Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte
Ostpreußische Adelige und andere Rechte
Mit dem von mir postulierten Wandel der Geschichtswissenschaft beschäftigt sich Winkler auch auf der Metaebene. In Kapitel 19, "Historiker in ihrer Gegenwart", ist eine Reflexion Winklers über den Historikerkongress in Berlin von 1964 abgedruckt. Für den jungen Winkler war offenkundig, wie sehr sich die Geschichtswissenschaft einerseits methodisch weiterentwickelt hatte, entschieden weg von der früheren Personen- und Diplomatiegeschichte hin zu Wirtschafts- und Sozialgeschichte, wie sie aber auch ebenso entschieden von den typischen apologetischen Positionen etwa eines Gerhard Ritter abgekommen war. Die Deutungskämpfe der 1950er Jahre waren entschieden. Eine neue Generation von Historiker*innen habe eine klar wahrnehmbare "Linksschwenkung" der Geschichtswissenschaft weg von konservativer Apologetik bewirkt, die Debatte sei von den Konservativen klar verloren worden. Genauso wie dies später beim Historikerstreit der Fall sein würde war diese Niederlage vor allem dadurch relevant und deswegen für eine neue Generation von Historiker*innen prägend, weil sie wissenschaftlich geschehen sei: ad fontes, auf Basis der Quellen, ließen sich die alten Deutungen nicht mehr halten.
Nirgendwo wurde dieser Paradigmenwechsel so deutlich wie in der Fischerkontroverse, die in Kapitel 29, "Griff nach der Deutungsmacht", in einer 1999 erschienenen Würdigung von Fischers Lebenswerk besprochen wird. Auch wenn heute einige der argumentativen Spitzen Fischers als zu weitreichend relativiert wurden, ist doch klar, dass er die Debatte entscheidend gewonnen hat: die These der Hauptschuld des Deutschen Reichs am Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat sich durchgesetzt; die konservative Apologetik von "alle sind irgendwie hineingeschlittert" ist entschieden widerlegt.
Das bedeutet nicht, dass die Kriegsschulddebatte in den Deutungskämpfen nicht eine zentrale Rolle spielen kann. Kapitel 4, "Und erlöse uns von der Kriegsschuld", zeigt in einem Schlaglicht auf die Debatte um Christopher Clarkes "Schlafwandler" 2014, wie groß die Sehnsucht nach dieser Apologetik im deutschen Bürgertum immer noch ist. Mit großem Befremden registriert Winkler die begeisterte Aufnahme von Clarkes Buch im bürgerlichen Deutschland, das mit geradezu fiebriger Freude eine Exkulpation Deutschlands sah. Diese hat Clarke freilich so weitreichend gar nicht formuliert, und einige seiner Thesen schossen spiegelbildlich zu Fritz Fischer auch wesentlich über das Ziel hinaus. Der Deutungskampf um das Kaiserreich und den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist aber offensichtlich noch lange nicht vorbei, wie wir an der Diskussion um den Sonderweg ja auch deutlich sehen konnten.
Einen Deutungskampf der anderen Art führt immer noch der deutsche Adel mit seinen konservativen Schützenhelfern, der in Kapitel 11, "Aufstand des schlechten Gewissens", einem Beitrag von 2003, thematisiert wird. Hier räumt Winkler mit dem selbstsüchtigen Mythos auf, der preußische Adel sei im Widerstand gewesen. Zwar kennen wir mit Stauffenberg und Treschkow (pars pro toto) zwei herausragende Vertreter; gleichwohl hat der überwältigende Teil des Adels (relativ zu anderen Gruppen auch überrepräsentiert) die Nazis von Anfang an unterstützt und rückte auch bis zum Ende nicht von ihnen ab, und solche Adelige, die sich entgegen dem Trend ihrer Klasse zum Widerstand entschlossen und dafür zurecht Ruhm ernteten, waren überhaupt nur in der Position, effektiven Widerstand leisten zu können, weil sie vorher als Überzeugungstäter oder wenigstens Mitläufer in Machtpositionen geraten waren. Kurzum, der preußische Adel ging zurecht unter, und er hat sich im Nationalsozialismus zutiefst schuldig gemacht, wenn auch einzelne Vertreter herausragend gegen den Strom schwammen.
Dazu gehören auch die in Kapitel 27, "Der Kronprinz war ein reaktionärer Opportunist", einem Beitrag aus dem Jahr 2019, besprochenen Hohenzollern. Hier geht es Winkler um die Restitutionsansprüche des Hauses Hohenzollern. Mit aller Schärfe, die er trotz Wahrung kollegialer Etikette aufbringen kann, attackiert er die Auftragshistoriker im Dienste des Hauses Hohenzollern für ihre historisch nicht haltbaren Urteile (Pytha versteigert sich zu der Aussage, der Kronprinz sei quasi ein Widerständler gewesen) und ihre transparent alberne Deutung, dass der Kronprinz dadurch exkulpiert sei, dass er vor allem die Deutschnationalen habe stützen wollen - dass diese 1933 eine Koalition mit den Nazis eingingen und ihnen damit erst zur Macht verhalfen, und dass diese Koalition explizit angestrebtes Ziel war, ist eine Binse, die die Auftragshistoriker hier geflissentlich ignorieren.
Eine nicht totzukriegende Debatte aus bürgerlich-rechten Kreisen wird in Kapitel 24, "Die Mär vom Sozi Hitler", thematisiert. Bereits 1979 wandte sich Winkler scharf gegen die Behauptung Strauß' und Stoibers, Hitler sei in Wahrheit ein Linker gewesen. Dieser Unsinn hält sich ja leider bis heute, erst kürzlich hat die FAZ das müde Thema mit Kronzeuge Götz Aly wieder aufgewärmt. Geschichtswissenschaftlich ist diese Frage längst geklärt, hat sich eigentlich nie gestellt: die Quellenlage ist erdrückend. Da es sich jedoch um einen Deutungskampf handelt, ist es die politische Dimension, die die größte Rolle spielt, und das erkennt auch Winkler an. Es sei an dieser Stelle erneut auf Kapitel 28 verwiesen, in dem er sehr deutlich macht, dass die totalitären Systeme durchaus verglichen werden dürfen und müssen; die Gleichsetzung, die Strauß und Stoiber (und ihre modernen Epiogenen) betrieben ist es, die Winkler auf die Palme bringt.
Umgekehrt kann man durchaus fragen, wie viel Beitrag eigentlich Stalin beim Aufstieg Hitlers leistete. Kapitel 8, "Diktator mit Scheuklappen", aus dem Jahr 1970, widmet sich dieser Frage, ohne gleich wie Nolte die These aufzustellen, Hitler habe den Holocaust quasi in putativer Notwehr begangen. Stattdessen sieht Winkler den Einfluss Stalins eher in Positionierung der KPD: durch ihre Festlegung auf die SPD als Hauptgegner ("rot lackierte Faschisten") und ihre revolutionäre, moskautreue und demokratiefeindliche Haltung (siehe dazu Kapitel 16 weiter unten) habe sie jede Chance vertan, analog zu Frankreich eine demokratische Volksfront gegen den Aufstieg der Nationalsozialisten zu bilden. Hier liegt die Schuld Stalins und sein Beitrag zu Hitlers Aufstieg: seine erbittertsten Gegner und die Strukturen bekämpft zu haben, die ihm im Weg standen.
Räte und andere Linke
Natürlich kämpfen nicht nur die Rechten um die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte, sondern auch die Linken. Hier zeigt sich sogar noch stärker als bei den rechten Thesen, wie eindeutig entschieden diese Debatten sind und wie irrelevant diese Deutungsansätze mittlerweile sind. Kapitel 5, "Die Mär von der guten Revolution", macht mit einer 1995 erschienenen Rezension von Stefan Heyms "Radek" den Anfang. Ungeschönt wirft Winkler dem Romanicer vor, Schönfärberei zu betreiben und den historischen Radek an mehreren Stellen in einem viel zu positiven Licht erscheinen zu lassen, indem er zentrale Quellen, die nicht in sein Bild passen, ignoriert und an anderen Stellen völlig unplausible Szenarien entwirft, um das Phantasma einer "guten" leninistischen gegenüber einer "bösen" stalinistischen Revolution aufrechtzuerhalten, das für die Identität deutscher (westlicher) Kommunisten so entscheidend war.
Im gleichen Jahr erteilte Winkler der Idee eine Absage, die KPD könnte es unter Umständen ernst mit der Demokratie gemeint haben. Kapitel 16, "Von den Faschisten lernen", zeigt in beißender Ironie anhand der Quellen auf, dass die KPD in bester stalinistischer Dialektik die Demokratie nur als Mittel zum Zweck sah, die Macht an sich zu reißen und dass ein wörtlich Nehmen öffentlicher Verlautbarungen dieser fünften Kolonne Moskaus kaum den Standards der Geschichtswissenschaft genügt. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass dies 1995 überhaupt noch eine zu widerlegende These war; das berühmte Ulbrichtzitat, es müsse "demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben" habe ich im Geschichtsunterricht auch schon besprochen. Ich vermute, das hängt mit der Nähe zum Mauerfall und der starken SED-Präsenz in der PDS und ihren Deutungskämpfen zusammen.
Genau um die geht es in Kapitel 26, "Ein Streit um Weimar", denen sich Winkler 1994 widmete. Der konkrete Anlass war ein Angebot der PDS an die SPD, doch gemeinsam die schwarzen Stellen der eigenen Vergangenheit aufzudecken. Die SPD ging seinerzeit glücklicherweise nicht darauf ein, und Winkler nimmt in argumentativer Schärfe die von Gregor Gysi in gewohnter charismatischer Sympathieträgerschaft gestartete Initiative als einen transparenten Versuch auseinander, die alte Leier von der "verratenen Revolution" wieder auszupacken und irgendwie Stalin gegen Noske aufzurechnen. Winkler verwirft solcherlei Versuche mit Leichtigkeit: die SPD stellte Noske bereits 1920 aufs Abstellgleis, während die Stalinisten jahrzehntelang diktatorisch regierten.
Wie auch der Historikerstreit oder die Frage um das Linkssein Hitlers beschäftigt die Frage um die Natur der NS-Diktatur aber auch die Linke. Wo die Rechte sich vor allem in einer relativierenden Apologetik abreagiert, die links und rechts gleichsetzt und dadurch das Bürgertum exkulpiert, versucht sich die Linke an völlig unterkomplexen Erklärungen für das Phänomen Hitler, die sich im bösen Kapitalismus erschöpfen. In Kapitel 23, "Wider die Verharmlosung von Hitler von links", wandte sich Winkler schon 1978 gegen den brachialen Faschismusbegriff der Marxisten. Zwar gesteht er ihnen zu, die Verwicklungen der deutschen Industriellen durchaus korrekt zu benennen. Aber darüber hinaus verwirft er die marxistische Lesart in Bausch und Bogen, kann diese doch nicht erklären, warum Deutschland und nicht das kapitalistische Frankreich oder die noch kapitalistischeren USA faschistisch wurden. Diese Frage spielt für Winkler eine immer wiederkehrende Rolle; zuletzt brachte er sie gegen Richter und Haardt ins Spiel. Generell verwahrt er sich gegen den überreizten und verallgemeinerten linken Faschismusbegriff. Zurecht, wie ich hinzufügen möchte.
Aus heutiger Sicht kaum mehr verständlich ist die Schärfe, in der in den 1970er Jahren über das Rätesystem diskutiert wurde. Der Sekretär der vierten kommunistischen Internationale, Ernest Mandel, erhielt ein Einreiseverbot in die USA und ihm wurde ein Ruf an eine deutsche Universität versagt, weil er sich nicht zur Demokratie bekannte. Mandel sah das anders und erklärte sein Eintreten für das Rätesystem als demokratisch. Kapitel 21, "Die Lebenslüge des Rätesystems", enthält eine Abfassung von 1972, in der Winkler aus dem Primat der Gewaltenteilung als zentralem demokratischen Prinzip dem Rätesystem rundheraus jede praktische Eignung als demokratisches System abspricht. Auf diesen Artikel antwortete Mandel seinerzeit mit einem im Anhang abgedruckten offenen Brief, auf den Winkler dann wiederum antwortete; diese Antwort findet sich, ebenfalls von 1972, in Kapitel 22, "Der Realitätsgehalt entscheidet". An der Stelle muss ich die Buchstruktur kritisieren, weil das Hin- und Herblättern zum Anhang reichlich bescheuert ist; der Brief hätte zwischen die beiden Kapitel gehört; verständlich ist Kapitel 22 ohnehin nur durch die Lektüre des Briefs. In jedem Fall zerlegt Winkler sehr überzeugend Mandels Argumentation, dass zwar historische Räte nicht demokratisch gewesen seien, potenzielle zukünftige Räte dies aber schon vermögen könnten. Winkler wischt das beiseite; in der Realität sei völlig unvorstellbar, dass die Idealannahmen Mandels alle zuträfen und das System im Sinne des Grundgesetzes demokratisch sein könne. Man mag Winkler eine Verengung des Demokratiebegriffs auf den westlichen Parlamentarismus vorwerfen; dass das Rätesystem den Praxistest nicht besteht, in einem hoch industrialisierten Land wie der BRD schon gleich dreimal nicht, ist offenkundig und wurde durch das kurze Intermezzo der Piratenpartie hinreichend belegt.
Dass diese Debatten in der Hochschulpolitik eine große Rolle spielten, macht Kapitel 20, "Requiem für eine Reform", deutlich. 1971 hatte das ehemalige Otto-Suhr-Institut Berlin (Politikwissenschaften) ein paritätisches System eingeführt, bei dem die Studierenden und Aktivist*innen von außerhalb entscheidenden Einfluss auf die Besetzung der Professuren erhielten. Dies führte dazu, dass das Institut ein Hort des Linksextremismus wurde, mitsamt dem Abschaffen der Möglichkeit des Durchfallens und einem Trend zu realitätsfernen Träumereien im hohen Schloss linker Theorie. Winkler wandte sich mit einigen Kolleg*innen seinerzeit scharf gegen diesen Trend und forderte klare akademische Standards.
In Kapitel 30, "Ein Denker der Extreme", legt Winkler ein wohlwollendes Porträt Richard Löwenthals vor. 2008 erschienen zeichnet er Löwenthals Weg vom Kommunisten zum Sozialdemokraten nach, der in der Nachkriegsgeschichte großen Einfluss auf die Politik der Partei gewann und sich schließlich von rechts von ihr entfremdete: wie so viele Sozialdemokraten war auch für ihn der Schwenk zum Pazifismus in den 1980er Jahren "a bridge too far". Mir scheint diese Biografie eine typische für das Nachkriegsdeutschland zu sein; man sieht klare Parallelen etwa zu einem Herbert Wehner. Gleiches gilt, leider, auch für die vielen Angriffe, die er für seine Zeit im Widerstand in der jungen BRD erdulden musste, als er bereits mit den Kommunisten gebrochen, aber noch nicht den Weg zur Sozialdemokratie gefunden hatte.
Ein wesentlich positiveres Licht wirft Winkler dafür in Kapitel 9, "Die Ehre der deutschen Republik", anlässlich einer Festrede vor der SPD-Bundestagsfraktion 2013 auf dieselbe. Es geht um die Sternstunde der Sozialdemokratie, das "Nein" zum Ermächtigungsgesetz (das gleichzeitig ewig ein Schandfleck des Zentrums und der Liberalen bleiben wird). Winkler hält sich aber nicht lang mit der moralischen Bewertung auf, sondern versucht vor allem die Frage zu klären, ob den Sozialdemokraten andere Alternativen zur Verfügung gestanden hätten, insbesondere der bewaffnete Widerstand oder Generalstreik. Beides verneint er. Einerseits war wegen der toxischen Haltung der Kommunisten (siehe Kapitel 16) die Arbeiterschaft innerlich gespalten, andererseits war wegen der Weltwirtschaftskrise anders als in der Vollbeschäftigung 1920 ein Generalstreik kein probates Mittel. Wenn sich die SPD-Führung etwas vorwerfen lassen musste, dann das Scheitern der Großen Koalition 1930; dieses jedoch ging wahrlich nicht allein auf ihr Konto zurück.
Auffällig ist die Überholtheit der linken Debatten im Vergleich zu den Rechten. Ich vermute, dass dies vor allem am annis mirabilies liegt: wäre der Sozialismus nicht so überzeugend und öffentlich untergegangen, würden diese Frames vermutlich eine viel größere Rolle spielen. Aber wer beschäftigt sich heute noch mit Rätedemokratien und marxistischer Theorie? Was in den 1970er und 1980er Jahren noch Lehrstühle begründete, ist heutzutage allenfalls historiografisch relevant. Dass dieser Mist den heutigen Diskurs, anders als etwa die rechtsbürgerliche Apologetik, nicht mehr vergiftet, liegt auch an der krassen Niederlage und Desavouierung eines ganzen politischen Spektrums, das sich ohne seinen ideologischen Ballast neu erfinden musste.
Weiter geht es in Teil 3.
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