Sonntag, 21. Oktober 2018

Noten für den lügenden Senat, das Internet schämt sich und Elternzeit ändert mediale Berichterstattung - Vermischtes 21.10.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.


1) The Senate is drifting away from Democrats indefinitely
But the next cycle is the one where the harsh reality of the Senate’s structural bias towards smaller, less dense states truly begins to sink in for Democrats. All those seats that Democrats lost in 2014? Good luck taking them back. As the Washington Examiner’s Philip Klein observed earlier this week, the Democrats’ numerical advantage in opportunities—Republicans will be defending 22 seats, Democrats just 12—masks the number of actual opportunities the party will have. [...] So why is the map so limited? The vague notion that 2020 should present so many more pickup opportunities for Democrats stems from the seesaw feeling we’ve become inured to over the last few Senate cycles. What this misses, and what should be so frightening for Democrats looking at their Senate prospects down the road, is how many of those 2014 Republican pickups Democrats have no chance of taking back. [...] Rather than a pendulum shift in Democrats’ favor, the 2020 Senate election is shaping up to be the moment when the organic Republican majority within the Senate falls into place. Trump won 46 percent of the popular vote in 2016 but 60 percent of states, and states like Idaho and Wyoming get just as many senators as California. Unless a whole bunch of red states suddenly turn blue, Democrats will be stuck where they are: in the minority. Some Democrats are hopeful that the sharp red shift in predominantly smaller, whiter, more rural states will be counterbalanced as diversifying states like North Carolina, Georgia, Arizona, and Texas turn blue. But those smaller, whiter, more rural states have already completed their shift to the right; the others have a long—in some cases, really long—way to go before they can be considered “blue” in the way that we consider, say, Arkansas “red.” The Democratic frustration of living under minority rule isn’t exactly subdued right now. But it’s about to become one of the biggest political stories of the next decade. (Slate)
Auf der einen Seite ist der Ärger über dieses Problem mehr als verständlich. Der Senat, das hat die Affäre Kavanaugh gezeigt, ist ein extrem wichtiges Organ. Dass die Republicans aller Wahrscheinlichkeit nach die Kontrolle behalten werden wird ihnen mindestens zwei weitere Jahre geben, in denen sie beliebig Extremisten und Straftäter in höchste Ämter hieven können.
Auf der anderen Seite gilt es zu bedenken, dass diese Struktur in der Verfassung nun mal angelegt ist, da hilft alles Jammern nichts. In den USA hat das Land Wählerstimmen, nicht der Bewohner des Landes. Selbst wenn man Kalifornien in 15 neue Staaten aufspalten würde, repräsentierten die Senatoren dieser neuen Staaten immer noch mehr Einwohner als die von Wyoming. Diese Absurdität erlaubt es Reaktionären, gleich unter welcher Parteiflagge, bereits seit zweihundert Jahren den Fortschritt zu blockieren. Das lässt sich auch nicht ändern, wenn man nicht die Verfassungs komplett durch eine andere ersetzen will, nicht einmal ein amendment würde hier helfen. Die Debatte ist also müßig. Ich wären allerdings immer vorsichtig bei diesen "für immer"-Festschreibungen. Das Wählerverhalten und die Wählerloyalitäten können sich auch wieder ändern, und wenn sie das tun, wird sich die andere Seite über diese Ungerechtigkeiten beklagen. Das Interesse für Verfassungsrecht und die "wahren" Intentionen der jeweiligen Verfassungsväter ist ja immer bei denen besonders groß, die mit dem Status Quo nicht einverstanden sind. So debattieren gerade die Democrats die Federalist Papers, und in Deutschland schwafelt die AfD von Hochverrat und was das Grundgesetz eigentlich so alles verbiete.

#MeToo hat das geändert. Nicht, weil die Männer plötzlich anders sind, sondern weil das übliche Abwiegeln schon angesichts der Masse der Aussagen unmöglich wurde. Manche Männer haben durch #MeToo erfahren, dass ihr übergriffiges Verhalten inakzeptabel ist. Andere haben erfahren, wie ihre Geschlechtsgenossen mit Frauen umgehen, und waren zutiefst angewidert. Die mediale Aufmerksamkeit, die Themen wie sexuelle Belästigung und sexueller Missbrauch seitdem gewonnen haben, bedeutet nicht nur, dass die Bevölkerung offenbar von solchen Fällen erfahren will. Sie bedeutet auch, dass viele Betroffene den Mut gefasst haben, offen zu sprechen – und dass ihnen bei entsprechender Beweislage Glauben geschenkt und ihr Erlebtes ernst genommen wird. [...] Auch mehrere Männer sind im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit getreten, und sie wurden oft nicht ernst genug genommen. Darunter war der ehemalige Profi-Footballer und heutige Schauspieler Terry Crews. Als der ihm zuvor unbekannte Hollywood-Agent Adam Venit 2016 bei einer Party Crews statt einer Begrüßung an die Genitalien fasste und zudrückte, war dieser schockiert, fühlte sich entmannt und zum Objekt degradiert. Aber er hatte Angst vor der Schlagzeile, wenn er sich wehren würde. Erst durch #MeToo fasste er Mut, doch seine Aussage bewirkte wenig. Adam Venit arbeitet nach wie vor als Künstleragent; zum Prozess kam es nicht. Auch die Medien maßen dem Fall keine große Aufmerksamkeit bei. Warum nicht? Ganz einfach: Terry Crews misst 191 Zentimeter, ist schwarz und äußerst muskulös – er sieht nicht aus, wie man sich ein Opfer vorstellt. Das ist die nächste große Aufgabe für #MeToo: Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dass wirklich jeder zum Opfer werden kann. (FAZ)
Ich sehe die Lage nicht ganz so rosig wie die FAZ, weil sowohl hier im Blog als auch auf Twitter als auch sonst im Umfeld offenkundig ist, dass den Leuten eben immer noch nicht geglaubt wird und stattdessen Solidarisierung mit den Tätern an der Tagesordnung steht. Da kommen auch drei psychologische Effekte dazu. Einerseits, dass Leute, die nicht so aussehen als könnten oder sollten sie Opfer sein, weil sie gängigen Stereotypen starker Persönlichkeiten entsprechen (wie etwa der oben erwähnte Terry Crews), nur sehr schwer als Opfer wahrgenommen werden können. Andererseits, weil die Gesellschaft die Schuld immer noch bei den Betroffenen selbst sucht. Das ist besonders, aber bei weitem nicht ausschließlich, ein Phänomen bei Frauen, wo dann nach Gründen gesucht wird. Warum hat sie auch was getrunken? Warum ging sie auch mit aufs Zimmer? Warum zog sie sich so an? Implizit im Hintergrund ist da immer die "Männer sind Schweine"-Idee, dass Männer gefährliche sexuell getriebene Bestien sind. Absurderweise wird diese Idee dann auch noch ständig von Unbeteiligten verbreitet und die Verantwortung somit aufgelöst. Männer "sind halt so".
Und drittens wird oft nicht geglaubt, dass erfolgreiche und mächtige Personen Täter werden können. Ich hatte den Fall letzthin in meiner Klasse, wo allerseits der entsprechende Vorwurf gegen den Fußballer Ronaldo verworfen wurde, weil der "das ja gar nicht nötig habe". Gegen diese behämmerten Vorurteile ist nur schwer anzukommen. Und dass die meisten Männer immer noch nicht in der Lage sind, überhaupt das Problem zu erkennen, und stattdessen lieber über die Möglichkeit der Falschbeschuldigung diskutieren, tut sich da auch nicht so viel, wie es könnte und sollte.

Ich persönlich bin schon seit längerer Zeit der Überzeugung, dass der exponenzielle Wandel, den gerade unsere Mediennutzung in den vergangenen Jahren durchlaufen hat, gerade das Bildungssystem vor große Herausforderungen stellt. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass das wirklich Gefahren birgt: Wir leben in einer Zeit, in der hochmotivierte und zum Teil hervorragend finanzierte Propagandisten daran arbeiten, den Grundkonsens unserer liberalen Demokratie zu durchlöchern. Sie versuchen, Hass akzeptabel zu machen, finden Toleranz "krank" und verstehen sich bestens mit den homophoben Kleptokraten im Kreml. Diesen Propagandisten hat das Silicon Valley ganz aus Versehen ein Biotop gebaut, in dem Untergangs- und "Umvolkungs"-Narrative ordentlich Reichweite erzeugen können. In diesen neuen, algorithmisch auf Monetarisierung, nicht auf Wahrhaftigkeit optimierten Ökosystemen bewegen sich Kinder und Jugendliche permanent, oft ohne großes Verständnis für die zugrunde liegenden Mechanismen. Über die Aktivitäten der Propagandisten wissen sie nicht viel. Aber sie haben durchaus das Gefühl, dass da manchmal irgendetwas komisch ist. Und weil Eltern und Lehrer selbst oft genug überfordert mit diesem neuen Zustand sind, fühlen sich Kinder und Jugendliche dabei oft alleingelassen - völlig zu Recht. Die Lehrpläne kommen mit der Entwicklung nicht mit. Die stabilen, gut eingebundenen, gut informierten unter den Jugendlichen können mit all dem vermutlich hervorragend umgehen. Manche aber werden durch das Zusammenspiel von Propaganda und algorithmischer Sortierung in ein gefährliches Fahrwasser geraten, werden anfangen, sich für rechtsradikalen Hip-Hop und Holocaustleugnung zu interessieren. (SpiegelOnline)
Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang ist die "Ankerheuristik". Diese besagt, dass die erste Information, die wir zu einem Thema bekommen, als "Anker" fungiert, an dem quasi alle weiteren Erkenntnisse aufgehangen werden - oder auch nicht, wenn sie nicht passen. Das Phänomen lässt sich besonders eindrücklich an den Impfgegnern studieren. Üblicherweise beschäftigen sich Menschen nicht mit Immunologie. Wir glauben der Ärztin dank ihrer fachlichen Kompetenz und Autorität, dass eine bestimmte Impfung notwendig oder sinnvoll ist. Wer aus irgendwelchen Gründen das Googeln anfängt oder anderweitig in die Fänge eines Heilpraktikers gerät, beschäftigt sich häufig zum ersten Mal intensiver mit dem Thema - und alle so gefundenen Informationen dienen als Anker. Da ist es dann verhängnisvoll, dass die Quacksalber die Google- und YouTube-Suche bei den entsprechenden Schlagworten dominieren. Ähnliches geht genauso bei Holocaust-Leugnung, Chemtrails, der Kriegsschuld im Zweiten Weltkrieg und vielem Mehr vor sich.

4) Leugnen sinnlos!
Wenn man genau hinschaut, dann sieht man bei den Personen, die einen menschengemachten Treibhauseffekt bezweifeln, einerseits jene notorischen Trolle, die immer dem widersprechen, was sie als „Mainstream“ ausgemacht haben. Wenn sie darin einen Nutzen sähen, dann würden sie auch behaupten, dass Wasser nicht nass macht und dass hinter diesen „Fake News“ vom nassmachenden Wasser George Soros stünde. Andererseits gibt es auch jene Menschen, die den Klimawandel anzweifeln, weil ihnen die Überbringer der schlechten Nachrichten nicht passen, ihren fast hysterischen und ununterbrochenen Alarm-Ton, der immerzu mit bestimmten Forderungen verbunden wird und Sätze liebt, die mit „Wir müssen…“ beginnen und mit umfangreichen Verboten enden. Das ist dann also eher eine Art kulturelle und politische Allergie gegen den Typ der Weltuntergangspropheten mit ihrem Eisbären-Kitsch – die sind tatsächlich immer schwer auszuhalten, könnten aber recht haben. Dessen ungeachtet scheint es mir nie vernünftig und sinnvoll, einen brennenden Dachstuhl zu ignorieren, nur weil die „Feuer!“-Rufe ziemlich schrill daherkommen. Es wäre schön, man würde diese „Allergiker“ dazu gewinnen, sich auch Gedanken darüber zu machen, wie man dem Klimawandel beikommen könnte. Denn wie die Homöopathie evidenzbasiert rausgeschmissenes Geld ist, so ist der Klimawandel – wie gesagt – evidenzbasiert wirklich. Alle ernstzunehmenden Berichte der vergangenen dreißig bis vierzig Jahre lassen keinen Zweifel daran, dass sich das Klima zu unserem Schaden schnell verändert – und dass wir diese Veränderung durch exzessive Kohlenstoffemissionen selbst herbeiführen. Auch wenn manche wissenschaftlichen Berechnungen nicht stimmten in all den Jahren und eilfertig vorausgesagte Ereignisse nicht eintrafen – der ganze große Trend ist doch nicht zu leugnen (und wurde schon Ende der 70er Jahre festgestellt, wie die New York Times in einer Reportage jüngst rekonstruierte). Das bestätigen einem nicht nur Meteorologen oder Glaziologen, sondern auch Winzer und Landwirte. (Salonkolumnisten)
Es gibt nur wenige Haltungen, die so grundlegend pervers sind, wie die vieler Konservativer zum Klimawandel. Da wird fröhlich - Stichwort Ankerheuristik aus Fundstück 3 - auf Basis eines YouTube-Videos oder des eigenen Bauchgefühls der Konsens von praktisch allen Klimawissenschaftlern angezweifelt, oder es wird zwar der Klimawandel akzeptiert, aber einfach schnoddrig erklärt, dass man da eh nichts machen könne und man gefällig sein SUV fahren wolle. Der blanke Hedonismus angesichts der größten menschengemachten Katastrophe aller Zeiten, die uns existenziell bedroht, ist absolut verblüffend. Spätere Generationen werden uns dafür verfluchen.

5) Münchner Menetekel
Die einzige relevante linksliberale Opposition sind die Grünen. Sie verbinden gerade Frische, Solidität, Bürgerlichkeit und weitmöglichste AfD-Ferne zu einem Gewinnerkurs. Aber im Hintergrund haust immer noch das Lehrmeisterhafte, der Meister Lämpel fürs 21. Jahrhundert, der die Welt durch hohe Moral und Verbote retten will. Haben sie den im Griff, wird das bayerische Ergebnis eher zur Regel denn zur Ausnahme. Denn die Grünen brauchen ihre Themen wie Klimawandel, ökologische Transformation der Wirtschaft, Einwanderungsgesellschaft, Stärkung der liberalen Demokratie und das gute Leben nicht auf die politische Agenda setzen – diese Themen kommen von ganz alleine nach vorne. Die SPD-Führung kann machen, was sie will. Sie kann Gelassenheit zeigen. Dann hält man sie für weltfremd. Oder in Panik verfallen. Dann hält man sie für unfähig. Der Niedergang ist kaum noch aufzuhalten. Sie müsste sich jemanden backen, der eine Mischung aus Macron, Obama und Schmidt wäre – und ihm bedingungslos folgen. Kann sie nicht, wird sie nicht. Es wird richtig bitter. Wenn die Linke je wieder eine Rolle spielen will in Deutschland, dann muss sie ihre Kräfte bündeln und fusionieren. Es bleibt ihr nichts anderes übrig. SPD und Linke müssen zusammengehen. Es ist ganz einfach: Die SPD muss ihre Geschichte und die Kränkungen vergessen und die Linke ihren linken Dogmatismus. Alles eher unwahrscheinlich. Aber sie haben keine Wahl. Und die FDP? Sie muss etwas wollen, was über Steuererleichterungen für Hoteliers, Apotheker und Feinripphersteller hinausgeht. Das reicht nämlich nicht auf Dauer für eine relevante Größe. Drängende Themen machen auf Dauer die Politik, nicht die Performance. (Salonkolumnisten)
Ich ignoriere die üblichen Invektiven gegen die Grünen einfach mal (viele Konservativen haben echt eine geradezu erotische Abneigung gegen sie) und konzentriere mich mehr auf den Aspekt der SPD. Ich stimme den Salonkolumnisten darin zu, dass die Partei gerade einfach nicht gewinnen kann. Ich habe das auf Twitter in letzter Zeit auch schon öfter postuliert. Egal, was die Partei macht, es ist falsch. Und zwar komplett. Alle stürzen sich drauf. Das letzte Mal, dass ich einen positiven Artikel zu etwas gesehen habe, das die Partei macht, muss 2016 gewesen sein. Die Sozialdemokratie sieht sich einem allgemein verbreiteten Zynismus gegenüber, gegen den sie kaum mehr eine Chance hat. Natürlich helfen auch ihre eigenen taktischen Fehler - da kann man sich bei der SPD immer drauf verlassen - ihr nicht weiter, aber das Problem ist viel struktureller.

6) Politics isn't the problem, Senator Sasse, it's the answer
We could, in fact, have a society in which college is free and universities select children who are academically socially well rounded rather than aggressive resume-builders. We could, in fact, provide housing, healthcare and economic security as well as limits on work hours, so that people could actually afford to pursue hobbies, interests, community activities and family time so that intra-familial and extra-familial social bonds could be strengthened. All of those things are within Senator Sasse’s control to achieve. He simply refuses to lift a finger to achieve them. [...] Both economically and socially, Senator Sasse is blaming the victims of cutthroat economic policy, institutional discrimination and good old boys networks for their own victimization–while minimizing his own role in protecting those oppressive systems and pretending he cannot do anything about them. The communitarian, pro-social and pro-family values Senator Sasse and other conservatives claim to support are achievable if they really want them. But the path to achieving them is expressly political: increasing economic security and protecting the vulnerable. This will make racists, sexists and wealthy plutocrats very angry–indeed, even modest attempts at social and economic justice have already done so. It’s a big reason why Trump is president. But that is hardly the fault of the victims of bigotry and greed. It’s directly the fault of powerful men like Senator Sasse who refuse to do anything about it. (Washington Monthly)
Das passt zum letzten Vermischten, wo es um die überzogene Gestaltungsmacht der obersten Verfassungsgerichte ging. Was hier im Artikel skizziert wird, ist ja der eigentliche Kernkonflikt zwischen Progressiven und Konservativen: Machbarkeitsglaube auf der einen Seite, die Überzeugung, dass Wandel behutsam und organisch kommen muss auf der anderen Seite. Es ist glaube ich keine Überraschung, dass ich auf der progressiven Seite stehe, aber Andrew Sullivan hat in seinem Artikel, warum es echter Konservativer bedarf, schön ausgedrückt, warum die als Korrektivfunktion so wichtig sind: praphrasierend schießen wir gerne mal über das Ziel hinaus. Und andersherum brauchen die Konservativen die Progressiven als Korrektiv, weil sie allzu sehr in Versuchung sind, einen Status Quo aus Veränderungsangst einfach anzunehmen statt das Problem anzugehen. Die fruchtbarsten politischen Streits finden entlang dieser Achse statt. In Deutschland ist dieses Gefüge noch halbwegs intakt, auch wenn der in der BRD immer schon gegebene Strukturkonservativmus meist die Überhand hat. In den USA dagegen ist die Balance völlig auseinandegedriftet, gibt es - auch das ist eine Schlussfolgerung aus Sullivans Artikel - kaum echte Konservative mehr. Senator Sasse ist daher auch nicht so problematisch, weil er klassische konservative Positionen vertritt, sondern weil er damit inzwischen nicht mehr eine Achse eines gesunden Systems verkörpert. Er ist in einer Partei, in der mehrheitlich ideologische Fanatiker aktiv Sabotage betreiben. Und in diesem Falle ist seine wohlgesetzte Zurückhaltung ein Versagen.

7) Media congratulates Trump for spreading lies about Warren
One of the innumerable ways in which Donald Trump has degraded American politics is his habit of relentlessly using belittling nicknames for his political opponents. Seizing on a superficial or imagined characteristic — “Liddle Marco,” “Low-Energy” Jeb Bush, etc. — he repeats it, like a middle-school bully, recruiting his sycophants to circulate the meme. Axios reports that Trump is especially pleased with his insulting of Massachusetts senator Elizabeth Warren, a contender for the 2020 Democratic nomination. Axios brings us word that behind the scenes the bully-in-chief and his lackeys are chortling about their success. “Trump’s nicknames slyly capitalize on and exacerbate a real or perceived weakness: A former aide said: ‘You hear them and laugh, and then they say: ‘You know what? He’s kinda right!’,’” it reports, adding in the news outlet’s signature “Be Smart” coda: “Be smart … Trump’s ‘Pocahontas’ nickname, as offensive as it may be, has been wickedly effective from his point of view.” One of the preconditions for the success of Trump’s method is a news media that will devote far more attention to grading the effectiveness of Trump’s bullying than its truth. [...] Perhaps because this report came out on Labor Day, or perhaps because the news media is too shallow to care, its findings have failed to make much impact. Instead we are left with lots of admiring commentary about Trump’s bullying game being on point. “It clearly got in Warren’s head: The fact that she got a DNA test, let alone is doing a massive rollout of the results, shows how much it’s on her mind,” reports Axios. “It now becomes a symbol of whether she’s honest. Did she lie to advance her academic career?” Well, she didn’t — a fact the story declines to mention. But who cares about the truth when we can describe the effectiveness of the lie? (New York Magazine)
Das Phänomen Trump ist auch ein massives Phänomen des Medienversagens. Trotz mittlerweile dreier Jahre intensiven Dauerbeschusses ist es immer noch nicht angekommen, dass die Mechanismen klassischer journalistischer Tätigkeit von Trump und seinesgleichen gehackt wurden. Durch die neutralen Berichte über offensichtliche Lügen ("He said, she said") wird selbst der größte Bullshit legitimiert, beim Zuschauer bleibt immer irgendetwas kleben. Es ist schwierig, das System komplett zu ändern, vor allem wenn dabei die Gefahr ist, dass Objektivität und Neutralität völlig den Bach runter gehen. Aber die Neutralität, die die Medien aktuell gegenüber dem Weißen Haus ausüben, ist die Neutralität Schwedens im Zweiten Weltkrieg - sie hilft nur einer der beiden Seiten. Bislang spielen nur die Rechten dieses Spiel, aber irgendwann werden auch linke Populisten drauf kommen, dass es eine effiziente Strategie ist, und dann bricht der Laden vollends zusammen.
 
Väter, die in Elternzeit gehen, verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern und verrichten mehr Haushaltsarbeit als andere Väter - und zwar nicht nur kurzfristig. Der Effekt halte auch noch Jahre nach der Elternzeit an, zeigt eine Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. Väter, die in Elternzeit waren, verbringen demnach in den ersten sechs Lebensjahren ihres Kindes am Wochenende täglich rund eineinhalb Stunden mehr mit ihren Kindern als Väter, die durchgehend arbeiteten. Auch was die Hausarbeit betrifft, macht sich die Elternzeit noch länger bemerkbar. Väter, die Elternzeit und Elterngeld in Anspruch nahmen, machten täglich eine halbe Stunde mehr Hausarbeit, zeigt die Studie. Auch wenn die meisten Väter nur zwei Monate Elternzeit nähmen, verändere dies langfristig die Rolle, die der Vater in der Familie habe, sagt Wirtschaftswissenschaftler Marcus Tamm, der an der Studie mitgearbeitet hat. "Dass diese Verhaltensänderungen so nachhaltig sind, war auch für uns überraschend." Die Elternzeit der Väter wirkte sich den Angaben zufolge auch auf die Erwerbstätigkeit der Mütter aus, zumindest im ersten Lebensjahr des Kindes: Mütter arbeiten dadurch pro Woche gut neun Stunden mehr. (SpiegelOnline)
Immer daran denken, Kinder: Vorlieben und Verhalten sind rein biologisch geprägt und können praktisch nicht beeinflusst...sorry, ich musste mich kurz fassen. Einmal mehr zeigt sich, dass bereits kleine Maßnahmen und Änderungen im Alltag große Effekte haben und Geschlechterklischees ändern können. Man muss nur wollen und ein bisschen offen sein. Dazu passen auch Studien, die etwa zeigen wie sehr sich das Rollenbild gerade junger Mädchen positiv verändert, wenn die zuhause sehen, dass der Vater ganz selbstverständlich auch Hausarbeit macht - und zwar nicht nur die gegenderten Aspekte, die er sich als Familienpatriarch heraussucht (Möbel aufbauen, Löcher bohren, Reifen wechseln) sondern halt auch Wäsche waschen, putzen und kochen, und nicht nur am Sonntag. Da ist noch viel zu tun, übrigens auch bei uns. Die alten Gewohnheiten sterben langsam. Aber man muss halt man anfangen, statt sich bequem immer auf biologistischen Schmarrn zurückzuziehen.

9) Warum alle Eltern gewalttätig sind und versuchen es zu vertuschen?
Als Sozialpädagoge dachte ich 2009, dass ich ein wunderbarer Pädagoge sei, liebevoll, großherzig, respektvoll, lustig, verständnisvoll, freundlich, etc. Ich war ein Gegner von Gewalt und dachte tatsächlich, dass ich gewaltfrei mit Kindern und Jugendlichen umgehen würde. Dann las ich die Gewalt-Definition des Psychologen Dr. M.B. Rosenberg. Er schreibt zu der Frage: Was verstehen wir unter Gewalt: “Jeder Versuch, andere Menschen (auf der Basis meiner Bewertungen) zu bestrafen, und jeder Versuch, meine Bedürfnisse zu erfüllen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer.” Ich weiß nicht, wie es dir geht, wenn du diese Gewaltdefinition liest. Ich war damals geschockt. Denn ich war tatsächlich liebevoll, großherzig und wertschätzend, so lange alle machten, was ich wollte. Wenn das nicht der Fall war, konnte ich ganz anders. Ich wurde laut, habe den Kindern mit Konsequenzen gedroht, wenn sie ihre Aufgaben nicht erledigten, geschimpft und Regelverstöße geahndet. Es gehört nicht zum Selbstbild von Eltern und Pädagogen, sich hinzustellen und zu sagen: Ja, ich verhalte mich oft rücksichtslos und im Sinne von Dr. Rosenberg gewalttätig. Viel lieber bagatellisieren wir unsere Handlungen, rechtfertigen sie und sagen, das Kind hätte sich ja nicht so destruktiv verhalten müssen, oder wir hätten überreagiert, weil wir zu müde waren, oder wir finden sonst eine Erklärung, die unser Verhalten rechtfertigt um auf keinen Fall verantwortlich zu sein. [...] Wenn wir es genau betrachten, sind wir rücksichtslos, weil uns Selbstbewusstsein fehlt. Wenn ich als Vater oder Mutter alles vorleben würde, was ich mir von meinem Kind wünsche, bräuchte ich keine Regeln, keine Konsequenzen und keine Strafen. Da wir uns unseren Kindern gegenüber oft rücksichtslos verhalten und somit dieses gewalttätige Verhalten vorleben, machen es uns unsere Kinder nach. Statt uns zu wundern und unser Verhalten zu korrigieren, werden wir noch rücksichtsloser, indem wir noch härtere Konsequenzen verhängen, noch mehr Stress an den Kindern abreagieren und sie noch mehr zum Funktionieren zwingen – durch Manipulation oder Strafe. (Tassilo Peters)
Das ist einer dieser Artikel, die einem instinktiv ein schlechtes Gewissen machen. Ja, ich bin gewalttätig im Sinne von Dr. Rosenberg. Ebenso wie Klischees langsam sterben, sterben alte Erziehungsmethoden nur sehr langsam. Es ist bald 20 Jahre her, dass es unter Rot-Grün strafbewehrt wurde, sein Kind zu schlagen. Meine Schüler fallen immer noch aus allen Wolken, wenn ich ihnen diesen Fakt präsentiere, und lachen zynisch auf. Recht auf gewaltfreie Erziehung, hahahahahaha, selten so gelacht. Und auch hier fasse ich mich gerne an die eigene Nase: es ist super schwer, im Alltag NICHT auf Gewalt zurückzugreifen, wenn man gestresst ist, ob körperlich oder psychisch im Sinne Dr. Rosenbergs. Umso wichtiger ist es, ein Problembewusstsein zu schaffen und das eigene Verhalten zu reflektieren. Glücklicherweise ist die schwarze Pädagogik der NS-Zeit mit einigen wenigen Ausnahmen (meist bei religiösen Fundamentalisten) weitgehen ausgestorben, aber viele Reste bestehen als "common knowledge" oder Sachen, "die man immer schon gemacht hat" und "die uns auch nicht geschadet haben" weiter fort. Das gilt natürlich nicht nur für Erziehung, aber es ist hier besonders auffällig, weil es sich immer noch um einen weitgehend unreglementierten Bereich handelt. Eltern müssen keinerlei Ausbildung oder Fortbildung machen, es gibt nur wenig Hilfsangebote, und diese anzunehmen ist mit einem Stigma behaftet. Die Leidtragenden sind die Kinder, die dann häufig genug nicht wegen, sondern trotz der elterlichen Erziehung zu feinen Menschen werden. Der einzige Silberstreif am Horizont ist hier wahrscheinlich, dass immer mehr Studien zu dem Schluss kommen, dass die elterlichen Erziehungsversuche ohnehin überwiegend ins Leere laufen und keinen Effekt haben - weder zum Guten noch zum Schlechten.

10) A reckoning with racism is inevitable
Immediately after the 2016 presidential election, a great debate ensued about whether Trump voters were motivated primarily by racism or economic anxiety. Initially those who took a position were arguing from their own perceptions and assumptions, but eventually the political scientists and researchers were able to study the data and consistently concluded that racism was the more significant factor. However, for a lot of people, one group has been excluded from that conclusion. Conventional wisdom would have it that people who voted for Barack Obama and then supported Donald Trump could not have changed as a result of racism. The thought was that voting for a black man exempted them from racism. [...] We also can’t ignore the fact that for the eight years of Obama’s presidency, right wing news outlets dished out a steady stream of racist appeals to their viewers in order to provide congressional Republicans with the fuel they needed to obstruct anything the president tried to accomplish. That included a certain media personality launching himself onto the political stage by reviving the whole birther movement. All of the above contributed to the 2016 election being a referendum on race, with people being compelled to take sides. Just as Karl Rove drove conservative voters to the polls in 2004 by getting gay marriage on the ballot in as many states a possible in order to tap into homophobia, Trump put racism and xenophobia on the ballot. I say all of this because it is past time for liberals to understand what is going on. We have been too quick to buy into the idea that Democrats are the ones that puts so-called “identity politics” or “cultural issues” on the table, and that if candidates only tamped down their discussions of those issues and highlighted others, we could all just get along. The truth is that it has always been Republicans who want those issues front and center because they assume that their predominantly older white evangelical voters are motivated by racism, xenophobia, sexism and homophobia. (Washington Monthly)
Ich unterschreibe all das oben im Prinzip, aber ich gehe tatsächlich davon aus, dass der entscheidende Faktor 2016 nicht der Rassismus war. Er spielte eine entscheidende Rolle, aber noch bedeutender im von den Rechten gestarteten Kulturkampf war Sexismus. Das ist eigentlich ziemlich logisch, bedenkt man dass eine Frau und nicht ein schwarzer Mann zur Wahl stand, aber breite Schichten professioneller und amateuerhafter Wahlbeobachter wollen stoisch nicht anerkennen, dass das etwas damit zu tun hat, sondern erzählen endlos Geschichten von "economic anxiety" und ähnlichem Blödsinn, der sich empirisch nicht halten lässt. Ich glaube einer der entscheidenden Gründe für diese Unfähigkeit, das anzuerkennen, liegt darin, dass die Frage so untrennbar mit den eigenen Politikpräferenzen verbunden ist. Das kann man ja auch an der AfD beobachten. Teilt man grundsätzlich die Positionen des rechten Abschaums - ob das nun die Abwehr von illegalen Einwanderern oder Flüchtlingen, die Erhöhung der Leitzinsen oder ein Unbehagen gegenüber der EU sind - will man keinesfalls mit etwas in Verbindung gebracht werden, das gesellschaftlich so eindeutig geächtet ist wie Rassismus oder Sexismus. Das führt zu dem merkwürdigen Ergebnis, dass überhaupt niemand mehr rassistisch oder sexistisch sein kann, schon allein, weil die Assoziation so sehr gefürchtet wird. Warum das aus dem Unvermögen, darüber zu sprechen, resultiert, habe ich ja aber bereits an anderer Stelle aufgeschrieben.

11) Schafft die Lehrproben ab!
Das Problem ist auch hier, dass man nicht weiß, an wen man gerät. Der eine sagt, dass die “Persönlichkeit” wichtig ist, der andere will Perfektion der Abläufe. Der dritte will alles anders. Nur: Man weiß es nicht. Und es gibt genug Fälle, in denen die Fachleiter die Referendare in der Unterricht bitten und zeigen, dass sie das, was sie einfordern, selbst nicht beherrschen. Wie oft das so ist, ist eine schwierige Frage. Natürlich gibt es auch die Guten. Natürlich gibt es auch jene, die nicht nur guten Unterricht machen, sondern auch sagen, dass etwas nicht so geklappt hat, wie sie es wollten. Jene also, die zeigen, wie wichtig Reflexion ist. Aber soll das die Leitlinie für einen kommenden Lehrer sein? Soll “Ich hatte mit dem Fachleiter Glück” die Formel dafür sein, dass man einen Beruf bekommt? Oder sogar einen guten, einen gut bezahlten, verbeamteten? Und das Glück als wackliges Fundament der Referendarsausbildung hört da nicht auf. Mehr noch: Diejenigen, die sagen, dass sie das Referendariat gut überstanden haben, sagen oft auch, dass sie einfach Glück hatten, weil sie Prüfungssituationen nicht so belasten wie andere. Stressresistenz ist für den Lehrberuf wichtig, aber was wollen wir eigentlich für Lehrer haben? Jene, die gegenüber ihren Schülern zugewandt sind, sich für sie engagieren, ihre Probleme hören oder jene, die in Prüfungssituationen stressresistent sind? Und für welchen Unterricht wird hier eigentlich gelehrt? Zweifellos ist der nach einer definierten Dramaturgie durchgetaktete Unterricht mit all seinen Gelenkstellen und dem tollen funktionalen Einstieg, der schülerorientierten Erarbeitungsphase und all dem vorbereiteten Drumherum eine Kunstform. Aber ist es jene Kunstform, die den zeitgemäßen Unterricht widerspiegelt? Bekommt man den momentanen Diskurs um zeitgemäße Bildung mit, all die Diskussionen um Gemeinschaftsschulen, agilen Unterricht, digitale Erweiterung und so weiter, so ist fast allen dort geäußerten Meinungen gleich, dass der Unterricht hier etwas anderes meint. Nämlich Zeit und Raum für eigenständiges Lernen. Lernen, bei dem der Schüler die Verantwortung für Entscheidungen trägt und der Lehrer ihm hilft, sobald er oder sie Hilfe braucht. Für einen solchen Unterricht trägt die jetzige Form der Lehrprobe null und nichts bei. (Bob Blume)
In der Lehrerausbildung spiegelt sich im Kleinen das Grundproblem von Schule: Wo ich aus formalen Gründen darauf angewiesen bin zu benoten brauche ich irgendeinen halbwegs objektiven Maßstab, um wenigstens so tun zu können, als messe ich bei allen das Gleiche. Dass es oftmals so läuft wie oben beschrieben und die Noten jenseits der Resistenz gegen dumme Anforderungen und Stress wenig aussagen, ist nur ein Teilproblem davon. Bob Blume denkt im Artikel noch ein wenig darüber nach, wie Lösungsansätze aussehen könnten, aber das grundsätzliche Problem bleibt stets dasselbe: in den aktuellen Strukturen ist das Lernen (und Lernen begleiten), das wir uns eigentlich wünschen und das von der Forschung in Studie um Studie als das klar überlegende Modell ausgegeben wird, nur schwer bis gar nicht möglich. Personalanforderungen sowohl in Menge als auch Ausbildung, räumliche Infrastruktur und und und blockieren gerade das, was man häufig bräuchte. Fluide Lerngruppen mit eigener Schwerpunktsetzung und Lerngeschwindigkeit? Wäre cool, nur wo? Klassenlehrertandems sind erwiesernermaßen klasse, nur wer zahlt das? Noten sind doof und nichtssagend, aber mit was bewerten wir sonst und erfüllen die Ansprüche von Schülern, Eltern und Personalern? Und so weiter und so fort. Das Bildungssystem hat ständig den anerkanntesten Reformbedarf über alle Parteigrenzen hinweg, aber sobald es konkret wird steht eine Myriade von Hindernissen im Weg, die tief greifende Änderungen praktisch unmöglich machen, und das ist noch bevor ideologische Präferenzen und Elternängste in den Mix dazu kommen...

Dienstag, 16. Oktober 2018

Vorhersagbare Crashs bei den Sozialisten zerstören das Klima und irren bei Einstellungen von Austeritätspolitikern - Vermischtes 16.10.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Two cheers for socialism: why liberals need enemies on the left
For the moment, Americans who subscribe to his version of liberalism have an easy choice — or, put differently, no choice at all: They can vote for the Democrats, who have carried out the kind of rules-based open mixed economy he calls for. Frum’s argument for the Republican Party to move left requires that Democrats also move left. European democracies that have powerful socialist movements have also developed responsible right-of-center parties. Those parties have accepted the legitimacy of the state rather than clinging to simplistic anti-government bromides. They work with business, but they don’t turn over the regulation of air pollution to coal lobbyists. They believe in real budget math. In the United States these positions would place them squarely within the Democratic Party. The Democratic party’s moderation has enabled it to co-opt all the most viable liberal Republican policies. Cap and trade, Romneycare, the Earned Income Tax Credit – every humane and practical idea that liberal Republicans have come up with has found its way into the Democratic program. And the logic of partisan competition has helped push Republicans away from all these ideas, to denounce them as socialist. And so the American equivalents of Emmanuel Macron, Angela Merkel and David Cameron all find their home in the Democratic party. But it is very weird to have a party that brings together Michael Bloomberg and Bernie Sanders. A functional two-party system would have liberal elements in both parties. Liberal arguments with socialism — I have plenty — would be easier to work through in a world where a bloated far right didn’t cram us all into the same party. The Democratic party might eventually go too far left, and the Republican party too far right. But a tug of war between a party favoring too much government, and another too little, might wind up in just the right spot, from the liberal standpoint. (New York Magazine)
Dieser sehr lange Feature-Artikel aus dem aktuellen New York Magazine vom moderaten Standpunkt Jonathan Chaits lohnt die ausführliche Lektüre. Man kann Chait nicht gerade unterstellen, ein Freund der populistischen Linken zu sein. Er ist weder für Medicare for All, noch ein Fan von Bernie Sanders und schreibt ständig gegen die Ideen, die aus diesem Dunstkreis kommen. Seine Sicht auf die positive Korrektivfunktion der radikalen Linken ist daher interessant, ebenso wie Andrew Sullivans Artikel zum Thema warum (echte) Konservative eine gute Korrektivfunktion haben, den ich vor einiger Zeit verlinkte, es hatte. Ich habe wenig zuzufügen.

Now seems like the right time to offer an after-the-fact explanation in great detail and with complete and utter certainty of what just occurred in the markets, and why. Hindsight bias permitting, the factors that led to this sudden and unexpected decrease in share prices are just so obvious. Simple, compelling language describing cause and effect is both comforting and reassuring. The alternative to this soothing narrative is an unimaginable world of random disconcerting events. This stands in stark contrast to how we prefer to see the world around us: orderly, predictable, subject to expert management and prediction. [...] Why did the market suddenly drop 3 percent on Wednesday? It is as obvious as the nose on your face that the Fed’s tightening of monetary policy by raising interest rates to curb financial risk-taking is to blame. But we’ve known about this for a while, haven’t we? As an alternative, maybe you’d like to blame elevated stock valuations, which surely is a valid point in the U.S., except that lagging emerging markets fell just as hard, and they are cheap, very cheap — certainly much less richly valued than U.S. and European markets. No, you’re all wrong: It’s the trade war started by President Donald Trump. Not only is the U.S. dollar too strong, but tariffs are crushing an already weakened China, which hurts all of its emerging-market suppliers. But we’ve known about this too for a while, haven’t we? Wrong again, say the partisan fire-breathers: It’s the Demon-Rats, and the possibility they will take control of the House of Representatives in the midterms, putting at risk all of the Trump pro-growth policies that are solely responsible for the healthy U.S. economy. Again, has anything changed in terms of the electoral outlook? (Bloomberg)
Diese Kritik am "hindsight bias" erinnert mich sofort an 2016. Da ist auch jeder total clever und kennt den einen Grund, an dem es liegt, der natürlich wie es der Zufall will immer mit der eigenen Meinung übereinstimmt. Das mag hilfreich im politischen Positionierungskampf sein, ist aber nicht sonderlich gewinnbringend. Ich versuche selbst, diesen Mechanismus für mich abzuwehren, aber es ist nicht leicht. Beispielsweise bin ich nicht sicher, wie Trumps Nordkorea-Flirts ausgehen werden, aber es wird sehr einfach sein, es immer schon gewusst zu haben, wenn die Sache schlecht ausgeht. Ich verlass mich da auf die Kommentatoren, um mich ehrlich zu halten ;) Ein letzter Aspekt ist der im Artikel angesprochene Faktor, dass solche Aktieneinbrüche ohnehin mit schöner Regelmäßigkeit vorkommen und meist völlig unklar bleibt, woher sie kommen. Wir Menschen haben ein psychologisches Problem mit Zufall und Unsicherheit. Dass etwas zufällig geschehen ist können und wollen wir nicht akzeptieren, weswegen diese ad-post-Erklärungen umso wichtiger werden - und dann ins ideologische Raster eingepflegt, das uns ja in einer komplexen Welt auch Halt gibt.

3) Was ist wichtiger: Treue oder Ehrlichkeit?
Politiker verschleiern illegale Spenden, Autohersteller bestreiten gesetzwidrige Manipulationen, Kleriker vertuschen sexuelle Übergriffe unter dem Dach der Kirche. Für Außenstehende unbegreiflich, doch die Beteiligten wähnen sich oft moralisch im Recht. Wie kann das sein? Das untersuchten zwei Managementforscher in einer Reihe von Experimenten, die sie jetzt im Fachblatt »Journal of Experimental Social Psychology« beschreiben. Ihr Fazit: Wenn es um die Interessen der eigenen Gruppe gehe, verändern sich die moralischen Maßstäbe; Loyalität zählt mehr als Ehrlichkeit. Schützt eine Lüge also unsere eigene Gruppe, so beurteilen wir sie deshalb als »moralischer«, als wenn wir uns ehrlich, aber illoyal verhalten. [...] Die Versuchspersonen veränderten ihre ethischen Standards, schlussfolgern Hildreth und Anderson. »Gruppen aller Art fordern Loyalität von ihren Mitgliedern, und allzu oft lassen diese sich davon zum Lügen oder Betrügen verleiten.« Entsprechend würden viele Politiker ihre Lügen zum Wohl der Partei womöglich wirklich für ethisch vertretbar halten, so das Schlusswort der Autoren. Doch unabhängige Beobachter orientierten sich eher an einer universellen Moral, »sie stimmen mit dieser Einschätzung nicht überein«. (Spektrum)
Wir hatten in den Kommentaren letzthin erst die Auseinandersetzung darüber, mit welcher Motivation Parteien bestimmte Dinge machen, und ich habe dafür argumentiert, die Politiker in ihren erklärten Motiven etwas mehr beim Wort zu nehmen. Die glauben häufig genug tatsächlich daran, dass sie das Richtige tun, auch wenn das für uns außenstehende oder gar ihnen gegenüber kritisch eingestellte Beobachter nicht immer klar ersichtlich ist. Das ändert natürlich im Zweifel wenig - ob Kohl und Schäuble Schmiergelder annahmen, weil sie ernsthaft überzeugt waren, dass es im besten Interesse der CDU war, oder weil sie einfach persönlich korrupt sind, ändert am straffähigen Tatbestand nichts. Die Erkenntnis, dass die Leute glauben, im Interesse der res publica zu handeln (oder der res parteica), hilft aber, diesen überall bestehenden und toxischen Zynismus gegenüber der Politik ("die da oben", "alles Lügner", etc.) etwas zu reduzieren. Kleine Seitenbemerkung: Deswegen kann ich auch Serien wie "House of Cards" nicht leiden, die diesen Dauerzynismus weiter befeuern. Da lieber "The West Wing".

4) Mythos Ostpolitik
Und die Vorstellung eines "Wandels durch Annäherung" ist letztlich eine Illusion. Sie war es im Kalten Krieg, und sie ist es heute. Die Sicht auf diese Erkenntnis wird allerdings durch einen Mythos verstellt, der mit der historischen Wirklichkeit nur bedingt in Einklang zu bringen ist. Die deutsche Ostpolitik entstand im Kalten Krieg. Brandts sozial-liberale Koalition versuchte, der globalen Auseinandersetzung die Schärfe zu nehmen. Bonn war bereit, die Ordnung von Jalta anzuerkennen, um Entspannung zu erzielen. Die Verträge mit Moskau, Warschau und Ost-Berlin schufen das Fundament für halbwegs normale Beziehungen zu den kommunistischen Staaten. Doch sie zementierten zugleich Moskaus Hegemonie östlich der Elbe. Nach anfänglicher Kontroverse bewertete die deutsche Öffentlichkeit die Ostverträge als Zeichen der Vernunft. Mit seiner Ostpolitik verfügte Bonn über ein Instrument, das den Kalten Krieg beherrschbar machte – so schien es zumindest. Doch bereits Ende der 1970er Jahre zeigten sich die Grenzen dieser Politik: Der vielbeschworene Wandel aus dem Schlagwort "Wandel durch Annäherung" fand nicht statt. Im Gegenteil: Im sowjetischen Machtbereich verstärkten sich die Repressionen, die Sowjetunion rüstete weiter auf. Es blieben der kurze Draht Bonns nach Moskau, lukrative Geschäfte sowie die innerdeutsche Entspannung. Sicher war das verdienstvoll. Doch historisch richtig ist auch: Zum Ende des Kalten Krieges hat die Ostpolitik nicht maßgeblich beigetragen. Die Perestroika in Moskau entsprang vielmehr der Erkenntnis der sowjetischen Eliten, dass ihr System nicht mehr konkurrenz- und überlebensfähig war. Diese Tatsache hat die Protagonisten der Ostpolitik nicht daran gehindert, nach 1990 den "Wandel durch Annäherung" als entscheidenden Beitrag zum friedlichen Systemwechsel in sowjetischen Machtbereich zu feiern. (Zeit)
Die obigen Einschätzungen scheinen inzwischen ziemlich Konsens unter Historikern geworden zu sein. Das ist eine neue Entwicklung, die zu meiner Studienzeit schon angefangen hat aber noch nicht so weit fortgeschritten war. Ich habe mich für meine eigene Abschlussarbeit noch stark auf Historiker wie Arnulf Baring oder Gregor Schöllgen gestützt, deren Nähe zur sozialliberalen Koalition sicherlich das ihrige dazu beigetragen hat, das Bild entsprechend zu färben. Zudem war es ein politisch willkommenes Narrativ, das allen Beteiligten ihren Anteil an der Wiedervereinigung erlaubte und die alten Streits (Hallsteindoktrin, Ostpolitik) beerdigte. Dazu kommt, dass diverse Archive und Akten natürlich erst in jüngerer Zeit einsehbar sind, das betrifft vor allem die russischen Archive, die (wenig überraschend) vor 1991 völlig und seither überwiegend für westliche Forscher verschlossen sind. Der Diskurs um die Ostpolitik ist deswegen auch ein schönes Beispiel für die Entwicklung von Historikerdebatten. Das Bild, das sich so ergibt, ist ziemlich schwammig. Die Ostpolitik war sicherlich nicht, wie es die Kritiker damals mit Schaum vor dem Mund verkündeten, ein Ausverkauf deutscher Interessen und der Ostdeutschen. Sie war aber auch offensichtlich nicht der Einstieg in eine neue, friedliche Welt. Sie hat einige positive Effekte gehabt, vor allem für die persönlich Betroffenen (über die "persönlichen Erleichterungen", die etwa Familienbesuche über den Eisernen Vorhang ermöglichten), hat aber die Politik wenig beeinflusst. Um den Rahmen zurück zur Historikerdebatte zu schlagen: Ich glaube, ein Gutteil dieser geänderten Sichtweise liegt daran, dass deutsche Historiker inzwischen - anders als (pars pro toto) Baring und Schöllgen seinerzeit - nicht mehr einen so deutschlandzentrierten Blick haben. Der ist bedauerlicherweise in den Bildungsplänen immer noch sehr lebendig, aber in der Forschung nicht mehr. Wenn man aus deutscher Perspektive schaut, sind sowohl Hallstein-Doktrin als auch Ostpolitik entscheidende Meilensteine und definieren die Beziehungen des Ost-West-Konflikts; weitet man den Blick, muss man feststellen, dass sie sich in einen größeren internationalen Kontext einfügen: Die scharfe erste Phase des Kalten Kriegs, in der eine SPD auch mit absoluter Mehrheit Probleme gehabt hätte, eine Ostpolitik zu fahren, und die Phase der Entspannung ("détènte") nach der Kubakrise, in der eine CDU auch mit absoluter Mehrheit große Mühe gehabt hätte (und hatte!), die Hallsteindoktrin aufrechtzuerhalten. Aber im Geiste von Fundstück 2 mögen wir ja lieber das Narrativ, in dem die Entscheidungen in Berlin klar gezeichnete Konsequenzen haben, die wir überblicken können...

5) A new solution: the climate club
An illustrative calculation will show why. Suppose that, as the US government estimates, the total global cost of CO2 emissions (called the “global social cost of carbon” or SCC) is $40 per ton. This is calculated from models that trace the impact on all countries of higher carbon emissions on the climate, in the rise of sea levels, in agricultural production, health, storms, and many other factors. In other words, the $40 is the sum of the different national social costs per ton of carbon. Perhaps the national numbers might be $4 per ton for the US, $7 per ton for China, and $1 per ton for Japan. The $40 estimate is uncertain, but the exact number does not matter for this discussion. A policy to optimize the global benefits of emissions reductions would require a universal carbon price of $40 per ton. Under this policy, countries might set a carbon tax of $40 per ton on all carbon-emitting activities. This would lead to significant reductions in emissions, perhaps 30 percent on average relative to the emissions that would take place if there were no policy. Contrast the globally optimal policy I have just described with a free-riding policy. Suppose Japan decides to invest in abatement of CO2 emissions to optimize its own national interest. It would reduce emissions only to the point where the cost would be justified by its national benefits; on this basis, the cost would be no more than its social cost of $1 per ton reduced. It might have a carbon tax of $1 per ton. This would produce far smaller investments than would be justified if Japan had global interests in mind, where it would invest up to a cost of $40 per ton reduced. If the same logic based on national interest is followed by all countries, then the average level of abatement would be only a tiny fraction of what would be involved in the global policy. Economic models suggest that the average carbon tax based on national interest would be closer to $4 than $40. In other words, when countries look only to their national interest in setting their climate policies, the level of abatement will be close to zero. And this is approximately where we are today. (NY Books)
Die ganze deprimierende Logik der Handlungsunfähigkeit im angesicht der nahenden Klimakatastrophe ist im obigen Absatz gut zusammengefasst. Vor diesem Hintergrund ist der Aufstieg der Klimawandelleugner auf Seiten der populistischen Rechten (und im Gegensatz zu vielen anderen Phänomen wie Fremdenfeindlichkeit findet sich dieser spezielle Unsinn auch ausschließlich dort) auch besonders erschreckend. In den USA hat dieses Phänomen ja schon längst katastrophale Ausmaße angenommen, wo nur noch eine Seite des Parteienspektrums überhaupt für wissenschaftliche Fakten zugänglich ist und die andere Seite diese einfach rundheraus ableugnet. Wenn man bedenkt, dass Cap+Trade - genau wie Obamacare - früher eine konservative Politik war, die inzwischen der progressiven Seite übernommen wurde und aus rein ideologischer Verblendung mittlerweile abgelehnt wird...es ist zum Heulen. Wie im Fundstück 1 beschrieben ist gerade Cap+Trade eigentlich eines der Musterbeispiele eines fruchtbaren Austauschs zwischen der Linken und Rechten, zwischen Progressivismus und Konservatismus. Die Linken erkennen früher ein Problem, und die Rechten haben eine verträgliche, pragmatische Lösung. Eigentlich tipp topp, aber die Selbstradikalisierung der Konservativen in vielen Ländern Europas und Amerikas verhindert entsprechende Maßnahmen. In Deutschland scheint mir das Problem eher in der Unfähigkeit der Linken zu liegen; die SPD tat sich mit dem Umweltthema immer schwer, und die LINKE sowieso, und die Grünen haben ja oft genug auch Anflüge, in denen solche pragmatischen Kompromisse es dann schwer haben. An der CDU hängt es jedenfalls weniger, die ist nur in der aktuellen Inaktivität schön eingerichtet - denn das ist die Gegenseite dieser Rechts-Links-Dynamik: ohne den Anstoß von links versinkt die Rechte gerne in der Stagnation, wie die Linke ohne das Korrektiv von rechts sich gerne in Phantasien verliert.

6) Resisting the juristocracy
Instead of terrorizing the court into moving through various court-packing schemes, it is a much better and bolder choice for the left to stand up for reforms that will take the last word from it. Jurisdiction-stripping statutes, tools to bar the judiciary from considering cases on certain topics such as abortion or affirmative action, are not clearly unconstitutional even under current legal doctrine. Indeed, the right has used such statutes for years to limit access to courts for immigrants and prisoners. Other changes in customs and precedent could also weaken judicial supremacy. For example, by choice under pressure or compulsion through law, the Supreme Court could evolve into an advisory body, especially when the justices disagree. Such steps would force progressives to take their case to the people to win majorities for their policies, including in places across the country they have given up for lost. The United States still looks to the higher judiciary to act on behalf of the country’s principles and values, even when basic study proves that judges are partisan and that partisanship only increases when they are given the power to decide the highest stakes questions. The mythology of constitutional law dies hard. The notion that empowering judges would serve progressive outcomes is a flickering star that collapsed long ago, and it is long since time to accept the dying of the light. A legal culture less oriented to the judiciary and more to public service in obtaining and using democratic power in legislatures at all levels is the sole path to progress now. In fact, it always has been. (Boston Review)
Ich sage schon seit geraumer Zeit (und nicht erst seit der konservativen Dominanz im Supreme Court) dass die herausgehobene Stellung der Verfassungsgerichte problematisch ist. Das ist auch kein amerikanisches Problem; seit Längerem läuft hier in Deutschland ja auch die Debatte zum Bundesverfassungsgericht als "Ersatzgesetzgeber". Die Funktion der obersten Verfassungsgerichte wird durch Verantwortungsflucht der Politik befeuert: anstatt Probleme im Parlament zu lösen, indem politische Mehrheiten organisiert und Verantwortungen übernommen werden, wartet man auf die verordnete Lösung von oben, und der Wähler liebt es zu allem Überfluss auch noch (die Verfassungsgerichte haben gigantische Zustimmungsraten, wie jedes nicht gewählte Organ; eines der Grundparadoxien der Demokratie). Wir konnten das beispielsweise bei der Griechenland"rettung" beobachten, wo man sich nur allzugern von BVerfG, EU und IWF auf einen Kurs verpflichten ließ, statt selbst einen zu schaffen. Man konnte es bei der Debatte ums Wahlrecht sehen, wo bis zum letztmöglichen Moment die Kompromissfindung verschleppt und durch schlampige Gesetzgebung in letzter Minute gleich wieder das BVerfG bemüht wurde, wie ein Schüler, der pro forma etwas auf die Seite rotzt, damit der Lehrer es als Anlass zum Vormachen an der Tafel nimmt. Und es wäre beinahe bei der Homoehe so gekommen (und war ja schon mehrere Jahre lang von Beobachtern so erwartet worden), hätte nicht Martin Schulz das Thema als Wahlkampfschlager entdeckt und Merkel es mit untrüglichem Instinkt im Parlament neutralisiert. Das Problem ist, dass auf diese Art und Weise die Politik zwar eine Arena für den Streit über die Themen bleibt - mit all der Unbeliebtheit, den dieser Streit beim Wähler verursacht - aber die Lösungen selbst entstehen bei scheinbar neutralen Arbitern, so dass am Ende alle und keiner für das Ergebnis verantwortlich sind und der Eindruck von "denen da oben", die "eh machen was sie wollen", nur umso mehr verhärtet, anstatt dass man vernünftig die fiese Regierungskoalition verantwortlich zeichnen kann. Zugespitzt könnte man sagen: wir brauchen mehr Dosenpfand statt ESM. Über das eine kann man sich wenigstens ordentlich aufregen und Verantwortliche benennen.

7) Preis zahlen
Eine abrupte Einführung der Katalysator-Technik würde unvermeidlich zu hoher Arbeitslosigkeit in der Autobranche führen, argumentieren Manager der Industrie wie Beamte aus Bonn. Das "Gefährdungspotential", heißt es in einem internen Bericht des Innenministeriums, liege allein in der Automobilindustrie bei 30 000 Arbeitsplätzen. Hinzu kämen noch die Stellenverluste bei den Zulieferern. Die Angst vor Absatzverlusten der deutschen Automobilindustrie ist nicht technisch begründet. Für den Export in die USA bauen Mercedes, VW, BMW, Audi und Porsche schon heute Autos, die den künftigen Abgasanforderungen gerecht werden. Am Dienstag voriger Woche konnte Zimmermanns Staatssekretär Carl-Dieter Spranger im EG-Ministerrat den Franzosen in zwanzigstündiger Verhandlung nicht das geringste Zugeständnis abringen. Allein die Manager von Ford und Opel behaupten, den Zeitplan aus technischen Gründen nicht einhalten zu können. Bestünde Bonn auf dem Datum des 1. Januar 1986, dann, so die Warnung, müßten diese beiden Firmen Motoren von den Konzernmüttern im Ausland importieren - zu Lasten der inländischen Produktion. Ford-Chef Daniel Goeudevert zu Zimmermann: "Das kann ich meinen Betriebsräten nicht erklären." (SPIEGEL von 1983)
Dieses vom Twitter-Account "Verrückte Geschichte" ausgegrabene Fundstück ist auch symptomatisch für die Beziehung zwischen Autoherstellern und Staat in Deutschland. Die überproportionale Rolle, die die Industrie im wirtschaftlichen Gefüge hat, erlaubt ihnen durch ausgezeichnete Verbindungen eine unheuere Bremsfunktion zu spielen, die keinerlei Sachzwängen gehorcht. Wir haben das in der letzten Zeit am Dieselskandal und der langen Weigerung, in E-Mobilität zu investieren, gesehen. Wie 1983 standen alternative Technologien durchaus zur Verfügung, waren aber aufgrund der für die Unternehmen günstigen rechtlichen Lage in Deutschland nur im Export notwendig. Das hält die entsprechenden Manager natürlich nicht davon ab, den Knüppel der Bedrohung von Arbeitsplätzen auszupacken, wenn Standards für den deutschen Markt angewandt werden müssen, die für große Teile der restlichen Welt längst Standard sind. Dass selbst heute noch viele Unmwelt- und Klimaschutz als Luxusthema begreifen, das man sich sozusagen "leistet", und nicht als existenzielle Bedrohung und Jahrhundertaufgabe, ist in dem Zusammenhang auch wenig hilfreich.

8) Nicht einmal Facebook versteht Facebook
Soziale Gravitation bedeutet dabei: Die größte Plattform hat die größte Definitionsmacht darüber, wie ganze Bevölkerungen die Welt wahrnehmen - leider ohne sie präzise kontrollieren zu können. Nicht einmal Facebook hat Facebook verstanden. Google hat Facebook und soziale Medien insgesamt offensichtlich auch nicht verstanden. Auch bei YouTube ist zu beobachten, wie eine Plattform die Gesellschaft auf eine schwer einschätzbare und sehr problematische Weise prägen kann, dort vor allem durch toxische Verschwörungstheorien. Solche Social-Media-Monokulturen, die direkte Folge der sozialen Gravitation, skalieren und verstärken die negativen Effekte auf die Gesellschaft. Niemand kann heute verlässlich einschätzen, welche Probleme dadurch auf uns zukommen, es ist wie ein Autorennen im Nebel. Die im Moment bestimmende Generation hat ihre Kinder jahrelang gewarnt, sie sollten nicht alles glauben, was sie im Netz sehen. Und nach dem ersten, intensiven Kontakt mit sozialen Medien macht ein guter Teil von ihnen genau diesen Fehler selbst und stürzt sich kopfüber in die Social-Media-Realität. Ein aus meiner Sicht wichtiger Grund für den autoritären Backlash ist, wie wenig die Gesellschaft auf die Wirkmacht der sozialen Medien vorbereitet war. Auf die ständige Überdosis Weltgeschehen, empörfertig emotionalisiert. [...] Deshalb bleibt die große Hoffnung, dass kommende Generationen das Netz klüger verwenden, oder dass wir Älteren bereit sind, von den Jüngeren zu lernen. Millennials etwa betrachten soziale Medien nicht als Monokultur, sondern nutzen neugierig mehrere verschiedene Plattformen - wodurch die Macht und die Missbrauchbarkeit einzelner Unternehmen fast automatisch geringer wird. Immerhin. Aber bis diese digital etwas aufgeklärtere Lebensweise flächendeckend wirksam wird, vergeht noch viel Zeit. Der Stand heute: Trump gewählt, Brexit ebenso, Autoritäre weltweit auf dem Vormarsch, alles mithilfe sozialer Medien. Die Realität ist social geworden - leider bevor wir einen sinnvollen Umgang mit sozialen Medien entwickeln konnten. (SpiegelOnline)
Ich stimme der These, dass es sich bei vielen der heute beobachteten negativen Effekte von Sozialen Netzwerken effektiv um Kinderkrankheiten einer neuen Technologie handelt grundsätzlich zu. Einiges dürfte verschwinden, sobald die Menschen sich daran gewöhnt haben, dass diese Technologie im Alltag ständig verfügbar ist und neue Mechanismen entwickelt haben, wie damit umzugehen ist (ich habe das ja am Beispiel Smartphone im Unterricht thematisiert). Da darf man sich auf jeden Fall Besserung erwarten. Aber: die neue Realität wird bleiben. Soziale Netzwerke und mobiles Internet werden die Gesellschaft genauso einprägend verändern wie es das Fernsehen und davor das Radio und davor die Zeitung getan haben. In all diesen Fällen änderte sich der Nachrichtenkonsum der Menschen entscheidend, wurden alte Meinungshoheiten untergraben und rückten neue mediale Eliten auf. Politik wandelte sich, während sich die Bedeutung vom geschrieben zum gesprochenen zum performten Wort verschob. Jedes Mal wurde händeringend der Verfall des Niveaus beklagt und das dräuende Ende der Demokratie beschworen. Die Gesellschaft muss sich an die neuen Gegebenheiten gewöhnen - und sie wird das auch.

9) Almost no one is falsely accused of rape
One commonly cited figure holds that 5 percent of rape allegations are found to be false, but that figure paints a very incomplete picture, says Belknap. Typically, this figure comes from studies done on college students, an estimated 95 percent of whom do not report their assaults to police. Overall, an estimated 8 to 10 percent of women are thought to report their rapes to the police, which means that — at the very highest — we can infer that 90 percent of rapes go unreported, says Belknap. Obviously, only those rapes that are reported in the first place can be considered falsely reported, so that 5 percent figure only applies to 10 percent (at most) of rapes that occur. This puts the actual false allegation figure closer to 0.5 percent. Of course, these figures are estimates, and Belknap doesn’t doubt they’re imperfect — we can’t count what isn’t being counted. But her research suggests that, if anything, we underestimate the number of rapes that go unreported. [...] Police might also deem an accusation “false” if there are details they find incriminating on the part of the accuser. Belknap described one story she heard from a rape crisis counselor, who’d spoken with a survivor whose assault was deemed “false” because she’d allowed her eventual rapist to remove her ski boots for her after skiing. “Just because the police say something is an unfounded rape, because they don’t think it happened, that doesn’t mean it didn’t happen,” says Belknap. [...] To put that data into perspective, Newman consulted data on wrongful murder convictions. “It seems to be extremely rare for anyone to be wrongfully convicted as a result of a false accusation of rape,” she says. “I was only able to find 52 cases in 25 years where a conviction was later overturned after a wrongful conviction based on false rape allegations. In the same period, there were 790 cases where people were found to be wrongfully convicted of murder.” For what it’s worth, 790 divided by 52 is 15.2, meaning that by Newman’s data, you were 15 times likelier in that 25-year period to be wrongfully convicted of murder than of rape. And, let’s keep in mind, rape allegations resulting in convictions are already vanishingly rare: Newman cites a study that found that, of 216 assault complaints classified as false, only six led to arrest, and only two led to actual charges. (And even then, they were eventually deemed false.) (The Cut)
Diese Zahlen wären grundsätzlich dazu angetan, etwas Realitätsbezug in eine völlig wirre Debatte zu bringen. In einem atemlosen Artikel nach dem anderen darf man gerade lesen, wie ungeheur gefährlich #Metoo doch ist, weil es Falschbeschuldigungen gegen Männer Tür und Tor öffnet. Und ja, der Hinweis auf diese Gefahren ist durchaus richtig und wichtig. Nur wird keinerlei Verhältnis gewahrt, weil die aktuellen Missstände demgegenüber völlig ins Hintertreffen geraten und teilweise sogar implizit geleugnet werden (wo das dann zu einem ideologischen Kreuzzug gegen Unschuldige wird). Anstatt dass es zu einer Debatte und Aufarbeitung der systemischen Ursachen kommt, dreht sich alles nur noch um die Frage, ob man die Debatte überhaupt führen soll und "darf" - immer die sicherste Methode, sie zu ersticken. Es wäre von daher gut, einmal innezuhalten und Maß zu nehmen. Und dann könnten wir vielleicht auch sachlich über die Frage sprechen, wie weit das verbreitet ist und wie wir einem Generalverdacht für alle Männer aus dem Weg gehen können. Und nun auf in die Kommentare, ich geb schon mal Stichworte vor: feministische Ideologie, Gutmensch, Hypermoralist. Go!

Amazon.com Inc’s (AMZN.O) machine-learning specialists uncovered a big problem: their new recruiting engine did not like women. The team had been building computer programs since 2014 to review job applicants’ resumes with the aim of mechanizing the search for top talent, five people familiar with the effort told Reuters. Automation has been key to Amazon’s e-commerce dominance, be it inside warehouses or driving pricing decisions. The company’s experimental hiring tool used artificial intelligence to give job candidates scores ranging from one to five stars - much like shoppers rate products on Amazon, some of the people said. “Everyone wanted this holy grail,” one of the people said. “They literally wanted it to be an engine where I’m going to give you 100 resumes, it will spit out the top five, and we’ll hire those.” But by 2015, the company realized its new system was not rating candidates for software developer jobs and other technical posts in a gender-neutral way. That is because Amazon’s computer models were trained to vet applicants by observing patterns in resumes submitted to the company over a 10-year period. Most came from men, a reflection of male dominance across the tech industry. In effect, Amazon’s system taught itself that male candidates were preferable. It penalized resumes that included the word “women’s,” as in “women’s chess club captain.” And it downgraded graduates of two all-women’s colleges, according to people familiar with the matter. They did not specify the names of the schools. (Reuters)
Diese Nachricht ist ein weiterer Teil meiner persönlichen Spaß-Reihe "Wenn Informatiker auf Realität treffen". Die Machbarkeitsideologie des Silicon Valley gibt immer wieder Anlass zu Erheiterung, Kopfschütteln oder Zorn, wenn diese Leute meinen, sie könnten Menschen einfach per Algorithmus vermessen und in Systeme zwängen. Stattdessen prallen diese Systeme wieder und wieder auf die Komplexität der Realität. Warum die Informatiker nicht stärker mit den Sozialwissenschaften zusammenarbeiten, bleibt mit schleierhaft. Zum anderen ist diese Episode aber natürlich ein weiteres Beispiel für den tief verwurzelten strukturellen Sexismus in der Gesellschaft, der entgegen anderslautender, lautstarker Proteste gerade auch hier im Blog eben doch existiert und alle Ebenen durchdringt. Die impliziten Annahmen bestimmen die Ergebnisse, und das beharrliche Leugnen der Existenz dieser Annahmen sorgt dafür, dass sie weiterhin bestehen bleiben. Die Geschichte erinnert mich auch ein wenig an den Twitter-Bot, den Microsoft programmiert hat. Es war eine künstliche Intelligenz, die auf Twitter wie ein Mensch kommunizieren und lernen sollte. Innerhalb von 24 Stunden klopfte die KI frauenfeindliche Sprüche und leugnete den Holocaust. Die Naivität der Informatiker, die glaubten sie könnten ihre eigene Ideologie vom ideologiefreien Netz (auch so ein Paradoxon) einfach per Fiat durchsetzen, geriet da auch sehr schnell an ihre Grenzen. Aber wie im Fundstück 8 beschrieben wirkt das Soziale Netz auf alle Menschen, sowohl in die eine wie die andere Richtung.

Though Britain’s budget deficit peaked at £153bn (9.9 per cent of GDP) in 2009-10, the degree of austerity imposed (and the emphasis on spending cuts over tax rises) was always a matter of choice, rather than necessity. For Britain – with its own currency, independent central bank and low borrowing costs – alternatives were available. Rather than stimulating growth, austerity has depressed it. Even the IMF, a former cheerleader for cuts, concluded in 2016 that they did more harm than good. Partly owing to the slowest economic recovery in history, Britain’s national debt has increased from £1trn in 2009-10 to £1.8trn (or from 64.3 per cent of GDP to 84.3 per cent). Future generations will, after all, inherit a debt burden as well as an enfeebled public realm. Far from the age of “big government” being over, voters now long for its return. The 2018 British Social Attitudes survey found that 60 per cent favour higher taxes and spending (the highest level in 15 years), 33 per cent support present levels and a mere 4 per cent wish to further roll back the state (libertarianism is, by some distance, the loneliest ideology in British politics). To meaningfully end austerity, May will have to give the people what they want: tax rises. Her commitment to reduce the national debt as a share of GDP means that borrowing alone will not suffice. To end cuts in all areas, while delivering promised spending increases for health and defence, the government will need to find an additional £20bn by the end of this parliament – without a reliable Commons majority. (The New Statesman)
Wir hatten hier jüngst in den Kommentaren die Debatte, dass die Leute in der Theorie immer gegen Steuern sind, aber nicht in der Praxis. In einem Land wie Großbritannien, das ja nicht eben in Verdacht steht jeden Moment dem Sozialismus anheim zu fallen, fordern die Leute Steuererhöhungen, wenn sie in der Realität eines Landes leben müssen, das kein Hochsteuerstaat ist. Denn bei allem Meckern über hohe Abgaben: die Menschen mögen die Leistungen, die sie mit ihren Steuern und Abgaben bekommen. Deswegen scheitern die FDP und ihre Parteigänger auch immer. Und keine Schuldenbremse der Welt wird etwas daran ändern. Die macht es dann nur umso teurer, die Trümmer der Austeritätsideologie wegzuräumen, wenn der unvermeidliche Zusammenbruch der kaputtgesparten Infrastruktur vom Wähler nicht mehr gouttiert wird. Da mag dann auch keiner mehr Schwarze Nullen, weder im Haushalt noch im Ministerium.

Samstag, 13. Oktober 2018

Frauen vertrauen, Klima retten, Mathe lernen, Privatsphäre wahren, Diskurs führen - Vermischtes 13.10.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Vertraut den Frauen!
Verrückt, dass wir Frauen so sehr in einem medizinischen und moralischen System gefangen sind, dass wir gar nicht darauf kommen, zu fordern, dass wir eine zutiefst private und intime Erfahrung wie einen Schwangerschaftsabbruch selbst gestalten können. Dass ausgerechnet in der Illegalität, wenn Frauen nichts Anderes übrig bleibt, als den Abbruch eigenständig zu organisieren, sie Strukturen aufbauen, mit denen sie diese Erfahrung zu ihren Bedingungen machen. Unabhängig von einem paternalistischen Spießrutenlauf an Rechtfertigungen und Formalitäten mit ÄrztInnen und BeraterInnen, den Frauen in Deutschland und anderswo mitmachen müssen und der ihnen vermittelt, darum bitten zu müssen, Entscheidungen über ihre Körper und ihre Zukunft treffen zu können. Verrückt. [...] Hinter dem mangelnden Vertrauen steckt ein althergebrachtes patriarchales Motiv: Das Mutterideal teilt Frauen immer noch in Huren oder Heilige ein. Frauen sollen Heilige sein, also eher für andere Menschen (und Embryonen) da sein als für sich selbst. Wir wollen Zugriff auf die Frau als Ressource haben, die Wärme und Liebe in unserer Gesellschaft spenden soll. Hinter dem Kult um das Mutterideal stehen aber auch ökonomische Interessen. Die Strukturierung der Lohnarbeit, des Steuersystems ebenso wie die geschlechtliche Arbeitsteilung in der Kleinfamilie beruhen auf der emotionalen Zurichtung der Frau als unbezahlte Fürsorgearbeiterin, die freiwillig Liebe gibt. Auf der anderen Seite steht die Hure, die Hedonistin, die nicht verantwortungsvoll mit ihrer Reproduktionsfähigkeit umgehen kann. So kommentierte etwa der jetzige Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) 2014 anlässlich der Debatte um die rezeptfreie Vergabe des Notfallverhütungsmittels Levonorgestrel, Frauen würden diese "Pille danach" wie Smarties essen, sollte sie rezeptfrei erhältlich sein. Wieso glaubt ein Gesundheitsminister eine solche Aussage wie von einem moralischen Feldherrenhügel aus treffen zu können, die aber nur seine Inkompetenz bezeugt? Fakt ist: Ungewollte Schwangerschaften entstehen auch trotz Verhütung. Die Vorstellung, Frauen seien zu verantwortungslos zum Verhüten, speist sich aus der Unwissenheit über die Fehlerquote, Kosten und Unverträglichkeit der gängigsten Verhütungsmethoden und die mangelnde Kooperation von Männern. Frauen müssen ihre Gebärfähigkeit wohl oder übel managen und es gibt keine hundertprozentig sichere Methode gegen ungewollte Schwangerschaften. (Zeit)
Bei Debatten über Abtreibung muss man immer im Kopf behalten, dass es sich um eine moralisch-ethische Diskussion handelt, in die jede Seite mit gewissen Prämissen geht. Während Befürworter der Legalisierung auf Basis eines Wertesystems argumentieren, das die körperliche Autonomie der Frau an erste Stelle stellt - und daher auch Aufrufe wie den obigen verfassen kann - argumentieren Gegner einer Abtreibungslegalisierung mit dem Schutz ungeborenen Lebens. Beide Positionen sind dadurch, dass es sich um Wertfragen handelt, in einer pluralistischen Gesellschaft legitim und haben den gewaltigen Nachteil, dass Kompromisse schwer bis unmöglich sind. Ich kann nicht sowohl ungeborenes Leben schützen als auch die körperliche Autonomie der Frau wahren. Einer der beiden Grundwerte muss zwingend hinter dem anderen zurückstecken, wann immer es zum Konflikt kommt. Das ist bei jedem Wertekonflikt so. Das beste Beispiel dafür ist die Frage der Homo-Ehe vergangenen Frühsommer. Ich kann entweder das moralische Prinzip vertreten, dass der Schutz von Ehe und Familie nur für heteronormative Paare mit (zumindest theoretisch möglichem) Kinderwunsch gilt oder dass der spezielle grundgesetzliche Schutz der Ehe auch auf andere Gruppen ausgeweitet wird. Ein Kompromiss ist unmöglich: es kann nur entweder das eine oder das andere Prinzip gelten. Vor diesem Hintergrund ist es auch immer etwas problematisch, diese Fragen vor dem Bundesverfassungsgericht klären zu wollen. Dieses hat zwar grundsätzlich eine verlässliche, unaufgeregte und weise Rechtsprechung, ist aber nicht die Institution, die solche Fragen klären sollte. Das ist der Bundestag, denn diese Normenkonflikte werden gesamtgesellschaftlich ausgetragen und sollten daher auch im parlamentarischen Streit ihre Entsprechung finden, bevorzugt in freigegebenen Abstimmungen ohne Fraktionszwang, da ethisch-moralische Fragestellungen sehr persönliche Fragen sind. Gleichzeitig ist es natürlich zu begrüßen, wenn die Trends in der Bevölkerung auch gesetzlich eine Entsprechung finden (sprachen sich doch schon lange große Mehrheiten für die Homo-Ehe aus). Es dürfte Leser dieses Blogs wenig überraschen, dass ich grundsätzlich eine Legalisierung der Abtreibung befürworte und die obigen Argumente nur unterschreiben kann. Aber das liegt unter anderem daran, dass ich die Werte der Abtreibungsgegner nicht teile. Opfer gibt es in jedem Fall. Ist Abtreibung nicht legal, sind Frauen, die die Schwangerschaft nicht zu Ende bringen wollen (und mittelbar unter Umständen die Kinder) Opfer; ist sie legal, sind ungeborene Kinder zwangsläufig die Opfer. Welches der beiden man für vertretbarer hält hängt vom eigenen Wertesystem ab.

2) Study: Half of "The Last Jedi" haters were politically motivated or not even human
Yesterday, researcher Morten Bay released an academic paper attempting to address those questions. Entitled "Weaponizing the Haters: The Last Jedi and the strategic politicization of pop culture through social media manipulation," it examines a sampling of 967 tweets (one per account) sent to writer/director Rian Johnson over a period of six months. Analysing the language used in the tweets, as well as the qualities possessed by the accounts tweeting them, Bay came to some startling conclusions - and some that aren't startling at all. Turns out the film's Twitter haters follow a similar pattern to its RottenTomatoes haters (which BMD reported on opening weekend). Bay first categorises the tweets into positive, neutral, and negative opinions, of which 206 (21.9%) ended up in the “negative” column (and only five were from female-identifying accounts). He then further analyses the negative tweets and their parent accounts, further dividing them into categories: 11 tweets from bots, 33 from sock puppet or troll accounts; 61 clearly driven by a political agenda, and 101 (i.e. 10.5% of the total) from demonstrably real people with a non-political reason for disliking the film. So if the study is anything to go by, no, not all Last Jedi haters are “politically motivated or not even human” - just around half of them. (Birth Movies Death)
Zunehmend wird deutlich, dass die sozialen Netzwerke ein Kriegsschauplatz sind, auf dem die merkwürdigsten Grabenkämpfe ausgetragen werden. Aktuell zeichnen sich die Massenmedien durch eine wesentlich zu geringe Distanz zum Gegenstand aus. Noah Smith sprach letzthin auf Twitter darüber, dass das Medium zwar von praktisch allen Entscheidungsträgern, vor allem journalistischer Art, heute benutzt wird, für große Teile der Bevölkerung aber irrelevant ist und dass deswegen "Twitter-Wars" in den Nachrichten eine wesentlich größere Rolle einnehmen, als ihnen eigentlich zusteht. Wenn man dazu Erkenntnisse wie die oben hinzuzieht, wird das Bild noch düsterer. Dass Bots, möglicherweise aus Russland gesteuert, in der Präsidentschaftswahl 2016 die sozialen Netzwerke mit Pro-Trump-Propaganda geflutet haben ist, im Gegensatz zu den Auswirkungen und der Wirkmächtigkeit dieser Attacken, mittlerweile anerkannte Tatsache. Dass solche Bots mittlerweile auch in Debatten wie die Qualität der jüngsten Star-Wars-Filme eingreifen und diese zur Spaltung der Gesellschaft nutzen, ist beunruhigend. Zwar kann man jetzt über die Frage, ob The Last Jedi ein guter Film ist oder nicht, die Schultern zucken. Aber das ist ja nur ein Fall, und es ist nicht anzunehmen, dass es ein Einzelfall ist. Wenn Bots sich in Diskussionen über alle möglichen Themen einmischen, und wenn Trolle dasselbe tun, mit dem Ziel, die Debatte zu verschärfen und anzuheizen, ist das für das gesamtgesellschaftliche Klima wenig förderlich. Diese gesellschaftliche Spaltung hat Rückwirkungen zurück auf den politischen Raum, und spätestens hier betrifft es uns dann doch wieder alle, und nicht nur Star-Wars-Cineasten. Es braucht deutlich mehr Untersuchungen, Debatten und Vorsicht bei diesem Thema, als das in der unreflektierten Wahrnehmung der Sozialen Netzwerke bisher der Fall ist.

3) Climate scientists are struggling to find the right words for very bad news
At issue is what scientists call the ‘carbon budget’: Because carbon dioxide lives in the atmosphere for so long, there’s only a limited amount that can be emitted before it becomes impossible to avoid a given temperature, like 1.5 degrees Celsius. And since the world emits about 41 billion tons of carbon dioxide per year, if the remaining budget is 410 billion tons (for example), then scientists can say we have 10 years until the budget is gone and 1.5 C is locked in. Unless emissions start to decline — which gives more time. This is why scenarios for holding warming to 1.5 degrees C require rapid and deep changes to how we get energy. The window may now be as narrow as around 15 years of current emissions, but since we don’t know for sure, according to the researchers, that really depends on how much of a margin of error we’re willing to give ourselves. And if we can’t cut other gases — such as methane — or if the Arctic permafrost starts emitting large volumes of additional gases, then the budget gets even narrower. “It would be an enormous challenge to keep warming below a threshold” of 1.5 degrees Celsius, said Shindell, bluntly. “This would be a really enormous lift.” So enormous, he said, that it would require a monumental shift toward decarbonization. By 2030 — barely a decade away — the world’s emissions would need to drop by about 40 percent. By the middle of the century, societies would need to have zero net emissions. What might that look like? In part, it would include things such as no more gas-powered vehicles, a phaseout of coal-fired power plants and airplanes running on biofuels, he said. “It’s a drastic change,” he said. “These are huge, huge shifts … This would really be an unprecedented rate and magnitude of change.” And that’s just the point — 1.5 degrees is still possible, but only if the world goes through a staggering transformation. An early draft (leaked and published by the website Climate Home News) suggests that future scenarios of a 1.5 C warming limit would require the massive deployment of technologies to remove carbon dioxide from the air and bury it below the ground. Such technologies do not exist at anything close to the scale that would be required. “There are now very small number of pathways [to 1.5C] that don’t involve carbon removal,” said Jim Skea, chair of the IPCC’s Working Group III and a professor at Imperial College London. It’s not clear how scientists can best give the world’s governments this message — or to what extent governments are up for hearing it. (Washington Post)
Es ist ein schweres Manko dieses Blogs, dass hier so wenig über Klimathemen gesprochen wird. Das liegt glaube ich auch daran, dass sie im Gegensatz zu den Themen, die uns hier in den Kommentarspalten häufiger bewegen, nur schwer auf spezifische Ereignisse, die sich isoliert diskutieren lassen, herunterbrechen lassen. Die Klimawissenschaftler klingen letzten Endes immer gleich, und weil die Zeiträume, in denen sich die Problematik bewegt, viel zu groß für den menschlichen Verstand sind (wir sind furchtbar schlecht darin langfristig zu denken, siehe auch Altersvorsorge...), scheint das alles ein einziger Brei zu sein, der eigentlich unlösbar in der unbestimmten Zukunft vor sich hinwabert. Dabei bräuchte es eigentlich radikale Maßnahmen, um gegenzusteuern. Diese Mechanik macht es auch den Klimaleugnern (ich warte schon auf die entsprechenden Kommentare) leicht, das Problem entweder rundheraus zu leugnen (indem den Wissenschaftlern Vertrauen, Objektivität und Kompetenz abgesprochen werden) oder aber abzustreiten, dass an der generellen Klimaerwärmung wahlweise menschliche Ursachen vorliegen und/oder dass die Menschheit irgendetwas dagegen unternehmen könnte. Diese Untätigkeit ist ein absolutes Desaster, ein fortgesetztes Desaster, an dem auch Deutschland maßgeblich Mitschuld trägt.

4) Die Mathematik der Gefahr
Das absolute Risiko einer medizinischen Intervention unterscheidet sich dabei vom relativen Risiko. Das wird an einem Beispiel klar: Angenommen, bei einem Test kann durch ein Medikament die Zahl der Erkrankungen von 10 auf 5 Fälle bei 1000 Personen reduziert werden. Relativ gesehen ist das eine Reduzierung des Krankheitsrisikos um 50 Prozent (5 von 10). Absolut gesehen sind es jedoch nur 0,5 Prozent (5 von 1000). Die erste Zahl wird vermutlich die Firma, die das Medikament vermarkten möchte, bevorzugt verwenden. Die zweite Zahl ist aber wesentlich aussagekräftiger, da sie die Gesamtheit aller Fälle berücksichtigt. Das wird besonders deutlich, wenn es nicht um Heilung, sondern um Gefährdung geht. Betrachten wir diese von mir frei erfundenen Aussagen: »Der Konsum von einem Glas Bier pro Tag erhöht das Herzinfarktrisiko um 50 Prozent« und: »In der Gruppe der Menschen, die pro Tag ein Glas Bier getrunken haben, erlitten 2 von 1000 Menschen einen Herzinfarkt; in der Gruppe, die kein Bier trank, gab es dagegen nur einen Herzinfarkt unter 1000 Personen«. Beide Aussagen beschreiben denselben Sachverhalt. Doch es klingt für uns definitiv gefährlicher, wenn wir hören, dass das Risiko eines Herzinfarkts um 50 Prozent steigt. Das ist aber eben nur das relative Risiko. Diesem liegt der Befund zu Grunde, dass in der einen Gruppe eine Person und in der anderen zwei Personen einen Herzinfarkt hatten. Das absolute Risiko stieg dagegen bloß um 0,1 Prozent (1 Person von 1000). Die Angabe von relativen Risiken findet man leider viel zu oft in Medienberichten. Kein Wunder, denn sie klingen im Allgemeinen viel spektakulärer. Wenn wir wirklich über Gefahren oder Erfolge Bescheid wissen wollen, sollten wir nach den absoluten Zahlen suchen. Vor allem jedoch sollten wir uns immer der Tatsache bewusst sein, dass wir Wahrscheinlichkeiten und Risiken nicht ohne Weiteres korrekt einschätzen können. Der Rückgriff auf die Mathematik mag oft mühsam und kompliziert sein. Aber wenn wir die Dinge klar sehen möchten, bleibt uns keine andere Wahl. (Spektrum)
Ähnlich den in Fundstück 3 angesprochenen psychologischen Problemen verhält es sich auch mit Wahrscheinlichkeiten: es gibt nur wenig Konzepte, die Menschen so schwer verstehen. Ich habe das selbst während der Wahl 2016 zur Genüge spüren dürfen. Eine Wahrscheinlichkeit von 70% locker auf 100% aufzurunden ist keine gute Idee, nur als ein verirrtes Beispiel. Dass die Beispiele im obigen Artikel einen eigenen Fehler enthalten, indem eine Steigerung von 1 auf 2 als 50%-ige Steigerung betrachtet wird, macht die Sache alles, aber nicht besser. Es ist eines dieser Gebiete, auf dem man sich stets zur intellektuellen Disziplin ermahnen muss, um Nachrichten richtig einordnen zu können - sonst begeht man meinen Fehler und wird eiskalt von einem Ergebnis überrascht, das man selbst als unmöglich eingestuft hat. Vermutlich wären etwa unsere Straßen ein sichererer Ort, wenn Autofahrer besser darin wären, die Wahrscheinlichkeit von Gefahren einschätzen zu können...

5) Republican ruthlessness is not why they control the Supreme Court
This sense that maybe Democrats just didn’t fight hard enough is driven by a mix of understandable progressive frustration and equally understandable braggadocio from Senate Majority Leader Mitch McConnell, who’s running around talking about how he’s “stronger than mule piss” (which I guess is strong). But none of this is true. The Republican and Democratic parties really are different in important ways, but one way in which they are not different is that when it comes to congressional votes, Republicans win when they have the numbers, and Democrats win when they have the numbers. [...] Had Scalia died during the six-year period when Harry Reid was majority leader, Obama would have appointed his successor, and we would add “created the first progressive majority on the Supreme Court since the 1960s” to his résumé. Had Scalia lived through the 2016 election, he would have retired with Trump in office, and the process of replacing him with Neil Gorsuch would have been a normal SCOTUS succession rather than a Mitch McConnell masterstroke. [...] At the end of the day, the belief that getting two Supreme Court nominees confirmed reflects some kind of peculiar legislative genius on the part of Mitch McConnell doesn’t stand up to any kind of scrutiny. After all, Barack Obama and Harry Reid also got two Supreme Court justices confirmed. So did George W. Bush and Bill Frist. So did Bill Clinton and George Mitchell. That’s just what happens. That’s not to deny that McConnell is a shrewd legislative tactician — he’s an experienced politician and legislative leader, and he’s good at his job. It’s just to emphasize that, in many ways, circumstances make the man. Had the 2016 election broken slightly differently, after all, the blockage on Merrick Garland might have ended up looking like a fiasco that ultimately allowed President Hillary Clinton to swap him out in favor of a younger and more left-wing justice. (Vox)
Dieser Artikel ist ein ebenso notwendiges wie wertvolles Korrektiv für viele "hot takes" über die aktuellen politischen Geschehnisse und lässt sich problemlos auf jedes andere Land und jede andere Situation übertragen. Beobachter des politischen Prozesses neigen kurioserweise dazu, die Macht von Mehrheiten völlig zu unterschätzen und stattdessen den jeweiligen politischen Führungspersonen irgendwelche magischen Fähigkeiten zu unterstellen oder abzusprechen, Mehrheitsverhältnisse auszuhebeln. Ein besonderes prominentes Opfer dieses Effekts in Deutschland ist die SPD, der gerne vorgeworfen wird, ihr Wahlprogramm in der Großen Koalition nicht durchzusetzen, völlig ungeachtet der Tatsache, dass sie nicht 51% der Stimmen, sondern (aktuell) nur rund 21% haben. Auch Obama wurde gerne dafür kritisiert, dass er seine Politik nicht durch den Kongress brachte. Statt dafür richtigerweise das banale Fakt, dass seine Gegner ihn kontrollierten, als Erklärung zu nehmen, wurde dann immer gerne mit mangelnder Führungsstärke argumentiert, wie jetzt Trumps völlig überraschende politische Fähigkeiten beschworen werden, wo ganz banal seine Verbündeten die Schaltstellen der Macht kontrollieren. Trumps "deal making"-Fertigkeiten werden, so meine zu 100% eintreffende Prognose, mit dem Verlust einer oder beider Kammern eine deutliche Verringerung erleiden - was auch darauhin deutet, dass sie so nie existiert haben, genausowenig wie Obamas "Führungsschwäche" nach 2010. Auch in der internationalen Politik findet sich dieser Blödsinn häufig, wo dann lautstark bejammert wird, dass die "internationale Gemeinschaft" dieses odern jenes nicht vermöge, wo schlichtweg keine Mehrheit für die jeweilige Maßnahme zu finden ist oder halt ein Vetospieler im Weg sitzt. Jede noch so berechtigte Entrüstung in der westlichen Staatengemeinschaft wird einen Putin nicht davon abhalten, Maßnahmen gegen Syrien im Sicherheitsrat zu blockieren, ganz egal wie emphatisch und "führungsstark" sich das jeweilige westliche Führungspersonal gibt.

6) Sozialdetektive. Ein Gesetz in der Schweiz sieht weitreichende Eingriffe in die Privatsphäre vor
Das Gesetz erlaubt die Über­wa­chung einer Person über­dies nicht nur, wenn diese sich an einem allge­mein zugäng­li­chen Ort befindet, sondern auch, wenn sie sich an einem Ort befindet, „der von einem allge­mein zugäng­li­chen Ort aus frei einsehbar ist.“ Erlaubt ist damit die Über­wa­chung privater Gärten, von Balkonen und Wohnungen, mithin auch von Wohn- und Schlaf­zim­mern (mittels Tele­ob­jek­tiven und Richt­mi­kro­phonen). Man denke dabei an neue Wohn­bauten, wo oft ganze Fronten aus Fens­tern bestehen… Demge­gen­über dürfen Verdäch­tige im Rahmen einer poli­zei­li­chen Straf­ver­fol­gung nur „an allge­mein zugäng­li­chen Orten“ obser­viert werden, wie Art. 282 der Straf­pro­zess­ord­nung fest­hält. Private Räume, auch wenn diese von einem öffent­li­chen Ort aus einsehbar sind, bleiben für die Straf­er­mittler tabu. Das heisst, dass die Organe der Sozi­al­ver­si­che­rungen – d.h. die auch von privaten Versi­che­rungs­un­ter­nehmen beauf­tragten Sozi­al­de­tek­tive – stärker in die Privat­sphäre von Verdäch­tigen eingreifen dürfen als die Organe der Straf­ver­fol­gung, sprich die Polizei. Mit anderen Worten: Das Gesetz ermäch­tigt die Sozi­al­ver­si­che­rungen zu Grund­rechts­ein­griffen, welche selbst bei der Verfol­gung von Verbre­chen in dieser Form nicht zulässig sind. [...] Warum soll man Menschen, die des Miss­brauchs von Sozi­al­ver­si­che­rungs­leis­tungen verdäch­tigt werden, härter anfassen als Verdäch­tigte eines Verge­hens oder Verbre­chens, ganz zu schweigen von jenen, die der Steu­er­hin­ter­zie­hung verdäch­tigt werden? Es ist unüber­sehbar, dass die jahre­lange Verleum­dung der Sozi­al­leis­tungs­be­züger als „Sozi­al­schma­rotzer“ und „Schein­in­va­lide“ ihre giftigen Früchte trägt. Wie anders ist es zu erklären, dass nur Bezüger von Leis­tungen der Sozi­al­ver­si­che­rungen aufs Korn genommen werden, nicht aber Bezüger von Subven­tionen, geschweige denn hinter­zie­hende Steu­er­schuldner? Ob jemand Steuern hinter­zieht oder unrechts­mässig Sozi­al­ver­si­che­rungs­leis­tungen bezieht, macht für das geschä­digte Gemein­wesen keinen Unter­schied. Bezüger von Sozi­al­ver­si­che­rungs­leis­tungen werden einem Gene­ral­ver­dacht unter­stellt. Anders ist diese unver­hält­nis­mäs­sige Über­wa­chungs­ge­setz­ge­bung nicht zu erklären. Und aus den genannten Gründen ist sie auch in keiner Weise zu recht­fer­tigen. (Geschichte der Gegenwart)
Es zeigt sich einmal mehr, dass die rechten Parteien trotz ihrer entsprechenden Rhetorik eben keine "Law and Order" vertreten. Dasselbe Prinzip lässt sich ja bei den Republicans in den USA betrachten. Vielmehr geht es hier um eine Nutzung des Staats als Waffe, die dann in rechtsstaatliche Begriffe gewandet wird, mit denen sie aber wenig zu tun hat. In Deutschland durften wir dieses Phänomen jüngst im Falle der für unrechtmäßig erklären Abschiebung von bin Ladens ehemaligem Leibwächter bewundern, wo plötzlich alle Rechten ihre Liebe zum Rechtsstaat, die sie bei Merkels Flüchtlingspolitik so ergreifend in Szene zu setzen wussten, beiseite ließen und für das unkontrollierte Herrschen des "gesunden Volksempfindens" in der Rechtsprechung plädierten. #

7) Ausweitung der Kampfzone
Zum ersten Mal seit längerer Zeit stehen energiepolitische Themen in diesem Herbst wieder ganz oben auf der Agenda. Im Hambacher Forst stehen sich militante Umweltschützer, RWE und Staatsgewalt unversöhnlich gegenüber. Die Umweltverbände BUND und Greenpeace ketten sich im Rheinland an jeden einzelnen Baum und drohen mit dem Ausstieg aus der Kohlekommission. Und gleichzeitig stellt der Berliner Bundesrechnungshof der Regierung in seinem neuesten Energiewende-Bericht ein verheerendes Zeugnis aus. [...] Fest steht, dass die Kernenergie der Zukunft anders aussehen wird als die, welche wir heute in der deutschen Provinz sehen. Aber ob sie verschwinden muss – das sei dahingestellt. Mauern stehen nicht 100 Jahre, nur weil ein Honecker das ein Jahr vor Mauerfall behauptet. Auch die Mauern der deutschen Diskurse, der deutschen Mehrheitsverhältnisse und des deutschen Atomgesetzes sind da keine Ausnahme. (Salonkolumnisten)
Wenn der Hambacher Forst den Effekt hätte, durch eine erhöhte Salienz des Energie- und Umweltthemas eine Verdrängung des Flüchtlingsthemas zu erreichen, wäre das grundsätzlich zu begrüßen. Aber die rechten identity politics wirken dem leider entgegen, und der Hambacher Forst wird ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des ausgestreckten Zeigefingers debattiert, damit die konservativen Hypermoralisten ihr Gutmenschentum unter Beweis stellen.

8) Trump officials plan maintenance downtimes during the healthcare.gov signing-up period
The Trump administration is planning hours-long downtimes for maintenance on healthcare.gov during the coming ObamaCare sign-up period. The administration drew criticism for a similar move last year from advocates who said the downtime would hinder efforts to sign people up for coverage, but the administration counters that maintenance downtime happens every year and is designed to occur during the slowest periods on the site. The maintenance schedule is the same as last year, the federal Centers for Medicare and Medicaid Services said Tuesday, meaning healthcare.gov is scheduled to be offline for maintenance from 12 a.m. to 12 p.m. each Sunday during the sign-up period, except for the final Sunday, for a total of 60 hours of downtime. [...] Any announcement on the Trump administration’s plans for ObamaCare sign-ups draws scrutiny. Democrats have long accused the administration of “sabotaging” the law. For example, the Trump administration last year cut the advertising budget to encourage people to sign up by 90 percent, a move that Democrats quickly criticized saying it would significantly hinder the number of people enrolling. (The Hill)
Abgesehen davon, dass die Sabotageversuche der Trump-Regierung ungeheuer offenkundig sind - jede Gelegenheit, den Menschen den Zugang zu einer Krankenversicherung zu erschweren, wird genutzt - zeigt der Artikel ein deutliches Problem in der Politikberichterstattung auf, das in der Trump-Ära (und der des Aufstiegs der Populisten allgemein) zunehmend in den Fokus gerät: Die scheinbare Objektivität und unparteiische Ausgeglichenheit lässt jeden Anschein einer objektiven Wahrheit verschwinden. Der obige Artikel framet die Reaktion der Democrats nach den klassischen Regeln der Politikberichterstattung: Seite A sagt das eine, Seite B das andere. Aber es ist nicht auch nur im Geringsten im Zweifel, dass die Regierung das Gesetz sabotiert. Da braucht es keine Anführungszeichen. Auch wird die Kürzung der Informationsbudgets um 90% selbstverständlich die Anwerbezahlen deutlich reduzieren. Das hier als Kritik der Democrats statt als offensichtlichen Fakt zu präsentieren ist schon alleine deswegen Blödsinn, weil Trump und die Republicans diese Ziele offen ausgesprochen haben. Auf diese Art entsteht aber paradoxerweise gerade der Eindruck, den das Medium eigentlich vermeiden will: dass es sich um eine rein parteiische Geschichte handelt, in der echte Informationen nicht existieren. Wenn man auf die erfundenen Zahlen über Flüchtlingsgewalt der AfD genauso reagiert und die amtliche Statistik dann als eine weitere, mögliche Wahrheit gleichberechtigt neben offensichtliche Vernebelungsmanöver stellt, ist man nicht unparteiisch, man wird selbst Partei. Wie dieses mediale Problem zu lösen ist, bleibt unklar. Denn würden die Medien quasi immer automatisch Partei ergreifen, wäre dem Grundparadox ja auch nicht abgeholfen. Es ist ein vertracktes Dilemma, das Politik, Medien und Gesellschaft im Zeitalter des Aufstiegs des Populismus' ergreift. Meine Vermutung ist, dass wir uns wieder weg von (scheinbar) objektiven Medien hin zu parteipolitisch klarer Sortierung bewegen, also mehr Weimar als Bonn. Aber man wird sehen.

9) Neocons paved the way for Trump. Finally, one admits it.
The populist style often played a key role in helping Republican candidates win elections. But Boot distinguishes between a populist pose and actual populism. For him, the breaking point began with Sarah Palin and ended with Trump. In his view, “[t]he rise of Palin and now Trump indicates that the GOP really truly has become the stupid party. Its primary vibe has become one of indiscriminate, unthinking, all-consuming anger.” Boot himself warned against the rise of a meretricious populism in a 1994 Wall Street Journal column in which he maintained that the GOP should not “ ‘Rush’ to embrace talk show democracy.” Perhaps the most notable part of Boot’s book is his willingness to face up to the fiasco that was the Iraq War. He notes that for years he felt defensive about his support for it and was too stubborn to cede any ground to his critics. “It is not nearly as easy to remake a foreign land by force as I had naively imagined in 2003,” he writes. And he recognizes that the catastrophic policies he espoused helped create the terrain for Trump to rumble to victory. In listening to Trump’s national security advisor, John Bolton, Boot says that he recognizes “my callow, earlier self. Bolton, a conservative firebrand since his days as a student at Yale University in the early 1970s, is whom I used to be.” Boot thus differs from the many other NeverTrumpers who often fail to recognize that belligerent policies have led to disaster at home as well as abroad. He issues a scorching indictment of the GOP: “I am now convinced that the Republican Party must suffer repeated and devastating defeats. It must pay a heavy price for its embrace of white nationalism and know-nothingism. Only if the GOP as currently constituted is burned to the ground will there be any chance to build a reasonable center-right political party out of the ashes.” Indeed, he concludes, “having escaped the corrosion of conservatism, I am a political Ronin, and will swear allegiance to no master in the future. I will fight for my principles wherever they may lead me.” (Washington Monthly)
Der eigentliche Artikel ist um einiges länger als der hier zitierte Ausschnitt und enthält neben einer ausführlichen Besprechung von Boots Buch auch noch eine längere Analyse der Wechselbeziehung zwischen dem klassischen republikanischen Establishment und den Rechtspopulisten à la Palin und Trump. Ich möchte an dieser Stelle den Artikel zur Lektüre anempfehlen und das Augenmerk auf einen speziellen Aspekt legen. Der Aufstieg Trumps und seinesgleichen in den USA wird in der Debatte stark auf die Aspekte des Kulturkampfs verengt, also Themen wie #BlackLivesMatter oder #Metoo. Auf der Linken blitzt immer wieder der Aspekt der wirtschaftlichen Verhältnisse mit auf - Stichworte wie Ungleichheit, unregulierter Finanzkapitalismus, Immobilien- und Finanzkrise mitsamt den ganzen forclosures sollten hier als Stichworte ausreichen - aber ein Aspekt, der im eigentlichen Wahlkampf noch eine recht große Rolle gespielt hat ist seither in Vergessenheit geraten: den Bruch mit der Neocon-Vergangenheit. Einer der entscheidendenderen Gründe für Hillarys Niederlage dürfte ihre Wahrnehmung als außenpolitischer Falke gewesen sein. Wo sie - on the record - bei praktisch jeder außenpoplitischen Krise der Obama-Ära eher für militärische Interventionen eintrat, war ein Alleinstellungsmerkmal Trumps in den primaries (und dann in abgeschwächter Form 2016 im eigentlichen Wahlkampf) dass er rhetorisch eindeutig mit den Neocons brach. Unvergessen ist für mich der Augenblick in der Debatte in South Carolina im Frühjahr 2016, wo er Jeb! "Bush lied, people lied" entgegenschleuderte und vom Bush-freundlichen Publikum ausgebuht wurde. Das schien damals ein tödlicher Fehler. Heute wissen wir, dass die Dominanz der Neocons im republikanischen Establishment damals eine entscheidende Trennung von der Basis war. Dass die #NeverTrump-Leute vor allem Trumps Bruch mit der Bush-Außenpolitik als Grund für ihren Bruch mit der GOP sehen, scheint mir ein unterbeobachtetes Element in dieser Gemengelage zu sein.

10) Eine andere Welt ist möglich - aber als Drohung
Zwar ist es richtig, dass sich das Heer der Frustrierten zu einem Gutteil aus geringverdienenden und wenig gebildeten Dienstleistungsarbeitern speist. Aber da ist ist noch eine zweite, fast genau so große Gruppe. Das mittlere Bürgertum ist ebenfalls gut vertreten auf den Barrikaden. Heinz Bude spricht schon von einer strategischen Allianz aus Arbeiterschaft und frustriertem Bürgertum. Doch während sich die Motivlagen der prekär Beschäftigten marxistisch deuten lassen, passen die Wutbürger nicht so recht ins Bild. Ist das nicht ein merkwürdiger Klassenkampf, in der Arbeiter und Bürger Seit an Seit gemeinsam kämpfen? [...] Wir vergessen, dass politische Verortung eine Frage der Perspektive ist. So wie Köln und Düsseldorf sich als grundverschiedene Städte begreifen und der Berliner nur "Ruhrpott” sieht, sehen die besorgten Bürger in uns eine homogene Gruppe. Wir sind das nicht gewohnt, weil es unserer Binnenwahrnehmung widerspricht. Aber das spielt keine Rolle, denn wir werden von rechtsaußen so wahrgenommen. Und wir werden längst so referenziert. Donald Trump und das Alt-Right-Movement haben einen Namen für uns. Sie nennen uns „the globalists“. [...] Es gibt heute eine globalisierte Klasse der Informationsarbeiter, der die meisten von uns angehören und die viel homogener und mächtiger ist, als sie denkt. Es sind gut gebildete, tendenziell eher junge Menschen, die sich kulturell zunehmend global orientieren, die die "New York Times" lesen statt die Tagesschau zu sehen, die viele ausländische Freunde und viele Freunde im Ausland haben, die viel reisen, aber nicht unbedingt, um in den Urlaub zu fahren. Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht. Europa und Nordamerika mögen Schwerpunkte sein, doch die Klasse ist tatsächlich global. Eine wachsende Gruppe global orientierter Menschen gibt es in jedem Land dieser Erd, und sie ist gut vernetzt. Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien, und weil sie die Informationen kontrolliert („liberal media“, „Lügenpresse“), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor. Das heißt nicht, dass sie politisch homogen im eigentlichen Sinne ist – zumindest empfindet sie sich nicht so – sie ist zum Beispiel in Deutschland fast im gesamten Parteienspektrum zu finden, in der CDU, SPD, LINKE, GRÜNE, FDP. Diese Klasse entspringt dem Bürgertum, aber hat sich von ihm emanzipiert. (Tagesspiegel)
Ich könnte aus diesem brillanten Artikel noch viel länger zitieren; es muss an dieser Stelle dieser Ausschnitt reichen. Tatsächlich halte ich die Beobachtungen, vor allem weil sie so wertneutral daherkommen, für äußerst relevant. Anstatt die banale Erkenntnis, dass es verschiedene soziokulturelle Milieus gibt als "Blase!"-Vorwurf für den Kulturkampf zu missbrauchen, nutzt Seemann sie für eine größere Analyse. Und diese ist erkenntnisreich gerade in ihrer Wertneutraliträt. Wir Progressiven sollten viel pro-aktiver darin sein, unsere Ansichten zu verteidigen, statt ständig ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich bin stolz auf die Label. Ich bin gerne ein Globalist, weil ich keine Lust auf einen Rückfall in den national-beschränkten Mief voller Ressentiments und Kriegsgefahr habe, der frühere Generationen ausgesetzt waren und die ständige Erfahrung einer weltweiten Gemeinschaft ungeheur genieße. Ich bin gerne ein Moralist, denn ich möchte nicht bewusst ein schlechter Mensch sein. Ich suhle mich nicht in der Erkenntnis, dass manche Menschen schlecht sind und will nicht zu ihnen gehören. Ja, ich habe moralische Ansprüche an die Gesellschaft und mich selbst, und ich stehe für diese ein. Ich bin auch gerne ein Gutmensch, weil die Alternative dazu ist, ein Schlechtmensch zu sein. Eine Gesellschaft, in der "Gutmensch" ein Schimpfwort ist, hat ein ziemlich pervesers Problem.

11) Wir müssen über Augstein reden
Wir besprachen an einem Montag in einer Ressortleiterkonferenz, wie wir über die ersten Vorwürfe, Weinstein habe Schauspielerinnen systematisch belästigt, berichten sollten. In den nächsten beiden Tagen wurde die Sache immer größer, also lud ich am Mittwoch in meinem Büro zu einer Konferenz nur zu diesem Thema ein. Wir sprachen über die Verquickung von Sex und Macht. Und dann stellte einer meiner Kollegen diese Frage: "Wenn wir das groß machen, was ist mit dem SPIEGEL, was mit Rudolf Augstein? Wir müssen dann Augstein erwähnen." Wir anderen blickten einander an und wussten sofort, dass der Kollege recht hatte. 2016 ist das Buch unserer früheren Kollegin Irma Nelles erschienen: "Der Herausgeber" handelt vom SPIEGEL-Gründer, langjährigen Chefredakteur und Herausgeber Rudolf Augstein, geboren im Jahr 1923, gestorben im Jahr 2002. Augsteins Leitspruch "Sagen, was ist" hängt in silbrigen Lettern im Atrium unserer SPIEGEL-Zentrale in Hamburg, er ist unser Credo. Und natürlich haben wir alle auch eine Bindung an diesen Mann, den die wenigsten von uns noch näher gekannt haben. Für ihn war Journalismus Stärkung der Demokratie durch Kontrolle und Kritik, das hat ihn ins Gefängnis gebracht. Er hat im SPIEGEL Bedingungen geschaffen, die es bis heute möglich machen, dass alle Mitarbeiter im Haus ihren Aufgaben leidenschaftlich nachgehen können. Denn Journalismus und alles, was dazugehört, ist eine Leidenschaft, und die hat Augstein verkörpert. Wir sind ihm dankbar dafür, und dennoch wissen wir oder ahnen vielmehr, dass seine Großzügigkeit, seine Leidenschaft auch eine dunkle Seite gehabt hat. (SpiegelOnline)
Es ist gut, dass der Spiegel bereit ist, auch die eigene hochgehaltene Vergangenheit aufzubearbeiten. Es erinnert mich ein wenig an die Aufbereitung der Kolonialzeit, die wir gerade als zartes, hart umkämpftes Pflänzchen in Deutschland erleben und die in vielen anderen Ländern noch weitgehend aussteht: die ganze Ära ist durchwoben von Verhalten und Ansichten, die wir heute (zurecht) ablehnen, und das betrifft alle, auch ehemalige Säulenheilige. Egal, was für ein guter Mensch jemand auch sonst sein mochte, seine Partizipation an einem abscheulichen System muss diese Person zwingend mit beschmutzen. Das gilt für Wehrmachtssoldaten, die sich niemals durch persönlich einwandfreies Verhalten dem Schmutz der verbrecherischen Organisation entziehen können, der sie dienten, noch gilt das für in den Kolonialismus verstrickte Leute. Dies betrifft etwa auch einen progressiven Säulenheiligen wie Theodore Roosevelt, der sich nicht vom US-Imperialismus um die Jahrhundertwende lösen kann.

12) Thread von Nicle Schöndorfer
Ok, Leute, weil die mahnenden Vibes aufgrund der aktuellen Ereignisse gerade wieder stark in unsere Richtung gehen. Warum wir gleichzeitig Feminist*innen/Aktivist*innen und Journalist*innen sein können. Eine Einführung in die euch fremde Welt der Betroffenheit und Solidarität. Dass ihr Gelassenheit, Objektivität (lol), Unaufgeregtheit im Kontext von Maurers Fall einfordert, ist eine Strategie, mit der ihr uns klein halten wollt. Mit der ihr uns Professionalität, Ernsthaftigkeit und Expertise absprechen wollt. Mit der ihr euch auch selbst erhöhen wollt. Wenn es euch gelingt, gelassen, objektiv (lol), unaufgeregt zu bleiben, wenn Ungerechtigkeit geschieht, dann ist das nichts, worauf ihr stolz sein könnt. Dass ihr ruhig bleiben könnt, liegt nicht daran, dass ihr eure Emotionen im Zaum halten könnt, weil ihr so professionell seid. Es liegt daran, dass ihr nicht betroffen seid. Ihr könnt euch z.B. als Männer nicht vorstellen, wie es ist, als Frau in einer frauenfeindlichen Gesellschaft zu leben. Genauso wie ihr es euch als Weiße nicht vorstellen könnt, als PoC in einer rassistischen Gesellschaft zu leben. (Threadreader)
Frau Schöndorfer spricht hier absolut korrekte Ansichten aus. Ich kann auch objektiv und unaufgeregt über Hartz-IV diskutieren. Das ist ziemlich leicht, wenn es mich nicht betrifft und ich keine emotionale Verbindung zum Thema habe. Ein solcher Abstand muss nichts Schlechtes sein. Persönliche Betroffenheit oder Anteilnahme sind einer objektiven, faktenbasierten Betrachtung nicht eben förderlich. Auf der anderen Seite sollte man aber auch nicht in den aktuell sehr häufigen Gegenfehler verfallen und jede solche Betroffenheit und Anteilnahme gleich abqualifizieren und ihr die Legitimation absprechen. Wer nicht betroffen ist, tut sich oftmals schwer, die Probleme zu durchdringen und zu verstehen. Im Idealfall hören sich beide Seiten einer Debatte zu und befruchten ihre Standpunkte gegenseitig. Das passiert aktuell viel zu selten. Vielleicht ist es aber auch so, dass es bei Betroffenheit schlicht unmöglich ist, und dass die abgehobene Distanz der Nicht-Betroffenen da einfach nur schädlich ist. Ich bin genuin unsicher, wie man mit dieser Problematik umgehen soll.