Montag, 22. Februar 2021

Präsenzunterricht wird überschätzt - von den Chancen des Fernunterrichts

 

Zu den beständigsten Streitpunkten rund um den Lockdown gehört die Klage, dass die Schulen geschlossen werden und unübersehbarer Schaden an den Kindern angerichtet wird. Nicht nur würden sie der Früchte ihrer Bildungsarbeit beraubt, sondern ihre Lernzeit sinke quasi auf den Nullpunkt. Riesige Wissenslücken täten sich auf, die nie wieder aufgeholt werden könnten. Die Abschlussprüfungen seien gefährdet, und ohne den 45-Minuten-Takt eines Schulvormittags werde quasi irreperabler Schaden an den jungen Gehirnen angerichtet. Kurz:

Aber ich bin nicht hier, um mich über diese überzogenen Horrorvisionen lustig zu machen, sondern darüber zu sprechen, warum Fernunterricht tatsächlich auch Chancen bietet - und nicht nur Defizite halbwegs zu kleistern versucht.

Bestandsaufnahme

Selbstverständlich erfordert funktionierender Fernunterricht zuerst eine Infrastruktur. Wenn die Schüler*innen oder Lehrkräfte keinen Zugang zu funktionierenden Endgeräten haben, wenn keine vernünftige Software bereit steht, wenn die Internetverbindungen zu schlecht sind, wenn die Lehrkräfte keine Ahnung haben, wie man diese Dinge sinnvoll verwendet, dann ist die größte Chance des Fernunterrichts, dass der Ausfall nicht 100% beträgt, sondern nur 90%. Das ist zwar offenkundig, aber ich will dennoch kurz auf die einzelnen Punkte eingehen.

Endgeräte: Auch im Jahr 2021 haben viele Familien entweder keine oder nur ein digitales Endgerät zuhause, das sich vernünftig für den Unterricht nutzen lässt. Ich zähle hier Smartphones und durchschnittliche Tablets explizit nicht, mit denen kann man nicht arbeiten (egal wie oft irgendwelche Bildungspolitiker*innen "iPad-Klasse" intonieren). Aber viele Familien (je sozial schwächer, desto mehr) haben einfach keinen Computer oder Laptop zuhause, und wenn sie einen haben, aber zwei Kinder, dann bleibt das Problem zu 50% immer noch bestehen (wenn die Eltern nicht Lehrkräfte sind und die Geräte für die eigene Arbeit brauchen, weil der Arbeitgeber die ja nicht stellt).

Software: Um richtig arbeiten zu können, braucht es vernünftige Software. Genauso, wie in den meisten Unternehmen SAP Standard ist, brauchen auch die Schüler*innen etwas, womit sie arbeiten können. Grundsätzlich wäre OpenOffice eine kostenfreie Möglichkeit für Textverarbeitung aller Art, aber die vielen Kompatibilitätsprobleme mit Office365 machen Letzteres fast notwendig. Zudem braucht es eine funktionierende Software für Videokonferenzen, die dem Datenschutz entspricht - was aktuell praktisch nicht existiert, weil die Lösungen der Länder nicht funktionieren und die der professionellen Unternehmen aus Standesdünkel nicht akzeptiert werden.

Internet: Hier können weder Kultusministerien noch Schulen noch Lehrkräfte irgendetwas ändern, aber der Zustand des Breitbandausbaus in Deutschland ist und bleibt unterirdisch, so dass der Unterricht oft genug einfach daran scheitert, dass die Verbindungen zusammenbrechen. Es ist das Versäumnis von 20 Jahren verschleppten Investitionen, für das längst Köpfe hätten rollen sollen - und das immer noch kleingeredet wird.

Fortbildungen: Einen Stapel PDF mit Aufgaben zu verschicken ist kein Fernunterricht. Den Präsenzunterricht live zu streamen ist kein funktionierender Fernunterricht. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 gehörte ich ja quasi zur Avantgarde, weil ich Letzteres getan habe. Die echte Avantgarde, die im #twitterlehrerzimmer Beitrag um Beitrag verfasste, was digitaler Unterricht wirklich ist, war da natürlich wesentlich weiter. Ich habe zwar mit Interesse und schlechtem Gewissen diese Beiträge gelesen, aber erst im Herbst 2020 wirklich verstanden, was gemeint ist - dazu später mehr. Doch ein erstes Opfer von Corona waren ausgerechnet Fortbildungsangebote, die radikale zusammengestrichen wurden. Dabei sind gerade diese so nötig wie nie.

Politische Irrwege

Die FDP-Kultusministerin von NRW, Gebauer, hat nun fast drei Millionen für eine Brockhauslizenz ausgebeben. Ist Wikipedia neuerdings offline? Hinter diesem Kauf stecken so viele Fehler, es ist beachtlich. Lehrkräfte sollen für die drei Jahre, für die die Lizenz angeschafft wurde, nun also eine neue umständliche Software erlernen, installieren und dann den Kindern ihrerseits beibringen (was schon bei wesentlich sinnvolleren Programmen eine große Herausforderung ist). Das wird dazu führen, dass viele das Ding erst gar nicht nutzen, und diejenigen, die es nutzen, werden die Lizenz nach drei Jahren verlängert haben wollen.

Zum anderen wird schon durch die Begründung Gebauers ein eklatanter Fehlschluss bezüglich der Objektivität von Wissen sichtbar. Anstatt die diskursive Natur des Wissenserwerbs in der Wikipedia als Chance zu begreifen, dies den Schüler*innen deutlich zu machen, wird die Illusion vertreten, der Brockhaus sei in irgendeiner Art und Weise objektiv, als würde er nicht auch von Menschen zusammengestellt. Dabei werden die Schüler*innen spätestens nach der Schule keine Brockhaus-Lizenz kaufen, sondern selbst die Wikipedia nutzen, deren Gebrauch sie aber in der Schule nicht erlernt haben. So kann man die Millionen auch zum Fenster rauswerfen.

Dabei sind Investitionen bitter nötig. Noch immer ist die Personalsituation an den Schulen erschreckend. Praktisch sämtliche Aufgaben werden den Lehrkräften aufgebürdet, die viel Zeit damit verbringen, unterrichtsfremde Aufgaben durchzuführen, die besser (und billiger!) von Profis erledigt werden könnten. Christian Stöcker formuliert das zentrale Problem:

Der Mangel wird an jeder Ecke sichtbar. Warum funktionieren die Videokonferenzsysteme von Microsoft, Google oder Zoom? Weil sie auf einer professionellen Infrastruktur laufen, die von Profis betrieben, gewartet und auch abgesichert wird.

Wie bescheuert ist etwa, dass alles, was in jedem halbwegs vernünftigen Unternehmen von Verwaltungen erledigt wird, ausgerechnet dem hochqualifizierten (und bezahlten!) Personal aufgebürdet wird? Warum werden gewaltige Verantwortungen wie die Schulsozialarbeit immer noch auf Fachlehrkräfte abgewälzt, die dafür überhaupt nicht ausgebildet sind? Auf dem Blog Bildungslücken gibt es eine lesenswerte Aufstellung über die Stellenschaffungen, die die Qualität der Schule deutlich erhöhen könnten - und den Lehrkräften Zeit geben, die in die Verbesserung des Unterrichts gesteckt werden könnte. Unter anderem in Unterricht unter digitalen Bedingungen, und eventuell aus der Ferne, wenn eine Pandemie das nötig machen sollte.

Eine unterirdische Debatte

Leider ist die Debatte um die ganze Thematik von einem unterirdischen Niveau. Dass die Kultusministerien, die sich in der an Versagern nicht gerade armen Corona-Pandemie als die größten Rohrkrepierer von allen herausgestellt haben, nur Blödsinn produzieren - geschenkt. Aber dass dieser Blödsinn dann auch komplett unreflektiert aufgegriffen wird, wäre echt nicht nötig. Man nehme nur dieses Beispiel:


Als ob Lehrkräfte nicht ohnehin bereits am Wochenende und in den Ferien arbeiten würden! Allmählich sollte sich das echt mal rumgesprochen haben (zum Thema auch Bob Blume). Aber ich möchte die Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte, die ich ja bereits ausführlich besprochen habe, an dieser Stelle gar nicht weiter in den Mittelpunkt rücken. Stattdessen müssen wir auf die Narrative achten, die hier breitgetreten werden, immer noch, auch nach einem Jahr Pandemie:

Ich weiß nicht, ob die Behauptung des ersten Satzes komplett zutrifft. Aber es ist definitiv so, dass in Deutschland eine weit verbreitete Abwehrhaltung gegenüber allem Digitalen, Technologischem, Neuen besteht, die deutlich über konservative Kreise hinausragt. Daran allein kann es nicht liegen. Dazu kommt, dass Fernlernen nicht gerade eine komplett neue Erscheinung ist:

Ich bin ziemlich sicher, die entsprechenden Jahrgänge seinerzeit hätten sich gegen die Idee gewehrt, dass sie eine völlig entwertete Bildung genossen hätten. Das allein kann die Frage nicht sein. Das Problem ist vielmehr eine Starrheit im Denken, die erfolgreiche Schule nur in einem seit über 200 Jahren bestehenden und mittlerweile extrem veralteten Dogma begreifen kann: Klar getrennte Fächer, 45-Minuten-Takt (oder 90 Minuten, aber auf jeden Fall Takt), Klassen, Klassenzimmer, vergleichsweise lehrkraftzentrierter Unterricht. Reformorientierte Pädagog*innen und Lehrkräfte versuchen seit sicherlich 40 Jahren, diese Dogmen aufzubrechen. Zwar gibt es zarte Reformansätze, von der Problemorientierung bis hin zur Binnendifferenzierung oder begrenztem Projektunterricht. Aber das grundsätzliche System ist extrem zählebig, und das nicht (nur), weil die reformunwilligen Lehrkräfte bremsen würden.

Denn wie wir gerade in dieser Pandemie beobachten können, kommen die größten Beharrungskräfte aus der Gesellschaft selbst: von den Eltern, von den Redakteur*innen im Feuilleton der FAZ, von den Wirtschaftsverbänden. Mithin gerade aus den Gruppen also, von denen man eigentlich am ehesten erwarten würde, dass sie für Reformen, für Veränderungen, für Innovationen stünden. In einem Artikel von 2016 (!) zeigte Stöcker zudem die Beharrungskräfte der Reaktionären auf:

Schon bevor die Pläne überhaupt offiziell vorgestellt worden waren, warnte Kraus im Radio vor "Kollateralschäden". Schüler würden durch Rechner im Unterricht bestimmt dazu verführt, sich "nur noch Häppchen-Informationen und Häppchen-Wissen anzueignen", außerdem werde der zwischenmenschliche Diskurs unter der Totaldigitalisierung des Unterrichts leiden. Der Anti-Digitalisierungsprediger Manfred Spitzer ("Digitale Demenz") stieß erwartungsgemäß ins selbe Horn. Der schönste Satz, den er dabei sagte, war dieser: "Wenn ich Informationsverarbeitung nicht im Gehirn, sondern im Computer betreibe, hat das Gehirn nichts gelernt." Nach dieser Logik wären auch handschriftliche Notizen besser zu vermeiden, weil man lieber alles auswendig lernen sollte, oder Stift und Karopapier im Mathematikunterricht von übel, weil nur wirklich lernt, wer alle Gleichungen im Kopf löst.

Manfred Spitzer ist glücklicherweise mittlerweile mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden, und Kraus genießt ja hoffentlich seinen RUHEstand. Die entsprechenden Haltungen aber sind mit den beiden nicht verschwunden. Der Philologenverband (nur einer der Lehrer*innenverbände, aber leider der mit der mit Abstand größten Außenwirkung) vertritt dieselben Ansichten heute noch mit derselben Verve. Diesen Debattenhintergrund müssen wir, auch wenn es nicht leicht fällt, zu ignorieren versuchen. Und mit einem offenen Geist an die Frage herangehen: Was kann Fernunterricht? Und was kann er nicht?

Eine Frage der Perspektive

Geht man mit der Prämisse an den Fernunterricht heran, den Präsenzunterricht als Goldenen Standard zu nehmen, kann er nur verlieren. Denn es ist unmöglich, dass Fernunterricht das leistet, was Präsenzunterricht leistet. Jeder Versuch, das abzubilden, ist zum Scheitern verurteilt, muss scheitern. Diese eigentlich banale Erkenntnis hat für eine brauchbare Liebeskomödie mit George Clooney gereicht. Es ist deswegen notwendig, nicht nur zu fragen: "Welche Elemente des Präsenzunterrichts kann der Fernunterricht nicht abbilden?" Sondern wir müssen auch fragen: "Wo kann der Fernunterricht etwas bieten, das der Präsenzunterricht nicht kann?"

Bevor wir uns dieser Fragestellung zuwenden wollen, möchte ich noch ein Denkproblem aus dem Weg räumen, das Patricia Drewes schön beschrieben hat:

Der Präsenzunterricht in Deutschland hat vor seiner merkwürdigen Überhöhung im Rahmen der Corona-Schulschließungen nicht unbedingt den besten Ruf gehabt, und das zu Recht. Zu lehrkraftzentriert, zu gleichmacherisch, zu bildungsplanverhaftet. Das Hochjubeln, das dieser Tage zu beobachten ist, ist vor dem Hintergrund der mittlerweile jahrzehntealten Kritik eher merkwürdig. Noch bemerkenswerter ist die Konzentration, die allenthalben dem "Verpassen von Stoff" geschenkt wird.

Erstens ist die Zielsetzung offiziell seit spätestens 2004 nicht Stoffvermittlung, sondern Kompetenzaneignung. Das ist der behauptete Benchmark, der durch die aktuelle Stoffkonzentration Lügen gestraft wird. Zweitens steht hinter dieser Kritik die mindestens ebenso lang diskreditierte Fehlannahme, dass nur, weil Stoff im Unterricht durchgenommen wird, die Schüler*innen den danach auch beherrschen würden. Dabei haben sie ihn häufig bereits nach sechs Wochen wieder vergessen, was nicht eben für die bisher praktizierten Präsenzmodelle und die Konzentration auf Stoffvermittlung spricht.

Womit wir es zu tun haben, ist eine starke Systemlogik, die ihre eigenen Zwänge schafft. So wie sich ein Unternehmen wie Daimler wahnsinnig schwer mit dem Umstieg auf E-Mobilität tut, weil man eben die Produktion von Verbrenner-Autos gewohnt ist, so schwer tut sich die Schule mit einer Umstellung ihrer Prinzipien - noch schwerer sogar, weil sie nicht nur eine Behörde ist, sondern auch noch im grellen Licht der Öffentlichkeit steht, wo Politiker*innen eigentlich mit jedem Reformvorschlag nur verlieren können und eine große, bestens vernetzte Lobby - die Eltern - jegliche Änderung zumindest äußerst kritisch sieht, üblicherweise aber rundheraus ablehnt, von den Lehrkraftverbänden mal ganz zu schweigen. The deck is stacked against change, wie der Amerikaner sagen würde.

Wie systemwidrig Digitalunterricht ist, hat David Ermes in einem lesenswerten Thread aufgezeigt. Fernunterricht widerspricht der mittlerweile über einem Jahrhundert alten Norm der Anwesenheitspflicht im Schulgebäude, auf die das gesamte System ausgerichtet ist. Lernmittel werden ausschließlich als Bücher definiert; alle Beschaffungsstrukturen wie auch die Anbieter sind komplett darauf ausgerichtet. Die Einrichtung von WLAN und digitalen Geräten widerspricht der Verteufelung jeglicher Präsenz dieser Geräte, die im Rest der Gesellschaft seit über einem Jahrzehnt Standard sind - ich möchte an meinen nicht eben unkontroversen Artikel über die Schädlichkeit pauschaler Handyverbote erinnern. Und so weiter.

Der Fernunterricht rüttelt an den Grundfesten des Systems Schule. Der Widerstand dagegen ist vor diesem Hintergrund verständlich, ebenso die Versuche, das gewohnte System möglichst 1:1 zu übertragen, von Anwesenheitskontrollen zu Beginn und Ende (und am besten während) des 45-Minuten-Rhythmus' zu dem Wechsel der Arbeitsphasen und dem Abbilden des Stundenplans. Anders ist Schule für die meisten Menschen überhaupt nicht vorstellbar. Dabei ist er Perspektivwechsel dringend gefragt, soll etwas Vernünftiges entstehen und nicht nur ein fader Abklatsch des Präsenzunterrichts.

Ein steiniger Weg

Was also gewinnen wir mit Fernunterricht, wenn wir niemals 100% dessen erreichen können, was der Präsenzunterricht abbildet?

Ein Beispiel: Eine Umfrage ergab, dass 69,1% der Schüler*innen gelernt hätten, sich Lernstoff ohne Hilfe der Lehrkräfte anzueignen, 68,8%, sich selbst zu organisieren, und 67%, selbst Quellen zur Lösung des Problems zu suchen. Das sind hervorragende Werte, und es ist eigentlich genau das, das wir wollen, dass Schule vermittelt - und nicht irgendwelchen Stoff. Denn den können sich die Schüler*innen mit diesen Kompetenzen ja selbst aneignen, wenn sie ihn brauchen! Dass Schule vor allem zum Lernen lernen da ist, gerät in der ganzen kaputten Debatte aber zugunsten drögen Stoffs und dem Abfragen desselben völlig aus dem Blick.

Ich bin wahrlich keiner der Innovatoren des digitalen Unterrichts. Aber ich bilde mir ein, gerade noch eben zu den Early Adopters zu gehören (bezugnehmend auf den Innovationszyklus). Dementsprechend sah ich mich im Frühjahr auch halbwegs stolz, als ich meinen eigenen Präsenzunterricht digital abbildete. Wo in vielen Fällen die Schule auf das Abarbeiten von Arbeitsblattstapeln in Wochenplänen reduziert wurde oder ganz entfiel, arbeitete ich mit meinen Schüler*innen im gewohnten Takt weiter und unterrichtete, mit meinen üblichen Arbeitsphasen, Arbeitsblättern, Arbeitsaufträgen und so weiter.

Eine schöne Erfahrung war das nicht. Es zeigte sich schnell, dass im Fernunterricht gerne gegen eine Art Wand unterrichtet wird. Was ein unbestrittener Vorteil des Präsenzunterrichts ist, der sich digital einfach nicht reproduzieren lässt, ist der nonverbale Teil. Ich kann auf den Gesichtern der Schüler*innen sehen, ob sie mit einem Arbeitsauftrag fertig sind, ob sie überfordert oder unterfordert sind, ob sie meine Erklärungen verstehen oder nicht. Im Fernunterricht fällt das weitgehend weg (schon allein, weil wegen der rattigen deutschen digitalen Infrastruktur einerseits und Privatsphärebedenken andererseits eine ständig aktive Kamera ein Ding der Unmöglichkeit ist). Ich unterrichte in den Äther, ohne jede Rückmeldung. Und gerade sozial und psychologisch lebt Unterricht von diesen kleinen Rückmeldungen.

Dazu kommt, dass sich im neuen Schuljahr (Herbst 2020) herausstellte, dass der Effekt des so reproduzierten Präsenzunterrichts bescheiden war. Die Schüler*innen hatten einen extrem geringen Lerneffekt. Ich gebe mich keinen großen Illusionen hin, wie umfassend dieser Effekt im normalen Unterricht ist. Seit längerem hadere ich mit den "traditionellen" Unterrichtsmethoden, aber der Zwang zu normierten Prüfungen lässt da vergleichsweise wenig Raum. Zumindest war das immer meine Ausrede. Klar macht maximal die Hälfte mit, aber die schreiben Abi, ich mach das für die!

Die nun unbestreitbaren Schwächen des ferunterrichteten Präsenzunterrichts machten es mir unmöglich, so weiterzumachen. Die #twitterlehrerzimmer-Propheten des digitalen Unterrichtens, sie hatten wenig überraschend Recht behalten. Anstatt also das unbefriedigende Defizit meines fernunterrichteten Präsenzunterrichts (mangels besserer Begriffe bleibe ich mal dabei) zuzukleistern zu versuchen, um immerhin 70% der Leistung des ohnehin nicht berauschenden Standes des Präsenzunterrichts zu erreichen, beschloss ich, die Vorteile des Fernunterrichts, die mir bisher zu wenig im Bewusstsein waren. Statt Schwächen auszugleichen Stärken stärken.

Die Stärke des Schwarms

Ein permanentes Manko meines eigenen Präsenzunterrichts, das mich seit Jahren stört, ohne dass ich eine Lösung gefunden hätte, ist das Nicht-Funktionieren kollaborativer Arbeitsphasen. Man kennt das als Gruppen- oder Partnerarbeiten. Allzuoft hatte ich das Problem, die Klasse in Gruppen aufzuteilen, die dann aber effektiv nicht arbeiten, sondern auf die gemeinsame Ergebnisbesprechung warten oder sich in klassischer TEAM-Arbeit ("Toll Ein Anderer Macht's") auf die jeweils Besten zu verlassen. Und ja, das lag sicher auch an meinen eigenen pädagogischen Fehlern, mea culpa, aber darum soll es in diesem Beitrag nicht gehen.

Die Stärke des Fernunterrichts war nun für mich, dass ich technische Möglichkeiten an die Hand bekam, die Teamarbeit wesentlich stärkten. Ein Worddokument, das von allen gleichzeitig bearbeitet wird. Gruppenräume in Microsoft Teams, in denen die Schüler*innen kommunizieren können, ohne die Gruppe am Nebentisch zu stören. Das Einteilen von Gruppen ohne den Zeitverlust durch den mühelsigen Einteilvorgang und das Rücken von Tischen und Stühlen. Die Möglichkeit, Medien wie ein Youtube-Video zur Bearbeitung einzugeben, die jedeR in eigener Geschwindigkeit bearbeiten kann.

Allein die Fähigkeit, einfach in einem kollaborativen Word-Dokument zu arbeiten, war beachtlich. Plötzlich sah ich die Beteiligung von Schüler*innen, die im Unterricht nie den Mund aufmachen (und erst recht nicht bei der Präsentation der Ergebnisse!), sah sie aber im Dokument arbeiten. Das Erstellen von Präsentationen (über Powerpoint) und das Zeigen geht digital ebenfalls viel leichter, wo keine Zeit mit irgendwelchem Umstöpseln, fehlenden Adaptern und ähnlichem Blödsinn verloren geht. Noch viel besser wird das, wenn man auf die klassische 45-Minuten-Taktung verzichtet. Da sind plötzlich ganz andere Produkte möglich. Es ist ein Blick in eine neue Welt.

Ich möchte ein Beispiel spezifisch herausstellen, weil nicht nur ich es großartig fand, sondern auch die Schüler*innen begeistert waren: die Second-Screen-Analyse. Bob Blume hat hierzu einen lesenswerten Beitrag geschrieben, an dem ich mich orientierte. Er nutzte die kontroverse Sendung der "Letzten Instanz" und ließ sie die Schüler*innen ansehen und gleichzeitig im Chat kommentieren. Danach mussten die Schüler*innen einen Kommentar zur Sendung verfassen. Das Ganze stand im Kontext der Erörterung und der Analyse von Argumentationsmustern, was den Schüler*innen erwartungsgemäß sehr schwer fällt.

Nicht so hier. Plötzlich beteiligten sich Schüler*innen, von denen ich sonst nichts hörte. Unaufgefordert likten sie gegenseitig ihre Beiträge (die Analyse, welche Beiträge geliked wurden, war sehr erhellend), kommentierten ihre eigenen Bemerkungen, führten die Diskussion aktiv mit. Sie erkannten die Schwächen der Diskutant*innen und produzierten in einer Dreiviertelstunde über 20 Seiten Text. So produktive Deutschstunden hatte ich im Präsenzunterricht selten.

Lehren

Für mich ist klar, dass ich mich - auch mit der wahlkampftaktisch motivierten Rückkehr zum Präsenzunterrichts ab heute - weiter hart in diese Erkenntnisse lehnen und sie ausnutzen werde. Es wird spannend, wie viel ich davon in den Präsenzunterricht retten kann. Unsere vergleichsweise luxuriöse digitale Infrastruktur (Endgeräte für die Schüler*innen, festinstallierte Beamer und WLAN, absolute Seltenheit in Deutschland) wird da hoffentlich helfen. Keinesfalls jedenfalls will ich zu meinen alten Unterrichtsmodellen zurück.

Seit den Erfahrungen aus dem Fernunterricht im Winter 2020/21 habe ich brachliegende Potenziale erkannt, die mir zwar vorher theoretisch bewusst waren - man hatte ja in der Ausbildung oft genug damit hantiert - die aber irgendwie verschütt gegangen waren. Ich werde wesentlich mehr die klassischen Strukturen aufbrechen, wo immer das möglich ist. Ich werde mehr Hoheit über die Unterrichtsgestaltung an die Schüler*innen abgeben (der nächste Pilotversuch zu dem Thema steht schon in den Startlöchern). Ich werde den Fokus wesentlich mehr auf ie Produktorientierung legen. Auf zu neuen Ufern, quasi. Ich bin überzeugt, dass der Fernunterricht für mich ein essenzieller Anstoß war, besseren Unterricht zu machen.

Danke, Corona...?

PS: Wer sich mehr für die Theorie und Praxis des Fernunterrichts interessiert, dem sei dieses für die interessierte Laien-Öffentlichkeit erstelle nützliche FAQ zum Fernunterricht von Bob Blume (erstellt, natürlich, kollaborativ vom #twitterlehrerzimmer) ans Herz gelegt.

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