Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte
Für die Geschichtswissenschaft mag Leopold von Ranke einmal das Ideal ausgegeben haben, sie solle Dinge darstellen, wie sie gewesen sind. Doch von dieser Idee hat sie sich schon lange emanzipiert, die Vorstellung einer objektiv zutreffenden Geschichtsdarstellung als naiven Mythos entlarvt. Geschichtswissenschaft ist immer auch ein Deutungskampf, Geschichtspolitik sowieso. Es ist deswegen lobenswert, wenn Heinrich August Winkler seinen Sammelband mit Essays aus sechs Jahrzehnten geschichtswissenschaftlicher Tätigkeit mit dem Titel "Deutungskämpfe" versieht und so mit offenem Visier kämpft: er stellt sich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, streitlustig sicher, aber stets der wissenschaftlichen Methode verpflichtet und mit dem analytischen Blick des Historikers. Bekannt ist Winkler vor allem für sein Mammutwerk zur deutschen Geschichte, dem er den Übertitel des "langen Weg nach Westen" gegeben hatte; eine klare Missionsansage. Die lange Zeitspanne der veröffentlichten Essays bringt notwendigerweise mit sich, dass ein guter Teil der Meinungskämpfe, in deren Verlauf diese Texte gehören, abgeschlossen ist. Das ist gar nicht so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Manche Debatten sind wahre Evergreens, während andere so sehr zum Konsens geworden sind, dass es aus heutiger Perspektive beinahe ulkig ist, dass sie einmal kontrovers waren. Winklers Sammelband ist somit auch eine historiografische Quelle, wenngleich kein Versuch einer entsprechenden Einordnung unternommen wird: diese müssen die Lesenden selbst leisten, und diese Rezension ist auch ein Experiment darin, das zu wagen.
Winkler teilt sein Werk in insgesamt vier Abschnitte auf: "Deutschland vor 1918" (Kapitel 1-4), "Zwischen den Weltkriegen" (Kapitel 5-15), "Das geteilte Deutschland" (Kapitel 16-24) und "Nach dem Mauerfall" (Kapitel 25-33). Die Einteilung ist manchmal etwas willkürlich und bezieht sich zwar meist auf den Gegenstand der Debatte, manchmal aber auch auf das Datum der Erscheinung. Es ist zugegeben schwierig zu sagen, ob der Historikerstreit sich nun auf "die Zeit zwischen den Weltkriegen" bezieht oder selbst historisches Ereignis aus dem "geteilten Deutschland" ist; warum zudem der Zweite Weltkrieg selbst in den Abschnittstiteln ausgespart wird, obwohl er und der Holocaust einen so deutlichen Schatten auf den Großteil der verhandelten Themen werfen, ist mir unverständlich. Aber daran entscheidet sich auch nicht die Qualität des Bandes.
Der deutsche Nationalismus und deutsche Identität
Winkler setzt sich in seinen Aufsätzen immer wieder mit dem deutschen Nationalismus, mithin also der Frage, was dieses "Deutschland" eigentlich ausmacht, auseinander. In Kapitel 1, "Wandlungen des deutschen Nationalismus", lesen wir eine Rede von 1979, die Winkler in Polen auf einem historischen Kongress hielt. In ihr verhandelt er, adressatengerecht unter Einbeziehung des Verhältnisses der Deutschen zu den Polen im 19. Jahrhundert, die Wandlung des deutschen Nationalismus zuerst von links nach rechts, also von einem emanzipatorischen zu einem konservativ-reaktionären Projekt. Dazu gehört auch die Spaltung des Liberalismus, die Winkler immer wieder beschäftigt und die in einer eher klassischen Lesart als Wasserscheide für das wahrgenommen wird, was man als den deutschen Sonderweg bezeichnen könnte. Dabei entwickelte der Nationalismus ein antiemanzipatorisches und antisozialistisches Element. Für die Zeit nach 1945 postuliert Winkler einen Bedeutungsverlust des Nationalismus als integrierende Kraft, er wurde hier durch andere Elemente abgelöst.
Inzwischen nur noch historisch ist die Frage, ob ein deutscher Nationalismus kleindeutsch oder großdeutsch ist. In Kapitel 3, "Eine Revolution von oben", einem Beitrag aus dem Jahr 2016, zeichnet Winkler den deutsch-deutschen Bürgerkrieg nach, der die deutsche Frage entscheidend geklärt habe; das Zwischenspiel des "Großdeutschen Reiches" sieht er dafür als wenig bedeutend. Dieser Beitrag trug für mich schon beinahe teleologische Züge, aber Winkler argumentiert recht überzeugend, warum ein deutscher Nationalstaat mit Österreich unrealistisch war und dass 1866 -1871 ein sehr kurzes Möglichkeitsfenster geöffnet war.
Einen sehr deutschen Kampf um die nationale Identität beleuchtet Winkler in Kapitel 6, "Zwischen allen Stühlen". In seiner 1996 abgefassten Rezension befasst er sich mit den damals erschienenen Tagebüchern Viktor Klemperers aus der Zwischenkriegszeit. Klemperers Tagebücher aus der Nazizeit und sein LTI sind mit Fug und Recht Klassiker (wenngleich inzwischen überstrapaziert). Seine Tagebücher aus der Zwischenkriegszeit sind viel weniger bekannt. Ich habe letzthin im Deutschlandradio eine Podcastreihe dazu gehört, die ich sehr empfehlen kann, und komme zu demselben Schluss wie Winkler auch: der Klemperer der Zwischenkriegszeit ist nicht das Naziopfer von später, sondern ein innerlich zerrissener, charakterlich nicht sonderlich überzeugender Bildungsbürger, an dem auch die Distanz einer ganzen intellektuellen Klasse zur liberalen Demokratie exemplarisch sichtbar wird.
Sonderweg
Die Sonderwegsdiskussion beschäftigt Winkler gleich in zwei Kapiteln. Kapitel 2, "Der deutsche Sonderweg: eine Nachlese", erschien 1981 und beschäftigte sich mit den Thesen der angelsächsischen Historiker Eley und Blackbourn, die die These des Sonderwegs, wie sie Wehler formuliert hatte und wie sie in den 1970er Jahren den Geschichtsdeutungsstreit dominierte, als widerlegt betrachteten. Ihre zentrale These war, dass das Kaiserreich letztlich ein bürgerlicher Staat gewesen sei, in dem das Bürgertum den Adel zunehmend verdrängt und dem Staatswesen seine Strukturen aufgedrängt habe; der linke politische Standort der beiden habe sie zudem, so Winkler, zu einer Überbewertung britischer Defizite und einer Unterbewertung der deutschen geführt, weil sie einen innenpolitischen Punkt hätten machen wollen. Konkret wirft er ihnen (vor allem Blackbourne, Eley sieht er kaum als satisfaktionsfähig) vor, die deutsche Bürgerlichkeit zu überschätzen, weil sich Blackbourne zu sehr auf Württemberg konzentriere, das etwa mit den preußischen Verhältnissen nur schwer vergleichbar sei.
Explizit thematisiert Winkler den Sonderweg noch einmal in Kapitel 33, "Gibt es ihn doch, den deutschen Sonderweg?", eine 2021 erschienen Auseinandersetzung mit der seinerzeit sehr öffentlichen Debatte um die Deutung des Kaiserreichs und den Beiträgen von Hedwig Richter und Oliver Haardt. Winkler hält wenig von den beiden, von Richter noch weniger als von Haardt (ihm bescheinigt er zwar gute Erkenntnisse zum Föderalismus, sonst aber vor allem bereits bekannte Quellen zusammengefasst zu haben, was mir arg ungnädig erscheint). Er wirft Richter vor, dass sie einerseits mit den USA einen schlechten Vergleichspunkt gewählt habe, der die deutschen Eigenheiten zu wenig herausstelle (was mir ehrlich gesagt nicht sonderlich einleuchtet), vor allem aber, dass sie die Fragen nach den deutschen Besonderheiten nicht stelle und deswegen auch nicht übermäßig an einer Erklärung für die Frage "warum Hitler?" bieten könne (was fair ist), was er auch auf ihre mangelnde Kenntnis Weimars zurückführt. In seiner Kritik, dass die Frauenbewegung kaum als Grund dienen könne, weil in Großbritannien die Suffragetten ja noch aggressiver gewesen seien, baut er einerseits einen Strohmann auf (Richter behauptet ja nicht den Feminismus als entscheidenden Grund, sondern beleuchtet diesen bisher unterbelichteten Aspekt) und ignoriert auch sowohl die Faktenlage als auch Richters Argumentation: nicht die spektakuläre Sichtbarkeit der Suffragetten, sondern die nachhaltige Organisation der deutschen Frauenbewegung ist für Richter ja der entscheidende Faktor, weswegen Deutschland schnellere und größere Erfolge auf diesem Feld habe vorweisen können. Das kann man falsch finden, aber mit diesen Argumenten setzt sich Winkler zugunsten eines Strohmanns gar nicht auseinander.
Historikerstreit
Eine der wohl frustrierendsten Diskussionen der historischen Zunft ist der so genannte Historikerstreit von 1986/87. Losgebrochen von Ernst Nolte in einem Artikel in der FAZ, rief er scharfen Widerspruch unter anderem von Jürgen Habermas hervor. Für Winkler ist ein entscheidendes Charakteristikum des Historikerstreits, dass er von beiden Seiten weitgehend ohne historisches Handwerkszeug geführt wurde, also Quellenbelege. Das lag sicher auch daran, dass weder Nolte noch Habermas gelernte Historiker waren. Das bedeutet natürlich nicht, dass ihre Beiträge nicht wert hätten. In Kapitel 13, "Aus Angst entstanden", rezensierte Winkler schon 1964 Noltes Grundlagenwerk "Der Faschismus in seiner Epoche" und erkannte viele bedenkenswerte Stellen. Zwar übte er Kritik an Nolte, dessen Ansatz zwar viele Impulse liefere, aber nicht in der Lage sei, die Strukturen des Nationalsozialismus zu erklären, befand aber, dass das Buch selbst in der Ablehnung für Forschende am Faschismus quasi verpflichtende Lektüre sei. Man kann es als hellsichtig betrachten, dass er Noltes Forderung nach "Sympathie für den Gegenstand" als sehr problematischen Ansatz, identifizierte, der die Tür zur Apologetik weit öffnete. Genau so sollte es ja zwei Jahrzehnte später kommen.
Nolte verteidigte sich gegen die Kritik an seinem FAZ-Artikel damit, ein wissenschaftlich fundiertes Buch, das seine Thesen belege, nachschieben zu wollen. Kapitel 14, "Ein europäischer Bürger namens Hitler", beschäftigt sich in einer im selben Jahr erschienen Rezension Winklers mit dem 1987 erschienen Buch. Man kann nicht sagen, dass Winkler überzeugt wäre. Er übt massive Kritik an Nolte und prangert unter anderem dessen schlechte Quellenarbeit an. Wesentlich verdammenswerter aber erscheint Winkler die Relativierung des Holocaust und die Leugnung seiner Einzigartigkeit, die für ihn einen nicht verhandelbaren Gegenstand darstellt. Ich bin immer noch der Überzeugung, dass der aktuelle Trend in die Richtung geht, diese Einzigartigkeit mehr und mehr in Frage zu stellen, aber Winkler ist da noch vom "alten Schlag" und misst alle Beiträge zum Thema mit dieser Prüfung.
Sieht man sich an, was für wirre Thesen selbst in neueren Zeiten noch aus dieser Richtung kommen, ist das verständlich. Das aus dem Jahr 2011 stammende Kapitel 31, "Hellas statt Holocaust?", befasst sich mit einem Buch des Althistorikers Egon Flaig, dem Winkler in noch schärferen Tönen als Ernst Nolte eine Relativierung des Holocaust vorwirft. Flaigs Thesen, wonach die athenische Demokratie für Deutschland relevanter sei als der Holocaust, sind auch nicht eben einsichtig, und es stellt der Zunft ein gutes Zeugnis aus, dass Flaig und Nolte Außenseiter geblieben sind.
Überhaupt ist auffällig, wie entschieden diese Debatte, Flaigs Beitrag hin oder her, ist. Der Historikerstreit ist einer, der eindeutig geendet hat, mit einem Sieg der Kritiker Noltes und Flaigs. Praktisch nichts von Noltes Thesen aus dem Historikerstreit hat in der Wissenschaft Bestand gehabt, egal, wie sehr es aus rechten Kreisen immer wieder bemüht wird (siehe dazu auch den eigenen Block). Es ist dies ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr sich die Geschichtswissenschaft weiterentwickelt hat, was in der Rückschau auf sechs Jahrzehnte Winkler'scher Veröffentlichungsgeschichte deutlich wird.
All diese Kritik heißt übrigens nicht, dass deswegen die linken Apologeten im Recht wären, die sich gegen jeden Vergleich von Bolschewismus und Nationalsozialismus wehren. In Kapitel 28, "Gewalt von rechts, Gewalt von links", betonte Winkeler in einer 1998 erschienen Besprechung des "Schwarzbuch Kommunismus", dass die Vergleichbarkeit der beiden totalitären Regime durchaus gegeben sei. Er verwahrt sich gegen eine Gleichsetzung; den Vergleich sieht er als unerlässliches Handwerkszeug des Historikers, und hier auch Noltes, Flaigs und Konsorten Kardinalsünde: es war die Gleichsetzung, mithin also die Überspitzung und unzulässige Pointierung ihrer Thesen, die sie auf Abwege führte und eigentlich valide Punkte im Lärm untergehen ließ - und es späteren, seriöseren Historiker*innen überließ, sie auf eine solide wissenschaftliche Basis zu stellen, die heute wie beschrieben weitgehend unangefochten steht.
Weiter geht es in Teil 2.
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