Sonntag, 13. Oktober 2019

Lindner arbeitet täglich kürzer mit Zuckerberg und Thunberg - Vermischtes 13.10.2019

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Feierabend um 15 Uhr? Der Abschied vom Acht-Stunden-Tag
Seit Henry Ford hat sich an unserer Arbeitszeit wenig geändert. Der Autopionier führte 1914 die 40-Stunden-Woche in seinem Unternehmen ein. Auch wenn er den Acht-Stunden-Tag nicht erfand, so verkörperte er einen der einflussreichsten Fabrikanten, die die neue Arbeitszeitrechnung damals implementierten. Hundert Jahre später gehört das Modell in vielen Ländern zum Alltag: Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Leben, acht Stunden Schlaf. Aber warum arbeiten wir überhaupt acht Stunden? Und nicht neun oder vier oder sechs? Dass Bücher wie „Die Vier-Stunden-Woche“ heute die Bestseller-Listen stürmen, weist darauf hin, dass das Thema die Arbeitswelt beschäftigt. Viele Arbeitnehmer sind unzufrieden mit ihrer Stundenzahl, je nach Untersuchung zehn bis 50 Prozent. Besonders lange Arbeitszeiten stellen sich als problematisch dar: Je länger jemand an seinem Schreibtisch sitzt oder am Fließband steht, desto stärker steigen der Stress und die Müdigkeit. Das reduziere die Produktivität und erhöhe das Risiko für Fehler, Unfälle und Krankheit, heißt es in einer Studie der Stanford University und des Instituts zur Zukunft der Arbeit. Für Beschäftigte ab 40 Jahren stellt sich gar die Frage, ob der Acht-Stunden-Tag überhaupt altersgerecht ist. Denn wer in diesem Alter mehr als 25 Stunden in der Woche arbeitet, dessen kognitive Fähigkeiten nehmen ab. Aber Teilzeit bedeutet bisher: weniger Arbeit, weniger Geld. (Lisa Hegemann, t3n)
Eine Gemeinsamkeit aller Wirtschaftsordnungen, egal ob planwirtschaftlich oder kapitalistisch, ist die Vergötterung der Anwesenheit. Je länger jemand im Betrieb ist, desto produktiver muss er wohl sein. Dieser Kult trieb ja vor allem bei den Investmentbankern und Unternehmensberater merkwürdige Blüten, die bis hin zum Tod von völlig überarbeiteten Leuten führten. Aber selbst bei den niedersten Jobs findet sich die Idee, dass man durch acht Stunden am Tag - oder wie viel es auch immer ist - die zentrale Messung stattfindet. Dabei ist das völliger Blödsinn. Ich habe in diversen Betrieben gearbeitet, in denen die Schicht bei gleicher Arbeitsleistung hätte um eine Stunde verringert werden können. Aber da allen eintrainiert ist, dass Anwesenheit gleich Arbeitszeit, Anwesenheit gleich Produktivität ist, wird stattdessen oft genug Zeit abgesessen. Das wird ja von Anfang an eintrainiert. Schon in der Schule takten wir alles in 45-Minuten-Einheiten. Aber eine Reform dieser Struktur ist schwer möglich. Es ist uns seit Generationen eingeimpft, die ganze Gesellschaft ist danach organisiert. Das kann ja nicht einfach an einer Stelle durch Individualhandlung aufgebrochen werden. Wir organisieren ja auch unsere Freizeit, unsere sozialen Beziehungen nach diesen Mustern. Man sieht ja an der sozialen Isolation bei Arbeitslosen, wie sehr das ein Problem ist, da rauszufallen. Ich bin da ehrlich gesagt unsicher, wie das aufzudröseln ist.

2) Die Dramatik wird wegmoderiert

Was neuerdings als vermeintlich antiliberaler "Verzicht" abgewertet wird, ist das, was früher einmal "Wahl" hieß und Grundelement jeder liberalen Erzählung war. Wir können wählen, wie wir leben wollen, wir können mitbestimmen, welche Art der Landwirtschaft, welche Form der Mobilität wir als Gesellschaft wollen, wir können mitbestimmen, ob und wie wir teilen und umverteilen wollen, wir können mitverhandeln, was für uns ein freies, solidarisches und gerechtes Leben bedeutet, im lokalen und im globalen Kontext. Und ja, es lässt sich auch autonom entscheiden, etwas nicht zu wollen. Bewusster Dissens kann so Ausdruck von Freiheit sein wie unbewusste Affirmation von Entfremdung. Vielleicht erklärt das die Paralyse der Liberalen der Gegenwart: dass ihnen in Fridays for Future vorgeführt wird, was ein anspruchsvoller Begriff von Freiheit, von dem man sich selbst schon längst verabschiedet hat, bedeuten könnte. Die Freiheit ist bei den Liberalen zum leeren Signifikanten geworden, der zwar noch zitiert wird, aber nicht mehr gefüllt mit Substanz. Wer keinen Begriff des Politischen mehr hat, der nicht vom Ökonomischen durchzogen ist, wer keinen kollektiven Gestaltungswillen mehr hat, weil das schon zu viel der Regulierung bedeutet und nur noch "Technikoffenheit" vor sich herträgt, der macht sich trostlos überflüssig. (Carolin Emcke, Süddeutsche Zeitung) 
Ich sage schon seit Längerem, dass die Grünen effektiv eine liberale Partei sind. Und sie füllen diese Rolle wesentlich produktiver aus als die FDP. Ich sehe zwar die Erneuerung Christian Lindners durchaus, aber in der Praxis bleibt von deren Theorie bisher nur recht wenig übrig. Es ist mehr Face-Lifting als ernsthafte Erneuerung. Wir haben ja hier im Blog mittlerweile mehrfach durchdekliniert, wie eingeschränkt auch der Freiheitsbegriff der klassischen Liberalen ist. Daher ist gerade die Spannung, Reibung und Zusammenarbeit zwischen FDP und Grünen eigentlich die interessanteste Schnittstelle im aktuellen parteipolitischen System. Da verwundern die Ausflüge Lindners an den rechten Rand um so mehr, dieses Kokettieren mit dem Außenstehen und der Fundamentalopposition. 

3) Will Democrats Come to Their Census?
But while we all have a chance to make a difference in 2020 and the decade to follow, there remain some structural barriers to the census that will continue to hold some individuals back from participation.  For one, completing a census questionnaire engenders as much excitement as doing one’s taxes. It simply won’t make it onto the to-do list of people with busy lives. Even more problematic, some populations face a language hurdle in completing the census. Undocumented immigrants bear legitimate concerns about making themselves vulnerable to deportation, given the aggressive ICE tactics embraced under the Trump administration. Others harbor fears about what the government will do with their highly personal information. Some of these barriers, however, can be mitigated in 2020, when the census can be completed online for the first time ever. Now that the census will be more convenient to complete, the main objective for advocates will be to assuage concerns about confidentiality and educate the public about the potential and direct benefits their participation could have on their own communities. But after a tumultuous three years—and a widespread sense for ordinary people that they are impotent in the face of Trump’s rule—the 2020 census might be just what Americans need: a shot at controlling their own destinies by counting themselves in. That may not be as exciting as getting rid of Trump, but it still is pretty darn sexy. (Julie Robin Zedrak, Washington Monthly)
Die Republicans benutzten die Volkszählung schon 2010 als politische Waffe und schicken sich an, das für 2020 ebenso zu tun, indem sie die ihnen im Schnitt weniger gewogene Bevölkerung von der politischen Repräsentanz auszuschließen versuchen. Das ist nur ein Teil der großen republikanischen Offensive, so viele Stimmen wie möglich aus dem politischen Prozess auszugrenzen. Die unter dem Stichwort "voter suppression" zusammengefassten Maßnahmen beinhalten auch das Aufheben von Wahlberechtigungen (die das zeit- und geldintensive Neu-Registrieren erforderlich machen) und das massive Erschweren des Wählvorgangs selbst, sei es durch das Errichten bürokratischer Hürden, sei es durch die Schließung von Wahllkokalen in Bezirken des Gegners oder durch das Verweigern des Ausstattens derselben. Wenn in den USA jede Stimme gleich gewichtet werden würde, wären die Republicans genau jene Minderheitenpartei, die sie de facto auch sind. Einzig Wählerunterdrückung erlaubt ihnen, an der Macht zu bleiben - was sie ja auch mehr oder minder offen zugeben. 

4) Breaking Up Facebook? This is Getting Real
Long before Facebook bought Instagram or WhatsApp, Zuckerberg spied on startups that he viewed as emerging threats. He bought them when he could and copied their features when he couldn’t. And if any gained traction, he generally cut off their access to Facebook’s platform. [...] The combination of deals gave Google complete control over most aspects of the ad market. The company has leveraged that control of the ad ecosystem to push other businesses to use its advertising technology at every step. [...] The internet giants are fighting back, and they have all retained former DOJ and FTC lawyers and economists. In the past, Google and other tech giants have been successful at hiring those who had been through the revolving doors, and almost all the top people representing Facebook, Google, and Amazon today are negotiating with their former colleagues. [...] The tech giants have long relied on the Consumer Welfare standard that has become the basis of modern antitrust. They have argued that antitrust enforcement is unnecessary because their services are free and they don’t raise prices. Congress, though, is having second thoughts. “When there is no longer a free market or competition, this increases prices, even when something is marketed as free, and harms consumers,” said Florida Attorney General Ashley Moody, a Republican. “Is something really free if we are increasingly giving over our privacy information? Is something really free if online ad prices go up based on one company’s control?” (Jonathan Tepper, The American Conservative) 
Es ist spannend dass diese Aufrufe zum Aufbrechen von Megakonzernen nicht aus der Linken kommen, sondern von der Rechten. Auch hier dürfte Trump mit seinen Tabubrüchen dafür gesorgt haben, dass plötzlich Dinge diskutiert werden, die vor 2016 völlig undenkbar gewesen wären. Es hilft natürlich, dass die GOP ohnehin kein gutes Verhältnis zu den Silicon-Valley-Riesen hat, aber Facebooks aktuelle Zuwendung an Trump im Speziellen und die GOP im Allgemeinen macht diese Beziehung umso interessanter. Wenn es eine ernstzunehmende konservative Strömung gäbe, die die Zerschlagung von Monopolen fordert, und dazu die Sanders-/Warren-Fraktion den inner-demokratischen Machtkampf gewinnt, könnte sich in der Wirtschaftspolitik etwas Fundamentales ändern. Und zwar etwas, das jedem Fan der freien Marktwirtschaft gefallen sollte.

5) Der Sturm, vor dem wir euch gewarnt haben
In einem Statement kurz nach dem Angriff sprach die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer von einem "Alarmzeichen". Aber das ist kein Alarm, das ist die Katastrophe. Alarmzeichen waren es, als halbe Schweinehälften vor die Synagogen geschmissen wurden, Menschen auf der Straße angepöbelt oder ein Politiker von einem Vogelschiss sprach. Das hier ist der Sturm, vor dem wir euch gewarnt haben. Und wir, das sind die, die seit Jahren die Gefahr rechter Angriffe unterstreichen, die den NSU, die Ermordung von Walter Lübcke, den Aufstieg der AfD, die Hetzjagd von Chemnitz und die brennenden Asylunterkünfte als Zeichen deuteten. An dieser Stelle zeigt sich einmal mehr diese deutscheste aller Weigerungen, anzuerkennen, dass es sich bei rechten Morden wie denen in Halle zwar um den Angriff eines einzelnen Mannes handeln mag, aber nicht um einen Einzeltäter. Allein, weil der Terrorist eine Helmkamera trug, den Anschlag also für ein reales Publikum ins Internet übermittelte. Nazismus und Hass auf Andere, der mühelos den Schritt vom Wahlkreuz zur Vernichtung geht, gehört zu diesem Land. Anderes lässt sich aus der Geschichte bis heute - bis Halle - schwerlich lernen. [...] Die Reaktion auf Halle muss selbstverständlich mehr sein als Betroffenheit. Sie braucht konkrete Vorstellungen davon, was sich verändern muss, damit sich so etwas nicht wiederholt. Das manifestiert sich auch in einer Einsicht, die unter ostdeutschen Juden und Jüdinnen vielleicht verbreiteter gewesen ist als unter westdeutschen: Dass es nach der Shoah nicht genügt, ein paar Sicherheitskameras und dicke Türen bereitzustellen, damit die Dinge sich nicht wiederholen. Sondern, dass es einer anderen Gesellschaft bedarf. Die Einsicht, dass Antifaschismus und Antirassismus Teil sein muss der Staatsräson nach 1945, dass also links und rechts keineswegs gleich weit entfernt sind von der bürgerlichen, post-nationalsozialistischen Mitte, ist heute nicht die herrschende politischen Einstellung. Sie sollte es aber sein. Denn wenn dieses Land 2019 nicht auf einem antifaschistischen Konsens basiert - dann weiß ich auch nicht, worauf. (Max Czollek, SpiegelOnline)
Ich habe das hier schon zigmal thematisiert. Vielleicht reicht ja dieser Terroranschlag endlich, um die Relativierer der rechten Gefahr aufzurütteln. Die Rede AKKs von einem "Alarmzeichen" ist blanker Hohn. Unsereins gibt bereits seit Jahren Alarmzeichen. Alarmzeichen geschehen überall um uns herum, die ganze Zeit. Stattdessen wird einem Hetzer wie Hans-Georg Maaßen auf der Titelseite der ZEIT Raum gegeben, seinen Unrat zu verbreiten und quasi eine Pro-Contra-Debatte rechter Gewalt aufzumachen. Es wäre wirklich, wirklich an der Zeit, dass das demokratisch-rechte Spektrum endlich mal seinen eigenen Saustall aufräumt. Stattdessen kriegen wir Statements wie die von Matthias Döpfner, der lieber dumpf darüber orakelt, ob Merkel nicht doch heimlich irgendwie Flüchtlingsgewalt ermöglicht. Statt ihren Sauhaufen aufzuräumen, sulen sich die selbstradikalisierenden Bürgerlichen lieber darin. Und dann werfen sie entsetzt die Hände in die Luft, wenn Terroristen Synagogen zusammenschießen, und überlegen fieberhaft, wie sie dafür Ausländer und Linke verantwortlich machen können. Echt ekelhaft.

6) Leugnen ist zwecklos
Wenn der Weltklimarat übrigens mitteilt, dass etwas schneller passiert als erwartet, dann ist das wirklich ein Grund zur Sorge: Es zeigt nämlich, dass die Wissenschaftler bislang genau das Gegenteil von dem tun, was ihnen die Abwiegler gerne vorwerfen: Panik schüren oder einen "Hype" befeuern. Die IPCC-Prognosen und -Projektionen sind in der Regel sehr vorsichtig und konservativ. Das hat zur Folge, dass immer wieder Dinge schneller passieren als erwartet. Erinnern Sie sich noch, dass jetzt auch der Permafrostboden in der Arktis auftaut, 70 Jahre früher, als der IPCC das erwartet hatte? [...] Viele Kommentatoren in Deutschland und anderswo aber finden ein anderes Thema viel dringlicher: Das eigentliche Problem ist demnach Greta Thunberg. [...] Das deutsche Magazin "Cicero" fragte in einem bemerkenswert herablassenden Text, ob Thunberg das Klima nicht "vergifte". Die "Welt" nannte sie - auf der Titelseite - eine "Populistin", warf ihr "emotionale Eskalation" vor und brachte all das geschmackssicher mit dem "Ende der Pubertät" in Zusammenhang. Der weiterhin ohne Parteiamt für die CDU schwadronierende Friedrich Merz, dessen Vorstellung von "Leitkultur" offenbar elementare Höflichkeitsregeln ausspart, nannte Thunberg "krank". Er beklagte, kein Witz, die Regierungskoalition sei "durch Greta Thunberg und den Uno-Weltklimagipfel unter einen enormen Zeitdruck geraten". Durch das "kranke Mädchen", wohlgemerkt, nicht durch die drohende Klimakatastrophe. [...] Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, fragte auf Twitter, wo denn die "Stimme der Vernunft" sei, die mit "ähnlicher Wucht" wie Thunberg eine "Gegenrede" halte. Die Frage ist: Was würde diese "Stimme der Vernunft" wohl sagen? Würde sie in männlich-rationalem Tonfall raten, Immobilien in Küstennähe lieber schnell zu verkaufen? Würde sie empfehlen, entlang der europäischen Außengrenzen einen vier Meter hohen Elektrozaun zu errichten, damit der fertig ist, wenn die Klimaflüchtlinge kommen? Würde sie vorschlagen, sicherheitshalber in Gold zu investieren? Eine Klimaanlage einbauen zu lassen, um die kommenden Hitzesommer besser zu überstehen? Würde sie sagen: "Seid vernünftig, solange ich noch am Leben bin, wird das noch nicht so schlimm, also lassen wir doch erst mal alles so, wie es ist?" (Christian Stöcker, SpiegelOnline)
Ich sage es immer wieder: Der Kern, mit dem die bürgerlichen Leitmedien nicht klarkommen und weswegen sie so um das Phänomen Thunberg herumeiern, ist die Gretchenfrage unserer Zeit: Sag, wie hälts du's mit der Klimakrise? Konkret: Ist die Klimakrise eine existenzielle Bedrohung oder ist sie es nicht? Diese Leute wollen den Kuchen gleichzeitig essen und behalten: Unbedingt auf der richtigen Seite stehen, aber bitte gleichzeitig auch alles behalten, wie es jetzt ist und weiter Recht haben. Deswegen verfallen sie in ihre alten Muster und reden permanent von "Vernunft", wo die einzig vernünftige Reaktion in Panik besteht. Das Problem ist nur, dass sobald diese kognitive Dissonanz in den Redaktionsräumen von ZEIT, FAZ, Welt und Co aufgelöst wird, nur zwei Möglichkeiten bestehen. Entweder man tritt ebenfalls für die Vermeidung der Klimakrise ein, mit allen Konsequenzen, die das hat, oder man wechselt ins Lager Klimawandelleugner. In den USA ist diese Sortierung längst passiert, mit der Konsequenz, dass 40% des Landes willentlich in den Abgrund rennen, nur um ihre Meinung nicht ändern zu müssen. Die genannten Blätter und die ihnen verbundenen Schichten stehen vor einer ähnlichen Entscheidung. Ich bin sehr pessimistisch, wie sie sich entscheiden werden.

7) Why the right’s usual smears don’t work on Greta Thunberg
That almost always involves attacking the messengers (“Al Gore has a big house”) and their proposed solutions (“the Green New Deal will take away your hamburgers”). The scientists are after grant money; the activists are undercover socialists; the leaders are hypocrites; the marchers litter. Casting doubt on the motives and authenticity of people fighting for progressive causes is the right’s primary political tool, with efforts now led out of the White House. [...] Thunberg has sidestepped attacks on her motives by almost entirely refraining from endorsing specific political reforms or policies. “I can’t really speak up about things like [politics],” she told Wallace-Wells, “no one would take me seriously.” [...] In ignoring social cues, Thunberg has become one: A signal to other young people around the world that, yes, this really is an emergency, and yes, they really can and should speak up. [...] So far, Thunberg has played her game expertly — mostly by being almost entirely oblivious to the other games being played around her — and I hope she does this as long as possible. I hope she continues to refrain from policy recommendations, live a low-carbon life, and drag the spotlight back to science. She has pulled off something like a political miracle, and I don’t want it to end any more than anybody else. (David Roberts, vox.com)
Ich habe darauf in meinem eigenen Artikel zum Thema schon hingewiesen, aber Thunberg ist sicherlich klug in ihrer Entscheidung, keinerlei spezifischen Vorschläge zu machen, sondern einfach nur die volle Kraft des wissenschaftlichen Konsens' wirken zu lassen, um ein Gefühl der Notwendigkeit des Handelns zu schaffen. Auch der Punkt mit dem "ignoring of social cues" funktioniert wegen ihrer Identität. Wie ich beschrieben habe, verkörpert sie kindliche Unschuld. Sie kann es sich leisten, die rechten Hetzer einfach abblitzen zu lassen, ohne dass das die üblichen Rückkopplungseffekte von Erwachsenen hat.

8) Forschen für den Plas­tik­würfel. In illi­be­ralen Staaten entsteht gegen­wärtig eine wissen­schaft­liche Schein­welt
In den letzten zehn Jahren haben Politikwissenschaftler*innen ausführ­lich darüber disku­tiert, mit welcher Termi­no­logie die jüngsten Entwick­lungen in verschie­denen Ländern wie Ungarn, Polen, Serbien, Brasi­lien, den USA und der Türkei am besten zu verstehen sind. Mit Wero­nika Grze­balska nennen wir diese Staaten mit Blick auf den dort überall sehr ähnli­chen modus operandi der poli­ti­schen Macht (und gemäß dem biolo­gi­schen Begriff für para­si­täre Baum­pilze) illi­be­rale „Polypor-Staaten“. Im Gegen­satz zu anderen Politikwissenschaftler*innen, die diese Staaten wegen ihrer Effek­ti­vität bewun­dern, argu­men­tieren wir, dass die Polypor-Staaten keine origi­nellen Ideen haben, sondern nur Ideen von anderen über­nehmen, die sie für ihre eigenen Zwecke verwenden, das heißt für den bloßen Erhalt ihrer Macht. Dazu arbeitet der Polypor-Staat mit drei Konzepten. Das erste ist „Sicher­heit“. In seinem öffent­li­chen Diskurs erklärt er alle mögli­chen Aspekte des Lebens und der Politik zu einer Frage der „Sicher­heit“, bis hin zur Geschlech­ter­for­schung und zu kriti­schen Intel­lek­tu­ellen, die er als eine Bedro­hung für diese „Sicher­heit“ darstellt. Dazu gehört zwei­tens eine spezi­fi­sche Fami­li­en­ideo­logie, die beinhaltet, dass der Staat beson­ders die Familie unter­stützt, damit aber über­wie­gend Mittel­stands­fa­mi­lien meint und oben­drein den Wert der Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit bewusst igno­riert. Das dritte Konzept schließ­lich ist für die akade­mi­sche Wissens­pro­duk­tion das rele­van­teste. Es geht um die Grün­dung und Förde­rung neuer Forschungs- und Lehr­in­sti­tu­tionen, die das gleiche Profil haben wie die bereits bestehenden, womit ein neues Phänomen geschaffen wird: die poly­pore Wissen­schaft. [...] Zur popu­lis­ti­schen Wende gehört außerdem, dass der Mangel an Quali­täts­kon­trolle in den poly­poren Insti­tu­tionen dazu führte, die Systeme und Insti­tu­tionen der akade­mi­schen Quali­täts­kon­trolle im Allge­meinen anzu­greifen. [...] Welche Folgen hat der Aufbau dieses neuen poly­poren akade­mi­schen Netz­werks für die Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaften? Dazu gehört erstens die Vermänn­li­chung des Berufs­standes, denn alle, die in letzter Zeit ernannt wurden, sind sehr ehrgei­zige junge Männer, bestens vernetzt mit jenen älteren Herren, die diese Entwick­lung voran­treiben. Letz­tere suchen junge Männer, die einen sehr ähnli­chen Habitus haben wie sie selbst, aber 25 Jahre jünger sind. Zwei­tens ergeben sich deut­liche Unter­schiede in der Bezah­lung: Profes­soren dieser poly­poren Insti­tu­tionen verdienen mindes­tens doppelt so viel und haben dort Zugang zu Forschungs- und Reisesti­pen­dien. (Andrea Petö, Salonkolumnisten)
Es ist wie bei den Rechtspopulisten eigentlich immer: Welchen Vorwurf sie auch machen, man kann sich sicher sein, dass sie selbst voll dabei sind. Korruption? Jeder von denen ist korrupter als die letzten zwanzig Jahre demokratischer Politiker. Und so weiter. So ist es auch hier: Mit riesigen Krokodilstränen beweint man die angebliche Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies und ärgert sich aufgeplustert über die "Politisierung" der Wissenschaften, nur um das exakt dazu zu nutzen, den kompletten Wissenschaftsbereich (durch die Bank) zu politisieren und sich zu unterwerfen. Und so ist es bei allem, was Rechtspopulisten tun. Gerade deswegen verweise ich immer darauf, dass rechtsdemokratische Zeitgenossen nicht den Fehler machen sollten, diesen Leuten zuzustimmen oder gar mit ihnen zusammenzuarbeiten, nur weil man sich beim Thema einig ist. Die Ablehnung der Gender Studies als Disziplin durch einige Kommentatoren hier im Blog hier etwa ist ja ein legitimes Diskussionsthema in einer pluralistischen Gesellschaft, aber in dem Moment, wo du dich mit Rechtspopulisten zusammentust und ihnen Boden gibst, weil sie die gleiche Meinung zum Thema haben wie du, schaffst du ein Einfallstor. Und dann schreibst du irgendwann Gedichte, die mit "Als sie für die Gender Studies kamen, habe ich nichts gesagt, denn ich lehrte ja nicht Gender Studies..."

9) Democrats Should Be as Fearless as FDR
And many of Roosevelt’s ideas failed. The Agricultural Adjustment Administration attempted to raise farmers' incomes by paying them to destroy surplus crops and livestock. But it did little to help poor farmers, and it led to higher food prices for the poor and unemployed. In 1937, thinking that the worst of the Depression was over, FDR cut government spending, which led to a second downturn. The National Recovery Administration created private cartels to regulate prices and wages, but these ended up doing little to help. Many New Deal programs were struck down by the Supreme Court, including the NRA and the AAA; only when Roosevelt threatened to pack the court with extra justices did it relent. But despite these and other setbacks, Roosevelt and his administration pressed on, often replacing failed or blocked policies with new approaches. When industrial cartels failed to boost employment, Roosevelt provided jobs directly via the Works Progress Administration and other agencies. The austerity of 1937 was reversed. Roosevelt kept up his “bold persistent experimentation,” introducing new policies like higher income taxes, Social Security, freer trade and stronger collective bargaining. [...] Today’s Democrats can learn as much from the New Deal’s failures as from its successes. When plans don’t work -- or when they don’t go far enough -- rapid changes of course are necessary. A pragmatic attitude is the key, because sticking to a rigid ideology is a recipe for doubling down on mistakes. Political flexibility is crucial. A president isn't a dictator, and she or he will need creative workarounds and alternatives when opponents inevitably block parts of the agenda. The goal – a stronger, more equal economy – must take precedence over any plan. (Noah Smith, Bloomberg)
Der hier beschriebene Ansatz ist exakt meine Vorstellung von vernünftiger Reformpolitik, wie ich sie auch in meinem Grundsatzartikel zur Lösung der Klimakrise beschrieben habe. Am Grünen Tisch kann man noch so viele großartige Reformprojekte (oder wirtschaftliche Transformationen, mit einem Blick auf die Neoliberalen unter uns) planen; die Realität hat die Angewohnheit, Fallstricke auszulegen, die man vorher nicht gesehen hat. Die Qualität von Regierenden zeigt sich darin, wie flexibel sie auf solche Probleme reagieren, nicht darin, wie wasserdicht und kohärent die Pläne vorher waren. Der Ansatz von "Scheiße an die Wand werfen und schauen was kleben bleibt" ist daher zwar nicht so intuitiv attraktiv wie ein durchgeplantes und intellektuell kohärentes Programm, aber deutlich aussichtsreicher, sinnvolle Lösungen zu produzieren. Voraussetzung ist natürlich, dass man bereit zur Evaluierung und zur Reform ist. Ich denke übrigens, das ist auch eine der großen Stärken der ganzen Agenda2010-Reformen gegenüber eher starren Reformversuchen wie den in immer dasselbe ideologische Korsett gesperrten IWF-Strukturreformen: Die Willigkeit, Reformbestandteile auch wieder zu ändern, wenn sich zeigt, dass entweder die Prämisse falsch war oder sich geändert hat. Ich würde behaupten wollen, dass die Agenda2010 wesentlich weniger in der Bevölkerung akzeptiert wäre, hätte man alles auf dem Stand von 2004 eingefroren und seither als sakrosankt nicht mehr angefasst. Die Schwierigkeit, und das zeigt die SPD deutlich, ist diese Reformen der Reform politisch zu verkaufen. Darin war die deutsche Sozialdemokratie singulär schlecht. Aber das ist kein unlösbares Problem.

10) Left-Wing Policies Aren’t Risky for Democrats. Unpopular Ones Are.
Agadjanian is admirably careful in contextualizing his findings. He notes that some progressive policies are popular, and that it is unclear which left-wing policies the Democratic nominee will choose to emphasize next year. Still, the framing of both his column and survey are misleading. The question he has examined is not “Do Democrats risk losing independents by moving left?” but rather, “If three of the Democratic Party’s least popular left-wing ideas are at the front of independent voters’ minds when they enter the ballot booth next year, will that be bad for the Democratic Party?” The second question is more worthwhile than it may sound. Previous polling has established that decriminalizing border crossing, extending health-care benefits to undocumented immigrants, and abolishing private insurance are not majoritarian propositions (although, the last one tends to have broader support when contextualized in specific ways). But policies can be unpopular without being salient. So there is some value in knowing that these stances could ostensibly inform the voting preferences of swing constituencies. There is no value, however, in casting these three policies as definitive of the Democratic Party’s ideological shift. A survey that had independent voters read about the Democratic field’s embrace of wealth taxes, worker codetermination, marijuana legalization, and a $15 minimum wage might very well yield the opposite conclusion about the electoral implications of the Democrats’ “left turn,” given the broad popularity of those ideas. By equating the political viability of an arbitrary (and unusually unpopular) batch of left-wing policies with that of Democrats “moving left” in general, the Times column provided progressives readers with an easy means of dismissing its findings outright. (Erik Leivitz, New York Magazine)
Ich stimme Leitvitz' Grundforderung grundsätzlich zu. Man sieht denselben Effekt bei den Rechten ja auch: Obwohl den Republicans nicht wichtiger war als die Steuergeschenke für Milliardäre, schadete ihnen die Verabschiedung massiv, weil das Thema in der Gesamtbevölkerung furchtbar unpopulär war. Dass sie es unbedingt wollten, tat da wenig. Es mag daher durchaus sinnvoll zu sein, stärker darauf zu achten, welche der eigenen Herzenswünsche auch in der breiten Bevölkerung geteilt werden. Aber: Das Narrativ ist noch wichtiger. Die Umfragen, aus denen Leivitz zitiert, sind notorisch unzuverlässig. Bei all den Fragen nach der Popularität bestimmter Policies ist das so genannte wording, also die Fragestellung, der ausschlaggebende Faktor. Ein Umfrageinstitut kann die Popularität von Medicare For All auf eine Weise abfragen, dass 80% der Amerikaner zustimmen oder dass 40% zustimmen - der gleichen Policy. Hier müssen die Democrats unglaublich darauf achten, dass sie nicht den gleichen Fehler machen wie die Republicans und anfangen, ihre eigene Propaganda zu glauben.

Es ist die Hoffnung, dass eine Technologie der Zukunft die Probleme von heute auf beinahe magisch-mystische Weise lösen werde. Es grenzt an die "Dunkle Technikhörigkeit der Ahnungslosen", nur dass hier die Akteure sogar Ahnung haben. [...] Und es ist eine mächtige Denkschule, die sich schon häufiger durchgesetzt hat. Zum Beispiel beim Klimaabkommen von Paris im Jahr 2015. Es wird nicht besonders häufig gesagt - aber die ohnehin nicht gerade überambitionierten Ziele von Paris lassen sich nur noch erreichen, wenn irgendjemand eine bisher nicht existierende Technologie erfindet. [...] Denn im Schnitt dauert es ab Erfindung 43 Jahre, bis eine neue Energieerzeugung im Markt angekommen ist. Und 27 Jahre, bis sich neue (eventuell sparsamere) Produktkategorien durchsetzen können. [...] Die Technikgläubigkeit der Greta-Skeptiker ist natürlich kein euphorisch-positiver Technikglaube, wie er etwa Anfang des Jahrtausends bei Internetoptimisten (auch bei mir) zu finden war. Es handelt sich eher um eine Abwehrreaktion, die mit dem Joker Technologie operiert. Diese Klimatechnologiegläubigkeit hat auf verquere Weise letztlich nichts mit Technologie zu tun, das ist nur eine Chiffre, die auch lauten könnte: Wir warten auf ein Wunder Gottes, die Ankunft von Godot oder die Entdeckung von CO2-fressenden Einhörnern. Denn dahinter steht der schlichte wie technologieferne Wunsch, die anstrengende Veränderung noch ein wenig herauszuzögern. Es ist nichts anderes als die Essenz des konservativen Charakters, noch die kleinste Chance zu ergreifen, um dem Wandel so wenig Raum wie möglich zu geben. Bis es nicht mehr anders geht. Das ist, wie man selbst als progressiv orientierte Person zugeben wird müssen, in der Geschichte ärgerlich oft richtig gewesen. Aber eben nicht immer. (Sascha Lobo, SpiegelOnline)
Ich möchte diesen Artikel hauptsächlich noch als Ergänzung der Gedanken dalassen, die ich in meinem eigenen Artikel "Der Weg aus der Klimakrise" beschrieben habe. Lobo geht deutlich ausführlicher als ich auf den verbreiteten Techno-Optimismus der Klimawandelrelativierer ein, und dazu schreibt er deutlich besser als ich.

Dienstag, 8. Oktober 2019

Der Weg aus der Klimakrise

Einer der frustrierendsten Aspekte der Diskussion um die Klimakrise ist der Absolutismus, mit dem die Konsequenzen und Lösungswege debattiert werden. Egal welcher Vorschlag zur Linderung des Problems vorgebracht wird, man kann sicher sein, dass dieser Vorschlag sofort wie von einer Horde Geier attackiert und zerpflückt wird. Greta Thunberg weiß schon, warum sei maximale Distanz zu jeglicher konkreter Policy-Empfehlung hält.

Eine merkwürdige Zaghaftigkeit

Wir haben das auch hier im Blog, aber sowieso jeden Tag in den großen Zeitungen, verfolgen können. Kaum wurden eScooter eingeführt, überschlugen sich Leitartikler nicht nur mit der Erklärung, warum diese keinesfalls alleine das Klima retten würden (als hätte das je jemand behauptet), sondern beschworen ob der herumliegenden Geräte auch gleich den Untergang des Abendlands. Keine Diskussion über eAutos kommt ohne den Hinweis aus, dass auch bei deren Produktion CO2 freiwerde und die Batterien ja noch nicht so weit seien.

Wird das Einschränken irgendeines klimaschädlichen Konsumsverhaltens angesprochen, ob es sich nun um Rindersteaks aus Argentinien, innerdeutsche Flüge oder 250PS mit ebenso vielen Stundenkilometern auf der Autobahn handelt, darf nie die besserwisserische Bemerkung fehlen, dass allein diese Einschränkung den Klimakollaps nicht aufhalte.

Werden technische Maßnahmen angesprochen, etwa ein Umstieg auf erneuerbare Energien, werden die Subventionskosten und steigenden Stromrechnungen beklagt und Krokodilstränen über jede Niedriglöhner vergossen, die sonst den Gürtel gar nicht eng genug schnallen und ihre Ansprüche gar nicht weit genug herunterschrauben können.

Werden politische Maßnahmen diskutiert, ob eine CO2-Steuer, Cap+Trade oder verbindliche Emissionsgrenzen, so findet sich eine Heerschar plötzlicher außenpolitischer Experten, die darauf zu verweisen wissen, dass Deutschlands Beitrag alleine hier nichts ausrichtet und ohne die tatkräftige Mitwirkung des Rests der Welt, vor allem Chinas und der USA, das Klima nicht zu retten sei. Man würde diesen Kritikern Unrecht tun, unterschlage man das dann mit 99%iger Wahrscheinlichkeit folgende Argument, dass Deutschland sich diese Art überlegener Moral nicht leisten könne und solle, garniert mit einem Bekenntnis zu wirtschaftlicher Vernunft.

Und natürlich haben all diese Kritiker damit Recht.

Im Spiegel des Lösungs-Absolutismus

Gleichzeitig zu dieser merkwürdigen Zaghaftigkeit, in der selbst die Möglichkeit zum Mieten eines eScooters oder das Anlegen neuer Fahrradwege als Klima-Extremismus gilt, steht ein merkwürdiger Lösungs-Absolutismus. Die gleichen Leute, für die ein Tempolimit von 130km/h auf deutschen Autobahnen Radikalismus eines unvorstellbaren Ausmaßes ist, haben gleichzeitig einen unerschütterlichen Glauben an eine umfassende Lösung aller Probleme.

Wie diese sich ausgestaltet, ist abhängig vom eigenen politischen Standort.

Besonders beeindruckend finde ich in diesem Zusammenhang Christian Lindner, der zwar alle oben aufgelisteten Kriterien erfüllt, gleichzeitig aber felsenfest der Überzeugung ist, dass die magische Macht des Marktes (man muss sich das mit Kunstpause und hallendem Soundeffekt vorstellen) bald eine technische Innovation hervorbringen werde, die ohne jegliche Zusatzkosten und die Notwendigkeit zum Verzicht auf irgendetwas die Lösung bringen werde. Man darf annehmen, dass diese Zaubermaschine die Form eines Einhorns hat.

Aber auch auf der Linken finden sich solche Überzeugungen. Unter dem Deckmantel des Green New Deal, eines Begriffs, der in seiner wabernden Unbestimmtheit wahrscheinlich nur vom beliebten Adjektiv "neoliberal" übertroffen wird, wird hier unbeirrt erklärt, dass eine Lösung des Klimawandels nur durch einen radikalen Systemwechsel zu erreichen sei. Das ist keine Überraschung, weil für eingefleischte Linke jegliches Problem nur mit einem radikalen Systemwechsel zu erreichen ist. Darin sind sie so berechenbar wie ihr marktfanatischer Gegenpart an der Spitze der FDP.

Die Bedenkenträger

Die dahinterstehenden Befürchtungen haben zumeist nur wenig mit dem Thema der Klimakrise zu tun. Wo es einem Christian Lindner vor allem darum geht, um jeden Preis Belastungen für seine Klientel zu vermeiden, versuchen die Systemwechsler, den großen Wurf bei der Überwindung des kapitalistischen Systems geschickt mit der deutlich populäreren Abwehr der Klimakrise zu verbinden. Beides ist absolutistischer Blödsinn.

Wir sehen das auch hier im Blog. Zwar sind die Argumente, warum dieser oder jener Lösungsansatz nicht der beste ist, selten grundfalsch. Diese technischen Fragen kann man endlos debattieren, und während man jeden neuen Ansatz endlos zerpflückt, passiert solange gar nichts. Stefan Pietsch etwa hat nun schon mehrfach geschrieben, welche Ansätze aus welchen Gründen alle nicht funktionieren - nur als Lösung bleibt wenig stehen. Irgendwie soll dann die umfassende Lösung vom Markt kommen und weltweit auf einen Schlag zu 100% implementiert.

Woher dieser endlose Machbarkeitsglaube kommt, der sonst bei jedem anderen Thema in erregten Brandreden verurteilt wird, ist unklar. Die einzig sinnvolle Erklärung ist, dass es eine bequeme Ausrede ist. Solange man sich auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagen kann, an dem dann die Super-Duper-Rundumlösung kommt, muss man nichts tun. Ähnlich lief es auch in der DDR. Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Gleiches gilt wohl auch für Sportwagen, Kohlekraftwerk und Rinderschnitzel.

Letzten Endes geht es sowohl Lindner als auch den Systemwechslern wie auch den professionell besorgten Bedenkenträgern des konservativen Feuilletons (man nehme eine beliebige Ausgabe von FAZ oder Welt, bei der ZEIT ist die Chance eher 50:50) vor allem darum, inkrementelle Schritte zu verteufeln, zu blockieren oder wenigstens abzubremsen und abzumildern.

Der Gedanke dahinter ist relativ logisch. Eine Politik der kleinen Schritte bringt auch kleine Erfolge. Kleine Erfolge aber zeigen einerseits die Möglichkeit von Veränderungen und nehmen andererseits die Notwendigkeit für den kompletten Systemwechsel. Im Herzen geht es wieder einmal um die alte Debatte nach der "theory of change": Wie also lässt sich Wandel, in diesem Fall zu einem nachhaltigeren Wirtschaften, gestalten?

Die Mischung macht's

Ich glaube nicht an die eine und umfassende Lösung. Ich stimme Christian Lindner und seinen Brüdern im Geiste darin zu, dass die Lösung für die Klimakrise wahrscheinlich eine sein wird, die wir aktuell gar nicht auf dem Radar haben. Wo ich mich scharf von ihm distanziere ist die Idee, dass bis dahin Nichtstun und auf ein Wunder des Markts hoffen die beste Devise ist. Ja, aus dem Markt - spricht, von Unternehmen - wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Endform dessen kommen, was auch immer uns aus der Klimakrise hilft. Ob das nun die Elektrifizierung des Massentransports, das Absaugen von CO2 aus der Atmosphäre oder sonst was ist.

Gleichzeitig ist die blinde, ideologische Verachtung für sämtliche Staatstätigkeit, die Lindner und Pietsch (in einem Atemzug erwähnt hier) immer wieder zur Schau stellen, eine gefährliche Blindstelle. Denn die eine Lösung wird es für die Klimakrise nicht geben. Dieser merkwürdige Totalitaritätsanspruch von den sonst so auf Liberalismus und Individualismus pochenden Menschen ist merkwürdig.

Ich maße mir nicht an zu wissen, was am Ende der entscheidende Wurf sein wird. Stattdessen schlage ich, getreu der liberalen Idee des inkrementellen Wandels und des Experimentierens, eine Mischung vor. Wir brauchen sowohl ein von staatlicher Seite bereitetes Fundament als auch Unternehmen, die das dann aufgreifen und mit ihrem einzigartigen Talent darin, Kosten zu vermeiden wenn der soziale Druck hoch genug ist, und den ihren zur Verfügung stehenden Anreizmöglichkeiten in massentaugliche Produkte verwandeln.

Ein Blick zurück

Dabei hilft uns ein Blick zurück in die Geschichte des Energiesektors. Niemals kam eine Innovation auf diesem Feld einzig und allein aus dem Markt. Alles, was irgendwie mit Infrastruktur zu tun hat, war schon immer - notwendigerweise - auf das Engste mit dem Staat verknüpft. Die Idee, dass ein einzelnes Unternehmen oder gar ein einzelner Unternehmer in der Lage sein sollte, den weltweiten Energiegebrauch quasi aus einer Hand anzubieten, ist ohnehin zutiefst illiberal - ein weiteres merkwürdiges Artefakt dieser Debatte.

Ob bei der Erfindung und Implementierung der Kohlekraft oder, vor allem, der Atomkraft, stets waren es staatliche Stellen, die die entscheidenden Impulse dafür gaben. Sie sind es, die letztlich die Leitungen verlegen lassen (durch private Unternehmer zur Kostenersparnis, versteht sich), sie sind es, die die Kosten dafür tragen, sie sind es, die die Rahmenbedingungen schaffen.

Am offenkundigsten dürfte dies im Bereich der Atomkraft sein. Ohne massive staatliche Intervention und Subvention würde diese nicht existieren. Kein Unternehmen hätte je nukleare Grundlagenforschung betrieben. Kein Unternehmen hätte je einen Reaktor aufgestellt ohne die staatlichen Schutzmaßnahmen vor demselben und der dem Immunitätsversprechen gegen Unfälle auf der anderen Seite. Und kein Unternehmen hätte je in Atomstrom investiert, hätte der Staat ihn nicht massiv subventioniert und ihnen die Beseitigung des Mülls de facto für ein Taschengeld aus der Hand genommen.

Ich will an der Stelle nicht in eine Debatte einsteigen, ob er all das besser gelassen hätte, sieht man sich an, welch unerkleckliche Lage der Atomstrom uns beschert hat. Fakt ist aber, dass trotz des Geschreis seitens der bestens durch Wahlspenden aus der Atomlobby geschmierten Liberalen die Subventionen und Unterstützung des Staates für die Energiewende nicht auch nur einen Bruchteil der Förderung erhielt, die dem Atomstrom (und vor ihm Kohle und Öl) zugute kam.

Eine Frage des Geldes

Was heißt das nun konkret? Sehen wir uns das an einem kurzen Beispiel an, das bekanntlich Winfried Kretschmann auf die Palme bringt. Schlecht kann's also nicht sein. Ich rede natürlich von Tesla. Wenn es einen Sunny-Boy des Unternehmertypen gibt, der mutig und ohne irgendwelche Hemmungen in der miserablen Behandlung seiner Mitarbeiter Maßstäbe in Zukunftstechnologien setzt, dann Elon Musk. Seine Erfolge mit der eAuto-Marke Tesla sind legendär (im Wortsinne).

Musk warf bekanntlich große Teile seines eigenen Vermögens (mehrfach) in die Waagschale, ein Beispiel genau des Unternehmertuns, das in den Sonntagsreden immer so viel gepriesen wird. Weniger bekannt ist der andere Teil der Geschichte: Wenig überraschend lässt sich eine weltweit agierende Autofirma nicht mit dem Startkapital einer Person aus dem Boden stampfen, auch nicht einer Person, die so von der eigenen Brillanz überzeugt ist wie Elon Musk. Doch er tat sich notorisch schwer damit, Anleger für sein Projekt zu finden.

Das überrascht nicht. Die Technologie war damals und ist immer noch ein unsicherer Kantonist, die Infrastruktur praktisch nicht existent. Musk und Tesla hatten keinerlei Erfahrung im Autosektor. Woher also bekam der Pionier sein Geld? Aus der gleichen Quelle wie viele andere Pioniere vor ihm. Das amerikanische Energieministerium (Department of Energy) hat unter Obama einen erklecklichen Teil seiner noch viel erklecklicheren Ressourcen darauf verwendet, Unternehmen im Sektor der alternativen Energiequellen zinsgünstige und langfristige Kredite zu geben.

Das Projekt ist gigantisch erfolgreich. Der einzige Fehlschlag - natürlich in der Öffentlichkeit im Gegensatz zu den Erfolgen lang und breit ausgeschlachtet - war der Konkurs des Solarpanelherstellers Solyndra 2011. Wo da beständig auf die DoE-Subventionen hingewiesen wurde, sahen weder Elon Musk noch die Republicans im Kongress die Notwendigkeit, auf Erfolgsstories wie Tesla hinzuweisen. Dem DoE hatten die Republicans solche Hinweise sicherheitshalber per Gesetz verboten.

Der Erfolg des DoE-Kreditprogramms ist, nebenbei bemerkt, gleichzeitig auch ein Fehlschlag. Denn die Kredite sollten ja Innovationen fördern und risikoreiche, ungewisse Projekte befördern. Das Programm hat dem DoE aber sogar Gewinne erwirtschaftet, arbeitet also aus Furcht vor den Lindners und Pietschs dieser Welt klar zu konservativ. Dass es insgesamt allerdings höchst effektiv im Kampf gegen die Klimakrise ist, zeigt sich schon daran, dass eine der ersten Amtshandlungen der Trump-Regierung war, dieses Budget radikal zu kürzen.

Rolle vorwärts, Rolle rückwärts

Dabei zeigt gerade dieses Maßnahmenpaket, wie ein konstruktives Verhältnis zwischen Staat und Privatwirtschaft funktionieren kann. Die Rolle des Staates im Kampf gegen die Klimakrise liegt in den Aufgaben, die er auch historisch schon immer innegehabt hat. Das heißt: Grundlagenforschung. Infrastruktur. Förderung. Das heißt nicht: Sich in irgendwelchem Kleinscheiß zu verrennen. Anstatt monatelang darüber zu debattieren, was nun Nutzen und Schaden der eScooter ist, hätte man vielleicht einfach mal den Marktmechanismen freie Hand geben und einfach zur Seite treten sollen.

Es ist aber auf der anderen Seite Unsinn zu glauben, dass ohne diese staatliche Grundlagenarbeit irgendetwas Signifikantes passieren wird. Investments in Grundlagenforschung sind etwas, in dem der Markt notorisch schlecht ist. Es lohnt sich einfach zu wenig. Hier kann der Staat, der seine Ergebnisse allen Marktteilnehmern gleichermaßen und kostenfrei zur Verfügung stellt, als Triebkraft für privatwirtschaftliche Innovation wirken.

Ein letzter Bereich, in dem Staat und Privatwirtschaft furchtbar miteinander interagieren, ist der Bereich der Regulierung. Anders als die Paläo-Liberalen von der FDP und dem CDU-"Wirtschaftsflügel" es gerne behaupten, stimuliert nämlich Regulierung ebenfalls den freien Markt. Veränderte Bedingungen erzwingen Anpassungsprozesse, die großes Innovationspotenzial freilegen.

So waren es staatliche Auflagen, die dazu führten, dass die Autobauer Deutschlands immer effizienter darin wurden, Benzinverbrauch und Schadstoffausstoß zu reduzieren. In zahllosen anderen Branchen gilt Ähnliches. Die Privatwirtschaft hätte nicht freiwillig auf FCKW verzichtet, wenn nicht staatlicher und gesellschaftlicher Druck dazu geführt hätten. In Ländern mit entsprechenden Regulierungen enthalten Limonaden oder Schokoriegel derselben Firma deutlich weniger ungesunde Inhaltsstoffe als in solchen, wo diese nicht gelten. Und so weiter.

Manchmal muss man Leute zum Besten zwingen, das weiß ein Liberaler eigentlich. Zumindest wenn ich Stefan Pietschs Bekenntnisse hier im Blog zu möglichst großem Druck auf die Arbeitnehmerleistung zur Arbeitszeit richtig interpretiere.

Viele Experimente! (Sagte schon Adenauer)

Mein Ansatz zur Lösung der Klimakrise ist daher nicht das Warten darauf, dass sich das magische Einhorn von selbst materialisiert und alle Probleme löst. Mein Ansatz ist ein Strauß von Einzelmaßnahmen. Subventionen, Förderungsprogramme, Regulierungen, Grundlagenforschung, Infrastrukturinvestitionen, wir brauchen alles davon. Ein Wundermittel wird es nicht tun. Und niemand kann mit letzter Gewissheit sagen, welche dieser Maßnahmen die beste ist.

Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle dieser Maßnahmen erfolgreich sein werden. Manche Unternehmen werden auf das falsche Pferd setzen. Manche werden sich nicht rechtzeitig verändern und von entfesselten Marktkräften überrollt werden (eine akute Gefahr für die deutschen Autobauer etwa). Andere werden an der Inkompetenz ihrer Führungsfiguren zugrunde gehen. Der Staat wird einige schlecht geplante Straßen bauen, einige unwirtschaftliche Subventionen ausgeben und einige schädliche Regulierungen verabschieden.

Aber wenn wir annehmen, dass die absolute Mehrzahl von Unternehmern, Städteplanern, Beamten, Managern und so weiter ihre Jobs ernsthaft und kompetent durchführen - und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dem nicht so ist - und wir ein funktionsfähiges Korrektiv gegen Korruption haben, dann wird der Großteil dieser Maßnahmen erfolgreich sein. Keine wird alleine den Durchbruch bringen. Wir werden später nicht auf eine Erfindung, eine Firma, eine Subvention, eine Regulierung oder ein Förderprogramm zeigen können und sagen: "Das war es, das hat uns gerettet." Aber mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, und viele Schritte führen zum Ziel.

Wir müssen daher Experimente unternehmen, so sehr sich Adenauer dann auch im Grab drehen mag. Eventuell dient er dabei dann als alternative Energiequelle, das wäre ja auch was.  

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Regulierungen ins Blaue hinein, Abstimmungen über gesundes Essen in der Mitte und Greta in der Gewerkschaft - Vermischtes 02.10.2019

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Trump’s War on Blue America

Still, Trump and Republicans in Congress have escalated these skirmishes to a new level. “I can’t really recall a federal administration that has so aggressively and on so many fronts claimed federal powers to supersede state authority,” says Richard Frank, who studies environmental law at the University of California at Davis. Through both legislation and executive action, Trump and congressional Republicans have pushed a series of policies that target blue states, starting with the tax bill passed in late 2017. That law sought to pressure blue states to cut their own taxes by capping what taxpayers could deduct in state and local taxes from their federal tax returns. (Almost all of the states in which the largest share of taxpayers claimed these deductions in 2016 voted for Hillary Clinton that year.) Trump has also tried to pressure so-called sanctuary cities that don’t fully cooperate with federal immigration enforcement by withholding law-enforcement funds from them. And his Justice Department has sued California over its “sanctuary state” law. The same trend is apparent on other issues. In August, the EPA proposed regulations that would limit states’ ability to contest the construction of energy pipelines through their borders. Education Secretary Betsy DeVos has issued a policy blocking state regulators from scrutinizing the companies that collect federal student loans. When Republicans controlled the House in 2017, they passed legislation that would override state laws by allowing any gun owner with a concealed-carry permit in one state to bring that firearm to any other state. In recent weeks, Trump has hinted that he will seek to intervene to override policies on homelessness in cities such as Los Angeles and San Francisco. And take health care: The president’s most recent federal budget endorsed legislation that would replace the Affordable Care Act with block grants to the states, massively shifting federal dollars from the mostly blue states that expanded eligibility for Medicaid under the ACA to the mostly red states that did not. (Ronald Brownstein, The Atlantic)
Ich bin kein großer Fan des Föderalismus, muss ich zugeben. Historisch haben die Veto-Rechte der Bundesstaaten in den USA notwendigen Wandel weit häufiger blockiert als gefördert. Ob der Ausbau der Infrastruktur (Straßen, Kanäle, Telegraph, Eisenbahn) und die Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert, ob die Ausbreitung der Bürgerrechte im 20. Jahrhundert oder die allgemeine Krankenversicherung und der Kampf gegen den Klimawandel im 21. Jahrhundert, wie wichtigen Impulse kamen eigentlich stets vom Bund. Aber politisch motivierter Krieg? Das ist eine andere Geschichte. Trump glaubt nicht daran, dass wichtige Impulse vom Bund ausgehen, dass er das Leben der Menschen verbessern könnte. Er benutzt die Bundesregierung als Waffe gegen die Staaten, in denen seine Gegner regieren. Dass er dabei auch die Minderheit seiner eigenen Anhänger trifft, ist ihm in seiner totalitären Zerstörungswut völlig egal. Man könnte das jetzt als Argument für einen starken Föderalismus sehen; meine Lektion wäre eher, dass man vielleicht schauen sollte, dass man nur Demokraten ins Weiße Haus wählt und keine Möchtegern-Diktatoren. 

2) Bye-Bye Bibi: Why Netanyahu Failed
Netanyahu spoke constantly of his “close personal” friendship with the U.S. president, as if he was personally responsible for American policy towards Israel. His message was that he alone had access to the world leaders who keep Israel safe. This strategy backfired in recent days when Netanyahu’s supporters were horrified by Trump’s willingness to meet with Iranian President Hassan Rouhani. “Everything has blown up in his face,” said Gayil Talshir, political scientist at Hebrew University, in the weeks before the election. “This is a blow to Netanyahu, who benefits from the impression that he is behind America’s policy. Trump saying he’s ready to meet Rouhani undermines this, and undermines the idea that Netanyahu is the best friend of Trump.” Trump doesn’t like to be associated with losers. The day after the election, he told reporters that he hadn’t spoken to Netanyahu, and added, “Our relations are with the state of Israel.” In 2015, Netanyahu warned his supporters that Arabs were being “bused in droves” to the elections. After widespread condemnation for his “racist” remarks, he apologized. Yet he tried the exact same tactic again on Tuesday, only this time it backfired: Arabs voted in unprecedented numbers, motivated in part by his talk of “annexing” the Jordan Valley. The Arab parties, known as the Joint List, placed third, which means that if Likud and Blue and White form a government, the Joint List would lead the opposition. If that happens, their leader, Aymen Odeh, will be present for security briefings and have access to intelligence. That’s significant because no Arab leader in Israel’s history ever had such access. (Barbara Boland, The American Conservative)
Netanyahu wandelt sich in rasender Geschwindigkeit vom Staatenlenker zu einem normalen rechtspopulistischen Scharlatan. Er und seine Familie sind in Korruptionsprozessen gefangen (check), seine Positionen werden immer radikaler (check), er führt nur noch Kulturkämpfe (check), er schlägt auf ethnische Minderheiten ein (check), wanzt sich an fremde Autoritaristen heran (check) und versucht, die Wahlen zu behindern (check). Ich habe bereits vor einigen Monaten geschrieben, dass Netanyahus enge Bindung an Trump (anstatt, wie früher, an die USA als Ganzes) für Israel verheerend sein wird, weil es die Unterstützung für das Land zu einem parteipolitischen Thema macht, statt es in einen gesamtamerikanischen Konsens einzubetten. Bei den Democrats gibt es ohnehin schon genug Stimmen, die anti-israelisch argumentieren. Netanyahus letzten Amtsjahre waren auf dieser Ebene ein Desaster. Auch war ihm kein Erfolg damit beschieden, auf die Araber einzuschlagen um Stimmen im eigenen Lager zu generieren. Zwar konnte er die Likud weiter radikalisieren und eine Koalition eine weitere Legislaturperiode retten. Aber der Preis dafür war eine ungeheure Stärkung und, vor allem, Einigung der Vertreter der arabischen Minderheit. Netanyahus Spaltungspolitik sorgte dafür, dass die Integration und Partizipation der arabischen Israelis (gibt es dafür einen griffigen Begriff?) mit Macht auf die Agenda kam. Dem Land stehen noch sehr unangenehme Auseinandersetzungen bevor. 

3) The Bizarre Trump-Fueled Backlash to Healthy School Lunches
Back in 2010, then–first lady Michelle Obama launched a nefarious scheme to turn school cafeterias into liberal indoctrination zones. Or at least that’s how Obama’s right-wing opponents portrayed the Healthy, Hunger-Free Kids Act, a law she spearheaded that gave the National School Lunch Program its first nutritional update in more than 15 years. Her treachery included requirements for more fruits, vegetables, and whole grains, and limits on calories in meals. “Here’s Michelle Obama trying to take over the school lunch program,” Rush Limbaugh warned his radio audience. Media outlets flaunted photos of kids dumping their lunches into the trash, supposedly taken after the reforms went into effect. Rep. Steve King (R-Iowa) sponsored a bill to nullify the nutrition rules in 2012, decrying what he called a “misguided nanny state” that “would put every child on a diet.” [...] For decades, companies like Tyson Foods and Domino’s have found a prominent market in school cafeterias, wooing administrators with entrees like chicken nuggets and pizza, which please kids, require minimal preparation, and don’t strain tight budgets. The Obama rules didn’t overhaul this paradigm, says Bettina Elias Siegel, author of the forthcoming book Kid Food, but “overall there’s no question that school meals got healthier.” [...] The USDA study compared school years before and after the Obama reforms. It turns out that serving healthier food did not result in significantly higher costs for cafeterias or mean more food going into the garbage. The reforms did, however, result in healthier lunches—more whole grains, greens, and beans, as well as fewer “empty calories” (added sugar and solid fats) and less sodium. And maybe most importantly, the cafeterias that delivered higher healthy-food scores also had significantly higher rates of students choosing to eat the lunches. (Kevin Drum, Mother Jones) 
Ein weiterer Beleg für die völlige, hasserfüllte Irrationalität der Republicans. Ein Programm aus der Obama-Ära, das ohne Zusatzkosten große Erfolge bei der Gesundheit armer Kinder erreicht hat, sollte eigentlich ziemlich unkontrovers sein. Aber da es von einer Obama gestartet wurde, wird mit maximalem Fanatismus dagegen angekämpft. Lieber soll es Kindern schlecht gehen, als dass es einem Programm des Gegners erlaubt sein könnte, weiterzulaufen. Dabei muss man wahrlich kein Genie sein um zu erkennen, dass die Übergabe von Schulkantinen an einen Pizzalieferdienst nicht eben dazu angetan ist, die Gesundheit der Kinder zu verbessern. 

4) ‘Vote For The Crook. It’s Important’
I think Trump is crooked, without question. Do I know for sure that he violated any laws? No. By “crooked,” I mean that he is not a man who cares about the law, either the legal code or the moral law. I think Bill Clinton was crooked too, by the way. I’m talking about the fundamental orientation of the man toward the law. Donald Trump is a disgrace. But it still might be important to vote for him. Let me explain. [...] There are a variety of reasons why conservatives might conclude that it’s important to vote for the crook in 2020. Here are mine. [...] All the Democrats are very far to the left on LGBT issues. [...] The Democratic Party is not just a party of gay rights. It is a party of radical transgender rights. [...] Is Donald Trump a solid Christian? No, I don’t believe he is. Is he a morally upstanding man? Don’t make me laugh. But here’s the thing: Donald Trump does not hate people like me. The Democratic Party does, and will work to roll back my religious liberties, which are the most precious thing to me. [...] The Democratic Party and all its presidential candidates are 100 percent in favor of abortion extremism. [...] The Democrats are also on board with race-and-gender wokeness, which unfairly stigmatizes whites and males. [...] Let me put it like this. Donald Trump represents serious moral disorder. The Democratic Party and its standard-bearers also represent moral disorder, but of a much more serious kind. That’s the difference. (Rob Dreher, The American Conservative)
Man muss Rob Dreher dankbar dafür sein, dass er so explizit ausspricht, was viele Konservative in den USA umtreibt. Vor die Wahl gestellt, die Demokratie zu retten oder die Homoehe akzeptieren zu müssen, entscheiden sie sich zielsicher dafür, Transsexuellen den Zugang zu Toiletten zu verwehren. Man muss schon klare Prinzipien und Prioritäten haben, keine Frage. Umso bewundernswerter sind solche Konservative wie Tom Nichols, Max Boot, Jennifer Rubin oder Rick Wilson, für die die Bewahrung von Demokratie und Rechtsstaat über jedem politischen Teilgebiet steht. Wir hatten das auch in einem der letzten Vermischten (Fundstück 2). Die Idee, dass ein Präsident der Democrats innerhalb von vier Jahren die völlige wertetechnische Apokalypse bringt, ist vollkommen absurd. Nicht nur sind die entsprechenden Kompetenzen ohnehin meist auf Staatenebene angesiedelt (siehe Fundstück 1); selbst wenn die Democrats die trifecta gewinnen sollten, ist die Chance, dass sie sie über 2022 hinaus halten, gleich null. Und die Partei hat Gesundheitssystem und Klimakrise, nicht LGBT-Themen, zum Kernpunkt ihrer Agenda gemacht. Diese Leute haben sich in eine ideologische Blase eingebaut, in der sie die Realität überhaupt nicht mehr zur Kenntnis nehmen können. 

5) The Moderate Middle Is A Myth
Stop me if you’ve heard this one before: Independent voters will decide the election. Or better yet: Moderate voters will decide the election. Or, wait for it … If Democrats can move to the middle, they will win in 2020. These tropes conjure up a particular image: a pivotal bloc of reasonable “independent” voters sick of the two major parties, just waiting for a centrist candidate to embrace a “moderate” policy vision. And there’s a reason this perception exits: You see just that if you look only at topline polling numbers, which show 40-plus percent of voters refusing to identify with a party, or close to 40 percent of voters calling themselves moderates. But topline polling numbers mask an underlying diversity of political thought that is far more complicated. Some independents are market-oriented and anti-immigration. More are the opposite. Many are consistent liberals on economic and immigration policy questions. Some are consistent conservatives. Some are somewhere in the middle. So, next time anybody says that some policy position will win over genuine independent voters, they aren’t addressing an obvious question: Which independent voters? Are independents also “moderates?” It depends how you define “moderate.” If you define moderates based on self-identification, then the answer is: sort of. More than half — 58 percent — of self-identified independents in the Voter Study Group data also identify as moderate, compared to 27 percent who identify as conservative and just 15 percent who identify as liberal. But many people who call themselves “moderate” do not rate as moderate on policy issues. Just like self-identified independents, moderates come from all over the ideological space, including moderates who also identify as independent. [...] The takeaway is simple: As they must with independents, any pundit who talks about “moderates” as a key voting bloc begs that second follow-up question: Which moderates? [...] Anybody who claims to have the winning formula for winning moderate, independent or undecided voters is making things up. Perhaps more centrist policies will appeal to some voters in each of these categories — but so will more extreme policies. (Lee Drutman, 538)
An der Stelle ist es hilfreich, wieder einmal, einen dieser Mythen von 2016 auszugraben. Trump gewann "moderates" - aber halt die Extremisten. Der oben verlinkte Artikel ist effektiv einer, den 538 und andere geistesverwandte Magazine alle paar Jahre mal schreiben. Aber es hilft nichts; der Mythos des "moderaten" Wählers will nicht weggehen. Es ist auch auffällig, dass es immer nur die Democrats sind, die angeblich ihre Positionen moderieren und diese imaginäre Mitte umwerben müssen. Nie werden die Republicans aufgefordert, ihren Extremismus zu temperieren und stattdessen einmal mehr um die Moderaten zu werben. Das liegt daran, dass ein Großteil der Leute, die diese Forderung aufstellen, sich selbst als "moderate" identifizieren und somit eigentlich nur meinen "die müssen mehr so werden wie ich". Und da die Forderungs-Steller meist weiße Männer mittleren Alters mit größerem Vermögen sind, ist schon klar, auf welchem Feld sie sich Moderation erwarten. Und warum mehr Diversität in den Redaktionen notwendig ist. 

6) Democracy Dies When Labor Unions Do
There’s a strong argument that giving ordinary Americans a say over how their workplaces are governed is just as fundamental to democracy as giving them the ballot. [...] If we accept our founders’ premises, then the true measure of a democracy — which is to say, a system of government in which all citizens enjoy political liberty — cannot merely be how many offices its people get to vote on. Rather, to gauge how democratic a society is, one must examine how much power ordinary citizens have over the terms of their own subsistence, and how evenly economic resources are dispersed across the demos. Judged on these terms, it is clear that the contemporary United States is the opposite of “excessively democratic” — and that it will remain so, absent a revival of its labor movement. [...] That trade unions do, in fact, increase their members’ power over their own working lives is confirmed by the wage and benefits premiums that unionized workforces enjoy. But organized labor does not merely democratize individual firms; it also democratizes economic power throughout the economy. As America’s private-sector unionization rate collapsed over the past half century, the middle-class’ share of productivity gains went down with it. And a large body of economic research confirms that this is no mere correlation. When workers organize, they secure a voice within the “private governments” that rule their economic lives, and they (typically) use that voice to rationally advance their own material interests — which, most of the time, also advances the self-interest of most Americans (a.k.a. the public interest). In other words, by forming trade unions, ordinary citizens achieve much of what critics of democracy insist it can’t deliver.(Eric Levitz, New York Magazine)
Es ist schon ironisch, wie satisfaktionsfähig die Idee der Einführung von Betriebsräten in der amerikanischen Linken gerade wird. Die Argumentation, die hierzu verwendet wird, ist ähnlich, wie sie bei uns in den 1970er Jahren vorgebracht wurde, als das Instrument eingeführt wurde. Auch wenn das heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist und die Betriebsräte vor allem als Blockadeinstrument für die schlimmsten Arbeitsrechtsverstöße und Missbräuche der Arbeitgeber dienen, so waren sie ursprünglich in ihrer Zielsetzung wesentlich ambitionierter. Es ist in der Tat ein ungelöster Grundsatzkonflikt in kapitalistischen Demokratien (und damit: allen Demokratien), dass die Demokratie aus bestimmten Lebensbereichen völlig ausgenommen ist. Vor allem in der Wirtschaft fällt das auf, die letztlich diktatorisch oder wenigstens oligarchisch organisiert ist. Aber auch in anderen Lebensbereichen wie dem Bildungssystem ist es augenfällig. Auch hier haben wir die in den 1970er Jahren geschaffenen Instrumente wie die SMV oder Asta weitgehend aus den Augen verloren und zu einem Schatten ihrer Selbst verkommen lassen. 

7) The Pathos of Greta
But watching Thunberg this week, and absorbing the intensity of conviction she brings to arguably the most urgent crisis humanity faces, I didn’t care about these picked nits. I found her spell-binding, her rage utterly justified, her fear genuine and rational. What if it takes a 16-year-old with Asperger’s to address this subject with the urgency and seriousness it deserves? There’s a striking clarity and brilliance to some people on the spectrum of autism. Unintimidated by social cues, they can blurt out the truth. This past week, we got yet another report from the world’s scientists that the pace of change is accelerating, especially in the oceans, that a great mass extinction is already well underway. I’m sorry but the excuses for inaction have now gone far beyond legitimate skepticism toward grotesque collective irresponsibility in the face of a huge problem that will plague every human being who comes after us. The face of disgust and loathing that Greta directed toward president Trump when their paths nearly crossed at the U.N. this week was more than justified. I get her anger; her speech at the U.N. rang completely true to me; the generational injustice is massive. There is no evidence that she is being coerced into this. In fact, her autism-related capacity to focus obsessively on what is in front of her nose is better than the denial, forgetting, and apathy of the rest of us. There is suffering in this. You can see it in her eyes. But there is suffering behind anyone truly, implacably dedicated to changing the world. And the suffering she is trying to halt — of future generations of humans, and of animals and plants over which we humans have dominion — is on a different scale entirely. (Andrew Sullivan, New York Magazine)
Andrew Sullivan ist ein katholischer Konservativer, allerdings einer, der seine Vernunft nie an der Eingangstür abgegeben hat. Entsprechend wenig verwunderlich ist, dass er für die Mechanismen, die hinter Thunbergs Erfolg stehen und die ich jüngst beschrieben habe, empfänglich ist. Thunbergs rechte Gegner können noch so oft von "Hysterie" schreiben, aber Sullivan hat Recht. Ihre Furcht ist völlig rational. Seit Jahrzehnten warnen die Klimawissenschaftler, dass Nicht-Handeln katastrophale Konsequenzen haben würde. Was genau war die Erwartung nach Jahrzehnten des Nicht-Handelns? Die hilflose Reaktion ist, die Freiheit des SUV-Verkehrs in Innenstäden, des Sylvesterfeuerwerks und generell des bisherhigen, unhaltbaren Lebensstils zu verteidigen. Großes Kino.

Reading these three books and paging through the draft ISA gives one a dizzying sense of how many different ways air pollution can harm us. It would be hard to digest all this information and not arrive at the same two overarching conclusions as the three authors: (1) air pollution is severely under-regulated; (2) we need to get beyond combustion, as fast as we can. Burning stuff is burying us. [...] Ban internal combustion engine vehicles (especially diesels). Redesign cities for people instead of cars. Electrify everything. (Not coincidentally, these same steps would also go a long way toward bending the curve of greenhouse gas emissions downward.) [...] New evidence seems to ratchet only in one direction: revising today’s global death toll of air pollution upward, and widening the scope and variety of its damage. A recent study in the European Heart Journal concluded that ambient air pollution is responsible for 8.8 million premature deaths per year—more than double previous estimates, and 1.5 million more than smoking causes. [...] It would be a profound statement, confirming the judgment of so many scientists: that air pollution acts in concert with other factors to tip human bodies over into crisis, illness, and death, and that behind the staggering statistics, air pollution curtails and corrodes individual lives. But whether or not officialdom puts it on a death certificate, the larger truth remains: these pollutants are robbing us of time, our most precious resource, on an unimaginable scale. (Jonathan Mingle, New York Review of Books)
Ich empfehle den langen und ausführlichen Artikel zur Gänze und möchte an dieser Stelle nur einige Auszüge des Fazits zitieren. Luftverschmutzung ist eines jener Themen, die vom Radar öffentlicher Aufmerksamkeit weitgehend verschwunden sind (der Höhepunkt waren hier sicher die 1980er Jahre). Aber die stark gesundheitsschädliche Wirkung der Abgase, die beständig in die Luft gepumpt werden, ist nicht gerade geringer geworden. Wir verlieren wertvolle Lebensqualität und Lebenszeit, aber getan wird, wie so oft, nichts.

Rekapitulieren wir: Die Unterstellung lautet, die Grünen seien sowieso die Mehrheitspartei der Journalisten und jetzt drehten die völlig am Rad. Das ignoriert schon mal komplett, dass über die Grünen in der Gesamtheit der letzten fünfzehn Jahre nur im Spartenprogramm berichtet wurde. Was daran lag, dass die Gesellschaft keine positiven Erwartungen an die Grünen von Jürgen Trittin hatte. [...] Jetzt aber ist durch die Veränderung der Gesamtlage alles anders, die früheren Orientierungsparteien bieten keine Orientierung, Zukunftspolitik wird ihnen nicht mehr zugetraut, schon gar nicht von Jungen, wie selbst die CDU-Politikerin Diana Kinnert, 25, einräumt. Der Notwendigkeit von Klimapolitik wird von einer wachsenden Zahl neuerdings Priorität eingeräumt. Aber das kommt nur noch hinzu. Die Grünen waren bereits auf dem Weg Richtung Mehrheitsgesellschaft, bevor FFF die Erderhitzung wirklich auf die Tagesordnung setzten. Es liegt an den grundsätzlichen Veränderungen der (Arbeits-)Gesellschaft. An den sich in diesem Moment verändernden Diskurslinien, die eben nicht mehr vom milden Gegensatz linksliberal – liberalkonservativ geprägt sind, sondern von liberal vs. illiberal und von der Unmöglichkeit, weiter um ökonomische Verteilung und emanzipatorischen Fortschritt im fossilen Rahmen zu streiten. (Martin Unfried, taz)
Der ganze lange Artikel ist große Klasse und zur Gänze empfehlenswert. Nicht ohne Grund hat er in den letzten Tagen viel die Runde gemacht. Die Idee, dass die ganze Medienlandschaft in der Tasche einer politischen Strömung steckt, hat bezüglich der Grünen genauso viel Erklärungsgehalt wie die Idee der Mediengleichschaltung seitens der NachDenkSeiten. Die Grünen haben aktuell die größte Problemlösungskompetenz und das größte Profil, weil nach zwei Jahrzehnten ihr Leib- und Magenthema plötzlich alle Schlagzeilen bestimmt. Das ist genauso wenig ungewöhnlich wie der Aufstieg der AfD, als in jedem Medium nur von Flüchtlingen und deren schlimmen Auswirkungen zu lesen war. Die Kernfrage ist, was die Partei daraus macht. Bleibt dieser Erfolg ein demoskopischer Einmaleffekt, oder kann sie ihn in tatsächliche Wahlerfolge ummünzen? Das ist aktuell überhaupt nicht absehbar. Möglich ist beides, ungewiss die Zukunft. Dass die versammelte eher liberalkonservativ orientierte Landschaft darüber völlig hohle dreht, ist ebenso faszinierend wie beunruhigend. Da geht jedes Maß und Mitte verloren.

Die AfD will sich künftig verstärkt auf den Protest gegen die Klimaschutzpolitik konzentrieren. Nach dem Euro und der Zuwanderung sei dies "das dritte große Thema für die AfD", sagte Parteichef Alexander Gauland laut einem Bericht der "Welt am Sonntag". Seine Partei habe hier ein "Alleinstellungsmerkmal", so Gauland weiter. [...] Die "maßlosen Vorhaben" der Bundesregierung seien völlig ineffektiv, weil Deutschland nur für zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sei. Zwar ändere sich das Weltklima, aber dass der Mensch dabei durch CO2-Emissionen eine wesentliche Rolle spiele, sei "zumindest umstritten". [...] Im Kontrast dazu hat der Weltklimarat (IPCC) die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel vor wenigen Tagen noch einmal in einem Sonderbericht betont. Das von den Vereinten Nationen (Uno) unterstützte Expertengremium mit mehr als hundert Wissenschaftlern aus 36 Ländern warnte vor verheerenden Folgen des durch den Treibhausgas-Ausstoß angetriebenen globalen Temperaturanstiegs. Nur noch radikale Maßnahmen könnten einige der schlimmsten Folgen der globalen Erwärmung abwenden, so der IPCC. (jme/Reuters, SpiegelOnline)
Manchmal muss man Gauland wirklich dankbar dafür sein, wie er den Subtext in Text verwandelt und einfach direkt ausspricht, was man ihm sonst "nur" vorwerfen müsste. Die AfD will sich gegen Klimaschutzpolitik positionieren. Und warum? Weil da ein "Alleinstellungsmerkmal" ist. Nicht, weil es sachlich geboten wäre oder so was. Dieses Pack hat nicht das geringste Problem, aus reinem Opportunismus alles in den Abgrund zu treiben. Das haben sie mit den anderen Rechtspopulisten gemeinsam, ob man sich die Brexit-Crowd anschaut, die Bande um Trump oder Regenwald-Zündler Bolsonaro. Überall wird mit einem perversen Zynismus auf Kosten anderer der eigene Vorteil gepflegt. Und abgesichert wird alles, indem der blinde Hass der eigenen Unterstützer angeheizt wird. Was für ein ungeheuer toxischer Verein. 

11) Deconstricting the Administrative State
All of these stories run counter to the dominant political narrative of regulation as a deadweight on the economy. This belief is gospel on the corporate-controlled free market right, and even liberals defending regulation seldom do so in terms of its broader positive economic impacts. With the sole exception of clean energy, where liberals have readily touted the link between regulation and jobs, you will look in vain for a progressive politician who more generally defends regulation as an instrument of innovation and economic growth. Rather, the prevailing frame is that of regulators as guardians of public safety and health. The same is true of the liberal advocacy community. “Public health, safety, pocketbook and environmental protections are being wiped out as payback to the GOP’s corporate donors,” warns the website of Rules at Risk, an umbrella campaign by progressive groups. This is true enough. But nowhere on the website does the group make a full-throated argument for how regulations benefit the economy as a whole. By ceding the economic argument, liberals have effectively allowed the debate on regulation to be framed as one of jobs versus safety, growth versus health. Voters are left believing that they have to choose between the two—a false choice that also gives the advantage to the GOP as the better champion of jobs and economic growth. [...] The current view of regulation as a drag on the economy and an affront to personal freedom is a relatively recent phenomenon. The historic view—one that dates to the earliest days of the republic—is that law and regulation are inextricably linked with the health of markets and the preservation of individual liberty. (Anne Kim, Washington Monthly)
Auch das ist ein extrem langer Artikel, den zu lesen sich in seiner Gänze lohnt. Die Ideologie der Marktfanatiker sieht Regulierung manichäisch als etwas Schlimmes, grundsätzlich, immer, aber wie bei jeder Ideologie vereinfacht das zwar den Alltag, dient aber weniger dem Erkenntnisgewinn. Dabei sind gerade Regulierungen - kluge und durchdachte und regelmäßig auf ihren tatsächlichen Effekt evaluierte Regulierungen - innovationsfördernd. Die ausführliche Argumentation und Begründung findet sich um Ursprungsartikel.

Dienstag, 1. Oktober 2019

Bücherliste September 2019

Dies ist der erste einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Je nachdem wie sich das einpflegt werde auch auch auf andere Medien und Formate eingehen, die ich als relevant empfinde. Vorerst ist das Verfahren experimentell, bitte gebt mir daher entsprechend Feedback! Diesen Monat: Scheidepunkt der Weltwirtschaftskrise 1931, die Geschichte Batmans, Ideengeschichte des Christentums, Geschichte der Infrastruktur, eine Einführung in OneNote, Hilfestellung für Klassenfahrten und eine Verteidigung des Liberalismus.

Tobias Strausmann - 1931: Debt, Crisis and the Rise of Hitler In diesem Buch stellt Strausmann in kondensierter Form das Jahr 1931 in den Fokus. Seine zentrale These ist, dass dieses bisher in der Geschichte des Endes der Weimarer Republik wesentlich zu kurz kommt und üblicherweise in das große Gesamtnarrativ "Weltwirtschaftskrise ab 1929" geworfen wird oder auf der anderen Seite im Schatten der NSDAP-Wahlerfolge und Präsidialkabinette von 1932 verschwindet. Zentral für Strausmanns Argumentation ist dabei die Bankenkrise, für die die Prämisse des Buchs in jedem Fall zutrifft. Der Zusammenbruch des deutschen Bankensystems 1931 ist einer, der merkwürdig unterschätzt und wenig gewürdigt in der allgemeinen Forschung sein Dasein fristet. Für Strausmann ist dieser Zusammenbruch das entscheidende Ereignis der Weltwirtschaftskrise, weil er erst aus einer allgemeinen wirtschaftlichen Depression den Totalzusammenbruch macht. Strausmann folgt vor allem den internationalen Finanzströmen, also der komplexen Architektur der Reparationszahlungen zwischen Frankreich, Großbritannien, Deutschland und den USA und wie diese ein nicht nachhaltiges und extrem krisenanfälliges Gebäude aufbauen, das die Bankensysteme der betroffenen Länder auf das Wohl und Wehe deutscher Reparationszahlungen aneinanderkettet. Als aus völlig falsch verstandener ökonomischer Orthodoxie sowohl Amerikaner als auch Franzosen sich weigern, auf die immer verzweifelteren Hilferufe der Deutschen einzugehen, setzt das Scheitern der Danat-Bank eine Spirale in Gang, die bald zum kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft führt. Damit dreht Strausmann das übliche Narrativ auf den Kopf, demzufolge die Welt von den Geschehnissen in den USA in den Abgrund gerissen wird. Vielmehr geht das Erdbeben von 1931 von Deutschland aus. Das ist eine spannende These, die mehr Forschung und Einordnung lohnt.

Glen Weldon - The Caped Crusade: Batman and the rise of nerd culture Die Figur des Batman gehört zu den bekanntesten Superhelden überhaupt. Wie Glen Weldon in seiner erschöpfenden Geschichte der Figur nachzeichnet, war das nicht immer so. Spätestens seit den 1980er Jahren jedoch ist Batman aus dem kulturellen Gedächtnis kaum mehr wegzudenken. Wie so viele andere Comicfiguren durchlief er zahlreiche Metamorphosen, deren genauen Verlauf Weldon in seinem Buch nachzeichnet. Eine Grundlinie ist dabei der zyklische Wechsel von Ernst zu Spaß und vom Einzelgänger zum Kopf einer großen Bat-Familie. Mehrmals in seiner Geschichte durchlief der "caped crusader" diese Zyklen nun bereits. Von seinem ersten Auftreten in "Detective Comics", in dem er noch im Dutzend billiger Gangster umbrachte, wandelte er sich bald in einen raum- und zeitreisenden Superhelden. Nach einem kurzen Wandel zurück zu einer ernsteren Version fand dann der "camp" in der 1960er-Adam-West-Serie seinen Höhepunkt, ehe das Pendel für die 1970er und 1980er Jahre in ungekannte Finsternis umschlug, in den 1990ern Joel Schumachers homoerotischen Nylon-und-Neon-Abenteuern Platz machte, dann wieder zum Ernst Christopher Nolans umschwang und neuerdings selbstironisch, etwa in Form Lego-Batmans, daherkommt. Auch bei den restlichen Figuren gab es beständigen Wandel. Robin wurde mal bester Kollege, mal Rivale, mal toter Grund für Rachegelüste. Batwoman, Batgirl, Catwoman und Alfred bereicherten mal die Gruppe, zu der zeitweise auch ein Bat-Affe und ein Bat-Hund gehörten, ehe Batman wieder alleine Gothams dunkle Straßen bereiste. Obgleich diese Darstellungen für sich genommen natürlich interessant genug sind, ist der eigentlich relevante Kontext der des Untertitels des Buches: Weldons grundsätzliche These ist, dass Batmans Geschichte auch gleichzeitig eine Geschichte der Nerds ist. Er zeichnet an vielen Quellen nach, wie sich Nerds immer über die jeweils aktuelle Iteration des Charakters ärgerten, nur um diese dann bei der folgenden als einzig wahre zu verteidigen. Das könnte man einfach ironisch weglächeln, wenn nicht - wie Weldon besonders für die 2000er Jahre zeigt - durch das Internet eine neue, toxische Dimension mit heftigen Kampagnen, Morddrohungen und schließlich im Aurora-Kino in Colorado sogar einem Massaker hinzukommen würde. Hier findest sich auch die größte Schwachstelle des Buchs. Weldon beschreibt diese harte Wendung in aggressive und toxische Züge des Batman-Charakters und des Batman-Fankults zwar, weigert sich aber, sie zu interpretieren und zu analysieren, um seiner Prämisse, sich nicht in Politik einmischen zu wollen, nicht zuwiderzuhandeln. Dabei geht aber der Erkenntnisgewinn verloren. Ein Autor wie Frank Miller lässt sich ohne politische Bezüge überhaupt nicht richtig greifen, und sein Einfluss ist ebenso unwidersprechlich wie problematisch.

Tom Holland - Dominion: The Making of the Western Mind
Tom Holland ist ein ebenso fesselnder wie frustrierender Schriftsteller. Sein Stil, den ich in den Buchbesprechungen hier schon mehrmals thematisiert habe, ist für deutsche Historiker praktisch Anathema: Fast ausschließlich narrativ anhand von Anekdoten zeichnet er die großen Gemälde. In seinem jüngsten, gerade diesen Monat erst erschienenen Buch, dem ich mit Spannung entgegen fieberte, geht es um nichts weniger als die Geistesgeschichte des Christentums - mit der These, dass das Christentum fundamental für das ist, was wir heute als "westliche Werte" sehen. Ungeheuer fesselnd beschreibt Holland in Sprüngen von Denker zu Denker, wie Aspekte der Theologie und Weltanschauung der jeweiligen Epoche ausgebildet wurde. Beginnend bei Darius und Leonidas geht es zu Pompeius und Augustus, Paulus und den Evangelisten, zu Konstantin und Augustin, zu Origen von Alexandria und dem Konzil von Nicea. Und dann ist erst ein Fünftel des Buchs rum. Jeder Denker wird im Kontext seiner Zeit und den intellektuellen Herausforderungen, denen er sich gegenübersah, vorgestellt. Wir befinden uns für einige Seiten in ihrem Geist, verstehen ihre Sicht. Das führt zu einer fast einzigartigen Leseerfahrung, denn diese vergangenen Zeiten sind uns ungeheuer fremd. Holland schafft es, dass man die Sexualmoral der Griechen und Römer ebenso nachvollziehen kann wie die Position eines mörderischen Inquisitors. Das Buch ist voller kleiner Details, die, einmal vom Leser zusammengesetzt, faszinierende Rädchen im Getriebe darstellen. Von der Herkunft des Kreuzes als Marterinstrument zu der Abneigung gegenüber Homosexualität bis hin zum Bekenntnis zur Vernunft und schließlich des Widerstands gegen den Nationalsozialismus (oder dessen Unterstützung im Kreis der Deutschen Christen), überall erfährt der geneigte Leser kleine Erleuchtungen. Dafür fordert Holland aber auch einiges ab. Die Sprünge in den Narrativen, die, abgesehen von der Nennung der Jahreszahl, praktisch ohne weitere Einordnung erfolgen, setzen zwingend eine solide Grundkenntnis der fraglichen Epoche voraus. Im Falle von "Dominion" bedeutet das nichts weniger als 2500 Jahre Geistesgeschichte. Andernfalls werden die Erleuchtungen ausbleiben und die Rädchen nicht ineinandergreifen. Ohne diese Kenntnisse wird das Aufzeigen der Perspektive dieser historischen Akteure darin enden, dass man kritiklos ihre Perspektive übernimmt - und das wäre in den meisten Fällen desaströs. Das nimmt der Qualität des Buchs nichts, es soll aber ein Wort der Warnung sein. Frustrierend allerdings wird Holland, wenn die Schattenseiten seines einzigartigen Ansatzpunktes offensichtlich werden. Nur in den allerwenigsten Fällen tritt er als Autor in Erscheinung und kommentiert unzweideutig die Irrigkeit einer Ansicht (das passiert vor allem beim Antisemitismus, wo es mehr als angebracht ist). Oft genug verlässt er sich darauf, dass der moderne Leser selbst in der Lage ist, die jeweils handelnden Personen kritisch zu begutachten. Das Handwerkszeug gibt Holland dem Leser dafür nicht: Das muss man schon selbst mitbringen. Sink or swim, gewissermaßen. Für Amateur-Historiker ist das Buch damit quasi eine Garantie, zu völlig falschen Schlüssen zu kommen, weil der Kontext fehlt. Es ist nachgerade gefährlich. Ein weiterer, eklatanter Schwachpunkt von Hollands gewähltem Ansatz ist, dass er letztlich eine Geschichte Großer Männer schreibt, wie sie eigentlich seit den 1960er Jahren (zurecht) außer Mode geraten ist. Mit nur ein oder zwei Ausnahmen sind alle seine handelnden Personen männlich, in ihrer deutlichen Mehrheit zudem der jeweils herrschenden Elite zugehörig. Die Perspektive des breiten Volkes oder von Minderheiten bleibt völlig ausgespart; Menschen kommen nicht vor, allenfalls als Statisten. Es dominieren intellektuelle Titanen. Zudem sorgt die schiere Breite des gewählten Ansatzes in einem insgesamt nicht sonderlich dicken Buch dafür, dass die wilden Sprünge durch die Geschichte vieles und mehr auslassen und drastisch vereinfachen und zuspitzen. Das fällt in Antike und Mittelalter weniger auf, weil über diese Zeiten weniger bekannt ist und sie weiter von uns entfernt sind, wird aber bei jedem Historiker dieser Fakultäten auf Schaudern stoßen. Leuchtend offensichtlich wird diese Schwäche, wenn das Buch in der Moderne und besonders im 20. Jahrhundert ankommt, wo wir von der Tolerierung der Juden Kölns durch Friedrich Wilhelm zu Otto Dix' Weltkriegserfahrungen zum Märtyrertum Horst Wessels springen - alles im Rahmen von vielleicht 40 oder 50 Seiten. Wer hier nicht sattelfest ist, wird durch die Assoziationswirbel davongerissen. Empfohlen sei dieses Werk daher allen, die diese Sattelfestigkeit mitbringen und sich von den Widrigkeiten nicht schrecken lassen. Alle anderen sollten lieber die Finger davon lassen.

Dirk von Laak - Alles im Fluss: Die Lebensadern unserer Gesellschaft Eine Geschichte der Infrastruktur dürfte für viele Leute eher nicht zu dem gehören, was sie als spannend sehen, aber ich habe Dirk von Laaks Buch mit großem Gewinn gelesen. In einer sinnigen und erhellenden Strukturierung zeigt von Laak erst auf, wie sich Infrastrukturen in der Moderne ab dem 19. Jahrhundert (denn um die geht es ihm) entwickelten, wer Treiber und wer Bremser waren und welche Widerstände es gab. Interessant ist hierbei zu beobachten, wie grundsätzlich jede neue Infrastruktur erst einmal abgelehnt wird, ob es sich um fließendes Wasser, Gas, Strom, Straße, Schiene oder Internet handelt. Zuerst wird bezweifelt, dass "man das braucht", dann werden irgendwelche Gefahren beschworen (die oft genug real sind), dann wird auf Verluste tradierter Lebensweisen verwiesen (die ebenso real sind). Am Ende aber überwiegen die Vorteile stets, und sobald diese auf breiter Ebene erkannt sind, führt am Siegeszug nichts mehr vorbei. Waren es erst Frauen, die dem fließenden Wasser skeptisch gegenüberstanden, waren sie die emphatischsten Vertreter für die Anschlüsse, hatten sie erst einmal erkannt, welche Alltagserleichterung es brachte. Dieses Muster von Push- und Pull-Faktoren macht von Laak wieder und wieder aus. Auch die verbundenen gesellschaftlichen Prozesse sind spannend. Neue Verhaltensnormen werden entwickelt, etwa der neutral-abweisende Gesichtsausdruck auf immer volleren Straßen und, vor allem, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, dessen Aufkommen die Zeitgenossen bereits bemerkten und den wir seit mehreren Generationen unseren Kindern beibringen. Ebenso verändert sich der Alltag der Menschen durch die neuen Infrastrukturen erheblich. Was bei fließend Wasser, Heizung und Strom noch einleuchtet, wird gerne vergessen, wo es um Mobilität geht. Von Laak spricht hier nicht nur von persönlicher Mobilität, sondern vor allem von Logistik. Ohne unsere ausgebauten Infrastrukturen, die unsichtbar im Hintergrund laufen, wäre unsere Lebensweise überhaupt nicht möglich. Auch auf dieses Problem geht von Laak ein: Wir sind extrem empfindlich gegenüber jeder Störung unserer Infrastruktur. Jede solche Störung wird sofort beseitigt, jedes Mal der Status Quo wieder hergestellt. Ein Rückbau von Infrastrukturen ist bisher noch nicht vorgekommen, allenfalls ihr Verfall (wie im US-Eisenbahnwesen). Dies könnte gerade im Hinblick auf die Automobilmobilität eine große Frage der kommenden Jahrzehnte werden. Ein letzter interessanter Punkt betrifft Finanzierung und Verwaltung von Infrastruktur. Von Laak arbeitet hier heraus, dass Infrastrukturen zu keiner Zeit rein staatliche oder rein private Projekte waren, sondern dass es schon immer Mischformen gab. Ob PPP, Privatisierung oder Verstaatlichung, diese Frage muss für jede Infrastruktur einzeln beantwortet werden. Damit bleiben nur Fragen an die Zukunft der Infrastruktur, besonders im Hinblick auf die mit dem Internet immer weiter erfolgende Dezentralisierung und Fragmentierung auf der einen und die durch die zunehmende Vernetzung immer weiter ansteigende Störungsanfälligkeit auf der anderen Seite. Genug Gedankenfutter für alle Interessierte.


Stefan Malter - OneNote für Einsteiger Wie man sehen kann, will ich verstärkt OneNote im Unterricht nutzen. Deswegen habe ich mir zwei Bücher von Stefan Malter bestellt, so was wie der Haus- und Hofblogger von Microsoft Deutschland. Er schreibt massenhaft solche Werke für alle Office-Anwendungen. Vermutlich hätte die Masse misstrauisch machen sollen; sämtliche Inhalte dieses Buchs finden sich nämlich auch im untenstehenden "OneNote für Lehrer", das nur marginal dicker ist, weil es eine kleine Sektion für die Lehrer-Funktionen von OneNote zusätzlich enthält. Daher: Lasst diese Mogelpackung besser beiseite.

Stefan Malter - OneNote für Lehrer Neuer Anlauf. In diesem Buch stellt Stefan Malter die Grundfunktionen von OneNote vor. Man darf das "Für Einsteiger" aus dem vorherigen Buchtitel dabei durchaus wörtlich nehmen; mit massenhaft (schwarz-weißen, niedrigaufgelösten) Screenshots wird man durch jeden einzelnen Schritt geleitet. Als durchschnittlich erfahrener Office-Anwender ist der Detailgrad für mich zu erschöpfend, aber für Leute, die kaum Erfahrung auf diesem Gebiet haben, dürften die digitalen Stützräder hier mehr als hilfreich sein. Der Preis dieses Detailgrads ist die mangelnde Tiefe. Letztlich geht Malter ausschließlich auf die Grundfunktionen ein, die ich selbst auch mit einigen Minuten Ausprobieren gefunden habe. Die eigentlichen Tiefen der Anwendung, die wie bei allen Office-Anwendungen das Tool erst richtig interessant machen, bleiben überwiegend ausgespart. Das Buch ist somit nur empfehlenswert für Leute, die eine neue Office-Anwendung nicht intuitiv erfassen können, indem sie Parallelen zu Word und Excel ziehen. Alle anderen sollten eher auf tiefergehende Werke zurückgreifen. Ob ich nach zwei Fehlgriffen noch ein drittes dieser Art austesten will, weiß ich aber zur Stunde noch nicht.


Heiko Reichelt, Gerald Wenge - Klassenfahrten, Exkursionen, Wandertage
Das Thema Wandertage, Studienfahrten und Exkursionen ist unter Lehrern eines, an dem sich die Geister scheiden. Die Autoren des vorliegenden Bandes führen da gleich eine hilfreiche Dreiteilung ein: Die enthusiastischen Vielfahrer, die Gelegenheitsfahrer und diejenigen, die aus Prinzip nie fahren. Vor allem für die erstgenannten Gruppen ist dieses Buch geschrieben worden, das von A bis Z das Vorgehen für Schulfahrten erklärt. Von der Konzeption bis zur Auswertung am Schluss führen die Autoren den geneigten Leser mit zahlreichen Fallbeispielen und hilfreichen Grafiken durch die verschiedenen Abschnitte. Ein Problem bleibt der Bildungsföderalismus. Da das Buch einen universellen Anspruch hat, kann auf die verschiedenen Regelungen in Schul- und Beamtenrecht in den einzelnen Bundesländern nicht eingegangen werden. Die entscheidenden rechtlichen Fragestellungen, die zu den unklarsten und gefürchtsteten gerade derjenigen gehören, die ungern die Bürde der Organisation einer Studienfahrt auf sich nehmen, bleiben daher notwendigermaßen oberflächlich. Um weitere Recherche und Lektüre wird daher niemand herumkommen. Das Buch fokussiert sich zudem ausschließlich auf verbeamtete Lehrer und öffentliche Schulen; die Situation für Lehrer an Privatschulen bleibt unberücksichtigt. Insgesamt war die Lektüre für mich trotzdem ein Gewinn. Gerade die zusammenfassenden Grafiken und Checklisten sind extrem nützlich, ebenso die Fallbeispiele. Dafür schaut man auch gerne über das Übermaß an Jargon in den theoretischen Teilen hinweg, das leider die gesamte fachdidaktische und pädagogische Literatur prägt. So stellt auch dieser Band hier keine Ausnahme dar.

Adam Gopnik - A thousand small sanities: The moral adventure of liberalism
Der kanadische Journalist Adam Gopnik ist ein liberaler Zentrist, und er ist es mit Stolz. Angesichts des Linksdrifts der demokratischen Partei und vieler sozialdemokratischer Parteien Europas und der Herausforderung durch den verbreiteten Rechtspopulismus verfasst er hier eine brennende Verteidigungsrede des Liberalismus. Der Titel zeigt bereits seine Hauptthese deutlich: Der Liberalismus arbeitet mit "tausend kleinen Klugheiten". Es ist der inkrementelle, diskutierte Wandel, der Gopnik wichtig ist. Er teilt das liberale Kerncredo dafür in zwei große Teile. Der erste ist seine "theory of change", in der er sich für einen Prozess der kleinen, stetigen Schritte ausspricht. Ausprobieren, evaluieren, verbessern, ad infinitum, das ist sein Credo. Das bedeutet zwar, dass der Wandel langsam kommt. Aber Gopnik hat ein liberales Grundmisstrauen gegenüber dem großen Wurf, genauso übrigens wie gegenüber der Verweigerungshaltung von Konservativen. Der zweite Teil ist seine Betonung der Notwendigkeit von Toleranz und Diskurs. Gopnik beschreibt die permanente Debatte auch mit den Gegnern des Liberalismus als absoluten Kernbestandteil einer liberalen Gesellschaft, scheut sich aber auch nicht, eine klare Trennlinie zu ziehen. Dort, wo Gegner des Liberalismus nicht bereit sind, die Existenz einer pluralen, liberalen Gesellschaft anzuerkennen und gegebenenfalls eine Niederlage zu akzeptieren, hat der Liberalismus keinen Grund, selbst Toleranz auszuüben. Das Buch wird durch philosophische Verteidigungen des Liberalismus gegenüber Kritik von rechts und links sowie eine Einführung in die Ideengeschichte des Liberalismus' abgerundet. Es ist kein ausufernd langes Werk, und all jenen, die verstehen wollen wie Liberale ticken, sei es schwer ans Herz gelegt. Ich habe mich jedenfalls in viel von Gopniks Werk wiedergefunden.

Jesper Juul - Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist
In unserer Gesellschaft herrscht ein Gewalttabu. So sinnvoll dieses auch ist - wer wöllte schließlich im Streit um das Abspülen des Bürogeschirrs in eine Schlägerei geraten?  -, so problematisch ist es in der Erziehung von Kindern. Beschwerden über gewalttätige und damit auffällige Kinder gehören zu den häufigsten Konfliktgründen in Kitas und Grundschulen. Kindern wird permanent beigebracht, nicht aggressiv zu sein, sich unter Kontrolle zu bringen. Für Jesper Juul ist das der falsche Weg. Er erklärt Aggression zu einer natürlichen Emotion, aus deren Unterdrückung und Tabuisierung nichts Gutes erwächst, im Gegenteil. Er empfindet die Unterdrückung von Aggressionsgefühlen bei Kindern, ähnlich wie der hier im Blog schon einmal diskutierte Tassilo Peters (Fundstück 9), als Gewalt seitens der Eltern und Erzieher. Aggression, so Juul, ist eine Ausdrucksform. Mit ihr machen wir, vor allem aber Kinder, deutlich, dass sie etwas stört. Es ist eine Reaktion auf die Umwelt und gehört, ebenso wie der Umgang mit ihr, zum Reifeprozess. Kritisch ist hierbei, dass Juul sich dafür ausspricht, die Kinder selbst mit ihren Aggressionen klar kommen zu lassen, sie nicht zu tabuisieren, sondern stattdessen die Erziehungsarbeit hauptsächlich darauf zu verwenden, mit den Konsequenzen klarzukommen. Ich empfand die Gedanken des Buches wenigstens als anregend. Ich bin mir immer noch unsicher, wie ich genau dazu stehe. Faszinierend ist in jedem Fall, dass die Erziehungswissenschaft eine dieser Disziplinen ist (ähnlich wie die Ernährungswissenschaft), in der zwar ständig mit größter Sicherheit neue Erkenntnisse und Paradigmen eingebracht (oder aber alte erbittert verteidigt werden), dass aber keinerlei wissenschaftlicher Konsens besteht. Wie man Kinder richtig erzieht ist immer noch weitgehend unklar. Wie so häufig besteht die Antwort dabei in der Verwerfung all dessen, was man bisher gemacht hat. Aber da die Grundfragestellung letztlich auch ideologisch motiviert ist - Erziehung zu was, schließlich - werden wir hier vermutlich auch nie wirklich einen Konsens erreichen. Gerade deswegen ist es aber wichtig, sich auch mit auf den ersten Blick abwegigen Thesen zu beschäftigen. Denn nur, wenn wir als Erziehende unser Verhalten permanent hinterfragen, werden wir Fortschritte machen können. Am Ende bleibt der Trost, dass unsere Kinder es besser haben als jede Generation vor ihnen. Wie die Generation davor. Und die davor. Wir bessern uns. Stück für Stück. 

Michael Lewis - The Fifth Risk // Michael Lewis - Erhöhtes Risiko
Ich hatte nie großes Interesse an den Klatschbüchern über das Chaos und Desaster der Trump-Administration wie "American Carnage". Ich finde ihren Erkenntniswert gering. Umso erstaunlicher, dass das wohl beste Buch über die Trump-Regierung eines ist, das sich überhaupt nicht mit ihr befasst.

Michael Lewis, der Autor des legendären Finanzkrisenaufarbeitungsbuchs "The Big Short", beschäftigt sich in "The Fifth Risk" (deutscher Titel: "Erhöhtes Risiko") mit dem Managment von existenziellen Risiken. Dazu interviewte er zahlreiche Amtsträger aus den verschiedenen US-Ministerien, vor allem dem Department of Energy, dem Department of Agriculture und dem National Weather Service. Er lässt sich von kompetenten und engagierten Experten ihres jeweiligen Feldes schildern, welche existenziellen Risiken von der jeweiligen Behörde verwaltet und gegebenenfalls verhindert werden.

So lernt der geneigte Leser, dass das Department of Energy die Hälfte seines jährlichen 30-Milliarden-Budgets dafür ausgibt, weltweit nach Atommaterial zu suchen und dieses aus dem Verkehr zu ziehen. Oder dass das Ministerium damit beschäftigt ist, im Rahmen von rund 100 Milliarden Dollar eine ehemalige Plutonium-Werkstatt in Washington State zu beseitigen. Auch Gefahren für die Integrität des Stromnetzes spielen eine Rolle.

Währenddessen befasst sich das Department of Agriculture unter anderem mit Nahrungsmittelsicherheit, kümmert sich aber auch darum, dass Wildgänse nicht ständig Flugzeuge zur Notlandung auf dem Hudson zwingen. Der National Weather Service dagegen hat in den letzten zehn Jahren seine Vorhersagen sowohl des schnöden Wetters als auch Naturkatastrophen wie Hurrikane und Tornados entscheidend verbessert.
Was hat das mit Trump zu tun? Lewis' zentraler Punkt ist, wie komplex eigentlich die Regierungsarbeit ist, was für wertvolle Arbeit dort geleistet wird und wie kompetent die Leute sind, die sie ausführen. Sein Einstieg ist die Beobachtung der transition, jenes eigentümlichen amerikanischen Politikprozesses, in dem die vorhergehende Administration ihre Posten verlässt und durch eine neue ersetzt wird. Die schiere Komplexität und Verantwortung, die damit einhergeht, macht eine detaillierte Übergabe und höchsten Einsatz erforderlich. Obama bereitete (natürlich) die beste transition in der Geschichte der USA vor.

Die Trump-Leute kamen nicht einmal zu den Briefings. Posten wurden nicht besetzt. Trump kümmerte sich nicht um irgendetwas, und was noch schlimmer ist, auch niemand anderes in seinem Umfeld. Zentrales Wissen verließ die Ministerien und wurde durch nichts ersetzt. Betrachtet man die Risiken, die Lewis beschreibt, und die Verantwortung, die damit einhergeht, grenzt es an ein Wunder, dass nicht noch mehr passiert ist. Das schiere Ausmaß der Inkompetenz der Trump-Leute ist atemberaubend. Aber das ist Thema für einen ganz eigenen Artikel und sprengt den Rahmen dieser Besprechung.

Michael Lewis ist sicherlich einer der besten journalistischen Geschichtenerzähler unserer Tage. Neben seinem Buch "The Fifth Risk" veröffentlichte er außerdem den Podcast "Against the Rules". In diesem befasst er sich mit dem Niedergang der Rolle des Schiedsrichters, ob in Sport, Paarbeziehungen, Schule, Wirtschaft oder Politik. Man sollte die Augen offen halten, wann sein nächstes Buch erscheint.