Dienstag, 22. Juli 2008

Die Krähe nennt den Raben schwarz

Der Spiegel hatte wohl keine echten Themen neben "Deutschland trifft den Superstar" in seiner aktuellen Ausgabe (die sich um Barack Obamas Berlinbesuch dreht, ein Thema von wirklich weltbewegenden Ausmaßen). Deswegen hat man noch einen dreiseitigen Artikel über Blogger nachgeschoben, um quasi da auch mal informiert zu haben. Und informiert wird spiegel-typisch. In der Print-Ausgabe ist die Überschrift des Artikels noch "Die Beta-Blogger", in der SpOn-Variante wird es dann schon "Polemisch, rechthaberisch, machtlos", um den Artikel anzukündigen.
Inhaltlich ist der Artikel ein typischer Spiegel: die Blogger sind alle doof, weil sie uns kritisieren, sie haben von nichts eine Ahnung, schreiben schlecht und, das Wichtigste, sind nicht "professionell". Die NachDenkSeiten haben einen "Steinzeitweblook". Ach, tatsächlich? Ja und? Dafür werde ich nicht von dämlichen Fotostrecken und blinkender Werbung abgelenkt. Stets wird das Gegenbeispiel der USA zitiert, wo Leute "immerhin" von ihren Blogs leben und nicht wie hier nebenbei betreiben. Natürlich könnte man sich etwas tiefer mit dem Phänomen beschäftigen, aber dann wäre man ja kein waschechter, professioneller Spiegelredakteur, sondern nur so ein Amateurblogger. Ich meine, Recherche! Das ist doch was für Anfänger. Ein Profi macht das aus dem Handgelenk. Ihr müsst euch jetzt dazu noch die entsprechende Handgelenksbewegung vorstellen, die zum Aufhalten einer Hand gehört.
Die vielzitierten US-Blogs wie die Huffington-Post haben, wie der Spiegelfechter in seiner Kritik zu dem Artikel richtig anmerkt, bis zu 43 Vollzeitmitarbeiter und ein Budget von 5 Millionen Dollar im Rücken, weil da eben auch reiche Privatinteressen dahinterstehen. Es gibt in Deutschland nur ein Blog, das seinen Betreibern ein Auskommen erlaubt, und das ist BILDBlog - und das hat in letzter Zeit auch eher an Qualität abgenommen. Aber was bedeutet das? Für SpOn gibt es für die Qualität eines Blogs natürlich nur ein Qualitätskriterium: Geld. Kann man davon leben? Wenn nicht, ist es scheiße. Dabei wird übersehen, dass viele von uns vielleicht gar nicht davon leben WOLLEN. Hat schon mal jemand hier irgendwo eine Anzeige gesehen? Google AdSense? Nein. Warum nur? Ganz einfach, weil ich nicht will. Dieses Blog betreibe ich nicht, um Kohle zu verdienen. Nicht mal nebenbei.
Aber ich schweife ab. Die US-Blogger erreichen, wie Spiegelfechter korrekt anmerkt, auch deswegen so viele Menschen mehr, weil Englisch eben die lingua franca ist und außerdem von rund zehn mal mehr Menschen auf der Welt als Muttersprache geschsprochen wird wie Deutsch. Bricht man die Besucherzahlen der amerikanischen Blogs auf den Bevölkerungsanteil Deutschlands herunter, so stehen die deutschen Blogs kaum hinten an. Dass sie kaum jemand kennt - nun, das liegt auch an der Arroganz der eingesessenen Medien, wie sie der SpOn-Artikel vorexerziert. In selbstverliebter Sicherheit wird da verkündet, dass die US-Blogs nur deswegen so erfolgreich seien, weil die Massenmedien kollektiv im Fall des Irakkriegs versagt hätten und sie in die Lücke springen konnten. Die deutschen Massenmedien haben im Fall der Reformen kollektiv versagt und versagen, im Gegensatz zu den US-Medien, immer noch. Die Blogger sind, neben ND, jW und JW, die einzigen, die gegen den Mainstream anschreiben, auch wenn es inzwischen gerade aus FTD und FR lobenswerte Ausnahmen gibt. Dass der Spiegel es nicht mag, wenn man seine mangelnde Fachkompetenz auf dem Gebiet ankreidet oder seine einseitige ideologische Ausrichtung, ist verständlich. Dass er sich dann aufs Dreckwerfen verlegt, ebenso. Ist halt, alles in allem, nur der Spiegel.
Ein anderes Problem der deutschen Blogs im Vergleich zu ihren amerikanischen Pendants wurde bislang noch nicht angesprochen: es sind die Restriktionen für die Meinungsfreiheit, die hierzulande gelten. Ist euch schon einmal aufgefallen, wie viele Blogs anonym betrieben werden? Wie wichtig es vielen Bloggern ist, ihre Anonymität zu wahren? Dass in diesem Land die Meinungsfreiheit lange nicht so hoch gehalten wird wie in den USA? Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass Deutschland generell nicht gerade ein Land der politischen Debatte ist. Hierzulande läuft man immer noch gerne einer Meinung hinterher; der Spiegel exerziert das vor - in beide Richtungen.

Siehe auch:
NachDenkSeiten
Handelsblatt

Kommentare:

  1. Dass es in den USA weniger annoynme Blogs gibt, als hierzulande, glaube ich nicht einmal. Auch sind die "Sicherheitsgesetze" ähnlich scharf. In den USA gibt es indes ein ganz anderes Problem für Blogger - die exorbitanten Summen, die für "Ehrverletzung" gerichtlich eingefordert werden können und die damit verbundenen Anwaltskosten. Währen wir hier in den USA, hätte z.B. ein Herr Broder bereits die halbe Blogosphäre schliessen lassen können, wenn er seine "Ehre" mit z.B. 3 Mio. € bewerten würde. Auch wenn der Vorwurf noch so lächerlich ist, kaum ein Blogger könnte oder wollte sich die Anwaltssumme leisten, um dagegen vorzugehen. Dies ist den USA leider eine sehr beliebte Art, sich Kritiker vom Leibe zu halten.

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  2. Die Anonymität bezieht sich eher auf die deutschen Blogs oder verstehe ich das falsch?
    Und Ehrverletzung gibt's doch hier auch oder nicht? Abgemahnt hier genauso wie da.

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  3. Abgemahnt ja - aber die "Ehre" eines Broders ist Deutschland beispielsweise "nur" (mW) 60.000 Euro wert. Dies ist dann der Streitwert, an dem sich auch die Anwaltsgebühren ausrichten. Diese Summe kann man aufbringen, bei einem Streitwert von 3 Mio. Euro gelingt das den meisten nicht mehr. Und in den USA werden vor allem Anbieter von Webspace und Blogs mit Schadensersatzforderungen überzogen, so dass sie in einem solchen Falle im vorrauseilendem Gehorsam oft den ganzen Blog (ohne Zustimmung des Bloggers!) löschen - Anonymität hin, Anonymität her. So schlimm ist er hier zum Glück noch nicht.

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  4. letztendlich haben es die nachdenkseiten schon gut erkannt: der spiegel sieht seine auflage u sein image als "leitmedium" schwinden.

    leider hat sich dieses image vom "sturmgeschütz der demokratie" auch lange gehalten - selbst als der spiegel schon eindeutig neoliberal, staatstragend und wert-bzw. nationalkonservativ wurde. viele freunde/bekannte die den spiegel regelmäßig seit jahren lesen, erkennen viel zu langsam, was aus dem spiegel geworden ist. das image, der glaube daran ein "bedeutendes" magazin zu lesen, hält sich bei vielen hartnäckig.

    trotzdem beginnen - zu recht - auch die hartnäckigen spiegel-leser langsam zu zweifeln, ob sie noch gut recherchierte berichte oder nur noch kampagnen-journalismus lesen.

    die blogs sind im zeitalter des internets, die außerparlamentarische opposition. so langsam merkt das auch der spiegel u er versucht dagegen anzuschreiben. soll er ruhig. letztendlich ist es nur werbung für die blogs ;-)

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  5. Nunja - so ganz einfach lässt sich die Behauptung in der Überschrift von SpOn nicht von der Hand weisen...

    Und mit einer Aussage spricht SpOn mir aus der Seele:
    Die unterentwickelte Diskussionskultur (im Sinne von- auf Argumente eingehen, sich Bälle hin und herwerfen) in Deutschland.

    Und das finde ich, lässt sich auch hier immer wieder schön beobachten.

    Auch wenn der Freidenker ne löbliche Ausnahme ist ;-)

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