Freitag, 2. Mai 2008

Scharfer Gegenwind für die Ewiggestrigen

Wolfgang Clement (RWE), Roman Herzog (CDU), Hans-Olaf Henkel (BDI) und Jürgen Grossmann (RWE) - alle Genannten sind große Leute im Konvent für Deutschland - haben ein Buch herausgebracht. "Mut zum Handeln" heißt es, über 600 Seiten dick. Fordert eine "Reform der Reformfähigkeit". Wer jetzt "ja und?" sagt, hat den Tenor voll begriffen.
Das Buch besteht aus 18 Einzelinterviews mit weißen Deutschen Männern über 50, allesamt aus Politik und Wirtschaft. Kommentare und Vor- und Nachworte werden von den oben genannten Berühmtheiten zugeliefert. Der Inhalt: der Sozialstaat ist zu groß, die Deutschen zu reformunwillig, die Globalisierung macht Druck, es gibt zu viele Gesetze. Nichts Neues also; den Tenor hat die INSM seit ihrer Gründung. Das Buch fällt vor allem dadurch auf, dass kein einziger neuer oder innovativer Gedanke auf den 621 Seiten zu finden ist.
Viel auffälliger als das ist aber der ungewöhnlich scharfe Gegenwind, der den Autoren aus selbst konservativen Medien (und nicht nur aus Blogs, z.B. ad sinistram oder Feynsinn) entgegenschlägt. Die Welt und die FAZ zerreißen den Schmöker, seine Autoren und deren Thinktank genauso wie die taz oder die Netzeitung. In letzterer reibt sich der Autor verwundert die Augen, als er erkennt, dass das Buch tatsächlich 2008 und nicht vor zehn Jahren geschrieben wurde; in der Welt echauffiert man sich über das geringe intellektuelle Niveau und die hohlen Phrasen, die ein Verein alternder und offensichtlich überflüssiger Lobbyisten drischt; in der FAZ wird ebenfalls das bodenlos tiefe Niveau des Buches zerrissen, indem vor der Globalisierung gewarnt werde wie weiland vor den Russen; die taz kritisiert die einseitige wie uninteressante Auswahl der Gesprächspartner. Auch am Inhalt lassen die Medien kein gutes Haar: ob nun Jutta Limbach den Lehrstellensuchenden den unglaublich guten Tipp "Pünktlichkeit" parat hat und sonst nichts zu sagen weiß oder Herzog wieder einmal seine alte Demographierede herunterleiert - man findet partout keinen Grund, das Buch zu lesen.
Diese Einsicht scheinen die Autoren auch selbst gehabt zu haben; bei der Pressekonferenz geben sie frank und frei zu bekennen, dass sie es selbst nicht gelesen haben. Herzog, von dem immerhin das Vorwort stammt, hat nicht einmal hineingeschaut, Clement hat immerhin ein paar Beiträge gelesen - "die, die ich selbst geschrieben habe". Auch Henkel hielt eine Lektüre offenkundig für überflüssig. Um sich ein Bild vom intellektuellen Zustand Roman Herzogs machen zu können, sei dieses Stern-Interview angeraten.
So oder so zeigt sich: von den Polit- und Wirtschaftsrentnern ist nichts Neues zu erwarten. Wie selbst die konservativen Medien feststellen, schwadronieren hier bestens abgesicherte Lobbyisten von Zwängen und negativen Freiheiten, denen sie selbst nicht unterworfen sind. Reformieren sollen sich immer nur die anderen.

Kommentare:

  1. Den besten Kommentar fand ich bisher bei der Sargnagelschmiede: "Alte Gnattergreise ... die ihren Mors an der Heizung haben, beschimpfen den Rest der Republik..."

    Andererseits: hatten wir von Herzog, Clemens, Henkel & Co. ein anderes Buch erwartet? - Die Idee des Buches ist nicht unbedingt verkehrt. Aber die Interviewer hätten Bickel, Müller, Baum, Öffinger Freidenker und einige andere Blogger sein müssen. Dann wäre der Schinken vllt. sogar informativ geraten. Zumindest unterhaltsam.

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  2. Bemerkenswert ist gleich die erste Zeile des Beitrages "Scharfer Gegenwind für die Ewiggestrigen". Die genannten "Parteienvertreter" kommen demnach aus der CDU, vom BDI und von RWE. D.h. eine politische Partei, ein Wirtschaftsverband und ein Großunternehmen bilden einen illustren, aber für eine demokratisch-pluralistische Gesellschaft unangemessen parteiisch besetzten Reformblock. Wolfgang Clement wird vom Verfasser wohl nicht aus bloßem Versehen dem RWE-Konzern zugerechnet und nicht (mehr) der SPD. Das dürfte auch den Tatsachen entsprechen, denn Clement ist eher ein Wirtschaftslobbyist mit SPD-Parteibuch (mit gerade überstandenem Parteiausschlußverfahren) als lediglich ein SPD-Politiker mit guten Kontakten zur Wirtschaft.

    Natürlich ist auch beachtenswert, daß selbst die bürgerliche Presse auf das von einigen Halb-Demokraten vorgelegte neoliberale Reformpamphlet durchweg negativ reagiert. Ob damit nun eine Trendwende eingeläutet worden ist und die Medienberichterstattung künftig wieder ausgewogener sein wird, kann damit aber noch nicht vorausgesagt werden: "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer".

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  3. Nein, die Zuordnung Clements zu RWE war volle Absicht.

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  4. @oeffinger freidenker

    Deiner Schlitzohrigkeit, Clement dem RWE-Konzern zuzuordnen, habe ich doch zugestimmt, nicht widersprochen.

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  5. Jedenfalls handelt es sich bei dem Buch um das teuerste klopapier Deutschlands.

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