Montag, 9. Juli 2018

Amazon der Digital-Trump, Leiharbeiter in der VP und Strategiedebatten im Prekariat - Vermischtes 09.07.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Warum Amazons Logistikplattform schneller wachsen wird als manche denken
Amazon treibt seine Logistikanstrengungen weiter rasant voran. Neben Flex (P2P-Modell wie Uber), geht es jetzt zunehmend auch um lokale Zusteller, die die letzte Meile für Amazon übernehmen sollen. Der Unterschied zur Zusammenarbeit mit DHL: Amazon orchestriert die gesamte Zustellung. (und lässt sich das auch nach außen branden) Nur die Ausführung, der ‚dumme‘ Teil, fällt auf die Subunternehmer. Warum es wichtig ist: Wenn Amazon die eigene Logistik kontrolliert, „Ende zu Ende“, wie das Unternehmen selbst sagt, wird Amazon (und damit auch der Amazon Marktplatz) in der Lage sein, Onlinehandel in Qualität, Vielfalt und Bequemlichkeit anzubieten, wie wir ihn heute noch nicht kennen. Eben weil die klassische Paketzustellung von DHL und co. sehr enge, starre, aber trotzdem unsichtbare Grenzen zieht. [...] Logistik aufbauen braucht seine Zeit. Aber Amazons Reise wird schneller gehen als die meisten Beobachter denken. Die Gründe sind simpel:
  • Plattformansatz: Auf einen Marktplatz/Plattformansatz zu setzen, erlaubt eine schnellere Expansion, als alles inhouse und klassisch mit Subunternehmen zu machen. (wie es etwa DHL macht.) In-house + lokale professionelle Zusteller + Flex heißt für Amazon: Flexible Kapazitäten schnell aufzubauen.
  • Nachfrage: In Verbindung mit dem eigenen Geschäft, klassisch plus Marktplatz, wird Amazon die Nachfrage nach der eigenen Logistik nicht ausgehen. Das beeinflusst die Investmententscheidungen entsprechend. (Siehe im Gegensatz dazu etwa Logistik-Startups, die nicht auf einen 10-Jahres-Plan setzen können.)
  • Digitale Koordination: Nicht nur Uber und Flexbus profitieren von der Allgegenwärtigkeit der Smartphones, um neue Transportdienste zu etablieren und zu koordinieren. Auch Amazon kann darauf aufsetzend eine Koordination von sehr vielen von einander unabhängigen Parteien zentral organisieren. Die Optimierung auf Gesamtsystemebene findet dann in den Amazon-Servern statt.
  • Perspektive: Mit Amazon Key, Hub usw. usf. schafft sich Amazon weitere Flexibilitäten und, ganz nebenbei, das Fundament für das für Endkunden bequemste System. Entsprechende Effekte auf Nachfrage und Preiselastizität folgen... (Neunetz)
Amazons Monopolisierung schreitet rapide voran, vor allem weil die aktiv Marktlücken suchen, richtig erkennen und besetzen. Das ist kein Fall von Carnegie oder Rockefeller, die einfach alle anderen brutal aufkaufen und rausdrängen. Amazon nutzt die Disruption des Markts durch technische Innovationen aus und zerlegt auf die Art langsamere Konkurrenten. Und man muss DHL zugute halten dass die ziemlich flexibel sind; der Zug mit dem eigenen Elektro-Auslieferungsfahrzeug ist einfach brillant. Der Staat ist daher nicht gefragt, Amazon mit neuen Gesetzen den Weg zu versperren. Stattdessen gilt es, den Fallout der Gesetzeslücken, die Amazon nutzt, zu schließen. Die ganzen "flexiblen freien Mitarbeiter", die da quasi privat die Auslieferung übernehmen sollen, sind wie heute die Uber-Fahrer das Gig-Economy Prekariat von morgen. Es gibt keinen Grund, dass der deutsche Staat diesen Graubereich aufrecht erhalten muss, indem Scheinselbstständige ausgebeutet werden. Die Regeln sind seit Jahren ein Problem und gehören endlich korrigiert. Es erinnert an Leiharbeit: das fing auch als gute Idee an, für kurze Auftragsspitzen und Ähnliches für eine kleine Gruppe flexibler, aber dafür gut bezahlter Leute. Was passierte ist dass die Unternehmen das schlecht geschriebene Gesetz ausdehnten und im Endeffekt eine rechtlose Masse frei verfügbarer Leute schafften, die dauerhaft in Betrieben eingesetzt wurde und eine Zwei-Klassen-Gesellschaft schuf. Es brauchte dann die SPD in der Großen Koalition ab 2013, um das zu reparieren. Heute ist Leiharbeit kein so großes Problem mehr (zugegebenermaßen auch wegen der guten Wirtschaftslage). Aber das braucht es auch hier: gescheite Regulierung. Und die Probleme sieht man jetzt schon kommen. Da muss man nicht die Hände über Amazon wringen. Die machen Profit, das ist ihre Aufgabe. Und die Bürger zu schützen, das ist die Aufgabe des Staates.

2) Deutschland, das Land des Digital-Trumpismus
Wenn es in 100, 200 Jahren noch nach wissenschaftlichen Standards arbeitende Historiker gibt, werden die wohl solche Argumentationslinien untersuchen wenn sie sich die Frage stellen, warum nichts gegen den Klimawandel unternommen wurde, solange es noch möglich war. Warum so viel Zeit auf sinnlose Nabelschau verschwendet wurde, wo der Blick in die Geschichte zeigt, dass die Migrationsdebatten immer, immer, immer dieselben sind und das eine oder zwei oder drei Generationen später einfach eine neue geführt wird und keiner mehr über die alte spricht. Warum die psychologischen Mechanismen, die es zu einem politisch kaum angreifbaren Thema machten, sich nicht überwinden ließen. Denn tatsächlich hat der Klimawandel als Bedrohungsszenario ernsthafte Probleme. Der große Zeitrahmen (Jahrzehnte, wenn nicht ein Jahrhundert), die abstrakten Folgen, die regionale Trennung von Ursache und Wirkung, die rechten identity politics, die praktische Unmöglichkeit, sinnvolle Lösungsstrategien in den eigenen Alltag zu entwickeln, die Radikalität der notwendigen Reformen gegenüber einem politischen Prozess, der auf inkrementelle Fortschritte gepolt ist - all das führt uns langsam, aber sicher an den Rand des Abgrunds, und dann haben wir noch nicht einmal diejenigen Leute, die bewusst für den eigenen Profit aktiv dagegen anarbeiten. Wie dieses Problem sich lösen lassen soll bleibt unklar. Aber gelöst werden muss es.

4) Victor Orban und die Europäische Volkspartei
Wird die Europäische Volkspartei entschlossen auf diese Provokationen reagieren? Bis jetzt sieht es nicht danach aus – was an verschiedenen Gründen liegen kann. Der eine, offensichtlichste sind die Sitze, die die Fidesz der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament bietet. Nach der aktuellen Projektion für die Europawahl 2019 wäre die EVP zwar nicht zwingend auf die Fidesz angewiesen, um im Europäischen Parlament wieder die stärkste Fraktion zu werden: In den Umfragen beträgt der Vorsprung auf die sozialdemokratische S&D-Fraktion rund 30 Sitze, von denen die Fidesz nur 12 beisteuert. Gefährlich könnte es für die EVP allerdings werden, wenn die Fidesz bei einem Austritt noch weitere Parteien des rechten Flügels mit sich zieht. Insgesamt dürften die überzeugten Orbán-Freunde aus anderen Mitgliedstaaten etwa 25 bis 30 Abgeordnete stellen. Und auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass diese geschlossen die Fraktion verlassen würden, könnte schon der Abgang eines Teils von ihnen der führenden Position der EVP im Parlament ernsthaften Schaden zufügen. Wenigstens im Fall von Manfred Weber könnte zudem noch ein weiteres, persönliches Interesse hinzukommen: nämlich seine voraussichtliche Bewerbung als EVP-Spitzenkandidat bei der Europawahl 2019. Als Favorit im parteiinternen Rennen gilt zwar nach wie vor Michel Barnier (LR/EVP), früherer Binnenmarkt-Kommissar und derzeitiger Brexit-Chefverhandler der EU. Doch auch Weber werden ernsthafte Chancen eingeräumt, auf dem Nominierungsparteitag am 8. November zum Spitzenkandidaten der Partei und (angesichts des großen Umfragenvorsprungs der EVP) damit letztlich wohl auch zum neuen EU-Kommissionspräsident gekürt zu werden. Es sind dabei im Wesentlichen drei Machtzentren innerhalb der EVP, über die Webers Weg zum Erfolg führen müsste: Erstens die jüngere Generation, für die der 67-jährige Barnier zu sehr die alte Garde repräsentiert. Zweitens die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU/EVP), nach wie vor die wohl mächtigste Einzelpolitikerin in der EVP, die Weber schon wegen der gemeinsamen nationalen Herkunft nahestehen dürfte. Und drittens eben der rechte Flügel, zu dem Weber seit jeher gute Beziehungen pflegt. (Der (europäische) Föderalist)
Die interne machtpolitische Balance der EVP ist eine klare Erklärung dafür was passiert, wenn eine Partei sich in Flügel spaltet. Es ist ein Problem, das die CDU gerade in Deutschland auch hat und das hier quasi im Makrokosmos seine Entsprechung auf der Ebene der EU findet. Die Linke hat dieses Problem dagegen kaum, denn sie hat sich schon vor langer Zeit in drei gespalten: die klassischen Mitte-Links-Parteien (SPD in Deutschland, S&P im Europaparlament), die Linkspopulisten (LINKE in Deutschland, Europäische Linke im Europaparlament) und die Grün-Progressiven (Grüne in Deutschland, Grüne/EFA im Europaparlament). Die arbeiten punktuell zusammen, aber sie müssen sich nicht innerhalb einer Fraktion streiten. Die Christkonservativen dagegen waren bisher eine große Sammlungspartei; die Geschichte der CDU in Deutschland ist ja ein Aufsaugen der gesamten anderen bürgerlichen Konkurrenz. Gleiches gilt im Europaparlament. Deswegen stellt die EVP ja auch den größten Block. Man kann sich streiten, inwieweit die Liberalen da in die gleiche Tradition gestellt werden müssen (FDP in Deutschland, ALDE im Europaparlament). Wenn wir sie in die obige Matrix einpflegen, würden sie die Stelle der Grünen einnehmen. Die Rechtspopulisten wurden durch die EVP bisher teilweise (je nach Land) eingebunden; die entsprechenden europäischen Parteien arbeiteten allenfalls punktuell mit den bürgerlichen Mitte-Rechtsdemokraten (hier wertungsfrei und rein deskriptiv) zusammen. Dieses breite Bündnis hat aber das Problem aller breiten Bündnisse: es kann Fliehkräfte entwickeln. In Deutschland hatten CDU und CSU immer ein fein austariertes System zum Teilen der Macht, das diese Konflikte einhegte, aber mit der AfD - die die deutsche Innenpolitik effektiv normalisiert, indem sie eine rechtspopulistische Partei etabliert, wie sie in den meisten anderen verhältnisparlamentarisch organisierten Staaten Standard ist - geht diese Rechnung auch in Deutschland nicht mehr auf. Es stellt sich daher für CDU wie für EVP die Frage, ob man weiter die größte Partei bleiben will. Das erfordert ein breites Bündnis, mit all den Inkohärenzen, Streits und lähmenden Konflikten, die das mit sich bringt. Oder ob man die Teile, die nicht (mehr) wirklich passen, abstößt und als kleinere, aber kohärentere Partei schlagkräftiger. Es ist schwer zu sagen, welche Strategie die bessere ist. Ich bin grundsätzlich eher ein Freund des breiten Bündnisses, aber es gibt auch genügend gute Argumente für die andere Seite.

5) Mann rettet Kind aus Fluss - Und verliert seinen Job
Nicht auszumalen, was passiert wäre, hätte der 49 Jahre alte Mann am vergangenen Mittwoch nicht so schnell reagiert. Ein dreijähriger Junge war in Meschede in den Fluss Henne gefallen und von der Strömung mitgerissen worden. Die Eltern hatten offenbar nichts davon mitbekommen. Der 49-Jährige bemerkte das hilflose Kind im Wasser und sprang aus zweieinhalb Metern Höhe in den eiskalten Fluss, um den Jungen zu retten. Der Dreijährige und seine Eltern kamen mit dem Schock davon. Doch auf die tolle Rettungsaktion folgte für den 49-jährigen Helden eine böse Überraschung. Er hatte sich bei dem Sprung den kleinen Zeh gebrochen und wurde deshalb vom Arzt krankgeschrieben. Wie die WAZ berichtet, wurde der Mann von seinem Arbeitgeber kurzerhand dafür gekündigt. Die Leiharbeitsfirma, bei der er die letzten drei Wochen beschäftigt war, reagierte knallhart. „Wir brauchen zuverlässige Arbeitnehmer,“ erklärte der Geschäftsführer gegenüber der Zeitung. Ein solches Leiharbeitsmodell würde ausmachen, dass Mitarbeiter nie ausfallen. (RPR1)
Die Konstruktion von Leiharbeit ist, wie bereits in Fundstück 1) angedeutet, eine der Ursünden der Agenda2010. Ich verstehe absolut, dass die Firma das Geschäftsmodell hat, das sie hat. Wer Leiharbeiter einstellt, braucht sie für kurze Abstände und verlässlich. Dafür sollte das dann auch entsprechend bekostet sein. Das Problem an der Konstruktion ist halt, dass die ungeheure Flexibilität und Unsicherheit, die den Arbeitnehmern aufgebürdet wird, sich im Preis der Ware Arbeitskraft eben nicht niederschlägt. Das Instrument wurde ungeheur mies konstruiert. Wer effektiv auf solch vitale Instrumente wie Kündigungsfristen oder Lohnfortzahlung (und Jobsicherheit!) im Krankheitsfall verzichtet, sollte dafür entsprechend kompensiert werden. Das war ja auch immer Stefan Pietschs nicht falsches Argument für hohe Managergehälter: die hohe Unsicherheit. Nur hat man das bei Zeitarbeit nicht eingebaut. Und da kommt dann so Mist raus.

6) The Anti-Trump right has become Trump's base
Last fall, the Pew Research Center released one of its periodic typologies of the American electorate, identifying the demographic and ideological fissures both within and between the two parties. The two most conservative factions within the Republican Party were familiar types. The first, and largest, “Core Conservatives,” holds doctrinaire positions on everything. This group is “financially comfortable,” and “overwhelmingly supports smaller government, lower corporate tax rates and believes in the fairness of the nation’s economic system,” and also “express[es] a positive view of U.S. involvement in the global economy.” This is the conservatism of Paul Ryan. Another group, “Country First Conservatives,” is “older and less educated than other Republican-leaning typology groups,” and has more populist and isolationist views. They are “highly critical of immigrants and deeply wary of U.S. global involvement,” and most likely to believe “if America is too open to people from all over the world, we risk losing our identity as a nation.” Which of these two groups do you think registered higher support for Donald Trump? The Country First Conservatives, right? Well, no. Ninety-three percent of Core Conservatives approved of Trump’s job performance, as opposed to 84 percent of Country First Conservatives. The most ideologically pure conservatives are Trumpier than the nativist and isolationist ones. The waning months of the Republican primary campaign in 2016 devolved into a contest between Trump and the purity of conservative doctrine. Ted Cruz, the last candidate standing against Trump, represented the latter, and enjoyed the vocal support of most of the organized conservative movement. Cruz called Trump a “fake conservative.” Rick Perry had termed him a “a cancer on conservatism.” Trump’s presidency has driven home the surprising reality that Trump is conservatism. [...] In October, 2016 [...] I argued that the Republican Party’s conservatism and its authoritarianism were fundamentally related strains. Anti-government conservatives had long feared that democracy would facilitate the many to confiscate the resources of the few; meanwhile demographic change has overlaid a parallel ethnic pessimism. For all the ugly anti-intellectualism of Trump’s supporters, they have grasped one underlying reality: Trumpism and conservatism are tethered, and the practical choice in American politics is to have either both or neither. (New Yorker Magazine)
Aus polit-psychologischen Gesichtspunkten ist die Wende um 180 Grad, die der organisierte Konservatismus in den USA durchgemacht hat, bemerkenswert. Noch 2016 veröffentlichte das "National Review", die Hauspostille der Gerade-Noch-Demokratischen-Rechten Intellektuellen, ein ganzes Magazin mit dem Titel "Against Trump", in dem jeder Autor sich gegen den damaligen Präsidentschaftskandidaten aussprach. Ein Jahr später ist das National Review eigentlich nur in Vokabular und Syntax, aber nicht im Inhalt, von der rechtsextremen Hauspostille "Breitbart" zu unterscheiden. Ähnliches gilt für die überwiegende Mehrheit der Republicans, die sich gegen Trump ausgesprochen hatten. Stattdessen unterstützen sie ihn zu 110% und erniedrigen sich selbst, indem sie das genaue Gegenteil dessen sagen, was sie - auf Video! - damals sagten und offensichtlichen Nonsens zur Begründung hernehmen, den sie ebenso offensichtlich selbst nicht glauben.
Das spannende ist, dass mehr frühere Gegner Trumps dem Präsidenten gegenüber bedingungslos loyal sind als seine eigenen Anhänger (wobei der Unterschied sehr klein ist). Es erinnert ein wenig an die Sowjetunion, wo nach einer Entscheidung im parteiinternen Machtstreit auch immer die vorherigen Gegner nun am lautesten eine Performance ihrer unbedingten Loyalität zelebrierten. Und Trump zwingt sie auch ständig dazu, diese Performance abzugeben. Unvergessen sein Auftritt in einer live übertragenen Kabinettssitzung, in der jeder Minister der Reihe nach etwas Lobendes sagen musste. Die für mich spannendste Frage ist, ob dasselbe auch bei gefestigteren demokratischen Parteien kann, seien es die Democrats, sei es die CDU, die SPD, die Grünen oder Labour.

Wie erfunden die Idee der Grenzlinie ist, wie real hingegen der Grenzzustand, belegt das Einigungspapier zwischen CDU und CSU. Darin findet sich die Formulierung: „Zurückweisung auf Grundlage einer Fiktion der Nichteinreise“. Das bedeutet also, dass Asylsuchende, die die deutsche Grenze passiert haben, obwohl sie schon in einem anderen EU-Land registriert sind, so behandelt werden, als hätten sie die Grenze nicht überschritten. „Fiktion der Nichteinreise“, also. Diese Idee macht den Grenzübertritt, das Überschreiten einer Linie die von einem Territorium in das nächste führt, unmöglich, und zwar unabhängig davon, ob dieser Übertritt körperlich vollzogen wurde. Die Grenze verlässt somit ihren ohnehin fiktiven Ort. Sie wird stattdessen um Menschen gezogen, die auf diese Weise ganz rechtskonform überall als Rechtlose behandelt werden können. Flüchtende sollen in Lagern gehalten und daran gehindert werden, vollständig in den Wirkungsbereich bürgerlicher (d.h. auch: einklagbarer) Rechtsnormen einzutreten. Sollte es ihnen dennoch gelingen, Ketten und Barrieren zu sprengen, soll nun vorsorglich der Bannkreis der „Fiktion der Nichteinreise“ um sie gezogen werden. Das Ganze mag für's Erste den Eindruck einer eher akademischen Übung erwecken, hat jedoch sehr konkrete Auswirkungen. Zunächst wird ganz offensichtlich der Zugang zu rechtsstaatlichen Asylverfahren erneut erschwert. Daneben stellt sich die Frage, wie genau ermittelt werden soll, auf wen die „Fiktion der Nichteinreise“ angewandt werden kann – wenn sich die betreffenden Personen nicht mehr in geografischer Grenznähe befinden, aber rein fiktional noch nicht eingereist sind. (taz)
Entscheidend ist der Wortbestandteil "Transit" - für sich genommen in puncto Framing kein sonderlich stark besetztes Wort. Allerdings gewinnt es deutlich an Kraft als maßgeschneiderte Lösung für die Problemdefinition, die ein anderer, stark konnotierten Begriff mit sich bringt: "Asyltourismus". Vor allem die CSU hat diesen in den vergangenen Wochen immer wieder benutzt und damit etabliert. Asyltourismus deutet die Flucht vor Gewalt, Krieg, Folter, Verfolgung, Hunger oder Armut zur Quasi-Urlaubsreise um. Wer "Tourismus" hört, denkt schließlich an Dinge wie Strand, Sonne, Berge, Meer, Swimmingpool, Pina Colada. Und fühlt, eine Ebene darüber, etwas wie Freiheit, Leichtigkeit, Sorglosigkeit und auch Wohlstand. Außerdem begegnet er auf internationalen Flügen Transitzonen, jenen Bereichen auf Flughäfen also, die es erlauben, in ein Flugzeug zur Weiterreise umzusteigen, ohne dass es zwischendrin eine Einreisekontrolle bräuchte. Ein praktischer, harmloser Vorgang. Für Touristen. Der Begriff "Transitzentrum" nimmt nun das Denkschema von Tourismus auf: Schutzsuche als Reise. Wo es "Asyltourismus" gibt, lautet die schnell hergestellte Verknüpfung auf der assoziativen Ebene, braucht es "Transitzentren". Womit eine scheinbar harmlose und sehr praktische Lösung gefunden wäre. (SZ)
Das ist übrigens die gleiche CSU, die immer von "Rechtsstaatlichkeit" schwafelt. Ich habe schon in meinem Artikel jüngst zur Disfunktionalität der rechtspopulistischen Lösungsansätze viel davon thematisiert, daher das hier eher als Nachtrag. Was hier gemacht wird ist die Schaffung eines bürokratischen Albtraums, es ist die Reduzierung von Subjekten (Menschen) auf Objekte (fiktiv nicht Eingereiste). Mit Rechtsstaat hat das wenig zu tun. Es ist stattdessen ganz unumwunden der Versuch, die Flüchtenden aus dem rechtsstaatlichen Raum herauszuholen, das wurde ja auch die letzten Wochen und Monate eins ums andere Mal thematisiert, von rechts, von links, von Mitte: Das deutsche Asylrecht hat als Konsequenz, dass es sehr schwer ist massenhaft Leute in kurzer Zeit abzufertigen und gegebenenfalls abzuschieben. Das wird als Problem empfunden, weil es die präferierte Lösung dieser Leute ist. Und weil es offensichtlich ist, dass eine entsprechende Änderung des Grundgesetzes irgendwo zwischen "sehr schwer" und "unmöglich" liegt, wird versucht, stattdessen einfach die Menschen aus dem Geltungsbereich es Grundgesetzes herauszuschieben. Das ist für alle Beteiligten eine bequeme Lösung, weil man die Fiktion der Rechtsstaatlichkeit durch die Fiktion der Nicht-Einreise rettet. Und formal stimmt das ja auch. Realiter aber ist es nur das: eine Fiktion. Sie erlaubt es anständigen deutschen Bürgerlichen ruhig zu schlafen und empört von sich zu weisen, dass man irgendwie an Tod und Elend wenigstens beteiligt wäre, und erlaubt das Beschimpfen derer die darauf hinweisen als "Hypermoralisten" mit reinem Gewissen. Um nichts anderes geht es.

8) Fröhliche Wissenschaft
Jüngst wird vermehrt über Fälle groben Machtmissbrauchs an Universitäten berichtet, zum Beispiel in Stanford und Zürich. Für Diskussionen sorgt nun ein Vorfall an der New York University (NYU), bei dem einer prominenten Professorin Fehlverhalten vorgeworfen wird. Die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse im Wissenschaftsbetrieb treten in diesem Fall offen zutage. Seit über einer Woche kursiert ein Brief prominenter Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler im Internet. Der an den Präsidenten und Provost der NYU adressierte Brief legt offen, dass die Universität eine Art Disziplinarverfahren („Title IX“) gegen die berühmte Literaturwissenschaftlerin Avital Ronell durchführt. Title-IX-Verfahren an US-amerikanischen Hochschulen beschäftigen sich mit sexueller Gewalt und Diskriminierung. Der in einer Entwurfsfassung geleakte Brief ist am 10. Juni 2018 auf dem Blog „Leiter Reports“ veröffentlicht worden und ist an erster Stelle von Adorno-Preisträgerin Judith Butler unterzeichnet. An dieser Stelle kann es nicht um die Vorwürfe gegen Ronell oder gar die Frage gehen, ob sie sich etwas hat zuschulden kommen lassen. Aufschlussreich aber sind die Argumente, die von ihren Kollegen zu ihrer Verteidigung vorgebracht werden. Die Unterzeichner des Briefes betonen, dass ihnen keine Details des Verfahrens bekannt seien und ihnen die entsprechenden Akten nicht vorlägen. Dennoch sprechen sie sich gleich zu Anfang gegen „jedwede Verurteilung“ von Ronell aus. Sie betonen, dass Ronell die Germanistik als Fach geprägt habe, dass ihr intellektuelles Wirken weit ausgestrahlt habe, dass ihre Studierenden an führenden internationalen Forschungseinrichtungen tätig seien und dass sie die „wohl wichtigste Literaturwissenschaftlerin der New York University“ sei. „Sollte sie entlassen oder ihrer Pflichten enthoben werden“, so schreiben die Professoren weiter, „würde diese Ungerechtigkeit breit wahrgenommen werden und Ablehnung erfahren“. Nicht nur gehen sie von vornherein davon aus, dass es sich bei einer möglichen Verurteilung Ronells nur um eine Ungerechtigkeit handeln könne. Es erscheint ihnen zudem erforderlich, Ronells akademische Verdienste im Verlauf des Verfahrens zu berücksichtigen: „Wir fordern Sie dazu auf, dass Sie sich in der Durchsicht der Unterlagen das internationale und wohlverdiente Renommee als brillante Wissenschaftlerin klar vor Augen halten.“ Die rund 50 Unterzeichner schreiben außerdem, dass ihnen die Person, die die Vorwürfe erhoben hat, bekannt sei. Diese Einzelperson, so die Professoren, führe einen „niederträchtigen Feldzug“ gegen Ronell. Weiterhin dürften „die Anschuldigungen gegen Professor Ronell nicht im eigentlichen Sinne als Beweise angesehen“ werden. Im Gegenteil müsse berücksichtigt werden, dass „böse Absicht“ diesen „rechtlichen Albtraum inspiriert und am Leben gehalten“ habe. Der Brief schließt mit der Forderung, Professor Ronell verdiene eine faire Anhörung. (Freitag)
Es ist sowohl schön zu sehen, dass sowohl Frauen nicht gegen die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gefeit sind - was von Gegnern der #MeToo-Debatte gerne insinuiert wird - als auch, dass hier ein wichtiges Thema angesprochen wird. Denn selbstverständlich können auch Frauen sexuellen Missbrauch und sexuelle Belästigung begehen. Die Vorstellung, dass sie das nicht könnten, etwa weil Männer anders sein oder gar, wie immer wieder wohlmeinende Gesellen verkünden, einen derart ausgeprägten Sexualtrieb hätten dass jede solche Avance grundsätzlich positiv betrachtet werde (kommt viel öfter vor als wünschenswert wäre) ist selbst sexistisch, und zwar gegenüber Männern. Auch Männer haben ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und sind Herr ihrer Sinne und Gefühle.
Wichtiger erscheint mir hier aber der zweite Punkt, den der Artikel thematisiert. Denn die reflexhafte Schutzstellung, die für Avita Ronnell eingegangen wird, ist atemberaubend. Wie in so vielen anderen Fällen auch listen ihre Verteidiger, die nicht einmal wissen, was ihr vorgeworfen wird, ihre akademischen und sonstigen charakterlichen Meriten zu ihrer Verteidigung auf. Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Die Konsequenz, wenn man diese Argumentationslinie zu Ende denkt, ist dass Brillanz oder Prominenz ein anderes, milderes Strafrecht mit sich bringen. Bist du berühmt, kannst du Verbrechen begehen ohne dass es die gleichen Konsequenzen hat wie bei Nicht-Promis. Kann das sein? Es wäre wünschenswert, dass die Leute nachdenken, bevor sie solche Briefe unterzeichnen.

Klar hingegen ist, dass die vergangenen zwei Wochen zutiefst beunruhigend waren. Denn wie die Partei wegen eines Details eine Regierungskrise ausgelöst hat, das deutet darauf hin, dass sie in Teilen politikunfähig geworden ist; nicht mehr in der Lage ist, Risiken zu bewerten und Kompromisse vorzubereiten. Das ist nicht nur ein Problem für die CSU, sondern für das ganze Land. Denn ihr Verhalten ist Ausdruck einer Radikalisierung, die bedeutende Teile des konservativen Milieus ergriffen hat. Und die die deutsche Politik bald dauerhaft so unberechenbar und erratisch machen könnte, wie sie es in diesen Tagen war. Es ist etwas Schwerwiegendes passiert in jenem Teil der Gesellschaft, der sich bis heute konservativ nennt. Es wird Zeit, es als das zu benennen, was es ist: Eine Gefahr für die Demokratie. [...] Nicht wenige deutsche Konservative sind auf einem ähnlichen Weg. Es waren schließlich nicht Pegida und die AfD selbst, die die ethischen Maßstäbe an die Politik in den letzten drei Jahren dramatisch nach rechts verschoben haben. Es waren ihre Nachahmer im demokratischen Spektrum. Mehr noch: Sie haben ethische Ansprüche an Politik generell zu etwas Linkem, Unaufrichtigem umdefiniert. Sie nennen es Hypermoralismus. [...] Wahrscheinlich glauben auch Teile der CSU-Führung an das, was in den rechtspopulistischen Blasen so geschrieben wird. [...] Es gebe linksgrüne, akademische Eliten und es gebe das normale Volk, dessen Willen die CSU repräsentiere. [...] An dieser Stelle müsste jeder Flirt mit dem Rechtspopulismus enden, denn hier beginnt die Demagogie. Hinter dieser Außengrenze der Realität wollen alle anständigen Bürger geschlossene Grenzen, und die, die es nicht tun, sind entweder ideologisch verbohrt oder korrupt. Wer so denkt, der muss den politischen Gegner nicht überzeugen, auch keinen Deal mit ihm schließen, sondern ihn besiegen. Hier müsste eine bürgerliche, demokratische Partei längst gebremst haben. Stattdessen werden Demagogen wie Viktor Orbán gar nicht so heimlich bewundert für ihre Härte gegen Merkel. [...] Es sind eher rechtskonservative, bildungsbürgerliche Milieus, und nicht die Durchschnittswähler, bei denen die Anti-Merkel-Hysterie am meisten zu spüren ist. Ihre Filterblase wird immer wieder neu befüllt von Journalisten, Buchautoren, Politikern, Ex-Bürgerrechtlern. Von Leuten, die dem demokratischen Mainstream irgendwann zwischen Helmut Kohls Abgang 1998 und der Ankunft der Flüchtlinge 2015 abhandenkamen, und die nun euphorisiert sind von der Vorstellung, die Geschichte endlich wieder bis mindestens in die Achtziger zurückdrehen zu können. [...] Seehofers Desaster muss ein Wendepunkt sein. Es muss wieder eine klare rote Linie zwischen den Konservativen und den Rechtspopulisten erkennbar sein. Sonst braucht man sich nicht zu wundern, wenn eines Tages kein Unionswähler mehr versteht, was denn nun so unwählbar an der AfD sein soll. (Zeit)
Kann man nur unterschreiben. Die Radikalisierung der Konservativen ist ein nun schon mehrere Jahre andauernder Trend, hat sich aber in den letzten anderthalb Jahren (und in Deutschland besonders seit der Bundestagswahl) deutlich verschärft. Man sieht bei den Republicans, wo aktuell der Endpunkt dieser Entwicklung in westlichen Demokratien ist, und wenn man wissen will, wie es danach weitergehen kann, muss man nur ein beliebiges Geschichtsbuch über das Ende der Weimarer Republik bemühen. Ich empfand es deshalb auch, wie ich beschrieben habe, als so ungeheuer wichtig und nachahmenswert, dass die französischen konservativen Eliten unter Fillon klar für die demokratische Mitte ausgesprochen haben und sich dezidiert vom rechten Rand abgrenzten, statt mit ihm zu paktieren. Die Konsequenzen, die solche mangelnde Abgrenzung auf die eigene Partei und das eigene Regierungshandeln hat, kann man in Europa an mehreren Stellen begutachten. Am offensichtlichsten ist es in Großbritannien, wo die Tories beständig mit dem Randbereich von UKIP flirteten und jetzt auf völlig irrsinnige rechtspopulistische Positionen festgelegt sind, die ihnen effektive Verhandlungen mit der EU fast unmöglich machen und eine Mini-Regierungskrise nach der anderen bescheren (nicht davon zu reden, dass das #Brexit-Desaster hätte verhindert werden können). In Österreich sind die Unterschiede zwischen FPÖ und Kanzler Kurz auch kaum erkennbar; ebensowenig ist in Italien klar, wo denn der Konservatismus endet und der Rechtspopulismus beginnt. In Polen und Ungarn wie in den USA herrschen die Rechtspopulisten direkt. Und nun schickt sich die CSU an, dieses "Erfolgsmodell" auch nach Deutschland zu importieren, wenigstens in den bayrischen Sonderweg. Ein Glück bleibt die CDU standhaft.

10) Stundenlohn rauf, Arbeitszeit runter
Es ist so unterhaltsam wie traurig. Es war völlig absehbar, dass der Mindestlohn nicht die dramatischen Effekte haben würde, die seine Gegner jahrelang auf Schärfste beschworen haben. Und es ist ebenso absehbar gewesen, dass, sobald dies offenkundig würde, die Torpfosten massiv verrückt würden und es nun heißt, dass man das ja so so gar nie gesagt habe und überhaupt [beliebigen unbedeutenden Nebenaspekt einfügen]. Tatsächlich ist der Mindestlohn ein Erfolg. Sittenwidrige Arbeit ist größtenteils Geschichte, die Leute haben nicht weniger Geld als vorher und in vielen Fällen mehr Freizeit. Bevor jetzt Stefan Pietsch mit Grabesstimme verkündet, dass hier nur Nebenerwerbsmöglichkeiten entstehen und die Menschen alle in Nebenjobs hängen: Das war ja schon vorher so. Es gibt im Niedriglohnsektor immer noch viel zu viele Menschen, die keine Vollzeiterwerbsstelle haben, gerne eine hätten und nicht von ihrer Arbeit leben können. Seit dem Mindestlohn arbeiten die nur weniger Zeit für das gleiche unzureichende Geld. Man muss schon zwingend den Mindestlohn doof finden wollen um das als Gegenargument zu bringen.

11) Es geht um viel mehr
Das alles hat auch Beobachter, die Merkel nicht mit dem pathologischen Hass eines völlig enthemmten nationalkonservativen Milieus begegnen, zu der Ansicht verleitet, ein personeller Neuanfang im Kanzleramt könnte die Lage entspannen und ein unverbrauchter Nachfolger parteiinternen Querschlägern glaubwürdiger die Grenzen aufzeigen. Dieser Gedanke, der zuletzt immer wieder formuliert wurde, mag naheliegend erscheinen, hier sei er aber vor allem deshalb aufgeführt, weil er so perfekt den Fehler der deutschen Debatte versinnbildlicht: Alle Probleme, ob echt oder eingebildet, werden verabsolutiert, mögliche positive Aspekte konsequent ausgeblendet oder negiert. Und bei all dem schafft es der deutsche Blätterwald noch, den Blick soweit zu senken, dass schon die Existenz eines Tellerrandes zunehmend in Vergessenheit gerät. Während aber hierzulande ein wachsender Chor der Unbedarften täglich neu das Lied von der schwächelnden Kanzlerin anstimmt, der ein würdevoller Abgang ebenso guttun würde wie dem Land, stehen sowohl die EU als auch die NATO vor existenziellen Herausforderungen. Deutschland, dessen Bürger und Politiker sich das Denken in strategischen Kategorien schon lange abgewöhnt haben, erlebt dabei die zumindest rhetorische Wiedergeburt der Bündnispolitik – leider aber fast nur in Form der ständigen blaubraunen Beschwörung einer Verbundenheit mit „unserem Nachbarn Russland“. Der Dauerbeschuss der überstaatlichen Systeme durch Donald Trump gilt hingegen immer noch hauptsächlich als Nebenschauplatz der Politik eines unfähigen US-Präsidenten. Dass die Bundesrepublik diesen Systemen sowohl ihren Wohlstand als auch ihre nationale Sicherheit verdankt, gehört zu den Wahrheiten, über die die Vox Populi in Deutschland schon seit Langem souverän hinwegsieht. (Salonkolumnisten)
Tatsächlich ist die Fixierung auf Angela Merkel ein Kuriosum. Die CDU hat zwar einen rechten Flügel, der gerade aufmuckt, aber es sieht nicht so aus, als schickte sich dieser an, die Macht zu übernehmen. Der linke Flügel der SPD kritisierte Schröder 2005 auch am lautesten, aber als der Kanzler abtrat waren es die Seeheimer, die den Laden übernahmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass in der CDU ein Erbe Merkels übernehmen wird ist höher als dass Jens Spahn eine konservative Restauration startet. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen - überraschende Verwerfungen gibt es immer wieder, da muss man nur Funktionäre der Republicans oder Labour fragen - aber auch nicht das Wahrscheinlichste. Und bei aller berechtigten Kritik an Merkel, sie ist tatsächlich eine der wenigen, die, wie unzureichend auch immer, den Laden zusammenhält. Ich würde sie lieber heute als morgen abgelöst sehen, wenn denn das, was nachkäme, in irgendeiner Art und Weise eine Verbesserung darstellte. Nur ist das halt nicht der Fall.

Freitag, 6. Juli 2018

Das ganze Elend der Rechtspopulisten

Es ist zu diesem Zeitpunkt keine bahnbrechende Erkenntnis mehr, dass der Rechtspopulismus weltweit auf dem Vormarsch ist. Zur Wiederholung: Trump in den USA. Die Tories in Großbritannien. Le Pen in Frankreich. Wilders in den Niederlanden. Die AfD und CSU in Deutschland. Die Wahren Finnen in Finnland. Kaczinsky in Polen. Orban in Ungarn. Salvini in Italien. Kurz und Strache in Österreich. Was ich beeindruckend finde ist, wie dürftig ihr Resümee gerade in Europa ist. Der aktuelle Konflikt um die Asylpolitik der Bundesregierung auf der Ebene deutscher Innenpolitik und der parallelen Diskussionen um die Einrichtung von "Kontrollierten Zentren" (wer sich den Begriff ausgedacht hat ist entweder ein Troll oder völlig geschichtsblind), der Verteilung der Flüchtlinge und der Sicherung der Außengrenzen in der EU zeigt, wie unrealistisch die eigentlichen Lösungsvorschläge der Rechtspopulisten sind. Sie sind gut darin, die öffentliche Meinung aufzupeitschen und zu radikalisieren, aber ihre Ansätze sind disfunktional bis hin zur Untauglichkeit.


Der aktuelle "Asylkompromiss" ist dafür ein herausragendes Beispiel. Die CSU hatte im Bundestagswahlkampf 2017 mit dem rechten Rand geflirtet, in der Hoffnung, der AfD damit das Wasser abzugraben. Diese Hoffnung ist irrig. Eine demokratische Partei kann einer rechtsautoritären nicht das Wasser reichen, indem sie versucht ihre Positionen zu kooptieren. Den Wettlauf um die radikalste Forderung gewinnen immer die Populisten, denn sie müssen den Mist nachher nicht umsetzen. Alles, was der demokratischen Partei bleibt, ist danach ein Scherbenhaufen aus unrealistisch gesteigerten Positionen und Erwartungen, Erwartungen, die sich nicht einlösen lassen.

Genau das ist der CSU passiert. Anstatt aus ihren schweren Verlusten aus der Bundestagswahl zu lernen, bei denen sie mehr Stimmen verloren als es die CDU tat, entschlossen sich Seehofer und Söder, einfach eins draufzusetzen. Sie nutzten das typische Spielhandbuch der CSU und erschufen künstlich eine innenpolitische Krise im Konflikt mit der Kanzlerin. Das ist nichts, was die CSU nicht bereits früher getan hätte. Es diente der Partei stets zur Abgrenzung von der Schwesternpartei und der Profilierung als etwas Besonderes. Diese Sonderstellung im Bund ist Brot und Butter der CSU.

Nur konnte sie früher mit viel mehr Bewegungsspielraum am rechten Rand operieren. Strauß' berühmtes Diktum "rechts von uns ist nur die Wand" erlaubt für recht viel Luft zu dieser imaginierten Wand. Mit der AfD war rechts ein Igel, der immer vor dem CSU-Hasen im Ziel war. Die Strategie der CSU musste daher scheitern. Die aktuellen Meinungsumfragen für die kommende Bayern-Wahl jedenfalls stellen der Strategie Söders und Seehofers ein düsteres Zeugnis aus (und sind gleichzeitig eine Warnung an die SPD auf diejenigen zu hören die glauben, eine Wende zur Übernahme von Positionen der LINKEn wäre die Lösung).

In Deutschland selbst sorgte diese künstlich herbeigeführte Krise dafür, dass die Regierung für Wochen gelähmt war - entscheidende Wochen, in denen eigentlich eine einige Reaktion auf Krisenentwicklungen im Ausland, allen voran dem drohenden Auseinanderdriften der EU unter dem Druck der Fliehkräfte (Physiker, ich höre euch stöhnen) der bereits oben gelisteten Rechtspopulisten im Konzert mit Druck von der Peripherie in Form von Trump und Putin. Dass es kurz so aussah, als könne Merkel über diesen Unfug stürzen - es ist erschreckend.v Der Kompromiss, der dabei entstanden ist - die Einrichtung so genannter "Transitzentren" - ist dagegen ein Beispiel für die Resultate der politischen Spielchen, an denen die CSU sich die Finger verbrannt hat. Am eigentlichen Problem ändern sie erst einmal nichts. Die Flüchtlinge befinden sich immer noch in Deutschland. Doch anstatt sie in Erstaufnahmeeinrichtungen zu bringen und von dort so schnell wie möglich in ordentliche Unterkünfte zu bringen und in Eingliederungsmaßnahmen wie Sprachkurse und dann Arbeit zu integrieren, werden sie in Lager gesperrt, deren Bedingungen bewusst schlecht gehalten werden, in der irrigen Hoffnung, sie so zur Abreise zu bewegen. Eine ähnliche Logik liegt den entsetzlichen Bedingungen in amerikanischen Gefängnissen zugrunde, die auch nicht bei der Verbrechensprävention helfen. Vielmehr haben die USA die höchste Verbrechensrate, weil die Insassen zwar lange und unter furchtbaren Bedingungen einsitzen, aber danach nicht in die Gesellschaft integriert werden können. Das Ganze ist Ausdruck der Sehnsucht nach Brutalität und Grausamkeit, die die Wähler und Unterstützer dieser Bewegung so auszeichnet.

Und genau das wird auch das Resultat der "Transitzentren" sein. Sie werden das eigentliche Problem nicht lösen, aber viele neue schaffen. Sie können das Problem auch nicht lösen, weil es eine Einbildung des rechten Fiebersumpfs ist. Die Flüchtlingszahlen sind seit 2015 ständig rückläufig. Die angebliche Krise, die die Rechtspopulisten seit Monaten herbeibeschwören, ist eine Chimäre. Und die CSU ist nun der Zauberlehrling, der die gerufenen Geister nicht mehr los wird. Stattdessen werden die Flüchtlinge, die noch nicht in den regulären Asyl- und Flüchtlingsvorgang gelaufen sind, nun in rechtsfreie Räume versperrt.

Nichts anderes verbirgt sich unter der Idee der "Fiktion der Nicht-Einreise". Menschen die in Deutschland sind werden für nicht in Deutschland befindlich erklärt, bis man entweder nachweisen kann, dass sie in einem anderen EU-Land zuerst ankamen und unter den Dublin-Regeln dort Asylantrag stellen müssten und dann den Abschiebeprozess starten kann, oder - und das wird explizit ausgesprochen - bevor sie sich entscheiden, freiwillig wieder in ihre Ursprungsländer zurückzukehren. Und wenn letzteres das explizite Ziel der Lager ist, werden Anreize für diejenigen geschaffen, die diese Lager führen, die zwingend zu Willkür, schlechten Lebensbedingungen und zufälliger Grausamkeit führen. Die Tatsache, dass diese Leute offiziell nicht in Deutschland sind, kann das nur befeuern. Man kann die Amerikaner fragen, wenn man wissen will was mit solchen im legalen Graubereich liegenden Lagern passiert. Da braucht es nicht einmal explizit böse Absicht. Allein wie diese Lager konstruiert sind schafft Dynamiken, die zwangsläufig zu Rechtsverletzungen und Grausamkeit führen werden. Und das ist seitens der CSU nicht nur eingepreist, sondern intendiert. It's a feature, not a bug.

Natürlich ist das nur wieder mein Hypermoralismus, der da spricht und Menschen nicht unter solchen Bedingungen zusammengepfercht sehen will. Bevor das jemand in die Kommentare schreibt: geschenkt. Die Lager sind auch, wenn man diesen Annahmen nicht zustimmt, eine in ihren eigenen Prämissen scheiternde policy-Idee. Denn die Leute werden ja alle unterschiedlos in diese Lager gepackt. Das bedeutet, dass auch Menschen dabei sein können, dabei sein müssen, die später tatsächlich erfolgreich nach Deutschland einreisen können, ob als Asylantragssteller oder anerkannte Flüchtlinge oder was auch immer. Carolin Wiedemann hat in der FAZ beschrieben, wie solche Lager, die in Griechenland bereits Realität sind, aussehen:
Nach links geht es auf einen Betonpfad, der an Containern vorbeiführt, die übereinandergestapelt sind. Wie bei den Hühnern. Nach rechts auf den Kieselpfad, direkt vor ein ungefähr dreißig Quadratmeter großes graues Zelt, dessen Eingang offen steht: Innen sind Schnüre, Plastikplanen und Decken zu Kabinen gebunden, Sichtschutz für die Familien, die hier jeweils auf fünf Quadratmetern untergebracht sind. Babys brüllen, die Temperatur hat 40 Grad überschritten. Drei Kleinkinder haben irgendwo eine schmale rostige Eisenstange gefunden und nutzen sie auf der kurzen Steigung vor dem Zelt als Rutsche. Es funktioniert nicht. Die Hose des Vierjährigen reißt auf. Das T-Shirt ist schon zerrissen, und seine Knie sind es auch. Dreimal am Tag gibt es Essen, eine Pampe, für die sie ewig anstehen müssen. Anstehen müssen sie auch für die Duschen und die Toiletten, und die stinken, und der Müll stinkt, der sich überall stapelt. Und am Abend ist das Wasser alle, sagt Amir. [...] Die Psychotherapeutin Monika Gattinger-Holböck von Ärzte ohne Grenzen, die Mumini die Diagnose gestellt hat, sagte am Weltflüchtlingstag, dass sie noch nie so großes psychisches Elend gesehen hat wie in Moria. Und sie hat schon bei Kriseneinsätzen in Pakistan, im Libanon und im Nordirak gearbeitet. Für Mumini hat sie aufgeschrieben, dass er keinesfalls mehr in einem Container wohnen darf, dass er umgehend psychologische Betreuung benötigt. Und dass sein Knie operiert werden muss, steht auch in den Papieren der Ärzte. Doch wem soll er das Papier zeigen? Die Psychotherapeutin kann er nicht mehr fragen, die ist wieder weg, übrig sind nur zwei Lager-Ärzte – für 7500 Menschen. Und keinerlei psychologische Betreuung. [...] Währenddessen greifen irgendwo auf diesem Kontinent täglich Nazis Menschen an, angestachelt von den Reden der Parteien, die es längst in die Parlamente geschafft haben. Die Regierungen befeuern den Trend und planen die weitere Aushöhlung des Rechts auf Asyl. Orte wie Moria sollen jetzt rund um die EU entstehen. Sie sollen „Kontrollierte Zentren“ heißen. Man möchte sich ein Kürzel für diesen Namen lieber nicht vorstellen.
Wie geht es Menschen, die nach Wochen oder Monaten in solchen Bedingungen dann doch in das jeweilige Land einreisen können? Die psychologische Schäden haben, verstärkte oder neu geschaffene Traumata? Das ist eine reale Konsequenz solcher Bedingungen. Die Politik der Rechtspopulisten sorgt daher dafür, dass Menschen, die der Staat dann später integrieren soll, mit maximalen Vorbelastungen kommen. Das ist rein auf Basis der Ergebnisse der Politik eine solche Eselei, dass jede Steuerverschwendung vor Neid erblassend in der Versenkung verschwindet. Es ist kontraproduktiv, und das verdient Wiederholung, unter den eigenen Prämissen. Denn die Rechten behaupten, dass das Ziel ja nicht ist, alle Menschen unterschiedlos zusammenzupferchen und mies zu behandeln bis sie freiwillig gehen oder, abgeschreckt, gar nicht erst kommen. So etwas behaupten nur widerliche, links-grün versiffte Gutmenschen. Stattdessen schafft man sich eine gewaltige Latte von Langzeitproblemen, um bei der eigenen Basis Punkte zu machen. Bravo!

Aber der Irrsinn geht ja noch weiter. Denn wie es das Schicksal so will, ist der wahre Treppenwitz der, dass die Rechtspopulisten sich in genau den Ländern durchgesetzt haben, die von der Krise am meisten betroffen sind (minus Griechenland): Deutschland, Italien, Österreich und Ungarn. Sämtliche große Flüchtlingsrouten führen durch diese Länder. Und in allen regieren gerade Rechtspopulisten oder sind an der Regierung beteiligt. Das Ergebnis ist so absurd, dass die entsprechende Meldung im Wortlaut zitiert sein will:
Der österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache von der rechtspopulistischen FPÖ hat Deutschland kurz vor dem Besuch von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in Österreich vor der Zurückweisung von Flüchtlingen in sein Land gewarnt. „Wir werden ganz sicher keine Lösung akzeptieren, die zulasten Österreichs geht“, bekräftigte Strache in der „Bild“-Zeitung vom Donnerstag. Ähnlich hatte sich in den vergangenen Tagen bereits der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) geäußert. „Es kann ja nicht sein, dass wir jetzt in Österreich plötzlich für die Fehler der deutschen Politik bestraft werden sollen“, sagte Strache der „Bild“. Zugleich lobte er die CSU. Auf die Frage, ob die CSU in Deutschland Positionen der FPÖ vertrete, sagte er: „Kopiert oder nicht – es ist jedenfalls schön, dass die eigene freiheitliche Position sich auf Dauer auch in anderen europäischen Ländern und auch in der BRD durchsetzt, nach jahrelangen Anfeindungen.“
Strache findet also die Idee total gut, dass Deutschland die Flüchtlinge nicht aufnimmt, sondern dahin zurückschickt, wo sie herkommen. Dann fällt ihm auf, dass das dummerweise Österreich wäre (nicht auszumalen was passiert wenn Orban und Salvini merken, dass Österreich die zu ihnen weiterschieben würde). Also sagt er, dass Deutschland diese Politik, die er so toll findet und unbedingt seinem eigenen Land auch empfiehlt, doch bitte nicht umgesetzt werde. Das ist da was passiert, wenn rechtspopulistischer Unsinn auf die Realität trifft. Die CSU hatte 2013 das Glück, dass ihre große Forderung nur die Autobahnmaut war, da konnte man sie sich austoben lassen, bis der Tobsuchtanfall vorüber war. Jetzt haben sie, alles riskierend, etwas durchgesetzt, das wenig überraschend so nicht durchsetzbar ist, weil ihre eigenen Gesinnungsgenossen in Europa natürlich nicht mitmachen. Es ist die völlige Bankrotterklärung der Rechtspopulisten.

Denn natürlich fordert jeder von denen, die Flüchtlinge einfach nur an den jeweiligen Herkunftsort zurückzuschicken. Die CSU will sie nach Österreich zurückpacken. Österreich nach Italien. Italien nach Tunesien und Algerien. Aber, und da kommt diese nervige Realität schon wieder um die Ecke, die wollen sie ja auch nicht haben. Zum Glück für die europäischen Rechtspopulisten müssen sich die nordafrikanischen Staaten nicht mit so nervigen (hypermoralisierenden) Konzepten wie Menschenrechten herumschlagen; die packen die Leute einfach und setzen sie ohne Wasser in der Sahara aus. Und da es in diesen Ländern auch keine freie Presse gibt und sich ohnehin niemand für Tote in Afrika interessiert, löst sich das Problem quasi so. Praktisch umsetzbar ist das natürlich nicht, zumindest nicht, solange noch einige Fetzen Rechtsstaat bestehen bleiben, und das ist selbst in Ungarn, Italien und Österreich der Fall (in Deutschland sowieso).

Und das ist das ganze Elend der Rechtspopulisten. Ihre Forderungen und Lösungsansätze sind nicht realitätstauglich. Man kann über Merkels EU-Kompromisse wettern wie man will, ihre Zauderhaftigkeit beklagen, die kleinen Schritte verächtlich machen, die sie geht. Aber ihre Maßnahmen erreichen tatsächlich handfeste Ergebnisse und lösen reale Probleme. Das kann man von den Rechtspopulisten nicht behaupten.

Dienstag, 3. Juli 2018

Wütende Richter investieren nicht, RTL Reporter sollten FOX schauen und Merkel ist fassungslos über Steam - Vermischtes 03.07.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Behold the priest-kings of the future Supreme Court
Remarkably, in a fairly short period of time, almost everyone seemed to agree that this was a good idea. Oh, of course they complained bitterly when the other party got enough judges to impose its preferences. But conservatives who lamented the outrageous overreach of the Obergefell decision on same-sex marriage simultaneously wish to hand the courts sweeping powers to strike down things like labor law; liberals who complained about the court “legislating from the bench” about campaign finance (Citizens United) simultaneously insisted on the sacred constitutional rights to be found in Roe v. Wade. Both sides could do this with no sense of irony, because for almost everyone, “constitutional” had come to mean “good.” “Constitutional rights” described not the limited number of things that were enumerated by the Constitution but “things I think are so fundamentally important that I shouldn’t have to argue about them with other voters.” This paradigm shift, which we might call the Synonymist School of judicial thought, now dominates the discourse on both sides of the aisle. If you ask random partisans to name a law they detest, but which is nonetheless constitutional, you are apt to get a puzzled stare, as if you had asked them to name history’s most fun massacre. Legislatures and executives have readily, even enthusiastically, assented to the transfer of their powers to the Supreme Court. No one really questions the wisdom of having judges make policy; they simply wish to stack the courts so that their judges are the ones setting the rules. Thus elections have increasingly turned into a fight not to elect policymakers but to elect the politicians who will appoint or confirm the policymakers of the federal court system. (Washington Post)
Wenn jemals ein "both sides" angebracht war, dann bei diesem Thema. Die schrittweise Kompetenzübertragung von der Legislative auf die Judikative findet schon seit mehreren Jahrzehnten statt. Sie ist auch kein Prozess, der auf die USA beschränkt wäre; das Phänomen findet sich in Deutschland genauso, wo Gesetze teilweise mit dem expliziten Gedanken gemacht werden, dass sie sofort vor dem BVerfG landen und dieses dann die schwierige Kompromissfindung ersetzt. Eine ähnliche Entwicklung der Abgabe von legislativen Kompetenzen findet seit Jahrzehnten auch in Richtung Exekutive statt, ist aber deutlich besser erforscht und präsenter. Warum die Parlamente so viel Macht relativ zu den anderen beiden Zweigen verlieren ist eine interessante Frage.
Ich denke viel davon hat mit der Demokratisierung zu tun: Das Zeitalter der starken Parlamente ist auch geprägt von klaren Partikularinteressen, die sich in denselben durchzusetzen wissen, weil sie effektiv nicht in freien Wahlen antreten müssen. Ob in Großbritannien oder den USA, die starken Parlamente des 19. Jahrhunderts waren geprägt von Abgeordneten, die wohlhabend und von den Interessen der breiten Mehrheit ihrer Bevölkerung isoliert waren. Meist waren sie nach heutigen Maßstäben hoffnungslos korrupt und machten in Hinterzimmern unter sich aus, wer die schwache Exekutive besetzen durfte. Je mehr Bürger das Wahlrecht bekamen und je mehr diese Bürger es tatsächlich aktiv wahrnahmen (also eine eigene Meinung bildeten statt den Honoratioren zu vertrauen) desto schwächer wurden diese Leute, und desto mehr Macht bekam die Exekutive, die tatsächlich etwas zur Verbesserung des Lebensstandards der breiten Masse tun konnte, worin die Parlamente, als sie noch stark waren, versagt hatten. Gleichzeitig bediente die Exekutive die ständige Sehnsucht nach Verlässlichkeit: nicht gewählte Experten, die die (stets als korrupt oder wenigstens prinzipienlos wahrgenommene) charakterstark kontrollieren haben eine große Anziehungskraft. Keiner politischen Institution wird so viel Vertrauen entgegengebracht wie den Verfassungsgerichten.
Ob diese Entwicklung anhält, ist dabei offen. In Deutschland ist das BVerfG ja tatsächlich ziemlich unparteiisch und wird auch völlig als unparteiische Institution angesehen. SCOTUS allerdings wird immer mehr zu einer reinen Fortsetzung des politischen Kampfs mit anderen Mitteln. Die Fälle werden nicht mehr juristisch geschlagen, sondern alleine entlang der Frage, wer die Richter eingesetzt hat. Das muss fast zwingend mit einem Legitimitätsverlust des Gremiums einhergehen, der noch düstere Folgen haben kann.

Doch längst nicht alle Ökonomen halten die jetzige Praxis der brachialen Schuldentilgung für zeitgemäß. Zum einen häufen sich die Klagen über einen Verfall der kommunalen Infrastruktur, der für viele das Wesen der staatlichen Daseinsvorsorge ausmacht. Zum anderen befindet sich die Weltwirtschaft in einer radikalen technischen Umbruchphase, was gerade einer Handelsnation wie Deutschland Investitionen abverlangt. „In konjunkturell guten Zeiten macht es wirtschaftlich grundsätzlich Sinn, Schulden abzubauen“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING DiBa. Gerade in einem Land, das künftig stark unter dem demografischen Wandel leiden werde, tue man kommenden Generationen damit etwas Gutes. Allerdings dürfe darüber nicht die öffentliche Infrastruktur aus dem Blick geraten. Dass Deutschland bei der Digitalisierung viel Nachholpotenzial hat, ist nicht mehr nur anekdotisches Wissen. Längst weist auch die Forschung nach, dass Europas größte Volkswirtschaft beim schnellen Internet oder digitaler Bildung zurückfällt. [...] Nicht nur die Bundesländer, auch die Gemeinden und Gemeindeverbände haben ihre Verbindlichkeiten überdurchschnittlich stark gesenkt, nämlich um 2,5 Prozent auf 138 Milliarden Euro. Andererseits werden im föderalen Deutschland gerade auch Ländern und Kommunen Ausgaben-Entscheidungen abverlangt, die für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und das Wohlbefinden der Bürger von großer Bedeutung sind. So klagen in diesem Sommer zum Beispiel viele Menschen über das große Freibad-Sterben in Deutschland. Kommunen sehen sich aus Geldmangel außer Stande, die Bäder weiter am Leben zu erhalten. (Welt)
Die Investitionsverweigerung in Deutschland ist völliger Irrsinn. Neben dem Aspekt, dass überall die Infrastruktur verrottet und dringend notwendige Investitionen etwa ins Digitale ausbleiben, ist auch ein weiterer Faktor völlig unterdiskutiert. Wie im Artikel oben erwähnt, ist eine von vielen Folgen dieser Politik, dass Kommunen ihre Freibäder schließen. Wenn, was hoffentlich nicht ganz unwahrscheinlich ist, in einer oder zwei Dekaden endlich ein Bewusstseinswandel stattgefunden hat und die Bürger lautstärker kommunale Leistungen einfordern, wird da eine verrottete Infrastruktur rumstehen die wieder auf Vordermann zu bringen mehr Geld kosten wird als ihre Stilllegung je eingebracht hat. Glaubt irgendjemand, die Bürger würden nicht gerne ein Freibad in ihrer Kommune haben? Das gilt überall. Die heruntergewirtschafteten Schulen kosten zur Renovierung wesentlich mehr, als durch das Einsparen der Unterhaltsbeträge je eingespart wurde. Brücken, die seit Jahren repariert werden müssten, müssen irgendwann komplett ersetzt werden, was wesentlich mehr kostet als die Kürzung der Reperaturetats je einbrachte. Abgehängte Menschen, die in Kriminalität abrutschen, kosten den Staat wesentlich mehr als die Sozialpädagogen, mit denen man hätte Prävention betreiben können. Und so weiter und so fort. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist diese Politik blanker Irrsinn. Der Kult der Schwarzen Null ist genau das: ein Kult. Es ist blanke Ideologie, die auf den Rücken der jungen Generation ausgetragen wird, die gerade die Hohepriester der Schwarzen Null so gerne bemühen. Hans Eichel, Wolfgang Schäuble und nun Olaf Scholz sind Zukuntsvernichter.

3) The Summer of Rage
We’ve spent the last week hearing mewlings of concern over interrupted dinners and movie nights of Trump administration officials out on the town. In the wake of DSA protesters heckling Homeland Security Secretary Kirstjen Nielsen and presidential adviser Stephen Miller at Mexican eateries, and the decision of one restaurant owner in Virginia not to serve Trump’s spokesperson Sarah Huckabee Sanders, the Washington Post editorialized that these White House power players should “be allowed to eat dinner in peace.” After all, the Post wondered, “how hard is it to imagine” how those on the left might feel if “people who strongly believe that abortion is murder” decided not to let them “live peaceably with their families”? The hold that the minority has on every realm of power — economic, social, sexual — is so pervasive and assumed that we don’t even notice when the few oppress the many. What remained unimaginable to the editorial writers was the reality those who protect abortion rights — not to mention those who simply avail themselves of reproductive health-care services — face regular death threats, are screamed at while walking into clinics; reproductive health-care workers have been among the victims of clinic shootings and bombings and, of course, abortion doctors have been assassinated. In 2014 the Supreme Court enshrined the right to harass women entering clinics by ruling that buffer zones between protesters and patients weren’t required. In a brilliant New York Times column, Michelle Goldberg argued that the Post’s failure to acknowledge these forms of harassment was symptomatic of the “reflexive false balance” of the mainstream political media, but I think it’s more than that: The hold that the minority has on every realm of power — economic, social, sexual — is so pervasive and assumed that we don’t even notice when the few oppress the many. It’s invisible, and any show of defiance against that power is what stands out as aberrant and dangerous. Just look at how freaked out the Democratic Party leadership got about California representative Maxine Waters. Last weekend, she urged supporters in California to “show up wherever we have to show up,” suggesting “if you see anybody from that Cabinet in a restaurant, in a department store, at a gasoline station, you get out and you create a crowd and you push back on them and you tell them they’re not welcome anymore, anywhere.” Waters was not advocating violence; she was calling for assembly and pushback, a refusal to normalize the abuses being enacted by an administration that has separated more than 3,000 migrant children from their parents, and is building detention centers in which to hold asylum-seeking families indefinitely. (The Cut)
Die Neigung der Very Serious People, das alles gleichzusetzen, macht schlichtweg wütend. Einer dieser "Talking Points", der in dem Zusammenhang gerade herum geht, ist "nur weil wir nicht die gleiche Meinung haben können wir doch trotzdem Freunde sein". Wie der oben verlinkte Artikel bereits deutlich macht ist das purer Humbug. Wenn jemands Meinung ist, dass Frauen, die Abtreibungskliniken aufsuchen sollen, gehängt gehören, dann ist das nicht eine "Meinungsfrage", bei der man mit ein bisschem gegenseitigen Respekt schon zu einem Kompromiss kommt. Niemand, dessen Existenz von einer anderen Person abgelehnt wird, kann das einfach als Meinungsdifferenz sehen. Das ist völliger Quatsch. Wir können problemlos unterschiedliche Meinungen bei der Frage haben, ob es eine gesetzliche Krankenversicherung braucht oder ob der Markt das regelt, überhaupt kein Thema. Das sind Meinungsfragen.
Ob Homosexualität gotteslästerlich ist und gestraft werden muss, ob Abtreibungen Mord sind, ob Flüchtlinge in Lager gesperrt oder auf de Mittelmeer versenkt werden - das sind keine Fragen, wo die jeweils andere Seite sich auf eine Debatte einlassen kann. Das ist kein Meinungsunterschied. Das sind Grundsatzfragen, die von der Gesellschaft auf entweder die eine oder die andere Weise endgültig geklärt werden, und sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Für die Betroffenen sind die Folgen potenziell verheerend. Entsprechend ist auch der Protest deutlich sichtbarer und disruptiver als darüber, ob die SPD die Bürgerversicherung einführen darf oder ob die Senkung des Renteneintrittsalters eine gute oder schlechte Idee ist.

The German government of Chancellor Angela Merkel falls, torn apart by demands from her conservative interior minister, Horst Seehofer, that refugees already registered in another European Union state be thrown out of Germany. The xenophobic Alternative for Germany, or AfD, enters a new nationalist governing coalition. The party’s cry of “take back our country and our Volk!” echoes through Berlin. Congratulatory calls pour in from the nationalist leaders of Hungary, the Czech Republic, Poland, Italy, Austria — and the United States. The American ambassador to Germany tweets his approval. European Union leaders, buckling before the anti-immigrant tide, opt for the establishment of large detention centers for all migrants. Asylum seekers whose claims are verified will be admitted, while economic migrants merely in search of a better future will be evicted. Riots erupt in these vast walled compounds. Rapid triage proves impossible. Conditions fester. Matteo Salvini, the rightist Italian interior minister, declares that a disastrous mistake has been made. The detention centers should have been located in North Africa. He defends his orders to the Italian Coast Guard to ignore calls for help from ships filled with migrants who, he says, may prove to be criminals and rapists. The abduction of a Russian girl by Moroccan migrants at a Spanish beach resort causes an uproar. It turns out to be “fake news,” the work of Russian cyber-geeks deployed for information warfare, but not before rightist leaders across the European Union have denounced the “foreign animals” holding “little Tatiana.” Spain’s fragile government collapses. (New York Times)
Das Szenario, das die New York Times hier aufmalt, ist offenkundig etwas überzeichnet, aber es ist bedauerlicherweise nicht völlig unplausibel. Die EU könnte sehr, sehr schnell auseinanderbrechen, wenn die Mitte nicht mehr hält, und die aktuelle italienische Regierung ist schon ein ernsthafter Riss im Gefüge, von Brexit gar nicht zu reden. Aktuell sind Deutschland und Frankreich noch stabile Anker für die liberale Ordnung Europas, aber es ist entsetzlich, wie viele Leute diesbezüglich gerade mit dem Feuer spielen und, die Gesetze, Normen und Regelungen der EU (und Menschenrechtscharta) aufs Gröbste missachtend, für einige billige innenpolitische Punkte das Ganze aufs Spiel setzen.

5) Tweet
Irgendwie war klar, dass es einen solchen Text gibt. Historisch einigermaßen gebildeten Personen (oder solchen, die das letzte Vermischte gelesen haben) war auch schon vorher klar, dass dies bei jedem gesellschaftlichen Umbruch so ist. Unhöflichkeit, Störung, aggressives Auftreten - das wurde noch jeder Protestbewegung vorgeworfen, die versuche, für besser Bedingungen einer bisher marginalisierten Gruppe zu streiten, und diese Vorwürfe kommen immer von den aktuell privilegierten Nutznießern. Heute erscheint uns die Idee, dass die Juden die Nazis provoziert hätten, völlig abwegig, ebenso die Vorstellung, dass Martin Luther King rassistische Ideen in die Südstaaten importiert hätte. In zwanzig Jahren wird es völlig unverständlich sein, wie jemals jemand gegen Homo-Ehe oder freie Gender-Wahl sein konnte. Und dann wird keiner mehr dagegen gewesen sein, und der ganze Zauber wird um die nächste Frage neu beginnen.

6) RTL hat keine Chance gegen Netflix
Der endgültige Auslöser dürfte nicht der Aufstieg von Netflix sein, den kann die erste, oben genannte Gruppe wegargumentieren, weil es nur ein Onlinedienst ist. Stattdessen dürften die Disney-Pläne auch den letzten Entscheidern in den deutschen TV-Sendern klar gemacht haben, dass die Zeitenwende für das Fernsehen da ist. Wenn Disney einen eigenen Netflix-artigen Dienst aufbaut, dann werden die Disney-Inhalte mittelfristig dort landen; und zwar weltweit. Neben den klassischen Kinderfilmen und -serien von Disney sind das auch alle Pixar-Filme, alle Marvel-Filme und alle Star-Wars-Filme. Nochmal zum Mitschreiben: Sobald die aktuellen Lizenzen für die Ausstrahlung im deutschen TV ausgelaufen sind, werden Marvel-Filme, Pixar-Filme und Star-Wars-Filme nie mehr im deutschen Fernsehen zu sehen sein. Nie mehr. Das Gleiche gilt natürlich auch für alle Originalserien bei Amazon und Netflix, also House of Cards, Stranger Things, Orange is the new Black, usw. usf. Desweiteren haben Amazon und Netflix ein Interesse daran, Inhalte von anderen Produzenten einzukaufen, die exklusiv nur auf ihren Diensten verfügbar sind. Das heißt, Serien und Filme, die zwar im US-TV noch regulär laufen, laufen bereits zunehmend im US-Ausland auf Amazon oder Netflix. Unter dem Strich bedeutet das, dass die Zahl der exklusiven Serien und Filme, die jede/r sehen will, gar nicht mehr über das klassische deutsche TV stattfinden. Dieser Vorgang fängt nicht jetzt erst an, er ist längst im Gange. Für das klassische TV bleiben immer weniger Inhalte aus den USA, welche sie lizenzieren können. Die drei künftigen großen TV-Riesen -Netflix, Amazon Prime und Disney- werden neben den Eigenproduktionen zunehmend ihr Geld einsetzen, um den Rest der TV-Inhalte weltweit unter sich aufzuteilen. Es ergibt wenig Sinn, die Rechte mit linearem TV zu teilen. (Neunetz)
Die Disruption, die aktuell im TV-Segment vor sich geht, ist beachtlich und mindestens ebenso umfassend wie die, die die Einführung des Privatfernsehens Ende der 1980er Jahre mit sich brachte. Wie der Artikel korrekt ausführt gibt es für RTL und Konsorten keine Chance, gegen Netflix oder Amazon erfolgreich zu konkurrieren. Innerhalb weniger Jahre wurden die im Endeffekt völlig abgehängt. Es wird spannend zu beobachten sein, wie die Änderung der Sehgewohnheiten durchschlägt. Eine komplette Generation wächst inzwischen auf, ohne auf Sendepläne angewiesen zu sein. Ich selbst empfinde die Idee, einen Inhalt nur zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sehen zu können, schon als absurd.

7) Political reporters should watch more FOX News
Over the weekend, Jeremy Peters of the New York Times published a piece about Trump supporters in Virginia. His first interview subject was “a Republican from suburban Loudoun County, Va., with a law degree, a business career, and not a stitch of ‘Make America Great Again’ gear in her wardrobe,” which makes it sound very much like she’s just a mildly-engaged, middle-of-the-road conservative who’s on the fence about Donald Trump. As it turns out, she’s campaigned for Ron Paul in the past and belongs to the board of a PAC dedicated to keeping Confederate monuments standing. She’s perhaps not the political neophyte he paints her as. A whole bunch of people pointed this out on Twitter, but Peters kept digging himself in deeper instead of just acknowledging that he made a smallish mistake and maybe revising his lead. In other words, a standard Twitter outrage mob and a standard New York Times refusal to ever admit a mistake. I didn’t really care about it until I read an interview Peters did with Isaac Chotiner at Slate, where he claimed that his critics don’t understand conservatives. Then we get this: We fact check these people constantly. There was an anecdote in my story about that tweet from [former Obama speechwriter] Jon Favreau a few weeks ago, where he incorrectly tweeted out a picture of migrant kids who were sleeping in a cage saying this is happening right now, when in fact it was from 2014, when Obama was president. It was stuff like that, picking up anecdotes like that, that is really instructive. I didn’t realize how big a deal that was on the right, and how much coverage and attention it got from conservative media. There must have been a half dozen people that we interviewed who mentioned that tweet. For them, it totally confirmed all their suspicions. And incorrectly, by the way. He apologized. He took it down and explained he was wrong. I don’t know Peters and have no opinion about him. But someone who apparently doesn’t realize how trivia like this routinely metastasizes on the right—especially someone whose beat is the conservative movement—should be very careful about accusing others of not understanding conservatives. The Favreau tweet was bog-ordinary Fox/Rush/Breitbart fodder, and no one who covers politics should be surprised that a bunch of rank-and-file conservatives would all bring it up. Peters shouldn’t have treated it like an epiphany that delivers a rare insight into the current political moment. (Mother Jones)
Ich halte die Forderung aus der Überschrift hauptsächlich für eine Hyperbel. Tatsächlich FOX News zu schauen ist selbstverständlich nicht erforderlich. Was, wie Kevin Drum das hier aufzeigt, tatsächlich erschreckend ist ist, wie vielen der Very Serious People offensichtlich völlig unklar ist, was im rechten Fiebersumpf vor sich geht (und, man darf es annehmen, auch auf der radikalen Linken). Das sind übrigens die gleichen Leute, die im Brustton seriöser Überzeugung etwas von der Blase erzählen, in der Leute wie ich angeblich sitzen, und die völlig ironiefrei über die "Eliten" klagen, die das einfache Volk nicht verstehen. Das ist ein Haufen intellektueller Armleuchter if there ever was one.

8) Are male and female brains biologically different?

Pop neuroscience has long been fascinated with uncovering secret biological differences between male and female brains. The question of whether men and women have innately different brains rarely fails to get people riled up. Just last year, the Google engineer James Damore caused an uproar after publishing a manifesto detailing the various ways women were biologically different from men. But Lise Eliot, a professor of neuroscience at the Chicago Medical School and the author of Pink Brain, Blue Brain, says that anyone who goes searching for innate differences between the sexes won’t find them. “People say men are from Mars and women are from Venus, but the brain is a unisex organ,” she said onstage Monday at the Aspen Ideas Festival, which is co-hosted by the Aspen Institute and The Atlantic. That’s a bold statement, and one science is divided on. It seems to depend on what exactly is being measured. For example, a large study in the U.K. found that many regions of men’s brains were larger than women’s, and that women on average had thicker cerebral cortices. What does that mean for how the brain works? Unclear. Another study found that “averaged across many people, sex differences in brain structure do exist, but an individual brain is likely to be just that: individual, with a mix of features,” as New Scientistreported in 2015. But there’s no doubt that whatever their brains look like, behavior and school performance differences between men and women are strongly shaped by socialization. (The Atlantic)

Wir hatten die Diskussion hier im Blog ja auch schon gelegentlich, daher hier noch einmal eine weitere wissenschaftliche Quelle: Es gibt keinen auch nur irgendwie eindeutigen Indiz dafür, dass Männer und Frauen sich in ihrer Gehirnstruktur essenziell unterscheiden, jedenfalls nicht so, dass die ganzen Theorien über Vorlieben von Puppen und Pink, Auto und Blau, MINT und Kulturwissenschaft, Karriere oder Familie damit Glaubwürdigkeit erhielten. Wohlgemerkt, das gilt auch für das Gegenteil. Bisher ist noch kein wissenschaftlicher Nachweis gelungen, dass alles gesellschaftliche Normierung ist. Ich halte letztere Theorie aus vielerlei Gründen für deutlich überzeugender, aber das ist ja kein Geheimnis.

Nennt mich naiv, aber mir war nicht klar, was hinter dem nüchternen Shop-Interface abgeht. Ich kenne die Trolle, die den Machern von "That Dragon, Cancer" schreiben, was für schlechte Eltern sie sind. Ich kenne die Kulturkämpfer, die bei jedem Spiel mit gleichgeschlechtlichem Sex laut rumheulen. Doch als ich irgendwo zwischen Umvolkungstheorien in der eigenen Familie, identitärem Hype und Reconquista Germanica erstmals die Suchfunktion der Steam-Community aktiviere, ist es vorbei mit der wohligen Ignoranz. Nicht anhalten, das ist Hakenkreuzland! Hi hi, Hitler! Darf ich vorstellen, User "ϟϟJustjaj". Kaiserliche Reichskriegsflagge im Profilbild. Sig-Runen im Namen. Und ein typisches Beispiel für den Umgang mit nationalsozialistischer Symbolik und Geschichte auf Steam. Zusammen mit User "ϟϟMorgan Freemanϟϟ" ist er verantwortlich für einen satirischen Guide, der "Mein Kampf" in die Welt der Meme-Schleuder "Doki Doki Literature Club" einführt. Statt Präsidentin im Poesiekreis wird Monika so angeblich zum Führer des 4. Reichs. Die kindliche Natsuki landet, untermalt mit historischem Bildmaterial, in einem Konzentrationslager. Abstoßend, aber eigentlich noch harmlos. Fragwürdiger als die 8chan-Attitüde adoleszenter Provokateure ist die Normalität von NS-Referenzen innerhalb der gesamten Community. Viele Spielende haben sich etwa das mittelmäßige Strategiespiel "Making History II: The War of the World" nur gekauft, weil es dort Adolf als edgy Emoji zu holen gibt. Für stolze 12 Euro entdecke ich den Führer auch separat im Communitymarkt. Andere begnügen sich mit viralen ASCII-Dolchen und -Hakenkreuzen in den Kommentaren der Freunde, "to protect them against niggers and jews". Hass als Pop. LOL. Hinzu kommen diverse Fake-Gruppen. Für die rechtsoffene AfD zähle ich 400. Dem Holocaust sind schon 600 gewidmet. Hitler führt deutlich mit über 5000 Exemplaren. Mitglieder haben sie meist kaum. Ein großer Teil ist bloßes Einweg-Getrolle. Aber zwischen den lulz und der Satire tummeln sich auch immer wieder semi-offizielle Gruppen. Die Identitäre Bewegung hat auf Steam mehr als 400 vernetzte Mitglieder. Eine authentisch anmutende AfD-Gruppe immerhin rund 150. Und im sumpfigen Feuchtbiotop zwischen Witz und Ernst entdecke ich sie dann: astreine Neonazis auf Steam. (Der Standard)
Nun, ich bin nicht naiv. Die entsprechenden Steam-Gruppen sind nicht besonders gut getarnt, die findet man ja bereits wenn man nur nach neuen Skins oder Mods für sein Lieblingsspiel sucht. Von daher ist mir etwas unklar, wie Christian Huberts das bisher entgehen konnte; der Mann beschäftigt sich ja berufsmäßig damit. Das Phänomen ist auch extrem weit verbreitet. Eines meiner Lieblingsspiele, die ich immer noch regelmäßig spiele, ist Company of Heroes 2, ein Echtzeitstrategiespiel, das im Zweiten Weltkrieg angesiedelt ist. Wie viele Spieler ihre Avatare nach Waffen-SS-Einheiten, SS-Offizieren oder anderen Figuren benennen, ist immer wieder erschreckend.
Ein Aspekt des Ganzen, der im obigen Artikel nur angerissen wird, verdient mehr Aufmerksamkeit. Vieles von diesen Gruppenmitgliedschaften, den Nicknames, den Emojis ist nue Getrolle. Dahinter steckt keine echte rechte Gesinnung; Neonazis sind auch auf Steam eine winzige Minderheit. Stattdessen wird das Flirten mit Nazi-Ikonographie als eine Art Gag begriffen, ein Spiel mit Grenzen, eine bewusste Tabu-Verletzung. Dergleichen ist in der Gamer-Community weit verbreitet. "Gay" beziehungsweise "schwul" sind Standard-Beleidigungen oder Adjektive für negative Dinge, Anspielungen auf den Holocaust werden als Witz benutzt, Beleidigungen sind schnell bei der Hand. Die Communities unterscheiden sich je nach Spiel (die von "League of Legends" ist beispielsweise legendär toxisch), aber das Grundproblem ist überall das Gleiche. Daher ja auch die aggressive Reaktion auf #GamerGate, getroffene Hunde bellen.

Wo sind wir denn? Horst Seehofer hat diese Frage gestellt, im Interview mit der niederstbayerischen Heimatzeitung „Passauer Neuen Presse“, und den Anlass dazu hat die Vorstellung gegeben, die Kanzlerin könnte ihn am Ende gar als Bundesminister des Inneren ihres Kabinettes verweisen, bloß weil er ihre auf Art. 65 Grundgesetz gestützte Richtlinienkompetenz missachtet und der von ihr festgelegten Rechtsauffassung der Bundesregierung in punkto einseitiger Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze zuwiderhandelt. Ja, sie schau’ an! Ja, soweit kommt’s noch! Wo doch ein Innenminister geradezu dazu da ist, mit den Flüchtlingen und mit dem Flüchtlingsrecht recht robust umzuspringen, auf dass der gottesfürchtigen bayerischen Heimat nicht unwohl und unsicher zumute werde in diesen unruhigen Zeiten! Ja, wo samma denn? Wo sind wir denn? Ja, wo nur? Wir sind in Deutschland, wo die Bundesregierung mitsamt dem Innenminister nach Artikel 20 Absatz III Grundgesetz an „Gesetz und Recht gebunden“ ist, was zu jedenfalls meinem Gefühl, mich in meiner Heimat recht wohl und sicher zu befinden, entscheidend beiträgt. Wo sind wir denn? Wir sind im Schengen-Raum, wo man im Prinzip von einem Land zum nächsten reisen können soll und auch kann, ohne zuvor kontrolliert zu werden. Ich war letztes Wochenende in Wien, hatte meinen Perso aber aus Versehen im Scanner liegen lassen, also keinerlei Ausweis dabei – hat kein Mensch gemerkt, hat niemanden interessiert. In Kiefersfelden gibt es zwar so genannte „Grenzkontrollen“, die darin bestehen, dass die Autobahn aus Kufstein einspurig wird und die Grenzpolizei durch die Windschutzscheibe späht, ob da vielleicht jemand drinsitzt, der verdächtig ausschaut. Aber dass man erst reinkommt in unser Land, wenn man ein Kontrollverfahren durchlaufen und anschließend explizit reingelassen wird? Das gibt es nicht bei uns im Schengen-Raum. Wo sind wir denn? Wir sind in der Europäischen Union, wo für alle verbindlich geregelt ist, was zu passieren hat, wenn jemand sagt, er braucht Asyl. Bei uns gibt es die Dublin-Verordnung, die dafür sorgt, dass jedenfalls eins nicht passiert: dass dieser Jemand schleunigst und ohne Verfahren über die Grenze geschoben wird, auf dass er lieber dem Nachbarland zur Last falle. Gerade das würde Seehofer aber gerne tun können, zumal das Nachbarland Österreich das dann ebenfalls täte, und Italien schon sowieso, denn wie sagt Seehofers italienischer Amtskollege und bayerisch-österreichischer Achsen-Partner Matteo Salvini so schön? „Italien hilft nur den Italienern.“ Ja, Himmel Herrgott Zackrament! Wo sind wir denn? Die Geographie in Europa verändert sich rapide in diesen Wochen, so heftig und disruptiv wie seit 1990 nicht mehr. An diesem Wochenende versammelt sich ein Teil der Mitgliedsstaaten zu einem „Mini-Gipfel“, den der andere Teil der Mitgliedsstaaten als Rechtsbruch brandmarkt, um für den eigentlichen Gipfel nächste Woche die Rettung der Union vorzubereiten, die gleichzeitig immer dringlicher und immer schwerer vorstellbar wird. Gleichzeitig wird mit den Schlussanträgen von EuGH-Generalanwalt Tanchev im Fall Celmer klar werden, was es für die Union bedeutet, dass man in Polen keiner unabhängigen Justiz mehr trauen kann – so oder so. Von der Ostsee bis Sizilien regieren autoritäre Schurken, und in meinem eigenen Land sind Leute an der Regierung beteiligt, die nichts Eiligeres zu tun zu haben scheinen, als es ihnen gleichzutun. Wo sind wir eigentlich? Ich weiß es immer weniger. Der Kontinent reißt auseinander. Hält der Teil noch, auf dem ich stehe? Was, wenn nicht mehr? Wohin dann fliehen? (Riffreporter)
Die CSU ist völlig auf Abwegen dieser Tage. Die beiläufige Leichtigkeit, mit der diese Leute den Rechtsstaat unter Berufung auf die Rettung desselben kippen wollen und mit der sie gemeinsame Sache mit Antidemokraten in Polen, Ungarn und Italien machen, ist atemberaubend. Und das alles nicht aus irgendeiner tieferen Überzeugung, sondern weil personifizierte Mittelmäßigkeit in Form von Gestalten wie Markus Söder oder Horst Seehofer glaubt, kurzfristiges Kapital schlagen zu können. Diese Leute erinnern einen an die Totengräber der Weimarer Republik, an Menschen wie Franz von Papen, Heinrich Brühning, Otto Meissner oder Oskar von Hindenburg. Völlig außerhalb ihres Elements aber nicht introspektiv genug um es zu merken, das Land mit halbseidenen und schlecht durchdachten Manövern, die völlig aus ihrer Kontrolle sind, in den Abgrund zerrend.

11) Tweet von Yannick
Wo wir es immer von Blasen haben: Die Idee, die deutsche Bevölkerung wolle nationale Alleingänge, ist offensichtlich nicht haltbar. Es ist nur eine offensichtliche Unfähigkeit, europäische Lösungsansätze a) in ein attraktives Narrativ zu packen, wie dies Macron gelungen ist und b) europäische Lösungsansätze strategisch zu denken. Wenn "europäische Lösungen" solche Kompromisse sind, wie ihn CDU und CSU jetzt ausbaldowert haben, dann gute Nacht. Die Idee, dass unsere Nachbarn darauf warten, welchen Unfug Horst Seehofer denkt in Bayern innenpolitisch verkaufen zu können um das dann umzusetzen ist an chauvinistischer Beschränktheit kaum zu überbieten.

12) The great surivor: Angela Merkel's last stand
The chancellor was long ambivalent about running for a fourth term, but is said to have been persuaded by the election of Donald Trump in November 2016. Merkel’s world – in which her rise and that of her reunified, networked, integrated country was possible – was suddenly in peril and leaderless. She has rightly treated the idea that she can be a “new leader of the free world” with scorn. But it seems she wants to be remembered if not as the saviour of the multilateral order, then at least as its doctor. Merkel’s G20 presidency in Hamburg last year focused on trade, the environment and Africa and, in recent weeks, she has finally confronted Germans with harsh truths about the need to increase their Nato contributions from 1.3 per cent of GDP to 1.5 per cent in 2024 and 2 per cent by 2030. And now she is determined to keep the Schengen area from collapsing, or to go down trying. There are plenty of reasons to scoff at these efforts: Germany’s economic illiteracy in the euro crisis helped fracture a crucial block in the multilateral order; its giant trade surplus of some 8 per cent of GDP, the product of domestic under-investment, destabilises the world economy; Germany will not hit its 2020 climate targets thanks to over-reliance on coal; and its moves towards defence responsibility are too slow. The West once had the luxury of holding such things against Germany’s chancellor. Yet today, amid a dearth of leaders, Merkel’s instinctive multilateralism, her awareness of history and her years of experience are enough to make her a natural leader. From Ukraine to the Maghreb, Europe’s periphery is in chaos; the refugee drama is unresolved. The global trading order is teetering. The post-1989 world is giving way to a darker, more uncertain age. Many may be surprised to find that they miss Angela Merkel when she is gone. (The New Statesman)
Jeremy Cliffe ist einer der profiliertesten Beobachter der deutschen Politik. Er ist noch vor den deutschen Medien die erste Anlaufstelle, die man haben sollte. Seine Analysen sind tiefgehend, klug und bar der Klischees, die man leider so oft in den deutschen Nachrichten lesen muss. Doch genug der Vorrede. Ich denke Cliffes Schlussfolgerung hier - dass es massive Kritik an Merkel zu üben gilt, diese aber angesichts ihres Werts in einer zunehmend auseinanderreißenden EU verblasst - ist absolut korrekt. Mir graut vor allem, was auf Merkel folgen könnte. Die SPD ist Jahre hinaus nicht in der Lage, die Regierung zu übernehmen. Das Personal in Merkels zweiter Reihe ist entweder von profunder Mittelmäßigkeit (personifiziert durch Jens Spahn) oder undurchschaubar, was ihre Stellung in den Fragen der Zeit oder der eigenen Partei angeht (Kramp-Karrenbauer, von der Leyen). Es gibt nur wenig, was mich an Merkel so wahnsinnig macht wie ihre beharrliche Weigerung, etwas zu tun bevor es fast zu spät ist, aber wenn sie sich entscheidet, dann für das Richtige. Oft schwingt sie danach in den ätherischen Sowohl-als-Auch-Zustand zurück, der ihre Kanzlerschaft definiert und sie als unpolitische Kanzlerin erscheinen lässt. Aber das wahrlich Traurige ist ja, dass es derzeit keine Alternative gibt. Die Zeit, Merkel abzulösen, war 2009. Sie war vielleicht 2013. Aber 2017? Oder 2021? Schwer vorstellbar.

Sonntag, 1. Juli 2018

Glanz und Elend der Sozialdemokratie, Teil 1: Grundlagen

Ich möchte zwei Bemerkungen voranstellen. Erstens ist dieser Artikel Teil einer Serie, die sich mit Aufstieg und Niedergang der Sozialdemokratie vorrangig in den USA und Deutschland beschäftigt. Dieser Fokus entspringt meinen persönlichen Interessen und meinem persönlichen Interessengebiet. Jegliche Verallgemeinerung bleibt deswegen notwendigerweise mit dem breiten Pinsel gezeichnet. Zweitens wird "Sozialdemokratie" hier nicht im engen deutschen Sinne verwendet, sondern steht für alle reformistischen Parteien links der Mitte. Darunter fallen etwa die Labour Party, die Parti Socialist oder die Democrats, nicht aber die KPD oder die DSA.

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Industrialisierung. Nie zuvor in der menschlichen Geschichte vollzog sich Wandel so schnell und so tiefgreifend, taten sich solche Gräben innerhalb der Gesellschaft auf, wurden sich so viele Menschen plötzlich ihrer selbst bewusst. Was soll das heißen? Für den allergrößten Teil der menschlichen Geschichte gilt, dass die überragende Mehrheit der Menschen arm war, und zwar arm in jedem Sinne der Metrik, nicht relativ zu heute oder zu anderen Abschnitten der Geschichte, sondern absolut arm, also am Existenzminimum lebend.

Gleichzeitig begleitete die Menschen von Beginn an Ungleichheit, massive Ungleichheit sogar. Die wenigen (wenngleich lauten) modernen revisionistische Stimmen, die glauben, in irgendwelchen urzeitlichen Jäger- und Sammlergesellschaften egalitäre Paradiese erkennen zu wollen, kann man getrost ignorieren. Ihre Ideen klingen nett, sind aber durch die anthropologische Forschung als Mythen entlarvt. Auch Opa Neanderthaler war in 99% der Fälle arm und hat zu einem im (relativen) Überfluss lebenden Clanchef aufgeschaut.

Natürlich gab es trotzdem Fortschritte. Ein Bürger der Millionenstadt Rom lebte sicherlich besser als ein Bauer Mesopotamiens, und Sklave auf einer griechischen Trimere war schlimmer als Matrose auf einer Fregatte der Royal Navy. Nur, die Unterschiede waren nicht so groß, wie man annehmen würde, und es gab große Rückschritte. Zudem waren die Fortschritte, die gemacht wurden, häufig nur einer sehr kleinen Bevölkerungsschicht zugänglich. Das Römische Reich ist dafür das beste Beispiel. Gerne wird erwähnt, dass sein zivilisatorischer Stand (Frischwasserleitungen! Öffentliche Toiletten! Thermen!) erst im England des späten 18. Jahrhunderts wieder erreicht wurde. Nur, über 90% der römischen Bevölkerung waren Bauern, und die lebten wie ihre Vorfahren tausend Jahre zuvor und ihre Nachfahren tausend Jahre danach: gebunden an den gleichen Acker, von der Hand um Mund, bettelarm.

Es war die Industrielle Revolution, die diesen Grundsatz der menschlichen Geschichte entscheidend änderte. Ich will an dieser Stelle nicht in die Debatte einsteigen, warum es so lange dauerte und welche Faktoren dazu führten, dass ausgerechnet Europa sich anschickte, die menschliche Gesellschaft so tiefgreifend zu verändern. Ich warne an dieser Stelle nur vor allen historischen Narrativen, die eine Linie durch die menschliche Geschichte ziehen, die quasi naturgemäß an dieser Stelle enden muss. Vermutlich war der Durchbruch der Industriellen Revolution ein historischer Zufall. Umso wichtiger ist es zu verstehen, warum sie so durchschlagend war, durchschlagender als jede andere Revolution der menschlichen Geschichte.

Die Industrielle Revolution ist untrennbar verbunden mit der Erfindung von Maschinenkraft. Die dadurch gewonnenen Effektivitätsgewinne, die rasant anwachsende Rationalisierungseffekte ermöglichten, stellen alles in den Schatten, was in der menschlichen Geschichte je bekannt war. Sie erlaubten es, mit wesentlich weniger Arbeitern als früher wesentlich mehr Güter herzustellen, Güter, die es früher entweder überhaupt nicht gab oder die in Handarbeit hergestellt wurden.

Es ist kein Zufall, dass die Branche, die Großbritannien in das Zeitalter der Industrialisierung katapultierte (und so viele andere Länder seither) die Textilbranche ist. Über den Großteil der menschlichen Geschichte (wir erkennen ein Muster, nicht wahr?) wurde Kleidung innerhalb der Familie selbst hergestellt. Es war eine typische Frauenaufgabe, und die Fähigkeit gehörte zu den geschätztesten, die eine Braut mit in die Ehe bringen konnte. Durch die Erfindungen des maschinellen Webstuhls und anderer Fertigungstechniken konnte Kleidung plötzlich billig gekauft werden. Dies setzte eine enorme Menge an Arbeitskraft frei, die plötzlich frei nutzbar war.

Doch durch eine gleichzeitige Entwicklung wurde diese nicht in die Produktion von mehr Nahrungsmitteln gesteckt, wie dies früher vielleicht der Fall gewesen wäre. Denn ausgehend von England gab es in diesen Jahrzehnten einen ungeheuren Trend zur Einhegung und Konzentration von Land in den Händen einiger Großgrundbesitzer. Dieser Trend sorgte dafür, dass es plötzlich wirtschaftlich wurde, Verbesserungen am Land, dem Arbeitsgerät und den Anbaumethoden vorzunehmen, die für die einzelnen Bauern vorher (und im Großteil der menschlichen...denkt es euch ab jetzt dazu) nicht wirtschaftlich gewesen wären. Dadurch war kein Platz mehr für Leibeigene, die zu versorgen der Großgrundbesitzer gezwungen gewesen wäre und deren Erzeugnisse für ihn nutzlos waren. Entsprechend wurde in Europa die Leibeigenschaft abgeschafft, wurden die Menschen frei - und in vielen Fällen arbeitslos. Schon damals ging das oft Hand in Hand. Der einzige Ausweg war der Weg in die Städte, wo ein tugendhafter Kreislauf ("virtuous cycle") aus immer neuen Produkten und steigender Effizienz auf der einen und einer wachsenden Nachfrage und Kaufkraft auf der anderen Seite einen unersättlichen Bedarf an Arbeitskräften schuf.

Das alles geschah ungeplant und von den Menschen der damaligen Zeit überwiegend unverstanden. Einige frühe Ökonomen entwickelten Theorien (man denke an Adam Smith oder David Ricardo), aber die tatsächlichen Entscheider verstanden kaum, was um sie herum geschah. Der Niedergang des Adels zugunsten einer wirtschaftlich deutlich versierteren Mittelschicht hat hier ihren Ursprung. Diese Planlosigkeit sorgte auch dafür, dass die Bedingungen, unter denen die Arbeiter schuften mussten, katastrophal waren. Die Bilder sind bekannt: Ein-Zimmer-Wohnungen, bewohnt von zwölfköpfigen Großfamilien, Dreck, Dunkelheit, miserable Löhne, entsetzliche Arbeitsbedingungen und lange Arbeitszeiten. Es war dieses Klima, in das Karl Marx seine berühmten Theorien schrieb.

Und doch war es nur eine Momentaufnahme. Denn trotz all des plötzlich sichtbaren (und dank der Erfindung der Fotographie auch dokumentierten) Elends lebten die Menschen besser als früher als Bauern. Auch hier gibt es heute viel zu viele Romantiker, die beharrlich der Überzeugung sind, dass das Leben in der Industriellen Revolution schlechter war als vorher in den feudalen Agrarwirtschaften. Das ist unhaltbar. So hart das Leben in den Fabriken auch war, es war dem auf dem Land vorzuziehen - und wurde vorgezogen, hunderttausendfach. Arbeiter lebten schlecht, aber sie lebten verlässlich. Auf dem Land starben Menschen noch bis nach Mitte des 19. Jahrhunderts in Hungersnöten. In den Städten nicht. Die Industrielle Revolution verbesserte das Leben all derer, deren Wirkung sie traf.

Warum also entstand in dieser Zeit eine politische Bewegung für die Unterdrückte, eine Arbeiterbewegung, wo es eine vergleichbare Bauernbewegung nie gegeben hatte, wenn es den Leuten (auch wenn Marx etwas anderes behauptet) damals schlechter ging? Der Grund liegt spannenderweise in der Ungleichheit. Diese hatte durch die Industrielle Revolution abgenommen, und zwar dramatisch. Wo im überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte über 95% (gleich) arm gewesen waren, waren es nun "nur" noch 80%. Dann 70%. Die großen Gewinner der Industriellen Revolution waren nicht die Arbeiter (obwohl, wie gesagt, auch sie gewannen), sondern das neu entstehende Bürgertum. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte entwickelte sich eine breite Mittelklasse. Breit zumindest gemessen am bisherigen Verlauf derselben; wir reden von maximal 20%. Aber das ist ein vielfaches mehr als das, was im Mittelalter, in Rom oder in Mesopotamien einen solchen Status innegehabt hatte.

Diese Mittelschicht begann diejenigen Berufe einzunehmen, die die Industrielle Revolution für sie schuf. Im Gegensatz zu den verwaschenen, kragenlosen Hemden der Industriearbeiter ("blue collar") trugen sie weiße Hemden mit Kragen, die bis weit ins 20. Jahrhundert das Distinktionsmerkmal dieser Schicht von "Angestellten" sein sollten, ehe das "Wirtschaftswunder" die Unterschiede zwischen ihnen und den "Arbeitern" bis zur Unkenntlichkeit verwischte. Aber wir greifen vor.

Zusammenfassend bleibt festzustellen: Es war nicht so sehr die Existenz von Ungleichheit per se, die im 19. Jahrhundert eine beginnende linke Bewegung von Karl Marx über Ferdinand Lasalle zu Wilhelm Liebknecht auf den Plan rufen würde. Vielmehr war es das Bewusstsein, das sich zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte bildetete, dass eine realistische Alternative möglich war. Dass die herrschenden Verhältnisse wesentlich größere Umverteilungsspielräume boten, als man das bisher gedacht hatte.

Was Marx Zeit seines Lebens (und vielen seiner Erben auch hundertfünfzig Jahre später) entging ist, dass diese Erkenntnis nicht völlig an den Kapitalisten vorbeiging. So stieg die tägliche Arbeitszeit in den Fabriken von rund 12 Stunden täglich um 1820 auf aberwitzige 16 Stunden täglich um 1840, um dann rasant wieder auf ungefähr 12 bis 14 Stunden zu fallen. Offensichtlich geht selbst dem größten Ausbeuter auf, dass es so etwas wie einen Grenznutzen auch bei menschlicher Arbeitskraft gibt. Auch bemerkten viele Unternehmer, dass unterernährte und kranke Arbeiter keine produktiven Arbeiter sind. Die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen wurden, waren zugegebenermaßen nicht immer sinnvoll, aber es lohnt die Wiederholung: Die Industrialisierung verlief weitgehend planlos und wurde selbst von ihren eigenen Akteueren kaum durchschaut. Das Ausmaß der wirtschaftswissenschaftlichen Analphabetenrate ist bis ins 20. Jahrhundert hinein immer wieder verblüffend.

Bis dahin hatte die Industrielle Revolution vor allem Güter des täglichen Bedarfs, Waffen und Investitionsgüter hergestellt. Das verwundert nicht, denn wie alle Menschen waren auch die Akteure dieser Epoche in ihren eigenen Erfahrungen verhaftet. Sie kamen überhaupt nicht auf die Idee, dass es in dem Heer der Arbeiter, die sie anstellten, über deren Grundbedürfnisse hinaus einen Markt geben könnte. Und doch gab es ab ca. 1870 eine Art zweiter Revolution, die dieses Mal von den Vereinigten Staaten ausging.

Der Lebensstandard in den USA war seit deren Besiedlung stets höher gewesen als in Europa. Bauern besaßen wesentlich mehr und fruchtbareres Land, bezahlten weniger Steuern, aßen deutlich ausgewogener und besser und waren daher gesünder. Die Städte waren größer und weniger dicht bebaut, die Jobs besser bezahlt, die staatlichen Eingriffe weniger restriktiv als in Europa. Es wundert daher nicht, dass hier Technologien entwickelt wurden, die den Lebensstandard der Menschen, ausgehend von der Oberschicht und dann schnell auf die Mittelschicht übergreifend, rasant verändern würden.

Um zu verstehen, warum diese Innovationen so durchschlagend waren - und warum sie entscheidend für den Aufstieg der Sozialdemokratie als politische Idee sind - müssen wir uns zuerst klar machen, wie das Leben um 1870 für die meisten Menschen aussah.

Die allerwenigsten Häuser waren an elektrischen Strom oder fließendes Wasser angeschlossen oder besaßen Zentralheizungen. Geheizt wurde daher in den Räumen mit offenem Feuer - in einfachen Häusern der Küche, in besseren auch noch Wohnzimmer und Salon. Generell ungeheizt waren alle anderen Räume, vor allem die Schlafzimmer.

Mangels elektrischen Lichts waren Sonnenaufgang und Sonnenuntergang die entscheidenden Konstanten des Tagesablaufs. Die Industrielle Revolution hatte zwar die gasbetriebene Straßenlaterne gebracht (daher auch der Name "Gaslight Era"), aber diese wurde wegen ihres hohen Preises und Personalaufwands nur in den besseren Stadtvierteln genutzt. In den Häusern konnte man beim Schein einer Petroleumlampe umhergehen oder Kerzen entzünden. Beides waren Notlösungen, die einen vernünftige Nutzung der dunklen Tageszeiten erschwerten.

Sauberes Wasser musste vom Brunnen oder einer Quelle (auf dem Land) geholt werden. Diese Aufgabe gebührte den Frauen, die sie mit schweren, hölzernen Wassereimern versahen. Pro Tag schleppten Frauen auf diese Art und Weise rund 20 Liter Wasser in die Häuser - und wieder hinaus. Diese knochenbrechende Arbeit (die gleichzeitig dem Klischee vom körperlich arbeitenden Mann widerspricht, mit dem so viel patriarchalische Unterdrückung gerechtfertigt wurde) ist in allen überlieferten Quellen Beschwerdegrund Nummer eins der Frauen, noch vor Waschen, Kochen und anderen unangenehmen Arbeiten. Grundsätzlich war die Hausarbeit ungeheur hart und zeitaufwändig, wahrscheinlich sogar mehr als die 12-14 Stunden in der Fabrik, die der Herr der Schöpfung ableistete. Die Forschung leidet hier allerdings unter einem Mangel an Quellen.

Gegessen wurde sehr einfach. Grundnahrungsmittel wie Brot und Kartoffeln sowie einfache Gemüse stellten den Hauptteil der Ernährung in Europa. In den USA stand wesentlich mehr Fleisch auf dem Speiseplan (der Fleischkonsum um 1900 war deutlich höher als der heute!). Zentral für alle Menschen war die Versorgung mit Milch, die vor allem für Kinder benötigt wurde. Die mangelhafte Hygiene jener Zeit und völlige Unkenntnis über die Quelle von Krankheiten sorgte allerdings für desaströse Konsequenzen. Das Fleisch war oftmals schlecht, die Milch in vielen Fällen hochgiftig. Die hohe Kindersterblichkeit in dieser Epoche ist zu großen Teilen auf verunreinigte Milch zurückzuführen. Wer sich mit der Lebensmittelhygiene jener Zeit auch nur oberflächlich beschäftigt kann sich eines tiefen Grausens nicht erwehren.

All diese Beschwerlichkeiten des Lebens begannen sich ab 1870 zu verändern. Elektrisches Licht und fließend Wasser kamen in immer mehr Häuser. Die amerikanischen Städte waren in den 1920er Jahren praktisch komplett vernetzt, das flache Land zu Beginn der 1940er Jahre. In Europa war diese Entwicklung um Jahrzehnte verzögert; noch in den 1930er Jahren, als Deutschland sich anschickte, die Welt mit Krieg zu überziehen, gingen in Berlin Menschen auf Gemeinschaftstoiletten und war Elektrizität in so manchen Regionen des Deutschen Reichs eher Kuriosum als Regel. Heizungen kamen etwas später, aber um 1940 herum lebte praktisch jeder Amerikaner in einem vernetzten Haus mit fließend Wasser, elektrischem Strom und Heizung (sowie bald darauf Telefon). Dieser Stand wurde in Deutschland erst in den 1960er Jahren erreicht!

Direkt auf den Fersen dieser grundsätzlichen Infrastrukturverbesserungen folgten weitere Erfindungen, die aus der Moderne nicht wegzudenken sind. Das Radio schloss Millionen von Menschen an eine größere Gesellschaft an, verbreitete Nachrichten, half bei der Schaffung eines nationalen Bewusstseins und brachte zum ersten Mal Unterhaltung zu einfachen Menschen, zumindest denen, die sich ein Radio leisten konnten. In den USA war dies in den 1920er Jahren ein Großteil der Bevölkerung; in Deutschland brauchte es die Nazis, die einen völlig überteuerten und technisch hoffnungslos unterlegenen "Volksempfänger" per Ratenzahlung halbwegs erschwinglich machten. Das Auto, erfunden in Deutschland und weiterentwickelt in Italien und Frankreich, wurde erst in den USA zu einem Produkt, das bereits in den 1910er Jahren (!) einer breiten Bevölkerungsschicht, vor allem auf dem Land, zugänglich wurde. In Deutschland gab es nennenswerte Mengen an privaten KfZ erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die wohl wichtigste dieser Erfindungen aber waren Kühl- und Eisschrank (ab den 1930er Jahren auch als modisches Kombogerät), das - auch hier ist ein Muster erkennbar - in den USA vor dem Zweiten Weltkrieg in praktisch jedem Haushalt stand, während es in Deutschland bis in die 1960er Jahre hinein dauerte, bis es allgemeine Verbreitung erfahren hatte.

Obwohl diese unzweifelhaft segensreichen Erfindungen den Lebensstandard innerhalb einer Generation auf ein Niveau hoben, das um 1870 als blanke Fantasie erschienen wäre, waren die Früchte dieses Wohlstandsgewinns immer noch sehr ungleich verteilt. Die Mittelschicht war zwar gewachsen, aber sie umfasste immer noch unter 30% der Bevölkerung. Die Gewinne jener Ära gingen deutlich an die oberen 1% der Gesellschaft, mit nicht unerheblichen Trickle-Down-Effekten auf die restliche Ober- und Mittelschicht und realen, aber im Vergleich kleinen solchen Effekten für den Rest der Bevölkerung. Vereinzelt hatte es bereits sprunghafte Kaufkraftsteigerungen in der Arbeiterklasse gegeben; bis heute gehört Henry Fords Entscheidung, seine Mitarbeiter besser zu bezahlen, zur sozialdemokratischen Folklore.

Doch während die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den 1920er Jahren um Längen besser waren als ein halbes Jahrhundert zuvor, lag ein großes Potenzial immer noch flach. Stattdessen konzentrierte sich die damalige Wirtschaftspolitik, die in einer Kontinuität zum 19. Jahrhundert immer noch erstaunlich unwissend über heute als völlig grundlegende wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse war, auf eine stabile Währung (die ihren sichtbarsten Ausdruck im Goldstandard fand) und einer möglichst geringen Staatsverschuldung, was alle Arten von negativen Nebeneffekten vor allem in Europa hatte. Doch dieses System wurde durch die Weltwirtschaftskrise 1929 brutal zerstört.

Was in den USA immer wieder erstaunlich ist ist der Mangel an einer organisierten Arbeiterbewegung. Während in Europa - und besonders in Deutschland - schlagkräftige sozialistische und später sozialdemokratische Parteien entstanden, die eng mit mal mehr, mal weniger legalen Gewerkschaften verflochten waren, galt dies für die USA überhaupt nicht. Die Gewerkschaften hier kämpften hart gegen einen Staat, der stets auf der Seite der Arbeitgeber stand, und die Arbeiter solidarisierten sich nicht miteinander, sondern sahen sich als Einzelkämpfer für ihre Individualinteressen.

In Europa gewannen die sozialdemokratischen Parteien zwar Stück für Stück an Macht hinzu. Doch ihre Forderungen - genauso wie die Abwehrhaltung der staatlich unterstützten Arbeitgeber - waren effektiv Nullsummenspiele. Die SPD vor 1914 hing rhetorisch immer noch dem Klassenkampf an, und ihre europäischen Schwesterparteien sahen das häufig ähnlich. Für keine der beiden Seiten war es vorstellbar, die wirtschaftliche Situation zu verbessern, ohne dass die jeweils andere Seite Schaden nahm. Unternehmer sahen Lohnsteigerungen als EInschnitte in ihre Gewinnmarge, und Sozialdemokraten sahen sie als den raffgierigen Unternehmern abzutrotzende Besitzstände, die diese unrechtmäßig an sich gebracht hatten. In Deutschland begann sich dies nach 1918/19 mit dem Stinnes-Legien-Pakt und dem Wandel der SPD zu einer auch offiziell reformerischen Partei zu ändern, aber die schlechte wirtschaftliche Lage Weimars sorgte dafür, dass die Konsequenzen dieses Wandels sich nicht rechtzeitig einstellen würden.

Dem geneigten Leser ist vielleicht aufgefallen, dass ich für die USA als zentrales Datum immer den Vorabend des Zweiten Weltkriegs nannte, an dem die Innovationen des Lebensstandards allgemein verfügbar wurden, während dies in Europa nicht der Fall war. Das hat seinen Grund, und der liegt in der bereits angesprochenen Weltwirtschaftskrise. Die 1929 vom Epizentrum Wall Street ausgehende Rezession erfasste schnell die gesamte westliche Welt (ein nicht geringer Teil der Attraktion der sowjetischen Planwirtschaft lag in ihrer scheinbaren Immunität gegenüber der Weltwirtschaftskrise) und zerschmetterte dort das Narrativ der vorangegangenen Gilded Age, dass zwar manche wesentlich mehr Gewinn machten als andere, dies aber ultimativ allen Beteiligten helfen würde. Dass es nur einen Weg gäbe - nach oben - war offensichtlich nicht mehr wahr. Und als die Krise Jahr für Jahr schlimmer statt besser wurde, wuchs der Ruf nach radikalen Lösungen. Deutschland und die USA folgten ihm. Doch die Ansätze, die Roosevelt und Hitler wählten, konnten verschiedener nicht sein. Der eine ebnete den Weg zum Goldenen Zeitalter der Sozialdemokratie. Der andere stürzte die Welt in einen mörderischen Vernichtungskrieg.