschland keinen Nazi-Terror geben kann. Mit den bekannten, schrecklichen Folgen. Im Augenblick kann man wieder den Eindruck gewinnen, dass deutsche Sicherheitsbehörden sich dem Gefühl hingeben, das mit den Nazis in Deutschland sei nicht so schlimm. Und dann marschieren auf einmal organisierte Gruppen durch deutsche Städte, nennen sich stolz "Adolf-Hitler-Hooligans" oder verschaffen sich Kriegswaffen. Wo kommen die denn plötzlich her? Obwohl man doch die ganze Zeit das Gefühl hatte, die Sache im Griff zu haben! Schöne Grüße auch an Hans-Georg Maaßen, einen weiteren Meister der gefühlten Wahrheit. Uns allen ist zu wünschen, dass der Präsident des Bundeskriminalamts zumindest bei der Ausübung seines Amts zu einer klaren Unterscheidung zwischen Gefühlen und Fakten zurückfindet. Wenn nicht, ist er der falsche Mann für den Job. (Christian Stöcker, SpiegelOnline)
Wir hatten ja an dieser Stelle erst letzthin über "gefühlte" Realitäten geredet, ob Reichtum oder Sicherheit. Der Faktor, dass dies die Wahlentscheidungen von Leuten und ihre generellen Forderungen gegenüber der Politik beeinflusst, ist zwar auch gegenüber der "Ängste und Sorgen der Menschen ernst nehmen"-Folklore etwas unterbeleuchtet, aber was Christian Stöcker hier analysiert scheint noch wesentlich bedeutender zu sein: gefühlte Realitäten bei Leuten, die konkrete Realitäten produzieren. Stöcker bringt als Beispiel bei den Sicherheitsbehörden hier das Versagen gegenüber der NSU oder Maaßens Adelung seiner eigenen Gefühlswelt zur objektiven Bedrohungslage, aber wir sehen es natürlich auch beim Hambacher Forst, wo diverse Leute unbedingt der Überzeugung bin, dass da Gewalttäter schlimmer als die Nazis den Staat aus den Angeln heben. Und wer das fühlt, der sieht das dann auch. Neben der im Artikel besprochenen Sicherheitsbehörden, die sich offensichtlich von gefühlten Realitäten leiten lassen, betrifft dies auch andere Institutionen wie die Bundesbank. Da ist gefühlt immer 1923. Die gefühlte Inflationsgefahr ist beständig hoch, das Anziehen der Inflation immer gleich um die nächste Ecke, dieses Mal bestimmt, und deswegen darf man auf keinen Fall tätig werden. Wir haben das im letzten Vermischten mit der Reaktion der Fed bereits gehabt; ein anderes Beispiel für solche gefühlten Realitäten wäre 1993, als die Bundesbank den Aufbau Ost abwürgte und mit ihrer nicht zurechtfertigen anti-inflationären Politik die neuen Bundesländer wirtschaftlich abschoss.

9) The Deficit Grew Because Trump’s a Republican, Not Because He’s an Idiot
President Trump has been demanding that his aides draft a plan to reduce the swelling budget deficit while simultaneously ruling out virtually all categories of possible deficit reduction and demanding new deficit-increasing measures of his own. The Washington Post has plenty of hilarious details from the administration’s internal fiscal deliberations, such as they are.[...] It is fair to say that no other Republican president would be quite this ignorant. But in other ways, Trump is indistinguishable from the policies any Republican advocates. [...] The story notes that Trump “has said no changes can be made to Medicare and Social Security.” But every Republican likewise supports maintaining retirement benefits for workers at or near retirement (meaning age 55 or above). By definition this would rule out even the first penny of budget savings within ten years. And only a handful of Republicans support any cuts to the defense budget. [...] Snickering administration advisers probably see this episode as evidence of either Trump’s buffoonery or his harboring of secret big-government instincts. In reality, Republicans understand full well that Medicare and Social Security command deep support even among their own voters. Trump’s conclusion that the only safe ground to attack an expansion of the safety net is from the left, as a defense of existing benefits, is the exact same strategy Republicans used against Obamacare. [...] Trump’s inherent Trumpiness is not the reason the deficit has increased. The iconic Republican Ronald Reagan cut taxes, jacked up defense spending, and massively increased the deficit, and his presidency is worshipped as a model all subsequent Republicans must follow. Reagan’s successor, George H.W. Bush, did break from his party in order to reduce the deficit, and conservatives loathed him for it and use his apostasy as a cautionary tale to this day. The next Republican president, George W. Bush, promised to follow Reagan’s example rather than his father’s, and he delivered, jacking up defense spending and cutting taxes and causing the deficit to spike. Trump has signed onto legislation designed by Republicans in Congress that increased defense spending and cut taxes. The deficit has risen as a result. That’s what Republicans do. (Jonathan Chait, New York Magazine)
Mir bleibt völlig unklar, warum diese einfach empirisch nachzuweisende Grundlage von Beobachtern des politischen Prozesses seit Jahrzehnten beharrlich nicht zur Kenntnis genommen wird. Die Republicans haben kein ernsthaftes Interesse an einem Ausgleichen des Haushalts. Wenn es eigene Ziele umzusetzen gilt, dann werden sehr schnell Schulden aufgenommen, meistens mit dem nie zutreffenden Argument, dass die jeweils bevorzugte Politik (meistens Steuersenkungen) ein so tolles Wirtschaftswachstum hervorrufen würde, dass es kostenneutral bleibt. Das gleiche behaupten progressive Politiker gelegentlich von ihrer Investitionspolitik auch (wobei unserereiner üblicherweise schlicht Schulden nicht als so großes Problem sieht), aber dieser Unfug wird nicht geglaubt. Die Konsequenz ist diese völlig schiefe Wahrnehmung, dass Konservative eine quasi genetische Wirtschaftskompetenz besäßen. Die Wirtschaftspolitik, die Konservative bevorzugen, ist sicherlich EINE Wirtschaftspolitik, aber sie ist nicht die bessere oder schlechtere qua der Tatsache, dass diese von ihnen vertreten wird. Wie jede Politik hat sie Vorteile und Nachteile. In der ständig naiven Annahme, dass die behaupteten Ziele und Effekte (ausgeglichener Haushalt und sich selbst tragender Aufschwung etc) tatsächlich ernst gemeint sind, während die andere Seite immer nur Steuergeld ausgeben will (als ob das Geld dann einfach weg wäre). Völlig kaputte Debatte.

10) Rechtsextreme Soldaten unterm Radar
Darauf verweist auch das Bundesinnenministerium. Ansonsten äußere man sich nicht, so ein Sprecher. Der Komplex betreffe „laufende Ermittlungen des Generalbundesanwalts“. Das Bundesverteidigungsministerium blockt ab und verweist auf seinen Militärischen Abschirmdienst (MAD), zuständig für Extremismusabwehr in der Bundeswehr. Weder gebe es gewaltbereite Rechtsextremisten in der Bundeswehr noch extremistische Netzwerke, behauptet dessen Präsident Chris­tof Gramm auf taz-Anfrage. „Politisch motivierte Gewaltbereitschaft spielt in der Bundeswehr derzeit keine Rolle.“ Das deckt sich nicht mit den Erkenntnissen der taz. In den Chatgruppen war die Rede davon, am „Tag X“ Linke zu liquidieren und gegen Flüchtlinge vorzugehen. Auch Bundeswehrsoldaten chatteten mit. Der oberste Administrator war André S. alias „Hannibal“ – ein Elitekämpfer des Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr, KSK. [...] Der Bundesverfassungsschutz warnt immerhin, dass es in der rechtsextremen Szene Versuche gebe, sich auf einen „Bürgerkrieg“ zwischen einheimischen Deutschen und zugewanderten „Fremden“ vorzubereiten. Dieser „Tag X“ solle bewusst herbeigeführt werden, auch Waffen würden beschafft. Auch Mecklenburg-Vorpommern will es genauer wissen. Das dortige Innenministerium setzte schon im September 2017 eine Kommission zur „Prepper“-Szene ein. Allerdings liegen bis heute keine öffentlichen Ergebnisse vor. MAD-Präsident Gramm räumt ein, dass es zunehmende „Graubereiche zwischen Meinungsstärke und Extremismus“ gebe: Die Identifizierung von Rechtsextremisten werde schwieriger. „Das stellt uns vor neue Herausforderungen.“ (Konrad Litschko, taz)
Wir hatten erst letzthin hier im Blog die Diskussion über die Frage, welche Radikalen und Extremisten gefährlicher sind. Mir bleibt weiterhin unklar, wie die Leute, die sich in Bäume hängen und Polizisten mit Kot bewerfen als gefährlicher eingestuft werden wie Angehörige von Polizei und Armee, die sich auf einen gewaltsamen Bürgerkrieg vorbereiten. Ich möchte noch einmal betonen, dass ich keine Sympathie für die Hambacher-Forst-Demonstranten habe; nur kommen wir denen problemlos mit den üblichen rechtsstaatlich-polizeilichen Mitteln bei. Keiner von denen ist schwer bewaffnet oder plant Morde. Das ist bei den Rechtsextremisten halt anders, und deswegen ist mir diese nachlässige Haltung auch unverständlich.

11) Several whote vangelical leaders reject anti-immigrant rhetoric. Why do their flocks embrace it?
Prominent white evangelicals close to the president, such as Paula White, have frequently defended Trump’s stance on immigration policy, including family separation. They argue that Jesus should not be considered a forerunner of modern-day refugees because, as a sinless man, he never broke immigration law. [...] And, by and large, white evangelicals on the ground have followed suit — even when some in evangelical leadership is advocating for more nuanced policy positions. The reasons for this discrepancy are complicated. They include a white evangelical population that gets its moral sense as much from conservative media as it does from scripture. There’s also a more general conflation of white evangelicalism with the GOP party agenda, which has been intensifying since the days of the Moral Majority in the 1980s. As Jenny Yang, vice president for advocacy and policy for World Relief, the humanitarian wing of the National Association for Evangelicals, told Vox, white evangelicals’ views on immigration are more likely to be shaped “not from their local church or their pastor, but actually from the news media. ... This has become an issue of the church being discipled by the media more than the Bible or the local pastor in terms of their views on immigration.” [...] The uneasiness within the evangelical community over immigration policy can be tied to a tension within evangelical theology itself. Some passages in the Bible — such as Matthew 25 — urge care for those on the margins. Meanwhile other passages such as Romans 13 are interpreted by evangelicals like former Attorney General Jeff Sessions to justify Trump’s family separation policy and an authoritarian political theology. (Tara Isabella Burton, vox.com)
Die konservative Medienblase in den USA ist wirklich krass, und es ist immer wieder wichtig zu betonen, dass das in Deutschland (noch) nicht so ist. Die Anhänger der CDU leben im gleichen Universum wie die der Grünen, deutsche Christen im selben wie Atheisten. Das ist leider inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr. Die AfD unternimmt aktuell alles, um eine eigene mediale Blase zu erschaffen, die dem entspricht. Die wollen den gleichen Effekt erschaffen, und man sieht die ersten Auswirkungen davon ja etwa in den sozialen Netzwerken, wo Fake News fröhliche Urstände treiben. Aber zurück zu den USA: Hier haben sich weite Teile der Bevölkerung abgekoppelt. Es ist auch spannend zu sehen, dass die evangelikalen Führungsfiguren selbst genausowenig Einfluss auf ihre Schäfchen haben wie die Politiker der GOP. Wer da immer Treiber und wer Getriebener ist, ist wahrlich nicht immer deutlich sichtbar. Aber so wird dann ein offensichtlich nicht gerade frommer Mensch wie Trump zum Bannerträger der Evangelikalen. Der Artikel versucht übrigens, progressive Politik in Bibel zu verankern, indem etwa Bibelstellen bemüht werden um eine migrationsfreundliche Politik zu legitimieren. Das ist genauso blöd, und man sollte nicht den Unsinn der Gegenseite mitmachen. Die Bibel ist ein 2000 Jahre alter Text. Die allergrößte Mehrheit der Theologen dürfte sich einig darüber sein, dass man darin zwar bis heute Ratschläge für den richtigen moralischen Lebenswandel finden mag, aber sicher keine policy-Details. Es ist hochgradig albern, Migrationspolitik mit Jesus Sündenlosigkeit zu rechtfertigen, und genauso albern, vom Kampf um Privilegien für Wanderhandwerker im antiken nahen Osten auf heutige Flüchtlingspolitik zu schließen. Lasst den Kram wo er hingehört.  

Sonntag, 25. November 2018

Obdachlose britische Gewalttäter lesen in der Fed mit AfD-Abgeordneten den Koran - Vermischtes 25.11.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) In Russia, feminist memes buy you jail time, but domestic abuse doesn't
Such activists face an outright war on women in Russia. The numbers of dead are staggering: 14,000 Russian women die annually from domestic violence-related injuries. That’s about 38 women killed every day, almost two women every single hour, and one every 40 minutes. Making matters worse, Russia’s political system condones such violence. Watch, up to 36,000 Russian women and 26,000 children faced daily violence and abuse. And most of the time—perhaps as much as 91 percent, according to 2013 data from the ANNA Center for the Prevention of Violence—the aggressor is a woman’s husband. Domestic violence is so common, in fact, that it affects one in four Russian families, according to ANNA. Two-thirds of all homicides in Russia are linked to domestic and family issues, and incidents of domestic assault on women and children increased by 20 percent between 2010 and 2015. [...] In early 2017, the State Duma, the lower house of Russia’s Federal Assembly, decriminalized some forms of domestic violence, meaning that first-time offenses against a partner or child bear a fine rather than a criminal charge and trial. The controversial bill was backed by the Russian Orthodox Church, which has historically advocated for less government interference in household matters. The church’s commission on family affairs even stated in 2015 that it considers the term “domestic violence” to be a tool used by radical feminists. It similarly maintains that the West is behind efforts to make domestic violence a crime in Russia. Even as women and children lose protection from domestic violence, those who speak out against it have increasingly been handed criminal charges themselves. Feminist blogger Lyubov Kalugina, for example, was recently charged with inciting hatred toward men and now faces up to five years in prison. (Anna Denejkina, Foreign Policy)
Was in Russland unter dem Banner rechter identity politics passiert, ist kompletter Irrsinn. Und wenn man sich den Backlash gegen #MeToo und ähnliche Initiativen ansieht, dann ist es auch nicht gerade so, als wären wir völlig immun gegen solche Entwicklungen. Eine Rückabwicklung der unter Rot-Grün umgesetzten Reformen des Strafrechts, die Vergewaltigung unter allen Umständen auch in der Ehe zur Straftat machen, ist - sieht man sich die aktuelle Diskursmacht der AfD und das Einknicken der CDU etwa beim Thema Migrationspakt - nur eine Social-Media-Kampagne entfernt. Man muss sich klarmachen, dass rechte identity politics töten. Bedenkt man, wie gebetsmühlenartig viele konservative Kritiker - und nicht zu Unrecht! - die Gefahr der Zerstörung des "guten Rufs" und auch der wirtschaftlichen Existenz prominenter Beschuldigter der #MeToo-Welle betonten, ist ihr drönendes Schweigen in diesen Fällen auf der anderen Seite nicht gerade vertrauenserweckend. Ein ähnliches Problem gibt es, wenngleich weniger prononciert als in Russland, bei den Evangelikalen in den USA. Auch hier sind die Unterdrückungsmaßnahmen von der Gesellschaft sanktioniert und die Dunkelziffern extrem hoch. Das hat Auswirkungen bis auf die Wahlergebnisse. Gerade in den konservativ geprägten Staaten des Mittleren Westens, wo das erzkonservative Familienbild mit dem Patriarchen an der Spitze noch hochgehalten wird (man sehe sich nur mal meinen Namensvetter, den Senator Nebraskas Ben Sasse an), spielt das auch elektoral eine Rolle. Eine Reihe dieser Staaten etwa hat, anstelle die drängenden Probleme der Bevölkerung durch eine weniger ideologisch verblendete, zutiefst schädliche Wirtschaftspolitik zu lösen (Hallo, Kansas), ernsthaft Geld in die Hand genommen und sämtliche Wahlkabinen durch Wahlstehtische ersetzt, die so dicht beieinander stehen, dass der Mann die Wahl der Frau kontrollieren kann - und zwar bewusst zu diesem Zweck. Man kann das an diesen Beispielen des Wahlfälschers-in-chief und seines Sohnes gut sehen. Das mangelnde Unrechtsbewusstsein - ihr Anspruch, diese Kontrolle durchführen zu dürfen - zeigt sich super dadurch, dass sie es vor den laufenden Kameras der ganzen Nation tun. Und das reproduziert sich, wie so vieles, im Kleinen.

2) "Straßenobdachlosigkeit gibt es in Finnland nicht mehr" (Interview mit Juha Kaakinen)
ZEIT ONLINE: Seit Jahren sinkt in Finnland die Obdachlosigkeit. Herr Kaakinen, was läuft in Finnland richtig?
Kaakinen: [...] Jetzt, zehn Jahre später, sieht man in Finnland keine Obdachlosen mehr, wenn man durch die Straßen läuft. Es gibt immer noch Leute, die keine eigene Wohnung haben und zum Beispiel bei Freunden unterkommen. Aber das Phänomen der Straßenobdachlosigkeit gibt es in Finnland nicht mehr.
ZEIT ONLINE: Woran liegt das?
Kaakinen: Wir haben das Prinzip umgedreht: Normalerweise müssen Obdachlose erst ihr Leben auf die Reihe kriegen, um wieder eine eigene Wohnung zu bekommen. Wir machen das andersherum. Wir geben ihnen eine dauerhafte Wohnung, damit sie ihr übriges Leben wieder in den Griff kriegen können. Seit 2008 gibt es das Housing-First-Programm in den zehn größten Städten in Finnland. Wir sprechen Obdachlose auf der Straße an, in den Heimen, bei Treffen mit Sozialarbeitern. [...]
ZEIT ONLINE: Das klingt nach vielen Ausgaben. Wie teuer ist das Wohnprojekt denn im Vergleich zu früheren Ausgaben?
Kaakinen: Insgesamt hat es bist jetzt etwa 270 Millionen Euro gekostet – inklusive der Häuser, Renovierungen und der Löhne für die Sozialarbeiter. Im Vergleich kommt es den Staat nun billiger als früher, wir sparen etwa 15.000 Euro pro früheren Obdachlosen im Jahr. Das liegt daran, dass es viel weniger Notfälle gibt, die versorgt und zu einem Arzt gebracht werden müssen, zum Beispiel bei Alkoholmissbrauch. Auch die Zahl der Polizeieinsätze und die Kosten im Justizsystem, die Obdachlose verursacht haben, sind gesunken. (Zeit)
Wer hätte ernsthaft damit gerechnet, dass Obdachlosen Wohnungen zu geben die Obdachlosigkeit reduzieren könnte? Wohl nur linksgrün versiffte Gutmenschen. Manchmal ist es tatsächlich so einfach, und die blanke Ideologie der ach-so-pragmatischen Bürgerlichen ist alles, was die sinnvollsten Lösungen von ihrer Implementierung abhält. Ein anderes gutes Beispiel dafür sind ja die kontrollierten Abgaben von Heroin an Süchtige, um diesen den "kalten Entzug" zu ersparen. Ein entsprechendes Pilotprojekt im (damals noch schwarz-gelben) Hessen war eindeutig erfolgreich und wurde aus rein ideologischen Gründen beendet. Lieber hat man mehr zerstörte Existenzen und höhere Kosten, als dass man von der eigenen ideologischen Linie abrückt. Auch hier ist das ziemlich offensichtlich der Fall. Und das, obwohl bei dieser Art der Lösung das sonst so hochgehaltene Ideal der Freiheit und Eigenverantwortung am besten umgesetzt wird...

3) The idea of deep continuity in British history is absurd. We've always been in flux
Brexiters claim a deep continuity in British history betrayed by EU membership. Pro-EU people claim that the UK has never got over imperial delusions of grandeur. The reality is that both grotesquely over-egg continuity. [...] British history is one of radical discontinuity, and not quite what it is supposed to be. In 1900, the UK was a cosmopolitan place. It was full of immigrants, from Europe. Food came in from all over the world, free of tariffs too, much from Europe. British coal was vital to both Baltic and Mediterranean nations. [...] That historical reality was profoundly changed by British national policy, which transformed the nation after 1945. In many, many ways, continental Europe and the UK converged, on a continental model of national self-sufficiency. [...] After 40 years in the EEC/EU, the economy has changed radically again. London is where world capitalism does business, no longer one where British capitalism did the world’s business, as before 1914. Foreign capitalists own the infrastructures and factories of the UK, rather than the other way around. [...] What Brexiters say about the British present deserves more attention. Where once there was a ludicrous declinism seriously underestimating British power, now a daft revivalism seems to be at the core of buccaneering Brexiter thinking. [...] But as reality bites, cloth will be cut to size, delusions dispatched, and the huffing and puffing will end. Brexit cannot in reality really happen. The explaining of realities will have to begin – that our productivity is low and stagnant, our health outcomes not the best, our people not the best educated or most enterprising, our entrepreneurs hardly the most important of the age. Any real politics of improvement will recognise we are not in the Premier League but in the lower divisions, and that football long ceased to be a game foreigners did not play. (David Edgerton, The Guardian)
Edgerton hat selbstverständlich Recht wenn er betont, dass die Geschichte ständig im Wandel ist. Man sollte das aber nicht so verstehen, dass es keine Kontinuitäten gibt. Deren Leugnen ist ja eher ein Problem, das wir in Deutschland haben, wo es die Tendenz gibt, völlige Brüche und "Nullstunden" für 1945 und 1990 zu konstruieren, um elegant gewisse Altlasten loszuwerden. Was Edgerton hier kritisiert ist ja eher eine Art Stasis, eine Vorstellung, dass die Geschichte sich vor der gleichen Folie wie vor 100 Jahren lesen lässt. Man hat diese Tendenz bei den Briten ja 2017 auch beobachten können, als der Release des Nolan-Hits "Dunkirk" permanent vor der Folie des Brexit interpretiert würde, als ob man die Schlacht um England von 1940 direkt mit den heutigen Ereignissen vergleichen könnte. Derselbe Unfug wird ja gerne mit dem Ersten Weltkrieg verbrochen. Die Neigung der Briten, immer noch in Begriffen und Mentalitäten des Empire zu denken, das nun seit 1947 wirklich erledigt ist.

 4) Obama? Trump? No, thank these three for the bountiful economy
In economic terms, Americans have a lot to be thankful for this year. Unemployment is at record lows, more people are actually working (as opposed to dropping out of the workforce), and wage growth is improving for workers on the low end of the scale. Other countries, when recovering after a big financial crisis, have suffered though a “lost decade” of slow or negative growth. The U.S. appears to have lost only half a decade. [...] Some of this recovery, of course, is due to natural economic forces. Like a violin string that gets plucked by a finger, economies that suffer deeper downturns have more room to bounce back. The Great Recession probably caused the delay of many capital equipment purchases and other investments. Now that more favorable conditions prevail, firms are making up lost ground. But policymakers can speed up the return of favorable conditions. So who, if anyone, should get credit for the relatively good times? Whom does America have to thank? [...] To his credit, Obama refrained from making the economy even worse. By the same token, the credit he gets for the good economic performance since 2014 should also be modest. The real hero of the story is probably the Federal Reserve. When the crisis hit, Chairman Ben Bernanke didn’t hesitate. Motivated by his own research on the financial roots of recessions, he abandoned the Fed’s traditional cautious approach. He dropped interest rates to just about zero immediately. He helped save the banking system, using unconventional monetary policy to take huge amounts of toxic mortgage-backed assets off of banks’ balance sheets — assets that eventually turned a profit for the taxpayer. But unlike fiscal policy, monetary policy didn’t let up. Despite frantic calls to raise rates to avoid creating inflation or financial instability — neither of which materialized — the Fed stayed the course, keeping rates at zero until late 2015 when it became clear a real recovery was underway. It also engaged in repeated rounds of quantitative easing, again in defiance of the skeptics; some of this probably did have the effect of boosting lending and the real economy. (Noah Smith, Bloomberg)
Die Bedeutung der Fed in der Abwehr der Finanzkrise 2007/2008 kann kaum überschätzt werden. Adam Tooze in seinem bemerkenswerten Buch "Crashed" (deutsche Version) weist ebenfalls darauf hin. Smith unterschätzt den Beitrag der Fed allerdings selbst, wenn er ihre positive Rolle nur im entschiedenen Senken der Leitzinsen und der entsprechenden Stimulierung der amerikanischen Wirtschaft sieht. Fast noch wichtiger war ihre internationale Rolle, wie Tooze in seinem Buch und auch im Vortrag herausarbeitet: Da der Dollar 2007 wie auch heute noch die internationale Leit- und Reservewährung ist, und die Vertrauenskrise ins Bankensystem auch die europäischen Banken erfasste, standen diese vor einem kompletten Zusammenbruch ihrer gegenseitigen Zahlungsfähigkeit (die permanenten kurzfristigen Kredite, mit denen sich Banken untereinander finanzieren, laufen ja auch in Dollar). Es war die Fed, die in dieser Situation sehr zum Zorn der amerikanischen Rechten nicht nur US-Banken, sondern auch ihren europäischen Pendants unbeschränkten Zugang zu Dollars gab und damit in den entscheidenden Tagen, als die EZB und die europäischen Regierungschefs und CEOs die Finanzkrise noch leugneten, das weltweite Wirtschaftssystem retteten. Es ist überhaupt faszinierend, in was für einem Zustand der Realitätsverweigerung sich die Deutschen, ob in Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft, 2007 bis 2009 befanden. Ob Peer Steinbrück sich hinstellte und verkündete, es handle sich um ein rein amerikanisches Problem, das so gar nichts mit Europa zu tun habe, ob Michael Glos seinerzeit Ratschläge gab, wie das bayrische Beispiel zeige wie man nachhaltige Wirtschaftspolitik betreibe oder Josef Ackermann erklärte, er würde sich schämen Staatsgelder anzunehmen - es ist atemberaubend, wie engstirnig und schlichtweg inkompetent die damaligen Entscheidungsträger auf die Krise reagierten. Es ist einfach vorstellbar, dass ähnliche Inkompetenz und Engstirnigkeit auch in den USA regiert hätten ("America First", und so). Dann wäre die Weltwirtschaft 2008 massiv eingebrochen, und statt einer schmerzhaften Mini-Rezession hätten wir Zustände wie in den frühen 1930er Jahren überall gehabt. Dafür sollte man den Fed-Vorständen mehr als dankbar sein. Hätten wir seinerzeit eine Regierung und eine Zentralbank mit Sinn für's Ganze gehabt - undvorstellbar, wie viel besser die Lage heute in ganz Europa aussehen könnte. Aber das gilt ja auch für die USA, wo die Republicans absichtlich die Wirtschaft sabotierten, um die Midterms 2010 zu gewinnen.

5) Der dickste Brocken Dunkelziffer steht im Koran
Man fragt sich, wie oft es vorkommt, dass eine Frau einen Mann oder Exmann umbringt. Frauen töten ihre Männer in der Regel nicht. Aber Männer töten Frauen. 147 Mal im vergangenen Jahr. Immerhin erwähnte Giffey die Dunkelziffer. Als ehemalige Bezirksbürgermeisterin von Neukölln wird sie wissen, was sie an dieser Stelle beschweigt. Es ist nicht nötig, für sie die Sure 4:34 zu zitieren, sie dürfte diese Koran-Passage kennen, denn sie findet in Berlin Neukölln regelmäßig Anwendung. „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat. ... Und wenn ihr fürchtet, dass Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie.“ Da ist er, der dickste Brocken der Dunkelziffer. Niemand kann wissen, wie viele der muslimischen Frauen es nicht wagen, ihre Männer anzuzeigen, nachdem sie geschlagen wurden. Was nach dem Strafgesetzbuch in Deutschland eine Straftat ist, ist es im Gesetzbuch der Muslime, dem Koran, nun mal nicht, im Gegenteil. [...] Die ungehorsame Frau zu schlagen, das ist im Islam ein Gebot Gottes, adressiert an das überlegene Geschlecht. Diejenige, die geschlagen wurde, hat es verdient. Sie ist nicht Opfer, sondern Täterin. Nicht er verdient Strafe, sondern sie. Wo nichts Unrechtes passiert, gibt es auch nichts anzuzeigen. (Kathrin Spoerr, Welt)
Ich finde diesen Artikel in der Welt beachtlich. Nicht, weil irgendetwas darin sonderlich falsch wäre; häusliche Gewalt ist in den zutiefst konservativ geprägten Wertebildern von Muslimen - wie überall, wo konservative Wertebilder vorherrschen - mit Sicherheit ein großes Problem, und gerade in diesen Kreisen trauen Frauen sich oft nicht, Anzeige zu erstatten oder andere Maßnahmen zu ergreifen, weswegen die Dunkelziffer entsprechend hoch ist - auch hier analog etwa zu den Evangelikalen des Mitteleren Westens in den USA oder den (glücklicherweise kleinen) Sprengseln solcher radikaler Christen hierzulande. Viel spannender ist aber, dass exakt die Argumentation, die Frau Spoerr hier im Zusammenhang mit muslimischen Einwandern bringt, die Argumentation von #MeToo ist. Nur dass ihre Zeitung - wie viele andere - sie da mit Verve von sich gewiesen hat. Kein Aufruf dazu, vielleicht doch den Männern zu glauben, wenn diese Gewalt leugnen; keine Sorge darum, wie der Ruf dieser Menschen leidet (im vorliegenden Fall mit dem großen Pinsel gezeichnet als Blanko-Verdacht gegen eine ganze ethnische und religiöse Einwanderergruppe); keine Sorge, dass die Frauen sich vielleicht mit den Anklagen nur wichtig machen wollen. Stattdessen Forderungen nach Maßnahmen. Warum geht das nicht bei #MeToo auch?

6) Bundesbildungsministerin: Einführung der Ehe für alle war "so nicht richtig"
Karliczek hatte damals, noch als einfache Abgeordnete, gegen die Ehe für alle gestimmt und das damit begründet, dass es "keine Langzeitstudien zu den Auswirkungen auf Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften" gebe und Kinder das "emotionale Spannungsfeld zwischen Vater und Mutter" bräuchten. Im Zuge ihrer Nominierung zur Bildungsministerin hatte Ina Spanier-Oppermann, SPD-Landtagsabgeordnete in NRW, die Äußerung kritisiert und Karliczek auf "mehr als 75 eindeutige und anderslautende Studien zu dem Thema Regenbogenfamilien" verwiesen. [...] Es gehe nicht um glücklich oder gut erzogen, so Karliczek – sie sei "zutiefst überzeugt", dass dies auf viele Familien, wo Kinder gewünscht sind, zutreffe. Sondern es gehe um etwas "grundsätzlich anderes": "Solange Kinder diskriminiert werden in Schulen oder in irgendeiner Weise gemobbt werden, solange haben wir ein Problem." Nach einer Nachfrage, ob Äußerungen wie ihre nicht eher zur Diskriminierung beitragen, wich sie zunächst allgemein aus mit dem Hinweis, dass sie glaube, dass Männer und Frauen einen unterschiedlichen Einfluss auf Kinder hätten und dass dies eine "spannende Forschungsfrage" sei. Im Rahmen mehrerer Nachfragen fokussierte sich das Thema auf ihre konkrete Äußerung zum Adoptionsrecht homosexueller Paare. "Wir verändern grundsätzliche Strukturen in unserer Gesellschaft mal eben so im Federstrich, und das ärgert mich und das stört mich auch", meinte sie. Wenn man "grundsätzlich Strukturen verändert", müsse man Fragen wie die nach dem Spannungsfeld zwischen Vater und Mutter "grundsätzlich klären" – "Wir verschieben eine ganze Gesellschaft und reden gar nicht richtig drüber!", so Karliczek im Tonfall der Verzweiflung. Das sei kein "Generalverdacht" gegenüber homosexuelle Paaren, wie vom Moderator beklagt, sondern eine "offene Frage" und eine "Wahrnehmungsfrage", die sie habe und "gerne mal unter Forschungsgesichtspunkten erörtert hätte, und zwar in einer Langfrist-Studie". Deshalb könne man "nicht mal eben diese Entscheidung treffen". (nb, queer.de)
Karliczek ist schon witzig. Da orakelt sie darüber, dass man ja nur mal fragen dürfe, ob Kinder, die bei homosexuellen Eltern aufwachsen vielleicht doch ganz heftig geschädigt werden und erklärt dann mit großem Augenaufschlag, dass es ja schon schlimm sei, wenn solche Kinder auf der Schule gemobbt werden. Ich frage mich woher es kommt, dass solche Kinder einen Außenseiterstatus in der Schule haben, wenn die Bildungsministerin höchstselbst die Frage stellt, ob sie komische Außenseiter sind. Die Homophobie Karliczeks ist leider nur typisch. Anders als ihre Gesinnungsgenossen in den osteuropäischen Theokratien ist sie vorsichtig, stellt nur "offene Fragen" und solche nach "Wahrnehmung", aber hinter all dem Wortgebimmel verbirgt sich schlicht nur Homophobie. Auch die Aussage, man könne die Gesellschaft "nicht mit einem Federstrich" verändern, um ihre Ablehnung der Homo-Ehe zu rechtfertigen, ist kompletter Humbug. Die Gesellschaft wurde ja auch nicht mit einem Federstrich verändert. Die Gesellschaft ist schon seit Jahren mehrheitlich für die Homo-Ehe, und ihre Repräsentanten im Bundestag haben in einer offenen Abstimmung diese Realität der Federstrich anerkannt, aber sicherlich nicht gemacht. Die Aussage ist nur Taktik: Die Homo-Ehe ist ein rechtliches Konstrukt. Die kann überhaupt nicht anders als per Federstrich Realität werden. Was Frau Karliczek hier erreichen will ist, per Federstrich die gesellschaftliche Realität zu ändern - nur eben in die von ihr bevorzugte Richtung. Und die ist eben homophob und reaktionär. Sind wir mal froh, dass sie kaum Einfluss auf die Schulen hat. Da tut der Bildungsföderalismus ausnahmsweise mal was Gutes...

7) Populistisches Rosinenpicken
Nun geht die Ablehnung viral, haben auch Israel und Polen mitgeteilt, dass sie den UN-Migrationspakt nicht unterzeichnen wollen. Und es werden wahrscheinlich nicht die letzten Staaten gewesen sein. Ob bei der Ablehnung wirklich nachvollziehbare, lautere Gründe das Motiv bilden, darf bezweifelt werden – man will wohl vor allem seinem nationalistischen Ruf gerecht werden und keine Schwäche zeigen. Denn eine internationale Übereinkunft – mag sie auch noch so unverbindlich sein – gilt unter den nationalstaatlichen Einzelgängern im Moment als schlechter Deal. Wo früher rational war, ist heute national. Dabei ist der UN-Migrationspakt natürlich nicht fehlerlos, ist sein teilweise angestimmtes Hohelied der Migration fragwürdig, weil sie für die Betroffenen doch Verlust und meist Entbehrungen mit sich bringt und für Zielländer auch Probleme; aber er ist doch ein guter Kompromiss, weil er auch Staaten wie die vom Golf und Afrikas zum Beispiel in die Verantwortung nimmt. Der Pakt ist im Großen und Ganzen einfach eine Anerkennung von Realitäten und der Versuch, eine Verbesserung der Situation von Individuen und Staaten hinzubekommen. Es wäre ein erster guter Schritt, wenn, ja, wenn da eben nicht die Semantik wäre… [...] Auf dem Feld heiß umstrittener politischer Themen geht es ja schon länger nur noch um die Zeichen, die man setzt, um das richtige „Framing“, nicht die Fakten und Argumente. Da werden von links alle Migranten, Asylsuchenden und Flüchtlinge einfach einheitlich zu „Flüchtenden“ umdefiniert und die Aufnahme aller, ja, einfach aller als von den Menschenrechten diktiert; und von rechts hat man den Herbst 2015 immer als „Grenzöffnung“ und „Rechtsbruch“ deklariert, wider besseres Wissen. Der populistische Zweck heiligt auf allen Seiten die semantischen Mittel. Und so wird es bei diesem UN-Migrationspakt, nachdem die Regierung die Aufklärung mittels politischer Bildung verschlafen und sich der Bundestag mangels völkerrechtlicher Verbindlichkeit des Pakts als nicht zuständig verstanden hat, wie in den vergangenen Jahren zu einem intensiven populistischen Rosinenpicken kommen – und es wird gleich nach dem 11. Dezember beginnen. (Bernd Rheinberg, Salonkolumnisten)
Die CDU hat scheinabr nichts aus Bayern gelernt. Die Kritik am UN-Migrationspakt ist ein typisches Beispiel für identity politics, ein völlig unbedeutendes Thema, das die rechten Populisten nutzen, um von einer Weltverschwörung zu orakeln, die Flüchtlingsströme zur Durchsetzung ihrer fiesen Machenschaften orchestriert. Die Kritik an diesem Pakt, die von solch illustren Bettgenossen wie Orban, Trump, Bolsanora und anderen geteilt wird, hat ja nichts mit den konkreten Maßnahmen zu tun, von denen das Ding herzlich wenig bietet - es sind ja doch nur unverbindliche Absichtserklärungen. Stattdessen geht es um das öffentlichkeitswirksame Positionieren am rechten Rand; die CDU hoffte wohl, eine billige Möglichkeit zu bekommen, rechte Glaubwürdigkeitspunkte zu sammeln, ohne irgendetwas Substanzielles dafür tun zu müssen. Seehofer und Söder sollten eigentlich Beweis genug gewesen sein, dass das nicht funktioniert. Das Framing der Rechten zu übernehmen ist das Spiel des Verlierers. Das erlebt die SPD gerade bei ihrem undurchdachten und ebenso unglücklichen Versuch, die Abschaffung von Hartz-IV zu fordern, ja genauso. Punkte des Gegners werden übernommen, um sie zu neutralisieren - nicht, um sich zu profilieren. Die CDU führte den Mindestlohn nicht ein, um ihr soziales Profil zu schärfen, sondern das der SPD zu verwaschen. Merkel hat das verstanden. Ihre Gegner eher weniger.

8) Rechtsausleger
Spahn hat dafür auch innerparteilich eine Menge Haue einstecken müssen, wie so oft in den vergangenen Jahren - allerdings gehörte das bislang auch zu seinem politischen Geschäftsmodell: Die Chefin kritisieren = auffallen = interessant sein. Nur so hat er es am Ende geschafft, ein potenzieller Nachfolger zu werden. Weil er die Projektionsfläche für alle Merkel-Kritiker in der CDU war. Dann allerdings tauchte der Wirtschaftsanwalt und Multi-Aufsichtsrat Merz aus der politischen Versenkung auf, der einst Merkels Antipode gewesen war - und plötzlich war Spahn nur noch 1b für die der Vorsitzenden Überdrüssigen: Keiner von denen, die Spahn jahrelang gestützt haben, hat sich bislang für ihn ausgesprochen. Jetzt ist ja Merz da. Umfragen in der Bevölkerung sehen ihn und Kramp-Karrenbauer deutlich vorn, auch in der Partei rechnen viele damit, dass die beiden die Sache unter sich ausmachen. [...] Merz reiste mit dickem Schal an, er hat sich eine kleine Erkältung eingefangen, jetzt ist davon allerdings nichts mehr zu spüren: Man müsse ja wissen, dass Deutschland weltweit das einzige Land sei, das ein Grundrecht auf Asyl habe, sagt Merz. Deshalb sei er seit Langem der Meinung, dass offen darüber geredet werden müsse, ob dieses Asylgrundrecht "in dieser Form fortbestehen" könne, wenn eine europäische Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik ernsthaft gewollt werde. Die Rechtsauslegung des Juristen Merz bedeutet mit anderen Worten: Er stellt das Grundrecht auf Asyl zu Debatte. Nun kann man der Meinung sein, dass vom ursprünglichen Artikel 16 seit der umkämpften Reform 1992 ohnehin nur noch Teile übrig sind - aber die waren in der demokratischen Mitte bislang so wenig umstritten, dass sie nicht einmal Jens Spahn zur Disposition stellte. [...] Kramp-Karrenbauer zieht in Seebach ihre Furche weiter. Ihr Angebot heißt: große exekutive Erfahrung als langjährige Regierungschefin im Saarland und zuvor Ministerin in verschiedenen Ressorts, politisches Detailwissen - und ein Herz für die CDU. Sie ist deutlich emotionaler als bislang, auch schärfer mitunter im Ton und manchen Forderungen. Aber im Wettbewerb der Rechtsausleger will Kramp-Karrenbauer nicht mitspielen. Bislang schien das erfolgsversprechend zu sein. (SpiegelOnline)
Ich muss zugeben, ich habe fast ein wenig Mitleid mit Jens Spahn. Der Mann hat mehrere Jahre lang konsistent daran gearbeitet, sein Profil als Kritiker Merkels von rechts zu schärfen und sich als Gesicht des Rechtsrucks aufzubauen. Das muss ziemlich anstrengend gewesen sein, weil er damit beständig seinen Kollegen Ärger machte. Unter den aktuellen Führungskräften und Funktionären in der Partei wird er sicher die eine oder andere Brücke verbrannt haben. Und dann, wenn das Ziel endlich erreicht und in Griffweite ist, kommt von der Seitenlinie der seit 14 Jahren abgeschriebene Merz daher und sammelt eben alle Früchte von Spahns Arbeit ein, weil die ganze Medienlandschaft und ein guter Teil der Basis aus den Mann anspringen, statt Jens Spahn zu folgen. Die Krokodilstränen, die manche jetzt wegen der Kritik an Merz' Wohlstand weinen, sind daher auch verfehlt. Der gleiche Glamour und Verbindungsknoten, der Merz jetzt als Mühlstein um den Hals hängt, hat ihn überhaupt erst so weit gebracht. Für Spahn dürfte das nur ein schwacher Trost sein. Er ist jetzt der nützliche Idiot, der AKK's Sieg garantiert, weil er die Anti-Merkel-Stimmen aufspaltet. Vielleicht trifft er sich mal mit Lafontaine auf ein Gläschen Wein an der Saarschleife, der kann ihm sicher erzählen, wie sich die Situation so anfühlt, wenn man von einem als intellektuell durchweg unterlegenen Zentristen ausmanövriert wird. Ob AKK der Vergleich mit Schröder wohl schmeichelt? Keine Ahnung. Von Spahns persönlichem Schicksal abgesehen können sich andere Parteien ein Beispiel an dem aktuellen Kampf um die Führung bei der CDU nehmen: Effektiv exerziert die Partei den eigenen moderaten Rechtsruck geschickt durch. Hätte die SPD bei ihrem Versuch des Linksrutschs seit 2013 auch nur einen Bruchteil des taktischen Geschicks der CDU besessen, sie stünde deutlich besser da. Spahn und Merz sind die Folie, vor der AKK sich einerseits als pragmatisch-vernünftiges Korrektiv profilieren kann und andererseits behutsam an manchen Stellen vom Merkel-Erbe abrücken. Spahn und Merz erweitern den Diskursrahmen, und AKK setzt ihn neu. Allein diese Position als ultimativer Arbiter macht sie zum Favoriten, selbst wenn Spahn und Merz sich nicht gegenseitig Stimmen wegnehmen würden und Merz gegenüber AKK der deutlich unterlegene Politiker wäre. Gleichzeitig bleibt die CDU mit einem gesitttet-demokratischen Führungsstreit um echte Positionen in den Schlagzeilen. Faszinierend. Man muss die Partei bewundern. Und da erzähle mir mal einer, Merkel hätte die Demokratie abgetötet. In der CDU ist mehr innerparteiliche Demokratie als bei FDP, SPD und LINKEn zusammen. Allenfalls die Grünen können da gleichziehen. Was für eine Ironie.

9) Bundestag wählt Stephan Harbarth zum obersten Verfassungsrichter
Der Bundestag hat Unionsfraktionsvize Stephan Harbarth (CDU) ans Bundesverfassungsgericht gewählt. Der 46-jährige Rechtsanwalt erhielt bei seiner Wahl die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit. Auf Harbarth entfielen 452 Stimmen, 166 Abgeordnete votierten gegen ihn. Es gab 34 Enthaltungen. [...] Harbarths Wahl in das höchste deutsche Gericht ist nicht unumstritten. Der Deutsche Juristinnenbund bemängelte, dass keine Frau für den Posten ausgewählt wurde. Die Linke stört sich daran, dass ein Berufspolitiker aus dem Bundestag zum obersten Gericht wechselt. Ihr Abgeordneter Niema Movassat sagte im Deutschlandfunk, als Verfassungsrichter werde Harbarth über Gesetze entscheiden, die er selbst mitbeschlossen habe. Solche Interessenskonflikte sollten vermieden werden. (SpiegelOnline)
Ich bringe diese Meldung hauptsächlich, weil der Kontrast zu den USA so faszinierend ist. Ich bin nur sehr zufällig über diese kleine Spiegel-Meldung gestolpert. In Deutschland war die Wahl eines neuen obersten Verfassungsrichters ein totales Non-Event. Natürlich liegt das, wie mir auf Twitter hilfreich beigesteuert wurde, auch zu großen Teilen an den massiv unterschiedlichen Rechtssystemen in USA und Deutschland; bei uns ist die gesetzgebende Kraft der Verfassungsrichter wesentlich beschränkter. Aber das ist sicherlich nicht die ganze Wahrheit; trotz aller Unterschiede hält bei uns die Mitte, und die Tatsache, dass CDU und SPD - die diese Ernennungen effektiv immer noch maßgeblich steuern - zu moderaten Kompromissen neigen und eben nicht ideologische Kandidaten einsetzen sorgt dafür, dass das BVerfG, anders als SCOTUS, kein sonderlich parteiisches Instrument ist - und entsprechend hohe Zustimmungs- und Vertrauenswerte genießt. Auch hierzulande haben wir immer wieder die Diskussion um das BVerfG als "Ersatzgesetzgeber", aber von amerikanischen Zuständen sind wir glücklicherweise weit entfernt.

10) When will conservatives admit that racism exists?
It’s pretty clear from the start that Voegeli has no intention of, say, providing us with an idea of what he thinks racism is and how it should be fought. His job is merely to provide intellectual cover for Donald Trump’s jeremiads against political correctness and leave it at that. You could easily read his whole essay and come away with the notion that racism in America barely even exists anymore, while the real threat comes from all the lefties who oppose racism and occasionally go a little too far for his comfort. This belief is now so standard on the right that it barely even needs to be defended with anything like a coherent argument: just toss out a few examples here and there and everyone will understand exactly what you’re saying. So why bother with more? It’s too bad, because the truth is that some of the more extreme precincts of the left could use a serious challenge on this score in order to sharpen their thinking. Essays like Voegeli’s, by contrast, are totally ignorable. I mean, does he seriously think that power has nothing to do with racism in practical terms? That hardly seems possible. So why not mount an argument that takes racism seriously and then reflects on how power intersects with racial fears and attitudes in America? [...] There is an essay worth spinning out here, but only if it starts with a mutual understanding that white racism is still endemic in America; still mostly hurts people of color; is mostly pretty quotidian; and continues to demand action from those of us with the power to do something about it. Start there, and a look at the changing nature of America’s power structure might be useful and provocative. Start anywhere else, as conservatives almost all do these days, and you’re just making excuses for Donald Trump and his pals. (Kevin Drum, Mother Jones)
Ich finde besonders den Aspekt spannend, den Drum gegen Ende seines Artikels aufbringt. Es wäre im Diskurssystem durchaus genug Platz für eine konservative Kritik an den Rassismus-Konzeptionen, die auf der linken Seite des Spektrums in Umlauf sind, aber dieser Platz wird nicht genutzt. Stattdessen leugnet man die Existenz komplett. Das ist von den Rechten strategisch nicht sonderlich clever. In dem Maße, in dem die Gesellschaft den Rassismus zunehmend als Problem anerkennt und verurteilt - und trotz aller orangenen Präsidenten im Weißen Haus ghet der gesellschaftliche Trend klar in diese Richtung - wird eine Antwort auf das Problem benötigt werden. Wenn die Rechten keine solche Antwort formulieren, dann bleiben stets nur zwei Alternativen: Verleugnung oder Übernahme der linken Ideen. Letzteres ist natürlich immer Anathema, weswegen häufig genug nur die Verleugnung bleibt. Das ist bedauerlich, denn wie ein vor einigen Wochen von mir verlinkter Artikel von Andrew Sullivan bereits festgestellt hat ist ein gesunder Konservatismus ein gutes Korrektiv. So wird ja etwa in Deutschland von liberal-konservativer Seite immer wieder beklagt, wie unsinnig die eine oder andere Maßnahme der Energiewende ist, sicherlich nicht zu Unrecht. Nur, die Weigerung, selbst ein konkurrierendes Konzept aufzustellen, führt dann eben zu diesem Ergebnis: unter konservativen Regierungen passiert nichts, und die progressiven Regierungen setzen dann ihre Ideen um - die natürlich auch nicht alle das Gelbe vom Ei sind. Auf Feldern, auf denen beide Seiten das Problem anerkennen und nur um die richtige Lösung streiten, wie das in einer Demokratie ja bestenfalls immer der Fall ist, können deutlich nachhaltigere Lösungen gefunden werden, weil üblicherweise das spätere Verbessern von Problemen kein Thema ist: da geht es dann nur um handwerkliche Umsetzung.

11) A determined man: World War I, Hitler and the march into World War II
Historians and political scientists have often noted this shift toward war aversion in Europe. Arnold Toynbee points out that World War I marked the end of a “span of five thousand years during which war had been one of mankind’s master institutions.” And Evan Luard observes that “the First World War transformed traditional attitudes toward war. For the first time there was an almost universal sense that the deliberate launching of a war could now no longer be justified.” It appears that only one man really disagreed with this development, but he proved to be crucial. As military historian John Keegan puts it, “only one European really wanted war: Adolf Hitler.” Another historian concludes: “Hitler willed, desired, lusted after war…In every country the military advisers anticipated defeat, and the economic advisers expected ruin and bankruptcy.” As political scientist Robert Jervis summarizes, few scholars believe that World War II would have occurred in Europe “had Adolf Hitler not been bent on expansion and conquest.” As this suggests, in order to bring about another continental war it was necessary for Germany to desire to expand into areas that would inspire military resistance from other major countries and to be willing and able to pursue war when these desires were opposed. Only Hitler possessed that desire and war-willingness. [...] As Weinberg concludes, Hitler was “the one man able, willing, and even eager to lead Germany and drag the world into war.” And Hitler was well aware of this. As he told his generals in 1939, “essentially all depends on me, on my existence, because of my political talents.” Clearly, if, against all odds, Europe’s greatest cataclysm came about only because one spectacularly skilled, lucky, and determined man willed it into existence, this has substantial implications. It suggests, for example, that World War II in Europe was not an inevitable continuation of the first — that it was not somehow in the cards. It also suggests that appeasement may unwisely have been given a bad name. In the 1930s, the British and French were becoming aware that the terms of settlement to World War I had foolishly been too harsh on the Germans and were working to mellow them. That policy might well have worked with any German leader except Hitler. And World War II did not naturally grow out of the instability of the 1920s or the depression of the 1930s. Hitler may have been aided by the turmoil, but his existence was necessary (but not, of course, sufficient) for the war to take place. If he, rather than the man next to him, had been gunned down in the Beer Hall Putsch, it certainly seems that World War II in Europe would not have taken place. (John Mueller, War on the Rocks)
Ich habe auf dem Geschichtsblog auch schon einmal über diese Thematik gesprochen: an und für sich war der Zweite Weltkrieg ein durch und durch unwahrscheinliches Ereignis. Ohne Hitler passiert er nicht; es ist einer dieser Fälle, in denen die "Great Man Theory of History" voll zu ihrem Recht kommt. Mit Ausnahme Hitlers war sich praktisch die gesamte Welt einig, dass einen großen Krieg zu führen so ziemlich das Nutzloseste ist, was man machen kann. Die Reaktionen der Öffentlichkeit in allen europäischen Staaten auf die Ereignisse der Jahre 1937 bis 1939 spricht ja auch eine deutliche Sprache: Die Deutschen, die auf Militärparaden mit eisiger Ablehnung reagieren; die Briten, die sich an die Hoffnung des Appeasement klammern; die Franzosen, deren Moral absolut auf dem Tiefstand ist. Das macht übrigens den Gedanken aus dem Artikel oben auch relevant. Appeasement war keine grundsätzlich dumme Politik. Wäre Hitler nicht ein so vollkommen irrationaler Akteur gewesen, so hätte diese Politik (auf Kosten der Tschechoslowakei) den Krieg ziemlich sicher verhindert. Geschicktere Politiker als er hätten vielleicht keine so auffälligen Erfolge wie die Annexion des Sudetenlands bekommen, dafür aber ziemlich sicher eine ähnlich weitreichende und vor allem nachhaltigere Revision des Versailler Vertrags. Aber das alles ist dank dieser Person nie Realität geworden.