Samstag, 13. Februar 2021

Und täglich grüßt das Murmeltier - Veggieday reloaded

 

Im Jahr 2013 erlebten die Grünen ein Trauma, von dem sie sich bis heute nicht ansatzweise erholt haben: eine obskure Forderung auf Seite 123 eines sehr umfangreichen Wahlprogramms - dass in Kantinen des öffentlichen Dienstes an einem Tag in der Woche ein vegetarisches Gericht die Hauptoption sein sollte - wurde plötzlich zum alles bestimmenden Thema eines ansonsten extrem gemächlich verlaufenden Wahlkampfs, in dem der bislang größte Skandal war, dass Stefan Raab (!) im "Kanzler-Duell" (!!) Peer Steinbrück gefragt hatte, warum er "King of Schnitzel" sein wolle. Nun wiederholt sich das gleiche Debakel wieder.

2013 hatte die BILD so lange im Wahlprogramm herumgesucht, bis sie etwas gefunden hatte, dass sich mit etwas demagogischem Geschick in einen riesigen Aufreger verwandeln lassen würde. Das war dann der Veggie-Day. Beginnend in einer BILD-Kampagne sprang erst der Rest der Springer-Presse, dann der Rest der bürgerlichen Presse - die FAZ allen voran - auf den Zug auf, ehe das ganze in der Echokammer der Berliner Presselandschaft hin- und hergeworfen wurde. (Fairerweise muss hinzugefügt werden, dass auch die bürgerliche Inszenierung von Jürgen Trittin als größtem Steuererhöher aller Zeiten absurd erfolgreich war.)

Die Grünen, die zwischendurch zweistellige Höhenflüge erlebt hatten, erlitten mit knapp über 8% ein Debakel. Rückblickend betrachtet war das vielleicht gut so, denn 2013 flog die FDP auch aus dem Bundestag und die AfD blieb unter der 5%-Hürde. 2017 sprach die Republik über nichts anderes als über Flüchtlinge, und die AfD reüssierte mit zweistelligem Ergebnis.

Der Wahlkampf der Grünen war bereits 2017 von einer gerade zu offensiven Belanglosigkeit; dieses Jahr wurde das erst Recht zum Prinzip erhoben. Weder Robert Habeck noch Anna-Lena Baerbock ließen sich auch nur auf die Frage festnageln, ob die Partei eine Kanzlerkandidatur beanspruche und wenn ja, wer der beiden Ko-Vorsitzenden diesen Job ausfüllen würde. Programmatisch bewegte sich die Partei übervorsichtig in sicherem Fahrwasser (etwa mit der Forderung nach einer CO2-Steuer, deren Preisniveau noch unter den Vorschlägen der unternehmensnahen Think-Tanks lag).

Es hilft nichts. Ausgehend von der FAZ ist der nächste Aufreger gefunden: Die Grünen wollen Einfamilienhäuser verbieten! Daran stimmt genauso viel wie daran, dass der Veggie-Day verpflichtend für alle einen fleischlosen Tag pro Woche festschreiben sollte, aber das interessiert niemanden, denn es bedient die Vorurteile und schafft einen hervorragenden Aufreger, der einerseits ohne das Wort "Inzidenzen" auskommt und andererseits keine komplizierten Erklärungen von Olaf Scholz' Verstrickungen in den Wirecard-Skandal oder Peter Altmaiers katastrophale Wirtschaftspolitik benötigt. Einfamilienhaus verbieten, dass verstehen alle. Die Grünen als Feinde des schwäbischen Traums!

Stellvertretend für die entsprechenden Artikel ist das beste, nicht Paywall-verborgene Beispiel, das mir über den Weg lief, beim Spiegel zu finden. Unter dem Titel "Traumhaus ade" tobt sich Alexander Neubacher aus:

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