Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Nudges
Das Konzept der Nudges war in den frühen 2010er Jahren ein ziemlicher Trend. Eine der Startdebatten dieses Blogs wurde darüber geschrieben, und ich war selbst ein Fan des Konzept. Allerdings darf man sie, fünfzehn Jahre später, wohl als gescheitert ansehen. Die Frage, Why Nudge Policies Failed, ist daher eine, die mir auch persönlich nahegeht. Die im verlinkten Artikel gegebene Antwort ist die, dass sie einerseits auf eine Individualisierung von Verantwortung in einem Bereich hinausläuft, auf den Einzelne keinen Einfluss haben, und dass sie andererseits eine Mentalität erschaffen, die Veränderungen für unmöglich hält. Ich will vor allem den zweiten Punkt betonen, denn der erste ist mit BPs "Co2-Fußabdruck" und ähnlichem Kram ja einschlägig bekannt. Aber der zweite Aspekt ist quasi noch viel schlimmer, weil er ernsthafte Maßnahmen verhindert.
2) Lehrkräfte und die Verfassung
Das Kultusministerium Sachsen-Anhalt hat einen Erlass herausgegeben, der noch einmal explizit klarstellt, dass Lehrkräfte nicht politisch neutral zu sein, sondern die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen haben. Ich habe das Argument ja schon öfter vorgebracht, und an und für sich ist das auch unstrittig; man sollte nicht der AfD und ihrer Neutralitätsrhetorik auf den Leim gehen (die ohnehin keine Neutralität ist; die AfD will auch nur, dass ihre Sicht der Dinge unterrichtet wird, und nennt das "neutral"). Bemerkenswert ist, dass dies gerade aus Sachsen-Anhalt nun noch einmal bekräftigt wird, weil hier tatsächlich eine AfD-Alleinregierung droht. Vielleicht wäre es gut gewesen, eine solche Stärkung des Rückens von den Leuten, die in erster Linie die Demokratie mitverteidigen, schon ein paar Jahre früher zu bekommen und nicht, wenn es fünf vor zwölf ist.
3) Kosten des Gesundheitssystems
Martin U. Müller hat einen relevanten Beitrag im Spiegel, in dem er die Forderungen nach einer Streichung von homöopathischen Ersatzleistungen und Zahnreinigung einordnet. Der finanzielle Effekt sei gering; diese Zusatzleistungen seien vielmehr eher eine Marketingmaßnahme, die eines der wenigen verbliebenen Wettbewerbsfelder sei. Angesichts des Einheitskatalogs sei das Grundproblem vielmehr die 93fache Reproduktion der Verwaltungsstrukturen. Ich sehe das ähnlich, wobei ich skeptisch wäre, ob eine Einheitskrankenversicherung zwingend die bessere Alternative wäre, weil dann jegliches Wettbewerbselement fehlt und eine Art Sklerose einsetzen könnte.
4) Stundentafeln
Philippe Wampfler schreibt den Gedanken auf, die zweistündigen Fächer aus der Stundentafel zu werfen. In nur zwei Wochenstunden sei kein Aufbau von Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler*innen möglich, und die seien für den Lernerfolg unentbehrlich. Er skizziert mehrere Ansätze dafür, etwa kürzere Zeiträume mit mehr Stunden (was die Gesamtstundentafel intakt ließe) oder stärkere Spezialisierung durch Wahl von Vertiefungen. Ich bin grundsätzlich bei ihm und würde eher für eine Ausdünnung der Stundentafel plädieren. Es stehen einfach zu viele Fächer drin, ohne dass der Lernerfolg in einer Relation dazu stehen würde; eine Konzentration wäre in meinen Augen wesentlich sinnvoller.
5) SCOTUS und Trump
Sarh Isgur hat versucht, für den Atlantic zu eruieren, "What the Roberts Court Is Actually Trying to Accomplish". Sie arbeitet heraus, dass die progressive Kritik, dass er Trumps Versuche autokratischer Machtgewinnung unterstütze, nicht zutreffe; vielmehr seien die Mehrheiten unvorhersehbar und nicht immer entlang der 6-3-Aufteilung. Isgur identifiziert vor allem eine Grundlinie des SCOTUS, dass die Macht der Exekutive, auf irgendwelchen alten Verordnungen beruhend, beschränkt werden und dem Kongress überantwortet werden sollte, auch wenn dieser seiner Verantwortung nicht nachkomme. Grundsätzlich ist das eine wichtige Perspektive, wenngleich ich der Ansicht bin, dass Isgur sich etwas arg ein Auge zuhält, um bei ihrer äquivalenten Sicht herauszukommen. Ja, SCOTUS ist kein willfähriger Diener Trumps und behält eine Prärogative. Aber er ist weit davon entfernt, die Verfassung in allen Bereichen zu schützen.
6) Dobrindts Asylantrag
Zu Dobrindts neuer Asylregelung (nach drei Monaten Arbeiten) fordert Ralf Neukirch im Spiegel, dass das man lieber das eigentliche Problem angehen und mehr Personal für das BAMF und die Gerichte heranschaffen sollte, damit Asylverfahren beschleunigt werden. Abgesehen davon, dass Problemlösung in diesem Land nicht hoch im Kurs steht, ist das natürlich eine wohlfeile Forderung, denn woher soll das Personal kommen? Richterinnen und Richter lassen sich nicht eben am freien Markt holen; das ist wie beim Lehrkräftemangel auch. Die Ausbildungszeiten rechnen wir in über einem halben Jahrzehnt. Und dann fehlt ja auch die ganze Infrastruktur: Büros, Gebäude, und und und (oder, im anderen Fall, Schulgebäude, Klassenzimmer, etc.). Da hängt ja wesentlich mehr dran als das Personal, und im hier diskutierten Fall würden wir all diese Strukturen schaffen, damit die Strukturen danach überflüssig sind (weil wir weniger Asylbewerbende im Land hätten). Da beißt sich die Katze selbst in den Schwanz. Solche inhärenten Widersprüche plagen viele Maßnahmen, und die sind grundsätzlich auch kaum auflösbar.
7) Trumps Midterm-Einflussnahme
Die Washington Post bestätigt Recherchen, wonach in Trumps Umfeld Pläne für eine Notstandsgesetzgebung per Executive Order debattiert werden, um in die Midterms einzugreifen. Dass Trump das super gerne machen würde, steht außer Zweifel. Sein Gesetzesvorhaben scheitert derzeit im Senat. Er will Briefwahl massiv einschränken und die Zugangshürden fürs Wählen strategisch erhöhen. Die Maßnahmen zielen transparent auf demokratische Wähler*innen, die von beidem überproportional betroffen wären. Lustig ist auch die Begründung: China hätte massiv in die Wahlen 2020 eingegriffen; es gelte deswegen, den Wahlprozess zu schützen. Angesichts dessen wie völlig in Ordnung die russische Einflussnahme 2016 laut Trump war, ist das natürlich ein ganz klein wenig heuchlerisch. Dabei sind manche seiner Forderungen gar nicht komplett schlecht: diese bescheuerten Wahlmaschinen abzuschaffen wäre mehr als überfällig und würde den Wahlprozess vermutlich deutlich vereinfachen. Wie absolut bekloppt ineffizient und überbürokratisiert dieses Land seine Wahlen im Jahr 2026 veranstaltet, spottet ohnehin jeder Beschreibung. Keine andere westliche Demokratie leistet sich ein dermaßen dysfunktionales Wahlsystem. Aber da will er ja nicht ran; er will es nach dem Vorbild aller Autokraten seinem Willen unterwerfen.
8) Preis-Leistung des Eigenheims
In der Tagesschau gibt es eine Analyse der alten Frage, ob es eigentlich wirtschaftlich rentabel ist, ein Eigenheim zu besitzen. Die Antwort ist ein klares Jein: fragt man die Wirtschaftswissenschaften, dann ist es ziemlich eindeutig ineffizient. Mieten und die Differenz in Aktien investieren bringt nach 40 Jahren wesentlich höhere Vermögenswerte für letztere Option. Fragt man die Realität, ist das ungefähr so relevant wie die Denkfigur vom Homo Oeconomicus: in der nämlich haben die Häuslebesitzer einen wesentlich besseren Schnitt. Woher kommt's? Weil das Sparen in Aktien freiwillig ist und das Abzahlen eines Kredits nicht. Und die wenigsten Leute sind diszipliniert genug, diese hypothetische Differenz zu investieren. It's human nature, stupid. Dazu kommt eine Selbst-Selektion: Häuslebesitzer sind die disziplinierteren Leute und tendieren zu einem sparsameren Lebensstil, weswegen die theoretische Differenz bei Nicht-Immobilienbesitzenden häufig in den Konsum geht. Eher doof wird der Artikel meiner Meinung nach bei der Ursachenforschung der geringen deutschen Eigentumsquote; dass junge Leute wenig eigenen Wohnraum haben liegt nicht an einer Nomadenmentalität, sondern an den fehlenden Mitteln und den nach hinten verschobenen Familiengründungen. Ich habe noch zwei eigene Anmerkungen zu diesen ziemlich logischen Punkten. Einmal scheinen mir die im Artikel genannten Summen EXTREM optimistisch für die Mietendenseite zu sein (und daher verzerren) und zum anderen ist das Eigenheim natürlich auch eine Belastung angesichts einer Scheidungsquote zwischen 35% und 50%, weil es anders als Aktienvermögen nicht leicht zu trennen ist. Daher muss die Altersvorsorge-Frage auch einer zweiten Selbstselektionsebene unterworfen werden: bleiben die Familien intakt?
Resterampe
a) Die Verteidiger der Meinungsfreiheit bei der Welt finden es super gefährlich, wenn Linke ihre Meinungsfreiheit ausüben. Es ist immer dasselbe: das Recht wird immer für sich selbst in Anspruch genommen.
b) Markus Ogerek hat in der Welt einen ziemlich ruhigen Artikel zum AfD-Verbot.
c) Maria Fiedler hat im Spiegel einen Essay zu der Frage, wie man mit AfD-Anhänger*innen in der eigenen Community umgehen soll, vor allem auf dem Land, wo man ihnen kaum aus dem Weg gehen kann. Ich verstehe diese Fragestellung gar nicht. Die Brandmauer bezog sich immer nur auf die Parteien, nie aufs Privatleben. Wenn mein Nachbar AfD wählt und ich nicht darüber reden will, dann...tue ich das nicht?
d) Sehr lesenswerter Beitrag zur Leistungsdebatte.
e) Fatina Kellani hat einen Meinungsbeitrag zu Dobrindts Asylrechtsreform, den ich mit drei Ausrufezeichen unterstreichen möchte. !!!
f) Zum Elend deutscher Serien. Die deutschen Serien waren auch schon vor Netflix weitgehend scheiße; das hängt an den Erzählkonventionen.
g) Wichtiger Beitrag zu den anstehenden Betriebsratswahlen.
h) Es ist absolut faszinierend, welche Fähigkeit wir Menschen zu selektiver Amnesie haben: von den Leuten, die Trump gewählt haben und jetzt unzufrieden sind, glaubt ein VIERTEL, dass sie gar nicht für ihn gestimmt haben!
i) Diese Kritik von Benno Stieber am Triell in Baden-Württemberg ist ziemlich zutreffend.
j) Spannendes Interview mit Bidjan Sarai.
k) Aus der gleichen Kategorie wie Hagels Realschülerinnen-Video ist dieser Fake-Skandal um Andreas Stoch. Nur lästig, so was.
l) Ezra Klein hat eine hörenswerte Analyse zur State of the Union. Der Gedanke, dass Trump seinen eigenen Bullshit glaubt, ist nicht neu. Letztlich ist der Vergleich der US-Regierung mit den späteren Phasen realsozialistischer Systeme durchaus angebracht. Die Realitätsverweigerung hat ähnliche Ausmaße und folgt ähnlichen Mechanismen, die baseline ist nur höher.
m) Ulf Poschardt bejubelt, dass Wolfram Weimer massive staatliche Einflussnahme auf den Kunstsektor nehmen will. Was fällt denen auch ein, andere Meinungen zu vertreten als die Genehmen. Siehe dazu auch dieser Thread von Ronen Steinke. Ich sag es immer wieder: an ihrer Haltung zu dieser unsäglichen Gaza-Debatte müssen sich die selbsternannten Verteidiger*innen der Meinungsfreiheit messen lassen. Und ich habe schon den leisen Verdacht, dass wenn eine grüne Kulturstaatsministerin die Leiterin eines Forums dezidiert wegen ihr ungenehmen Meinungsbeiträgen rauswerfen würde und dann sagen "Wir wollen dafür keine Steuergelder ausgeben", Poschardt das gar nicht so cool fände.
Fertiggestellt am 27.02.2026
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