Freitag, 21. September 2007

Homo homini lupus

In der Süddeutschen Zeitung ist ein Artikel erschienen, der sich mit neu aufgefundenen Bildern aus Auschwitz beschäftigt; das private Fotoalbum eines Adjutanten, auf dem feiernde und fröhliche SS-Leute im Sommer 1944 zu sehen sind. Der Artikel hebt immer wieder darauf ab, wie absonderlich, ja, geradezu pervers es doch sei, im sicheren Angesicht der Niederlage und der Todesmaschinerie rings umher fröhlich zu sein.
Dabei ist es nur menschlich. Wer wöllte schon monate-, jahrelang mit verkniffenem Gesicht durch die Todeslager laufen? Das eigentlich erschreckende am Holocaust ist doch, dass er von Menschen verübt wurde und nicht von Aliens (wie in der hervorragenden Metapher von Steven Spielberg). Aber irgendwie scheint diese Erkenntnis nicht in den Köpfen der meisten Menschen angekommen zu sein. Es scheint geradezu, als ob man sich wünschen würde, die gesamte Nazigarde und die ausführenden der Shoa wären Aliens from outer space gewesen, Monster in Menschengestalt. Auch das ist verständlich, denn so kann man sich vom Geschehen leichter differenzieren und sich selbst als entgegengesetz definieren.
Doch wer es sich so einfach macht, wird keine Lehren aus der Geschichte ziehen können, so bedauerlich das auch sein mag. Die Guido-Knoppisierung der Geschichte sorgt dafür, dass zwar beständig Hitlers Helfer, Hitlers Frauen, Hitlers Waffen-SS und Hitlers Würschterl im ZDF laufen, stets von Grinsegesicht Knopp moderiert; dass jedoch im gleichen Zug auch diese Abendserien lediglich dem "wohligen Grusel" zu dienen scheinen, ist die andere Seite der Medaille. Düstere Musik im Hintergrund und ein Sprecher, dessen Stimme von tiefer Betroffenheit kündigt - und alles gleichzeitig in eine weit entfernte Paralleldimension verbannt, die ebenso gut ein beliebiger Horrorfilm sein könnte. Vermutlich stammt aus der unterschwelligen Erkenntnis dieses Sachverhalts der Drang so vieler Zuschauer, immer wieder zu bekunden, wie unglaublich man findet, dass das einmal passieren konnte.
Aber ich schweife ab. Worauf das Ganze hier hinausläuft ist, dass der Holocaust von Menschen initiiert wie durchgeführt wurde, von Menschen aus der "Mitte der Gesellschaft", wie CDU und SPD das ausdrücken würden. Die Verneinung dieser Tatsache macht eine tief greifende Beschäftigung mit dem Dritten Reich unmöglich und lässt sie auf dem unsäglichen Guido-Knopp-Niveau stagnieren. Mengele ist kein aus der Hölle entstiegener Dämon. Anstatt immer wieder darauf abzuheben, wie ungemein unmenschlich er war, sollte man endlich beginnen danach zu fragen, wie es möglich sein konnte, dass eine solche Jammergestalt - und die anderen Jammergestalten an seiner Seite - in eine solche Position gelangen konnten, und eben WIE sie nebenbei ein ganz normales Leben mit ihren Frauen und Kindern führen konnten, und nicht nur, DASS.

Kommentare:

  1. Heute Morgen sah ich in der U-Bahn zufällig die letzte Seite der Bild.
    Titel: "Die perversen SS-Feiern in Ausschwitz"
    Ich hatte den gleichen Gedanken wie sie. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang aber auch die Haltung der Medien zu dem aktuellen Geschehen.
    Während die Medien durch ihre so treffend formulierte "Knoppisierung" auch immer wieder die Frage stellen, wie man so etwas überhaupt zulassen konnte, werden die Medien sich in entfehrnter Zukunft diese Frage selbst beantworten können. Medien trieben diese Entwicklung durch nazifreundliche Berichterstattung damals zu ihrem Höhepunkt, und das gleiche passiert heute wieder. Die moralischen Richter sind so damit beschäftigt, mit dem Finger auf Gefährder, Linke, G8- Gegner und andere Feinde zu zeigen, dass ihnen selbst nicht bewusst wird, dass sie (die Medien) selbst den grössten Teil der Schuld an den haarsteubenden politischen Ereignissen tragen. So siehts aus, Herrschaften, wenn kriminelle Energie immer und immer wieder durch parteiische Berichterstattung archkriechender Medien als die einzige Wahrheit verkauft wird.

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  2. Die Medien können die politische Stimmung nunmal so gut beeinflussen, da der mMn oft uninformierte sich gerne leiten lässt. Die meisten sind zu faul sich selbst zu bilden.

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