Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte
Für die Geschichtswissenschaft mag Leopold von Ranke einmal das Ideal ausgegeben haben, sie solle Dinge darstellen, wie sie gewesen sind. Doch von dieser Idee hat sie sich schon lange emanzipiert, die Vorstellung einer objektiv zutreffenden Geschichtsdarstellung als naiven Mythos entlarvt. Geschichtswissenschaft ist immer auch ein Deutungskampf, Geschichtspolitik sowieso. Es ist deswegen lobenswert, wenn Heinrich August Winkler seinen Sammelband mit Essays aus sechs Jahrzehnten geschichtswissenschaftlicher Tätigkeit mit dem Titel "Deutungskämpfe" versieht und so mit offenem Visier kämpft: er stellt sich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, streitlustig sicher, aber stets der wissenschaftlichen Methode verpflichtet und mit dem analytischen Blick des Historikers. Bekannt ist Winkler vor allem für sein Mammutwerk zur deutschen Geschichte, dem er den Übertitel des "langen Weg nach Westen" gegeben hatte; eine klare Missionsansage. Die lange Zeitspanne der veröffentlichten Essays bringt notwendigerweise mit sich, dass ein guter Teil der Meinungskämpfe, in deren Verlauf diese Texte gehören, abgeschlossen ist. Das ist gar nicht so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Manche Debatten sind wahre Evergreens, während andere so sehr zum Konsens geworden sind, dass es aus heutiger Perspektive beinahe ulkig ist, dass sie einmal kontrovers waren. Winklers Sammelband ist somit auch eine historiografische Quelle, wenngleich kein Versuch einer entsprechenden Einordnung unternommen wird: diese müssen die Lesenden selbst leisten, und diese Rezension ist auch ein Experiment darin, das zu wagen.
Winkler teilt sein Werk in insgesamt vier Abschnitte auf: "Deutschland vor 1918" (Kapitel 1-4), "Zwischen den Weltkriegen" (Kapitel 5-15), "Das geteilte Deutschland" (Kapitel 16-24) und "Nach dem Mauerfall" (Kapitel 25-33). Die Einteilung ist manchmal etwas willkürlich und bezieht sich zwar meist auf den Gegenstand der Debatte, manchmal aber auch auf das Datum der Erscheinung. Es ist zugegeben schwierig zu sagen, ob der Historikerstreit sich nun auf "die Zeit zwischen den Weltkriegen" bezieht oder selbst historisches Ereignis aus dem "geteilten Deutschland" ist; warum zudem der Zweite Weltkrieg selbst in den Abschnittstiteln ausgespart wird, obwohl er und der Holocaust einen so deutlichen Schatten auf den Großteil der verhandelten Themen werfen, ist mir unverständlich. Aber daran entscheidet sich auch nicht die Qualität des Bandes.
Der deutsche Nationalismus und deutsche Identität
Winkler setzt sich in seinen Aufsätzen immer wieder mit dem deutschen Nationalismus, mithin also der Frage, was dieses "Deutschland" eigentlich ausmacht, auseinander. In Kapitel 1, "Wandlungen des deutschen Nationalismus", lesen wir eine Rede von 1979, die Winkler in Polen auf einem historischen Kongress hielt. In ihr verhandelt er, adressatengerecht unter Einbeziehung des Verhältnisses der Deutschen zu den Polen im 19. Jahrhundert, die Wandlung des deutschen Nationalismus zuerst von links nach rechts, also von einem emanzipatorischen zu einem konservativ-reaktionären Projekt. Dazu gehört auch die Spaltung des Liberalismus, die Winkler immer wieder beschäftigt und die in einer eher klassischen Lesart als Wasserscheide für das wahrgenommen wird, was man als den deutschen Sonderweg bezeichnen könnte. Dabei entwickelte der Nationalismus ein antiemanzipatorisches und antisozialistisches Element. Für die Zeit nach 1945 postuliert Winkler einen Bedeutungsverlust des Nationalismus als integrierende Kraft, er wurde hier durch andere Elemente abgelöst.
Inzwischen nur noch historisch ist die Frage, ob ein deutscher Nationalismus kleindeutsch oder großdeutsch ist. In Kapitel 3, "Eine Revolution von oben", einem Beitrag aus dem Jahr 2016, zeichnet Winkler den deutsch-deutschen Bürgerkrieg nach, der die deutsche Frage entscheidend geklärt habe; das Zwischenspiel des "Großdeutschen Reiches" sieht er dafür als wenig bedeutend. Dieser Beitrag trug für mich schon beinahe teleologische Züge, aber Winkler argumentiert recht überzeugend, warum ein deutscher Nationalstaat mit Österreich unrealistisch war und dass 1866 -1871 ein sehr kurzes Möglichkeitsfenster geöffnet war.
Einen sehr deutschen Kampf um die nationale Identität beleuchtet Winkler in Kapitel 6, "Zwischen allen Stühlen". In seiner 1996 abgefassten Rezension befasst er sich mit den damals erschienenen Tagebüchern Viktor Klemperers aus der Zwischenkriegszeit. Klemperers Tagebücher aus der Nazizeit und sein LTI sind mit Fug und Recht Klassiker (wenngleich inzwischen überstrapaziert). Seine Tagebücher aus der Zwischenkriegszeit sind viel weniger bekannt. Ich habe letzthin im Deutschlandradio eine Podcastreihe dazu gehört, die ich sehr empfehlen kann, und komme zu demselben Schluss wie Winkler auch: der Klemperer der Zwischenkriegszeit ist nicht das Naziopfer von später, sondern ein innerlich zerrissener, charakterlich nicht sonderlich überzeugender Bildungsbürger, an dem auch die Distanz einer ganzen intellektuellen Klasse zur liberalen Demokratie exemplarisch sichtbar wird.
Sonderweg
Die Sonderwegsdiskussion beschäftigt Winkler gleich in zwei Kapiteln. Kapitel 2, "Der deutsche Sonderweg: eine Nachlese", erschien 1981 und beschäftigte sich mit den Thesen der angelsächsischen Historiker Eley und Blackbourn, die die These des Sonderwegs, wie sie Wehler formuliert hatte und wie sie in den 1970er Jahren den Geschichtsdeutungsstreit dominierte, als widerlegt betrachteten. Ihre zentrale These war, dass das Kaiserreich letztlich ein bürgerlicher Staat gewesen sei, in dem das Bürgertum den Adel zunehmend verdrängt und dem Staatswesen seine Strukturen aufgedrängt habe; der linke politische Standort der beiden habe sie zudem, so Winkler, zu einer Überbewertung britischer Defizite und einer Unterbewertung der deutschen geführt, weil sie einen innenpolitischen Punkt hätten machen wollen. Konkret wirft er ihnen (vor allem Blackbourne, Eley sieht er kaum als satisfaktionsfähig) vor, die deutsche Bürgerlichkeit zu überschätzen, weil sich Blackbourne zu sehr auf Württemberg konzentriere, das etwa mit den preußischen Verhältnissen nur schwer vergleichbar sei.
Explizit thematisiert Winkler den Sonderweg noch einmal in Kapitel 33, "Gibt es ihn doch, den deutschen Sonderweg?", eine 2021 erschienen Auseinandersetzung mit der seinerzeit sehr öffentlichen Debatte um die Deutung des Kaiserreichs und den Beiträgen von Hedwig Richter und Oliver Haardt. Winkler hält wenig von den beiden, von Richter noch weniger als von Haardt (ihm bescheinigt er zwar gute Erkenntnisse zum Föderalismus, sonst aber vor allem bereits bekannte Quellen zusammengefasst zu haben, was mir arg ungnädig erscheint). Er wirft Richter vor, dass sie einerseits mit den USA einen schlechten Vergleichspunkt gewählt habe, der die deutschen Eigenheiten zu wenig herausstelle (was mir ehrlich gesagt nicht sonderlich einleuchtet), vor allem aber, dass sie die Fragen nach den deutschen Besonderheiten nicht stelle und deswegen auch nicht übermäßig an einer Erklärung für die Frage "warum Hitler?" bieten könne (was fair ist), was er auch auf ihre mangelnde Kenntnis Weimars zurückführt. In seiner Kritik, dass die Frauenbewegung kaum als Grund dienen könne, weil in Großbritannien die Suffragetten ja noch aggressiver gewesen seien, baut er einerseits einen Strohmann auf (Richter behauptet ja nicht den Feminismus als entscheidenden Grund, sondern beleuchtet diesen bisher unterbelichteten Aspekt) und ignoriert auch sowohl die Faktenlage als auch Richters Argumentation: nicht die spektakuläre Sichtbarkeit der Suffragetten, sondern die nachhaltige Organisation der deutschen Frauenbewegung ist für Richter ja der entscheidende Faktor, weswegen Deutschland schnellere und größere Erfolge auf diesem Feld habe vorweisen können. Das kann man falsch finden, aber mit diesen Argumenten setzt sich Winkler zugunsten eines Strohmanns gar nicht auseinander.
Historikerstreit
Eine der wohl frustrierendsten Diskussionen der historischen Zunft ist der so genannte Historikerstreit von 1986/87. Losgebrochen von Ernst Nolte in einem Artikel in der FAZ, rief er scharfen Widerspruch unter anderem von Jürgen Habermas hervor. Für Winkler ist ein entscheidendes Charakteristikum des Historikerstreits, dass er von beiden Seiten weitgehend ohne historisches Handwerkszeug geführt wurde, also Quellenbelege. Das lag sicher auch daran, dass weder Nolte noch Habermas gelernte Historiker waren. Das bedeutet natürlich nicht, dass ihre Beiträge nicht wert hätten. In Kapitel 13, "Aus Angst entstanden", rezensierte Winkler schon 1964 Noltes Grundlagenwerk "Der Faschismus in seiner Epoche" und erkannte viele bedenkenswerte Stellen. Zwar übte er Kritik an Nolte, dessen Ansatz zwar viele Impulse liefere, aber nicht in der Lage sei, die Strukturen des Nationalsozialismus zu erklären, befand aber, dass das Buch selbst in der Ablehnung für Forschende am Faschismus quasi verpflichtende Lektüre sei. Man kann es als hellsichtig betrachten, dass er Noltes Forderung nach "Sympathie für den Gegenstand" als sehr problematischen Ansatz, identifizierte, der die Tür zur Apologetik weit öffnete. Genau so sollte es ja zwei Jahrzehnte später kommen.
Nolte verteidigte sich gegen die Kritik an seinem FAZ-Artikel damit, ein wissenschaftlich fundiertes Buch, das seine Thesen belege, nachschieben zu wollen. Kapitel 14, "Ein europäischer Bürger namens Hitler", beschäftigt sich in einer im selben Jahr erschienen Rezension Winklers mit dem 1987 erschienen Buch. Man kann nicht sagen, dass Winkler überzeugt wäre. Er übt massive Kritik an Nolte und prangert unter anderem dessen schlechte Quellenarbeit an. Wesentlich verdammenswerter aber erscheint Winkler die Relativierung des Holocaust und die Leugnung seiner Einzigartigkeit, die für ihn einen nicht verhandelbaren Gegenstand darstellt. Ich bin immer noch der Überzeugung, dass der aktuelle Trend in die Richtung geht, diese Einzigartigkeit mehr und mehr in Frage zu stellen, aber Winkler ist da noch vom "alten Schlag" und misst alle Beiträge zum Thema mit dieser Prüfung.
Sieht man sich an, was für wirre Thesen selbst in neueren Zeiten noch aus dieser Richtung kommen, ist das verständlich. Das aus dem Jahr 2011 stammende Kapitel 31, "Hellas statt Holocaust?", befasst sich mit einem Buch des Althistorikers Egon Flaig, dem Winkler in noch schärferen Tönen als Ernst Nolte eine Relativierung des Holocaust vorwirft. Flaigs Thesen, wonach die athenische Demokratie für Deutschland relevanter sei als der Holocaust, sind auch nicht eben einsichtig, und es stellt der Zunft ein gutes Zeugnis aus, dass Flaig und Nolte Außenseiter geblieben sind.
Überhaupt ist auffällig, wie entschieden diese Debatte, Flaigs Beitrag hin oder her, ist. Der Historikerstreit ist einer, der eindeutig geendet hat, mit einem Sieg der Kritiker Noltes und Flaigs. Praktisch nichts von Noltes Thesen aus dem Historikerstreit hat in der Wissenschaft Bestand gehabt, egal, wie sehr es aus rechten Kreisen immer wieder bemüht wird (siehe dazu auch den eigenen Block). Es ist dies ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr sich die Geschichtswissenschaft weiterentwickelt hat, was in der Rückschau auf sechs Jahrzehnte Winkler'scher Veröffentlichungsgeschichte deutlich wird.
All diese Kritik heißt übrigens nicht, dass deswegen die linken Apologeten im Recht wären, die sich gegen jeden Vergleich von Bolschewismus und Nationalsozialismus wehren. In Kapitel 28, "Gewalt von rechts, Gewalt von links", betonte Winkler in einer 1998 erschienen Besprechung des "Schwarzbuch Kommunismus", dass die Vergleichbarkeit der beiden totalitären Regime durchaus gegeben sei. Er verwahrt sich gegen eine Gleichsetzung; den Vergleich sieht er als unerlässliches Handwerkszeug des Historikers, und hier auch Noltes, Flaigs und Konsorten Kardinalsünde: es war die Gleichsetzung, mithin also die Überspitzung und unzulässige Pointierung ihrer Thesen, die sie auf Abwege führte und eigentlich valide Punkte im Lärm untergehen ließ - und es späteren, seriöseren Historiker*innen überließ, sie auf eine solide wissenschaftliche Basis zu stellen, die heute wie beschrieben weitgehend unangefochten steht.
Ostpreußische Adelige und andere Rechte
Mit dem von mir postulierten Wandel der Geschichtswissenschaft beschäftigt sich Winkler auch auf der Metaebene. In Kapitel 19, "Historiker in ihrer Gegenwart", ist eine Reflexion Winklers über den Historikerkongress in Berlin von 1964 abgedruckt. Für den jungen Winkler war offenkundig, wie sehr sich die Geschichtswissenschaft einerseits methodisch weiterentwickelt hatte, entschieden weg von der früheren Personen- und Diplomatiegeschichte hin zu Wirtschafts- und Sozialgeschichte, wie sie aber auch ebenso entschieden von den typischen apologetischen Positionen etwa eines Gerhard Ritter abgekommen war. Die Deutungskämpfe der 1950er Jahre waren entschieden. Eine neue Generation von Historiker*innen habe eine klar wahrnehmbare "Linksschwenkung" der Geschichtswissenschaft weg von konservativer Apologetik bewirkt, die Debatte sei von den Konservativen klar verloren worden. Genauso wie dies später beim Historikerstreit der Fall sein würde war diese Niederlage vor allem dadurch relevant und deswegen für eine neue Generation von Historiker*innen prägend, weil sie wissenschaftlich geschehen sei: ad fontes, auf Basis der Quellen, ließen sich die alten Deutungen nicht mehr halten.
Nirgendwo wurde dieser Paradigmenwechsel so deutlich wie in der Fischerkontroverse, die in Kapitel 29, "Griff nach der Deutungsmacht", in einer 1999 erschienenen Würdigung von Fischers Lebenswerk besprochen wird. Auch wenn heute einige der argumentativen Spitzen Fischers als zu weitreichend relativiert wurden, ist doch klar, dass er die Debatte entscheidend gewonnen hat: die These der Hauptschuld des Deutschen Reichs am Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat sich durchgesetzt; die konservative Apologetik von "alle sind irgendwie hineingeschlittert" ist entschieden widerlegt.
Das bedeutet nicht, dass die Kriegsschulddebatte in den Deutungskämpfen nicht eine zentrale Rolle spielen kann. Kapitel 4, "Und erlöse uns von der Kriegsschuld", zeigt in einem Schlaglicht auf die Debatte um Christopher Clarkes "Schlafwandler" 2014, wie groß die Sehnsucht nach dieser Apologetik im deutschen Bürgertum immer noch ist. Mit großem Befremden registriert Winkler die begeisterte Aufnahme von Clarkes Buch im bürgerlichen Deutschland, das mit geradezu fiebriger Freude eine Exkulpation Deutschlands sah. Diese hat Clarke freilich so weitreichend gar nicht formuliert, und einige seiner Thesen schossen spiegelbildlich zu Fritz Fischer auch wesentlich über das Ziel hinaus. Der Deutungskampf um das Kaiserreich und den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist aber offensichtlich noch lange nicht vorbei, wie wir an der Diskussion um den Sonderweg ja auch deutlich sehen konnten.
Einen Deutungskampf der anderen Art führt immer noch der deutsche Adel mit seinen konservativen Schützenhelfern, der in Kapitel 11, "Aufstand des schlechten Gewissens", einem Beitrag von 2003, thematisiert wird. Hier räumt Winkler mit dem selbstsüchtigen Mythos auf, der preußische Adel sei im Widerstand gewesen. Zwar kennen wir mit Stauffenberg und Treschkow (pars pro toto) zwei herausragende Vertreter; gleichwohl hat der überwältigende Teil des Adels (relativ zu anderen Gruppen auch überrepräsentiert) die Nazis von Anfang an unterstützt und rückte auch bis zum Ende nicht von ihnen ab, und solche Adelige, die sich entgegen dem Trend ihrer Klasse zum Widerstand entschlossen und dafür zurecht Ruhm ernteten, waren überhaupt nur in der Position, effektiven Widerstand leisten zu können, weil sie vorher als Überzeugungstäter oder wenigstens Mitläufer in Machtpositionen geraten waren. Kurzum, der preußische Adel ging zurecht unter, und er hat sich im Nationalsozialismus zutiefst schuldig gemacht, wenn auch einzelne Vertreter herausragend gegen den Strom schwammen.
Dazu gehören auch die in Kapitel 27, "Der Kronprinz war ein reaktionärer Opportunist", einem Beitrag aus dem Jahr 2019, besprochenen Hohenzollern. Hier geht es Winkler um die Restitutionsansprüche des Hauses Hohenzollern. Mit aller Schärfe, die er trotz Wahrung kollegialer Etikette aufbringen kann, attackiert er die Auftragshistoriker im Dienste des Hauses Hohenzollern für ihre historisch nicht haltbaren Urteile (Pytha versteigert sich zu der Aussage, der Kronprinz sei quasi ein Widerständler gewesen) und ihre transparent alberne Deutung, dass der Kronprinz dadurch exkulpiert sei, dass er vor allem die Deutschnationalen habe stützen wollen - dass diese 1933 eine Koalition mit den Nazis eingingen und ihnen damit erst zur Macht verhalfen, und dass diese Koalition explizit angestrebtes Ziel war, ist eine Binse, die die Auftragshistoriker hier geflissentlich ignorieren.
Eine nicht totzukriegende Debatte aus bürgerlich-rechten Kreisen wird in Kapitel 24, "Die Mär vom Sozi Hitler", thematisiert. Bereits 1979 wandte sich Winkler scharf gegen die Behauptung Strauß' und Stoibers, Hitler sei in Wahrheit ein Linker gewesen. Dieser Unsinn hält sich ja leider bis heute, erst kürzlich hat die FAZ das müde Thema mit Kronzeuge Götz Aly wieder aufgewärmt. Geschichtswissenschaftlich ist diese Frage längst geklärt, hat sich eigentlich nie gestellt: die Quellenlage ist erdrückend. Da es sich jedoch um einen Deutungskampf handelt, ist es die politische Dimension, die die größte Rolle spielt, und das erkennt auch Winkler an. Es sei an dieser Stelle erneut auf Kapitel 28 verwiesen, in dem er sehr deutlich macht, dass die totalitären Systeme durchaus verglichen werden dürfen und müssen; die Gleichsetzung, die Strauß und Stoiber (und ihre modernen Epiogenen) betrieben ist es, die Winkler auf die Palme bringt.
Umgekehrt kann man durchaus fragen, wie viel Beitrag eigentlich Stalin beim Aufstieg Hitlers leistete. Kapitel 8, "Diktator mit Scheuklappen", aus dem Jahr 1970, widmet sich dieser Frage, ohne gleich wie Nolte die These aufzustellen, Hitler habe den Holocaust quasi in putativer Notwehr begangen. Stattdessen sieht Winkler den Einfluss Stalins eher in Positionierung der KPD: durch ihre Festlegung auf die SPD als Hauptgegner ("rot lackierte Faschisten") und ihre revolutionäre, moskautreue und demokratiefeindliche Haltung (siehe dazu Kapitel 16 weiter unten) habe sie jede Chance vertan, analog zu Frankreich eine demokratische Volksfront gegen den Aufstieg der Nationalsozialisten zu bilden. Hier liegt die Schuld Stalins und sein Beitrag zu Hitlers Aufstieg: seine erbittertsten Gegner und die Strukturen bekämpft zu haben, die ihm im Weg standen.
Räte und andere Linke
Natürlich kämpfen nicht nur die Rechten um die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte, sondern auch die Linken. Hier zeigt sich sogar noch stärker als bei den rechten Thesen, wie eindeutig entschieden diese Debatten sind und wie irrelevant diese Deutungsansätze mittlerweile sind. Kapitel 5, "Die Mär von der guten Revolution", macht mit einer 1995 erschienenen Rezension von Stefan Heyms "Radek" den Anfang. Ungeschönt wirft Winkler dem Romanicer vor, Schönfärberei zu betreiben und den historischen Radek an mehreren Stellen in einem viel zu positiven Licht erscheinen zu lassen, indem er zentrale Quellen, die nicht in sein Bild passen, ignoriert und an anderen Stellen völlig unplausible Szenarien entwirft, um das Phantasma einer "guten" leninistischen gegenüber einer "bösen" stalinistischen Revolution aufrechtzuerhalten, das für die Identität deutscher (westlicher) Kommunisten so entscheidend war.
Im gleichen Jahr erteilte Winkler der Idee eine Absage, die KPD könnte es unter Umständen ernst mit der Demokratie gemeint haben. Kapitel 16, "Von den Faschisten lernen", zeigt in beißender Ironie anhand der Quellen auf, dass die KPD in bester stalinistischer Dialektik die Demokratie nur als Mittel zum Zweck sah, die Macht an sich zu reißen und dass ein wörtlich Nehmen öffentlicher Verlautbarungen dieser fünften Kolonne Moskaus kaum den Standards der Geschichtswissenschaft genügt. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass dies 1995 überhaupt noch eine zu widerlegende These war; das berühmte Ulbrichtzitat, es müsse "demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben" habe ich im Geschichtsunterricht auch schon besprochen. Ich vermute, das hängt mit der Nähe zum Mauerfall und der starken SED-Präsenz in der PDS und ihren Deutungskämpfen zusammen.
Genau um die geht es in Kapitel 26, "Ein Streit um Weimar", denen sich Winkler 1994 widmete. Der konkrete Anlass war ein Angebot der PDS an die SPD, doch gemeinsam die schwarzen Stellen der eigenen Vergangenheit aufzudecken. Die SPD ging seinerzeit glücklicherweise nicht darauf ein, und Winkler nimmt in argumentativer Schärfe die von Gregor Gysi in gewohnter charismatischer Sympathieträgerschaft gestartete Initiative als einen transparenten Versuch auseinander, die alte Leier von der "verratenen Revolution" wieder auszupacken und irgendwie Stalin gegen Noske aufzurechnen. Winkler verwirft solcherlei Versuche mit Leichtigkeit: die SPD stellte Noske bereits 1920 aufs Abstellgleis, während die Stalinisten jahrzehntelang diktatorisch regierten.
Wie auch der Historikerstreit oder die Frage um das Linkssein Hitlers beschäftigt die Frage um die Natur der NS-Diktatur aber auch die Linke. Wo die Rechte sich vor allem in einer relativierenden Apologetik abreagiert, die links und rechts gleichsetzt und dadurch das Bürgertum exkulpiert, versucht sich die Linke an völlig unterkomplexen Erklärungen für das Phänomen Hitler, die sich im bösen Kapitalismus erschöpfen. In Kapitel 23, "Wider die Verharmlosung von Hitler von links", wandte sich Winkler schon 1978 gegen den brachialen Faschismusbegriff der Marxisten. Zwar gesteht er ihnen zu, die Verwicklungen der deutschen Industriellen durchaus korrekt zu benennen. Aber darüber hinaus verwirft er die marxistische Lesart in Bausch und Bogen, kann diese doch nicht erklären, warum Deutschland und nicht das kapitalistische Frankreich oder die noch kapitalistischeren USA faschistisch wurden. Diese Frage spielt für Winkler eine immer wiederkehrende Rolle; zuletzt brachte er sie gegen Richter und Haardt ins Spiel. Generell verwahrt er sich gegen den überreizten und verallgemeinerten linken Faschismusbegriff. Zurecht, wie ich hinzufügen möchte.
Aus heutiger Sicht kaum mehr verständlich ist die Schärfe, in der in den 1970er Jahren über das Rätesystem diskutiert wurde. Der Sekretär der vierten kommunistischen Internationale, Ernest Mandel, erhielt ein Einreiseverbot in die USA und ihm wurde ein Ruf an eine deutsche Universität versagt, weil er sich nicht zur Demokratie bekannte. Mandel sah das anders und erklärte sein Eintreten für das Rätesystem als demokratisch. Kapitel 21, "Die Lebenslüge des Rätesystems", enthält eine Abfassung von 1972, in der Winkler aus dem Primat der Gewaltenteilung als zentralem demokratischen Prinzip dem Rätesystem rundheraus jede praktische Eignung als demokratisches System abspricht. Auf diesen Artikel antwortete Mandel seinerzeit mit einem im Anhang abgedruckten offenen Brief, auf den Winkler dann wiederum antwortete; diese Antwort findet sich, ebenfalls von 1972, in Kapitel 22, "Der Realitätsgehalt entscheidet". An der Stelle muss ich die Buchstruktur kritisieren, weil das Hin- und Herblättern zum Anhang reichlich bescheuert ist; der Brief hätte zwischen die beiden Kapitel gehört; verständlich ist Kapitel 22 ohnehin nur durch die Lektüre des Briefs. In jedem Fall zerlegt Winkler sehr überzeugend Mandels Argumentation, dass zwar historische Räte nicht demokratisch gewesen seien, potenzielle zukünftige Räte dies aber schon vermögen könnten. Winkler wischt das beiseite; in der Realität sei völlig unvorstellbar, dass die Idealannahmen Mandels alle zuträfen und das System im Sinne des Grundgesetzes demokratisch sein könne. Man mag Winkler eine Verengung des Demokratiebegriffs auf den westlichen Parlamentarismus vorwerfen; dass das Rätesystem den Praxistest nicht besteht, in einem hoch industrialisierten Land wie der BRD schon gleich dreimal nicht, ist offenkundig und wurde durch das kurze Intermezzo der Piratenpartie hinreichend belegt.
Dass diese Debatten in der Hochschulpolitik eine große Rolle spielten, macht Kapitel 20, "Requiem für eine Reform", deutlich. 1971 hatte das ehemalige Otto-Suhr-Institut Berlin (Politikwissenschaften) ein paritätisches System eingeführt, bei dem die Studierenden und Aktivist*innen von außerhalb entscheidenden Einfluss auf die Besetzung der Professuren erhielten. Dies führte dazu, dass das Institut ein Hort des Linksextremismus wurde, mitsamt dem Abschaffen der Möglichkeit des Durchfallens und einem Trend zu realitätsfernen Träumereien im hohen Schloss linker Theorie. Winkler wandte sich mit einigen Kolleg*innen seinerzeit scharf gegen diesen Trend und forderte klare akademische Standards.
In Kapitel 30, "Ein Denker der Extreme", legt Winkler ein wohlwollendes Porträt Richard Löwenthals vor. 2008 erschienen zeichnet er Löwenthals Weg vom Kommunisten zum Sozialdemokraten nach, der in der Nachkriegsgeschichte großen Einfluss auf die Politik der Partei gewann und sich schließlich von rechts von ihr entfremdete: wie so viele Sozialdemokraten war auch für ihn der Schwenk zum Pazifismus in den 1980er Jahren "a bridge too far". Mir scheint diese Biografie eine typische für das Nachkriegsdeutschland zu sein; man sieht klare Parallelen etwa zu einem Herbert Wehner. Gleiches gilt, leider, auch für die vielen Angriffe, die er für seine Zeit im Widerstand in der jungen BRD erdulden musste, als er bereits mit den Kommunisten gebrochen, aber noch nicht den Weg zur Sozialdemokratie gefunden hatte.
Ein wesentlich positiveres Licht wirft Winkler dafür in Kapitel 9, "Die Ehre der deutschen Republik", anlässlich einer Festrede vor der SPD-Bundestagsfraktion 2013 auf dieselbe. Es geht um die Sternstunde der Sozialdemokratie, das "Nein" zum Ermächtigungsgesetz (das gleichzeitig ewig ein Schandfleck des Zentrums und der Liberalen bleiben wird). Winkler hält sich aber nicht lang mit der moralischen Bewertung auf, sondern versucht vor allem die Frage zu klären, ob den Sozialdemokraten andere Alternativen zur Verfügung gestanden hätten, insbesondere der bewaffnete Widerstand oder Generalstreik. Beides verneint er. Einerseits war wegen der toxischen Haltung der Kommunisten (siehe Kapitel 16) die Arbeiterschaft innerlich gespalten, andererseits war wegen der Weltwirtschaftskrise anders als in der Vollbeschäftigung 1920 ein Generalstreik kein probates Mittel. Wenn sich die SPD-Führung etwas vorwerfen lassen musste, dann das Scheitern der Großen Koalition 1930; dieses jedoch ging wahrlich nicht allein auf ihr Konto zurück.
Auffällig ist die Überholtheit der linken Debatten im Vergleich zu den Rechten. Ich vermute, dass dies vor allem am annis mirabilies liegt: wäre der Sozialismus nicht so überzeugend und öffentlich untergegangen, würden diese Frames vermutlich eine viel größere Rolle spielen. Aber wer beschäftigt sich heute noch mit Rätedemokratien und marxistischer Theorie? Was in den 1970er und 1980er Jahren noch Lehrstühle begründete, ist heutzutage allenfalls historiografisch relevant. Dass dieser Mist den heutigen Diskurs, anders als etwa die rechtsbürgerliche Apologetik, nicht mehr vergiftet, liegt auch an der krassen Niederlage und Desavouierung eines ganzen politischen Spektrums, das sich ohne seinen ideologischen Ballast neu erfinden musste.
Nazi-Soziologie
Zu den entscheidendsten Fragen jüngerer deutscher Geschichtsschreibung gehört die nach dem "Warum". Warum kam Hitler an die Macht, und wie? Die konservativen Apologeten favorisierten lange eine Erklärung von der Wahl radikaler Spinner, die quasi allein verantwortlich waren, durch verelendete Massen. Doch bereits in den 1960er Jahren begann eine vor allem soziologisch unterfütterte Analyse Raum einzunehmen.
Den Anfang macht eine in Kapitel 10, "Warum die Bauern Hitler wählten", erst 1963 auf Deutsch erschienen, aber bereits in den 1930er Jahren abgefasste Studie aus Schleswig-Holstein. Darin wurde herausgearbeitet, dass die Bauernschaft Schleswig-Holsteins viel entschiedener und umfänglicher dem Nationalsozialismus verfiel als andere Gruppierungen. Den Grund dafür sieht Winkler vor allem in den vormodernen patriarchalischen Strukturen, die auf dem Land auch zu dieser Zeit noch weitgehend herrschten. Diese Argumentation wird dann in seinen Betrachtungen der Sonderwegsthese später immer wieder aufgegriffen: für ihn ist der entscheidende Unterschied zwischen Deutschland und den westlichen Ländern der starke Agrarsektor mit seiner Adelselite und ihrer Beharrung auf vormodernen Strukturen, weswegen er auch wesentlich bereitwilliger einen Sonderweg zu erkennen bereit ist und von all seinen Kritikern einfordert, diesen Strukturunterschied anders zu erklären (was niemand zu seiner Zufriedenheit tun kann).
Kapitel 7, "Unfolgsame Proletarier", aus dem Jahr 1981 bespricht das Wahlverhalten der Arbeiterschaft. Winkler bespricht hier eine zeitgenössische Pionierstudie von Erich Fromm, die durch die Diktatur nicht mehr in den 1930er Jahren erscheinen konnte und deswegen erst damals bekannt wurde. Sie machte deutlich, dass die Arbeiter zwar als Klasse am unempfänglichsten gegenüber den Nazis waren, was traditionellen linken Narrativen entsprach. Sie waren aber bei weitem nicht die Verteidiger eines progressiven demokratischen Gedankens, als den vor allem die progressive Linke sie gerne zeichnete. Vielmehr zeitigte die Studie ein differenzierteres Bild: einerseits radikalisierten sich viele Arbeiter in Richtung der Kommunisten, andererseits hatten sie entgegen zu der sich offensichtlich nur hauchdünn bekannten Ideologie der Sozialisten ein patriarchal-autoritär gesprägtes, von starkem Nationalismus bestimmtes Weltbild.
Dieses zeichnete sich dann auch maßgeblich für die in Kapitel 12, "Vom Drachentöter zur Droge", ebenfalls 1981 abgefasste Untersuchung der Volksstimmung in NS-Deutschland, aufgestellte These aus, dass Hitler eine gewaltige Popularität genoss, die jedoch nicht auf seine Partei oder seine Paladine abstrahlte. Hitlers Erfolge und seine Volksgemeinschaftsideologie vermochten durchaus in vielen Schichten der deutschen Bevölkerung Anklang zu finden. Für Winkler ist dies ein Beleg dafür, dass die Strukturalisten und nicht die Intentionalisten die Oberhand in der Debatte hätten. Diese These wird durch den aktuellen Stand der Geschichtswissenschaft mehr als bestätigt: 40 Jahre später wird wohl niemand noch das Dritte Reich vor allem aus der Person Hitlers zu erklären versuchen, wie es zur Zeit dieses Artikels (man denke an die Fest-Biografie) noch gang und gäbe war.
Wesentlich weniger freundlich geht Winkler in Kapitel 15, "Mehr Agitation als Analyse", in einer 1997 erschienenen Rezension von Sebastian Haffners "Geschichte eines Deutschen" (im Original: Germany: Jeckyll and Hyde) ins Gericht. Das damals aus dem Nachlass des Publizisten zusammengesetzte Werk, das zudem mehr schlecht als recht rückübersetzt wurde, hält er für nicht sonderlich erhellend und nutzt das auch gleich zu einem Rundumschlag gegen Haffner: dieser habe natürlich auch nicht als Geschichtswissenschaftler geschrieben, sondern als Publizist und Aktivist, der ein klares Ziel verfolgte. Dass dieses Ziel im Lauf seiner Karriere sich immer wieder wandelte und mal ins linke Lager wechselte (die in Kapitel 26 thematisierte These von der Schuld der SPD am Scheitern der Revolution hatte wohl keinen eloquenteren Verteidiger als Haffner) und mal ins rechte (sein Buch über Hitler ist voll von den falschen Gleichsetzungen, die Winkler ständig kritisiert) oszillierte, sieht Winkler auch eher kritisch. Für mich bedeutet dieses Kapitel einen schmerzhaften Stich, weil ich in meinen Zwanzigern ein großer Haffnerfan war; mittlerweile sehe ich allerdings seine Schwächen deutlich. Ein bisschen wie Joachim Fernau, was das angeht.
Wiedervereinigung
Der letzte Abschnitt dieser Rezension beschäftigt sich mit den Kapiteln zur Wiedervereinigung. Den Anfang macht Kapitel 17, "Wollte Adenauer die Wiedervereinigung?", eine Frage, die 1988 relevant gewesen sein mag, aber mittlerweile eigentlich auch eindeutig beantwortet ist: nicht mit vollem Herzen und sicher nicht so, wie sie 1952 vielleicht vorstellbar gewesen wäre. Ich bin völlig bei Winkler, wenn er Adenauer bescheinigt, eine Wiedervereinigung gerne genommen zu haben, wenn diese wie 1990 als eine Übernahme des Ostens abgelaufen wäre. Aber alles andere war für den Rheinländer, der Berlin speziell und Ost- und Mitteldeutschland generell nicht ausstehen könnte, völlig inakzeptabel. Ich habe ehrlich gesagt auch wenig Geduld für Linke, die glauben, damit das Ansehen des ersten Kanzlers angreifen zu können, oder Konservative, die glauben, hier durch Leugnung eine Ehrenrettung vornehmen zu müssen. Adenauer hatte einen sehr guten Blick für das Mögliche und Realistische, und seine Entscheidung für die Westbindung und das Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie statt gesamtdeutscher Spielereien ist uns sehr gut bekommen.
Ebenfalls eine aus heutiger Sicht kaum mehr relevante Frage wird in Kapitel 18, "War Kurt Schumacher Nationalist?", im Jahr 1995 verhandelt. Die Antwort ist ein klares "Jein". Schumacher war eine Person, die mit ihrem schnarrenden Ton und aggressiven Auftreten viel aneckte, aber ein Nationalist war er trotz der insgesamt die CDU überflügelnden nationalistischen Töne nicht; er war für Winkler eher ein Verteidiger deutscher Souveränität. Zwar führte dies die SPD außenpolitisch in eine Sackgasse, aus der sie erst in Bad Godesberg entkam, aber Winkler kann dem Positives abgewinnen, verhinderte Schumacher doch das Aufkommen eines erneuten Mythos von den Sozialdemokraten als vaterlandslosen Gesellen.
In Kapitel 25, "Mehr als ein Zusammenbruch", bespricht Winkler die sehr persönliche Rückschau eines Leipziger Historikers. Im Jahr 1993 nimmt er wohlwollend dessen Charakterisierung der Revolution von 1989 als unvermeidbare Folge der "Selbstzerstörung" des DDR-Regimes auf und reflektiert die Rolle der Opposition im Land, um von dort in eine Betrachtung des weiteren Ganges der Revolution überzuleiten: er macht eine demokratische Phase aus, die maximal bis März 1990 gedauert habe, als sowohl die Trägerschichten des ostdeutschen Wandels als auch ihre Parolen sich mit der Wahl der Volkskammer zu einer nationalen Phase wandelten, die nicht mehr Reform, sondern Wiedervereinigung als Ziel hatte. Winkler streicht heraus, dass die Intellektuellen in dieser zweiten Phase praktisch keine Rolle mehr gespielt hätten, sondern dass hier die breite Masse das Ruder übernommen und einmal mehr gezeigt habe, dass sie an theoretischen Überlegungen kein großes Interesse besaß.
In Kapitel 32, "In Polen entscheidet sich das Schicksal Europas", reminisziert Winkler 2016 über seine Bekanntschaft mit dem polnischen Historiker Geremek, den er in den Wirren der Achtziger Jahre kennen und schätzen lernte. Winkler betont die Andersartigkeit Polens im Ostblock, seine größere Unabhängigkeit und Vorreiterrolle über Lech Walesa und Solidarnosc und rückt das Land ins Zentrum des Beginns des annus mirabilis, wo am runden Tisch der Zusammenbruch des Ostblocks begann. So bildet das vorletzte Kapitel des Buchs auch eine interessante Klammer mit dem allerersten, das ebenfalls die Rolle Polens in einer europäischen Revolution streifte.
Fazit
Insgesamt empfand ich die Lektüre der Aufsatzsammlung als ungemein bereichernd. Gerade die Tatsache, dass manche der Texte so von der Zeit überholt wurden, dass manche dieser Debatten eigentlich wie Gespenster der Vergangenheit wirken, macht das historiografisch spannend, weil man sehen kann, wie weit sich die Geschichtswissenschaft entwickelt hat. Und sie hat sich entwickelt, und zwar nicht eben wenig! Das ist für mich eine wichtige Erkenntnis, die man aus diesem Buch ziehen kann: die Geschichtswissenschaft funktioniert. Ihre Debatten sind fruchtbar, sie produziert ständig neue Erkenntnisse und sie tut das alles mit wissenschaftlich sauberen Methoden.
Umgekehrt tauchen manche Debatten ständig wieder aus dem Nebel auf, sind quasi toxische Evergreens. Obwohl von der Geschichtswissenschaft hinreichend widerlegt beziehungsweise beantwortet, dreht sich besonders die radikale Linke immer noch gerne um die Frage der Schuld der SPD, der Alternativen zur parlamentarischen Demokratie oder Deutungsgeschichte der DDR (zu der Winkler überraschend wenig gesagt hat). Die Rechten indessen holen ständig die alte Leier von Hitler als vermeintlichem Sozialisten heraus oder versuchen zu beweisen, dass der Holocaust wahlweise zu wichtig genommen wird oder eigentlich doch eine linke Idee war (oder beides). All das ist Quatsch und Schnee von gestern. Die Wissenschaft ist weiter, aber der Deutungskampf tobt noch.
Gerade die Klarheit Winklers, dass es sich um Deutungskämpfe handelt, und seine Bereitschaft, in diese einzugreifen und sie mit wissenschaftlichen Mitteln und damit auch Offenheit und Angreifbarkeit zu führen, ist mehr als bewundernswert. Winkler selbst ist ja auch aktiver Kombattant, wenngleich wir ihn in diesem Essayband vielmehr in der Rolle eines Schiedsrichters beobachten dürfen. Sein eigenes magnum opus, "Der lange Weg nach Westen", postuliert ja auch eine klare These: Deutschland gehört in den Westen und hat sich ihm lange verweigert. Winkler mag es etwas unangenehm sein, im Lager Wehlers und der anderen Sonderwegsjünger zu stehen, schon allein, weil diese oftmals linker ticken als er, aber ich sehe nicht, wie man ihn anderweitig einsortieren könnte.
Aus dieser klaren Haltung heraus kann er mit großer Schärfe all jene attackieren, die nicht in der Lage sind, seine eigene Erklärung für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu ersetzen: die Existenz eines großen, feudal geprägten und antimodernistischen Sektors in Deutschland, der zentraler Träger für die faschistische Idee war. Dass er selbst dabei durchaus teleologisch argumentiert und der deutschen Geschichte eine Art Endpunkt im westlichen Lager gibt, macht ihn trotz aller argumentativer und sprachlicher Potenz angreifbar. Man fragt sich auch unwillkürlich, wie Winkler wohl angesichts des aktuellen Zerbrechens dieses Lagers, wenigstens aber des Ausscherens der USA, denkt, wie er das rechtspopulistische Polen einordnet und vieles mehr. Vielleicht beantwortet sein zweiter Aufsatzband diese Fragen; sie hätten hier auch klar den Rahmen gesprengt. Ich kann jedenfalls nicht erwarten, mehr solch kluge Gedanken und saubere Argumentation zu lesen und mich von den Meistern der historischen Kunst inspirieren und zum Denken anregen zu lassen.
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