Donnerstag, 18. September 2008

Alte Propaganda in alten Schläuchen

Die LINKE ist das Schreckgespenst der bürgerlichen Rechten und, verständlicherweise, eines guten Teils der alten DDR-Bürgerrechtler, die damals maßgeblich am Sturz der Diktatur beteiligt waren. Trotzdem bewegen sich die Warnungen vor der Partei bisweilen am Rande der Lächerlichkeit, wie ein Versuch der ehemaligen Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld zeigt. Unter der reißerischen Überschrift "Die Linken haben dieselben Ziele wie die SED" erschien ihr Artikel in der WELT.

Die Ziele seien dieselben wie damals, erklärt Lengsfeld, und die LINKE sei das "größte politische Problem Deutschlands seit dem Mauerfall, denn sie sei viertstärkste Partei. Und das hessische Tolerierungsmodell sei sehr bedenklich, weil die LINKE nicht wie 1994 in Sachsen-Anhalt (damals noch PDS) ohne Bedingungen toleriere, sondern es auch noch wage, solche zu stellen. Lengsfeld versteigert sich dann auch noch zu der Behauptung, dass die hessische Regierung dann nur eine "Marionette von SED-Gnaden" sei.

Weil unser Wahlsystem kleine Parteien begünstige, könne die LINKE nun ungeniert nach der Macht greifen, und dabei würde sie wegen ihrer "Demagogie" nicht als das gesehen was sie ist sondern was sie suggeriert. Die "Begriffe hätten sich geändert, die Taktiken nicht".

Damit haben wir die gesamte inhaltliche Essenz des Artikels beisammen. Über den gesamten Artikel erklärt Lengsfeld, die die LINKE penentrant als SED bezeichnet nicht, was denn diese politischen Ziele seien, die die LINKE da angeblich von der SED übernommen habe. Mauerbau vielleicht? Niederschlagung der Konterrevolution in der Tschechei? Aufstellung von Margot Honecker als Kanzlerkandidatin? Nichts. Lengsfeld wiederholt nur mehrmals, dass die LINKE ganz ungemein gefährlich sei, weil sie ja "die Ziele" der SED vertrete. Das sieht man ja auch schon am Personal, denn Lafontaine und Gisy (mit deren Bild der Artikel aufmacht) waren ja bekanntlich schon in der DDR ganz fies dabei, die SED-Ziele durchzusetzen. In der Phantasie der Autorin ist auch die Vereinigung mit der WASG nichts als ein fieses Manöver der SED, um ihre wahre Natur zu verbergen.

Diese paranoid-alberne Vorstellung wird aber in meinen Augen durch das Demokratieverständnis der Dame Lengsfeld noch getoppt. Ich kann verstehen, dass man als ehemalige Bürgerrechtlerin in der DDR keine Sympathie für die SED-Nachfolgepartei empfindet, auch nach 19 Jahren nicht. Das erwartet auch keiner. Aber die LINKE wurde von über 8% der Wahlberechtigten gewählt, und ihr einfach jeden Vertretungsanspruch abzusprechen stößt die Demokratie vor den Kopf. Was ich von der Idee halte, Lafontaine wolle die "alten SED-Ziele" umsetzen, also das kapitalistische System stürzen und die Weltrevolution vorantragen, halte ich für gelinde gesagt lächerlich.

Mittwoch, 17. September 2008

Fundstücke 17.09.2008, 15.55 Uhr

Bildung und Business
ad sinistram - Was hat ein Unternehmen an einem Tag wie diesem, einen Tag, der für die Mehrzahl der Eltern ein Festtag zu sein scheint, zu suchen? Muß sich ein Unternehmen in solch wichtigtuerischer Manier, sich hineindrängend in den Bildungsapparat, dabei eine oberflächliche Rede haltend, bei der der Redner nicht einmal die Kinder anblickte, ins Gedächtnis der Menschen zurückrufen?
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"Wir brauchen ein Konjunkturprogramm"
taz - Der Staat könnte geplante Investitionen zeitlich vorziehen. Das würde den Haushalt natürlich zunächst belasten. Aber wenn dadurch die Konjunktur wieder in Gang kommt, sprudeln die Einnahmen so reichlich, dass man später einen ausgeglichenen Haushalt mühelos erreichen kann.
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"Futsch sin' se. Sind ja tolle Experten, die da sitzen."
SZ - Die KfW habe mit Lehman bei Wertpapieren und Finanzmarkttermingeschäften (Swaps) zusammengearbeitet, wird der Sprecher zitiert. Die KfW bestätigte die Angaben.
Die Aufregung um die verschwundenen Millionen ist groß. Gregor Gysi, Chef der Linksfraktion im Bundestag, kommentierte: "Futsch sind ’se. Tolle Experten, die da sitzen."

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Bedingt abhörbereit
SZ - Was kostet es, einen Bundestrojaner in den Computer eines Verdächtigen einzuschleusen? Zumindest die Preise der bayerischen Variante sind bekannt. Im Januar 2008 veröffentlichte die Piratenpartei auf ihrer Website ein Schreiben des bayerischen Justizministeriums. Die Veröffentlichung des Schreibens hatte für die kleine Partei, die sich für einen freien Wissensaustausch, für besseren Datenschutz und ein neues Urheberrecht einsetzt, schwerwiegende Folgen. Vergangene Woche durchsuchten bayerische Beamte die Münchner Wohnung des Pressesprechers Ralph Hunderlach und beschlagnahmten dessen Computer, um die Identität des Informanten zu ermitteln.
Anmerkung: Da gehen sie hin, unsere Grundrechte, und bei den Medien läuft es unter "ferner liefen".
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Lafontaines "Forderung nach Schaeffler-Enteignung"
Capital - Weil man gerade viel Unsinn in den Medien hört, hier das Originalvideo mit dem Wortlaut Lafontaines.
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24 Prozent - Warum Frauen weniger verdienen als Männer
DLF - Dabei waltet namentlich über dem hier verhandelten Casus eine ideologisch ziemlich unverdächtige Instanz: der freie Markt. Dessen Logik gilt bekanntlich auch für weibliche Angestellte. Sind sie dem Unternehmen viel wert, wird es sie schon entsprechend honorieren, allein um zu verhindern, dass sie abwandern. Umgekehrt ist vielfach darauf hingewiesen worden, dass ein Unternehmer ja ziemlich dämlich sein müsste, Männer zu beschäftigen, wenn er für ein Viertel weniger Lohn identisch befähigte Mitarbeiterinnen bekommen kann. Beim Geld fängt die Diskriminierung keineswegs an - beim Geld hört sie auf.
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Dienstag, 16. September 2008

Fundstücke 16.09.2008, 19.22 Uhr

Getriebener Königsmacher
FTD - FDP-Chef Guido Westerwelle strebt eine Bundesregierung mit der CDU/CSU an, will aber den Sozialdemokraten auf keinen Fall noch einmal die Tür vor der Nase zuschlagen. Denn die Partei sehnt sich nach der Macht.
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Fleißige Bundesbürger
FR - In Deutschland arbeiten Vollzeit-Beschäftigte länger als in den meisten anderen EU-Staaten: Ihre tatsächliche Wochenarbeitszeit betrug im vorigen Jahr 41 Stunden. Nur in Estland, Lettland, Rumänien und Österreich wurde etwas länger geschafft. Das geht aus Daten der Statistikbehörde Euro-stat hervor.Die Arbeitszeit der Bundesbürger hat sich demnach seit 2003 leicht erhöht. Die EU-Agentur Eurofound, die Arbeitsbedingungen erforscht, berichtet sogar über einen starken Anstieg um 3,3 Stunden pro Woche.
Anmerkung: Und da das ständige Gerede, Arbeit wäre zu teuer und wir müssten mehr arbeiten.
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Anwesenheit von ausländischen Truppen stärkt die Taliban
Telepolis - Während die Befürworter des Afghanistan-Einsatzes beteuern, dass das Land ohne die Anwesenheit der ISAF- und US-geführten Koalitionstruppen den Aufständischen in die Hand fallen würde, wächst mit der ansteigenden Welle an Gewalt die Kritik an dem Vorgehen der ausländischen Truppen, vor allem wenn durch sie Zivilisten zum Opfer werden, wie dies vor allem durch den immer stärker zum Schutz der eigenen Soldaten geführten Luftkrieg geschieht. Auf der anderen Seiten weiten die Aufständischen nicht nur ihre Kontrolle aus und führen mehr Angriffe durch, die ebenfalls Zivilisten treffen, sie haben nun auch zwei Ärzte der Vereinten Nationen getötet und greifen zunehmend Mitarbeiter von Hilfsorganisationen an.
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Risiken im Vollzug
SZ - Immerhin scheint sich ja das zentrale Versprechen der großen Koalition zu erfüllen, dass die Schuldenmacherei beendet werde - und das, obwohl der Bund 2009 mit 288,4 Milliarden Euro soviel ausgibt wie noch nie.
Ob Union und SPD ihr Ziel tatsächlich erreichen, ist jedoch fraglich. Es ist vor allem die internationale Finanzkrise, die den Haushältern in Regierung und Opposition Sorgen bereitet. So wollte Steinbrücks Sprecher am Montag weitere Belastungen für die Konjunktur und damit auch für den Bundeshaushalt nicht ausschließen.

Anmerkung: Der Sparkurs droht zu scheitern! Nein, welche Überraschung. Ein Blick sechs Jahre zurück hätte genügt, ein Blick auf die Verwüstungen von Eichels gescheitertem Versuch, der mit genau den gleichen Methoden genau die gleichen Schäden angerichtet hat. Aber warum lernen? Wieder mit dem Kopf gegen die Wand.
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SPD verteidigt Schwan gegen FDP
FTD - Die SPD hat die Forderung von FDP-Chef Guido Westerwelle scharf zurückgewiesen, auf eine Kandidatur von Gesine Schwan für das Amt des Bundespräsidenten zu verzichten. Die Partei pocht auf die Präsidentschaftskandidatin.
Anmerkung: Eigentlich sollte so etwas keine Nachricht sein, aber bei der SPD ist dieser Tage ja bekanntlich alles möglich.
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Der richtige Sozialismus
Feynsinn - Das Ende des Neoliberalismus wird durch die Banken- bzw. Finanzmarktkrise stark beschleunigt. Es zeigt sich nicht nur endlich, daß die Ideologie unkontrollierter Märkte sogar für die Märkte schädlich ist, sondern es ist auch an der Zeit, die Rolle des Sozialismus im Neoliberalismus zu erläutern. Der Begriff ist übrigens im “Lexikon” der INSM nicht zu finden, was verwundert. Schließlich ist er einer der häufigsten im Sprachgebrauch der Neolibs. Dort stellt er eine Art Negativ des freien Marktes dar, also staaliche Kontrolle, Verteilung der Ressourcen nach anderen als marktwirtschaftlichen Kriterien und Alimentierung der Menschen, die nicht vom Markt profitieren.Exakt dieser Sozialismus aber, der politisch oder von Staats wegen als verwerflich betrachtet wird, ist hochwillkommen und gefordert, wenn es aus “wirtschaftlichen” Gründen opportun erscheint.
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Die Unfähigkeit zur makroökonomischen Vernunft - ein Kern unseres Problems
NDS - Gestern, an einem Montag gegen 16:30 Uhr besuchte ich einen Baumarkt. Verkaufsbereich leer, im Lagerbereich auch keine Kunden. Ich fragte den Lagerarbeiter, was los sei. Das sei einige Zeit schon so. Die Leute hätten offenbar kein Geld zum Bauen. - Zuhause im Laptop finde ich dann das Interview des SPD Haushaltsexperten Carsten Schneider (Anlage D) mit der saloppen Bemerkung, er sehe eine „konjunkturelle Delle“ statt einer Krise. Der Mann kommt aus Thüringen, einer Region, der es insgesamt sicher nicht besser geht als der Südpfalz. Dieser wichtige Mann hat offenbar weder einen Sensor für die wirkliche Lage noch begreift er wirtschaftliche Zusammenhänge. Das verbindet ihn mit dem Bundesfinanzminister. Wo ihre Schwächen, ihre Fehleinschätzungen und Manipulationsversuche liegen, soll anhand von vier Medienbeiträgen gezeigt werden.
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Sozialismus für die Reichen
Tagesspiegel - Wenn die Steuerzahler aber schon für das Versagen anderer bluten müssen, dann sollten sie von ihren Regierungen mindestens erwarten können, dass diese radikal gegen die Missstände vorgehen, die überhaupt erst in die Krise geführt haben. Genau das bleiben die amtlichen Lenker der Hochfinanz in Zentralbanken und Ministerien aber bisher schuldig und betreiben de facto eine Art Sozialismus für Reiche, der mit Steuergeld Aktionäre und Manager begünstigt. Der Grund dafür ist simpel: Sie tragen erhebliche Mitschuld. Indem sie dem Schlachtruf der Banker von der Deregulierung immer weiter nachgaben, haben sie offenen Auges zugelassen, dass die Akteure an den Finanzmärkten die in 300 Jahren Finanzmarktgeschichte mühsam erkämpften Grundregeln der Bankenaufsicht aushebelten. Über Briefkastenfirmen in Steueroasen und andere Konstruktionen konnten Banken außerhalb ihrer Bilanzen auf Pump gigantische Risiken eingehen, ohne dafür, wie im normalen Bankgeschäft zwingend vorgeschrieben, eigenes Kapital vorhalten zu müssen. Die sozialdemokratischen Pfleger des deutschen Bankgewerbes im Finanzministerium befreiten das Geschäft sogar eigens von der Gewerbesteuer, um es zu fördern.
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"Dann hätten wir den Super-GAU"
taz - Betroffen ist ein vollkommen unregulierter Versicherungsmarkt mit einem Volumen von 62.000 Milliarden US-Dollar. Das entspricht der jährlichen globalen Wirtschaftsleistung. Wenn es in diesem Markt knallt, dann hätten wir den absoluten Supergau. Die Zentralbanken werden alles tun, damit die Situation nicht weiter eskaliert.
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Vergesst Wall Street!
FR - Nie zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das systemische Risiko derart mit Händen zu greifen. Unter systemischen Risiko verstehen Experten das Risiko von Kettenreaktionen. Denn alle Banken, Fonds oder Versicherungen, die mit Lehman Brothers Geschäfte gemacht, ihnen Kreditversicherungen abgekauft haben oder Schuldtitel, müssen diese Werte plötzlich abschreiben. Und als viertgrößte Wall-Street-Bank war Lehman beileibe kein kleiner Spieler im Finanzkapitalismus. Sprich: Überall werden Verluste auflaufen. Werden es auch alle verkraften?
Anmerkung: Die Kritik ist absolut richtig und kann nur unterschrieben werden. Aber die einseitige Schuldzuweisung an die Wallstreetbanker der USA kann ich nicht unterschreiben. Es waren die europäischen Ackermänner und ihre Helfershelfer, besonders bei Rot-Grün, die diese massive Gefahr heraufbeschworen haben.
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Der gefährliche blinde Fleck der Notenbanker
Zeit - Die Finanzkrise hat auch ihr Gutes: Sie sät Zweifel, Zweifel an falschen Gewissheiten. Mit Freude habe ich vergangene Woche vernommen, dass selbst Joe Ackermann sich mit seinem Renditeziel von 25 Prozent nicht mehr recht wohl fühlt. Ja, die absurden Eigenkapitalanforderungen geraten ins Wanken. Und das ist gut so, denn sie sind mit das größte Kreuz des modernen Finanzkapitalismus. Mit der Kritik an den überzogenen Renditevorstellungen der Unternehmen wird der Finger in eine offene Wunde der Notenbanker gelegt. Darum haben sich nämlich die Herren und Damen Volkswirte in den Direktorien über Jahre viel zu wenig Gedanken gemacht. Sie haben immer nur auf die Inflationserwartungen gestarrt und die Gewinnerwartungen außen vor gelassen.
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Steinbrück würgt Investitionen ab
FTD - Der deutliche Rückgang bei den Auftragseingängen ist auch ein Schlag für Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Der hatte argumentiert, dass die Verschlechterung der Abschreibungsbedingungen als wichtiges Element zur Gegenfinanzierung der Unternehmenssteuerreform 2008 zu vertreten sei. Die Verringerung der durchschnittlichen Steuerlast von rund 39 auf 29 Prozent für Kapitalgesellschaften rechtfertige den Einschnitt, so Steinbrück. Deutliche Auswirkungen auf die Investitionen seien nicht zu befürchten. Viele Ökonomen waren schon bei der Anhörung im Bundestag zur Steuerreform anderer Meinung gewesen. Doch auch die neuesten Daten führen im Finanzministerium nicht dazu, dass über eine Korrektur nachgedacht wird, wie ein Sprecher bestätigte.
Anmerkung: Wie oft muss man eigentlich noch wiederholen, wie unfähig Steinbrück eigentlich ist? Was für ein inkompetenter blinder Gockel im Finanzministerium sitzt? Der Spiegel wird ihn weiter in den Himmel loben.
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Viele SPDler loben die Ampel, dabei macht sie Politik unberechenbar
taz - Die Wähler müssen sich nun an eine Tatsache gewöhnen: Sie werden in Zukunft noch weniger wissen, welche Politik sie für ihre Stimme bekommen. Wer mit seiner Stimme die Grünen und Klimaschutz stärken will, läuft Gefahr, einer Jamaika-Koalition den Boden zu bereiten. Wer die FDP wegen ihrer Steuersenkungs-Versprechen wählt, wird diese in einem Ampelbündnis kaum verwirklicht sehen. Diesen Widerspruch hat SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier im Blick, wenn er die Bündnisdebatte als "sehr verfrüht" bezeichnet. Der Wähler soll lieber erst mal wählen, ohne zu viel über Inhalte nachzudenken. Denn klar ist auch: Zwar loben viele SPDler die Ampel. Was aber inhaltlich dabei rauskommen wird, traut sich keiner laut auszusprechen
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Letzte Instanz
Freitag - Der serbische Außenminister Jeremic war in Berlin, um Deutschlands Unterstützung für einen serbischen Vorstoß zu erbitten. Belgrad will in der Kosovo-Frage den Schiedsspruch einer der höchsten Völkerrechtsautoritäten einholen und den Internationalen Gerichtshof in Den Haag um seine Meinung bitten. Belgrad will wissen, wie dieses Gremium zur Ausrufung der Unabhängigkeit in Prishtina steht. Wie man hört, unterstützt Moskau diesen Schritt, während die USA und Großbritannien darüber sehr ungehalten sind. Man versucht, was man kann, die serbische Regierung aufzuhalten, und macht damit zugleich deutlich, dass dann logischerweise auch kein Spruch der Haager Richter zum Kaukasus erwünscht sein kann. Schade, denn das Belgrader Begehren könnte dazu angetan sein, von der internationalen Rechtsordnung zu retten, was noch zu retten ist. Serbien greift nach dem letzten Recht, das einem kleinen Land in den Vereinten Nationen noch bleibt. Das Recht war einmal die Stärke des Westens. Es war einmal ...
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Der Tod der Könige der Wallstreet
Spiegelfechter - Dass ausgerechnet die großzügige Vergabe von Hypothekenkrediten an schlechte Schuldner die größte Finanzkrise auslösen könnte, die die Welt seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern erlebt hatte, überrascht indes auch alle Experten. Das Finanzsystem hat sich als derart komplex und intransparent herausgestellt, dass Korrekturen unausweichlich sind. Damit endet eine Periode, die seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems im Jahre 1973 die Freiheit des Marktes über staatliche Sicherungen und Regulierungen gestellt hat. Wohin die Reise führt, ist heute noch nicht zu sagen. Die Finanzkrise scheint ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht zu haben.
Anmerkung: Lesebefehl!

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Mann zahlte Strafe mit 30.000 Ein-Cent-Münzen
Stern - Staunen beim Wuppertaler Amtsgericht: Ein Mann hat seine Geldstrafe mit knapp 30.000 Ein-Cent-Münzen beglichen, die er einfach im Nachtbriefkasten deponierte. Aus Ärger, wie er zugab. Die Wachtmeister hatten anschließend viel zu schleppen, wogen die Münzen doch 67 Kilogramm.
Anmerkung: Hat Stil.

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Montag, 15. September 2008

Was ist moralisch?

In der Süddeutschen Zeitung findet sich ein Artikel zum Thema Sexualität von Jugendlichen. Er nimmt Bezug auf ein Buch von Pastor Bernd Siggelkow und Autor Wolfgang Büscher, "Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist". Darin wird behauptet, dass die Kinder/Jugendlichen immer schnelleren und unkontrollierteren Zugang zu Pornographie hätten, was sie sozial verrohen ließe. Anstelle von zärtlicher Liebe gebe es "Brutalsex", statt Monogamie Gruppensex, und so weiter, und so fort, eben all die Dinge, die einem Konservativen den nackten Angstschweiß auf die Stirne treiben.
Dass die Autoren selbst einräumen, dass ihre Untersuchungen nur Einzelfälle beträfen und keineswegs repräsentativ seien (nur 10% der 14jährigen und 66% der 18jährigen geben an, ihr Erstes Mal schon hinter sich zu haben), schlug das Ganze in Bild und tz natürlich hohe Wellen. Ein Aufregerthema nach Geschmack des Boulevards, wo man hinter der Fassade der moralischen Entrüstung in Sexualphantasien schweben konnte, eine Methode, die schon seit jeher gut funktioniert - man denke nur an all die Darstellungen der verschiedensten fleischlichen Sünden aus beliebigen Religionen...
Aber das soll nur am Rande Thema sein. Mir stellt sich vielmehr die Frage: warum wird hier ein solcher Aufstand gemacht? Warum wird von "sozialer Verwahrlosung" geredet? Moral ist eine äußerst subjektive, beständigem Wandel unterworfene Kategorie, und es waren nur selten die Menschen über dreißig, die hier Dämme eingerissen haben, und solche sind es meist, die Artikel voll Entrüstung schreiben. Davon einmal abgesehen entrüsten sich die Erwachsenen überliefert schon seit Sokrates über die Sittenlosigkeit der Jugend, weswegen das ein alter Hut ist.
Heute aber sollten wir eigentlich weiter sein. In der Liebe und in der Sexualität sollte alles erlaubt sein, solange beide Seiten es freiwillig tun und ihren Spaß dabei haben. Was ist das viele Gerede von Liberalität wert, wenn es im sozialen Bereich (den ich für allemal wichtiger halte als den wirtschaftlichen) so daran hapert? Sexualität ist Privatsache, auch unter Kindern und Jugendlichen. Die Gefahren einer Teenagerschwangerschaft und von Sexualkrankheiten (die von Teenagern nicht richtig eingeschätzt werden können) machen es notwendig, Informations-Prävention zu betreiben und den Erziehungsberechtigten in solchen Fällen auch die entsprechende Sanktionsgewalt zuzusprechen.
Aber mit dem Untergang des Abendlandes hat es definitiv nichts zu tun. In meinen Augen ist unsere Gesellschaft ohnehin reichlich verklemmt im Umgang mit der Liebe und der Sexualität. Wir sollten uns unserer Körper wieder bewusster werden. Das muss nicht jeder wollen, und es gibt auch keinen Zwang dazu - auch das gehört zur Liberalität. Aber wem es gefällt, dem soll es belassen sein - auch und gerade wenn er noch jünger ist. Wolllüstige Skandalisierungen sind hier völlig fehl am Platze.

Weitere Quellen:
Sex im Plural

Fundstücke 15.09.2008

Das Geheimnisamt
SZ - Wenn nachrichtendienstliche Erkenntnisse dann als kriminalpolizeiliche Prognose und Handlungsgrundlage übernommen werden, ist das Trennungsgebot nichts mehr wert: Es schreibt die Trennung von Polizei und Geheimdienst vor und gilt als rechtsstaatliche Grundregel.
Es geht also um mehr als um Detailkritik an der einen oder anderen Ermächtigungsnorm; es geht um die Grundtendenz des neuen BKA-Gesetzes: Im Bestreben, dem Terrorismus den Garaus zu machen, wird einer bewährten rechtsstaatlichen Grundregel der Garaus gemacht.

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Musterland ist abgebrannt
taz - Schweden wird momentan vom unpopulärsten Kabinett der Nachkriegszeit regiert. Die bürgerliche Vier-Parteien-Regierung wird nur noch von 40 Prozent der Wähler unterstützt - das ist die niedrigste Zustimmungsrate seit 1972, als das statistische Zentralbüro mit den Erhebungen begann. Dabei waren die Voraussetzungen glänzend, als sie vor genau zwei Jahren die Wahlen gewann: der Haushalt verzeichnete Überschüsse, Arbeitslosigkeit und Staatsschulden sanken rapide. Es bedurfte schon eines besonderen Ehrgeizes, um eine solche vorteilhaft Ausgangslage in so ein katastrophales Umfragetief zu verwandeln. Und an Tatendrang hat es Fredrik Reinfeldts Ministern wahrlich nicht gefehlt.
Anmerkung: Immer das Gleiche. Wo die neoliberalen Reformer an die Macht kommt, bleiben viel verbrannte Erde und einige wenige Kriegsgewinnler zurück.
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"Ich weine noch immer"
taz - Meinungsforschung soll das Kriterium für inhaltliche und personelle Entscheidungen sein? Wenn die SPD sich auf diesen Weg begeben würde, wäre sie eine stockkonservative Partei des Augenblicks. Alles konzentriert sich auf die Bundestagswahl 2009. Zurückgewinnen von Vertrauen erreicht man aber nicht durch Tagesereignisse, sondern auf einer längeren Wegstrecke. Die einzige Machtoption der SPD für 2009 ist, kleiner Partner in einer großen Koaltion zu werden. Wenn alles nur auf 2009 gelenkt wird, wird die SPD weiter sinken. Dann ist Möllemanns Projekt 18 Prozent für die SPD nah.
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"Die Agenda 2010 ist keine Monstranz"
Tagesspiegel - Rente mit 67 wurde von der CDU/CSU in den Koalitionsvertrag gebracht. Und wir müssen jetzt feststellen, dass die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse auf 25,5 Prozent aller erwerbstätigen Personen zugenommen hat, Millionen Menschen sind von Altersarmut bedroht. Da kann doch die Antwort der SPD nicht heißen: Rente mit 67.
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Kurzstrecken-Politik
taz - Der billige "2 Euro 50"-Erfolg zeigt in Wirklichkeit nur die Hilflosigkeit der Kanzlerin und ihres Verkehrsministers. Man mag sich ihre Gespräche mit Bahnchef Mehdorn, in denen sie ihm seine Zuschlags-Idee ausredeten, gar nicht ausmalen. Sicher ist nur: um ein nachhaltiges verkehrspolitisches Konzept wird es dabei nicht gegangen sein.
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Anhörung im Bundestag
Fefe - Ich war heute von 10 bis 16 Uhr im Bundestag, um der öffentlichen Innenausschuß-Expertenbefragung zum Thema BKA-Gesetz beizuwohnen. Mich hat überrascht, dass von den Experten tatsächlich die meisten Argumente gebracht wurden. Der Endeindruck ist allerdings, dass sie das alles zwar anhören, dann vollständig ignorieren, das Gesetz so durchwinken, und wir dann wieder zum Verfassungsgericht müssen. Im Grunde war das eine einzige Liste an Gründen, wieso das Gesetz so nicht geht, in den meisten Fällen wieso es nicht verfassungskonform ist. Das ist überraschend, hatten die tollen Abgeordneten doch schlicht weite Teile des Gesetzes per copy&paste aus dem Verfassungsgerichtsurteil übernommen. Aber auch beim Kopieren kann man sich offensichtlich inkompetent anstellen.
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Die großen Antifaschisten
Feynsinn - Meine Lebensgefährtin mag Hunde. “Seltsam”, dachte ich heute, “genau wie Hitler!”.
Lafontaine hat einen französischen Vornamen, genau wie Le Pen. Goebbels, Gorbatschow und Gysi fangen mit “G” an. Das kann doch alles kein Zufall sein!
Wir alle sind übrigens “charismatische Redner”. Also meine Frau und ich und die anderen da oben.

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Anamnese eines Patienten
ad sinistram - Der deutsche Journalismus fühlt sich nicht nur unwohl, leidet nicht nur dann und wann unter Bauch- und Magenschmerzen (verursacht sowieso vielmehr selbige beim Leser, Zuhörer und -seher), sondern scheint endgültig ernsthaft erkrankt, vielleicht sogar - auch wenn man noch an ein Wunder glauben möchte - in den letzten Todeszuckungen darniederzuliegen. Zumindest muß man das annehmen, wenn man die wöchentlichen Therapiestunden verfolgt, die in erster Reihe, öffentlich-rechtlich bei der ARD, ausgestrahlt werden. Sonntäglich sitzt man beisammen, schmeißt mit seinem journalistischem Wissen - und solchem, was man für Wissen halten könnte - um sich, erklärt dem Zuschauer die politische Welt und mimt ein wenig demokratisch-pluralistischen Meinungsaustausch, der freilich gar nicht so pluralistisch ist, vielmehr nur einen solchen Anstrich haben soll.
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Sorry, Darwin
SZ - Diese Worte hat Charles Darwin während seiner Lebenszeit nie hören können, sie wurden erst 126 Jahre nach seinem Tod geschrieben: "Charles Darwin, die Kirche von England schuldet Ihnen einen Entschuldigung, dass wir Sie falsch verstanden haben." Der Satz steht am Ende einer Erklärung, die die anglikanische Kirche am Montag auf einer neuen Webseite über den Evolutionsforscher veröffentlicht hat. Reverend Malcolm Brown, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, vergleicht Darwin darin mit Galileo, den die katholische Kirche im 17. Jahrhundert angeklagt hatte.
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Sonntag, 14. September 2008

Jagd auf Ypsilanti?

Der niedersächsische Privatradiosender FFN hat bei Ypsilantis Büro angerufen und behauptet, Müntefering zu sein und mit ihr reden zu wollen. Fast sieben Minuten haben der Moderator und Ypsilanti dann geredet, bevor diese bemerkt hatte oder aufgeklärt wurde, dass es sich um einen Radioscherz handle. Soweit, so Meinungsfreiheit. Dass die SPD dann die Veröffentlichtung untersagte und das Ding trotzdem auf YouTube auftauchte (mittlerweile gelöscht), ist keine Überraschung.
Das Problem, das ich hier sehe ist auch nicht der Scherz als solcher. Der ist vollkommen in Ordnung, und dass Ypsilanti nicht gerade vehement die Vorstellung von einer Aufnahme in die Berliner Spitze ablehnte ist nicht gerade überragend. Mein Problem ist zum einen der Zeitpunkt, da Ypsilanti wieder einmal destabilisiert wird und es nach Kampagnenjournalismus riecht. Dies ist zum zweiten von mir daraus abgeleitet, dass zwar Ypsilanti auf diese Art befragt wurde, nicht aber Roland Koch. Solcherlei Dinge sollten ausgeglichen sein, und es wäre sicher kein Problem gewesen, es auch bei Koch zu versuchen und entsprechende Äußerungen zu entlocken. Dass das nicht einmal versucht wurde, hinterlässt einen miesen Beigeschmack.

FR Online
Stern Online

Everyone can be Hitler for 15 minutes

Heute ist es: Oskar Lafontaine. Und Le Pen ist er auch gleich. Was für ein Multitalent, der Mann! Gewagt wurde der Vergleich von Helmut Schmidt, der mit jeder neuen Äußerung aufs Neue beweisen will, dass Alter nicht zwingend weise macht.

Freitag, 12. September 2008

Blogpause bis Montag

Ich bin über das Wochenende fern jeden Internetanschlusses. Lest solange doch einfach mal bei den Kollegen auf der Blogroll vorbei!

Fundstücke 12.09.2008

Lehrer lassen arme Kinder zu selten aufs Gymnasium
SpOn - Die Unterschichtsbremse für die Oberschulen greift höchst zuverlässig: Viertklässler aus armen Familien bekommen viel seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium als Kinder betuchter Eltern - bei gleichen Noten. Eine Wiesbadener Studie offenbart, wie ungerecht Lehrer entscheiden.
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Die Meister der Phrase
taz - Und so bleibt als Eindruck zurück, dass es den Sozialdemokraten durchaus reicht, auch nach 2009 als Juniorpartner in einer großen Koalition zu verweilen. Zumindest Steinmeier könnte bestens damit leben, statt als Kanzler wieder als Außenminister zu amtieren. Das dürfte sowieso die Rolle sein, die ihm am meisten entspricht.
Eine Hürde ist allerdings noch zu nehmen: Die SPD muss sich für die CDU unentbehrlich machen - und also verhindern, dass sich Angela Merkel mit der FDP zusammentun kann. Das ist ein bescheidenes Ziel. Und trotzdem ehrgeizig für die einfallslose Agenda-SPD, die Steinmeier und Müntefering repräsentieren.
Bisher versuchen die beiden SPD-Granden ihre Ratlosigkeit durch eine Rhetorik des Militärischen oder der Macht zu überspielen. So deutet Steinmeier nur zu gern an, dass er als ehemaliger Koordinator für Schröder "das Kanzleramt von innen" kenne. In der Öffentlichkeit ist aus dieser Zeit nur bekannt, dass er den gebürtigen Bremer Murat Kurnaz der US-Folter überlassen hat. Müntefering wiederum warf sich in München in die Pose eines Generals. Es dürfe nur führen, wer auch bereit sei, "die Fahne zu tragen". Das hat auch schon Napoleon vor Waterloo gedacht.

Anmerkung: Lesebefehl!
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Der Abstieg
Michael Schöfer - Deutschland, nach wie vor Exportweltmeister und in zahlreichen Branchen mit an der Spitze der Entwicklung (Autoindustrie, Maschinenbau, Chemie etc.), droht ebenfalls den Anschluss zu verlieren. Nicht, weil man hierzulande beschlossen hätte, sich zu isolieren, sondern weil man in puncto Bildung gegenüber anderen mehr und mehr zurückfällt. Dies legt zumindest der neue OECD-Bildungsbericht nahe. "Der Anteil der Studienanfänger und der Hochschulabsolventen ist [in Deutschland] langsamer gewachsen als in den meisten anderen OECD-Ländern. Zwar konnte die Zahl der Uni- und Fachhochschulabsolventen von 2000 bis 2006 von 18 auf 21 Prozent gesteigert werden. Doch im OECD-Schnitt wuchs der Anteil der Graduierten pro Jahrgang von 28 auf 37 Prozent." [Quelle: Frankfurter Rundschau vom 10.09.2008] Insbesondere herrsche ein Mangel an Naturwissenschaftlern und Technikern, schreibt uns die OECD ins Stammbuch. Natürlich ist vieles wie immer eine Frage des Geldes: "Während die OECD-Staaten im Schnitt 6,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Bildung investierten, waren es in Deutschland nur 5,1 Prozent."
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Deutschland auf Autopilot
Zeit - Trotzdem geht Steinbrück enorme Risiken ein. Die Regierung verlässt sich ganz auf die Exportwirtschaft. Was, wenn deren Absatz weiter einbricht, weil die Konjunkturkrise große Teile des Globusses erfasst? Wer sich auf Ausfuhren verlässt, statt auch etwas für die Binnenkonjunktur zu tun, kann sehr leicht enttäuscht werden.
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"Ich wähle keine Spielekiller!"
Heise - Die Zeitschrift PC Games reagierte nun mit der Aktion "Ich wähle keine Spielekiller!" auf Herrmanns sehr umfassende Spieleverbotspläne und versucht mit einem vorformulierten Brief an alle Abgeordneten der bayerischen Regierungspartei den Ärger des computerspielenden Drittels der Bevölkerung zu kanalisieren. Mit dem Schreiben können Wähler CSU-Abgeordneten ankündigen, die Partei am 28. September nicht zu wählen. Als Begründung wird unter anderem eine "mangelnde Bereitschaft, sich mit einem neuen Medium auseinanderzusetzen" angeführt.
Anmerkung: Dafür wurde es auch Zeit. Vielleicht hören die Politiker mit diesem sinnlosen Profilierungsquatsch auf wenn sie merken, dass es sie Stimmen kostet.
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Ausländische Jugendliche nicht gewalttätiger als deutsche
Telepolis - Eines der Ergebnisse der ersten Auswertung ist, dass jugendliche Migranten nicht pauschal krimineller sind. Abgesehen von Gewaltkriminalität seien jugendliche Migranten sogar weniger kriminell als die deutschen. Bei der Gewalt von Jugendlichen, die nach Ansicht von Klaus Boers nicht zunimmt, wie er in einem Interview sagte, sondern nur wegen erhöhter Anzeigebereitschaft häufiger in den Statistiken auftaucht, hänge dies etwa auch von den Migrantengruppen ab. Wenn man sich die soziale Situation betrachtet, seien allgemein die Unterschiede im Hinblick auf die Ausübung von Gewalt zwischen deutschen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gering: "Eine erhöhte Verbreitung von Gewalt findet sich meist unter den sozial Schwächeren, mit weniger Bildung, aus benachteiligten Wohnvierteln und mit schlechteren Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt", so Klaus Boers.
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Gläserne Hastz-IV-Empfänger?
Telepolis - Viel wurde in den letzten Monaten über den Datenschutz gesprochen. Deshalb ist es auf den ersten Blick erstaunlich, dass die Antwort auf eine Kleine Anfrage des Bundestagsabgeordneten der Linken Jan Korte kaum Resonanz ausgelöst hat. Er wollte wissen, welche Daten die Behörden beim Umgang mit Hartz IV-Empfängern erheben und was mit den Daten geschieht.
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Bissiger Dackel mit Brille
FR - Nachdem sie zur Vizepräsidentin nominiert wurde, sind die Republikaner in den Umfragen wieder nah dem Sieg. Wer geglaubt hat, nach Jahren des Machtmissbrauchs und religiösen Wahns, des wirtschaftlichen Niedergangs, des sinnlosen Sterbens Tausender Soldaten wollten die Amerikaner einen hochintelligenten jungen Mann, der für die demokratische Kultur und die Gleichheitsideale des Landes steht, hat sich geirrt. Denn die Amerikaner wollen: Das Gleiche noch mal! Serviert von Sarah Palin.
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Im Elfenbeinturm

In edlen Türmen lebt es sich sicherlich gut. Abgehoben von der Masse, ihren aktuellen und alltäglichen Leiden entrückt und mit herausragendem Über- und Ausblick gesegnet, dürfte man es sich problemlos gut gehen lassen können. Heutzutage gibt es sogar Aufzüge, da muss man nicht mehr so viele Treppen laufen. Es könnte so schön sein, wenn nur nicht der ganze Pöbel auch mal gerne in den Turm wöllte. Oder ihn einreißen, das ist nie so ganz sicher, aber die Nivellierung ist des Liberalen - dem der Elfenbeinturm das natürliche Habitat ist - größtes Gräul.
Sehr schön verdeutlicht wird dieser Zusammenhang dieser Tage von der FDP, die im Kurhaus Wiesbaden zwischen Marmorsäulen und Kronleuchtern ihre jährliche Herbstklausur abhält. Dieses Jahr ist als besonderer Gast Friedrich Merz anwesend, der mit Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble sowohl das intellektuelle Niveau als auch den Werdegang gemeinsam hat: von Merkel gemeuchelt.
Als Merz nach dem zweiten Gang - es gab bis dahin Carpaccio vom Roten Thun
mit Avocadocreme und ein Shrimps-Risotto mit gebratenem Loup de Mer - ans
Rednerpult im ehrwürdigen Christian-Zais-Saal tritt, begrüßt er erst den "lieben
Guido".
(Quelle)
"Der liebe Guido" ist ein alter Studienkollege Merz', man kennt und schätzt sich. Übetreten will Merz trotzdem nicht. Aber zurück zum Thema. Merz hielt, natürlich, eine Rede. Die Zukunftsprobleme des Sozialstaats waren das Thema, und zu anfang erkannte Merz auch ganz richtig, dass die Menschen verunsichert seien, dass der Graben zwischen denen, die eine Chance hätten und denen, die in der Unterschicht feststecken immer größer werde. Soweit, so richtig. Aber als ordentlicher "Liberaler" weiß er darauf auch eine grandiose Lösung:
Es müsse gesagt werden, was geht und was nicht geht, beginnt Merz. In dieser
Disziplin gilt Merz ohnehin als ungeschlagen. Was in seinen Augen nicht geht,
ist, immer mehr Geld in die Sozialsysteme zu stecken.
Es müsse doch mal die Frage gestellt werden, ob die Sozialpolitik nicht mit immer mehr Geld "Probleme geschaffen habe, die es vorher nicht gab", sagt Merz und erntet kräftigen Beifall. Es müsse darüber gesprochen werden, dass "weniger manchmal mehr ist". Nicht die Ausweitung des Sozialstaates dürfe Priorität haben, sondern die "Begrenzung des Sozialstaates".
(Quelle)
In Ordnung. Die Menschen sind verunsichert, finden, dass der Sozialismus - "richtig" durchgeführt - gar keine sooooo doofe Idee ist und der Graben vertieft sich. Um dieses Problem zu lösen muss man ihnen alle Sicherheiten nehmen, von Sozialismus als Unsinn diffamieren und den Graben noch ein wenig tiefer schaufeln. Grandiose Idee, Herr Merz. Hier zeigt sich die
Qualität eines wahren Liberalen. Aber es geht noch weiter:
Aus einem Mehr an Geld für Bildung und damit mehr Chancengerechtigkeit leitet er eine technikfreundlichere Politik ab. Tapfer verteidigt er die Atomenergie und fordert mehr Offenheit für die Gentechnik: "Warum stellen wir die Leute nicht, die gegen Biotechnik sind und gleichzeitig einen Dritte-Welt-Laden betreiben? Ohne Gentechnik werden wir die Ernährungsprobleme der Welt nicht lösen." (Quelle)
Aha. Mehr Geld für Bildung bedeutet eine technikfreundliche Politik? Oder nicht mehr Geld für Bildung, sondern eine technikfreundliche Politik? Wirklich Substanz scheint hinter Merzens Vorschlägen nicht zu stecken. Immerhin gibt es am Schluss ein Brandenburger Tor in Porzellan für ihn, überreicht vom Ober-Freien Westerwelle persönlich. Jetzt aber flugs wieder in den Turm.

Donnerstag, 11. September 2008

Wie bestellt

Wer hätte denn auch damit gerechnet? Bei Forsa kommt die SPD jetzt wie bei allen anderen Instituten auch auf rund 26%, angeblich wegen des "Beck-weg-Effekts". Na klar. Wie tief kann ein Umfrageinstitut eigentlich noch sinken, von dem man ganz genau weiß, dass sein Chef Güllner ein überzeugter Schröder- und Agenda-Anhänger ist? Der immer auch gleich die gerade auch passende Interpretation seiner getürkten Ergebnisse mitliefert? Die Frage lässt sich leicht beantworten. Denn während Güllner wenigstens eine Ausrede für seine Manipulationen hat, ist es das Niveau der "investigativen Journalisten" von Spiegel Online und anderen vergleichbaren Medien, die diesen Unsinn auch noch unreflektiert übernehmen, eigentlich kaum mehr zu unterbieten. Man muss sich wirklich schämen für eine solche "vierte Gewalt", die nicht auch nur im Geringsten mehr kritisch hinterfragt. Einen solchen Journalismus braucht niemand, da kann das Ministerium eine Propagandaabteilung aufmachen und ihre Botschaften direkt unters Volk jubeln, das wäre sauberer.

Mittwoch, 10. September 2008

Fundstücke 10.09.2008

"Er war überfordert"
DLF - Der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi hat seiner Partei vorgeworfen, sie habe sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht den veränderten Bedingungen der Weltwirtschaft gestellt. Die Arbeitszeit in Deutschland sei zu kurz und die Stückkosten zu hoch. Kurt Beck sei an der Rückwärtsgewandtheit eines Drittels der SPD-Mitglieder gescheitert, die "glauben, eine Welt vor sich zu haben, die wie die Welt vor 50 Jahren aussieht", so von Dohnanyi.
Anmerkung: Wer einmal die typische Weltsicht eines SPD-Rechten lesen will, ist hier bestens beraten. Ich warne allerdings vor heftigem Erbrechen und der Bildung von Magengeschwüren.
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Die SPD kasteit sich selber
NZZ - Warum nun ausgerechnet dem Agenda-Mitgestalter Steinmeier die Zähmung der widerspenstigen Partei gelingen soll, ist nicht einleuchtend. Sicher, die Arbeitsteilung des neuen, dynamischen Duos ist klar: Steinmeier gibt die Richtung vor, Müntefering – der Mann, dem so gar nichts von der «sozialen Kälte» der Agenda-Politiker anhaftet – erklärt sie der Basis. Bei Lichte betrachtet erscheint dieser Modus allerdings auch nicht überzeugend. Müntefering ist zwar Meister darin, aufmüpfige Mitglieder durch Oden an schwielige Hände und Arbeitersolidarität zu sedieren. Doch das ist heute weitgehend Staffage: Bei seinem Wiederauftauchen in München hat er jüngst eindringlich für die Versöhnung linker Ansprüche mit der Agenda-Politik plädiert. Viele Linke betrachten ihn als Wolf im Schafspelz.
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"Diese Studien werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben"
Telepolis - Seit Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre gibt es solche Vergleichsstudien. Am Anfang bezogen sie sich zunächst auf Daten, die in den einzelnen Ländern vorlagen, also zum Beispiel auf die Art der Schulabschlüsse und die Anteile der verschiedenen Absolventen. Es hat sich aber schnell herausgestellt, dass diese Daten nicht vergleichbar sind, und man begann, den "Output" der Schulen verschiedener Länder zu messen. Ein weiteres Problem ist, dass in der politischen Debatte suggeriert wird, mit den Ergebnissen von Studien wie PISA ließen sich politische Maßnahmen sozusagen wissenschaftlich begründen. Es ist außerordentlich schwierig, interkulturell aussagekräftige Tests zu entwickeln, international vergleichbare Stichproben zu bilden. Und vor allem auch den Kontext, in dem die Leistungen stattfinden, international vergleichbar zu erfassen. Aber diese Studien beweisen nichts. Sie sagen nichts darüber, wie man ein Bildungssystem gestalten muss. Sie werfen höchstens Fragen auf und regen zum Nachdenken an.
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Münte, was nun?
SZ - Hinter allzu großen Erwartungen steckt ein Missverständnis. Der bisherige SPD-Machthaber Kurt Beck war zuerst und vor allem hinderlich für die eigene Partei, das Land insgesamt hat ganz andere Probleme. Deutschland krankte bisher nicht an einem schwachen SPD-Chef, sondern an weitgehend verlorenen vier Jahren in der Wirtschaftspolitik.
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Widerliches TV
Knowledge brings fear - In der Schule meines Sohnes wurde gerade in der Elternversammlung debattiert, ob die Klasse an einem “TV-Projekt” teilnehmen möchte. Sozial sollte es sein, engagiert und interessante Fragen aufwerfend. Das Konzept, mit dem plakativen Namen “Geld zu Verschenken”, geht etwa so: man castet sich über solche Anzeigen ein paar notleidende Menschen zusammen. Die dürfen sich dann, getrieben von der Aussicht auf den Gewinn von 5000 Euro, einmal komplett exhibitionieren und erklären, warum gerade sie besonders bedürftig sind. Dann nimmt man sich eine Gruppe behüteter Gymnasialschüler und lässt sie entscheiden, welches der drei auf möglichst telegenes Notleiden zurechtgecasteten Opfer die 5000 Euro bekommt.
Anmerkung: Wie unterste Schublade hätten Sie es denn gerne? Ich empfehle für weitere Kommentare den verlinkten Artikel.

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Dienstag, 9. September 2008

Aufräumarbeiten, Nachtrag

Die Reaktionen auf den Beitrag "Aufräumarbeiten" machen es mir notwendig, eine Ergänzung dazu zu schreiben, weil ich mich in zwei Punkten missverstanden fühle (was diverse Leser auch bestätigt haben, ich habe mich hier wohl unklar ausgedrückt):
1) Ich halte Franz Müntefering nicht für einen guten Menschen, jemand, dessen Programm mich überzeugen würde oder dem ich auch nur die geringste Kompetenz zur Lösung der bestehenden Probleme zutraue. Meine Feststellung, er sei ein "guter" Politiker, hätte ich eher als einen "geschickten" Politiker ausdrücken sollen. Müntefering versteht es, seine Politik zu verkaufen, versteht es, Wähler zu mobilisieren und der SPD Stimmen zu bringen, versteht es, Reden zu halten - das Handwerkszeug eines Politikers eben, das Steinmeier gerade nicht versteht. Deswegen der Gegensatz "gut" gegen "schlecht", der zu mancher Verwirrung geführt hat.
2) Ich bin der Überzeugung, dass es der SPD gelingen wird, sich bei den Wahlen im Segment rund um die 30% zu platzieren. Warum? Weil vor Wahlen immer ein solcher Aufschwung einsetzt. Resignierte Wähler der SPD, für die die LINKE nicht wählbar ist, könnten gewonnen werden - beispielsweise durch ein Fernsehduell, ähnlich 2005. Die gesteigerte mediale Aufmerksamkeit vor der Wahl wird sich für SPD positiv auswirken. Dazu kommt, dass die aktuellen Umfragen die Partei wahrscheinlich eher unterbewerten. Es wird spannend zu sehen, was die nächsten Forsa-Umfragen ergeben.
Das bedeutet aber nicht, dass ich meine Aussage widerrufen würde, die SPD beginge mit diesem Duo Harakiri. Für eine Volkspartei sind auch um 30% keine ernsthafte Option. Und Wahlniederlage ist Wahlniederlage, egal wie hoch. Spätestens bei den entsprechenden Landtagswahlen würde die SPD erneut abstürzen.

Montag, 8. September 2008

Aufräumarbeiten

Beck ist weggestoßen. Von "gefallen" oder "gestürzt" kann man eigentlich nicht reden, denn am Boden war er ja schon, seit Februar spätestens, als ihm Naumann und seine Spießgesellen die Schuld für das Wahldebakel in Hamburg in die Schuhe zu schieben versuchten. Alles was man noch tun musste war, den politischen Kadaver zur Seite zu räumen. Das haben die Schröderianer, die sich um Steinmeier und Müntefering versammelt haben nun getan. Keine große Überraschung, nur dass es so plötzlich und unvermittelt geschah, dass man dem Kadaver einen Tritt gab statt ihn pietätvoll wegzutragen, das hat dann doch überrascht.
Es ist wahr, dass Beck das letzte bisschen Würde genommen wurde, als Steinmeier sich so selbst zum Kandidaten erklärte, aber ernsthaft: wie hätte Beck noch in Würde abtreten können? Er musste irgendwann den Absprung finden. Lafontaine hat es damals vor dem Kosovo-Krieg geschafft, was sein Glück war. Beck hätte vor den Entscheidungen mit der LINKEn gehen müssen, wenn er etwas von der Würde hätte bewahren wollen, die ihm bis dahin geblieben war, nachdem ihm Müntefering und Steinmeier bereits kaum dass die Tinte unter dem Hamburger Programm trocken war den Dolch in den Rücken stießen.
Beck hatte es nicht leicht. Nachdem er kurz nach Amtsantritt ein Zwischenhoch in Beliebtheit und Akzeptanz in der Partei hatte (besonders nachdem er Henrico Frank mit dem berühmten "Waschen und Rasieren" abgewatscht hatte, macht immer guten Eindruck bei der Presse), kam der Absturz auf Raten. Ich habe Beck nie wirklich gemocht oder ihn für einen guten Politiker gehalten, aber wie die Presse und seine Partei mit ihm umgingen war kein guter Stil. Die systematische Demontierung durch die Mainstreampresse, die ständigen Intrigen der Schröderianer (die damals schon Lafontaine zermürbten) und das unbeteiligte Däumchendrehen Andrea Nahles' - was sollte Beck da ausrichten? Der Linken war er zu Agenda, den Seeheimern zu links, ein Mann der Mitte eben. Nur dass da niemand ist. Beck versuchte, die Partei zu kitten, den Riss zu kleben, der sich tief in sie eingegraben hat. Nur dass die beiden Flügel auf den Seiten des Risses das gar nicht wollen, die Seeheimer noch weniger als die Parlamentarische Linke. Die Medien waren fast vollständig auf Seiten des Seeheimer Kreises, und die Parlamentarische Linke stützte Beck auch nicht, da Andrea Nahles sich einmal mehr zum Meuchelmord entschlossen hat. Diesem opportunistischen Akteur hinter den Kulissen wird ohnehin viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, denn sie hat bereits zwei Mentoren gemeuchelt: Müntefering und nun Beck, die sie beide hochgehievt haben. Vermutlich werden wir von dieser Dame noch viel nicht hören, und sie wird eine der Hauptverantwortlichen sein, wenn die Parlamentarische Linke weiter wie paralysiert bleibt. Welche Ziele sie verfolgt, liegt derzeit noch im Dunkeln, aber das war es bei Angela Merkel auch, als sie erst Kohl und dann Schäuble abschoss.
Doch nun weg von Beck. Sein Abgang war ein reines Spitzenprojekt: einige wenige Funktionäre in der Chefetage haben ihn beschlossen und durchgeführt, darunter die Stones, Müntefering und Nahles. Die Basis blieb dabei ebenso außen vor wie bei der Ernennung des neuen Vorsitzenden. An einem Wochenende wurde innerhalb weniger Stunden tabula rasa gemacht, ehe irgendjemand auch nur aufmucken konnte. Steinmeier als Kanzlerkandidat war ja nur noch eine Formalität; die Medien haben ihn geradezu herbeigeschrieben. Die Personalie Müntefering dagegen überrascht. Der alte neue Vorsitzende ist erst wenige Tage zurück auf der politischen Bühne, nachdem er alle Ämter abgegeben hatte, und nun ist er schon wieder Vorsitzender - ein Amt, das er einst unter sehr fadenscheinigen Begründungen weggeworfen hatte, die denen eines Lafontaine in nichts nachstehen. Er hat den Zeitpunkt richtig erwischt, die Scherben der Agenda-Politik durften andere auflesen. Er kann sich dagegen nun als der Retter gerieren, der er gewiss nicht ist. Sicher, er kann reden, was er Steinmeier und der ganzen restlichen Riege schon einmal voraus hat. Er ist ein guter Politiker, ganz ohne Zweifel, und er wird auch dafür verantwortlich sein, wenn die SPD 2009 in den Bereich von 30% kommt.
An Steinmeier wird das nicht liegen. Der ist ein seelenloser Funktionär, dem Politikbetrieb gänzlich fremd. Es zeugt von der großen Krise der SPD, dass jemandem wie ihm alle Ämter zufliegen. Er wurde nie direkt gewählt oder hat je aktiv einen Wahlkampf betrieben, und nun soll er plötzlich ein Kanzler werden, Kanzler einer rot-grünen Mehrheitsregierung. Das ist geradezu absurd. Bei den Grünen geht es an der Spitze ähnlich zu, der Verschleiß ist ungeheuer. Die Parteien werden bald ohne Spitzenpersonal dastehen, das diesen Namen noch verdient.
Was also wird wohl geschehen? Meine Prognose ist, dass die Medien das Duo Steinmeier/Müntefering in den Himmel schreiben. Steinmeier hat angekündigt, im Wahlkampf bei den Themen Wirtschaft und Bildung punkten zu wollen. Ja, du lieber Himmel! Die Wirtschaft hat sich bereits sehr positiv geäußert, allein das lässt alle Alarmglocken schrillen. Beide Themenbereiche sind die, die man mit dem Spitzenduo am wenigsten in Verbindung bringen würde. Wirtschaft wird seit jeher als Kernkompetenzfeld der CDU und FDP angesehen, die wohl wieder gemeinsam Wahlkampf betreiben werden, allen rheotrischen Verbeugungen der SPD vor der FDP zur Ampel zum Trotz. Hier wird Steinmeier kaum ein eigenes Profil entwickeln können, besonders, wenn man sich die Jubelchöre der Wirtschaft anhört: von einem Anknüpfen an die Schröder'sche Reformpolitik wird da geredet. Ja, das wollen ja zum Glück die anderen drei Parteien nicht auch, und dazu noch glaubwürdiger als Steinmeier. Wer möchte, dass die Agendapolitik fortgesetzt wird, wählt CDU und FDP. Warum nicht gleich das Original wählen? Was will man mit dem rot lackierten Ersatz, bei dem man nicht weiß, ob es 2010 nicht doch einen Putsch gegen die abgehalfterte Chefriege gibt? Davor ist man bei CDU und FDP in jedem Falle sicher. Und Bildungspolitik? Steinmeier, der Bildungspolitiker? Der Mann war Kanzleramtschef und Außenminister, welche Befähigung bringt er denn mit? Ist er je durch irgendeine Aussage in diesem Bereich aufgefallen? Ein Feld, auf dem die SPD punkten könnte, gerade mit Steinmeier an der Spitze, wäre die Außenpolitik! Aber hier will man business as usual betreiben und klammheimlich deutsche Soldaten zum Exportschlager Nummer eins machen. Was für eine Strategie!
Deswegen ist auch die Titelschlagzeile, die man gerade allenthalben lesen kann (beispielsweise in der Stuttgarter Zeitung), dass dies nun ein "Neuanfang" für die SPD wäre, falsch. Ja, nichts könnte falscher sein. Es ist ein gewaltiger Schritt zurück. Die Stones und Müntefering werden die Agendapolitik endgültig in den Rang eines Dogmas zu rücken versuchen, und mit Beck ist der Letzte, der wenigstens partiell Änderungen für möglich erklärte verschwunden, denn Nahles hat sich ja bereits dem Kurs verschrieben, wohl ahnend, woher der Wind drehen würde. Wieder einmal zeigt sich ihr Talent, denn zu Anfang der Beck-Zeit lag sie durchaus noch auf seiner Linie. Das Gerede von Mindestlöhnen und Bildungschancen wird von Müntefering einigermaßen glaubhaft transportiert, wenn man wenig von den Hintergründen weiß. Und ein Jahr ist genug Zeit, um auch einen Steinmeier stammtisch-kompatibel zu machen.
Ich wage deswegen die Prognose, dass die SPD 2009 aus ihrem aktuellen Tal heraus sein wird. Es wird ihr unmöglich sein, den Wert von 2005 wieder zu erreichen (dafür fehlt einfach ein Schröder), aber im Bereich um 30% dürfte sie sich bewegen. Für schwarz-gelb wird es genausowenig reichen wie für rot-grün, und da die Stones ohnehin die Fortsetzung der Großen Koalition anstreben, ist das auch die wahrscheinlichste Option. Bei dem Duo ist rot-rot-grün ausgeschlossen, Westerwelle sperrt sich gegen die Ampel (warum auch immer), und Jamaika ist damit der einzig andere Ausweg. Aber den wird man wahrscheinlich ebenfalls nicht gehen wollen.

Sonntag, 7. September 2008

Harakiri

Die SPD begeht offiziell Harakiri. Kurt Beck ist zugunsten Franz Münteferings zurückgetreten und Steinmeier zum Kanzlerkandidaten erklärt. Meiner Meinung nach ist das der sicherste Weg in andauernde Wahlniederlagen, wenn die beiden Agenda-Priester das übernehmen. Ich habe Mitleid mit Kurt Beck, und ich hoffe wirklich, dass die SPD dafür die Quittung erhalten wird.
Mehr zu schreiben fehlt mir gerade leider die Zeit, ich verweise mal auf die Kollegen:

Weitere Links:
SZ
SZ
Feynsinn

Freitag, 5. September 2008

Merkel verblüfft

Merkel hat der Süddeutschen Zeitung zufolge gesagt, dass sie einen Regierungswechsel "herbeisehnt" und nach der Wahl 2009 gerne mit der FDP koalieren würde. Verblüffend, nicht? Wer hätte das auch gedacht? Schuld ist nicht etwa, dass die GroKo nichts zuwege bringen würde, denn die lobt Merkel über den grünen Klee, sogar die SPD sei ja ganz toll gewesen. Man wöllte quasi nichts lieber als mit ihnen weiterzuregieren aber leider, leider ist die SPD ja gerade "wortbrüchig" und wolle ganz fies mit der LINKEn koalieren. Und das geht ja gar nicht, denn der Wahlkampf 2009 werde sich "ganz wesentlich" um das Thema Glaubwürdigkeit drehen.
Soweit, so gewöhnlich. Damit verblüfft Merkel aber auch gar nicht. Sie verblüfft mit ganz anderen Dingen.

Bei der Konferenz wurde allerdings zugleich deutlich, dass auch eine Koalition mit der FDP Probleme mit sich bringen würde. Merkel stellte erstmals öffentlich in Frage, dass die Union nach der Wahl in großem Umfang Steuern und Abgaben senken könne, wie es der Wirtschaftsflügel der Union und die Liberalen fordern.

Die CDU müsse eine Grundsatzentscheidung treffen, welche Aufgaben der Staat künftig noch haben solle. Man könne nicht weniger Steuern und Abgaben sowie zugleich mehr Ausgaben für Bildung, Forschung und Infrastruktur versprechen, sagte sie. Auch ihre Haltung zur weiteren Senkung der Staatsquote müsse die Partei überdenken. Bislang gilt für CDU und CSU als erklärtes Ziel, den Anteil der staatlichen Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt auf unter 40 Prozent zu senken.

Angesichts der widerstreitenden Interessen stelle sich jedoch die Frage, was möglich sei. "Die Staatsquote war in Deutschland mal an die 48 Prozent. Wir sind jetzt unter 44 Prozent. Wie weit soll die Staatsquote sinken?", fragte Merkel. "Brauchen wir einen Staat? - Ich sage ja", fügte sie an. (Quelle)

Bämm. Die CDU hat jetzt die SPD ganz offiziell links überholt, denn die Spitzen der Sozialdemokratie, die weder vernünftig für Mindestlöhne sind noch irgendwie die Agenda reformieren wollen, die für sie sakrosankt ist - quasi der letzte Anker, an dem man noch festhalten kann. Dass ihr Dogma mehr und mehr in Frage gestellt wird, interessiert die Steinbrücks, Steinmeiers und Münteferings dort nicht so sehr. Und von einem Wendehals wie Nahles ist auch nicht viel zu erwarten.

Es bleibt also spannend. Wird die LINKE die SPD 2009 auch im Bund überholen? Derzeit stehen die Zeichen günstig.

Fundstücke 05.09.2008

Deutschland träumt noch
FTD - Amerika hat eine Krise, mit der Deutsche und Europäer dank Reformen und Radikalkuren nur sehr bedingt zu tun haben. So oder so ähnlich klingt, was Bundesbanker und Regierung derzeit vor sich her erzählen. Die deutsche Wirtschaft sei doch in besserer Verfassung als die amerikanische, meldet Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen.
Komisches Verständnis von wirtschaftlicher Verfassung. Die Europäer scheinen sich in der Tat gerade von der US-Konjunktur abzukoppeln - nur leider in die falsche Richtung. Ein Desaster. Könnte sein, dass US-Politiker auf Ölpreisexplosion und Finanzdramen viel besser reagiert haben, als es die Ultraszene europäischer Notenbanker, Finanzminister und sonstiger Konjunkturpaket-Neurotiker vermittelt.

Anmerkung: Lesebefehl!
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"Diese Diffamierung macht mich wütend"
taz - Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Ulrich Schneider über die soziale Hängematte, die Methodik von Kampagnen gegen Sozialmissbrauch und das zerstörerische Potenzial von "Bild".
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Nachhilfe wird zum Normalfall
FAZ - Vielleicht muss der Begriff „zweiter Bildungsweg“ bald umdefiniert werden. Für viele Eltern jedenfalls hat er schon eine völlig neue Bedeutung bekommen: Eigentlich bezeichnet er den Fall, dass jemand auf dem privaten Weg einen Abschluss nachholt, den er an einer öffentlichen Schule nicht erreicht hat. Aber so etwas ist die Ausnahme. Die Regel ist dagegen längst, dass immer mehr Schüler und Eltern privat die Initiative ergreifen, damit die Kinder in der Schule überhaupt noch hinterherkommen. Sie nehmen Nachhilfeunterricht und bezahlen dafür viel Geld.
Anmerkung: Und wer das nicht hat? Der Artikel redet von bis zu 68 Euro pro Stunde! Welcher Hartzer soll das denn bezahlen können? Die Besserverdienenden können das vielleicht noch stemmen, aber sobald es mal in den viel gelobten Niedriglohnsektor geht ist das nicht mehr. Soziale Segregation im Schulsystem, ständig das Gleiche.
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Versagereliten
Linksnetz - Auf einen wirklichen Wandel der „Eliten“ zu hoffen ist, allerdings ziemlich illusionär. Nicht nur die herrschenden Rekrutierungsmechanismen in den wirtschaftlichen und politischen Apparaturen, sondern auch die aktuellen „Reformen“ des Bildungssystems á la bolognese sorgen dafür, dass der Typus der Systemmarionetten, die Strippenziehern gehorchen, die sie selbst nicht einmal kennen und die weder die Bedingungen noch die Folgen ihres Handelns durchschauen, sich weiter durchsetzen wird. Statt leichthändig über „Elite“ zu schwafeln wäre es vielleicht sinnvoll, mal genauer darüber nachzudenken, was man unter einer solchen verstehen sollte, wenn man diesen Begriff nicht in den Dimensionen persönlicher Interessendurchsetzung, sondern in gesellschaftlicher Verantwortlichkeit verhandelt. Sonst könnten wir eventuell erleben, dass die sich selbst so nennende „Wissensgesellschaft“ an ihrer eigenen Verblödung zugrunde geht.
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Keine Lust auf Lafontaine
taz - Der Mehrheit der Saar-SPD stimmt gegen Lafontaine als Landeschef einer möglichen rot-roten Regierung. Aber was passiert, wenn die Linke mehr Stimmen als die SPD bekommt?
Anmerkung: Bislang regiert die Vogel-Strauß-Taktik.
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Nochmals: Die Sarrazins der Wissenschaft
NDS - Einige Stunden nachdem wir gestern diesen Beitrag ins Netz gestellt hatten, schrieb uns ein Leser, dass der angegebene Link zu der „Studie“ der TU-Chemnitz ins Leere führe (HTTP Error 404: File not found). Im Laufe des Tages wurde der Link wieder geschaltet.Der „Studie“ wurde jedoch zwischenzeitlich eine abwiegelnde „Präambel“ vorangestellt: Die Studie habe aus ihren Neuberechnungen der sozialen Mindestsicherung von 123 Euro „keine Konsequenzen abgeleitet“.Daraus lassen sich nach meiner Meinung nur folgende Schlüsse ziehen:
Entweder die Hochschule oder die Autoren haben erkannt, dass sie mit Ihrem Vorstoß zur Senkung der Hartz-IV-Leistungen doch zu zynisch waren und versuchen nun abzuwiegeln. Oder – und das ist die wahrscheinlichere Erklärung, da die „Studie“ ja wieder im Netz steht -: das ist die typische Art einer verantwortungslosen „Wissenschaft“, die irgendwelche inhumanen Berechnungen in die Welt setzt, ohne die Verantwortung für die Folgen übernehmen zu wollen und sich dann anschließend damit freizeichnen will, dass man ja daraus keine „Konsequenzen abgeleitet“ hätte. Genau so haben sich auch die „Wissenschaftler“ in der NS-Zeit etwa mit ihrer Rasse-„Forschung“ aus der Affäre ziehen wollen.

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Jeden Tag neu zu beobachten: die SPD ist eine fremdbestimmte Partei
NDS - Jede Partei ist in ihrer inneren Willensbildung nicht ganz unabhängig von der öffentlichen Meinung. Was wir aber zur Zeit bei der SPD erleben, ist jenseits des Fassbaren: Die bestimmenden Kräfte in Deutschland wirken über Meinungsmache massiv ein auf die innere Willensbildung der SPD. Wer Kanzlerkandidat wird und wer sonst in der SPD das Sagen hat (demnächst wieder Müntefering), welche Koalitionsoption die SPD verfolgt, welches Programm sie verfolgt und auch welche Finanz- Wirtschafts- und Außenpolitik sie praktisch macht, wird wesentlich von den Herren und Damen bestimmt, die über den Stern, über BILD und all die anderen Blätter sowie über weite Teile des ZDF und der ARD (und über die Kommerziellen Sender sowieso) verfügen. Sie stützen das ihnen genehme Personal in der SPD, das bereitwillig mitmacht, weil seine innerparteiliche Macht auf dieser Fremdbestimmung beruht.
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Wenn Erinnerung verblasst
SZ - Erinnerung in Stein, Schrift und Bild wird aber auch deshalb nötig sein, weil die Erinnerung durch die Zeitzeugen unmerklich, aber unaufhaltsam verblasst. Im kommenden Jahr liegt der Angriff auf Polen bereits 70 Jahre zurück; bald wird es nur noch Zeitzeugen geben, die damals Kinder waren. Und da Kinder keine Schuld trugen, wenn ihre Eltern Hitler zujubelten, wenn Einsatzgruppen der SS in Babi Jar 33000 Juden erschossen, wenn in den Alleen der Gehenkten an der Ostfront "Fahnenflüchtige" am Strick hingen, wird die Erinnerung der Zeitzeugen bald kaum noch mit Schuldfragen verbunden sein. Daher braucht die Gesellschaft Orte wie das Zentrum in München - um zu lernen, wie leicht der Firnis der Zivilisation bricht, wenn man sie nicht energisch verteidigt.
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Ich sehe keine härtere Gangart bei Russland
Freitag - Freitag: Nun haben Amerikaner und Polen mit der beschlossenen Raketenstationierung in Nordpolen weiter Öl ins Feuer gegossen. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Egon Bahr: Ich fange mal so an: Wenn ich mir hätte ausdenken sollen, wie man aus Sicht der gegenwärtigen Administration in Washington am besten dafür sorgt, dass der republikanische Bewerber McCain Präsident werden kann, wäre ich vielleicht auf die Idee gekommen, ich muss für Spannungen sorgen, die nicht wirklich gefährlich sind, denn Krieg wird es um Georgien nicht geben, weil keiner das will. Aber ich hätte mir überlegt, in Zeiten der Spannung mit Russland sind die Amerikaner vielleicht geneigt, dem älteren, erfahrenen McCain mehr Vertrauen zu schenken als dem jungen, unerfahrenen Obama. Und dazu passt natürlich, was die Regierung Bush ohnehin wollte - nämlich eine Raketenabwehr in Polen mit den dazu gehörenden Radaranlagen in Tschechien aufzubauen -, besonders gut.

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Wulff rückt LINKE in die Nähe von Terrorismus
RP - Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Christian Wulff hat die Linkspartei in die Nähe des Terrorismus gerückt. Er fürchtet sich um die Zukunft Deutschlands.
"Die Linke flirtet weltweit mit Extremisten der PKK, der ETA, der Hamas, der Hisbollah", sagte der niedersächsische Ministerpräsident der "Bild am Sonntag". Er fürchte um Deutschland, weil er wisse, wohin die Reise mit der Linkspartei gehen würde.
Anmerkung: Und wenn du glaubst, blöder geht's nicht mehr, kommt von irgendwo ein Wulff schon her.

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Michael Moore verschenkt Doku
taz - Für Michael Moore ist offenbar der Zeitpunkt gekommen, sich in den Präsidentschaftswahlkampf einzuschalten: Michael Moore bietet seine neue Doku "Slacker Uprising" kostenlos zum Download an.
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Ist die SPD keine Volkspartei mehr?
Tagesschau - Die SPD ist eine Partei in Nöten: Man könne bei den derzeitigen Umfragewerten nur noch schwer von einer "Volkspartei" sprechen, sagt Ottmar Schreiner im Gespräch mit tagesschau.de. Der SPD-Linke wird am kommenden Mittwoch sein Buch "Die Gerechtigkeitslücke" in Berlin vorstellen.
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Donnerstag, 4. September 2008

Gegen Diskriminierung!

Gerade läuft ständig im Radio (SWR3), dass die EU ein neues Antidiskriminierungsgesetz beschlossen hat: frauendiskriminierende Werbung ist ab sofort verboten. Das ist toll, denn im Umkehrschluss erlaubt es ausdrücklich männerdiskriminierende Werbung. Das firmiert dann unter "Gleichberechtigung", und die EU ist auch ganz mächtig stolz auf dieses neue, bescheuerte Gesetz. Im Radio machen sie sich immerhin die ganze Zeit darüber lustig, ab wann Männer dann für Tampons und Frauen für Aftershave Werbung machen...grausig, was diese Ideologie für dämliche Sachen hervorbringt. Absolut grausig.

Little Bombay

Inzwischen ist es zwei Chemnitzer Wissenschaftlern gelungen, auf Thilo Sarrazin noch einmal einen draufzusetzen: sie haben "ausgerechnet", dass 132 Euro im Monat zum Leben völlig ausreichen würden. Man muss sich das bildlich vorstellen: da sitzen zwei C4-Professoren (natürlich Wirtschaftswissenschaftler) um einen Tisch, schicken ihre unterbezahlten Hiwis los um Einkaufslisten zu erstellen von Aldi, Lidl und Co und einigen Second-Hand-Shops und basteln dann eine Liste zusammen. Diese Liste enthält dann das, was man nach Meinung dieser Professoren - unkündbar, gut bezahlt mit zahlreichen Nebentätigkeiten - zum Leben am Existenzminimum so braucht. Denn das ist ja gesetzlich gar nicht eindeutig definiert, deswegen haben die zwei den Job selbstlos übernommen.
Kurz gesagt, das Ergebnis ist grotesk: Außer den billigsten Lebensmitteln und Möbeln vom Sperrmüll ist dem Unterschichtler nichts mehr gestattet. Freizeitgestaltung? Geh im Park spazieren, das kostet nichts! Die Krone auf setzen die beiden dem Ganzen dann damit:
Ein Leben in Würde hängt nach Ansicht der Autoren „weniger von
Geldleistungen ab als von der Möglichkeit, zu arbeiten, sich einzusetzen, die
Chance zu bekommen, etwas leisten zu können, um anerkannt zu werden. Eine auf
Geldzahlungen beschränkte Hilfe wird diesem Ziel nicht gerecht.“ (Quelle)
Arbeit macht frei.

Fundstücke 04.09.2008

Der verlogene Krieg der Propagandisten
FR - Dass im Krieg die Wahrheit als Erstes stirbt, hört man oft. Dass man es von einem Soldaten hört, kommt seltener vor. "Da wird die Wahrheit verschwiegen", hat Bernhard Gertz, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes, der Neuen Osnabrücker Zeitung gesagt. Wer der Propaganda kriegführender Armeen und Nationen schon immer misstraute, darf sich durch diese Worte bestätigt fühlen. Er sollte allerdings wissen, dass Gertz einen anderen Zweck verfolgt als das Entlarven oder gar Entschärfen einer Waffe namens Propaganda. Er sagt: "Wir befinden uns in einem Krieg gegen einen zu allem entschlossenen, fanatischen Gegner." Und deshalb sei der zuletzt getötete deutsche Soldat nicht etwa ums Leben gekommen, sondern "für die Bundesrepublik Deutschland gefallen".
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LINKE schlägt SPD im Saarland
FTD - Oskar Lafontaine rollt die politische Landschaft auf. Im Saarland ist seine Linkspartei bereits zweitstärkste Kraft. Das zeigt die Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern". Demnach käme die Linkspartei bei Landtagswahlen auf 24 Prozent, die SPD auf 23 Prozent, die CDU würde kräftig verlieren und nur noch 37 Prozent erzielen. Die FDP könnte 7 Prozent der Wählerstimmen für sich verbuchen, die Grünen 5 Prozent.
Anmerkung: Die Ergebnisse sind Forsa, also mit Vorsicht zu genießen. Trotzdem ist das ganze echt ziemlich heftig.
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Erschossen?
Freitag - Man müsste der deutschen Öffentlichkeit vermutlich erklären, dass das Brunnenbohren nicht der primäre Anwesenheitszweck in Afghanistan ist. Damit würde man auf Peter Struck zurückgreifen, der als Verteidigungsminister einer rot-grünen Koalition im Jahr 2002 erklärt hat, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Dass dieser Satz so lächerlich und unglaubwürdig wirkt, liegt nicht nur an dem politischen Diskurs, den er eröffnet. Es liegt vor allem an der Einsamkeit, in der steht: In der Öffentlichkeit kursieren keine nennenswerten anderen Vorstellungen und Bilder über das, was die Bundeswehr im Krieg in Afghanistan eigentlich tut.
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SPD: Vorwärts, aber wohin?

Franz Müntefering ist zurück! Ihr wisst schon: DER Franz Müntefering. Die große Hoffnung der Sozialdemokraten. Der Mann, der nach Schröder der Hauptverantwortliche für den dramatischen Mitgliederschwund, die verlorenen Wahlen seit 2004 und all das andere Elent ist. Das ist ein großartiger Moment. In Bayern tritt er im Wahlkampf auf, zusammen mit Franz Maget, der kategorisch die Zusammenarbeit mit der LINKEn ausschließt, damit sicher ist, dass die SPD dort auch wirklich nie regieren wird. Natürlich wird er von der Hofpresse bejubelt und darf kritiklos seine Phrasen vom "großen Erfolg" der Agenda 2010 in die Welt hinausposaunen, erklären, dass sie "alle stolz sein" könnten auf dieses Werk und überhaupt dass jetzt alles besser wird. Und der Saal jubelt, denn Franz Müntefering ist zurück. Wahnsinn. Ab jetzt geht es aufwärts! Das Schlimme ist vermutlich, dass das stimmt, denn so ansehlich die Bilanz des Scheiterns Münteferings ist, so armselig ist das restliche SPD-Personal. Endlich mal wieder jemand, der reden kann! Ein Aufatmen geht durch die Reihen. Nichts wird besser gehen, aber man verkauft es endlich wieder. Wahlziel 20%+x. Wer niedrige Ansprüche setzt, kann nicht enttäuscht werden.
Gleichzeitig, quasi im Windschatten, hat Ypsilanti in Hessen ihre Bedingungen für die Zusammenarbeit mit der LINKEn formuliert. Darin findet sich ein Ausschluss derselben aus Bundesratsabstimmungen und Personalfragen sowie eine Absetzung vom DDR-Erbe der Partei (nur vernünftig), und, eher konfliktträchtig, ein Bekenntnis zum ausgeglichenen Haushalt 2009/10 und den Infrastrukturprojekten. Insgesamt aber wie auch bei den Bedingungen der LINKEn keine unüberwindbaren Hürden. Dumm nur, dass diese Zusammenarbeit in die genau entgegengesetzte Richtung läuft, die derzeit Steinmeier, Steinbrück (der genau wie Clement Ypsilanti beleidigt hat), Müntefering und Co begehen. Die SPD rennt gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen und denkt auch noch, dass sie irgendwie innovativ einen dritten Weg bestreite. Bisher verharrt sie in rasender Geschwindigkeit auf der Stelle, während zwei gegensätzliche Kräfte an der Partei zerren. Die Frage ist nur, ob sie darüber stärker wird oder sich zerreißt.

Mittwoch, 3. September 2008

Fundstücke 03.09.2008

BILD hetzt und die CDU kocht darauf ihr Wahlkampfsüppchen
NDS - „Der große Hartz-IV-Report", unter diesem Motto hetzt die Bild-Zeitung mal wieder ihre Leserinnen und Leser gegen Alg II-Empfänger auf. Das Ziel dieser wiederholten Bild-Kampagnen ist immer das gleiche: Man versucht den Zorn der Verängstigten und der Verlierer auf diejenigen zu lenken, denen es noch schlechter geht, oder man säht Hass auf Minderheiten, die sich nicht wehren können. Bei den Rechtsextremisten und Neonazis sind das die Ausländer, bei Bild eben die „Hartz-IV-Abzocker". Auf dieser „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" kocht die Politik ihr Süppchen und lenkt damit vom eigenen Versagen ab; wie früher Superminister Clement mit seiner „Sozialschmarotzer"-Broschüre, so jetzt die verunsicherte CSU im bayerischen Wahlkampf.
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Soziale Risse in der Metallbranche
FR - Am 8. September wird der IG-Metall-Vorstand seine Empfehlung für die Forderung in der diesjährigen Metall-Tarifrunde abgeben. Schon vorher schlagen die Wellen hoch. So polemisiert Gesamtmetallchef Martin Kannegiesser gegen eine "Gefühls-Tarifrunde". Seine Polemik ist eine Reaktion darauf, dass die IG Metall in dieser Tarifrunde das Ungerechtigkeitsempfinden der Menschen aufgreifen will. Doch die Ungerechtigkeit ist nicht nur gefühlt. Sie ist Realität. Das belegen die Fakten.
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Schleichende Entmündigung
WiWo - Deutschland entwickelt sich zum moralischen Obrigkeitsstaat. Das schafft nicht mehr Gerechtigkeit, sondern macht die Menschen unfrei, sagt Abtprimas Notker Wolf.
Anmerkung: Der, wie die WiWo natürlich nicht erwähnt, INSM-Botschafter ist. Davon abgesehen möchte ich echt gerne mal wissen, wie seine Organisation ohne die massiven Subventionen des Staates leben will, die seinen gemütlichen Posten finanzieren.

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Kriegslogistiker
German Foreign Policy - Unmittelbar vor dem heutigen Antikriegstag hat die Deutsche Post eine PR-Kampagne für die Bundeswehr angekündigt. 8.000 großformatige Post-Plakate, die ab diesem Monat bundesweit geklebt werden, werben mit dem Abbild eines uniformierten Afghanistan-Kämpfers des deutschen Expeditionskorps. Die Plakat-Kampagne soll "den Soldatenberuf in der Gesellschaft präsent machen", heißt es bei der Deutschen Post. Das Unternehmen unterhält einen "Konzernrepräsentanten Military Affairs Bundeswehr/NATO". An der Erstellung der Plakate war ein "Informationsfeldwebel" beteiligt. Die deutschen Streitkräfte beschäftigen ein wachsendes Spezialistenheer für Psychologische Kriegsführung, die in Berlin als "Kommunikation und Information" firmiert. Die Deutsche Post, die sich der deutschen Armee als PR-Partner zur Verfügung stellt, profitiert in zunehmendem Maße von den Gewalteinsätzen der Bundeswehr im Ausland. Allein der Umfang der Feldpost nähert sich dem Postaufkommen einer Großstadt. Hinzu kommen umfangreiche Aufträge in der Militärlogistik, die der weltweit führende Logistikkonzern akquirieren will. Die neue PR-Kampagne der Post - ein Beispiel für die militärische Durchdringung bisher ziviler Gesellschaftsbereiche - startet zu einem Zeitpunkt, da die Bundeswehr über Nachwuchsmangel klagt und die Tötung afghanischer Zivilisten durch deutsche Soldaten die Barbarisierung des Afghanistan-Einsatzes verdeutlicht.
Anmerkung: Es ist erschreckend zu sehen, wie das Militär wieder alle Gesellschaftsbereiche durchdringt und der Krieg zu einem normalen Geschäftsfeld wird.

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SPD erwartet Machtwechsel in Hessen
FR - Trotz Skepsis richtet sich die Bundes-SPD auf einen Machtwechsel in Hessen mit Unterstützung der Linkspartei ein. SPD-Chef Kurt Beck erklärte am Montag vor den Führungsgremien in Berlin, es wäre nicht das Schlechteste, wenn in den kommenden Monaten bei der SPD "der eine oder andere Ministerpräsident" dazu kommen würde. Es sei selbstverständlich, dass eine Ablösung von CDU-Amtsinhaber Roland Koch gut für Hessen sei.Laut Teilnehmern vermied Beck bei den Beratungen von Präsidium und Vorstand offene Kritik an der Hessen-SPD um ihre Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti. Er bekräftigte den SPD-Vorstands-Beschluss, dass über Koalitionen auf Länderebene "vor Ort" entschieden werde. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil betonte, auch er würde sich "auf jeden Fall" über jeden neuen SPD-Ministerpräsidenten freuen.
Anmerkung: Zeit wird's. Wer hat denn da herausgefunden, dass die Vogel-Strauß-Methode nicht wirkt? Muss ein echter Intelligenzbolzen gewesen sein.
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Dienstag, 2. September 2008

Fundstücke 02.09.2008

Auswüchse der Angebotstheorie
FTD - Die Lohndrückerei, die Einkommensspreizung und die anderen verheerenden Wirkungen der Angebotspolitik haben sich, wie die Daten ausweisen, im Vergleich zu den Kohl-Jahren mit Antritt der rot-grünen Regierung Schröder verschärft. Während zuvor die oppositionelle Sozialdemokratie in Maßen eine gewisse Schutzfunktion für die abhängig Beschäftigten wahrnahm, ist sie danach, sehr knapp formuliert, ins Arbeitgeberlager übergelaufen und steht ihm trotz gelegentlicher Lockerungsversuche fest zur Seite. Unverändert treibt sie die Privatisierung von Staatsvermögen weiter voran, hält an der Agenda 2010 fest und plädiert für niedrige Tarifabschlüsse. Erfreulich immerhin: Diese Position bekommt der SPD nicht. Mitglieder und Wähler laufen ihr davon. Ökonomisch betrachtet ist ein Bruch mit der schädlichen Angebotspolitik dringend nötig. Politisch ist ein solcher Bruch ohne die SPD schwer denkbar. Wenn die Partei so bleibt, wie sie jetzt ist, bricht sie oder, besser, zerbröselt sie selbst.
Anmerkung: Lesebefehl!
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Die georgische Gefahr
Zeit - Ein Sturm der Entrüstung rauscht durch die Blätter, der klammheimliches Triumphgefühl kaum verbirgt. Endlich hat die »westliche Welt« beschert bekommen, was sich als Äquivalent für Amerikas völkerrechtswidrigen Irakkrieg mit seinen Hunderttausenden von Toten zumindest aufwerten lässt: Russlands ebenfalls völkerrechtswidrigen Überfall auf seinen kaukasischen Nachbarstaat. Dass zuvor der georgische Präsident Michail Saakaschwili eine schlafende Stadt im eigenen Land bombardieren ließ, wird klein an den Rand geschrieben.
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Partei-Linke begehren auf
FR - In der SPD wird angesichts der Erfolge der Linkspartei der Ruf nach einer wirtschaftspolitischen Kehrtwende lauter. In einem der Frankfurter Rundschau vorliegenden Aufruf an die Partei beklagen linke Sozialdemokraten die "zunehmende Spaltung zwischen Arm und Reich". Dafür machen sie "politische Entscheidungen der vergangenen Jahre" verantwortlich, also die Regierungsarbeit ihrer Partei."Bund und Länder werden in den letzten Jahren immer weniger ihrer Aufgabe gerecht, durch eine entsprechende Finanz-, Steuer- Vermögensbildungs- und Sozialpolitik die Einkommen je nach sozialer Belastbarkeit und zum Wohl der Allgemeinheit umzuverteilen", kritisieren die 60 Unterzeichner. Als Ursachen für wachsende Ungerechtigkeiten nennen sie zudem "die Deregulierung des Arbeitsmarktes und die Schwächung der Tarifautonomie".
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Wo der Einbürgerungstest irrt
FTD - Der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), hat die Fehler des Testes aufgelistet. Insgesamt 72 Mängel hat der SPD-Politiker festgestellt. In einem Brief an Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat er seine Kritik ausführlich dargestellt. Doch Schäuble will von Änderungen nichts wissen: "Der von allen Beteiligten gewünschte Start des bundeseinheitlichen Einbürgerungstests sollte nicht von letztendlich akademischem Streit über Formulierungen in einzelnen Testfragen beeinträchtigt werden", schrieb er an Edathy. Erst nach einer Testphase von ein bis zwei Jahren will er die Fragen und Antworten überprüfen. Für die Tests stellt das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration aus dem Fundus von 300 allgemeinen und jeweils zehn landesspezifischen Fragen individuelle Bögen mit 33 Fragen zusammen, die im sogenannten "Multiple Choice"-Verfahren beantwortet werden müssen. Zu jeder Frage werden vier Antworten angeboten, von denen nur eine richtig ist. Wer innerhalb von 60 Minuten 17 Fragen richtig ankreuzt, hat den Test bestanden und erhält eine entsprechende Bescheinigung.
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Montag, 1. September 2008

Fundstücke 01.09.2008

Böse Bären, Tschaikowsky und der Holocaust
FAZ - Denn [Russland] ist drauf und dran, nach dem militärischen Sieg in Georgien den internationalen Informationskrieg zu verlieren. Während in Russland die Mehrheit der Meinung ist, dass ihr Staat militärisch nicht anders als geschehen reagieren konnte, sind viele im Westen überzeugt, dass Moskau der wahre Aggressor sei. Da gilt es gegenzuhalten. Die Propagandaschlacht tobt jeden Tag. Bisher ist Georgien Sieger nach Punkten.
Anmerkung: Sehr ausgewogener Artikel. Davon wollen wir mehr sehen!

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Abzocke
FR - Die Deutsche Bahn erhöht zum sechsten Mal in fünf Jahren die Preise. Schon voriges Jahr hat der Staatskonzern, der bald an die Börse will, gleich zwei Mal die Fahrscheine verteuert. Die Begründung war immer gleich: höhere Energie- und Personalkosten. Das klingt schlüssig, ist es aber nicht. Die rasant steigenden Milliardengewinne beweisen eindrucksvoll, dass die DB die steigenden Kosten besser verkraftet als viele andere Unternehmen und deshalb auf weitere Zuschläge verzichten könnte. Gerade erst hat Konzernchef Hartmut Mehdorn ein blendendes Halbjahresergebnis präsentiert. Gut so, die künftigen Aktionäre wird das sicher freuen.
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Spirale abwärts
FR - Haben Sie heute schon Ihren Beitrag für die Konjunktur geleistet? Nein, dann verzichten Sie doch einfach auf Geld. Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie sowie den Export. Lohnzurückhaltung ist der beste Beitrag, den Sie leisten können, um Ihren Arbeitsplatz (sofern Sie einen haben) behalten zu können und den Wohlstand zu steigern. Okay, das ist jetzt sehr vereinfacht dargestellt. Aber so simpel denken eben die meisten deutschen Wirtschaftspolitiker und ihre beflissenen Ratgeber. Dass solche Rezepte nicht nur der Konjunktur schaden, sondern auch die Europäische Union gefährden, scheint sie nicht zu scheren.
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Daily Soap der Selbstüberschätzung
SZ - Andrea Ypsilanti will sich in Hessen mit den Linken durchwurschteln. Schön ist das nicht. Und manch Konservativen in der Union ist das willkommener Anlass, über die SPD herzuziehen. Was viele vom rechten Flügel der Union denken, haben am Wochenende die Ministerpräsidenten Christian Wulff und Peter Müller offen ausgesprochen: Wenn die SPD in Hessen mit den Linken gemeinsame Sache mache, dann müsse das zugleich das Ende der großen Koalition in Berlin sein. Welch Idiotie!
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Krankheit schützt vor Prüfung nicht
Zeit - Was sich zunächst anhört wie eine harmlose Hörsaalposse, könnte zum Präzedenzfall für die anderen deutschen Hochschulen werden. In Berlin nämlich wollen zwei Fachbereiche der Humboldt-Uni (HU) das klassische ärztliche Attest überhaupt nicht mehr anerkennen. Geografen und Sozialwissenschaftler verlangen stattdessen eine genaue Beschreibung der Symptome – um dann im Einzelfall selbst zu entscheiden, ob der Student tatsächlich prüfungsunfähig ist.
Anmerkung: Die ständige Kontrollmanie wird auf der einen Seite immer lächerlicher und auf der anderen Seite immer gefährlicher.

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Die Ausweitung des Niedriglohnsektors
TP - Während die Lohnspreizung in Deutschland immer absurdere Formen annimmt, arbeiten findige Mandatsträger bereits daran, der finanziellen Schieflage eine steuerrechtliche Entsprechung zu verschaffen. Denn obwohl die Steuer- und Abgabenquote mit knapp 36 Prozent des Bruttoinlandsprodukts klar unter dem Durchschnitt vieler EU-Staaten liegt, sehen gleich mehrere Politiker Handlungsbedarf - auch und gerade vor den wichtigen Wahlen, deren nächste bereits am 28. September ansteht. Die bayerische CSU, die fürs erste am meisten zu verlieren hat, wirbt mit einem "Steuerentlastungsfahrplan für Familien, Arbeitnehmer und Mittelstand", der das griffige Motto Mehr Netto für alle (4) trägt und damit den Wünschen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (5) entspricht. Schade nur, dass der Slogan nicht geschützt ist und so immer wieder in missverständlichen Zusammenhängen verwendet werden kann.
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