Montag, 18. Mai 2020

Liberale Eliten auf beiden Seiten des Atlantiks im Mahlstrom von Verfassungsgerichten und Presse - Vermischtes 18.05.2020

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Let’s Get Rid of Perjury Traps Altogether
Fine. Like I said, I don’t really care if Mike Flynn goes to jail. Still, I have a question. The Justice Department is basically claiming that the FBI engaged in the equivalent of a perjury trap. That is, they surprised Flynn with questions he wasn’t expecting in hopes of getting him to lie. Then they’ve got him on charges of lying to a federal agent. So here’s my question: the FBI does this all the time. It’s loathsome stuff, and I would be delighted if the Flynn case led to a wholesale reckoning with this behavior. But I don’t think that’s in the cards. In fact, I’m willing to bet that the Justice Department has never in its history voluntarily pulled back from a charge of lying to federal agents and announced that they’re really sorry it happened. Have they? (Kevin Drum, Mother Jones)
Ich teile Drums Ansicht völlig. Methoden wie die perjury traps gehören aus dem Repertoire der Strafverfolgungsbehörden gestrichen. Kennt sich jemand aus und weiß, ob unsere Polizeibehörden das machen dürfen? Leute unter Vortäuschung falscher Tatsachen in belastende Aussagen locken gehört zum Standardrepertoire, aber dieses konkrete Ding scheint ein FBI-Ding zu sein, oder? Im konkreten Fall ist die republikanische Heuchelei besonders schwer erträglich, war es doch der Einsatz eines solchen Mittels, der zum konkreten Werkzeug der Lewinsky-Affäre wurde. Aber solcherlei ist man ja mittlerweile gewohnt.

2) Schönen Gruß von der liberalen Elite
Interessant daran scheint mir, dass in den meisten kritischen Stellungnahmen, soweit ich sehe, von der Ultra-Vires-Kontrolle als solcher gar keine Rede ist. Wozu auch. Es geht ja gar nicht darum, dass Karlsruhe auf die Kompetenzgrenzen aufpasst. Es geht darum, wie es das tut, und wann – hier, in diesem konkreten Fall, in dieser konkreten Situation, mit dieser konkreten Begründung. Die überzeugt nämlich nicht. Dass das Versäumnis der EZB, die Verhältnismäßigkeit ihrer Niedrigzinspolitik gemäß den Vorstellungen des BVerfG zu prüfen und zu begründen, so in your face gewesen sei, dass es – wie war das? – "willkürlich" und "schlechthin nicht mehr nachvollziehbar" vom EuGH gewesen sein soll, das nicht zu monieren: das, pardon, leuchtet so manchem halt nicht recht ein. "Wenn wir freundlicher argumentiert hätten, hätten die Tatbestandsvoraussetzungen für einen Ultra-Vires-Akt nicht vorgelegen", sagt Richter Huber im SZ-Interview. Wo er Recht hat, hat er Recht. [...] Ein "Gericht der Bürger" will das Bundesverfassungsgericht sein, und unter Voßkuhles Ägide hat dieser Anspruch eine ganz spezielle Färbung angenommen: Karlsruhe als Zufluchtsort der "normalen Leute", die im Parlament für ihre Sorgen kein Forum mehr finden, wo Konflikte befriedet werden, die der Politikbetrieb übersieht und denen er aus dem Weg geht aus welchen Gründen auch immer. In seinem Interview in der ZEIT knüpft Voßkuhle an diesen Topos an: von der "großen Mitte" der "normalen Menschen" ist da die Rede, "all jene, die nicht offensichtlich benachteiligt sind, sondern die eher unter dem Radar ein normales Leben leben." Im Gegensatz wozu? Zu den "liberalen Eliten", die sich "häufig eher für Menschen (interessieren), die offensichtlich diskriminiert werden". Die seien maßgeblich mit schuld daran, dass die liberale Demokratie gegenüber dem Populismus so stark an Terrain verliert. Da könnte man so viel dazu sagen. Als ob nicht die Unterscheidung zwischen Normal und Abnormal die Mutter aller Diskriminierungen wäre. Als ob die "liberalen Eliten", wer immer das sein soll, beiden Seiten dieser Unterscheidung im Sinne von Verteilungsgerechtigkeit gleich viel Interesse und Zuwendung schuldig wären. Als ob diese "Eliten" und ihre diskriminierten Schützlinge sich sozusagen nicht zu wundern bräuchten, wenn die "Normalen" jetzt allmählich mal richtig sauer auf sie werden. (Max Steinbeis, Verfassungsblog)
Die massive Kritik an dem Urteil schlägt dem BVerfG nicht zu Unrecht entgegen. Ich bleibe bei meiner ursprünglichen Deutung, dass das Gericht an dem grundsätzlichen Dilemma nur eingeschränkt Schuld trägt. Zwar hat es die entsprechenden Präzedenzfälle durch seine Interpretation, die nicht zwingend war (auch wenn es heute anders tut) selbst geschaffen. Aber die Politik hatte mittlerweile 30 Jahre Zeit, entsprechende Reformen einzuleiten, und gerade die Merkel-Kabinette hatten nicht das geringste Interesse daran, selbst als mit Macron der ideale Partner dafür bereitstand - ein Versäumnis, für das wir noch werden bitter bluten müssen. Aber die bereits in den Kommentaren des letzten Artikels angesprochene Dichothomie, die Voßkuhle hier aufmacht, finde ich in höchstem Maße bedenklich, und die ist genauso die alleinige Schuld des Richters wie die haarsträubende Begründung, man habe die scharfe Sprache gegen den EUGH halt gebraucht, um "ultra vires" sagen zu können, auch wenn es der konkrete Gegenstand gar nicht hergegeben hätte. Damit beschädigt sich das Gericht selbst bei seinen eigenen Parteigängern wie Steinbeis, die normalerweise General-Kritik an der sakrosankten Institution eher abhold sind.

3) Suing the BVerfG
Of course, an infringement action would not be taken against the BVerfG itself – but rather against the Federal Republic of Germany. Article 258 TFEU proceedings are levied against member states –which for the purposes of this action are seen as unitary actors. Practically, then, the task of defending the state in the front of the ECJ would fall to the Bundesregierung. This may sound a little unfair, considering that the German Federal Government has done little wrong here. [...] And yet, here is precisely where the role of an infringement proceeding can become particularly valuable from the long-term prospects of European integration. For it has become clear that the BVerfG is now an obstacle to further steps towards ever closer union and that the German political elite is unable to overcome this form of judicial aggrandizement without a little external help. On the one hand – since the early 1990s and increasingly in the last decade– the BVerfG has raised its voice in its rulings on EU matters and built a battery of constraints on further EU integration.  Through its Maastricht Urteil, the Lissabon Urteil and the judgments on the composition of the EP, the ESM Treaty and the ECB action among others, the BVerfG significantly limited the ability of Germany to participate in the EU, and conversely on the EU to move forward. Yet, this anti-European jurisprudence of the BVerfG is built on thin air. In particular, the judge-made reading that the Basic Law’s right to vote clause can be interpreted as an open-ended, catch-all enablement to review EU legislation is as insult to the post-war founders of the Republic, which nowhere set state sovereignty as an obstacle to the development of an EU in which Germany participates as an equal partner. In fact, the BVerfG stance is surely not justified in light of the constitutional history of the German state – which, inter alia, only regained its full sovereignty in 1990. On the other hand – despite this situation that many regarded as annoying – the German political class has not mustered the courage to rein in an overbearing BVerfG, which is highly regarded among the populace. And so there has been no political leadership to bring back the BVerfG to where it institutionally belongs – as an organ that should review the action of German public authorities for compliance with the German basic law, no less no more. (Federico Fabbrini, Verfassungsblog)
Diese Sichtweise auf das BVerfG ist wesentlich harscher als Steinbeis' Kritik aus Fundstück 2. Sie ist nicht ohne ihre eigene Tradition; (verhaltene) Kritik am BVerfG als "Ersatzgesetzgeber" ist seit Jahrzehnten Teil der politischen Diskurse. Ich kannte nur vor dem EZB-Urteil eher die umgekehrte Variante dieser Kritik, auf die ich auch in meiner Serie zum politischen System Deutschlands eingegangen bin: Dass die Politik sich hinter den Urteilen des BVerfG versteckt und es dazu missbraucht, Auswege aus Situationen zu finden, in die man sich aus parteitaktischen Motiven hineinmanvöriert hat. Hier liegt aber tatsächlich etwas vor, das man als Anmaßung des Gerichts betrachten könnte. Die deutsche Diskussion leider wie so häufig unter der nationalstaatlich verengten Perspektive, aber wie Fabbrini im Artikel anspricht ist der entscheidende Faktor der, dass das Gericht sich über sämtlichen europäischen Verträge und Institutionen schwingt - eine Prioritätensetzung, die es natürlich behaupten kann, die aber keineswegs so selbstverständlich ist, wie das Gericht tut. So oder so hat der Richtspruch in der EU eine veritable Verfassungskrise ausgelöst, die noch lange ihre Wellen schlagen wird. Ich möchte weiterführend noch auf diesen Artikel verweisen.

4) The Death of the Central Bank Myth
Nor is it just the economics that are haywire. Whereas the classic model assumed that politicians were fiscally irresponsible and thus needed independent central banks to bring them into line, it turns out that a critical mass of elected officials drank the 1990s Kool-Aid. In recent decades, we have seen not a relentless increase in debt but repeated efforts to balance the books, most notably in the eurozone under German leadership. Contrary to its reputation, Italy has been a devoted follower of austerity, leading the way in fiscal discipline. But so has the United States, at least under Democratic administrations. Politicians campaigned for fiscal consolidation and debt reduction instead of promises of investment and employment. In the agonizingly slow recovery from the 2008 crisis, the problem for the central bankers was not overspending but the failure of governments to provide adequate fiscal stimulus. [...] In challenging the ECB to justify its QE policy, the German court has put in question not just a specific policy but the entire rationale for central bank independence. What is more, it has done so not only formally but substantively. It has exposed the political and material basis that lies behind the norm of independence. [...] We value price stability, but for better and for worse the forces that once made it an urgent problem are no longer pressing. That objective alone is no longer sufficient to define the mandate of the most important economic policymaking agency. Financial stability is essential, but the current incestuous relationship between central banks and the financial system tends, if anything, to underwrite and encourage dangerous speculation by a self-enriching elite. Meanwhile, slow growth, inequality, and unemployment are at the root both of many of our social ills and by the same token the problem of the debt burden—how we manage government debt depends crucially on how rapidly the economy is growing. Finally, we can no longer deny that we confront fundamental environmental issues that pose a dramatic generational challenge for investment. (Adam Tooze, Foreign Policy)
Das ist nur ein Ausschnitt aus einem seeeeeehr langen Artikel, dessen Lektüre sich unbedingt lohnt - wie alles aus der Feder von Adam Tooze. Ich möchte vor allem zwei Aspekte hervorheben. Das Eine ist das Narrativ vom verschwenderischen, undisziplinierten Italien, das gerade in Deutschland mit chauvinistischer Stoßrichtung von rechtsstehenden Politikern gefahren wird: Von der AfD sowieso, aber auch Friedrich Merz, Christian Lindner und alle tröten gerne in dieses Horn, von der publizistischen Schützenhilfe der Springer-Presse ganz zu schweigen. Mit der Realität hat das nichts zu tun, aber die Geschichte ist einfach zu gut, als dass man nicht maximal politisches Heu damit dreschen würde, und scheiß auf die Konsequenzen. Auf der anderen Seite betont Tooze hier einen Aspekt, auf den ich auch in meinem eigenen Artikel eingegangen bin, der aber merkwürdigerweise bisher von niemandem aufgegriffen wurde; möglicherweise war der hetzerische Vorwurf des Landesverrats einigen Kommentatoren wichtiger. Das BVerfG-Urteil zur EZB hat in seiner Forderung, die wirtschaftlichen Folgen der EZB-Entscheidungen deutlich stärker zu bedenken, die klassische Konzentration des EZB-Mandats auf die Geldwertstabilität, also das Halten der Inflationsrate um 2% (und, in der Realität, weit unter 2%) aufgehoben. Damit aber verändert es mal eben beiläufig das komplette geldpolitische System der EU und Deutschland. Es ist kurios, wie wenig Beachtung dieses Fakt bisher findet und wie sehr sich stattdessen an den Südeuropäern abgearbeitet wird.

5) Mitch McConnell is gaslighting Democrats (again)
Currently, Republican Senate Majority Leader Mitch McConnell is setting the pace of stimulus and the terms of the debate. Democrats are being baited into negotiating “victories” that consist of measures every reasonable economist agrees is necessary. Efforts to secure even those basic measures are being denounced as hostage-taking, and Democrats in the House, forever attendant to their skittish purple-district “moderates,” have proven typically easy to scare. “We’re terrified that we’ll look like obstructionists,” one Democratic Senate aide told Politico reporter Michael Grunwald. The fear, like most Democratic fears, is overblown. There is an enormous amount of bluffing going on among Republicans, who need stimulus measures just as much as Democrats. [...] Democrats had leverage. They used it to “win” more money for hospitals and coronavirus testing. Having done so, they had none left over to win funds for cash-strapped states, help for the US Post Office, or any number of progressive priorities. [...] Republicans know such aid is necessary just as well as Democrats. They say in the press that these are concessions, things they are giving up, but why should anyone else adopt that absurd framing? By theatrically “conceding” money for hospitals, Republicans get the optics of a bipartisan achievement while ensuring that they define the limits of the possible. (David Roberts, vox.com)
Die Mentalität der betreffenden Politiker ist tatsächlich eine Achillesferse der Democrats. Zu viele lassen sich von der Frage "wer soll das bezahlen" entmutigen, als hätte jemand den Namen Voldemort ausgesprochen. Dieselbe Frage wird Konservativen nie ernsthaft gestellt; man muss nur auf die gigantischen Geschenke für die Superreichen schauen, die die Trump-Regierung verabschiedet hat. In den USA kommt die Perversität dazu, dass man der regierenden Partei abkaufen muss, dass sie ihre Aufgabe erfüllt. Das ist völliger Irrsinn. Es ist die Verantwortung der Republicans, die Bevölkerung vor der Pandemie und ihren Auswirkungen zu schützen, und die verursachen willentlich zehntausendfachen Tod und lassen es sich als Konzession von der Opposition abpressen, ein paar Menschen weniger zu ermorden. Es ist zum Schreien.

6) Tweet
Zurecht weist Blanken daraufhin, dass Hans-Ulrich Jörges, Stern-Chefredakteur, sich 2013 nicht entblödete, angesichts der bekanntgewordenen NSA-Spionage von einem "Zivilisationsbruch" zu sprechen. Die antiamerikanische Grundhaltung der deutschen Bevölkerung ist mir genauso unbegreiflich wie ihr russlandfreundliches Gegenstück. Inzwischen gibt es da ja eine echt merkwürdige Koalition, die von der LINKEn über die SPD zu FDP und AfD reicht und die überraschend große Schnittmengen bei ihren außenpolitischen Positionen aufweisen. Merkwürdigerweise stehen neben der CDU nur noch die Grünen (!) halbwegs hinter der Westbindung und dem transatlantischen Bündnis. Echt weird.

7) Michigan Cancels Legislative Session to Avoid Armed Protesters
Michigan closed down its capitol in Lansing on Thursday and canceled its legislative session rather than face the possibility of an armed protest and death threats against Democratic Governor Gretchen Whitmer. The gathering, meant to advocate opening the state for business despite the coronavirus pandemic, followed one April 30 that resulted in pictures of protesters clad in military-style gear and carrying long guns crowding the statehouse. They confronted police and taunted lawmakers. [...] Michigan Attorney General Dana Nessel issued an opinion on May 11 saying that the State Capitol Commission -- a body of six lawmakers who oversee the building and its grounds -- could ban firearms. The commission voted to study a ban this week, but took no action. [...] Still, lawmakers feared a repeat of April 30, when armed protesters entered the Senate Chamber and stood above them in a visitors gallery during the session. State Senator Dayna Polehanki, a Democrat, on Tuesday proposed a bill to ban firearms in the capitol building. The bill has heavy support from her party. (David Welch, Bloomberg)
In der Überschrift fehlt das Adjektiv "weiße". Denn wenn Afroamerikaner mit automatischen Waffen ein Staaten-Kapitol besetzen würden, fände da so schnell ein Massaker durch Polizei und Nationalgarde statt, so schnell könnte man gar nicht "AR-15" sagen. Was hier passiert ist letztlich Terrorismus, und zwar eine Form von Terrorismus, die rassistische Privilegien instrumentalisiert und die staatlicherseits gedeckt wird. Man schaue nur das Beispiel eines republikanischen Abgeordneten an, der behauptet, Hitler sei von jüdischen Welteroberungswünschen in den Holocaust getrieben worden. Das registriert nicht mal mehr. Zwar ist die Weimar-Parallele reichlich ausgenudelt, aber sie ist hier trotzdem instruktiv. Denn auch dort gab es rechtsextreme paramilitärische Verbände, die von der Politik nicht nur geduldet, sondern auch aktiv geschützt wurden, und ist es äußerst fragwürdig, ob Polizei und Militär im Fall des Falles überhaupt ihrer Verpflichtung zum Schutz der Regierung nachkommen würde, wenn diese wie in Michigan der "falschen" Partei angehört. Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr und so.

8) Trump Brings in the Infantry for His War on Blue America
Trump revealed volumes about his mindset at a recent White House event, when he was asked about providing more federal aid to states buckling under the lost revenue and increased cost of grappling with the coronavirus. Trump said he might be open to considering such assistance, if it were narrowly tied to costs directly linked to the outbreak. But then he added: “We’d want certain things, also, including sanctuary-city adjustments.” The most telling word in that sentence is the pronoun we. It suggests the existence of an American community from which blue states are distinct and separate—and to which blue states must provide concessions if they are to receive help from the federal government. Leaving aside the reality that many Republican-run states are facing financial difficulties as great as the Democratic-run ones, Trump’s formulation shows how little obligation he feels to represent the places where fewer of his own voters live. Instead, he portrays those places almost as foreign supplicants seeking aid from his America. “This president is seeing himself as the president of red America, where blue America is pushed aside and is not even legitimate,” Kettl says. (Ronald Brownstein, The Atlantic)
Neben den irregulären Fußtruppen, den in Fundstück 7 besprochenen White-Supremacy-Terroristen, nutzen die Republicans auch sämtliche offiziellen Schaltstellen der Macht, um ihre politischen Gegner zu bekämpfen - eine Definition, die so breit auslegen, dass sie in jedem bewaffneten Konflikt klare Kriegsverbrecher wären. Trump ist der wohl erste Präsident, der offen einen kalten Bürgerkrieg gegen die Bundesstaaten führt, in denen er wenig Wähler hat. Unter Obama ging der Löwenanteil aller staatlichen Ausgabenprogramme in die roten Südstaaten, finanziert von den wirtschaftsstarken blauen Nordstaaten. Das war selbstverständlich, denn die Democrats sehen sich in Verantwortung für das ganze Staatswesen, auch wenn dort nicht ihre Wähler sitzen. Die Republicans dagegen benehmen sich die Putschisten in einer Bananenrepublik, nur in einem der hochentwickelsten Länder der Erde.

9) Will the Supreme Court crown Trump king?
Douglas Letter, general counsel for the House, echoed the argument before the Supreme Court, adding that "there is nothing unprecedented about congressional subpoenas for documents that may shed light on presidential affairs." One wouldn't think so, since the most elementary understanding of congressional oversight of the executive branch would seem to require that Congress has the power to force the chief executive to produce documents that could reveal criminal activity on his part or the part of those around him. Moreover, just 23 years ago, the Supreme Court decided unanimously in Clinton v. Jones that presidents do not have immunity from litigation in civil courts regarding acts prior to taking office. If Trump has immunity in the three cases argued on Tuesday, it would mean either that Clinton v. Jones was wrongly decided — or that presidents are shielded from investigation for criminal acts but not from investigation of non-criminal acts. As absurd as that may sound, the latter is precisely what Trump's lawyers attempted to establish on Tuesday, arguing that Congress' attempt "to determine whether the president engaged in wrongdoing" is an unprecedented effort to harass him for political purposes and therefore "a recipe for constitutional crisis." In Trump v. Vance, the case involving the grand jury investigation in New York, the president's lawyers were even more radical, claiming that presidents enjoy a sweeping "temporary presidential immunity" that shields them from both investigation and prosecution for crimes. This is, and should be universally judged, a preposterous suggestion, since it would quite literally permit presidents to do anything they wish, including the breaking of any law, for the duration of their term of office. (Damon Linker, The Week)
Die Fragestellung ist leider bei weitem nicht so absurd, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Wo in Deutschland gerade zum ersten Mal die Polarisierung des Verfassungsgerichts diskutiert werden muss, ist die Institution in den USA längst im Griff der Rechtsextremen. Spätestens dank des gestohlenen Supreme-Court-Sitzes von 2016/17 gelang es der GOP, skrupellose Parteigänger zu installieren. Ein Gerichtsurteil wie bereits 2000, in dem die republikanische Gerichtsmehrheit Bush die Wahl gab und ihr Urteil gleichzeitig als präzedenzlos ausgab, damit kein späterer demokratischer Kandidat davon profitieren kann, ist problemlos vorstellbar. Bereits jetzt argumentieren die Anwälte der Trump-Regierung, dass für ihren Präsidenten spezielles Recht gilt, das nur für diese Person Gültigkeit besitzt. Die Demokratie, sie ist dort, wo die Macht der GOP hinreicht, nur noch Makulatur.
10) Tweets
Dieses Muster ärgert mich ja bereits seit 2015. Unendlich viel Verständnis und Interesse wird rechten Verschwörungstheoretikern und Radikalen entgegengebracht, ohne dass die andere Seite dasselbe einfordern könnte. Wo sind denn die empathischen Zeitungsreportagen aus den Hamburger Stadtvierteln, aus denen sich die Antifa-Schläger für die 1.-Mai-Krawalle rekrutieren (nicht dass ich die lesen will, Gott bewahre)? Wo sind die zahlreichen Fernsehspecials, Reportagen und Berichte über die 15%, die die Corona-Maßnahmen als zu schwach empfinden und große Angst vor der Ausbreitung der Pandemie und einem Tod ihrer selbst oder lieber Angehöriger haben? Stattdessen wird dem blödsinnigen Narrativ einer Meinungsdiktatur Vorschub geleistet, "wir" gegen "die da oben" (liberale Eliten, in den Worten Voßkuhles). Nichts wurde aus den vergangenen Jahren gelernt, und wenn die AfD bald wieder in den Umfragen zulegt, will's wieder keiner gewesen sein.

11) The fake “Obamagate” scandal shows how Trump hacks the media
Watching the media pounce on this story like greyhounds chasing mechanical rabbits has been painful, but also deeply familiar. It’s a pattern we’ve seen unfold countless times. The president unleashes a tweetstorm, millions of people retweet it, right-wing media boosts the signal, and then mainstream media outlets cover it, often breathlessly. Consider this Axios tweet stating that “Biden’s presence on the list could turn it into an election year issue, though the document itself does not show any evidence of wrongdoing.” But Biden’s name on a document is only an election issue if the press treats it like one. And if the “document itself does not show any evidence of wrongdoing,” why the hell are we talking about it? Again, we’re talking about it because Trump talked about it and now it’s a legitimized “story.” This is the latest example of zone-flooding, a phenomenon I described at length back in February. The strategy was best articulated (in America, at least) by Steve Bannon, the former head of Breitbart News and chief strategist for Donald Trump, who in 2018 reportedly said: “The Democrats don’t matter. The real opposition is the media. And the way to deal with them is to flood the zone with shit.” [...] We still haven’t fully reckoned with the 2016 election and the incessant coverage of Hillary Clinton’s emails. That was another bullshit story elevated by journalists who felt it was their duty to “objectively” report it. That impulse for fairness and proportionality might have tipped the election — in any case, it was hugely consequential. And the whole saga demonstrates how even the attempt to disprove a false or exaggerated claim can contribute to zone-flooding. (Sean Illing, vox.com)
Was in Deutschland die völlig aus dem Ruder gelaufene Flüchtlingsdiskussion ist, ist in den USA der "Skandal" um Hillarys Emails. In beiden Fällen wurde völlig ohne Not den Extremisten massiv in die Karten gespielt, und in beiden Fällen stecken die Beteiligten die Köpfe in den Sand und weigern sich, irgendetwas aus den Ereignissen zu lernen. Und diese Lernverweigerung führt zu einem Zwang zur Wiederholung. Und da die Extremisten vieles sind, aber nicht doof, machen sie sich diese Lernverweigerung aktiv zunutze - und verspotten die demokratische Mitte auch noch, indem sie offen darüber sprechen.

Sonntag, 17. Mai 2020

Die große Podcast-Liste

Ich wurde schon vor einer Weile mal gebeten, eine Liste der Podcasts aufzuschreiben, die ich höre. Es gibt - seit Corona sowieso - eine solche Menge qualitativ hochwertiger Podcasts, dass es schwer ist, da die Spreu vom Weizen zu trennen. Daher will ich hier eine Auflistung und kurze Einordnung der Podcasts machen, die ich höre oder mal gehört habe. Die Idee hinter der Liste ist, dass sie permanent aktualisiert wird, ähnlich meiner Liste zu den TV-Serien, die ich gesehen habe (oder an irgendeiner Stelle abgebrochen). Die Auflistung innerhalb der folgenden Kategorien ist alphabetisch und stellt keine Präferenz dar. Und bevor die Frage kommt: Ich höre alle der aufgelisteten Podcasts. Woher nehme ich die Zeit? Ich höre Podcasts beim Pendeln zur Arbeit, beim Sport und bei der Hausarbeit, und auch sonst immer wenn ich etwas tue, bei dem man nebenher etwas hören kann.

The Boiled Leather Audio Hour (Englisch, ca. 2-3 Folgen pro Monat, ca. 50-60 Minuten pro Folge) Sorry, ich muss gleich am Anfang ein wenig betrügen. Die Boiled Leather Audio Hour ist der Podcast, den ich zusammen mit Sean T. Collins seit 2011 betreibe. Unser Hauptthema ist die Buchreihe "Das Lied von Eis und Feuer" (warum sollte ich das lesen?), die mittlerweile durch "Game of Thrones" weltberühmt geworden ist. Wir haben einen Patreon mit zahlreichen interessanten Bonus-Angeboten für Unterstützer des Podcasts und freuen uns natürlich über jeden Dollar, der in unsere Richtung fließt. :) Wenn ihr mit dem Thema oder Popkultur generell (wir sprechen auch über Dinge abseits des ASOIAF-Universums) etwas anfangen könnt, checkt den Podcast. :) Selbst wenn ihr den Podcast nicht anhört, würde ich mich immer freuen wenn ihr in verbreitet und auf Apple Podcasts die Bestwertung hinterlasst :P

NERDSTREAM

Was Nerdstream ist, habe ich hier erklärt. Ich denke, es ist ein ziemlich nachvollziehbares Konzept. Die Themen sind hier sind teilweise reichlich speziell, was die Interessenlage angeht, aber das werdet ihr gleich selbst sehen... :)

Culturally Relevant (Englisch, ca. 1-2 Folgen pro Monat, ca. 60 Minuten pro Folge) David Chen redet in diesem Podcast hauptsächlich über Filme. Meistens hat er einen Gast und diskutiert über relevante Neuerscheinungen. Dabei konzentriert er sich nicht auf die Blockbuster, die gerade im Kino laufen, sondern, wie der Name des Podcasts bereits andeutet, kulturell relevante Filme. Das können sowohl eher unbekannte Dramen sein als auch die von Disney veröffentliche Making-Of-Doku für "The Rise of Skywalker", die dann Anlass ist, eine generelle Analyse dieses Films sowie des Genres der Making-Of-Dokus zu starten.

Learned Hands (Englisch, ca. 1-2 Folgen pro Monat, ca. 70-80 Minuten pro Folge) Der kalifornische Staatsanwalt Clint Woods und die texanische Anwältin Merry Wan sind beide große ASOIAF-Fans und haben eigene Blogs, YouTube-Kanäle und empfehlenswerte Twitter-Accounts, auf denen sie unter anderem aus ihrer besonderen Perspektive als Rechtsgelehrte über die Serie schreiben. In diesem Zusammenhang hatte ich Clint bereits in meinem eigenen Podcast mehrmals zu Gast (hier, hier). Die beiden haben ihren eigenen Podcast begonnen, in dem sie ihre Profession auf Themen aus Westeros anwenden. Hat Robb Starks Testament Gültigkeit? Ist der Eid der Nachtwache von Verfassungsrang? Brach Lord Manderly das Gastrecht? Der Podcast ist für Fans der Materie nur zu empfehlen.

Not A Podcast (Englisch, ca. 4-5 Folgen pro Monat, ca. 100 Minuten pro Folge) Emmet Booth, mit dem ich 2016 einen Podcast zur amerikanischen Präsidentschaftswahl gemacht habe, der auch mehrmals bei meinem Podcast zu Gast war (hier, hier) und der einen großartigen Blog unterhalten hat, und BryndenBFish, ein bekannter Reddit-Moderator und Blogautor, haben sich zusammengetan um dieses monumentale Podcast-Projekt auf die Beine zu stellen. Pro Woche besprechen die beiden in chronologischer Reihenfolge ein Kapitel aus dem "Lied von Eis und Feuer", was nicht selten mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Lektüre des Kapitels. Der Podcast ist innerhalb kürzester Zeit zum mit Abstand größten und bedeutendsten ASOIAF-Podcast geworden und ermöglicht den beiden mittlerweile ein sehr komfortables hauptberufliches Auskommen. Die Qualität des Inhalts ist gigantisch, beide machen den Job hervorragend. Kann nur empfohlen werden.

Space Cats Peace Turtles (Englisch, ca. 3 Folgen pro Monat, ca. 90 Minuten pro Folge) Ich habe immer wenig Geheimnis darum gemacht, dass ich Twilight Imperium für das beste Brettspiel aller Zeiten halte. Matt Martens und Hunter Donaldson stimmen mir da zu. Allein die 2017 erschienene vierte Edition des Spiels, der dieser Podcast gewidmet ist, hat es (Stand Mai 2020) auf 138 Episoden dieses anderthalb- bis zweistündigen Podcasts gebracht. Wer sich jetzt am Kopf kratzt und fragt, wie man so viel und so lange über ein einziges Brettspiel reden kann, hatte noch nie das Vergnügen, eine Runde Twilight Imperium zu spielen. Wer es sich kaufen will, darf dazu gerne den Amazon-Affiliate-Link hier verwenden.

Steel Strategy's Unnamed Armada Podcast (Englisch, ca. 1-2 Folgen pro Monat, ca. 90 Minuten pro Folge) Das Autorenteam um den Blog Steel Strategy beschäftigt sich mit dem Tabletop "Star Wars Armada". Ich spiele es seit 2016, und ich will nicht behaupten, dass ich in dem Spiel sonderlich gut wäre, aber zumindest beherrsche ich  es soweit, dass ich den Themen in diesem Podcast folgen kann. Ich finde die Berichte von Turnieren weniger spannend, aber die Diskussionen über bestimmte Karten und Strategien sind ebenso erhellend wie die Meta-Analysen, die von den Autoren unternommen werden.

POLITIK/ZEITGESCHEHEN

Hier fasse ich Podcasts über alles, was aktuell so in der Welt vor sich geht. Üblicherweise sind das politische Themen, aber nicht ausschließlich. Ich höre eigentlich keine Nachrichtenpodcasts, in denen einfach nur die Geschehnisse des Tages kommentiert werden (die gibt es aber tausendfach), sondern eher solche, die bestimmte Themen beleuchten. Interessant für mich sind vor allem die Podcasts, die Hintergründe liefern oder neue Themen beleuchten.

Das Corona-Virus Update mit Christian Drosten (Deutsch, ca. 2 Folgen pro Woche, ca. 30-40 Minuten pro Folge) Kein Podcast ist in Deutschland so schnell so berühmt geworden wie das NDR-Feature, das anlässlich der Corona-Pandemie 2020 ins Leben gerufen wurde. Christian Drosten, der Leiter der Virologie der Berliner Charitée, erwies sich - manchmal zu seinem Leidwesen - als krasser Glücksgriff für den Sender. Mit hoher wissenschaftlicher Integrität und persönlichem Charisma erklärte er mehrmals pro Woche die aktuellen Entwicklungen um die Covid-19-Pandemie. Drosten wie auch das Journalistenteam widerstanden standhaft der Versuchung zur Sensationalisierung oder Polarisierung und verweigerten sich auch mit Drostens zunehmendem Bekanntheitsgrad, das hohe Niveau der Sendung zu vernachlässigen, die so für hunderttausende von Hörern ein Stabilitätsanker einer sich rapide wandelnden, chaotischen Umwelt wurde. Der Podcast ist Journalismus, wie er sein sollte, eine Sternstunde für die Zunft.

Der Politik-Podcast (Deutschlandfunk) (Deutsch, ca. 1 Folge pro Woche, ca. 25 Minuten pro Folge) In diesem Podcast der Deutschlandfunk-Redaktion werden aktuelle Themen genauer beleuchtet und die Hintergründe erklärt. Das kann der Streit um die nukleare Teilhabe sein, das EZB-Urteil des BVerfG oder was auch immer sonst die Republik beschäftigt und nicht unbedingt sofort jedem Laien überhaupt verständlich ist. Der Podcast ist klassische journalistische Arbeit; so werden eigentlich immer Experten unterschiedlicher Richtung interviewt und mehrere Standpunkte deutlich gemacht, ohne zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Stattdessen ist das Podcast-Team sehr gut darin, die Hintergründe einer Kontroverse deutlich zu machen, so dass klar ist, um was es eigentlich geht - und man sich von dort aus ein eigenes Urteil bilden kann.

Europa Heute (Deutsch, ca. 5 Folgen pro Woche, ca. 6 Minuten pro Folge) Jede Woche nimmt die Deutschlandfunk-Redaktion sich eines aktuellen europäischen Themas an und beleuchtet es in einer täglichen Folge unter verschiedenen Blickwinkeln. So wurde beispielsweise das Kriegsende 1945 aus Sicht der Niederlande reflektiert oder der Konflikt um das polnische Verfassungsgericht zum Anlass genommen, die Hintergründe in Polen genauer zu beleuchten. Immer kommen dabei auch "Menschen auf der Straße" zu Wort, die von den Journalisten interviewt werden, wenngleich der größte Teil der Gesprächspartner natürlich Experten bleiben.

Hintergrund (Deutschlandfunk) (Deutsch, ca. 5 Folgen pro Woche, ca. 18 Minuten pro Folge) In einem weiteren täglichen Podcast geht der Deutschlandfunk auf die Hintergründe aktueller Themen ein. Was auch immer die Politik aktuell beschäftigt, wird hier näher erklärt. Wurde an einem Tag über eine Steuerrechtsreform im Agrarsektor diskutiert, erfahren wir die Hintergründe für die Agrarbetriebe. Wurde über außenpolitische Themen gesprochen, erfahren wir hier - na? - den Hintergrund. Sehr informativer, ausgewogener und empfehlenswerter Podcast.

NDR-Info: Streitkräfte und Strategien (Deutsch, ca. 2 Folgen pro Monat, ca. 24 Minuten pro Folge) Thematisch sehr speziell ist dieser NDR-Podcast, der Nachrichten aus der Welt der Sicherheitspolitik liefert. Üblicherweise werden pro Folge drei Themen behandelt, die in den letzten zwei Wochen aufgekommen sind. Nur selten sind das Themen, die es auf die Titelseiten der Zeitungen geschafft haben. Es geht etwa um aktuelle Beschaffungsprojekte der Bundeswehr, laufende Manöver, neue Entwicklungen in der Bündnispolitik und Ähnliches. Sehr informativ und für alle, die hier mitreden wollen, ein absolutes Muss, wenngleich es häufig recht technisch zugeht.

Sicherheitshalber (Deutsch, ca. 1 Folge pro Monat, ca. 60-90 Minuten pro Folge) Ich kann mich mit Fug und Recht als Sicherheitshalber-Hipster bezeichnen, ich höre den Podcast seit der zweiten Folge und damit bevor er cool war. Nur wenige Podcasts sind innerhalb kürzester Zeit so bekannt geworden wie Sicherheitshalber. Die vier Macher - Thomas Wiegold, Carlo Masala, Frank Sauer und Rike Franke - haben eine klare Lücke entdeckt (sicherheitspolitische Informationen und Diskussionen in deutscher Sprache) und sich entschlossen, sie zu füllen. Und das machen sie brillant. Nicht nur haben die vier einen wunderbaren Rapport und schaffen es, disziplinierte und informative Diskussionen zu sicherheitspolitischen Themen durchzuführen, die sowohl kontrovers als auch gewinnbringend sind; sie schaffen es auch, diese so zu strukturieren, dass man zuerst informiert wird und dann aus der Kontroverse Gewinn ziehen kann. Absolute Hörempfehlung!

Verfassungsblog - Corona Constitutional (Deutsch, ca. 3 Folgen pro Woche, ca. 18 Minuten pro Folge) Ein weiteres Kind der Corona-Krise ist der Podcast des Verfassungsblogs, in dem die Autoren des Blogs (meist Max Steinbeis, gelegentlich aber auch andere) mit Experten aus der Welt des Verfassungsrechts aktuelle verfassungsrechtliche Fragen behandeln. Davon gibt es im Zusammenhang mit Corona eine ganze Menge, aber man sollte vom etwas unglücklich gewählten Titel des Podcasts nicht annehmen, dass Corona das einzige Thema wäre. Gerade die umstrittene EZB-Entscheidung "ultra vires" etwa hat nichts mit Corona zu tun, beschäftigte den Podcast aber über viele Folgen. Sehr informativ, gutes Format, empfehlenswert!

DELIBERATION

Essay und Diskurs (Deutschlandfunk) (Deutsch, ca. 1 Folge pro Woche, ca. 30 Minuten pro Folge) Ein stark feuilletonistisch geprägter Podcast ist "Essay und Diskurs", in dem im Umfang einer halben Stunde eher philophischere Themen verhandelt werden. Damit meine ich nicht direkt philosophisch im Sinne der Disziplin, sondern Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus einer philosophischen Blickrichtung - weniger auf die aktuelle Debatte oder konkrete Politiken bezogen, sondern die theoretische Unterfütterung dahinter. Das ist nicht 100% mein Ding, weswegen ich diesen Podcast nicht mit derselben Regelmäßigkeit höre wie die anderen hier gelisteten Formate.

FAZ Essay (Deutsch, ca. 1 Folge pro Woche, ca. 20-25 Minuten pro Folge) Sehr ansprechend ist der Essay-Podcast der FAZ. Persönlichkeiten der intellektuellen Elite - meist ProfessorInnen - schreiben ein Essay zu einem bestimmten Thema, das dann hier vertont wird. In früheren Folgen griff die FAZ auch gerne auf ihr umfangreiches Feuilleton-Archiv zurück, aber inzwischen handelt es sich eigentlich immer um neue Texte. Die Themen sind sehr breit gestreut. Konservative und progressive Positionen kommen beide zu ihrem Recht, wenngleich wegen der konservativen Ausrichtung der Zeitung erstere überwiegen. An der Qualität des Materials ändert das wenig, stattdessen erweitert es den Horizont und schärft im Zweifel die eigenen Fakultäten im Widerspruch.

Hörsaal (Deutschlandfunk) (Deutsch, ca. 1 Folge pro Woche, ca. 50-60 Minuten pro Folge) Das Podcast-Format "Hörsaal" transportiert Vorträge von Wissenschaftlern und Fachleuten zu einem breiteren Publikum; die Redaktion übernimmt eigentlich nur kuratierende Funktion. Die Themenauswahl ist sehr breit. Naturwissenschaftliche Themen (angesichts von Corona etwa zur Impfstoffentwicklung) stehen neben historischen (auch aus verwandten Disziplinen wie Ur- und Frühgeschichte) und vielem mehr. Auch hier gilt: ich höre nicht jede Folge. Wenn mich etwas nicht interessiert, überspringe ich auch mal eine Ausgabe.

Politisches Feuilleton (Deutschlandfunk) (Deutsch, ca. 5 Folgen pro Woche, ca. 3-4 Minuten pro Folge) Ein merkwürdiger Eintrag ist dieser Podcast. Mit einer Länge von kaum vier Minuten pro Folge hat man immer das Gefühl, dass es den Download kaum lohnt (macht meine App zum Glück automatisch). Was das Format liefert sind klassische Meinungskommentare zum aktuellen Tagesgeschehen, wie die typische Kommentarspalte in Zeitungen, in denen der Chefredakteur seine Meinung zum Weltgeschehen kundtun darf, wo andernorts die Fiktion objektiver Unabhängigkeit aufrechterhalten wird.

Why is this Happening, with Chris L. Hayes (Englisch, ca. 1 Folge pro Woche, ca. 50 Minuten pro Folge) Chris Hayes ist der wohl beste (politische) Moderator, den ich kenne. Niemand ist so genuin an einer Konversation interessiert wie er, so begierig, etwas Neues zu lernen und sich mit den Thesen seiner Gesprächspartner ernsthaft auseinanderzusetzen. Seine tägliche Show "All In with Chris Hayes" verfolge ich zwar nicht, weil ich generell wenig tagesaktuelle Nachrichten konsumiere, aber sein Podcast ist eine Offenbarung. Spannende Gesprächspartner, viele unterschiedliche Themen und neben Hayes' charakterlichen Vorzügen seine intellektuelle Brillanz sprechen für sich.

GESCHICHTE

Anno Punkt Punkt Punkt (Deutsch, ca. 1-2 Folgen pro Monat, ca. 30-60 Minuten pro Folge) Wer sich auf einem ernsthaften Niveau für Geschichte studiert, kommt um Anno Punkt Punkt Punkt in meinen Augen nicht herum. Es ist der beste deutschsprachige, geschichtswissenschaftliche Podcast den ich kenne. In jeder Folge interviewt Philipp Janßen eineN GesprächspartnerIn über deren aktuelle Forschungen. Auf diese Art scheint er ein Schlaglicht auf zahlreiche DoktorantInnen und Habil-SchreiberInnen, die einem breiteren Publikum sonst verborgen bleiben würden. Die Themen sind, wie üblich in der Zunft, sehr speziell. Aber gerade darin besteht der eine große Reiz des Podcasts. Der andere liegt darin, dass Janßen und seine Gesprächspartner geschichtswissenschaftlich miteinander diskutieren. Der aktuelle Forschungsstand, die jeweilige Methodik und die Quellenlage bekommen daher gebührenden Raum. Absolut empfehlenswert.

Dan Carlin's Hardcore History (Englisch, ca. 1-2 Folgen pro Jahr, ca. 5-6 Stunden pro Folge Der wohl berühmteste Geschichtspodcast überhaupt ist Hardcore History von Dan Carlin. Der ehemalige Radiomoderator ist ein grandioser Geschichtenerzähler; seine wohl recherchierten Podcast-Serien haben den Umfang von Hörbüchern und erscheinen entsprechend selten. Man muss sich klar machen, dass es sich um populärwissenschaftliche Unterhaltungssendungen handelt, aber die Narrative haben eine gewaltige Kraft, und Carlin setzt auch ausführlich und mit großem Effekt Quellen ein. Der Name der Show kommt von der Herangehensweise Carlins, den "the extremes of the human experience" interessieren - weswegen grausamer Tod eine hervorgehobene Rolle in all seinen Episoden spielt. Das sollten zartbesaitetere Gemüter vorher wissen.

Dan Carlin's Hardcore History Addendum (Englisch, ca. 4-5 Folgen pro Jahr, ca. 60-90 Minuten pro Folge) Der größte Kritikpunkt aller Carlin-Fans war schon immer, dass zu wenig neue Folgen erscheinen. Seit Kurzem veröffentlicht Carlin daher "Addendum", eine deutlich weniger ambitionierte Show, die kleinere Bereiche (etwa den Untergang der U.S.S. Indiana 1944) beleuchtet oder Interview mit Historikern führt. Die Show ist natürlich auch gut gemacht und unterhaltsam, aber kommt an den "großen Bruder" Hardcore History nicht heran.

Eine Stunde History (Deutschlandfunk) (Deutsch, ca. 1 Folge pro Woche, ca. 40 Minuten pro Folge) Diese Sendung des Deutschlandfunks richtet sich theoretisch an ein interessiertes, junges Laienpublikum, aber ich bezweifle, dass allzu viele Jugendliche diese Sendung abonniert haben. Das macht aber nichts, denn interessant aufgemacht ist sie auch für ältere Semester und selbst für Experten auf dem jeweiligen Gebiet, wenngleich die didaktische und eher populärwissenschaftliche Zielrichtung kaum zu übersehen ist.

NDR-Info: Zeitgeschichte (Deutsch, ca. 1 Folge pro Monat, ca. 25-30 Minuten pro Folge) Ähnlich dem "Streitkräfte und Strategien"-Podcast wird in diesem NDR-Format in jeder Folge ein größeres Thema verhandelt, aber auch kleineren Themen ihr Raum gegeben. Häufig, wenngleich nicht immer, gibt es irgendwelche konkreten Anlässe, sich eines Themas anzunehmen, etwa in Jubiläum oder eine neu entbrannte Debatte. Dabei fließen auch Quellen und Zeitzeugenberichte stark ein, ohne dass eine geschichtswissenschaftliche Einordnung erfolgen würde, weswegen dieses journalistische Format eher in den Bereich der Unterhaltung denn der wissenschaftlichen Debatte einzuordnen ist; Erkenntnisgewinn kann man natürlich trotzdem daraus ziehen.

Pessimist's Archive (Englisch, ca. 1 Folge pro Monat, ca. 40-50 Minuten pro Folge) Dieser Podcast hat es sich zum Ziel gesetzt, Fortschrittsskeptizismus zu erkunden. Die Produktionswerte sind extrem hoch; das Format ist sehr professionell. Leider schlägt sich das auch in einem recht großen Werbeanteil zubuche. Der Unterhaltungswert macht dies aber allemal wett. Inhaltlich behandelt Jason Feifer alle möglichen Neuigkeiten über die letzten zwei Jahrhunderte, von der Margarine über das Fahrrad und den Aufzug bis hin zum Spiegel, und zeigt uns, warum die Gesellschaft in ihnen den Untergang des Abendlandes erblickte. Während die spezifischen Hintergründe, hervorragend recherchiert, in jedem Falle andere sind, ist der eigentliche Effekt der, zu erkennen, dass die Gesellschaft sich IMMER gegen neue Dinge wehrt und diese mit denselben Argumenten verteufelt. Aktuell sind das halt Smartphones. Aber wir können sicher sein, dass es bald etwas anderes sein wird.

ABGESCHLOSSEN/AUFGEHÖRT

Chernobyl (Englisch, 5 Folgen, ca. 50 Minuten pro Folge) Die beeindruckende HBO-Serie wurde bei ihrer Ausstrahlung 2019 von diesem Podcast der Macher begleitet, in denen einige historische Hintergründe genauer erklärt und Eigenheiten des Produktionsablaufs genauer erklärt werden. Das Format nimmt die Struktur eines Interviews mit dem Serienproduzenten Craig Mazin an (der Podcast nennt es eine Diskussion), aber da das Format von HBO selbst stammt, wird man mit Sicherheit keine kritische Auseinandersetzung erwarten dürfen. Für Interessierte aber ist der Podcast rundum zu empfehlen, vor allem, wenn man die Serie noch nicht kennt oder noch einmal ansehen will.

Dan Carlin's Common Sense (Englisch, 316 Folgen, ca. 45-90 Minuten pro Folge) Dan Carlin's erster Podcast war Common Sense. Anders als seine Geschichts-Podcasts hat mich sein Politik-Podcast nie begeistern können. Carlins Positionen sind zu uninteressant, als dass sie mich die 316 Folgen getragen hätten, und ich finde allein das Branding vom gesunden Menschenverstand bereits als anmaßend. Letztlich ist Carlin damit auch aus der Zeit gefallen; als Libertärer mit seiner immer gleichen Forderung nach einer grundlegenden, aber merkwürdig unbestimmt bleibenden Reform des amerikanischen Politiksystems hin zu Third-Party-Candidates ist er in Zeiten der heutigen Polarisierung kaum mehr satisfaktionsfähig - mit Sicherheit einer der Gründe, warum er den Podcast de facto aufgegeben hat.

Mynock Squadron Podcast (Englisch, ca. 2 Folgen pro Monat, ca. 120 Minuten pro Folge) Analog zu "Star Wars Armada" habe ich auch einen guten Podcast zum Miniaturenspiel "Star Wars X-Wing" gesucht; der einzige, bei dem ich mehr als eine Folge geblieben bin, war der von Mynock Squadron. Halten konnten mich die Gastgebers des Programms aber nicht. Ich empfand die Produktionswerte einfach als zu schlecht; offensichtlich wurde die Unterhaltung nicht sonderlich stringent editiert, so dass lange Gesprächspausen, Stottern etc. nicht editiert wurden. Die Neigung der Gastgeber zum mäandernden Gelaber tat dann ihr Übriges. Zu viel Spreu im Weizen, gewissermaßen.

Realitätsschock (Deutsch, 3 Folgen, ca. 60 Minuten pro Folge) Ende 2019 begann Sascha Lobo als Begleitung zu seinem brillanten Buch "Realitätsschock", das ich hier rezensiert habe, einen Podcast zu veröffentlichen, in dem für jedes Kapitel seines Buches einE passendeR GesprächspartnerIn erscheinen sollte. Den Anfang machte Jan Böhmermann, eine weitere Episode hatte Luisa Neubauer zu Gast. Ich mochte den Podcast genug, um auch die restlichen Episoden anzuhören, aber aus mir unbekannten Gründen hat Lobo die Produktion eingestellt, weswegen nur diese drei Episoden verfügbar sind.

Revolutions (Englisch, ca. 2 Folgen pro Monat, ca. 40 Minuten pro Folge) Mike Duncan ist nach Dan Carlin der wohl berühmteste Geschichts-Podcast-Macher. Seinen Ruhm erwarb er mit der Serie zur römischen Geschichte (siehe unten), aber seither verfolgt er die Serie "Revolutions", in der er, wenig überraschend, die großen Revolutionen der Weltgeschichte nacherzählt. Die Serie ist qualitativ hochwertig, gut recherchiert und ordentlich erzählt, wenngleich ihr die erzählerische Stärke eines Dan Carlin fehlt. Ich habe irgendwann in der bolivarischen Revolution aufgehört, sie zu hören, weil mein Interesse für das Thema nicht groß genug war, aber vor allem, weil die englische Sprache ein echtes Hindernis darstellt, wenn es um nicht-englische Sprachgruppen geht. Bereits in der französischen Revolution war die Aussprache der Akteure für mich problematisch, aber wenn man die Leute gar nicht erst kennt und sie dann auch nicht nachschauen kann, weil man keine Ahnung hat wie man sie schreibt, wird alles ein bisschen zu Hintergrundrauschen.

The History of Rome (Englisch, 179 Episoden, ca. 30 Minuten pro Folge) In seiner langen Serie zur römischen Geschichte verfolgt Mike Duncan dieselbige von der Gründung Roms und der Königszeit bis zum Untergang im 5. Jahrhundert nach. Sehr gut recherchiert und voller Sachverstand gibt es vor allem zwei Kritikpunkte zu bemängeln. Der erste wurde Duncan selbst zurückgespiegelt, weswegen er ab ungefähr Folge 100 wenigstens teilweise dagegen anzugehen versucht: Eine starke Konzentration auf die in den Hauptquellen prominent vertretenen "Großen Männer" der Geschichte und eine weitgehende Vernachlässigung der Alltags-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte zugunsten politischer Entscheidungen und Feldzüge. Der zweite ist derselbe wie bei Revolutions: Für einen Nicht-Muttersprachler ist die englische Aussprache des Lateinischen extrem gewöhnungsbedürftig, aber dafür kann natürlich Duncan nichts.

Odyssey - The Podcast (Englisch, 14 Folgen, ca. 90 Minuten pro Folge) Jeffrey Wright ist ein kanadischer Geschichtenerzähler, der seinen Lebensunterhalt mit dem Erzählen der großen Sagen verdient. In Podcast-Form gibt er nicht nur die grandios erzählte Langform der Odyssee zum Besten, sondern ergänzt jede Episode auch noch um Hintergrundinformationen der Geschichte der Bronzezeit, die die Vorgänge verständlich machen - vor allem im Bereich der Alltagsgeschichte. Das macht die scheinbar erratische Verhaltensweise vieler Hauptpersonen überhaupt erst nachvollziehbar und eröffnet faszinierende Einblicke in die homerische Welt.

Trojan War - The Podcast (Englisch, 20 Folgen, ca. 90 Minuten pro Folge) In Jeffrey Wrights erstem Projekt, der Nacherzählung des trojanischen Krieges, zeigen sich dieselben Qualitäten wie bereits bei der Odyssee. Besonders hervorzuheben ist Wrights große Transparenz bei der Auswahl des Stoffes; wie vielleicht bekannt deckt Homers "Ilias" nur einen kleinen Ausschnitt des eigentlichen Kriegsgeschehens ab, während große Teile der Geschichte aus zahllosen anderen Quellen zusammengepuzzelt werden müssen - und wie bei Superhelden heute gibt es viele verschiedene Quellen und Kontinuitäten.

The Weeds (Englisch, ca. 1 Folge pro Woche, ca. 60 Minuten pro Folge) Dieser vox.com-Podcast mit Matthew Yglesias sollte eigentlich meine Sensibilitäten voll bedienen, tut es aber aus mir nur eingeschränkt nachvollziehbaren Gründen nicht. Einerseits empfinde ich die Menge an Werbung abtörnend, andererseits aber auch die starke Parteinahme des Gastgebers und seiner Gäste, die Neigung zu leerem Reden und auch die zu tagesaktuelle Ausrichtung des Programms. Ich habe einfach kein großes Interesse an einem Podcast, in dem die politische Entwicklung der Woche noch einmal litigiert wird und in dem ich erfahre, was für schlechte Menschen die Republicans sind, das wusste ich bereits vorher. Dazu kommt die maßlose Überschätzung der tagesaktuellen Ereignisse, wie etwa während des Impeachment. Alle atemlos vorgetragenen wöchentlichen Enthüllungen waren letztlich bedeutungslos, und es war von Anfang an ersichtlich, weswegen ich - vielleicht zu Unrecht - die wochenlange Beschäftigung eher als zynische Klick-Generierung denn ernsthaften Erkenntnisgewinn ansah.

Samstag, 16. Mai 2020

Die Polarisierung einer Pandemie

Man sollte eigentlich annehmen, dass nichts eine Nation so sehr eint wie eine tiefe Krise. Schließlich ist für den Ausbruch von Covid-19 niemand wirklich sinnvoll verantwortlich zu machen, will niemand krank werden, sind Maßnahmen erforderlich. Aber der aktuelle Trend zur Polarisierung in der gesamten westlichen Welt macht dieser naiven Annahme einen Strich durch die Rechnung. Für kaum drei Wochen waren die Deutschen bereit, an einem Strang zu ziehen; in den USA gab es nicht einen Moment, in dem die Polarisierung zugunsten einer Krisenreaktion überwunden worden wäre. Uns bietet sich daher in diesen Tagen ein absurdes Schauspiel: die Polarisierung einer Pandemie.

Diese Polarisierung verläuft nicht entlang von Parteilinien. In praktisch jeder Partei gibt es Leute, die der Notwendigkeit von Maßnahmen kritisch gegenüberstehen und solche, die sie postulieren. In seinem brillanten Essay "Der Kampf um die Normalität" stellt Jonas Schaible die Frage, warum Corona das traditionelle Rechts-Links-Schema so aufsprengt und über Parteigrenzen hinweg merkwürdigste Koalitionen erlaubt. Gerade die FDP erlebt über Corona einen veritablen Richtungsstreit, während Politiker der LINKEn (!) sich schützend vor Angela Merkel stellen: Seine Antwort auf den Überlapp zwischen verschiedenen Gruppierungen besteht darin, wie diese auf das Konzept der Normalität reagieren:
Blickt man auf diese Diskussion über Corona-Normalität, fällt auf, dass die momentane Ordnung der Parteien verblüffend der Konstellation ähnelt, die sich bereits in den vergangenen Jahren immer dann herausgebildet hat, wenn es um den Umgang mit Zumutungen an die alte Normalität geht. Feminismus, Emanzipation von sexuellen Minderheiten, inklusive Sprache, Aufarbeitung des Kolonialismus und Umbenennung von Straßen, religiöse Pluralisierung und Antirassismus - immer wieder forderten vormals nicht sichtbare oder nicht gleichberechtigte Gruppen Rechte ein und setzten die alte Normalität so unter Rechtfertigungsdruck. Dazu kommt der Klimaschutz, der ebenfalls die bisherige Normalität infrage stellt.
Anders ausgedrückt: Mit dem Begriff "Normalität" werden völlig andere Konzepte beschrieben, sind völlig andere implizite Annahmen verbunden, je nachdem, wen man fragt. Diejenigen, die grundsätzlich die oben angesprochenen Entwicklungen ablehnen, verstehen unter "Normalität" eine weitgehende Umwandlung der deutschen Gesellschaft, die sie als Rückkehr in einen besseren, früheren Status begreifen. Das lässt sich zwar in der historischen Rückschau ohnehin nicht halten, ist aber als Sehnsuchtsbild schon immer sehr stark gewesen. Bereits in der Antike meckerten die Philosophen ja über die unruhigen modernen Zeiten und wünschten die Rückkehr in die Normalität ihrer Vorväter.

Ich denke, dass die Corona-Krise bei vielen zu etwas führt, das ich die "Erschütterung der Gegenwart" nennen möchte. Was ich damit meine ist, dass kein grundlegender Konsens darüber besteht, was eigentlich grundlegende Fakten in der Gesellschaft sind. Es ist längst nicht nur ein Meinungsstreit, sondern, wenn man den verstaubten Begriff auspacken darf, ein Konflikt von Weltanschauungen. In der polarisierten Welt schauen beide Seiten auf den gleichen Gegenstand und erkennen darin völlig unterschiedliche Vorgänge.

Das liegt auch an der schweren Begreifbarkeit des Phänomens "Virus". Die dahinterstehenden Vorgänge sind komplex, und wie beim Impfthema gilt auch hier, dass die kognitive Verzerrung des Ankers dazu führt, dass wir entweder den Experten glauben oder aber in unsichere Zweifelfahrwasser kommen. Das Konzept ist einfach: Abstand halten erschwert die Ausbreitung, etwa. Aber warum das so ist ist tatsächlich komplex. Entweder glauben wir den Experten, oder wir zweifeln, und wenn wir zweifeln, führt unser mangelnder Sachverstand dazu, dass wir schnell auf abstruseste Erklärungsmuster hereinfallen, die glaubwürdig klingen, deren Wahrheitsgehalt wir aber gar nicht prüfen können. Der Dunning-Kruger-Effekt macht gerade intelligentere, gebildetere Menschen anfällig dafür, wie diverse Impfgegner aus Berlin-Kreuzberg bestätigen können, die sonst reichlich wohlstandssaturiert eher dem progressiven Milieu zuneigen. Dazu kommt, dass Menschen ohnehin riesige Probleme damit haben, exponentielle Entwicklungen einschätzen zu können. Unsere Hirne scheinen dafür schlicht nicht gemacht.

Rattenfänger aller Art machen sich diese Effekte zunutze. Tausende von Verschwörungstheoretikern etwa schließen dieser Tage wortwörtlich die Reihen und sagen einem Virus den Kampf an, wie eine wirre Sekte, die allein durch festen Glauben die Realität ändern kann. Dabei handelt es sich überhaupt nicht um einen Gegenstand des politischen Diskurses. Man kann ja problemlos etwa Ausprägungen der Moderne wie die Ehe für Alle ins Feld ziehen, oder gegen die NATO-Politik in Osteuropa. Aber ein Virus? Das existiert entweder oder es existiert nicht. Aber nicht einmal darüber ist mehr wirklich Einigkeit erzielbar, so scheint es.

Der friktionslose Überlapp diverser Randerscheinungen, von Neonazis über Chemtrails-Jünger bis hin nun zu Corona-Leugnern ist bemerkenswert. In einem Interview mit dem Spiegel wies der Soziologe Matthias Quendt auf zunehmende Unterwanderung der Corona-Proteste durch Rechtsextremisten hin:
SPIEGEL: Auf den Demos selbst findet also keine klare Distanzierung statt – verschwimmt da die Grenze zwischen Rechtsaußen und bürgerlicher Mitte? Quent: Diese Grenze ist längst verschwommen, da sind die Straßenproteste nur die Spitze des Eisbergs. Meine Sorge ist, dass sich die Normalisierung von Antisemitismus, Rechtsradikalen, Irrationalismus und Hass in einer kommenden Wirtschaftskrise in noch größerem Umfang rächen wird.
Warum gerade die Rechtspopulisten so konstant die Pandemie leugnen, ist vor diesem Hintergrund leicht zu verstehen. Für sie ist das öffentliche Leugnen der Pandemie business as usual. Der konkrete Gegenstand spielt gar keine große Rolle. Von dem Niveau dessen, was in den USA passiert, sind wir zwar glücklicherweise noch weit entfernt. Die drei Hauptstrategien, die von rechts zur Erschütterung der Gegenwart eingesetzt werden, die Joel Mathis in The Week nennt, funktionieren allerdings auch hier: Künstliche Kontroversen über Fakten schaffen, wo keine besteht; die Quelle abweichender Nachrichten (wie etwa unabhängige Behörden) abwürgen; einfach die Auswirkungen leugnen. Nur sind bei uns die Nutzer solcher Strategien noch auf Demos beschränkt und sitzen nicht an den Schaltstellen der Macht.

Doch auch bei uns ist die Politik nicht von dieser Polarisierung gefeit. Die oben beschriebene Unsicherheit wird gerade auch von Intellektuellen, teils sicherlich unbewusst, ausgenutzt. Thomas Schmid beschreibt das Problem so:
Im „Spiegel“ schreiben Alexander Kekulé, Julian Nida Rümelin, Juli Zeh und drei weitere Autoren: “Wir müssen aus dem Lockdown so rasch wie möglich in eine Phase übergehen, die unsere Volkswirtschaft aus dem Winterschlaf weckt, Eingriffe in unsere Grundrechte minimiert und uns dennoch hinreichend vor einem Wiederaufflammen der Gesundheitskrise schützt.“ Wer wollte das nicht? Doch mit ihrem Rezept geben sich diese Autoren sicherer als sie sein können. Sie mögen Recht haben, können das aber nicht beweisen. Mit ihrer Regierungskritik spielen sie ein altes Spiel. Sie bringen die Zivilgesellschaft, der unausgesprochen eine apriorische Überlegenheit zugewiesen wird, gegen Politik, Regierung, Staat in Stellung. 
Und kommt zum Schluss:
Ein wenig Vertrauen in die Vernunft der Regierenden täte derzeit not.
Genau an diesem Vertrauen fehlt es aber. Stattdessen werden dumpf brodelnde Zweifel gesät. Die Erklärung, wie sie etwa Wolfgang Kubicki letzthin bei Anne Will abgab, dass die Zahlen wie etwa die Reproduktionsrate nicht für konkrete Handlungsanweisungen zu gebrauchen seien, ist ja durchaus richtig. Nur führt das in die Irre, wenn dadurch die verkürzte Variante wird, dass die Zahlen generell unzuverlässig und nutzlos seien - ein Spiel mit populistischen Ressentiments, das zwar aktuell auf viel Zuspruch stößt, aber gefährlich ist. Denn, wie Markus Feldenkirchen im Spiegel richtig feststellt:
Die Unterstellung, Virologen strebten eine Herrschaft an, wie sie Laschet unternimmt, oder das Beklagen angeblicher Maulkörbe, wie es Christian Lindner bejammert hat, dienen dem Aufbauen eines Strohmanns, der danach unter Getöse attackiert werden kann. Mit der Realität hat das wenig zu tun, es dient vielmehr der identitätspolitischen Selbstvergewisserung. Es ist auch, wie Malte Lehming im Tagesspiegel vermerkt, nicht eben so, als würde eine Debatte fehlen:
Das ist die offensive Variante der Das-muss-mal-gesagt-werden-Pose. Die defensive Variante kommt subtiler daher. Ihre Vertreter eint ein diffuses Unbehagen über die massiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Coronapolitik. Aber sie scheuen sich, konkrete Alternativen vorzuschlagen. Stattdessen fordern sei eine breite Debatte über Alternativen, was suggerieren soll, dass es eine solche Debatte nicht gibt. „Das ist keine Debatte. Das ist Manipulation!“, schrieb ein Kommentator in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Doch natürlich gibt es die Debatte. Es kennzeichnet die Coronapolitik, dass über alles diskutiert wird. Über deren Folgen, den Wert des Lebens, die Dauer eines Lockdowns, die Freiheitsrechte, das Modell Schweden, das Modell Südkorea, die drohende Rezession. Nichts wird ausgespart. Auf Talkshow folgt Talkshow. Politiker, Ökonomen, Virologen, Sänger und Schauspielerinnen kommen zu Wort. Und wenn die Bundeskanzlerin vor „Öffnungsdiskussionsorgien“ warnt, dann ist auch das nur eine Meinung unter vielen, die gehört oder ignoriert werden kann. Mehrere Ministerpräsidenten gehen bereits eigene Wege.
Auch das BVerfG beginnt in der Krise, seine jahrzehntelange überparteiliche Reputation zu verlieren. Der scheidende Vorsitzende Voßkuhle sprach von "liberalen Eliten", die sein Urteil kritisierten, und machte einen Gegensatz zu den "Normalen" auf, also der breiten Bevölkerung. Die Polarisierung macht nirgends mehr Halt.

Auffällig ist auch die Rhetorik des Krieges, die von beiden Seiten der Polarisierung der Pandemie-Debatte genutzt wird. Wo Befürworter von Maßnahmen mit dem Verweis auf die Mobilisierung der Gesellschaft argumentieren - von den wirtschaftlichen und finanziellen Folgekosten hin zur Einschränkung von Konsum und Freiheit - wird die Kriegsmetaphorik auf Seiten der Normalitären dazu genutzt, gerade den Verzicht als Opfer für die Gesellschaft hochzustilisieren. So vertreten zahllose rechtsextreme Politiker und Moderatoren in den USA (vom texanischen Gouverneur bis zur Prime-Time-Riege von FOX News, und ja, alles Männer) die Linie, der komplette Verzicht auf Sicherheitsmaßnahmen entspreche der persönlichen Teilnahme am Krieg und sprechen davon, sich "für die jüngere Generation zu opfern". Auch die britische Hetzpresse ist auf diese Linie eingeschwungen; die Daily Mail etwa attackiert die Lehrergewerkschaft mit den Worten "Lasst die LehrerInnen Helden sein!" dafür, die Schulen nicht öffnen zu wollen. Heldenhafte LehrerInnen sind hier dadurch definiert, dass sie sich freiwillig in Gefahr begeben und Infektionsketten unter Kindern herstellen.

Doch nicht nur im politischen Bereich ist die Polarisierung als ein durch Corona beschleunigtes Phänomen wahrzunehmen. Auch im gesellschaftlichen Bereich verschieben sich Wahrnehmungen, wird die Gegenwart erschüttert, verschiebt sich das Verständnis dessen, was "normal" ist und was nicht.

In den USA etwa ist das Maskentragen inzwischen ein parteipolitisches Thema; über 20% mehr Anhänger der Democrats als Republicans empfinden es als sinnvoll. Und das von der niedrigen Baseline von kaum drei Vierteln überzeugten Maskenträgern auf Seiten der Democrats! Wenig überraschend ist das Thema stark mit toxischer Maskulinität verknüpft, denn auch zwischen Männern und Frauen tun sich Gräben auf. Viele Männer betrachten Masken als etwas Verweichlichendes, Feminines, ihrer nicht würdig. Sie versichern sich ihrer Stärke und Überlegenheit durch Ablehnung des Maskentragens oder Einhaltens von Sicherheitsabständen. Erst kürzlich erschien im Federalist, der Hauszeitung der Rechtsradikalen in den USA, ein Artikel, der argumentierte, Trump könne keine Maske tragen, weil das "Schwäche signalisiert".

Auffällig ist auch, unabhängig vom geographischen Standort, dass in der Corona-Krise fast nur Männer zu Wort kommen. Generell sorgt die Corona-Krise für eine scharfe Trendwende im Gleichstellungsbereich. Das DIW hat eine ganze Menge Zahlen darüber gesammelt, wie in der Corona-Krise die Belastung von Haushalt und Kindeserziehung verteilt sind - und die Ergebnisse sind ebenso wenig überraschend wie gleichzeitig erschütternd. Frauen tragen die Hauptlast auf beiden Feldern, auch wenn beide vollerwerbstätig sind, und selbst dann, wenn Frauen (was selten genug vorkommt) die Haupternährerinnen der Familie sind.

Die genauen Auswirkungen der Krise werden uns noch länger beschäftigen und sind sicherlich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht voll ersichtlich. Generell aber gilt, dass ein auseinander fallendes Verhältnis des Gegenwartsverständnisses, ein Begriff von Normalität, der sich in zwei Hälften der Gesellschaft fundamental unterscheidet, für den Zusammenhalt eben dieser Gesellschaft ein ernsthaftes Problem ist.

Corona leuchtet ein Schlaglicht auch diese Polarisierung vor allem deswegen, weil es ein Thema ist, das sich für eine Polarisierung eigentlich nicht eignet. Streits über die Eurorettung, über die Flüchtlingspolitik, über Steuern, sie alle sind als Gegenstände der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung verständlich. Aber eine Krise wie eine Pandemie würde eigentlich einen Effekt des Zusammenstehens erwarten lassen, der überhaupt nicht eintritt. Stattdessen versucht eine Seite, das Problem durch schiere Willenskraft klein zu halten. Und das ist besorgniserregend.

Donnerstag, 14. Mai 2020

Wenn Welten aufeinander prallen

Online-Deutschland nimmt sich gerade eine Auszeit vom Streit über die Frage, ob Covid-19 nun zum Anlass der Einführung einer neuen Diktatur wird oder nicht und begibt sich stattdessen in die altbekannten Gefilde des Kulturkampfs. Konkreter Anlass, die #MeToo-Debatte erneut durchzufechten, ist ein Video des Komödiantenduos Joko und Klaas. Die beiden gewannen eine Wette mit ihrem Arbeitgeber Pro7, eine Viertelstunde mit Inhalt ihrer Wahl ohne jegliche redaktionelle Kontrolle füllen zu dürfen. Anstatt das für gezielte Tabubrüche auf komödiantischem Feld zu nutzen, rekrutierten die beiden eine Reihe von Moderatorinnen und überließen diesen die Bühne, um unter dem Titel "Männerwelten" auf das grassierende Problem sexueller Belästigung in Deutschland aufmerksam zu machen. Das Resultat war ein mittlerer Shitstorm.

In dem Video führt Sophie Paßmann durch eine Ausstellung mit dem Namen "Männerwelten", die von Dick-Pics über sexuelle Belästigung bis zu Vergewaltigung die Alltagsrealität vieler Frauen darstellt. Neues findet sich in dem Video nicht; seine Wirkung entsteht eher dadurch, dass es so offen und drastisch ausgesprochen wird. Chatverläufe werden vorgelesen, Bilder gezeigt, YouTube-Kommentare nachgestellt. Die wohl eindrücklichste Sequenz ist am Ende das Einspielen von Testimonials, was Frauen bei ihrer Vergewaltigung trugen. Das Video ist schwer erträglich, und das ist sicher Absicht. Aber seine eigentliche Wirkung stammt von seinen Absendern. Und auch die folgende Kontroverse.

Berechenbares und Überraschendes

Sind wir ehrlich - wäre das Video von Terre des Femmes produziert und ins Netz gestellt worden (die es unterstützt haben), würde es niemals die Kontroverse generieren, die es mit dem Label von Joko und Klaas hat. Das liegt daran, dass Joko und Klaas ein Publikum mit dem Thema in Berührung bringen, das sich bisher in seiner überwältigenden Mehrheit nicht damit beschäftigt haben dürfte. Das trifft auf Terre des Femmes sicher nicht zu, so sehr deren Engagement auch gewürdigt werden muss.

Der erste, ebenso berechenbare wie vernachlässigbare Teil der Kontroverse ist jener Teil der toxischen Männlichkeit, der sich nun rageerfüllt auf die Brust trommelt und Joko und Klaas als Verräter verflucht. Diese Leute gibt es zur Genüge, aber sie sind glücklicherweise trotz allem eine deutliche Minderheit. Nichts wird diese Typen überzeugen, dass eine Frau das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Autonomie hat und dass das Universum ihnen nicht per Geburtsrecht in die Wiege gelegt wurde. Sie haben die gesellschaftliche Debatte längst verloren und sollten bei jeder Gelegenheit ausgeschlossen werden, damit sie ihr Gift nicht weitertragen können. Wohlgemerkt, es geht mir nur um die Überzeugungstäter, also diejenigen, die es als akzeptable Antwort auf ein solches Video empfinden, Vergewaltigungs- und Gewaltdrohungen zu posten. Solche Leute gibt es hier im Blog aus guten Gründen ohnehin nicht.

Bislang zumindest komplett stumm sind diejenigen Teile des normalitären Spektrums, die noch zur #MeToo-Debatte die Spalten des bürgerlichen Feuilletons füllten. Davon haben wir genug im Blog, aber auch um die soll es mir hier nicht gehen. Denn der eigentlich auffällige Teil der Kontroverse um das Joko&Klaas-Video ist, dass herbe Kritik aus dem feministischen und linken Spektrums kommt. Woran liegt das?

Auch hier ist die Antwort klar: Es sind die Absender. Joko und Klaas sind viele Dinge, aber weiblich sind sie nicht. Auch anderen Minderheiten gehören sie nicht an, weder Migrationshintergrund noch (nach allem was man weiß) eine LTBQT-Orientierung treffen auf sie zu. Selbst auf sozialistischen Kongressen oder feministischen Panels hat man sie bisher eher vergeblich gesucht. Für viele Vorkämpfer der Frauenbewegung ist das ein Affront.

Seit Jahren, oft Jahrzehnten, kämpfen sie um Anerkennung und Aufmerksamkeit für ihre Themen. Und dann kommen da zwei weiße cis-Männer, machen ein 15-Minuten-Video und ernten mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit innerhalb von drei Stunden als sie in 30 Jahren. Das ist, verständlicherweise, ärgerlich.

Es ist aber auch fehlgeleitet. Ich will kurz anhand der zentralen Argumente der Kritikerinnen erläutern, warum.

Von Latten und Hürden

Punkt eins ist, dass es sich bei "Männerwelten" um einen Ausdruck von male privilege handelt, also einen getarnten Anschlag des Patriarchats auf die Sache der Frau. Schließlich suggeriert gerade der Erfolg des Videos, dass es ohne einige weiße cis-Männer an der Spitze nicht geht. Der Erfolg entwertet somit das Engagement der beteiligten Frauen. So sehr ich dieses Argument auf der emotionalen und moralischen Ebene nachvollziehen kann, so sehr denke ich, dass es eine wichtige Dimension unterschätzt.

Wir hatten diese Dimension hier im Blog erst letzthin in völlig anderem Kontext diskutiert, nämlich in der Verurteilung rechtsradikaler Übergriffe. Kurz gefasst: Es ist ziemlich bedeutungslos, ob irgendwelche Linken einen Protestmarsch gegen Rechts veranstalten. Linke veranstalten immer Protestmärsche gegen Rechts, das ist eingepreist. Genauso ist irrelevant, ob irgendwelche konservativen Politiker die Regierung von Venezuela verdammen. Konservative kritisieren sozialistische Regierungen immer, egal ob es Diktatoren sind oder nicht. Das ist auch schon eingepreist.

Relevant ist daher für öffentliche Aufmerksamkeit, ob die "Nachbarn" reagieren. Mir fällt kein besseres Wort ein, ich hoffe das Konzept ist nachvollziehbar. Wenn es um sozialistische Diktaturen geht, sind die Sozialdemokraten die ideologischen Nachbarn. Wenn es um Rechtspopulismus der AfD geht, sind die PolitikerInnen der CDU ideologische Nachbarn. Wenn es um Rassismus gegen Afroamerikaner geht, sind Weiße ideologische Nachbarn. Wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, sind Männer ideologische Nachbarn. Ideologische Nachbarn äußern sich üblicherweise nicht. Gradmesser für die Unterstützung einer problematischen Gruppe - toxische Männlichkeit, sozialistische Diktatoren, Molotow-Cocktails werfende Pegida-Demonstranten, der Schwarze Block - ist, wie die ideologischen Nachbarn reagieren.

Deswegen ist es bedeutsam, wenn einE AußenpolitikerIn der LINKEn Menschenrechtsverletzungen in Caracas und eineR der CDU den Abbau des Rechtsstaats in Ungarn anprangern und nicht umgekehrt. Joko und Klaas haben eine solche Wirkung nicht erreicht, obwohl sie zu dem Thema bisher nichts gesagt haben, sondern WEIL sie zu dem Thema nichts gesagt haben. Und so unglaublich frustrierend das für die Aktivisten ist, so sehr ist es auch ein Zeichen ihres Erfolgs: Sie haben es geschafft, die ideologischen Nachbarn zu sensibilisieren, so dass diese sich ohne Impuls von außen entschlossen haben, ihre eigene Gruppe zu mobilisieren. Das ist quasi das Nonplus-Ultra jeden Aktivismus, auch wenn es äußerst unbefriedigend ist.

Ich mache diese Erfahrung permanent selbst. Meine Frau bekommt von ihrem erweiterten Umfeld immer wieder gesagt, wie toll das doch sei, dass sie so einen modernen Mann habe, weil ich mal wieder in der Öffentlichkeit gesagt habe, dass Hausarbeit nicht nur Frauensache ist (ich lebe auf dem Dorf, fragt nicht). Nur, wie sie zurecht und zurecht bitter bemerkt kann sie sich wenig davon kaufen, wenn ich unsensibel mal wieder die Wäsche ignoriert habe, bis sie auf magische Weise von einer Putzfee (die nicht nur entfernt meiner Frau ähnelt) erledigt wurde.

Deswegen muss Mann (höhö) in diesem Zusammenhang natürlich extrem vorsichtig sein. Denn nicht umsonst reagieren viele feministische Aktivistinnen äußerst skeptisch bis ablehnend auf solche "Schützenhilfe" von männlicher Seite. Nicht nur bekommen wir teils Lorbeeren für Selbstverständlichkeiten ("Mann sagt, dass Frauen ungefragt an die Brüste grapschen nicht so cool ist"), wir senken dadurch auch die Latte unbotmäßig ab. Wenn solche Äußerungen als Erfolg deklariert werden, kommen wir praktisch nicht voran.

Diese Sorge, das sei in aller Deutlichkeit gesagt, ist völlig berechtigt. Ich bin selbst, wie beschrieben, schuldig im Sinne der Anklage und echt kein guter Botschafter für gleiche Verteilung der Lasten von Hausarbeit und Kinderbetreuung; was mich rettet ist der ungeheuerlich niedrige Standard, den meine ideologischen Nachbarn setzen, eine Latte, die so niedrig hängt, dass ich einfach drüber stolpern kann. Ich denke nur nicht, dass es im spezifischen Fall Joko und Klaas Anwendung findet. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren.

Schatten der Vergangenheit

Es gibt jedoch noch einen zweiten Kritikpunkt an Joko und Klaas' Engagement, der mit dieser Problematik nichts zu tun hat. Und das hat damit zu tun, dass Joko und Klaas selbst schuldig im Sinne der Anklage sind, und das nicht nur, weil sie ihren Freundinnen die leeren Biergläser haben stehen lassen. Im Jahr 2012 stellte das Komödiantenduo das Begrapschen von Brüsten dar, machte sich darüber lustig und kommentierte die Abwehrreaktionen des weiblichen Opfers damit, dass es nun vermutlich sechs Stunden unter der Dusche heulen würde.

Gerade unter feministischen Aktivistinnen (wie etwa der Mädchenmannschaft) gab es damals entsprechend Kritik. Nur schrieben wir 2012. Es war noch fünf Jahre bis zu #MeToo und bevor dieses Thema zum ersten Mal breite Wellen schlug. Der Skandal ging über die üblichen Kreise daher nicht hinaus. Mir fiel er auch nicht auf. Bis zu meiner eigenen Epiphanie zum Thema sollten noch zwei Jahre vergehen. Umso verständlicher daher der Zorn, dass nun ausgerechnet diese beiden sich die Lorbeeren an den Hut stecken dürfen.

Aber auch hier würde ich Widerspruch anbieten wollen. Denn Joko und Klaas erklärten seinerzeit auf die Kritik, einen Fehler gemacht zu haben und gelobten, diesen nicht zu wiederholen. Daran haben sie sich gehalten. Eine Entschuldigung wurde abgegeben, Besserung gelobt, gebessert wurde sich. Ich halte es deswegen für einen schwerwiegenden Fehler, ihnen nun diesen Vorfall wieder anzuhängen. Denn wenn eine glaubwürdige Entschuldigung, Besserung und ein solcher Einsatz für das Thema nicht als Buße ausreichen - was tut es dann? Darf ich mich nach einem Irrtum nie wieder äußern? Ich war früher mal Maskulist, aber ich bilde mir doch ein, einen kleinen Beitrag zur feministischen Sache geleistet zu haben. Hätte ich wegen meiner früheren Sünden darauf verzichten sollen?

Dieser Exorzismus würde Leute davontreiben, die Verbündete werden können. Und Verbündete wie Joko und Klaas sind für den Erfolg der Bewegung, so nervig das auch sein mag, aus den dargelegten Gründen entscheidend.    

Dienstag, 12. Mai 2020

Ulf Poschart kürzt im Sumpf die Mails der Virologen an Joe Biden - Vermischtes 12.05.2020

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) How ‘Never Trumpers’ Crashed The Democratic Party